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Auf dem Radar: Last Train


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Nur einen kräftigen Steinwurf (oder eben etwa zwanzig Kilometer) mag das französische Mulhouse von der deutschen Grenze entfernt liegen. Und trotzdem hat hierzulande bislang kaum jemand vom derzeit wohl erfolgreichsten musikalischen Export der Elsass-Stadt, die man in Deutschland auch als Mülhausen kennt, Notiz genommen. Woran liegt’s? Weben Last Train ihre Melodien etwa in feingliedrig-harmonischen Chanson, der sich – Weltmusik-Chanteusen wie ZAZ mal außen vor – einfach nicht ins bundesdeutsche Formatradio pressen lassen mag? Bon, mesdames et messieurs… Daran wird es kaum scheitern, denn einerseits sind die Songs des bereits seit mehr als zehn Jahren gemeinsame Sache machenden Quartetts ebenso weit von süßlichen Jacques Brel-Variationen entfernt wie Fromage et Baguette von Peking-Ente süß-sauer, zum anderen singt Frontmann Jean-Noël Scherrer auf Englisch. Und auch wenn sich dort natürlich ein kleiner französischer Akzent breit macht, liegen die Vorbilder der Band ganz woanders…

a0127936159_16Vielmehr könnte der Grund dafür, dass Last Train erst jetzt, mit der Veröffentlichung ihres zweiten Albums „The Big Picture„, hierzulande die Runde machen, darin zu suchen sein, dass die junge Band in den letzten Jahren zwar weit mehr als 300 Konzerte im heimischen Frankreich, in Asien und Nordamerika spielte, jedoch kaum in Deutschland – auch wenn gerade das ob der Nähe verwundern mag.

Ein Publikum wäre für die Songs, die sich mal in staubtrockem Lederkutten-Rock suhlen wie anno dazumal die jungen Black Rebel Motorcycle Club (man höre zum Beweis die großartig ausufernde Live-Version von „Fire“), mal arschcool abliefern wie die Aussie-Derwische The Vines schon längst nicht mehr („Disappointed“), mal Reminiszenzen an selige Grunge- und Alternative-Rock-Zeiten der Neunziger erahnen lassen (etwa an den Jugendlich-wütenden Elan von Silverchair). Und: Jean-Noël Scherrer und seine täuschend milchgesichtigen Jungs haben die selbstverordnete Pause nach den Touren zum 2017er Debütalbum „Weathering“ scheinbar ideal genutzt, und so den Stücken ihres in Norwegen aufgenommenen Zweitlings noch mehr Abwechslung verliehen. Denn obwohl auch ein Großteil von „The Big Picture“ das altbewährte Laut-Leise-Schema, bei der eine trügerische Ruhe nur vor dem nächsten Sturm warnt, bis in den letzten Winkel ausreizt, versteckt sich unter den zehn neuen Songs die ein oder andere Abwechslung. So wird bei „Tired Since 1994“ aus einem ruhigen Rocksong plötzlich eine Art cineastische Filmmusik, während bereits vorher, beim achtminütigen „On Our Knees“, die Gitarren nach einer wahren Achterbahnfahrt mit Streichereinsatz theatralisch hinfort gespült werden. Nach bluesigen Gitarreneinleitungen reduziert der Vierer seinen oft brachial drauflos rockenden Sound nicht selten bis aufs polternde Schlagzeug, um danach wieder Fahrt aufzunehmen und mit konsequenten Breaks, die die Songstruktur endgültig aufbrechen, zu überzeugen – hat bereits auf dem Erstling oft genug überzeugt, also wird diese Indierock-Rezeptur nun auch wieder zur Genüge geboten (man höre hier „The Idea Of Someone“ oder „Right Where We Belong“). Wenn sich die titelgebende Abschlussnummer ganze zehn Minuten gönnt, scheint selbst die Britpop-Gigantomanie von Oasis nicht weit entfernt. Und aufgrund von Scherrers eindringlich-quengeligem Gesang, dessen langgestreckte Vokale einen wohl unweigerlich auch an Ober-Smashing-Pumpkin Billy Corgan denken lassen, könnte man hier beinahe von einer wilden Rock-Orgie zwischen San Francisco, Seattle, Manchester, Chicago und Down Under sprechen – nur eben findet diese 2019 in einer 100.000-Einwohner-Stadt im Elsass unweit der deutschen Grenze statt…

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Einen ersten Eindruck vom Last Train-Zweitling „The Big Picture“ (den man via Bandcamp im Stream findet) kann man sich anhand der Musikvideos zu „Disappointed“…

 

…“The Idea Of Someone“, einem in schwarzweißer Retro-Optik festgehaltenen Schleicher, der erst gen Ende Fahrt aufnimmt…

 

…und dem titelgebenden Album-Abschluss „The Big Picture“ verschaffen:

 

Rock and Roll.

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