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Auf dem Radar: Tash Sultana


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Wer an einem geschäftigen Wochenendnachmittag durch die Fußgängerzone einer beinahe x-beliebigen Großstadt schlendert, dem werden – vor allem im Sommer – eventuell all die Straßenmusiker ins Auge fallen (oder, besser: zu Ohren kommen), die sich an fast jeder Ecke für etwas Kleingeld die Seele aus dem Leib spielen. Und natürlich klingen nicht alle von ihnen beeindruckend, sodass man dem einen Nachwuchs-Dylan oder der anderen Aushilfs-Adele gern zum Besuch einer Musikschule oder zu etwas mehr Gesangsunterricht raten würde… Und doch gehört schon eine Menge Chuzpe und Selbstbewusstsein dazu, um sein Talent in aller Öffentlichkeit zu präsentieren, während die Chancen, es doch eines Tages zu etwas mehr als einem Hut voll Kleingeld zu bringen, gerade in der heutigen Zeit mehr schlecht als recht stehen…

Aber es gibt auch Beispiele von ehemaligen „Buskern“ (der englische Begriff für jene Straßenmusikanten), die es auf die großen Bühnen geschafft haben. Man denke nur an Tracy Chapman. Oder an Damien Rice, welcher wiederum einen gewissen Ed Sheeran dazu ermutigte, selbst zur Akustischen zu greifen und sein Glück als Kleingeldprinz in den Londoner Subway-Stationen zu versuchen. Hierzulande dürften AnnenMayKantereit wohl so ziemlich jeder Person mit Studentenausweis und diesseits der Dreißig ein Begriff sein – schon gewusst, dass die vier jungen Herren vor gar nicht mal so langer Zeit in den Fußgängerzonen Kölns für Schunkelstimmung gesorgt haben?

Und gerade im Fall von AnnenMayKantereit dürften wohl die sozialen Netzwerke – also Facebook, YouTube und Co. – einen guten Teil zum sich viral rasch mehrenden Bekanntheitsgrad beigetragen haben…

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Nun, wenn man so will, dann ist Natasha „Tash“ Sultana – zumindest in diesem Belang – die australische Version von Henning May und seinen drei Bandkumpanen, denn auch die 22-jährige Multiinstrumentalistin spielte sich als wortwörtliche „One-Man-Band“ über Jahre hinweg in den Straßen, Clubs und Bars im sonnigen Melbourne die Finger an ihrer Elektrischen wund, um sich eine kleine Fanbase zu erarbeiten. Also schnappte sich Sultana, der das Musikmachen einst half, eine drogenbedingte Psychose zu überwinden, eine Kamera, filmte fortan einen Teil ihrer eigenen Stücke als „Live Bedroom Recordings“ in den vier Wänden ihrer kleinen Aussie-Bude ab und stellte die in stylischem Schwarz-weiß gehaltenen DIY-Ergebnisse bei YouTube ein. Kein schlechter Schachzug, denn alsbald erhielt die selbsternannte „Loopstationistin“, deren Songs scheinbar spielend zwischen Electronic Indie, Folk, verspieltem Jazz, Reggae, toughem Rock und zartem Soul changieren, eine Anfrage einer Melbourner Managementagentur für aufstrebende lokale Musiker, die Sultana gern unter Vertrag nehmen wollte. Der Rest der Geschichte liest sich zusammenfasend ebenso rasant, wie der Newcomerin die zurückliegenden Monate im Gründe vorgekommen sein dürften: die erste EP, „Notion„, erschien im September 2016, während Sultana von ihrem neuen Management auf eine erste kleinere Welttournee mit Konzerten in ganz Australien, in Deutschland, Großbritannien, den Niederlanden und Neuseeland geschickt wurde und in der Heimat, im November 2016, den „2016 Unearthed Artist J Award“ des bekannten australischen Radiosenders Triple J gewann, der auch die beiden Singles „Jungle“ und „Notion“ in den „Triple J Hottest 100, 2016“ platzierteDass die Musikerin, die laut eigenen Aussagen ihre Inspiration von Musikern wie Jimi Hendrix, Erykah Badu, Bob Marley, Led Zeppelin, alt-J oder Phil Collins bezieht, ihre steig wachsende Hörerschaft in diesem Jahr mit neuen Songs an der kurzen Leine hielt (lediglich die Singles „Murder To The Mind“ und „Mystik“ gab es digital auf die Lauscher), dürfte damit zusammen hängen, dass die Dame, deren zur Improvisation neigende Herangehensweise ans Musikalische dezent an Indie-Größen wie Ani DiFranco erinnert, für eine erste – ausverkaufte – US-Tour, erneute Europa-Shows, etliche Festival-Auftritte rund um den Globus jettete, um 2017 schließlich mit einigen Stadien- und Arenenkonzerten in Australien im November und Dezember – passend betitelt als „Homecoming Tour“ – zum Abschluss zu bringen.

Fortsetzung? Folgt, definitiv…

 

Hier kann man sich anhand der Songs von Tash Sultanas „Live Bedroom Recordings“…

 

…dem Musikvideo ihrer 2017er Single „Murder To The Mind“…

 

…einem TED-Talk, welchen die Multiinstrumentalistin im April 2016 an der University of Melbourne hielt (und freilich auch ein paar Stücke spielte)…

 

…sowie einer „Tiny Desk Concert“-Live-Session (vom April 2017) vom vielfältigen Können Sultanas überzeugen:

 

Rock and Roll.

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Auf dem Radar: Drei Sekunden Island


„Ich muss hier raus / Ich muss hier raus / Das geht so nicht weiter / Das halt‘ ich nicht aus / Ich kann so nicht leben / Es muss sich was tun / Wir sollten was ändern / Und aufhör’n zu ruh’n / Denkst du genauso? / Dann sag‘ es mir jetzt / Der Morgen wird anders / Das entscheiden wir jetzt…“

Ganz ehrlich: das hört sich im ersten Moment schon arg nach hippie’eskem Erbauungsklampfentum an. Ist es vielleicht auch, zumindest ein wenig. Und doch lohnt sich die Geschichte hinter Drei Sekunden Island

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Hinter dem Projekt, welches nach der oft mystisch verklärten Insel im Nordatlantik benannt ist, steckt der in Berlin lebende Sänger und Songschreiber Thomas Kaczerowski, der seine Solokünstlerlaufbahn unter dem Namen „Thoka“ startete. Was Kaczerowski nicht wusste: Es gab zu diesem Zeitpunkt bereits einen DJ, welcher sich ebenfalls „Thoka“ nannte und den Namen schon länger benutzte. Dieser wiederum bekam – das Internet macht’s ja im Nu möglich – Wind davon, dass Kaczerowski „seinen“ (Künstler)Namen ebenfalls verwendete und erwirkte in einem langen Rechtsstreit, Kaczerowski die Nutzung des Namens „Thoka“ zu untersagen – ein herber Rückschlag für den damals gerade aufstrebenden Sänger und Songschreiber, denn Kaczerowski hatte 2013 gerade sein erstes Album „Tagträumer“ veröffentlicht und musste daraufhin seine gesamte Onlinepräsenz vom Netz nehmen. Parallel wurde er im selben Jahr mit dem „Deutschen Musik Fach Award“ – da noch unter dem Namen „Thoka“ – als bester Newcomer ausgezeichnet. Und hier kommt der neue Name ins Spiel, denn Thomas Kaczerowski befand sich auf seiner Inspirationsinsel Island als das Anwaltsschreiben mit der Unterlassung eintraf – so gab er sich den neuen Namen „Drei Sekunden Island“ – „Drei Sekunden“ als Erinnerung an die Herzentscheidungen, die seiner Meinung nach in den ersten drei Sekunden passieren, „Island“ als Erinnerung an die kraftvolle und für ihn künstlerisch prägende Insel.

Wer beim Hören der Stücke eventuell an eine deutsche Version von Singer/Songwritern wie Fin „Fink“ Greenall denken muss, liegt übrigens gar nicht mal so falsch, denn ähnlich wie der Brite kommt Thomas Kaczerowski aus dem elektronischen Bereich, reiste als DJ kreuz und quer durch Europa und spielte auf diversen Events und in etlichen Clubs, wie der Snowzone in Frankreich, der Love Parade, dem Ushuaia auf Ibiza, der Art of House in Köln, dem Treibhouse in Neuss oder der China Lounge in Hamburg. Eigentlich hätte er, der ja damals mehr als ein Bein im nicht eben schlecht bezahlten DJ-Business hatte, es gut sein lassen können. Doch, ähnlich wie Fink, merkte Kaczerowski nach einer Weile, dass ihn das Auflegen und Produzieren in elektronischen Gefilden nicht erfüllt, fand so den Weg zum Schreiben auf der Akustischen und entschied er sich für den Weg des liedermachenden Solokünstlers – ein steiniger Perspektivwechsel, der wohl nötig war.

655d9dc12820227132e9f57f4a9be4f0dde7c97dAn den vier Stücken der Ende April erschienenen „Wildnis EP“ hat der Neu-Liedermacher drei Jahre gearbeitet. Eine lange Zeit? Nun, wenn man bedenkt, dass Thomas Kaczerowski im Frühjahr 2015 den Mietvertrag für seine Kölner Wohnung aufkündigte, um die folgenden zwölf Monate in einem alten VW-Bus – wenn schon Hippie-Style, dann aber auch richtig! – zwischen Island, seiner Heimat im Rheinland und Marokko zu reisen und ihm die Songs quasi „on the road“ zufielen, relativiert sich das Ganze wohl merklich…

Vor ein paar Jahren noch war eine auf Bums geeichte, nicht selten dem Hedonismus frönende Wochenendpartymeute seine Zielgruppe, Kaczerowskis Leben hektisch und vom Pendeln zwischen Köln und Club geprägt. Heute spielt er – in deutlich zurückgelehnterer Atmosphäre – Konzerte für Menschen in allen Altersgruppen und teilt die Erfahrungen seiner Reisen und des damit verbundenen bewegten Lebens durch seine Lieder, bei denen „authentisch“ und „handgemacht“ nicht eben Schimpfwörter darstellen – hippie’eske Erbauungslyrik kann manchmal, wenn die Botschaften stimmen, schon recht schön sein…

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Hier ein paar aus Musikvideos und Live Sessions bestehende Impressionen zu Drei Sekunden Island

 

Rock and Roll.

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Auf dem Radar: Animal Flag


animal flagMann, was war das für ein Gefühl, als man damals zum ersten Mal „LIFTED or The Story is in the Soil, Keep Your Ear to the Ground„, das vierte Album von Conor Obersts damaliger Hauptband Bright Eyes, hören durfte, und danach in den nicht minder tollen Backkatalog des Twentysomethings („Fevers and Mirrors“! Die „Every Day and Every Night EP“! etc. pp.) eintauchen konnte… Klar ließ das schüchterne Kerlchen aus Omaha, Nebraska, dessen Personalie stets eng mit dem Label Saddle Creek verknüpft war, auch danach – qualitativ wie quantitativ – nicht nach, veröffentlichte etwa 2005 den genialisch-widersprüchlichen Album-Doppelschlag aus „I’m Wide Awake, It’s Morning“ und „Digital Ash in a Digital Urn“, der ihm zu noch größerer Bekanntheit verhalf, aber jede Magie nutzt sich leider irgendwann ein wenig ab. Selig waren die Zeiten, als die VISIONS Oberst ob seiner trauerklosig-melancholischen Texte schon das gleiche Schicksal wie weiland Kurt Cobain prophezeite…

Schlappe zwölf Jahre sind seit der Veröffentlichung von „LIFTED…“ vergangen. Und wie ein großer Teil seiner damaligen Hörerschaft hat sich auch Conor Oberst verändert, ist seit einigen Jahren glücklich verheiratet und mehr unter eigenem Namen denn unter dem Banner seiner Bands (Bright Eyes, Desaparecidos) unterwegs. Aus den Singer/Songwriter-Großtaten eines adoleszenten Schmerzensmannes wurde in Americana getränkter Folkrock, der in einigen Momenten – etwa auf seinem im Mai erschienenen neusten Soloalbum „Upside Down Mountain“ – zwar noch immer zu begeistern weiß, aber längst nicht an jene besonderen Momente von „LIFTED…“ oder „Fevers and Mirrors“ heran reicht. Ob nun ein Blick durchs Milchglas der Nostalgie oder einfach das Leben selbst Ursache für diese Einschätzung sind, ist ebenso müßig wie das Rennen vom Huhn und Ei. Alles ändert sich, ständig und immer wieder. So ist’s eben.

Aimee_Design_AF_INVERTUmso besser, dass all diejenigen, die noch einmal dieses „LIFTED…“-Gefühl suchen, in den Weiten des weltweiten Netzes ausreichend Alternativen finden. Eine davon könnte auf den Namen Animal Flag lauten. Das aus Boston/NY stammende Bandprojekt von Frontmann Matt Politoski hat seit seinen ersten (digitalen) Gehversuchen im Jahr 2009 so einige Wandlungen vollzogen, die mal lo-fi-instrumental verspielt (das Albumdebüt „Flood of Sunlight„), mal singer/songwriter-mäßig und in Bright Eyes’scher Tradition verhaftet (das Album „Everything Will Be Okay“ von 2012 – manch einer mag auch Elliott Smith raushören), mal wie eine folkloristische Variante von Sufjan Stevens mit einigen elektronischen Versatzstücken (das Album „The Sounds of Sleep“ von 2013) ausfielen. (S)Ein letztes Update erfuhr der Bandsound mit der Veröffentlichung der „Animal Flag EP“ im September diesen Jahres, auf welcher Politoski und seine Bandkumpane – ordentlich produziert und abgemischt – den indierockenden Livesound von Animal Flag in den Fokus stellen. Einfache Begründung: „Mein Ziel bei der EP war es, etwas herauszubringen für die Leute, die zu unseren Shows kommen und danach noch etwas mit nach Hause nehmen können, das das Erlebnis während der Show repräsentiert. Für eine ganze Weile kamen Menschen zu unseren Auftritten und sahen da diese laute Rockband, oder wie auch immer du es nennen magst, und kauften eine CD von einem Folk- oder Elektronik-Album, die wir in der Vergangenheit aufgenommen haben, von denen wir jedoch keinerlei Songs gespielt haben.“.

Klingt interessant? Via Bandcamp kann man sich alle Veröffentlichungen von Animal Flag – drei Alben, mehrere Singles und EPs – in Gänze zu Gemüte führen und bei Gefallen auch im freundlich-demokratischen „Pay what you want“-Prinzip zum Immerwiederhören aufs heimische digitale Abspielgerät laden. Und für all jene, die noch nach neuer Beschallung für die Weihnachtstage, abseits der „Last Christmas“- und „Driving Home For Christmas“-Folter, suchen, hat die Band sogar einige „Christmas EPs“ auf Lager…

 

 

Hier ein Auftritt von Animal Flag beim regionalen US-Morgenmagazin „Good Morning Emerson“…

 

…und bei allstonpudding.com findet man, da Informationen abseits der Facebook-, tumblr– und Bandcamp-Seiten der Band recht rar gesät sind, ein Interview mit Frontmann Matt Politoski zur Veröffentlichung der „Animal Flag EP“.

 

Rock and Roll.

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Person des Tages: Jan Böhmermann


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Eines steht fest, zumindest für den Schreiberling dieser Zeilen: Jan Böhmermann besitzt aktuell die mit Abstand wichtigste Nase im deutschen Fernsehen. Wer den Herren bislang nicht kennt, dem liefert ANEWFRIEND mal eben ein paar Fakten und Begründungen zum Wieso, Weshalb und Warum…

 

1.  Seit gut zehn Jahren tingelt der gebürtige Bremer, Jahrgang 1981, nun schon durch Funk-, Online- und Fernsehmedien. Legendenstatus besitzt sein *hust* „Zwist“ mit dem heutigen Arsenal- und Nationalmannschaftsbankdrücker Lukas Podolski, der seinerzeit – im Zuge der Vorbereitung auf die Weltmeisterschaft 2006 in deutschen Gefilden – eine vermeintlich harmlose Hörfunkreihe beim nordrhein-westfälischen Radiosender 1LIVE hervorgerufen wurde. Gleichzeitig legte diese jedoch auch einen ersten Grundstein für Böhmermanns satirische Schmerzgrenze. Zitat Wikipedia:

„Bei 1LIVE erfand Böhmermann 2005 die Hörfunkunterhaltungsreihe ‚Lukas’ Tagebuch‘, eine Parodie auf den Fußballspieler Lukas Podolski, deretwegen Lukas Podolski den WDR verklagte und während der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 der ARD einige TV-Interviews verweigerte. Podolskis Unterlassungsklage scheiterte jedoch vor dem LG München, 2007 zog Podolski die Klage bei den mündlichen Verhandlungen zurück. Zur Fußball-Europameisterschaft 2008 setzte Böhmermann diese Tätigkeit fort und veröffentlichte den Podcast ‚Pod-Olski – Der EM-Podcast von Lukas‘. Auch diese Show schaffte es wieder bis an die Spitze der iTunes Podcast-Charts. ‚Lukas’ Tagebuch‘ wurde mit der Rückkehr von Lukas Podolski zum 1. FC Köln nach der Fußball-Bundesliga-Saison 2008/09 eingestellt, in der Nachfolgeserie Lukas’ WG geht die Parodie jedoch in gleicher Art weiter, allerdings lebt hier ‚Lukas‘ mit Geißbock Hennes in einer WG.

Böhmermann ist Urheber des Ausspruchs ‚Fußball ist wie Schach – nur ohne Würfel!‘, der u. a. von Spiegel Online und dem Kicker fälschlicherweise Lukas Podolski zugeschrieben und darum 2008 beinahe von der Deutschen Akademie für Fußballkultur zum Fußballerzitat des Jahres 2008 gewählt wurde.“

 

2.  Jan Böhmermann gibt all jenen Hoffnung, die nie ein Studium beendet haben (er selbst studierte einige Zeit lang Geschichte, Soziologie und Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften in Köln) und an diversen Schauspielschulen (in seinem Fall: in München, Berlin und Hamburg) nur eines mit auf den Weg gegeben wurde: freundliche, jedoch umso bestimmtere Absagen. Wenn man’s so nimmt, zählt der 33-Jährige aktuell zu Deutschlands beliebtesten Quereinsteigern.

 

3.  Jan Böhmermann ist sich – bei allen bewussten satirischen wie schauspielerischen Qualitäten – nicht zu schade, auch auf Sendern wie RTL, das im Grunde nicht eben für Unterhaltungsware mit Tiefgang bekannt sein dürfte, neue Showformate ins Leben zu rufen. Im Februar 2014 gab der Fernsehsender bekannt, schon bald eine neue Comedy-Sendung mit Böhmermann zu testen. Zum Team der Sendung unter dem Titel „Was wäre wenn?“ gehörten neben Böhmermann die „Loko & Klaas“-Sidekickette (bitte um Patent für dieses Wort!) Palina Rojinski, Kultur-Moderatorin Katrin Bauerfeind und der ehemalige *hust* VJ Jan Köppen. Der Pilotfilm entstand bereits 2012, die ersten vier Folgen wurden im März 2014 aufgezeichnet und ab dem 28. August 2014 auf RTL ausgestrahlt. Aufgrund schwacher Einschaltquoten wurde die Sendung jedoch bereits nach mickrigen drei Folgen abgesetzt. Nichtsdestotrotz wurde die Reihe jedoch in der Kategorie Comedy für den Deutschen Fernsehpreis 2014 nominiert. Und Böhmermann? Der rechnete an anderer Stelle schon bald süffisant mit seiner RTL-Erfahrung und der Feigheit der kölner Fernsehsenders ab…

 

4.  Jan Böhmermann ist nicht nur ein brillant-zeitgeistiger Satiriker, sondern auch erfahrender – um mal beim Neudeutschen zu bleiben – „Late Night Talker“. Zwischen März 2012 und Januar 2013 moderierte er gemeinsam mit der ehemaligen Viva2-Nervensäge und heutigen Bestsellerautorin Charlotte Roche (die Romantitel „Feuchtgebiete“ und „Stoßgebete“ dürften bei den Meisten wohl die Geschmacknerven zum angewiderten Zucken bringen) die von ZDFkultur ausgestrahlte Talkshow „Roche & Böhmermann“, während beim Radiosender EinsPlus beinahe zeitgleich die Hörfunk-Talkreihe „Lateline“ lief.

 

5.  Nach seinem Talk-Gastspiel mit Charlotte Roche hat Böhmermann wohl Gefallen an der vermeintlichen Narrenfreiheit im öffentlich-rechtlichen Spartenfernsehen gefunden. Oder um es anders auszudrücken: er erkannte die Zeichen der Zeit und deutete sie genau richtig. Denn wo zu den Hauptsendezeiten allabendlich die immergleichen bräsigen Gurkengesichter von Till Schweiger über Dieter Bohlen bis hin zu Stefan Raab, Günther Jauch und Markus Lanz (letzterer trägt ja aktuell mit „Wetten Dass..?“ das Erbe von Frank Elstner und der grabbeligen Haribo-Föhnwelle Thomas Gottschalk zu Grabe) über die Bildschirme von geistern, um Fernsehdeutschland ins Dämmerdelirium zu langweilen, besitzt Jan Böhmermann mit seiner aktuellen Sendung, dem „Neo Magazin„, jeweils donnerstags um 22:15 Uhr beim ZDF-Spartenprogramm ZDFneo, welches sich selbst „als eine öffentlich-rechtliche Programmalternative für 25- bis 49-Jährige“ sieht, zu sehen, nahezu Narrenfreiheit. Und das ist nicht nur gut so, nicht nur höchst unterhaltsam. Das ist vor allem eines: wichtig.

 

6.  Seit Oliver Welkes „heute-show“ im Unterhaltungsniveau stagniert (man einer wirft dem Freitagabend beim ZDF gesendeten Politiksatire-Magazin seit dessen Start im Jahr 2009 gar einen stetigen Qualitätsverlust vor), sind Alternativen rar gesät. Da kommt Jan Böhmermann gerade recht. Freilich ist sein „Neo Magazin“ im Themenbereich weiter gefasst, klar kann er sich bei ZDFneo, dessen Fernseh-Marktanteil im vergangenen Jahr gerade einmal ein Prozent umfasste, einiges mehr erlauben als Oliver Welke und Co. bei der „großen Mutter“ ZDF. Doch trotzdem – oder: gerade deshalb – macht Böhmermann da weiter, wo die Möglichkeiten (oder Ideen) der „heute-show“ in der Vergangenheit limitiert waren und aktuell enden (als meist beim Draufhauen auf der Bundesregierung, der am Boden liegenden FDP oder Nazi-Vergleichen der AfD).

 

7.  Jan Böhmermann bekommt sie alle. Angefangen von TV-Urgesteine wie Frank Elstner, Herbert Feuerstein, Jean Pütz über Moderatoren-KollegINNEN wie Katrin Bauerfeind oder Oliver Welke bis hin zu streitbaren Personen wie Politpunk-Blogger Sascha Lobo oder Komikern wie Carolin Kebekus oder Bastian Pastewka (um nur mal eine kleine Auswahl auf die Schnelle zu bringen). Derzeit ist sich beinahe keiner für einen kurzen Besuch in der 30-minütigen Show zu schade. Selbst wenn er, wie der mehrfach ausgezeichnete Starfidler David Garrett, der andernorts Abend für Abend Mütterherzen zum Erliegen bringen, mal eben zum „Studiogeiger“ umfunktioniert wird. Und: Böhmermanns Gäste sind allesamt zur Selbstironie bereit. Da bekommt die gemeinsam mit Komikerin Carolin Kebekus getragene „Kill Bill“-Persiflage „Kill Böhmermann“ gleich noch einmal ein dickes Plus an Ironie, als plötzlich Oliver Petszokat (aka. Oli „Flugzeuge im Bauch“ P, der in den Neunzigern mit seiner Rolle als Ricky Marquart in der RTL-Daily Soap „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ nicht wenige Teenie-Herzen zum Hyperventilieren brachte) im „Zurück in die Zukunft“-Delorean vorbei rauscht…

 

8.  Jan Böhmermann ist nicht nur gewieft, sondern auch äußerst schlagfertig. Das durfte auch BILD-Chef Kai Diekmann am eigenen Leib erfahren, als er versuchte, Böhmermann für dessen Hitler-Parodie beim israelischen Volk anzuschwärzen. Denn so viel man Böhmermann auch vorwerfen mag an Gürtellinienuntertreibung, geschmacklichem Grenzgängertum, üblem Nachtreten, Gehässigkeit und ironischem Klamauk, eines hat der Mann definitiv: Chuzpe und Rückrat – auch wenn (oder gerade weil) er sich damit nicht allseits beliebt macht. Dass dabei noch großartige Unterhaltung mit bei rum kommt, ist natürlich ein gern genommenes dickes Plus. Ganz klar: Jan Böhmermanns Vorteil ist, dass es aktuell zu wenige von seinem Format gibt in der deutschen Sendelandschaft. Und, all ihr scheinheiligen Doppelmoralapostel von Diekmann’schem Kaliber: Wenn wir Deutschen nicht über Hitler lachen dürfen, wer dann (abgesehen davon, dass der Herr österreichischer Staatsbürger war und bleibt)? Eben! Und jetzt, Ruhe bitte! Ich will „Neo Magazin“ schauen…

 

 

Rock and Roll.

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Auf dem Radar: Kye Alfred Hillig


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„My name is Kye Alfred Hillig, and I’m a Tacoma, Washington singer-songwriter. Since the age of twelve, I’ve been the principle songwriter in four different bands that vary in style from punk to surfy indie rock to folk. Under those bands, I recorded eighteen albums and wrote over 1,000 songs.

In 2012, I began playing shows and recording music under my own name. Being a solo artist has allowed me a great deal of flexibility and the ability to put all my creative ideas into action. I quickly released three distinct albums in two years (Aurora, Together Through It All, and Real Snow), and this process has allowed me to grow significantly as a songwriter. Sometimes I perform alone; sometimes I perform with a cellist or pianist accompanying me; and sometimes I play with a full live band, incorporating electronic percussion and samples.“

Band-KyeSo beschrieb sich der aus – wie bereits erwähnt – dem US-amerikanischen Tacoma, Washington stammende Singer/Songwriter Kye Alfred Hillig kürzlich selbst. Einen Künstlernamen oder doppelte Bedeutungsböden sind auch auf seinem neusten, im August veröffentlichten Album „The Buddhist„, welches der 32-jährige Musiker mit der Hilfe seines ihm beim Mix und Backgroundgesang zur Seite stehenden Kumpels Daniel G. Harmann binnen zwei Tagen einspielte, komplett fehl am Platz. Und während Titel wie der Opener „My Young Love Was As Blind As Ray Charles And Half As Cold As Heat“ beim ersten Lesen eventuell noch komisch-verstelzt daher wanken, befällt den Hörer beim Lauschen bereits jene Americana-lastige Schwermut, der auch Größen wie Damien Jurado, Josh Ritter oder – holla, die Waldfee! – dem göttlichen Mark Kozelek (Ex-Red House Painters, Sun Kil Moon, solo) nicht eben fern stehen. Und auch die Texte sind ebenso persönlich wie gehaltvoll, handeln mal von Schuld und Sühne („I’m Alive Because Of Nuclear Bombs“), Kindheitserinnerungen („Licorice The Dog“), Religion („I Want To Be Forgot“), Krankheiten im Familienkreis („Some Good Things Just Have To Die“) oder dem tragischen Schicksal von Freunden („Come Play With Me“).

Welch‘ besseren Soundtrack als die bislang vier Alben des Singer/Songwriters könnte es also geben, um sich bei ausgedehnten Herbstspaziergängen den Regen aufs Schuhwerk plätschern zu lassen, während die Sonne – hoffentlich – ihre letzten paar warmen Strahlen vergießt? Und da Kye Alfred Hillig all seine Werke via Bandcamp freundlicherweise für lau, umme und umsonst unters Hörervolk haut, sollte man gern unverbindlich zuschlagen…

 

 

 

Rock and Roll.

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Auf dem Radar: Louise Distras


Louise Distras #1

Man führe sich einmal folgendes – natürlich rein fiktives – Verwandtschaftsverhältnis vor Aug‘ und Ohr: Uneheliche Tochter des ewig guten Punkgewissens Patti Smith und Billy Bragg, dem stets mit einer Gitarre bewaffneten Sozialmahner Englands, Nichte von The Clash-Ikone Joe Strummer, Schwester vom kumpeligen Punkrock-Sympathikus Frank Turner. Dabei klingt sie wie Ex-Distillers-Röhre Brody Dalle, bevor diese sich entschloss, das tägliche Rotz-und-Blut-Rock’n’Roll-Leben gegen jenes gemeinsame mit Queens Of The Stone Age-Frontmann Josh Homme zu tauschen und fortan die Kinder zu hüten. Oder wahlweise wie Courtney Love (auf eine gute Art und Weise!). Ganz klar: Louise Distras ist ein Kind der Neunziger!

Foto: Mike Distras

Foto: Mike Distras

Dabei ist die Mittzwanzigerin aus dem englischen Wakefield ebenso mit Nirvana wie mit üblichen musikalischen Verdächtigen jener Zeit – man denke nur an selige „Nu Metal“-Tage á la Korn oder Deftones zurück – aufgewachsen, und entdeckte danach, Album für Album, Bands wie Hole, Screaming Trees, Butthole Surfers, Mudhoney, Pearl Jam, Alice In Chains, Silverchair, Black Flag, die Sex Pistols oder The Clash für sich. Distras war angefixt! Bald schon schrieb sie eigene Stücke über ihr Leben und ihre Alltagsbeobachtungen, über Recht und Unrecht, über persönliche Gefühle und soziale Missstände. Im Alter von 14 Jahren spielte sie ihre erste Show, schloss sich mal hier, mal da diversen Bands an, zog mit 22 Jahren nach London und entschloss sich dort, fortan im Alleingang aufzutreten. Für ihren weiteren Weg machte sie sich die Vorzüge des weltweiten Netzes zunutze und veröffentlichte 2011 zwei erste Solo-EPs mit Demos im Internet. Und die blieben keineswegs unbemerkt! Doch das beständig steigende Interesse an ihrer Person und jedem neuen Stück dürfte wohl keineswegs nur in der puren Qualität von Songs wie „The Hand You Hold“ begründet liegen, sondern auch und vor allem, dass Louise Distras seit 2010 nicht müde wird, sich in Großbritannien und dem europäischen Festland einen Namen als junge Künstlerin „zum Anfassen“ zu machen – als eine, die gleichsam Herz und Hirn auf jede noch so winzige und verrauchte Kellerclubbühne bringt. Als eine, die eben nicht den schnellen Aufzug hinauf zu den Einweg-Verwertungsmechanismen der großen Plattenfirmen nehmen möchte. Dass England eben solche Künstlerinnen fernab von Castingeinerlei á la „X Factor“ bitter nötig hat, zeigte in der Vergangenheit bereits das gesteigerte Interesse an Musikerinnen wie Kate Nash. Und auch Louise Distras verdiente sich bereits Lob von Tageszeitungen wie dem Guardian, während das ein oder andere erste Stück auf BBC Radio 1 landesweit gespielt wurde. Dabei steht ihre erste kleine Sternstunde noch vor der Tür: Das gemeinsam mit Produzent Steve Whale (Ex-The Business) in den Londoner Perry Vale Studios aufgenommene Debütalbum „Songs From The Factory Floor“ erscheint am 30. September.

Louise Distras #2

Was man in Zukunft von Louise Distras erwarten darf? Vor allem wohl eine Musikerin, die „den Mund aufmacht“, markigen Worten wie „never let the hand you hold, hold you down“ (aus dem nicht zufällig am 8. März 2012, dem internationalen Weltfrauentag, veröffentlichten Song „The Hand You Hold“) auch Taten folgen lässt. Denn unter Distras‘ vermeintlich harter, von den typischen Punkrock-Tattoos überzogener Haut, schlägt ein Herz, dass nicht anders kann, als für Ideale zu kämpfen. Und so schlägt sich die wahlweise als „weiblicher Joe Strummer des 21. Jahrhunderts“ (Shattered Glass Media) oder als „neues Gesicht des Akustikpunk im UK“ (Street Sounds Magazine) bezeichnete Künstlerin Nacht für Nacht in Vans oder auf Sofas in den Backstagebereichen kleiner Clubs um die Ohren. Und will am Ende doch nur eins: Spielen. Für sich, für andere, für „DIY“-Ideale. Und um damit die Welt ein kleines bisschen besser zu machen. Klingt altmodisch? Ist es auch! Doch solange dabei tolle Songs und hehre Absichten herauskommen, sind Patti Smith, Joe Strummer, Frank Turner, Brody Dalle oder Courtney Love sicher stolz auf sie. Und Billy Bragg? Mit dem durfte sich Louise Distras sogar schon eine Bühne teilen…

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Hier gibt’s die 4-Track-EP „Shades Of Hate“ auf die Ohren, welche ihr euch auf Louise Distras‘ Homepage auch – im Tausch gegen eine E-Mail-Adresse – aktuell (noch) herunterladen könnt – natürlich punkrockig kostenlos…

 

Wer’s visuell mag, bekommt hier die Videos zu den Songs „The Hand You Hold“…

(Wer muss hier noch an die Distillers denken? Egal, verdammter Hit, das Ganze! Und einer von ANEWFRIENDs Songs des Jahres…)

 

…dem bereits zwei Jahre alten Kleinstadt-Abgesang „Blue On Black“…

 

…und dem Anfang 2013 veröffentlichten, gemeinsam mit Oi!-Punk-Ikone Jenny Woo eingesungenen Stück „Stand Strong Together“:

 

Rock and Roll.

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