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Song des Tages: HAIM – „Right Now“


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Anno 2012 war dieser bescheide Blog wohl einer der ersten im deutschsprachigen Raum, der den aus Los Angeles stammenden Schwestern Danielle, Alana und Este Haim eine große, steile Popkarriere zutraute. Zu recht?

Nun, was Vorabsongs wie „Forever“, „Don’t Save Me“ oder „Falling“ – vor allem auf Bühnenbrettern – versprachen, konnte das ein Jahr später veröffentlichte (und nicht nur auf und von ANEWFRIEND sehnlichst erwartete) Debütalbum „Days Are Gone“ nur in Maßen einhalten. Klar, die Popsongs der drei Haim-Schwestern vermittelten zwar eine ungefähre Ahnung davon, „wie eine gemeinsames Bandprojekt aus der unbedarften Siebziger-Jahre-Version von Fleetwood Mac (Stevie Nicks! Lindsey Buckingham!), Prince, Tom Petty, TLC oder der seligen Aaliyah mit den Mitteln des Jahres 2013 wohl klingen möge“ (ich zitiere mich selbst), im Endeffekt tönte die Konserve jedoch viel zu brav und weit weg von dem, was Danielle, Alana und Este live abzuliefern im Stande waren (und sind), während sich die drei – girls will be girls – lieber modisch in Szene setzten und sich auf Instagram und Co. an der Seite von neuen BBFs wie Taylor Swift zeigten. Von daher dürften HAIM bis heute als das popkulturelle Pedant zu „ewigen Fussballtalenten“ wie Marco Reus oder Mario Götze gelten – höchst veranlagt und für jeden Fussballfan – unabhängig von Vorlieben und Trikotfarben – ein Augenschmaus, ihnen beim Spielen mit und gegen das runde Leder zuzuschauen. Aber auch immer noch große Versprechen ohne die ganz großen Meriten (obwohl zumindest Mario Götze mit seinem Siegtor zum deutschen Weltmeistertitel im Jahr 2014 bereits seinen Platz in den Fussballanalen sicher hat). Ob da noch was kommt? Abwarten.

Doch zurück zur Musik. Zurück zu HAIM.

Den Teasern der vergangenen Tage und Wochen auf Youtube, Facebook und Co. lassen die drei Schwestern nun Taten folgen. Nachdem HAIM ein paar Tage lang das gestrige Datum in den sozialen Netzwerken nannten, ohne konkret zu sagen, was denn da wohl passieren würde, wurde gestern das wohl Naheliegendste enthüllt: Nach über drei Jahren Veröffentlichungspause haben Danielle, Alana und Este endlich neue Musik veröffentlicht.

HAIM haben nicht nur einen (sehr verheißungsvollen) neuen Song namens „Right Now“ eingespielt, sie haben sich dabei auch von Hollywood-Regisseur Paul Thomas Anderson („The Master“, „There Will Be Blood“, „Magnolia“) filmen lassen. Ihr so entstandenes neues Video kündigen sie auf Facebook wie folgt an: „This is where we start… live in the studio. We were so lucky to work with the amazing Paul Thomas Anderson on capturing just us. One take, live, at Valentine Studios during the recording of our second album. There’s more to come, but this is it for right now.“

Ein paar Details mehr wurden ebenfalls bekannt: Der Nachfolger ihres 2013 erschienenen Debüts „Days Are Gone“ wird „Something To Tell You“ heißen und am 7. Juli erscheinen. Produziert haben das neue Album Rostam Batamanglij von Vampire Weekend und Ariel Rechtshaid (welcher wiederum das tolle Vampire-Weekend-Album „Modern Vampires Of The City“ oder HAIMs „Days Are Gone“ einrichtete und auch sonst – mit Namen wie Adele, Beyoncé, Madonna oder Brandon Flowers in seiner Produzentenvita – kein Unbekannter sein dürfte), die erste offizielle Single soll am 3. Mai erscheinen. Richtig: „Right Now“ ist also nur als viereinhalbminütiger Gruß aus dem Studio zu verstehen. Aber was für einer! Das Pop-Versprechen lebt.

  

  

Rock and Roll.

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Die Woche in Bild und Ton…


Damit ihr nicht vollkommen den Überblick über alle hörens- und sehenswerten Neuerscheinungen der letzten Woche(n) verliert, hat ANEWFRIEND hier wieder einige der Video- und Songneuerscheinungen der letzten Tage für euch aufgelesen…

 

Conor Oberst – Hundreds Of Ways

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Glaubt man dem eigenen (digitalen) Plattenschrank, so war es in letzter Zeit ruhig um Conor Oberst. Dabei war das einstige „Wunderkind des Folk“ keinesfalls untätig, immerhin hat Oberst neben seiner seit mehr als 15 Jahren betriebenen Stammband Bright Eyes auch Soloaktivitäten oder die Alt. Country-„Supergroup“ Monsters Of Folk, zu welcher auch My Morning Jacket-Frontmann Jim James, Singer/Songwriter M. Ward oder Langzeitproduzentenkumpel Mike Mogis zählen, fest im Auge. Zudem reaktivierte er im vergangenen Jahr seine Post-Hardcore-Indierocker Desaparecidos, um mit ihnen ein paar – freilich politisch höchst relevante – Singles zu veröffentlichen und karitative Konzerte zu spielen.

Nun jedoch soll es wieder Zeit für ein neues Soloalbum sein. „Upside Down Mountain“, der Nachfolger zum 2008 erschienenen selbstbetitelten Plattenalleingang, wird am 20. Mai via Nonesuch Records veröffentlicht, wurde vom auf archaisch große Folk-Traditionen spezialisierten Musikerbuddy Jonathan Wilson produziert und wird wohl den ein oder anderen Gastauftritt, wie den des schwedischen Folk-Schwesternpaares First Aid Kit, die sich damit wohl bei Oberst für dessen Gastspiel auf ihrem zwei Jahre zurückliegenden Album „The Lion’s Roar“ revanchieren, bereithalten. Schon jetzt gibt es mit „Hundreds Of Ways“ einen ersten Vorgeschmack aufs kommende Conor Oberst-Werk, und der weist mit seinen ebenso introspektiven wie melancholischen und weitsichtigen Textzeilen, seiner country’esken Stimmung und Obersts markanter Stimme durchaus Dylan’sche Qualitäten auf…

„What a thing to be a witness to the sunshine / What a dream to just be walking on the ground / What a time to live among the ash and remnants of our love / That came before and I’m still looking for that now…“

 

 

 

The Notwist – Kong 

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Wesentlich weniger Geduld müssen alle Freunde der deutschen Elektronik-Frickel-Indierocker The Notwist aufbringen, immerhin erscheint deren neues Album „Close To The Glass“ bereits in wenigen Tagen. Bevor Platte Nummer sieben ab dem 21. Februar in Gänze in die Regale wandert, stellt die international geschätzte Band aus dem beschaulichen oberbayrischen Weilheim, deren Album in den USA vom feinen Indie-Label Sub Pop Records vertrieben wird, mit „Kong“ einen der heimlichen Hits auf „Close To The Glass“ vor und schickt das Stück samt einem Animationsvideo von Regisseur Yu Sato ins Rennen. Das macht auch durchaus Sinn, erzählt der Song doch die Geschichte eines Superhelden namens „Kong“, der eine Familie aus dem Ausnahmezustand rettet und auf ein autobiografisches Erlebnis von Notwist-Sänger Markus Achter anspielt, der als Kind viele Comics las und sich während eines regnerischen Tages in Weilheim – als Hochwasser die Stadt bedrohte – vorstellte, dass ein Superheld kommen und ihn und seine Familie aus den bedrohlichen Fluten retten würde…

 

(Wer den Song als Live-Version hören mag, der kann sich hier einen Mitschnitt von „Kong“, den die Band während eines Konzerts in Düsseldorf im Kotober 2012 zum Besten gab, ansehen…)

 

 

Marcus Wiebusch – Konfetti

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Das hat aber gedauert, Herr Wiebusch! Immerhin ein Jahr Zeit hat sich der hauptberufliche Kettcar-Bandchef und (zu einem Drittel) Labeleigentümer des geschätzten Grand Hotel van Cleef nach der Veröffentlichung seines Drei-Song-Solo-EP „Hinfort ! Feindliche Macht“ gelassen, um mit dem längst versprochenen Soloalbum in die Pötte zu kommen. Dass nun sowohl das Cover als auch die Tracklist und ein Veröffentlichungsdatum (der 18. April) vom Marcus Wiebusch-Debüt „Konfetti“ stehen, ist umso erfreulicher. Und falls auch nur ein Teil der elf Stücke so großartig gerät wie „Nur einmal rächen“, im vergangenen Jahr bereits Bestandteil der EP, nun freilich auch auf dem Debüt vertreten und außerdem eine meiner persönlichen Lieblingssongs 2013, dann steht uns ein wahrlich famoses Album von einem der sympathischsten und gewieftesten bundesdeutschen Musik-Lyriker ins Haus…

„Wenn ich abends einschlafe oder morgens aufwache / Ein gutes, cooles Leben wird die beste Rache / Eure Welt programmieren, meine leichteste Sache / Ein gutes, cooles Leben ist die beste Rache….“

 

 

 

Brody Dalle – Meet The Foetus / Oh The Joy

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Rückblick 2003: Marcus Wiebuschs Hauptband Kettcar hatte damals unlängst ihr vielgelobtes und seitdem – sowohl in Punkto „Referenzwerk“ als auch als „Meilenstein“ – oft zitiertes Debütalbum „Du und wieviel von deinen Freunden“ in Label-Eigenregie in die Plattenregale gebracht, und auch aus den US of A vernahm man ein gewaltiges Brausen und Grollen. „All my friends are murder / Hey, all my bones no marrows in / All these fiends want teenage meat / All my friends are murderers“ zischte die damals 24-jährige Brody Dalle in „Drain The Blood„, der Leadsingle des dritten Albums „Coral Fang“ ihrer damaligen Band The Distillers, höchst pissed’n’angry in Mikro. Auch heute noch verursachen der Song und seine zehn Albumkumpane energetische Punkrock-Fallstricke in den Magengruben all jener, denen das Album in bester Rancid-Tradition (mit Tim Amstrong, dem Frontmann der kalifornischen Punktocker, war Dalle übrigens bis 2003 für ganze sechs Jahre verheiratet) damals in die Karten der adoleszenten Wirren spielte. Dann jedoch machten die Distillers unvermittelt Schluss, Dalle bandelte mit Queens Of The Stone Age-Mastermind Josh Homme an, heiratete ihn 2007 und zog sich als zweifache Mutter weitestgehend aus dem Musikgeschäft zurück – Windeln und Fläschchen statt Sex, Drugs and Rock’n’Roll. Und obwohl der erneute Versuch der gebürtigen Australierin, im Jahr 2009 mit dem selbstbetitelten Debüt ihrer neuen Band Spinnerette an die alte Klasse anzuknüpfen, eher Alternative Rock-mäßig mau ausfiel, beweist etwa Caspers Textreferenz im Song „230409“ („Du warst nie Brody Dalle / Und ich war nie dein Wes Eisold“ – vom Album „XOXO“), dass die Dame auch heute noch als Inbegriff der „Bonnie & Clyde“-mäßig abgefuckten Erotik des Punkrock gilt…

Nun also wagt die mittlerweile 35-jährige Brody Dalle, die auch optisch kaum noch etwas mit dem kaputten Twentysomething-Ich ihrer Selbst gemein hat (blonde Mähne statt buntem Mohawk), einen erneuten Anlauf im Musikgeschäft. „Meet The Foetus / Oh The Joy“, der erste Song ihres kommenden Soloalbums, das von QOTSA-Intimus Alain Johannes produziert wurde, lässt dabei freilich all die Bissigkeit der Distillers vermissen und erinnert mit seinem verrockten Hall und den derben Riffs eher an Achtziger-Jahre-Darkwave-Heroen wie Bauhaus oder – natürlich – die Queens Of The Stone Age. Kein großes Ding also, und man hofft, dass Dalle mit dem Rest des Albums mehr überzeugen kann als mit diesen ersten fünf Minuten. Ein kleines Ausrufezeichen kommt jedoch aus dem Hintergrund, immerhin lotste die ehemals „sexiest woman in punkrock“ keine Geringeren als Emily Kokal (Warpaint) und Shirley Manson (Garbage) für die Backing Vocals ins Studio…

 

 

 

Karen O – The Moon Song

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Ein nicht eben unähnlicher Ruf eilt auch Karen O voraus. Seit dem elf Jahre zurückliegenden Debütalbum ihrer Band, den Yeah Yeah Yeahs, gilt die 35-jährige New Yorkerin als feministische Stil-Ikone, die mit ihren Outfits mal Trends setzt, mal aneckt und mit ihrer Musik kaum bis keinerlei Anbiederei oder Kompromisse an den Zeitgeist zulässt, sondern diesen schlichtweg selbst mitdefiniert. Dass dieser Weg durchaus von Erfolg gekrönt sein kann, zeigen einerseits die vielfachen Grammy-Nominerungen des Yeah Yeah Yeahs, andererseits jedoch auch, dass Karen O für „The Moon Song“, ihren Beitrag zum – im Übrigen sehr zu empfehlenden – neuen Film „Her“ von Kultregisseur Spike Jonze, nun für den Oscar als „bestes Titelstück“ nominiert wurde.

Wer das bezaubernde „The Moon Song“, im Film selbst von den beiden Hauptdarstellern Joaquin Phoenix und Scarlett Johansson gesungen, noch nicht kennt, der sollte dies schleunigst nachholen. In dieser Version gab Karen O den Song gemeinsam mit Regisseur Spike Jonze und Produktdesigner KK Barrett bei der Online-Radioshow von KCRW „Morning Becomes Electric“ zum Besten:

 

 

20140210-her-x600-1392073735Außerdem nahm Karen O „The Moon Song“ noch im Duett mit Vampire Weekend-Frontmann Ezra Koenig auf – in eben der Variante, die der Sängerin im Grunde von Anfang an vorschwebte: „It’s wild because ‚The Moon Song‘ was written and recorded in the most humble of circumstances; at my dining room table, a few paces away from the couch I read the script for Her for the first time“, wie Karen O dem Rolling Stone erzählte. „I was really excited at the prospect of getting to record it with a male vocalist. Ezra was super cool and open, he slipped into character like a champ and damn he’s got the goods.“

 

 

The National – I Need My Girl + Live from the Sydney Opera House

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Und allwöchentlich grüßen The National… Nachdem die US-Band in der vergangenen Woche noch zum Cover-Contest ihres Songs aufrief (das Rennen machte am Ende übrigens jene Multiinstrumental-Version von Kai Keefe), präsentierten die Mannen um Frontstimme Matt Berninger am Freitag – und damit passend zur Feier des Valentinstags – das Musikvideo zur Ballade „I Need My Girl“, in welchem die Kamera vor einem komplett in schwarz getauchten Hintergrund um zum Tanz aufgestellte Paare kreist, die sich vertraut in die Augen blicken und aneinander schmiegen. Romantik pur – und das von den wohl größten Indierock-Melancholikern unserer Zeit…

 

 

Und als ob das noch nicht genug wäre, bietet die Band all denen, die es bis dato noch nicht zu einer Show von The National geschafft haben (so wie ich, leider) oder diese intensiven Eindrücke noch einmal Revue passieren lassen wollen, den kompletten zweitstündigen Auftritt im ebenso berühmten wie ehrwürdigen Opernhaus von Sydney, Australien, welcher jüngst am 8. Februar stattfand und bei dem The National ganze 26 Songs zum Besten gab, im Stream an:

 

 

 

Rock and Roll.

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Das Album der Woche


Mit den bisherigen Alben der Band zum neuen „Album der Woche“ konnte ich – und das gebe ich ehrlich und frei zu – bisher rein gar nichts anfangen. Umso größer war meine Überraschung, dass mich dieses Quartett aus dem Big Apple – und sei es auch nur für eine knappe dreiviertel Stunde – doch noch von und für sich überzeugen kann…

 

Vampire Weekend – Modern Vampires Of The City (2013)

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Der brennende Saab im Musikvideo zu „Diane Young“, das prominente virale Marketing durch – wieso zur Hölle eigentlich? – Charakterschauspieler Steve Buscemi, die beständig angestiegene Vorfreude aufs neue Album, die sich durch beinahe alle Musikseiten des weltweiten Netzes zog. Eines darf als gesichert gelten: Vampire Weekend, jenes aus Ezra Koenig (Gesang, Gitarre), Rostam Batmanglij (Keyboard, Gitarre, Gesang), Chris Baio (Bass) und Chris Tomson (Schlagzeug) bestehende Quartett aus dem Big Apple, ist schon längst nicht mehr die kleine Hausnummer, die sie noch vor dem Erscheinen ihres selbstbetitelten Debütalbums im Jahr 2008 waren. Denn dafür war der 2010er Nachfolger „Contra“ zu erfolgreich (No. 1 in den US-Charts, No. 3 im UK), dafür wurden ihre Singles, die frech Indierock mit großen Anteilen aus Afrobeat, New Wave, Punk oder Reggae vermengten, zu oft in College Radios gespielt, dafür beschallten Stücke wie „Cape Cod Kwassa Kwassa“, „Oxford Comma“, „A-Punk“ oder „Cousins“ zu oft die Tanzflächen trendtauglicher Indiediskos. Die Band der vier Endzwanziger mag in den letzten Jahren wohl eine der Gruppen gewesen sein, auf die sich wohl (beinahe!) alle ach so hippen Musikdegustinatos einigen konnte. Aber auch jene, die – und da mag weder die Herkunft aus New Yorks Middle und Upper Class noch der Freundeskreis, dem unter anderem übrigens auch „Girls“-Star Lena Dunham angehört, wohl nicht gnaz unschuldig sein – unter den größten Hipster-Vorwürfen zu leiden hatte. Weiße, reiche It-Boys, die sich zwischen drei Starbucks-Besuchen, vier Instagram-Fotos und drei Mal Mails checken rotzfrech im Kulturgut der dritten Welt vergreifen? Alles klar…

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Doch dass Vorschusslorbeeren und Schubladendenken nicht vor dezenten Schreibblockaden zu schützen vermögen, zeigte sich Koenig und Batmanglij, den beiden Hauptsongwritern der Band, als sie versuchten, Inspirationen für einen Nachfolger zu „Contra“ zusammenzutragen: es wollte und wollte einfach nicht so geölt laufen wie in den Jahren zuvor! Dabei hätte gerade Koenig etlichen privaten Stoff zum kreativen Schreibprozess beitragen können, war er doch noch vor der Tour zum zweiten Album von seiner damaligen Freundin verlassen worden und aus der gemeinsamen Wohnung geflogen, nach Beendigung der Tournee in die Sonne Kaliforniens entflohen – und am Ende doch wieder in die behagliche Zerstreuung des heimatlichen New York zurückgekehrt. Um dem kreativen Fluss nachzuhelfen, verzog man sich also mit Produzent Ariel Rechtshaid (Usher, Charli XCX) auf die Insel Martha’s Vineyard, jenes poshe wie geschichtsträchtige Reichendomizil an der Ostküste der USA, welches bereits dem Kennedy-Clan als Zufluchtsort diente. Und, siehe da: irgendwann platzte der Knoten! Herausgekommen ist nun „Modern Vampires Of The City„. Und es stellt so viele Dinge dar. Nur eben nicht das Album, das man von Vampire Weekend erwartet hätte…

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Zu einem mechanischen, verschleppten Beat, Bassbegleitung und verhaltenen Pianoanschlägen stolpert Ezra Koenig in „Obvious Bicycle“ nach einer langen Nacht auf die Straße und mitten hinein in die 43-minütige Szenerie: „Morning’s come, you watch the red sun rise / The LED still flickers in your eyes / So listen, oh / Don’t wait“. „Unbelievers“ sorgt danach mit Orgel, galoppierendem Schlagzeug, sachten Gitarren und klimperndem Piano für ein erstes Ausrufezeichen: „We know the fire awaits unbelievers / All of the sinners the same / Girl, you and I will die unbelievers / Bound to the tracks of the train“ – Religiöse Dogmen treffen auf  juvenile Ausreißerromantik. Gen Ende meint man gar ein wenig irische Folklore vernehmen zu können. Schnell ist klar: das Quartett bäckt zwar lautstärketechnisch auf ihrem dritten Machwerk kleinere Brötchen als noch vor drei Jahren, doch Koenig und Co. fordern den Hörer diesmal geradezu auf, genauer hinzuhören! „Step“ ist dann einer dieser eigensinnigen Popsongs, in die man sich einfach ohne Umschweife verlieben muss. „Every time I see you in the world / You always step to my girl“ – Koenig wandelt trunken vor Verliebtheit neben der Angebeteten her, erzählt von Ost- wie Westküstenschauplätzen, von Banketten und der Gosse. Und doch hat er nur Augen für sein Mädchen, und man selbst unverhofft einen leichtfüßigen Ohrwurm mehr, den man in den nächsten Tagen gar nicht mehr hergeben mag. A propos Ohrwurm: die gibt es auf „Modern Vampires…“ natürlich auch, wie etwa den Instant-Tanzflächenfüller „Diane Young“, in dem die Band der Inhaberin des ersten Schönheitssalons in Manhattan huldigt. Gleichzeitig verstecken die Schlauberger auch hier wieder etliche Querverweise und Referenzen: Sind Zeilen wie „Irish and proud, baby, naturally / But you got the luck of a Kennedy“ als Anspielung auf die Janusköpfigkeit des American way of life gemünzt? Und ist der Gleichklang des Titels zu „dying young“ gar mehr als ein simpler phonetischer Spaß? Mit Sicherheit! Ein weiteres Beispiel für den Rückblick der Band zu den ersten beiden Alben bietet dann nur noch „Finger Back“, das in hektischer Verliebtheit in Richtung von Stücken wie „A-Punk“ (vom Debüt) schielt: „Everybody wants you but baby you are mine“. Ansonsten sucht man die bisherigen Trademarks von Vampire Weekend – diese hibbelige Indierockspielart, die sich ohne Rücksicht auf Ideenklauvorwürfe um afrikanisch geprägten Ethnopop schlang, wie man sie in der Vergangenheit etwa von Paul Simons „Graceland“ oder Peter Gabriels „Real World“-Label kannte – auf „Modern Vampires…“ vergebens. Dafür findet der Hörer jede Menge Tiefe, jede Menge Liebe zum Detail, jede Menge Storytelling. Denn Koenig und Co. haben als New Yorker durchaus einiges zu erzählen! Wenn es etwa in „Finger Back“ heißt „See you next year in Jerusalem“, so ist keinesfalls die Metropole der drei Weltreligionen gemeint, sondern der Falafel-Laden gleichen Namens am Broadway zwischen 103rd und 104th Street, welchen Koenig während seiner Studienzeit an der Columbia University oft besuchte, und in dem er einst beobachten konnte, wie sich ein jüdisch-orthodoxes Mädchen in einen der – mutmaßlich muslimischen – Jungs hinterm Tresen verliebte – „Romeo und Julia“ nach Art des Melting Pots, quasi. Der Choral „Hudson“ erinnert an Henry Hudson, den Entdecker des Hudson Rivers, „Hannah Hunt“ ist eine berührende, bittersüße moderne Renegaten-Ballade. Und an allen lyrischen Ecken und Enden quellen religiöse Verweise hervor, trifft der Okzident auf den Orient – und die Jugend, hin und her gerissen zwischen alten Traditionen und den neuen, schnelllebigen Zeiten, steckt mittendrin, und will doch dabei einfach nur eines: das Heute genießen, leben – und nicht an morgen denken müssen. „Wisdom’s a gift but you’d trade it for youth“ wie es etwa altklug in „Step“ heißt, oder „Nobody knows what the future holds / Said it’s bad enough just getting old / Live my life, they say it’s too fast / You know I love the past, ‚cause I hate suspense“ in „Diane Young“ – süße Versprechen von Tagträumen in Ewigkeit, so kitschig wie schön. Vampire Weekend, die sich bisher scherzhaft als das „Upper West Side Soweto“ bezeichneten, plündern diesmal munter die popkulturelle Schatztruhe der USA und Großbritanniens, entleihen ebenso bei Buddy Holly, Elvis Costello („Finger Back“) oder U2 (Wer bitte muss beim Schlagzeug-Intro nicht an „Sunday Bloody Sunday“ denken?) wie beim Westküsten-HipHop („Step“ – selbstverständlich nach milchgesichtig weißer Machart!), bei R’n’B („Everlasting Arms“) wie beim Gospel („Worship You“). Alles müdet in der lieblichen Coda „Young Lion“: „You take your time, young lion“ – ein Verweilen im Moment lohnt sich. Ein Innehalten in dieser Stadt, dessen Pulsschlag Geschichte schreibt, Geschichte lebt und Geschichte ist.

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„Modern Vampires Of The City“ bildet am Ende eine nahezu perfekte Symbiose mit dem Vintage-Coverfoto des „New York Times“-Fotografen Neal Boenzi, denn auch die zwölf aktuellen Songs von Vampire Weekend wirken wie in einen mystischen Klangteppich aus Smog und tausend Referenzen gewebt. Dazu sieht man vor dem geistigen Auge tausende Menschen in ihrer alltäglichen Gleichsamkeit vorbei huschen, sich streiten, sich lieben, gemeinsam schweigen und leben – eben wie in einem ganz in Schwarz-weiß gehaltenem Film des wohl größten Zelluloid-New Yorkers: Woody Allen. Die Band nutzt dabei ihre wohl größten biografischen Faustpfand gewinnbringend: ihre eigene Melting Pot-Herkunft, denn Koenig ist jüdischer Herkunft, Batmanglij Iraner, Baio hat irisch-italienische Wurzeln und Tomson ukrainische. Daraus schaffen sie auf dem selbstbeschriebenen Abschluss ihrer „New Yorker Album-Trilogie“ eine Mischung, die zwar im ersten Moment deutlich reduzierter als noch die Vorgänger daher kommt, am Ende jedoch zum ersten Mal das Versprechen auf mehr Nachhaltigkeit einlöst. Auf „Modern Vampires Of The City“ zapfen Vampire Weekend die geschichtsträchtigen Lebensadern ihrer Heimatstadt an. Und liefern eines der wohl besten, schönsten und vielschichtigsten All-New York-Alben dieses Jahres ab.

 

Hier gibt’s die Videos zu „Diane Young“…

 

…“Ya Hey“ (nein, keine Angst, hier läuft kein Outkast-Song rückwärts!)…

 

…und „Step“ (meinem persönlichen Album-Highlight!), welche den Stücken eine gewinnbringende optische Komponente hinzufügen:

 

Rock and Roll.

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Die Woche in Bild und Ton…


Damit ihr nicht vollkommen den Überblick über alle hörens- und sehenswerten Neuerscheinungen der letzten Woche(n) verliert, hat ANEWFRIEND hier wieder einige der Videoneuerscheinungen der letzten Tage für euch aufgelesen…

 

Herrenmagazin – Landminen

Herrenmagazin - Landminen (Szene)

Ich geb’s zu: so sehr ich mich auch auf „Das Ergebnis wäre Stille„, das dritte Album der Hamburger von Herrenmagazin, gefreut habe – so richtig zünden konnte es bisher (noch) nicht. Aber da gut Ding ja stets auch ein wenig Weile haben will, gönne ih der Platte im Laufe des Jahres sicherlich noch einige Durchläufe und wart’s einfach ab. Maybe it’s a slower grower….

Fein anzuschauen ist jedoch das Video zur zweiten Single „Landminen“, das in ausdrucksstarken Bildern von den großen wie kleinen Dramen des Lebens erzählt, während die Tageszeitung in den Händen von Sänger Deniz Jaspersen zu Asche verbrennt…

 

 

 

Queens Of The Stone Age – I Appear Missing

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Es war zu erwarten gewesen: als bekannt gegeben wurde, dass kein Geringerer als Foo Fighters-Derwisch Dave Grohl für das erste Queens Of The Stone Age-Album seit sechs Jahren erneut die Trommelstöcke in die Hand nehmen würde, überschlug sich die gesamte Rockmusikjournalie quasi mit hochgestochenen Erwartungshaltungen. Würde „…Like Clockwork„, das am 31. Mai erscheint, nun wieder etwas kohärenter gelingen als der stilistisch (zu) breitgefächerte Vorgänger „Era Vulgaris„, gar das bisherige, elf Jahre zurückliegende Opus MagnumSongs For The Deaf“ (damals saß Grohl ebenfalls hinterm Drumkit) übertreffen können? Nun, zweiteres bleibt abzuwarten. Doch die aus Jake Shears (Scissor Sisters), Alex Turner (Arctic Monkeys), James Lavelle (UNKLE), Trent Reznor (Nine Inch Nails), Mark Lanegan oder Alain Johannes bestehende Gästeliste spricht bereits für sich. Mehr Namen gefällig? Klar, denn Bandkopf Josh Homme konnte sogar Ex-Distillers-Punkröhre und Ehefrau Brody Dalle sowie den vor Jahren wegen ewiger Eskapaden aus der Band geworfenen Bass-Weirdo Nick Oliveri sowie – jawoll! – Sir Elton John für Beiträge zum neuen Album gewinnen…

Ton und Bild des Vorabsongs „I Appear Missing“ lassen auf Großes hoffen und steigern die Erwartungshaltung? So fucking right, dude! 2013 bleibt in Punkto Musikneuerscheinungen exzellent – und wird immer besser…

 

 

 

Biffy Clyro – Different People (live from London)

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Die Band veröffentlicht Doppelalben, hat danach immer noch ausreichend ausgezeichnete Songs, die sie als B-Seiten „verbraten“ kann, spielt umjubelte Konzerte vor 20.000 Zuschauern in der Londoner O2 Arena – längst haben die drei Schotten von Biffy Clyro so einige Messlatten übersprungen, von denen sie vor einige Jahren wohl selbst kaum zu träumen gewagt hätten…

Dass ihre Musik dabei zwar an Pathos und Größe zugelegt, jedoch keineswegs in Qualität eingebüßt hat, haben sie unlängst mit ihrem aktuellen Album „Opposites“ bewiesen. Und ich? Liebe es! Vollstens. Immer noch.

Hier kann man der Band um Frontmann Simon Neil bei der Eröffnung ihres kürzlich absolvierten Konzerts in London zu sehen. Oberkörperfrei, natürlich.

 

 

 

The National – Sea Of Love

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Klar, über The National wurde hier auf ANEWFRIEND in den letzten Wochen bereits eingehend berichtet. Und doch rechtfertigt jedoch neue Song vom kommenden Album „Trouble Will Find Me„, der dieser Tage seinen Weg ins weltweite Netz findet, seine Erwähnung quasi schon vom ersten Ton an. Denn diese Band war besonders. Sie ist es. Sie bleibt es.

Nun haben Sänger Matt Berninger & Co. ein erstes Video zum aktuellen Album gedreht. In „Sea Of Love“ halten sie’s betont minimalistisch, huldigen damit – einer eigener Aussage nach – stilistisch eigenen Punkrock-Idolen wie den Replacements – und lassen im Vordergrund sogar den Luftgitarrenspielernachwuchs mitrocken…

 

 

 

Vampire Weekend – Step

Vampire Weekend - Step (Szene)

Es muss raus: Ich bin verliebt! Und zwar in diesen einen Song! Und zwar in dieses eine Albumcover! Das interessante daran ist, dass das Stück „Step“ vom neuen Album der New Yorker Band Vampire Weekend stammt, mit deren ersten beiden Alben ich praktisch nichts anfangen konnte. Auf „Modern Vampires Of The City“ jedoch vollzieht die Band, zu deren prominentesten Fans und Befürwortern kein Geringerer als Schauspieler Steve Buscemi zählt, quasi eine Kehrwende weg von den hibbeligen Hipster-Weltmusik-Tanznummern der vergangenen Jahre und hin zu mehr Tiefe und Langlebigkeit. Sollte irgendjemand in der kommenden Zeit noch den passenden Album-Soundtrack für einen Streifzug durch die Straßen des „Big Apple“ benötigen – nehmt „Modern Vampires Of The City“! Mehr dazu demnächst hier auf ANEWFRIEND

 

 

Und da ich ja bereits das tolle Albumcover erwähnte habe, kann ich es euch zum Abschluss kaum vorenthalten:

Modern Vampires Of The City (Cover)

 

Rock and Roll.

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