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Song des Tages: Martha – „Love Keeps Kicking“


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„Ich glaube nicht, dass ich auf meinem Sterbebett denken werde: ‚Hätte ich mal lieber an meinem Lebenslauf gearbeitet anstatt auf Tour zu gehen’“, sagte Nathan Stephens-Griffin von der britischen Band Martha 2014 im Interview mit dem Radiosender NPR. Sicher, datt: Martha sind „Punk“ durch und durch – vegan, (teils) straight edge, antirassistisch und antikapitalistisch. J.C. Cairns (Gitarre, Gesang), Daniel Ellis (Gitarre, Gesang), Naomi Griffin (Bass, Gesang) und Nathan Stephens-Griffin (Schlagzeug, Gesang) sind auch: recht krasse Musik- und Literatur-Nerds, mit einem stets augenzwinkernd nordenglischen Sinn für Humor und Fatalismus.

5060366787101Auf „Love Keeps Kicking„, ihrem im April erschienenen dritten Album, spickt das Quartett aus dem Durham’schen Vorort Pity Me (ja, der heißt tatsächlich so!) ihre Songs – zwischen Eighties-Jangle, Power-Pop und Indie-Rock – mit Anspielungen und Referenzen – etwa an die afroamerikanische Schriftstellerin Maya Angelou, die Schweizer Proto-Feministin Isabelle Eberhardt oder den Weird Fiction-Giganten H.P. Lovecraft. Im Musikvideo zum luftigen Titelsong kickt ein überdimensionaler Fuß in weltbester Fifties-SciFi-Filme-Persiflage-Manier fortwährend Menschen durch die Gegend oder trampelt sie platt, während die Band dem Treiben vom Sofa aus zusieht und sich uneins ist, was das alles zu bedeuten hat – bis Gitarrist Daniel Ellis eingreift…

Aber eigentlich geht es um das, was schon im Albumtitel, bei dem das große Four-Letter-Word ganz am Anfang steht, angedeutet wird: die kleinen und großen Schmerzen, die wir uns selbst zufügen, indem wir uns auf andere Menschen einlassen. Die neuste Platte des Power-Pop-Punk-Quartetts versteht sich als Trennungsalbum, begreift die olle Liebe allerdings nicht allein als Auslöser von Schmerz, sondern auch als dessen wirkungsvollstes Heilmittel.

Version 2

Schnörkellos und mit nahezu durchweg hohem Tempo jagt der Vierer durch die elf Songs, allerdings mit einem so griffigen Songwriting, das man trotz des ein oder anderen Drehwurms nie die Orientierung verliert sowie mit stürmischen Power-Pop-Punk, der mit Mehrstimmigkeit und eingängigen Gitarren-Hooks keinen Muskel unbewegt lässt. Da landen sie etwa bei „Sight For Sore Eyes“, einem der besten Stücke der Platte, das die perfekte Balance zwischen Melancholie und Euphorie findet. Oder auch beim freudig-folkloristischen Einstieg „Heart Is Healing“ sowie dem bereits erwähntem Titelstück, nur echt mit beklopptem B-Movie-Video samt riesigem Monsterfuß. In der zweiten Hälfte beweisen Martha indes, dass ihre Philosophie auch ein paar stilistische Ambitionen zulässt. Zwar gibt es hier, wie noch beim 2016er Vorgänger „Blisters In The Pity Of My Heart„, keinen Siebenminüter à la „Do Nothing“, dafür aber „Brutalism By The River (Arrhythmia)“, das nach anderthalb Minuten plötzlich in einen Shoegaze-Part kippt und zu einer großartigen Klimax zusammenläuft. „Orange Juice“ erinnert mit seiner sehnsuchtsvollen Epik sogar an ewige Indie-Emo-Größen wie The Weakerthans oder Jimmy Eat World – dass eine nordenglische Provinz-Band je so amerikanisch klang, darf bezweifelt werden.

Was Martha mit Genre-Kollegen wie den Muncie Girls verbindet? Dass bei all dem Hochleistungsbetrieb die wirklich tollen Texte manchmal etwas unterzugehen drohen. Daran ändert sich auch auf „Love Keeps Kicking“ wenig – gerade „Mini Was A Preteen Arsonist“ (das seine Ramones-Referenz voller Stolz im Titel trägt) ist mit seiner süßen, aber auch bestimmten Geschichte von kindlicher Rebellion ein aufmerksames Ohr wert. Selbst allereinfachste Zeilen wie „I don’t know what to do now“ können dann tief ins Fleisch drücken, gipfelnd in „The Only Letter That You Kept“, dem wohl bislang herzzerreißendsten Song der Band: Bassistin Naomi Griffin singt nur von ein paar Gitarren begleitet von früher Heirat und falscher Liebe, bis ihre Kollegen im finalen Chor den Haken hinter die Vergangenheit setzen. Martha zählen nicht nur deshalb zur Genre-Spitze ihres Landes, weil sie so großartige, mitreißende Musik machen, sondern weil sie jeden Ton und jedes Wort absolut aufrichtig rüberbringen. Wer sich nicht am mit breitem nordenglischen Slang vorgetragenen, charakteristisch zweistimmig-quietischigen Gesang der Doppelspitze aus Naomi Griffin und Nathan Stephens-Griffin sowie den hell krachenden Slacker-Gitarren stört, mag sich positiv an Bands wie Belle & Sebastian, The Replacements, Cheap Trick, Ted Leo and the Pharmacists oder The Vaselines erinnert fühlen. Wäre auch zu schade gewesen, wenn mir die Band 2019 komplett durch die Lappen gegangen wäre…

 

 

„Ooh yeah

Things got weird the night you burned the hair to seal the hex
I need a paid interpreter to decipher your midnight texts
You were tripping fractals from the pills you took with Paul
Sometimes I feel so empty I just wanna leave it all

Love keeps kicking, ooh yeah…

Dressed for the reception, you were coping with the blues
When you got smashed and tried to mosh to Huey Lewis and the News
When granny took a tumble you were exiled to the Crown
You played the one armed bandit till the landlord chucked you out and he said

Love keeps kicking (Love keeps kicking), ooh yeah…

You said love keeps kicking the shit out of me and there’s no solution I can see
No happy pill, no drinking bleach, no permanent lobotomy
Oh I tried living, I tried giving, I tried fibbing, I tried kidding
I tried wishing, I tried switching, I tried sitting, and I tried drifting
I tried quitting, I tried splitting, I tried shifting, I tried committing
Tried to make it, tried resisting, tried insisting
You’re not listening

Love keeps kicking (Love keeps kicking), ooh yeah…“

 

Rock and Roll.

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Der Jahresrückblick – Teil 1


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Was für Musik braucht man in einem Jahr wie diesem? Solche, bei der die Halsschlagader wild pocht und der ganze gerechte Zorn auf die Welt ein brodelndes Ventil bekommt. Solche, die einem sanft über den Kopf streicht und einem die Hoffnung einhaucht, dass alles schon besser werden wird – irgendwann, irgendwie. Und auch solche, die einen in ihrer Euphorie einfach gnadenlos mitreißt, und einen – im besten Fall – alles andere – das Gute wie Schlechte – für Momente vergessen lässt. Zwischen diesen drei Fixpunkten ist in meiner Bestenliste der persönlich tollsten Alben des Musikjahres 2019 einmal mehr wenig zu finden, an den Endpunkten dafür umso mehr. Bühne frei und Vorhang auf für ANEWFRIENDs Alben des Jahres!

 

sam fender1.  Sam Fender – Hypersonic Missiles

Knapp zwei Jahre lang hätte Sam Fender auch gut als Spiegel für das musikalische Konsumverhalten der ADHS-geschädigten breiten Masse herhalten können. Wer braucht schon noch Alben, wenn der Künstler des Vertrauens reihenweise Songs raushaut, die sich via Spotify und Co. doch allzu hervorragend in die persönliche Playlist integrieren lassen? Anders hier: Die elf zwischen 2017 und dem Erscheinungstag von „Hypersonic Missiles“ im September diesen Jahres veröffentlichten Stücke (von denen sich schlussendlich nicht einmal alle auf dem Album wiederfinden) waren vielmehr ein wahres Appetizer-Festival und so etwas wie die Deluxe Edition eines erwartungsfreudigen Spannungsbogens. Parallel zur Release-Strategie ließ sich eine immens wachsende Fanschar ausmachen, die den Newcomer im Londoner Hyde Park auf dieselbe Bühne mit Größen wie Bob Dylan oder Neil Young spülte. Was summa summarum nach Hype müffelt, mag wohlmöglich auch einer sein. Aber wenn, dann ist es im doch recht schnelllebigen Pop-Rock-Bizz einer berechtigtsten der vergangenen Jahre. Potential? En masse vorhanden.

Oder reiten Sam Fender und seine Band doch vielmehr auf der Retro-Welle? Schließlich reichen schon ein paar Töne zu Beginn des Albums, um Fenders Vorliebe für Bruce Springsteen als fast schon schamlos direkte, ehrwürdig inszenierte Verbeugung im Soundbild zu identifizieren. Die Saxophon-Soli im eröffnenden Titelstück und in „You’re Not The Only One“ fungieren als unverhüllte Hommage an den großen Clarence „Big Man“ Clemons – bis zu seinem Tod 2011 jahrzehntelang Springsteens wohl wichtigstes Puzzle-Stück in der berühmt-berüchtigten E Street Band – und sind gerade im Dialog mit dem Glockenspiel und der leicht zeternden E-Gitarre ein untrügliches Zeichen für expliziten Boss-Content. Der straighte Beat mit Achtziger-Touch in „The Borders“ und die Geschichte über unglückliche, zerrüttete und zerrissene Familien lassen sich als eine klangliche Addition zu Evergreens wie „Dancing In The Dark“, „Bobby Jean“ oder „No Surrender“ hören, während die Gedanken spätestens im ausgedehnten Outro (und vor allem der stellenweise doch recht flächigen Produktion wegen) zu The War On Drugs‘ „A Deeper Understanding“ wandern. Der feine, dezent hibbelige Unter-drei-Minuten-Ohrwurm “Will We Talk?“ hingegen könnte auch unter den Bannern New Jersey meets Newcastle oder Springsteen meets The Strokes‘ „Last Nite“ stehen – eine Wiederaufführung des altbekannten Dramas der verlorenen Jugend, jedoch eine mit neuer Dringlichkeit.

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Fest steht, erfreulicherweise: Samuel Thomas Fender hält dem Erwartungsdruck über den ersten (Ohren-)Eindruck hinaus problemlos Stand. Er ist nicht nur ein (weiterer) bleichgesichtiger Justin-Bieber-Lookalike-Hansel mit Gitarre, dem von irgendwelchen findigen PR-Managern ein leidlich interessanter Lebenslauf samt veritablen Referenzpunkten angedichtet wurde. Live ohnehin nicht. Wie er mit seinen Band-Lads agiert, unachtsam-juvenil die eigenen Stimmbänder strapaziert und sich am Ende verdutzt fragt, warum sich plötzlich so viele Menschen für einen 25-Jährigen aus North Shields im Nordosten Englands interessieren, der sich – ganz englisches Klischee – bis vor Kurzem noch mit dem Zapfen von Pints hinter dem lokalen Pub-Tresen über Wasser hielt, das besitzt schon ein gewisses Maß an unaufgesetztem Charme. Die Live-Version von „Use“ (oder eben zig im reduzierten Ambiente aufgenommene Live Sessions bei YouTube und Co.) dient insofern als Beleg, dass Sam Fender, lediglich vom Keyboard oder seiner E-Gitarre begleitet, durchaus in der Lage ist, dem Hörer auf beeindruckende Weise Volumen und Bandbreite seiner Stimmbänder um die Ohren zu pfeffern.

Ebenso erfreulich: Bei genauerem Hinhören überzeugt der junge Brite auch textlich. So hält er schlagenden Vätern und tablettenabhängigen Müttern ebenso den trüben Alltagsgrau-Spiegel vor wie der Masse von traditionell zum nächstbesten Absturz wankenden Binge-Trinkern („Saturday“). Das sinistre „Play God“ zeichnet autokratische Allmachtsfantasien, und seine ungefilterten Wahrnehmungen im beatlosen „White Privilege“ reichen von einer zur Kleingeistigkeit verdammten Generation über digitales Meinungszerfleischen bis hin zu den “old cunts“, die gemeinsam mit ihrer Upper-Class-Mischpoke und einer Horde aus tumben „Yes!“-Brüllern den Brexit (und dessen Chaos) verbockt haben: „The patriarchy is real, the proof is here in my song / I’ll sit and mansplain every detail of the things it does wrong / ‚Cause I’m a white male, full of shame / My ancestry is evil and their evil is still not gone“. Als zackiger Hit verpackt, thematisiert Fender zu treibenden Gitarren in „Dead Boys“ (welches bereits der 2018er Debüt-EP ihren Titel gab) die Ignoranz gegenüber der hohen Selbstmordrate junger Männer in seiner Heimat. Er, der selbst Freunde durch Suizid verlor, führt in der Herleitung mit „toxic masculinity“ einen Begriff aus der Soziologie an, dem er bereits im vergangenen Jahr auf „Friday Fighting“ Beachtung schenkte: „We close our eyes, learn our pain / Nobody ever could explain / All the dead boys in our hometown“. Fazit? In Indierock eingelegte Gänsehaut.

Sam Fender ist weder Problemlöser noch Analytiker, sondern aufgewühlter Beobachter und Zeichner von Verzweiflung. Irgendwo zwischen Herz, Hirn, Seele und Arschtritt treffen zwischenmenschliche Geflechte und Pub-Talk auf geo-, sozio- und gesellschaftspolitische Themenkomplexe. So wohnt dem Namenspatron der Platte, „Hypersonic Missiles“, ein morbider Zauber inne. Während die Welt unter Raketenbeschuss zugrunde geht, blüht die Beziehung zweier Liebender auf. Fender selbst bezeichnet das Stück als eine verkappte Liebesgeschichte: „This world is gonna end but ‚til then I give you everything I have“ – ein Boss-Move galore (ebenso übrigens wie die augenzwinkernde Behauptung des 2019er Senkrechtstarters, mit seinem Langspiel-Debüt so etwas wie „eine Emo-Version von ‚Darkness On The Edge Of Town‘“ im Sinn gehabt zu haben). Nach den rauschhaften Rocknummern und einem dicken Paket an Hits versteckt der Mittzwanziger zum Ende des Debüts in „Leave Fast“ einmal mehr eine seiner springsteen’schen Fluchtpunktperspektiven. Hieß es anno dazumal beim US-Vorbild noch „We gotta get out while we’re young“ oder „It’s a death trap, it’s a suicide rap“, singt Sam Fender nun mit Blick auf seine politisch vernachlässigte Kleinstadt und Heimat „Leave fast or stay forever“. Entkontextualisiert bitte letzteres. Denn obgleich Sam Fender – zum Glück – kein Kaschemmen bespielender Geheimtipp mehr sein mag, so ist der Brite doch ein gern angenommenes Geschenk. File under: Die Frontmänner von The Gaslight Anthem und The Killers treffen sich im englischen Pub zum schwarzhumorigen Springsteen-Tribute-Abend. Rein zufällig würde man Sam Fender denn noch genau zwischen ebenjene Brian Fallon und Brandon Flowers ins Albumregal einsortieren… Aber an Zufälle glaube ich sowieso nicht. Von daher: (m)ein verdientes Album des Jahres.

 

 

thees uhlmann2.  Thees Uhlmann – Junkies und Scientologen

Die Schönheit der Chance: Thees Uhlmann musste erst seine Begleitband neu durchmischen, musste erst ein missglücktes Album in die Studiotonne werfen, damit ihm „Junkies und Scientologen“ gelingen konnte – und das ist mit seinem Töne gewordenen Lebenshunger und Optimismus, mit seinem Füllhorn an verschmitzten popkulturellen Anspielungen eine der zweifellos wichtigsten (deutschsprachigen) Platten des Jahres. Klingt 2019 sonst – und selbst beim Radiopop von Abwegig-Popsternchen Billie Eilish („bad guy“) – allzu oft hülsenreich bedeutungsgeschwängert, ernst und schwer, so geht „Uhlo“ auf seinem dritten Solo-Album, auf das seine Fans geschlagene sechs Jahre warten mussten, viele Dinge wieder etwas anders an, bringt – nach dem tollen Einstieg „Fünf Jahre nicht gesungen“ – schon in den ersten vier Stücken drei popkulturell gefärbte Liebeserklärungen – und sprechsingt in bekannt-unnachahmlicher Manier in „Danke für die Angst“, „Avicii“ und „Was wird aus Hannover“ nicht nur über den (ohnehin gerade oft Tribut gezollten) Horror-Kultautor Stephen King, den im vergangenen Jahr jung verstorbenen schwedischen Pop-DJ und die niedersächsische Landeshauptstadt (als Metapher für bundesdeutsche Verdienstrocker wie die Scorpions), sondern das Leben an sich als stetig buntes Wunder (der kaum weniger tolle, gleichsam sympathische Gisbert zu Knyphausen brachte es vor ein paar Monden mit der Zeile „Die Welt ist grässlich und wunderschön“ auf ebenso treffliche Weise auf den Punkt) Ob in Dur oder in Moll, in melancholischen Balladen oder enthusiastischem Indierock, ob in der Spingsteen’esken Musik-Lobpreisung „100.000 Songs“ oder dem stillen Nachruf „Menschen ohne Angst wissen nicht, wie man singt“: Überall blickt Uhlmann mit so viel Wärme und Mitgefühl auf das Leben, schüttelt locker, beschwingt, federleicht und selbstsicher die Hits und Punchlines aus den Ärmeln seines GHvC-Longsleeves, dass sich am Ende jede noch so gedehnte Silbe und jeder hemdsärmelig-ehrlich zurechtgebogene Reim absolut richtig, absolut gelungen anfühlt. Zumal „Junkies und Scientologen“ zwar von der erhabenen Alltagsphilosophie des Musikers, der 2015 mit „Sophia, der Tod und ich“ auch unter die Romanautoren ging, lebt, dazwischen aber immer wieder klare Haltung aufblitzt: die Leadsingle, das sechsminütige Titelstück oder das im Grunde doch recht alberne „Katy Grayson Perry“ lassen in nur wenigen Worten durchblicken, was von Nationalismus und Misogynie zu halten ist – ein Mittelfinger mit Herz(chen). So ist „Junkies und Scientologen“ nicht nur Uhlmanns bisher gelungenster Alleingang (der obendrein in der erweiterten Version noch mit feinen Coverversionen von Künstlerinnen wie Sophie Hunger oder Judith Holofernes punktet), sondern irgendwie auch wie ein Kneipenabend mit einem alten Freund: Danach mag zwar noch immer derselbe nasskalte Herbstregen auf einen hinab prasseln, aber die Welt, sie fühlt sich ein kitzekleines Stückchen sonniger und heiler an.

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better oblivion community center3.  Better Oblivion Community Center – Better Oblivion Community Center

Sollte heutzutage noch jemand Liebeskummer haben oder an gepflegten Selbstzweifeln laborieren, so sind Conor Obersts Bright-Eyes-Veröffentlichungen von „Letting off the Happiness“ bis mindestens „Cassadaga“ nach wie vor eine gute Soundtrack-Adresse. Doch die Zeiten sind komplizierter geworden, und auch Oberst selbst, mittlerweile eigentlich teenage angst-ferne 39 Lenze alt, strauchelte in den letzten Jahren mit mal feinen, mal jedoch auch mittelmäßigen Soloalben oder recht altbacken dadrockenden Americana-Projekten – auch wenn jüngst mit der zusammenhängenden Doppel-Veröffentlichung von „Ruminations“ und „Salutations“ die Alt.Country-meets-Indiefolk-Formkurve wieder nach oben zeigte (ersteres war anno 2016 gar ANEWFRIENDs „Album des Jahres“). 

Nun hat das „Wunderkind mit Reifegrad“ ausgerechnet in der 25-jährigen Songwriterin Phoebe Bridgers (s)eine gleichgesinnte Seele und Duettpartnerin gefunden – ebenjene Phoebe Bridgers, auf deren herausragendem Debüt-Longplayer „Stranger In The Alps“ er bereits bei der einsamen Nummer „Would You Rather“ zu hören war und die zuletzt mit dem boygenius-Projekt an der Seite von Lucy Dacus und Julien Baker überzeugen konnte. Gemeinsam stecken die beiden unter dem nebulös-vielsagenden Banner Better Oblivion Community Center das Feld zwischen Emo-Folk und Indierock neu ab, und anstatt wieder einmal die Mundharmonika hervor zu kramen, setzen sie bei „Exception To The Rule“ auch mal Synthies ein oder verschleppen bei „Sleepwalkin’“ die Gitarrenakkorde. Während Oberst hier an alte Glanzleistungen anknüpfen kann, ist es Bridgers, die mit einer ganz neuen Wandelbarkeit begeistert. In „Big Black Heart“ schreit sie sich das titelgebende schwarze Herz aus dem Leib. Im Kontrast dazu steht der Opener „Didn‘t Know What I Was In For“, in dem sie so einsam und verlassen wie der letzte Mensch auf der Welt klingt. Bei der durchaus fuzzig-hittigen Single „Dylan Thomas“ ist dann auch noch Yeah Yeah Yeahs-Saitenmann Nick Zinner an der Gitarre dabei, und selbst wenn die Ballade „Chesapeake“, welche Phoebe Bridgers als zarte Duett-Partnerin zeigt, die sich mit ätherischen Harmonien wie eine beruhigende Warmfläsche an Conor Obersts nervöse Stimme anschmiegt, nach dem ein oder anderen Tränchen verlangt und sich die Texte immer wieder in der Beschissenheit der Gegenwart verfangen, haben die beiden doch auch kleine Auszeiten eingebaut. Ganz zum Schluss heißt es in „Dominos“ sogar „If you’re not feeling ready, there’s always tomorrow“. Ergibt schon Sinn, dass Oberst und Bridgers ihr Bandprojekt Better Oblivion Community Center nennen und es zur Hauruck-Veröffentlichung im Januar gar mit mit einer fingierten Infobroschüre samt Hotlinenummer bewarben. Dieses Update schadet der alten Bright-Eyes-Sammlung auf keinen Fall, und der (beileibe nicht unkritische) olle Conor-Oberst-Ultra in mir jubiliert ohnehin einmal mehr.

 

 

steiner & madlaina4.  Steiner & Madlaina – Cheers

Schon bemerkenswert, was Nora Steiner und Madlaina Pollina, jüngere Schwester von Julian „Faber“ Pollina, da auf ihrem gemeinsamen Album „Cheers“ auf die Schweizer Beine stellen. Und selbst, wenn der scheinbar mühelos zwischen Stimmungen und Genres changierende Zehnerpack an Songs bereits 2018 erschien, so bleibt unterm Strich eines meiner liebsten (Herbst)Alben des Musikjahres. Hört, hört!

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greet death5.  Greet Death – New Hell

Wie ich vor einigen Wochen schrob: „Obwohl ‚New Hell‘, Great Deaths so unerwartet wie unverhofft grandios mit schwerem Herzen daher rockender zweiter Albumstreich, stellenweise recht introspektiv und keineswegs leichter Tobak ist, wurde schöner länger nicht mehr in aschfahl schimmernden Herbstdepressionsgewässern gebadet. Sollte man gehört haben!“

Stimmt natürlich immer noch. Dieses Ungeheuer von Album kam krachend durch die Tür, hat mich in seine Krallen genommen und bis jetzt nicht wirklich losgelassen. Greet Death, die Band dahinter, rückt aber auch jeden Knopf, der mich potentiell anmachen könnte: Emo, Indie Rock, Shoegaze, Post Rock – und dann alles einfach mal in einen Topf voll mit tiefstem Schwarz getaucht. Denn viel Sonne? Kommt hier nicht durch. Am meisten beeindruckt dabei die Wandlungsfähigkeit: Vom schweren Opener „Circles Of Hell“ (puh) zur leisen Folk-Ballade „Let It Die“ (uff) bis hin zum Fast-Popsong „Do You Feel Nothing?“ (verdammt) und dem übergroßen „You’re Gonna Hate What You’ve Done“ (jeez). Dauerschleife seit Release, mit Tendenz zum Grower über alle Maßen. Und belegt daher, als Album, in das man sich Hals über Kopfhörer fallen lassen kann, als überraschender Späteinsteiger einen verdienten vorderen Platz in den Langspieler-Bestenliste. Geheimtipp des Jahres.

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tool6.  Tool – Fear Inoculum

Die unmögliche Platte. Der BER würde früher fertiggestellt sein als dieses eine Album, hieß es. Axl Rose wäre bereits neidisch, hieß es. Dreizehn Jahre nach „10,000 Days“, als wirklich niemand mehr tatsächlich daran glaubte, gaben uns Tool: den Rest, das Maximum, die neuste, die eventuell endgültige Selbstverortung. Und das Album, das sich langfristig vielleicht nicht als ihr bestes, dafür jedoch als jenes mit dem größten Tool-Trademark-Faktor erweisen wird – ihre Visitenkarte ab sofort, wenn man so mag. 

Nach allem, was zum fünften Album der zweifellos wichtigsten Band des Alternative Metal geschrieben wurde – nicht zuletzt in all den Jahren bevor „Fear Inoculum“ tatsächlich erschien -, sucht man instinktiv nach einem der weniger ausgelatschten Pfade, um sich den fast 90 Minuten zu nähern. Zum einen holt einen das Album genau da ab, wo Tool 2006 den letzten Ton auf Band gespielt hatten. Ein klares Soundkonzept, so archaisch und selbstbestimmt wie in den ersten Momenten von „Sober“ oder den letzten von „Rosetta Stoned“, ohne aufgeblasene Production Values und übermäßige technische Kosmetik. Alles, wirklich alles auf „Fear Inoculum“ ist Handwerk, so bestechend, dass einem die kleinen Ungenauigkeiten, die diese Band nie durch Quantisierung glattbügeln würde, die Haare zu Berge stehen lassen. Das vielschichtige Schlagzeugspiel, die mittenlastige Gitarre, der wuchtige Bass: Das, was den Sound von Tool so ikonisch, so unverwechselbar macht, ist seine Konsequenz. Leicht haben es sich Danny Carey, Adam Jones und Justin Chancellor dabei nicht gemacht. Die sorgfältig gebauten Prog-Spannungsbögen, die sie ihrem Sänger zu Füßen legen, nimmt Maynard James Keenan mit bis dato ungehörter Disziplin und Eleganz auf (wenngleich sich der oberflächlich kreative Anteil des seit eh und je enigmatischen Frontmanns auf den neusten Stücken etwas geringer als noch auf früheren Werken gestaltet). 

Klar: Eine Band, die in 29 Jahren gerade einmal fünf Alben veröffentlicht, aber trotz alledem als eine der relevantesten Metal-Bands des Universums und als lebendes Gesamtkunstwerk gefeiert wird, sklavisch verehrt wird von (s)einer Heerschar von Die-Hard-Fans, die sich auch exorbitante Preise für die audiovisuellen Leckerbissen eines Tool-Artworks vom Munde absparen, konnte mit „Fear Inoculum“ musikalisch nicht wirklich etwas falsch machen. Allen Unkenrufen zum Trotz ist das Album trotzdem genau das monströse Meisterwerk geworden, das man sich gewünscht hat. Und ebenjenes wird wohl mindestens 10.000 Durchgänge benötigen, um es im Ansatz zu begreifen…

 

 

amanda palmer7.  Amanda Palmer – There Will Be No Intermission

Um gar nicht erst den Anschein von Mansplaining zu erwecken – niemand mit Y-Chromosom kann einschätzen, was sich wie für eine Frau ändert, wenn sie Mutter wird. Im Falle von Amanda Palmer ermöglicht ihr drittes Soloalbum (das erste seit 2012, obwohl die Ex-Dresden-Dolls-Frontfrau andererseits keine wirkliche Kreativpause kennt) aber zumindest eine vage Vermutung.

Dass Palmer auf „There Will Be No Intermission“ über Themen wie Fehlgeburten, Abtreibungen und den Verlust von Freunden an das alte Arschloch Krebs auch aus eigenen Erfahrungen berichtet, sollte die wenigsten Fans und treuen Patreon-Unterstützer schockieren. Schließlich gehört sie zu jenen Künstlerinnen, die aus ihrem Privatleben und ihren innersten Gedanken nie einen Hehl machten, wie Unmengen von Tweets, Blog-Einträgen und Video-Tagebüchern ebenso zeigen wie das reine Ausmaß der oft autobiographischen Geschichten, die auf diesem nicht eben einfach zu hörendem Werk erzählt werden: Mehrere dieser epischen Diskurs- und Klagelieder knacken (fast) die Zehn-Minuten-Marke, einige davon sind recht monoton und karg mit Ukulele instrumentiert, als könnte der Drang, zu erzählen, kein großes Brimborium und keine ausgefeilten Songwritingprozesse abwarten.

So ist „Drowning In The Sound“ einer ebenjener liebgewonnenen Amanda-Palmer-Standards mit Stakkatoklavier und dramatischer Phrasierung, „The Thing About Things“ wiederholt das gleiche Prinzip an der Ukulele, bevor sich der Song zur Hymne aufbäumt. Ihre teils fast schon zynische Leichtfüßigkeit kann Palmer dennoch nicht ganz einbüßen: In „A Mother’s Confession“ lässt sie einen ganzen Frauenchor schmettern, dass trotz aller Probleme und Fehlerchen immerhin das Baby noch nicht tot sei; die Angst vor der Unberechenbarkeit des Lebens mit einer Zeile wie „Suicide, homicide, genocide – that’s a fuckton of -cides to choose from“ auszudrücken, würde auch nicht jeder einfallen – doch auch deshalb wird die 43-jährige Herzblut-und-Herz-auf-der-Zunge-Indie-Musikerin von ihrer Hörerschaft mit Haut und Haar geliebt. Im Gegensatz zu (insbesondere) den frühen Dresden-Dolls-Werken geschieht dies jedoch immer öfter in einem gemächlichen Dreivierteltakt und – bis auf Zoe Keatings Cello in „Bigger On The Inside“ – mit Fokus auf dem Piano (oder eben der Ukulele).

Mit dem Stream-of-consciousness-Mammutwerk „There Will Be No Intermission“ festigt Amanda Palmer endgültig ihre Stellung als Grande Dame in ihrem Genre (welches das auch immer sein mag). Nur der Albumtitel „There Will Be No Intermission“ stimmt hinsichtlich der vielen kleinen filmsoundtrackhaften Interludes, die Melodiefragmente oder Textzeilen der Songs aufgreifen, wohl nicht ganz. Mit diesen reizt die Platte die klassisch-altmodischen 80 Minuten Speicherkapazität einer CD fast komplett aus – und das, ohne – fernab von Easy Listening – an irgendeiner Stelle je zu langweilen.

 

 

last train8.  Last Train – The Big Picture

Hört man die Songs von Last Trains zweitem Album „The Big Picture“, so würde man diese durchaus rauschhaft-wilde, im besten Sinne gleichsam jung wie befreit aufspielende Rock-Orgie leichtfertig irgendwo zwischen San Francisco, Seattle, Manchester, Chicago und Down Under verorten, jedoch kaum in einer 100.000-Einwohner-Stadt im Elsass. Auch (und gerade!) deshalb ist das erstaunlich junge Quartett Frankreichs formidabelste Rockband des Musikjahres. Pas de discussion, sans doute!

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faber9.  Faber – I Fucking Love My Life

Im Jahr 2017 veröffentlichte der Schweizer Faber mit „Sei ein Faber im Wind“ sein Debüt, das Polka und Blechbläser mit kontroversem, bissigem Songwriting verband (und absolut zurecht ANEWFRIENDs „Album des Jahres“ wurde). Die einen lobten Julian Pollina in den Himmel, andere sahen in ihm nur einen Provokateur, der es verstand, seine Musik ins Scheinwerferlicht zu rücken (und überhörten somit dessen kluges Zerrspiel mit anderen Identitäten).

Zwei Jahre später liefert Faber nun den mit Spannung erwarteten und in Gänze deutlich reiferen, experimentelleren Nachfolger „I Fucking Love My Life“. Dort wettert er zwar immer noch am liebsten gegen die Millennials, Social Media und den Abstieg ins Spießbürgertum, aber die musikalische Untermalung kommt um einiges vielseitiger ums Eck: teils nur mit Akustischer („Ihr habt meinen Segen„), dann wieder mit größenwahnsinnigem Nölen, Streichern und Piano erforscht Faber die eigene Bandbreite und die seiner Band. Lange im Kopf bleiben Zeilen wie „Ich hab‘ mehr Highlights im Gesicht als im Leben“ oder auch „Ich würd‘ gerne Immobilienhaie fischen aus dem Zürichsee mit dir“ (und freilich die Kontroverse um den Vorab-Song „Das Boot ist voll„). Das Albumcover zeigt ihn im Stile eines Paparazzi-Schnappschusses im Morgenmantel mit Goldkettchen und Kippenschachtel – Großkotzigkeit, Mummenschanz und Ironie gehen bei Julian „Faber“ Pollina auch 2019 Hand in Hand.

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future teens10.  Future Teens – Breakup Season

„Breakup Season“ macht in der Tat auch all jenen mächtig Laune, die ihren Alltag längst jenseits der herzschmerzenden Zwanziger verbringen. „Bummer Pop“ nennen Future Teens, das aus Boston, Massachusetts stammende Viergespann, das Ganze dann. Und liefern mit den zehn Songs ihres zweiten Albums den wohl schönsten, himmelhoch heulenden Herzensbrecher-Indierock in der Tradition von Klassikern wie etwa Weezers „Pinkerton“, den man in diesem Herbst finden konnte. It’s breakup season, y’all!

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…und auf den weiteren Plätzen:

Various Artists – Tiny Changes: A Celebration of Frightened Rabbit’s ‚The Midnight Organ Fight‘ mehr…

BRUTUS – Nest mehr…

La Dispute – Panorama

The National – I Am Easy To Find mehr…

Enno Bunger – Was berührt, das bleibt. mehr…

Noah Gundersen – Lover mehr…

Frank Turner – No Man’s Land mehr…

 

Rock and Roll.

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Song des Tages #2: Josh Kumra – „Stubborn Love“


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Man könnte meinen, Josh Kumra hätte alles erreicht, wovon so ziemlich jeder Singer/Songwriter träumt, nachdem er die UK-Charts anführte, bei „Later With… Jools Holland“ aufgetreten und ausgiebig durch Europa getourt ist. Als „Don’t Go„, seine Zusammenarbeit mit dem Rapper Wretch32, 2011 in Großbritannien zu einer Nummer Eins wurde, fand sich das Nachwuchs-Talent aus dem englischen Swindon, Wiltshire im Alter von zarten 19 Jahren plötzlich mit einem Plattenvertrag ausgestattet bei einem Majorlabel wieder. Die meisten würden jetzt vielleicht denken, dass das als Musiker die Definition von „es geschafft zu haben“ sei. Für Josh Kumra, dessen Name bereits seine indischen Wurzel erahnen lässt (sein Großvater stammt aus Neu-Delhi), brachte der plötzliche Erfolg den Druck mit sich, das vielbeschworene Momentum zu nutzen, anstatt ausreichend Zeit zu haben, an seinen Songs zu feilen, die seine Lebenserfahrungen widerspiegeln und schlussendlich ein „ehrliches“ Album zu erschaffen, so, wie er, der Künstler wie Tracy Chapman oder Jimi Hendrix zu seinen wichtigsten Einflüssen zählt, es sich immer vorgestellt hatte.

„Auf halber Strecke, als ich mein Album fertig stellte, merkte ich, dass ich versuchte, zu vielen Leuten zu gefallen. Aber ich realisierte, dass es bereits zu spät war, etwas dagegen zu unternehmen“, sagt Kumra über sein 2013 erschienenes Debütalbum „Good Things Come To Those Who Don’t Wait“.

Nach der Veröffentlichung des Albums und einer Tournee durch Europa rang Kumra mit der Idee, der Musiker oder der Popstar zu sein, den die Leute in ihm sahen. Der ursprüngliche Wunsch, Musik aus seinem Herzen zu schreiben, ging so zunächst auf erwähnter „halber Strecke“ und aufgrund der Vielzahl an Meinungen und Erwartungen unter. Das traurige Zwischenfazit: Er zog aufs Land und veröffentlichte lange Zeit keine neue Musik.

„Ich hatte immer im Kopf, dass ich mich nach der Veröffentlichung des Albums aus der Stadt zurückziehen, mein eigenes kleines Studio gründen und ein paar Songs für mich schreiben und aufnehmen würde. Ich habe nur etwas länger gebraucht als erwartet.“

josh-kumra-stubborn-loveDie Songs seiner für April 2020 angekündigten „Pull Me Back In EP“ werden seine ersten musikalischen Lebenszeichen seit sechs Jahren sein – vier Songs, die genau das sind, was sie sind, und genau das tun, was der Titel erahnen lässt: Josh zurückzubringen.

„Mein Wunsch war es, auf die Anfänge als Autor zurückzugreifen, als Leidenschaft und Freude meine einzigen Gründe für das Musizieren waren. Es gibt Songs, die ich singen könnte und die ich nie ernst nehmen würde, aber nicht diese.“ Und so wird deutlich zu hören sein, dass diese EP einen persönlicheren, intimeren und reiferen Ansatz haben wird als sein poplastiges Debüt. Die EP aufzunehmen war Josh Kumras therapeutische (aber auch nicht eben stressfreie) Art, seinen angestauten Zweifeln zu begegnen und seine Ängste anzuerkennen. Die Musik mag voller Verletzlichkeit sein, aber genau das soll man auch hören.

„‚Stubborn Love‘ erkennt das Problem an, sich komplett für etwas aufzugeben, allerdings aus den falschen Beweggründen heraus. Es geht nicht darum, was du verfolgst, sondern warum.“, so der mittlerweile 28-jährige Musiker über seine neue Single und der ersten Hörprobe aus der kommenden EP.

 

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Stanley Odd – „It’s All Gone To Fuck“


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Der Wahlerfolg von Boris Johnsons konservativen Tories bei den britischen Parlamentswahlen vor zwei Tagen mag kein allzu prächtiges Ergebnis für internationale Demokratie (und ganz sicher keines für die Verbesserung sozialen Verhältnisse im Vereinigten Königreich) sein. Oder wie „Spiegel“-Redakteur Jörg Schindler sehr treffend in (s)einem Kommentar schrieb: „Die eigentlichen Verlierer sind Anstand, Aufrichtigkeit und Integrität.“ Vermutlich hatte ein Großteil der Briten einfach genug vom nun schon jahrelangen Brexit-Chaos dies- wie jenseits des Ärmelkanals, und hat nun den populistischen Blondschopf, ehemaligen Bürgermeister von London sowie Außenminister im britischen Kabinett, der im Juli die reichlich glücklose Theresa May im Amt des Premierministers beerbte, mit einer fast schon beängstigend großen Machtfülle ausgestattet. Wieso sollten die politischen Aussichten auch anderswo rosiger aussehen als bei uns mit den rechtskonservativen Spaltungshasspredigern der AfD oder in den US of A, wo ein dummdreister Reality-Show-Geschäftsmann seit nunmehr fast drei Jahren vom Weißen Haus aus die Geschicke seines Landes bestimmt… Dark times ahead? Hellyeah!

Gut denkbar also, dass die Schotten die britische Parlamentswahl als erneuten Anreiz sehen werden, ein weiteres Referendum hin zur Unabhängigkeit von London und vom United Kingdom anzustreben – das letzte im Jahr 2014 fiel ja bereits recht knapp aus.

Damals, vor vier Jahren, gab es einige schottische Bands und Künstler, die sich im Zuge ebenjener Bevölkerungsabstimmung politisch stark machten (etwa bei Konzertreihen wie „A Night for Scotland“). Neben international erfolgreichen Indierock-Bands wie Franz Ferdinand oder Frightened Rabbit, den Glasgower Postrock-Paten Mogwai, der Folk-Ikone Eddi Reader oder der Schauspielerin und Comedian Elaine C Smith zählten dazu auch Stanley Odd.

418459115095-500Für das seit nunmehr zehn Jahren bestehende, vielköpfige Alternative-HipHop-Kollektiv mit Mitgliedern aus Schottland, Norwegen oder Deutschland zählen politisches Engagement und eine klare Meinungskante ebenso zu den einenden Grundpfeilern wie ihr musikalisches Konstrukt aus Live-Instrumenten, Beats, Gesang und den Rhymes von Frontmann Solareye (aka. Dave Hook) im breitesten Edinburghian Scot-Akzent. Wer also mit alledem kein (Verständnis)Problem habe sollte, dem sei etwa die tolle Gänsehautnummer „Son I Voted Yes„, anno 2014 auf dem bisher letzten, fünften Longplayer „A Thing Brand New“ erschienen, welches sich thematisch Schottlands jüngstem Unabhängigkeitsreferendum widmet, ans HipHop-affine Hörerherz gelegt. Oder eben, aus gegebenem aktuellen Anlass, das 2016, eine Woche, nachdem die Bevölkerung des UK für den Brexit stimmte, veröffentlichte „It’s All Gone To Fuck“. *micdrop*

 

“It is amazing to see the country at its most politicised and engaged in generations. The number of people inspired by the debate and the possibilities for positive change that an independent Scotland offers is something that should be celebrated. This referendum is a chance to look at new models and ask questions of how our political system operates; to address issues of poverty and social inequality; and to recognise the importance of public services like the Post Office and the NHS.“

(Dave „Solareye“ Hook zum schottischen 2014er Unabhängigkeitsreferendum)

 

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Josienne Clarke – „Slender, Sad & Sentimental“


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Draußen nähert sich der Winter mit Nebel, Sturm und Frost Tag um Tag ein Stückchen mehr, drinnen wärmt – jedenfalls steht’s zu hoffen – die Behaglichkeit einer dampfenden Tasse Tee oder eines flackernden Kaminfeuers. So in etwa funktioniert „In All Weather“, das neue Album von Josienne Clarke.

Wie der Albumtitel und Zeilen wie „I’ve given him my best years and he’ll never give them back“ schon vermuten lassen, geht es auf dem ersten Soloalbum der Singer/Songwriterin aus dem englischen West Sussex vor allem um eines: Stürmische Zeiten. Umso schöner ist es da, dass Clarke auf ihrem Break-Up-Werk der etwas anderen Art nicht nur deren Last besingt, sondern vielmehr davon, wie man durch schwierige Zeiten steuert, ohne sich dabei selbst zu verlieren.

josienne-clarke-in-all-weather-206186.jpgSo beginnt ihr jüngst nicht eben zufällig bei Rough Trade Records (dessen Vordenker Geoff Travis als Fan gilt) erschienenes Album mit „(Learning To Sail) In All Weather“, einer schwermütigen Ode an die eigene Stärke. Wer Clarke nicht schon vorher kannte, etwa von ihrem Projekt mit dem Gitarristen Ben Walker, wird im Instant-Verfahren von ihrer einnehmenden Stimme und deren charismatisch-dunklem Timbre in den Bann gezogen, die an eine Reihe ganz großer Folk-Damen von Sandy Denny über Joan Baez, Joni Mitchell, Gillian Welch oder Beth Gibbons bis hin zu Laura Marling oder Aldous Harding erinnert. Manchmal scheint es deshalb fast so, als würden die sehr filigranen Folk-Arrangements, welche die Worte wie ein harmonisches Meeresrauschen tragen, hinter Clarkes lyrischer und stimmlicher Kraft verschwinden. Gezupfte akustische und sanfte elektronische Gitarren, ein oft genug zurückhaltendes Schlagzeug, Harfen, Blockflöten, ein Rhodes Piano und nur selten elektronische Unterstützung wirken hier wie etwas Besonderes, aus den good ol‘ times. In Zeiten, in denen klassischer Folk oft trendbewussten Ausflügen ins Hipsteresk-elektronische unterliegt, setzt „In All Weather“ so einen Kontrapunkt und klingt in sich angenehm old fashioned.

Einzig in Stücken wie „If I Didn’t Mind“ oder „Slender, Sad & Sentimental“ weichen die vorsichtigen Klänge einem beinahe schon poppigen Folk-Rock-Sound. Der steht Clarkes eingängigem Songwriting, welches ihr wohl nicht grundlos 2015 den „BBC Folk Award“  einbrachte, jedoch ebenso wie der überwiegend ruhige Charakter der Platte. „In All Weather“ wurde auf der Isle of Bute, einer recht einsamen schottischen Insel produziert, auf die Clarke sich zurückzog, um nach ihrem Beziehungsaus ein neues Kapitel zu beginnen und Vergangenes hinter sich zu lassen. Und siehe da: In Songs wie „Host“, das sich nur anfangs besinnlich gibt, bevor die E-Gitarre geräuschvoll im Hintergrund anschlägt und sich Clarkes Sound von Joanna Newsom mehr in Richtung von Belle & Sebastian verschiebt, oder „Dark Cloud“ scheinen die Stürme und brandenden Wellen eines ebensolchen Eilands mitzuklingen. All das macht die Songs so authentisch, wie Folk nur sein kann. Sehr markant ist ihre spielerische Stimmführung, die trotz der großteils melancholischen Machart den Stücken – exemplarisch etwa „Slender, Sad & Sentimental“ – immer wieder ein fröhliches und positives Gewand verleihen und Clarkes gesangliche Größe nochmals in den Vordergrund rücken.

Obwohl die 13 präzise arrangierten, glasklar intonierten Stücke im Durchschnitt zwar nur knapp zweieinhalb Minuten kurz sein mögen (und damit im Grunde die „Radio-DIN“ bravourös erfüllen), scheint in den besten Momenten nichts zu fehlen. Der überschaubaren Spielzeit von 32 Minuten zum Trotz ist es – der Intensität jedes einzelnen Stücks sei Dank – fast eher erschöpfend, dieses vielversprechende erste Solo-Werk am Stück durchzuhören, gleichzeitig jedoch auch schön und bestärkend – Lieder wie das Wetter, Töne wie die See. Wohltuend und bedrückend schafft es Josienne Clarke auf ihrem durchaus kurzweiligen Album, dem Ergebnis eines persönlichen Sturms, einer privaten wie beruflichen Trennung, das weder Tradition noch Moderne negieren möchte, den Hörer zu fesseln und wieder loszulassen, auf zu neuen Ufern…

 

 

Rock and Roll.

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Tradition, Tradition! – Das UK-Label Big Scary Monsters verschenkt (s)einen Label-Sampler


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Weil Traditionen etwas Schönes sind – und freilich auch irgendwann, irgendwie verpflichten -, verschenkt das britische Indie-Label Big Scary Monsters auch in diesem Jahr – wie bereits 2018 und in den Jahren zuvor – (s)einen satte 23 Auszüge aus dem diesjährigen Veröffentlichungskatalog starken Label-Sampler mit einer bunten Auswahl querbeet durch sein aktuelles Künstlerangebot und Release-Oeuvre irgendwo zwischen Indie- und Punkrock, Emo, Post-Hardcore oder Mathrock.

Mit dabei sind 2019 Bands und Künstler wie The Get Up Kids, Orchards, American Football, Proper., Cultdreams, Great Grandpa, And So I Watch You From Afar, Nervus, Pedro The Lion oder Jamie Lenman (also auch der ein oder andere Name, von dem in diesem Jahr auf ANEWFRIEND zu lesen war). Wohl bekomm’s!

 

 

Rock and Roll.

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