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Mein Senf: iBono und der graue Tim Cook – Win-Win in Nacht und Nebel


U2-Frontmann Bono und Steve "Apple" Jobs, 2004 (Foto: AP Photo/Paul Sakuma)

U2-Frontmann Bono und Steve „Apple“ Jobs, 2004 (Foto: AP Photo/Paul Sakuma)

Neues iPhone? Check! Wieder eins? Welches jetzt? Nummer sechs? Okay… skip. Eine Apple Uhr? Gab’s noch nicht? Okay… skip. *gähn*

Eigentlich hätte die – freilich mit „Keynote“ ganz marktspezifisch wichtig betitelte – Apple-Neuerungenpräsentation in der Firmenzentrale im kalifornischen Cupertino am vergangenen Dienstag recht beschaulich verlaufen können. Doch der Elektronikkonzern hat ein – nein: gleich mehrere – handfeste Problemchen. Denn zum einen ist ihnen in all den Jahren seit der Präsentation des ersten iPhones (manch einer mag sich erinnern: es war 2007) die Konkurrenz mächtig auf die Pelle gerückt, hat Apple gar ohne einzuholen überholt (um hier einmal Walther Ulbricht in kapitalistische Gefilde zu führen). Zum anderen ist Firmenchef Tim Cook schlicht und ergreifend nicht Steve Jobs und besitzt weder dessen charismatischen Gestus noch dessen ebenso überzeugend-ruhige Vortragsweise – der übermächtige Firmenvater wird seit seinem Tod im Oktober 2011 nach wie vor an allen Ecken und Enden des Äpfelchens mit Anbiss vermisst…

Und doch wird ausgerechnet jene „Keynote“-Veranstaltung vom 9. September 2014 in die Geschichte eingehen. Nur lag das weder am ach so neuen und ach so innovativen „iPhone 6“ (sieht aus wie immer, kommt in drei Größen) noch an der „Apple Watch“ (auch im Grunde nix Neues – den „iPod nano“ konnte man sich mit Halterung auch schon ums Handgelenk schnallen). Nein, denn Apple-CEO hatte sich Gäste auf die Bühne eingeladen, von denen bereits im Vorfeld gemunkelt wurde: U2 (die „New York Times“ etwas orakelte verschwörerisch von einer „signifikanten Rolle“, die die Band speilen würde). Nur fragte sich darauf logischerweise gleich jeder, was ihre Rolle sein würde… Nachdem die vier irischen Stadionrocker die neue Single „The Miracle (Of Joey Ramone)“ (erstes Urteil: der Punkrock bleibt im Namen hängen, der Rest sind vier U2-typische Minuten „Ohoho“-Pathos und Mitklatschrock der angenehm vorbei rauschenden Sorte) präsentiert haben, lässt Apples unscheinbare graue Eminenz Tim Cook mit der Ankündigung von „one more thing“ die Bombe platzen: Was wäre, wenn in diesen Minuten der „größte Albumlaunch aller Zeiten“ starten würde? Was wäre, wenn Apple seinen knapp 500 Millionen iTunes-Nutzern just in dieser Minute das lang angekündigte und mehrfach verschobene neue U2-Album – das 13. und erste seit 2009 – in die Mediathek packen würde – ungefragt und komplett kostenfrei? Ein kleiner Scherz in Ehren? Mitnichten! Denn bereits wenige Augenblicke später glotzen einen – ob man’s will oder nicht – elf „Songs Of Innocence“ betitelte neue U2-Stücke aus der eigenen Mediathek an, für dessen unverbindlichen Hörgenuss man nur eben auf „Laden“ klicken muss…

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Band-Vorsteher Bono lässt dem Nacht-und-Nebel-Release die gewohnt pathetischen Worte folgen:

„Es ist Edge, Adam, Larry und mir eine Ehre, Euch nun verkünden können, dass unser neustes Baby geboren ist… Songs of Innocence. Es hat ganz schön lange gedauert. Wir haben es erst letzte Woche fertiggestellt und mit der Hilfe von Apple und iTunes können wir es Euch schon heute vorstellen. Das ist wirklich unglaublich, denn normalerweise braucht es einfach mehr Zeit für eine Veröffentlichung. Es war immer schon Teil der Band-DNA, dass wir unsere Musik so vielen Menschen wie möglich präsentieren wollen. – In den nächsten 24 Stunden werden mehr als 500 Millionen Menschen gleichzeitig die Möglichkeit haben, „Songs Of Innocence“ zu hören. Menschen, die bisher noch nie von uns gehört haben oder sich bisher nicht für uns interessierten, könnten uns zum ersten Mal spielen, nur weil wir in ihrer Playlist auftauchen.

Zum zehnjährigen Jubiläum unseres ersten iPod-Werbespots hat Apple entschieden, unser neues Album kostenlos allen Musikfans zur Verfügung zu stellen. Es ist kostenfreie, aber trotzdem bezahlte Musik. Denn wir glauben, wenn kein Mensch für Musik bezahlt, kann Musik nicht wirklich „frei“ sein. Letztendlich würden sowohl die Künstler als auch die künstlerische Form darunter leiden – was zu großen Schwierigkeiten für zukünftige Künstler und ihre Musik führen würde.

Wir haben uns entschlossen, mit Apple über die nächsten Jahre an einigem coolen Material zu arbeiten – Innovationen, die vielleicht die Art, wie wir Musik hören und betrachten, verändern könnten. Wir werden Euch auch darüber auf dem Laufenden halten. Wenn Euch „Songs Of Innocence“ gefällt, dann bleibt uns auch mit „Songs Of Experience“ gewogen. Es könnte schon bald fertig sein…auch wenn ich diese Worte sicher schon viel zu oft gesagt habe.

Ich hoffe, dass ihr nach mehrmaligem Hören des neuen Albums verstehen werdet, warum wir so lange daran gearbeitet haben. Es ist wirklich ein sehr persönliches Album geworden.

There is no end to LOVE.

BONO“

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Da stellt man sich berechtigterweise die Frage: Was soll das Ganze? Und: wem nützt die Aktion, wem schadet sie vielleicht sogar? Nun, im Grunde dürfen sich sowohl Apple als auch U2 als Nutznießer der vermeintlichen Verschenküberraschung betrachten. Denn während Tim Cook und sein Apfel-Unternehmen etwas vom massenkompatiblen Stadion-Rock’n’Roll-Glanz der Iren-Rocker erhaschen und ganz nebenbei noch auf iTunes und Beats Music, ihren Download-Store beziehungsweise Streaming-Dienst im ebenfalls höchst umkämpften Bezahlmusik- und Musikstream-Sektor, aufmerksam machen können, können sich Bono, The Edge, Adam Clayton und Larry Mullen jr. nun als großzügige Gönner und innovative Vordenker feiern lassen (wobei verschwiegen wird, dass Beyoncé ihr letztes, selbstbetiteltes Album im Winter 2013 in einer ähnlichen Nacht-und-Nebel-Aktion via iTunes – wenn auch nicht kostenlos – feilbot und sich U2 die Aktion freilich mit einer „Summe X“ von Apple vergüten ließen). Dennoch ist gerade diese Aktion – allein schon aufgrund ihrer Unbemitteltheit – als Erfolg für beide Lager zu werten. Denn mal ehrlich: Ohne diesen Paukenschlag würde es selbst dem treusten Apple-Fanboy schwer fallen, sich an die „Keynote“ vom 9. September zu erinnern. Bono und Co. für ihren Teil machen sich ein weiteres Stückweit unabhängiger von eben jenen Musikmarktmechanismen, die sie mit geschätzten 170 Millionen verkauften Tonträgern sowieso längst überragen, bieten allen Fans und interessierten, potentiellen Neuhörern ihre elf neuen Songs, an denen sie über Jahre mit einem namenhaften Produzenten-Fünftergespann aus Danger Mouse, Declan Gaffney, Paul Epworth, Ryan Tedder und Flood gearbeitet haben, zum kostenlosen – natürlich exklusiv „iTunes-only“ – Download an, bevor das Album am 13. Oktober regulär in die Läden kommt – für die treuen Fans als CD, LP und superexklusive Deluxe Limited Supersonderedition mit Bonus Tracks, Alternativen Takes, Liveversionen und sonstigem Pi-Pa-Po, freilich. Wie die Songs am Ende klingen gerät da schon zur Marginalie, obwohl sich „Songs Of Innocence“ in Gänze auch vor anderen Glanzlichtern im jüngeren U2-Backkatalog (etwa dem 14 Jahre zurückliegenden „All That You Can’t Leave Behind“) nicht verstecken muss, nach wie vor die „U2-typischen“ Zutaten – den mit Pathos aufgeladenen Gesang, den ebenso zeitlosen wie absolut zeitgemäßen Anstrich, den Mut zum Experiment im Kleinen, die charakteristischen The Edge-Dengel-Gitarrenspuren – und nach einmaligem Hören sogar den ein oder anderen Ohrwurm vorweisen kann (wie „Iris (Hold Me Now)“, das Sänger Bono seiner vor vielen Jahren verstorbenen Mutter widmet, dem drängend-spröden „Raised By Wolves“ oder den Rausschmeißer „The Troubles“, für das sich U2 keine Geringere als Lykke „I Follow Rivers“ Li zum Duett ins Studio luden) – wer mehr erfahren mag, für den haben die Kollegen des deutschen „Rolling Stone“ natürlich eine eiligst zusammen geschusterte „Track-By-Track“-Review parat, während einzelne Redakteure des „Musikexpress“ die elf neuen Songs als willkommenen Anlass nehmen, den Rockmusikern von der „grünen Insel“ ihren stadiontauglichen Massenpathos vor die Haustür gallenklebrig zu brechen (den Verriss gibt’s dann hier). Es bleibt dabei: Wer U2 bislang etwas abgewinnen konnte, der wird auch auf „Songs Of Innocence“ den ein oder anderen neuen Favoriten finden, wer die Band schon immer als Anlass für die gepflegte Magenentleerung in den nächsten Mülleimer nahm, der wird auch im 39. U2-Bandjahr einen weiten Bogen um Bono und Co. machen. Nur sollte man nicht vergessen, dass es vielen Kollegen von U2 – in finanzieller Hinsicht – ungleich weniger gut geht, alsdass man das neuste Album mal eben – hochdotiert von einem führenden Elektronikkonzern vergütet, natürlich – gönnerisch unters Hörervolk könne. Denn auf der Kehrseite der Aktion verkommt das Album als solches leider einmal mehr zum bloßen Marketing-Tool zur Bewerbung der nächsten Stadion-Welttournee… mit Apple und U2 als Win-Win-Duo.

P.S.: Ganz am Rande der „Keynote“ hat es Apple doch tatsächlich fertig gebracht, den 2001 präsentierten iPod Classic gänzlich und wohlmöglich für immer aus seiner Produktsparte zu entfernen… Wtf?!? Nun steht der „Walkman des 21. Jahrhundert“ in einer Reihe mit dem Walkman und dem Discman des 20. Jahrhunderts als inzwischen – vermeintlich – „technisch überholter Meilenstein der Elektronikgeschichte“. Nennt mich Dinosaurier, aber das kleine Ding ist bei mir – als mit mehr Speicherplatz aufgerüstete Customized-Variante – seit 2008 nach wie vor im täglichen Einsatz. Ruhe in Frieden, kleiner Freund.

P.P.S.: Allen Skeptikern der vermeintlichen Gönner-Aktion dürfte diese neuste Meldung der angeblichen ersten Download-Zahlen ein süffisantes Lächeln ins Gesicht zaubern…

 

Rock and Roll.

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Abgehört…


U.S. Royalty – Blue Sunshine (2014)

Blue Sunshine (Cover)-erscheint im Selbstvertrieb-

Es gibt sie ja, diese Alben, zu denen einfach kein Stillstand passt. Alben, die diesen – um’s simpel zu halten – erst gar nicht zulassen, sondern laut nach einer endlosen Autofahrt irgendwo ins Nirgendwo, ohne Plan und ohne Ziel schreien. (Gut, insofern man keinen weiteren Hörproviant an Bord hat, beschränkt sich „endlos“ zumindest bis aufs Ende der Platte – insofern man wiederum die „Repeat“-Taste nicht findet oder finden mag….) Und freilich fallen wohl jedem andere und neue Beispiele hierfür ein, aber glaubt mir: Die frühen Springsteen-Sachen wie „Born To Run“ oder „The River“, eine Best Of-Sammlung von Lynyrd Skynyrd, etwas von Modest Mouse (etwa das große „Good News For People Who Love Bad News“), das Red Hot Chili Peppers-Konsenswerk „Californication“ oder die ewige Incubus-Messlatte „Morning View“ für alle Sonnenstunden und Ausflüge am Meer, „Blonde On Blonde“ vom Dylan-Bob, aktuell die tolle Mark Kozelek-meets-Jimmy LaValle-Kolaboration „Perils From The Sea“ – da macht man nichts falsch, viel mehr braucht’s nicht.

Einen artverwandten Roadtrip-Kandidaten stellt nun auch das aus Washington, D.C. stammende Indierock-Quartett U.S. Royalty in die (digitalen) Plattenregale. Der Name sagt euch nichts? Kein Wunder, denn schließlich gelten John Thornley (Gesang), dessen Bruder Paul Thornley (Gitarre), Jacob Michael (Bass) und Luke Adams (Schlagzeug) selbst in den heimatlichen musikalischen Weiten der US of A als bislang unterhalb des Radars der breiten Öffentlichkeit operierende und musizierende Band, die auch 2014 – und damit satte sechs Jahre nach ihrer Bandgründung! – noch ihre Alben ohne Plattenvertrag und damit im Selbstvertrieb veröffentlichen darf/muss (was freilich auch seine Vorteile haben kann). Dabei stimmen im Grunde sowohl die optischen wie akustischen Voraussetzungen, denn die vier Endzwanziger  (?) könnten vom Aussehen sehr glatt als mal bärtige, mal langhaarige Tresenkumpane der Kings Of Leon oder Fleet Foxes durchgehen, denen gerade eben ein Dress-Makeover im Stile der an Dandytum nicht eben armen flamboyanten Siebziger nahegelegt wurde, während musikalisch wahlweise – und nebst den bereits genannten Quellen – The Killers, Britpop-Psychedelia á la The Verve, Melodien der Hausmarke Fleetwood Mac oder – und das zuhauf – der auf Dringlichkeit geeichte Stadionrockismus von U2 durchklingen. Wie geschrieben: im Grunde… Denn sowohl der Veröffentlichungseinstand, die „Midsommar EP“ von 2009, als auch das zwei Jahre darauf erschienene Debütalbum „Mirrors“ fanden quasi unter dem Radar einer breiteren Hörerschar statt (die hielten wohl eher den Originalen und Inspirationsquellen die Stange) und wurden – wenn überhaupt – damals höchstens von der On- und Offline-Journalie als „Achtungserfolge“ gewertet. Natürlich hätte die wohl beste Reaktion von U.S. Royalty sein können – ja: müssen -, der potentiellen Hörerschaft schnellstmöglich einen noch besseren, noch größeren und eigenständigeren Nachfolger zu präsentieren – einen, den man nun wirklich nicht so einfach ignorieren konnte. Doch nach den absolvierten Tourneedaten folgte auf „Mirrors“ zunächst nur eines: Funkstille. Und das ganze drei Jahre lang…

(Pressefoto: Evan Perigo)

(Pressefoto: Evan Perigo)

Und dafür gab es, wie man nun mal hier, mal da (und wortgewaltig in der Biografie auf der Homepage der Band) lesen kann, wohl auch gute Gründe. Die Band selbst merkte, dass man sich bereits mit dem Albumerstling in eine stilistische Sackgasse manövriert hatte, in welcher sich keiner der Herren so richtig zurecht finden mochte. Als dann nach Konzerten, welche U.S. Royalty ebenso auf die Bühnen des prestigeträchtigen SXSW führten wie auf die der schweizerischen Art Basel, auch noch der Vater des Front-Brüderpaars John und Paul Thornley verstarb, zog die Band gemeinschaftlich die Reißleine, nahm sich eine Auszeit und setzte die Banduhr auf Null. Als alle vier wieder bereit waren für neue Songs, schloss man sich für sechs Monate gemeinsam mit dem langjährigen Freund und Tontechniker Justin Long, der bereits am Debüt mitgewirkt hatte, sowie Co-Prodzzent Sonny Kilefoyle in einem Haus in Great Falls, Maryland ein, um wieder kreativ sein zu können. Dass man von diesem Haus aus ausgerechnet auf einen geradezu malerisch anmutenden Friedhof blickte, man manch einer als Zufall, ein anderer als Fügung werten. Und wer nun ganz genau aufs Schwarz-weiß des Covers des neuen, zweiten Albums „Blue Sunshine“ schaut, der findet darauf sogar ein paar der Grabsteine eben dieses Friedhofs wieder…

Thematisch bewegen sich die elf neuen Stücke von „Blue Sunshine„, das das Schummrige, das Nebulöse, Melancholische und Wolkenverhangene bereits als spontane Assoziationen im Titel vor sich her trägt, irgendwo zwischen dem Heimweh – respektive: der Frage, das zur Hölle überhaupt „Heimat“ ist – und dem Fernweh, dem Festhalten an alten Lieben und dem Sich-öffnen für neue, dem Kampf gegen die inneren Dämonen der Vergangenheit und der Sehnsucht nach einem Leben in Zuversicht und Balance – ein nicht eben seltenes popmusikalisches Potpourri an großen Sujets also. Und trotzdem gelingen die Songs im Gros qualitativ geschlossener als noch auf dem 2011 erschienenen „Mirrors“, für welches die Band nach eigener Aussage eine Mischung aus „Spaghetti Western und Kubrick-Film“ im Kopf hatte. Da merkt man schon beim Opener „Into The Thicket“ erstmals auf, wenn die Band zur Akustischen, gar harmonischen, Fleet Foxes-liken Gesangpassagen und Textzeilen wie „Where do you go this time to be alone? / Eyes like mirrors is capturing a willing soul / What is that darkness in you, is it in me too? / Stay with me now, I hold, I hold you“ einsteigt, bevor Tambourine und Schlagzeug erstmals zaghaft das Gaspedal berühren. Das darauf folgende Titelstück legt da schon mit etwas mehr Verve los, während John Thornley streicherverhangen liebeskrank „Blue sunshine / Lightning my way / I tried to love you / But you turn me away“ singt und sich in Emphase und Vokaldehnung übt. In den nächsten Stücken legt die Band dann erst richtig los, bietet mal direkte Catchyness („Lady In Waiting“), mal Midtempo-Eighties-Rock-Referenen („Breathless“), mal britgerocktes Gitarrengegniedel („Slow Magic“), das auch Oasis nicht schlecht gestanden hätte, mal fluffig dahin plätschernde Melodien („Valley Of The Sun“) oder eine fein abgehangene Folk-Rock-Berg-und-Talfahrt wie „Only Happy In The Country“ auf, die im Text sowohl dem Stadt- als auch dem Landleben positive Aspekte abgewinnen kann („I’m only happy in the country / Until I miss the city…“). Die Ballade „Get On Home“ bildet auf „Blue Sunshine“ so etwas wie den emotionalen Trennpunkt, verarbeitet die Band in dieser ja nichts weniger als all die ungewollten Abschiede/Todesfälle der jüngeren Bandgeschichte – aber auch das Ankommen in der (alten) Heimat („He is gone but not forgotten / In the phrases of our minds /…/ So get on home / Say hello to the family / Give my regards to the one named Nancy / Been away so long“). Da darf denn auch in „South Paradiso“ wieder ordentlich in Sixties-Rhythmen und Jingle-Jangle-Melodien gebadet werden, bevor das von Paul Thornleys spanischer Gitarre bestrittene Instrumental „De Profundis“ (deutsch: „Aus der Tiefe“ – benannt nach einem Brief, den der Schriftsteller Oscar Wilde einst an einen inhaftierten Freund schrieb) erneut die Geister auf emotionale Herbsttemperaturen herunter kühlt und der U.S. Royalty’sche Bandbus zur stark aufspielenden Vier-Minuten-Abschlussemphase „Two Worlds“ gen Horizont entschwindet…

u.s. royalty

Nun bleibt jedoch auch nach „Blue Sunshine“, dem durchaus gelungenen 44-minütigen zweiten Album von U.S. Royalty, der Eindruck, dass die Band sich nicht zum stadionrockenden Kassenschlager entwickeln dürfte. Dafür zielen die elf Stücke, für die John Thornley und Co. im November 2012 in den Dreamland Recording Studios  letzte Hand anlegten, einfach zu sehr auf das Aufleben großer Rock- und Folkgeister von Fleetwood Mac über David Bowie und The Doors bis hin zu U2 ab (mit U2s Frontmann Bono teilt sich Sänger John Thornley unüberhörbar den zu empathisch-dringlichen Höhen aufschwingenden Gesang). Wenn überhaupt, klingen auch drei Jahre nach dem Debütalbum höchstens Bands und Künstler an, die sich bereits ihrerseits der Verwaltung wertgeschätzter Folk- und Rocktraditionen verschrieben haben (Fleet Foxes, Mumford & Sons, The Killers, Oasis, Kasabian). Wer jedoch auch nur mit einer der genannten Bands glücklich wird, der sollte für und auf „Blue Sunshine“ ein Ohr riskieren, denn einen passenderen Roadtrip-Soundtrack als diese Tour quer durch die emotionalen Landschaften der vielfächrigen Vereinigten Staaten – wer’s anschaulich mag: vom sonnigen Kalifornien einmal quer durch’s weite Ödland des Mittleren Westens über die schroffen Felsklüfte der Appalachen bis hinein in den urbanen Schmelztiegel New York City – kann man wohl lange suchen…

 

Auf der Bandcamp-Seite von U.S. Royalty kann man sich „Blue Sunshine“…

…sowie alle weiteren Veröffentlichungen der Band in Gänze anhören und bei Gefallen käuflich erwerben.

 

Im Musikvideo zum Titelstück von „Blue Sunshine“ hat einem die Band die Roadtrip-Qualitäten ihrer Musik bereits einmal vor Augen geführt…

 

…während man sich hier, beim Cover des Marvin Gaye-Protest-Evergreens „What’s Going On“, von den U.S. Royaltys Reinterpretationskünsten überzeugen darf:

(Und ich kann mir nicht helfen – irgendwie erinnert Frontmann John Thornley – und das wohl hoffentlich bewusst – hier mit Outfit und Stimme besonders an missionarischen Eifer von U2-Bono zu Zeiten von Meilensteinen wie „Joshua Tree“…)

 

Rock and Roll.

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Das Album der Woche


Editors – „The Weight Of Your Love“ (2013)

The Weight Of Your Love (Cover)-erscheint bei PIAS/Rough Trade-

Eines muss man den Editors zugute halten: einfach hatten sie es nie. So wurden bereits die ersten öffentlichen musikalischen Gehversuche der Band aus dem englischen Birmingham kritisch beäugt, ihr 2005 erschienenes Debütalbum „The Back Room„, trotz auch im Rückblick noch immer famoser Ausnahmesingles wie „Munich“, „Blood“ oder „Bullets“, von nicht wenigen berufsmäßigen und selbstberufenen Kritikern als bloße Interpol-meets-Joy Division-Kopie abgetan und dem Quartett keine allzu großen Perspektiven in Aussicht gestellt. Den feinen Unterschied zu all den anderen Bands, die vor allem zum Anfang des neuen Jahrtausend – und vor allem in Großbritannien – wie Pilze aus dem Boden schossen und es sich auf die Fahnen geschrieben zu haben schienen, unbedingt und auf jeden Fall wie das next big New Wave-thing klingen zu müssen, machte wohl das prägnante Bariton-Organ von Sänger Tom Smith aus. Nur klang dieses eben jenem des Interpol-Frontmanns Paul Banks ziemlich ähnlich, in besonders lebensfeindlichen Passagen gar wie das des seligen Joy Divison-Fronters Ian Curtis. Dennoch gab der Erfolg Tom Smith (Gitarre, Piano und Gesang), Chris Urbanowicz (Gitarre, Keyboard), Russell Leetch (Bass) und Ed Lay (Schlagzeug) recht: „The Back Room“ heimste 2006 auf Anhieb eine Nominierung für den begehrten Mercury Prize ein und kletterte im Anschluss bis auf Platz zwei der UK-Charts. Und während viele ihrer damals klanggleichen Kollegen bereits beim stets als kritisch beschriebenen Nachfolger einknickten (oder gar schon vorher in der Versenkung der Bedeutungslosigkeit verschwanden), legten Smith & Co. 2007 mit „An End Has A Start“ noch eins drauf. Ihr Sound verließ die dunkle Ecke der Indiedisko, um sich zu zehn hymnisch großen Stücken und zu ebenso traurig wie aufgeregt hüpfenden Herzschlägen in den ersten Reihen die nachtkalten Füße wund zu tanzen. Pathos! Gitarren! Rocksongs! Gefühl! Die Editors empfahlen sich für Arena-Auftritte und fanden genug begeisterte Hörer, die „An End Has A Start“ auf den Spitzenplatz der UK-Charts bugsierten. Dass sich die Band danach – wollten sie nicht auch noch zu Kopisten ihrer selbst abgestempelt werden – soundtechnisch in eine neue Richtung entwickeln musste, war klar. Gemeinsam mit Produzent Flood verzog man sich also 2008 ins Studio und überließ dort den Keyboard- und Synthesizerobzessionen von Chris Urbanowicz die Oberhand. Heraus kam man ein Jahr später mit „In This Light And On This Evening„, einem mal bedrohlich kalten, mal – lyrisch – schutzlos am offenen Herzen der technoiden Metropole London operierenden Monolithen von Album, in welchem die Editors wohl endgültig aus dem Schatten von Interpol heraus schwammen. Vielmehr boten sich nun noch deutlicher Referenzpunkte der Achtziger an: Erasure, (erneut) Joy Division, Depeche Mode oder The Cure. Ein befremdlicher Fiebertraum von Caspar David Friedrich im Elektronebel? Yessir! Brutal direktes Vor-den-Kopf-stoßen von Erwartungshaltungen – und dennoch erreichte auch „In This Light…“ Platz eins im UK. Nächster Halt: erneute Endstation. Während Frontmann Tom Smith 2011 gemeinsam mit ehemaligen Razorlight-Schlagzeuger als „Smiths & Burrows“ – pünktlich zum Weihnachtsgeschäft – ein ebenso liebliches wie gelungenes Weihnachtsalbum namens „Funny Looking Angels“ in die Regale stellte, liefen die parallelen Versuche der erneuten Neuausrichtung seiner Hauptband weniger flüssig. Also trennte man sich 2012 – offiziell „aufgrund musikalischer Differenzen“ – von Chris Urbanowicz, nahm mit Justin Lockey (Gitarre) und Elliott Williams (Piano und Keyboard) zwei neue Mitglieder ins Bandgefüge auf und begab sich nach Nashville (!) und in die Obhut von Produzent Jacquire King, einem Grammy-prämierten Fachmann für Rocksongs mit Tiefe und Wucht, bei dem sich Namen wie die Kings Of Leon, Tom Waits, Norah Jones, aber auch Modest Mouse, Josh Ritter oder Lissie bereits die Studiotürklinke in die Hand gaben…

Editors #1

“[The Weight of Your Love] is a band record, a musical record, a rock record… with a foot in that alt-rock / Americana world.” – beschreiben Selbsteinschätzungen wie eben jene von Sänger Tom Smith getroffene also das vierte Album „The Weight Of Your Love“ adäquat? Eindeutig: jein. Denn obwohl die neu formierten Editors für die elf neuen Stücke einen erneuten – teilweisen – Richtungswechsel unternahmen, bleiben schon noch ein paar Konstanten: So zählt Tom Smiths unverwechselbarer Bariton noch immer zum größten Pfund, welches die Band in die musikalische Waagschale zu werfen vermag. So bleiben sie doch am Ende des Stückes noch immer eine recht straighte Rockband – allen früheren Wave-Anleihen und Synthesizer-Orgien zum Trotz. Und eben jene Synthesizer scheinen mit dem geschassten Gitarristen Chris Urbanowicz über Bord gegangen zu sein – der Vorgänger „In This Light And On This Evening“ könnte stilistisch kaum ferner liegen.

Das erste Stück „The Weight“ eröffnet ein Akustikgitarren-Bluesriff zum Stampfbeat von Ed Lays Schlagzeug, bevor Streicher und „Ohoohoo“-Chöre dem Song einen „I Feel You“-artigen Depeche Mode-Touch geben und Tom Smith bereits zur lyrischen Eröffnung „For A Moment I felt the strength of your love / It was lightning / It was lightning / Strike down / On me“ den Dave Gahan von Birmingham gibt. Auch „Sugar“ groovt anfangs wie eine dieser typisch dunklen Depeche Mode-Schmerzenshymnen der Neunziger und artet mehr und mehr in ein Duell zwischen sägenden E-Gitarren und Konserven-Streichern aus. Die erste Vorab-Single „A Ton Of Love“ macht es dann besonders deutlich: die Editors setzen auch 2013 alles auf eine Karte – und auf der steht in dicken Edding-Lettern das Wort „Stadion“. Fette Gitarrenfanfaren? An Bord! Smith singt mit breiter Brust von „Desire“ und man meint bereits, Michael Stipe und Bono milde lächelnd vom Bühnenrand applaudieren zu sehen. Und zu eben jenen Rocksongs, die sich nun – wie bereits auf dem zweiten Album „An End Has A Start“, und um nicht wenige Streichersätze ergänzt – wieder ihren Weg in den aktuell vorherrschenden Bandsound gebahnt haben, bietet das Quintett einiges an Gegengewicht auf. So ist „What Is This Thing Called Love“ eine zartfühlige, streicher- und pianogetragene Ballade, zu welcher Smith mit unerwartet hohem Falsettstimmchen aufwartet, wird „Nothing“ introspektiv und beinahe ausschließlich von Streichern gen Firmament getragen, oder stellt das ansonsten recht dröge „Formaldehyde“ ein feines Bassmotiv in den Vordergrund. Kurz vor Schluss lösen die Editors – in „The Phone Book“ und vierenhalb schunkeligen Minuten – sogar Smiths Americana-Versprechen ein, bevor „Bird Of Prey“ erst zu Stampfbeat und Piano von eben jenen Greifvögeln im Backgroundchor begleitet wird, um sich schließlich von Dannen tragen zu lassen. Als klarer Fixpunkt dürfte Fans und Kennern der englischen Band auch 2013 Tom Smiths mit reichlich Pathos („Desire“ – aus „A Ton Of Love“), Weltschmerz („I’m a lump of meat / With a heartbeat“ – aus „The Weight“), Altersweisheiten („You gotta learn to be thankful / For the things that you have“ – aus „A Ton Of Love“), Falsch-vs.-Richtig-Metaphorik („Two Hearted Spider“) oder Liebeslyrik („Sing me a love song / From your heart or from the phone book / It don’t matter to me“ – aus „The Phone Book“) beladenen Texte sein. Geschmackssache? Natürlich. Wie das komplette Album (bei dem übrigens des Öfteren Platten von Echo And The Bunnymen im Studio gelaufen sein dürften)…

Editors #2

Die wichtigste – da entscheidendste – Frage zu „The Weight Of Your Love“ scheint wohl, ob Album Nummer vier für die Editors einen Schritt vor oder zurück bedeutet. Dabei ist es umso erfreulicher, dass es die Band überhaupt geschafft hat, sich aus der kreativen Synthesizersackgasse, in welche sie sich nach „In This Light…“ begeben hatten, heraus zu manövrieren. Dass nicht jeder Song auf „The Weight Of Your Love“ gleich tief sticht? – Geschenkt. Dass hier eine Band bewusst auf die Headliner-Plätze von Größen wie U2, R.E.M. (die freilich selbst längst Geschichte sind) oder Depeche Mode schaut, und so auch ein paar kreative Untiefen á la Coldplay oder den Kings Of Leon mitnimmt? – Kann man den Editors kaum verdenken. Denn mal ehrlich: wer, der die Stimme von Tom Smith anno 2005 hörte, dachte denn ernsthaft, dass solch‘ ein markantes Organ auf Dauer nur kleine Indie-Clubs beschallen würde? Die Editors sind mit ihren Songs, in denen die Hymnenhaftigkeit von dringlicher Klimax zu noch dringlicher Klimax jagt, für die große Bühne bestimmt – wer Herz und Ehrlichkeit und kreatives Wachstum sucht, der wird all das finden, solange er tiefer gräbt und genauer hinhört. Mit „The Weight Of Your Love“ untermauern Tom Smith & Co. ihren Anspruch auf den großen Wurf. Und obwohl sie aktuell eher groß als großartig tönen, ist eines sicher: dieser Wurf wird kommen. An end has a start…

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Anhand dieser beinahe halbstündigen „Making Of“-Dokumentation kann man sich einen Eindruck über den Entstehungsprozess von „The Weight Of Your Love“ verschaffen…

 

…und sich hier die Videos der ersten beiden Singles „A Ton Of Love“…

 

…und „The Weight“ anschauen:

 

Rock and Roll.

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Who the fuck is Anton Corbijn?!?


http://exclaim.ca/Reviews/HotDocs/Shadow_Play_Making_of_Anton_Corbijn_-_Directed_by_Josh_Whiteman

Anton Corbijn dürfte den meisten von euch weniger wegen seinem Namen oder seinem eher unscheinbaren Aussehen bekannt sein, sondern mehr wegen seiner aussagekräftigen, meist in schwarz-weiß gehaltenen Fotografien, oder gar seinen Musikvideos und Filmen. Nicht umsonst herrscht bei Corbijn die einhellige Auffassung vor, er habe eine Generation kulturell geprägt und entscheidend mitdefiniert. Der Holländer ist Haus- und Hoffotograf von Bands wie U2 oder Metallica, gilt als inoffizielles Mitglied von Depeche Mode, hatte bereits Größen aus den unterschiedlichsten Bereichen, wie Stephen Hawking, Robert De Niro, Miles Davis, David Bowie, Morrissey, Clint Eastwood, die Rolling Stones, R.E.M., Herbert Grönemeyer oder Joy Division, vor seiner Linse. Die von ihm entworfenen Plattencover, z.B. U2s „The Joshua Tree“ und „Achtung Baby“ oder Depesche Modes „Songs of Faith and Devotion“ und „Violator“, sind längst in die popmusikalische Geschichte eingegangen. Und auch seine Filme, wie der Joy Division-Streifen „Control“ (2008) oder „The American“ (2010) mit George Clooney in der Hauptrolle, sind äußerst sehenswert…

„Anton Corbijn Inside Out“, die in Deutschland am 3. Mai 2012 startende Biopic-Dokumentation über den 57-jährigen, ist also mehr als überfällig und wird hoffentlich das ein oder andere interessante Detail enthalten. ANEWFRIEND ist gespannt und wird zu gegebener Zeit mehr berichten… Eine Empfehlung sei aber, allein der Person des Wahl-Londoners wegen, hier schon einmal ausgesprochen. Merken! Und: Anschauen!

Hier der Trailer:

 

Rock and Roll.

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Zu kurz gekommen… – Teil 5


Pela – Anytown Graffiti (2007)

Den Ehrentitel der „zu kurz gekommenen Platte“ hat wohl kaum ein anderes Album mehr verdient als „Anytown Graffiti“ von Pela, wird es doch tragischerweise wohl auf ewig das einzige Album dieser großartigen Band bleiben…

Jedes Mal, wenn ich das 2007 erschiene Debütalbum der New Yorker Band um Sänger Billy McCarthy höre, ist es für mich in kleinster Weise nachvollziehbar, warum dieses Kleinod von vertontem Road Movie nie außerhalb der USA nur als Import zu bekommen war, und selbst in ihrem Heimatland recht mäßigen Anklang – gemessen an Verkaufszahlen – fand, während musikalisch vergleichbare Bands wie The Hold Steady, The Killers oder Arcade Fire ausverkaufte Konzerthäuser bespielten… Dabei hat das 40-minütige „Anytown Graffiti“ alles, was ein großes Album auszeichnet: mitreißende Hymnen, mal hemdsärmelig rockend, mal groß wie U2, welche sowohl im Wohnzimmer als auch im Stadion überzeugen könnten. Einen Sänger, der sein Herz auf der Zunge trägt und der sich – volle Inbrunst voraus! – direkt zur Seele des Hörers / der Hörerin aufmacht. Texte, in denen gelitten, geliebt, gelebt, geträumt und gehasst wird… Man kann in jedem der elf Songs Zeilen finden, die es wert wären, dass man sie sich auf die stolzgeschwellte Brust tätowieren ließe. Beispiele gefällig? „The days just roll by / And the songs write themselves / Like little bombs they just blow up / Friendly fire that shoots itself“ („Song Writes Itself“), „Call me if you want to break out / Call me if you can’t win / We can find some desert hideout / Your desert’s not a desert at all“ („Your Desert’s Not A Desert At All“), „It’s only love, only love / We did this before, it’s only love“ („Tenement Teeth“). Textlich nah bei Arcade Fire’s „The Suburbs“, geht es auch hier um die Jugend, ums Stürmen und Drängen, um Wendepunkte, um den Traum, alles stehen und liegen zu lassen und mit dem Mädchen (oder dem Jungen) seiner Träume ins Auto zu steigen und sich, zwei Stangen Zigaretten und eine Kiste Tequila im Gepäck, gen Sonnenuntergang zu verabschieden. – Musikalische Filmfetzen des feuchten Traums eines Cineasten vom Vorstadt-Amerika, wo nicht alles gut, aber alles möglich erscheint. Der Soundtrack hierzu klingt, als würden die frühen (!) Killers Springsteens „Born To Run“ oder „Darkness On The Edge Of Town“ in Gänze spielen. Der Soundtrack hierzu ist „Anytown Graffiti“ von Pela.

Leider löste sich die vierköpfige Band 2009 auf, noch bevor sie ein zweites Album veröffentlichen konnten und nach vielen unglücklichen Missgeschicken und Vorkommnissen (Rechtsstreitigkeiten mit ehemaligen Labels und Managern, Verletzungen von Bandmitgliedern).

Für alle, die danach sehnlichst auf ein Lebenszeichen der Ex-Pela-Musiker (am meisten wohl von Sänger Billy McCarthy) gewartet hatten, war es wohl ein bisschen wie Weihnachten und Ostern an einem Tag, als im Juni 2011 endlich „Rise Ye Sunken Ships“, das Debütalbum von We Are Augustines, McCarthys gemeinsamer Band mit Ex-Pela-Bassist Eric Sanderson, erschien. Musikalisch machen die beiden erfreulicherweise nun da weiter, wo sie mit Pela notgedrungen aufgehört hatten. Textlich ist „Rise Ye Sunken Ships“ stellenweise recht harter Tobak, verarbeitet Billy McCarthy in vielen der Songs doch die Schizophrenie von Mutter und Bruder sowie den Selbstmord eben jenes Bruders (etwa nachzuhören in „Book of James“) – was nicht bedeutet, dass dieses Album weniger dynamisch, hymnisch, gelungen oder empfehlenswert ist als „Anytown Graffiti“… Bleibt zu hoffen, dass We Are Augustines nun mehr Aufmerksamkeit und Glück zuteil wird als Pela – die Auszeichnung des Debüts als „iTunes Alternative Album Of The Year 2011“ ist schonmal ein gutes, wichtiges Zeichen… Nach all der Zeit, die die Jungs, sich den Arsch abspielend, nun schon auf den Durchbruch warten, haben sie’s sich redlich verdient. Ich drücke ihnen alle verfügbaren Daumen und werde, vor allem für „Anytown Graffiti“, auch weiterhin „Missionarsarbeit“ leisten… – Wenn schon die Musik allein nicht laut genug für sich tönt.

 

 

 

 

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Flimmerstunde – Teil 5


U2 – From The Sky Down (2011)

John Lennon und Paul McCartney. Mick Jagger und Keith Richards. Robert Plant und Jimmy Page. Roger Datlrey und Pete Townshend. Ich könnte die Liste beinahe endlos fortführen… Sie beweist jedoch, dass es bei Bands meist zwei Mitglieder gibt, die die Geschicke innerhalb der Gruppe sowie deren Außenwirkung entscheidend prägen. Bei U2 sind das Bono und The Edge. Und obwohl die neuste Band-Doku „From The Sky Down“ nicht müde wird, auch die Beiträge von Larry Mullen jr. und Adam Clayton zu erwähnen, bestätigt sie doch dieses Vorurteil.

Der Aufhänger dieses 90-minütigen Films von Davis Guggenheim („An Inconvenient Truth“) ist das 20-jährige Jubiläum von U2s wohl wichtigstem Album „Achtung Baby“, welches das Quartett zur Zeit des Mauerfalls zusammen mit den Produzenten Brian Eno, Daniel Lanois und Flood in den Hansa Studios in Berlin aufnahm. Die Voraussetzungen waren denkbar ungünstig: der Vorgänger „Rattle and Hum“ (1988) erhielt meist negative Kritiken und konnte weder von Seiten der Band noch von Seiten der Kritiker und Fans der hohen Erwartungshaltung, die Alben wie „The Unforgettable Fire“ (1984) oder „The Joshua Tree“ (1987) geschürt hatten, gerecht werden. Die Ehe von Gitarrist David Howell Evans (alias The Edge) war gescheitert, Frontmann Paul David Hewson (alias Bono) wurde sich seiner prätentiösen, überkandidelten Außenwirkung bewusst und hatte das Gefühl, dass die Band nach den langen Tourneen einen Kurswechsel dringend nötig hatte. Also verliess die Band das heimische Dublin und buchte den letzten Flug mit British Airways in die Hauptstadt des damals noch geteilten Deutschland (lustige Anekdote: die Band kam in Berlin an, als die Mauer gerade im Begriff war zu fallen. Als im Feiern erprobte Iren suchten sie nach der nächsten Party, gerieten jedoch in eine grimmige Menschenmenge, welche für den Wiederaufbau der Mauer demonstrierte). In den Hansa Studios, in denen vorher auch schon Großtaten wie David Bowies „Heroes“ entstanden waren, fanden U2 mit gemeinsamer Kraftanstrengung zu neuer Inspiration und nahmen ihr, meiner Ansicht nach, neben „The Joshua Tree“ bestes Album namens „Achtung Baby“ auf, welches Songs wie „One“, „Love is Blindness“ oder „Mysterious Ways“ enthält.

Die Dokumentation zeigt einen Mix aus neueren Bildern und Archivaufnahmen, lässt Band und Produzenten, aber auch Bandmanager Paul McGuinness oder den legendären (Musik-)Fotografen Anton Corbijn, welcher das Erscheinungsbild zahlreicher Gruppen (u.a. auch Depesche Mode) entscheidend mitdefiniert hat, zu Wort kommen. Und zeigt U2 zwischen nostalgischer Rückbesinnung und Auftritt in der Öffentlichkeit, unterhalb gigantischer Bildschirmwände und fliegender Trabis auf der Bühne und bei schier endlosen Aufnahme- und Probesessions im Studio, Bono zwischen ehrlicher Selbstkritik und Rückzug in sein Selbstschutz-Kunstfigur-Alter-Ego „The Fly“. Einziges Manko: es wird wenig bis gar nichts zu den Hintergründen vieler eindeutig sexuell inspirierter Songs des Albums berichtet. Da lassen U2 Fans und Publikum auch weiterhin ihr eigenes Interpretationssüppchen kochen…

Diese Band ist und bleibt ein wandelnder Widerspruch, mit einem Frontmann zwischen Heiligem und Pop-Scharlatan (für den jedoch der Friedensnobelpreis irgendwann unvermeidlich wird). Doch U2 sind auch eins: größer als die Summe ihrer einzelnen Teile, gefestigt und bodenständig in ihrem Fundament. Love it or hate it. Größe muss polarisieren. „Scheißegal“ bleibt dem breiten Rest vorbehalten.

In einer der letzten Szenen von „From The Sky Down“ fährt die Band noch einmal in einem Trabi durchs Berlin der Jetztzeit. Die letzte Szene zeigt Bono, The Edge, Larry Mullen jr. und Adam Clayton beim Betreten der Bühne des Glastonbury Festivals, um zum ersten Mal eben jenes „Achtung Baby“ in Gänze aufzuführen. Ein Triumphzug, natürlich.

 

Rock and Roll.

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