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Song des Tages: Angel Olsen – „One Too Many Mornings“


Wir leben in verdammt unbeständigen Zeiten, von daher ist’s schön wenn es Dinge gibt, die nunmal schlichtweg feststehen. Dass Bob Dylan mindestens ein, zwei phänomenal großartige Songs geschrieben hat und die Singer/Songwriter… ach was, die Musikszene heutzutage ohne Robert Allen Zimmerman aus Duluth, Minnesota eine nahezu undenkbare, jedoch mindestens völlig andere wäre.

Absolut verständlich also, dass im Laufe der Jahrzehnte zig mal mehr, mal weniger bekannte Künstler*innen und Bands die 81-jährige, unter anderem gar mit einem Literatur-Nobelpreis dekorierte Musik-Legende mit Coverversionen bedacht haben – zwar mit höchst unterschiedlichen qualitativen Erfolgen, dennoch sorgt jede einzelne von ihnen dafür, Dylans Erbe fester im Hier und Jetzt zu verankern.

Auf der positiven Habenseite präsentiert sich nun jene Coverversion, die Angel Olsen unlängst vom anno 1964 auf Bob Dylans drittem Album „The Times They Are A-Changin‘“ erschienenen Stück „One Too Many Mornings“ veröffentlicht hat. Die Version der US-Indie-Folk-meets-Art-Pop-Musikerin, welche ihrerseits unlängst mit „Big Time“ ein von der Kritik höchst positiv aufgenommenes neues Album in die Plattenläden stellte, ist Teil des Soundtracks zur Apple TV+-Serie „Shining Girls„, in der Elisabeth Moss („The Handmaid’s Tale“) sowohl als Darstellerin als auch als ausführende Produzentin in Erscheinung tritt.

Etwas Gutes hat der Musik gewordene Dylan-Knicks obendrein auch, denn Olsen spendet die Einnahmen aus den Streaming-Tantiemen für „One Too Many Mornings“ an die gemeinnützige US-Organisation Everytown for Gun Safety, die sich für die Kontrolle von Waffen einsetzt. Zudem wird die 35-jährige Musikerin in Kürze mit den befreundeten Kolleginnen Julien Baker und Sharon Van Etten auf ausgedehnte The Wild Hearts-US-Tour gehen und während der Konzerte, wie man so liest, den gemeinsamen Wurzeln für den guten alten, handgemachten Alt.Country fröhnen. Shows in good ol‘ Europe sind zwar aktuell nicht geplant, dafür kann man derzeit bestens Angel Olsens neusten kreativen Ergüssen auf Konserve (aka. Studio-Langspieler Nummer sechs) lauschen.

Rock and Roll.

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Kate Bushs „Running Up That Hill“ – Dank „Stranger Things“ ein viraler Charthit


Die Macher der Netflix-SciFi-Mystery-Serie „Stranger Things“ haben einem der Achtziger-Pophits von Kate Bush unlängst zu neuem Glanz verholfen. Und andersherum. Viele sehen darin eine reine Marketingmasche. Doch selbst wenn – es gibt allerlei gute Gründe, warum ein Song wie „Running Up That Hill“ noch immer funktioniert…

Fest steht: Die Achtziger sind zurück – und das nicht nur wegen dem in jenem Jahrzehnt angesiedelten Streaming-Serien-Hit. Teenager tragen wieder Batik-Shirts und Pastell-Töne. Leider – qualitativ war jene Dekade bekanntlich nicht die beste – wird das Revival auch in der Musik deutlich: Zu den beliebtesten Liedern auf TikTok gehört unter anderem gerade ein Cover von Madonnas „Like A Prayer“ (vorher ging ein Hype-Raunen um den 1977er-Fleetwood Mac-Hit „Dreams“ durch die digitale Plattform). Hinter dem überraschenden Neu-Erfolg von „Running Up That Hill“ bleibt jedoch selbst der Ciccone-Evergreen zurück, denn Kate Bushs Song aus dem Jahr 1985 wurde durch die neue Staffel von „Stranger Things“ nicht nur wieder in die Charts katapultiert, er ist heute sogar weitaus erfolgreicher als damals.

So schaffte es die ursprünglich auf Bushs fünftem Album „Hounds Of Love“ erschienene Nummer nun zum ersten Mal in die Top 5 der US-Charts, erklomm danach erstmals die Spitze der UK-Charts und führte auch die Single-Spitzenränge in Australien, Norwegen, Österreich oder der Schweiz an – schnell erreichte Streaming-Quoten machen so etwas heutzutage eben im Nu möglich. Dennoch ist der Erfolg in vielfacher Hinsicht bahnbrechend, schließlich liegen stolze 44 Jahre zwischen Kate Bushs erster UK-No. 1, „Wuthering Heights“ im Jahr 1978, und nun eben „Running Up That Hill“ 2022. „Dem Lied wurde neues Leben eingehaucht“, schrieb die britische Musikerin als Reaktion auf die unverhofften Erfolge, die ihr als alleinige Songschreiberin und Produzentin des Stücks mehr als zwei Millionen US-Dollar in die Kassen spülten, auf ihrer Website – und meint damit wohlmöglich auch ein bisschen sich selbst. „Ich bin überwältigt von dem Ausmaß an Zuneigung und Unterstützung, die der Song erfährt.“ Dies alles passiere „sehr schnell, als würde es von einer Art Urgewalt vorangetrieben“. Dabei ist der Kult um die mittlerweile 63-jährige Musik-Ikone, deren jüngstes Album „50 Words For Snow“ 2011 erschien, auch sonst ungebrochen. So treffen sich australische Fans etwa im Juli im „klassischen“ Kate-Bush-Outfit – rotes Kleid, roter Gürtel –, um zu ihrem Song „Wuthering Heights“ zu tanzen. Anno 2013 kamen zu einem ähnlichen Flashmob-Event 300 Leute, in diesem Jahr werden’s wohl ungleich mehr werden.

Interessant daran ist außerdem weniger, dass die Achtzigerjahre-Ästhetik mit all ihren verquer-grellbunten Alleinstellungsmerkmalen noch so gut funktioniert, als warum das Musikjournalisten in Zusammenhang mit einer Netflix-Serie so (ver)ärgert. Kristoffer Cornils etwa erregt sich im „Deutschlandfunk“ über zynisches Cross-Marketing und dass die Musikauswahl immer mehr Marketingzwecken angepasst werde. Während „Cicero“ gar ein „Armutszeugnis für den Zeitgeist“ ausstellt, sieht auch der „Spiegel“ den Song in der Serie „verramscht“. Das Stück selbst sei zwar „große Kunst“, füge der Ästhetik der Serie aber nichts hinzu, sondern reihe sich einfach in die seit vier Staffeln bestens bekannte Achtzigerjahre-Kulisse ein, schreibt Oliver Kaever: ein reines „Marketingtool auf einem riesigen Berg von Merchandise“.

Fakt ist, dass wir uns – auch abseits von Filmen und Serien – längst an Produktplatzierungen gewöhnt haben – egal, ob bestimmte Cornflakes-Packungen, Saftsorten oder Bierflaschen werbeschleichend im Bild herumstehen, der Hauptdarsteller rein zufällig und bestens ausgeleuchtet ins neueste Modell eines großen Autoherstellers steigt oder Influencer sich zu Beginn ihrer Videos ganz offen bei ihren Sponsoren bedanken. Doch mit Musik ist es – oder war es zumindest – anders, Musik ist persönlich. In „Running Up That Hill“ etwa geht es um eine Trennung, die von Bush schmerzlich-schön beschrieben wird: „Gibt es so viel Hass für jene, die wir lieben? Sag mir, wir zählen beide, oder nicht?“ Zeilen, die zu den ohrwurmigen Keyboard-Tönen bestenfalls direkt ins gefühlige Mark treffen und sich durch das Schlagzeug direkt ins Herz trommeln. Zeilen, die vielleicht anstrebende Musikjournalisten einmal bewegt haben, als sie Teenager waren und der Song gerade rauskam – damals, vor satten 37 Lenzen.

Denn der größte Aufreger scheint zu sein, dass auch hier das angestrebte Cross-Marketing der „Stranger Things“-Macher bestens funktioniert (was ja wiederum kein vollumfänglich neues Prinzip ist). Kate Bush, die ein Fan des soeben mit Staffel vier (wohlmöglich) zuende gegangenen Netflix-Serien-Hits sein soll, freute sich öffentlich nicht nur über den Erfolg ihrer Kunst, sondern auch auf den finalen zweiten Teil der vierten Staffel. Was ist daran so ärgerlich? Vielleicht, dass der Streaming-Milliardenkonzern Netflix, in Verkörperung der Serien-Macher Matt und Ross Duffer, ein Kunstwerk auf seine Funktionalität als schlichtes Marketingmittel beschränkt. Das Lied greift nicht länger nach unserer Seele, sondern nun – oh Schande, oh Kapitalismus! – nach unserem Geldbeutel! Ganz ähnlich erging es übrigens unlängst Nirvanas „Something In The Way“, als das Stück der US-Grunge-Heroen in der neuesten Fledermaus-Irgendwie-Antisuperhelden-Verfilmung „The Batman“ Verwendung fand. Ob sich Kurt Cobain 28 Jahre nach seinem Ableben deshalb mißmutig tobend im Grabe gewälzt hat? Dürfte immerhin anzunehmen sein…

Aber tut das Stück das wirklich, nach unserem schnöden Mammon greifen? Schließlich spielt „Stranger Things“ nunmal in den Achtzigern und „Running Up That Hill“ ist ein ikonischer Popsong dieser Zeit. Zudem passt selbst der Songtext, in welchem es um Trotz im Angesicht der Verzweiflung geht, in die Handlung: „Es tut mir nicht weh… Ich werde die Straße hochlaufen, den Hügel hochlaufen, das Gebäude hochlaufen. Wenn ich nur könnte…“. (Achtung Spoiler: In der Serie hört Max Mayfield, das starke, unabhängige Skater-Mädchen mit dem aggressiven Stiefbruder, immer wieder diesen Song, während sie sich durch die Unterwelt kämpft.) Und wie anziehend der Song ist, zeigten in der mehr oder minder jüngeren Vergangenheit Coverversionen von Placebo (im typischen Alternative-Rock-Outfit), der Elastic Band (im Disco-Fummel) oder Georgia (im kontemporären Pop-Outfit). Ja, es berührt die Jugend auch heute noch, wenngleich mithilfe anderer, neuzeitlicher Inspirationsquellen. Das Lied ist eben ein Klassiker. Und das Grundprinzip von Klassikern ist doch stets, dass sie verdammt zeitlos sind – 37 Jahre, „Stranger Things“, Netflix und die unsäglichen Achtziger hin oder her.

Und falls irgendjemand zum runden Abschluss noch einen interessanten Fun Fact haben mag: Dieses kleine Revival-Hoch passiert Kate Bush mit „Running Up That Hill“ in der Tat keineswegs zum ersten Mal. Nachdem ein Remix des Songs bei der Abschlusszeremonie der Olympischen Spiele 2012 in London verwendet worden war, kletterte die Britin schon einmal wieder zurück in die Charts – wenn man so mag wohl nur ein weiterer Beweis dafür, wie zeitlos das Stück durch die Jahre wandelt…

Und was passiert, wenn 1.600 Fremde ein paar Drinks nehmen und dann lernen, „Running Up That Hill“ in dreistimmiger Harmonie zu singen? Nun, dreht gern die Lautstärke auf, nehmt euch was Kühles für die Kehle und findet es heraus, denn die kreativen Köpfe des australischen Kneipenchor-Pojektes Pub Choir haben genau das ausprobiert:

Rock and Roll.

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Agnes und ihr Freund Amir – Eine ziemliche beste Wohngemeinschaft (und die wohl schönste Geschichte des Tages)


Agnes Jeschke wurde 1920 in Sachsen geboren. Das Jahr, in dem die Pandemie der Spanischen Grippe endete. Das Jahr, in dem der Friedensvertrag von Versailles den Ersten Weltkrieg offiziell beendete. Das Jahr, in dem in Deutschland die erste Jazz-Schallplatte verkauft wurde.

Amir Farahani wurde 1993 im Iran geboren. Das Jahr, in dem dort zwei Flugzeuge kollidierten und 132 Menschen starben. Das Jahr, in dem der Maastricht-Vertrag in Kraft trat und das World Wide Web freigegeben wurde.

Heute ist sie betagte 102 Jahre alt, er sportliche 28 Lenze jung – rein optisch sowie rechnerisch könnte Amir Agnes‘ Urenkel sein. Und obwohl die beiden – zumindest auf dem schnöden Papier – fast 74 Jahre gelebtes Leben und recht unterschiedliche Kulturen trennen mögen, sind diese alte Dame und ihr Betreuer, der sogar bei ihr wohnt, ein zwar ungewöhnliches, dafür jedoch umso unzertrennlicheres Paar. „Ziemlich beste Freunde“ quasi – nur eben nicht als rührselige französische Filmkomödie in Paris angesiedelt, sondern in einer kleinen Wohnung in Berlin-Mariendorf. „Wir verstehen uns“, sagt sie mit ihrem Berliner Charme, „wie zwei linke Latschen“.

Und natürlich mag die Geschichte von Amir und Agnes ungewöhnlich sein. Er studierte im Iran Sportmedizin, musste sein Land, in dem er wegen seiner Homosexualität um sein Leben fürchtete, jedoch ohne Familie verlassen – und kam nach Deutschland. Sie lebt seit fünf Jahrzehnten in ihrer bescheidenen Drei-Zimmer-Wohnung in Berlin. Wäre der junge Mann nicht bei ihr eingezogen, hätte Agnes wohl ins Pflegeheim gemusst – gegen ihren Willen. Also schaltete ein Freund eine Anzeige im Internet und suchte nach einer Betreuerin – das Motto: „Kostenloses Wohnen gegen Gesellschaft leisten“. Es meldeten sich 22 Frauen – und Amir. Und obwohl er der einzige männliche Bewerber war, war er nicht nur gleich hellauf begeistert von der Idee, bei der alten Frau einzuziehen, sondern wunderte sich auch: „Warum nur Frauen? Ich kann das auch.“ Agnes ging es ähnlich, die beiden waren sich – allen Unterschieden zum Trotz – auf Anhieb sympathisch. Er suchte eine Bleibe (was sich auf dem Berliner Wohnungsmarkt durchaus als Herausforderung gestalten kann), sie Gesellschaft und Hilfe im Alltag. Und fanden auf diesem Weg einander. Das Paradebeispiel einer Eine Win-win-Situation, sozusagen.

Das Bilderbuch zeigt, dass sich die gemeinsamen Tage des ungleichen Mitbewohnerpaares häufig bunt gestalten. „Manchmal gehen wir schaukeln, manchmal zusammen einkaufen, manchmal schwimmen oder ins Restaurant.“ Selbst in die Shisha-Bar oder zum Tanzen seien sie schon gemeinsam gegangen. Amir lebt kostenlos auf Agnes‘ Couch, besitzt in ihrer Wohnung lediglich einen kleinen Kleiderschrank, als Gegenleistung hilft er ihr im Alltag – vor allem morgens und abends. Tagsüber macht er eine Ausbildung zum Alten- und Krankenpfleger. Auch aus diesem Grund kann er ihren Pflegedienst wenngleich nicht gänzlich ersetzen, dafür jedoch zu großen Teilen unterstützen, während sie für ihn eine Art Familienersatz darstellt und dem Geflüchteten, der der deutschen Bürokratie wegen im vergangenen Jahr – entgegen aller Umstände und trotz Fachkräftemangels – beinahe wieder in seine alte Heimat (in welcher ihm zudem die Todesstrafe droht) abgeschoben worden wäre, die deutsche Sprache und den speziellen Berliner Humor näher bringt.

Doch so schön sich dieser Alltag auch lesen mag, so herausfordernd kann er oft genug sein. „Ich muss ihr viele grundlegende Dinge beibringen, die wir Jungen automatisch machen“, sagt Farahani. Dazu gehöre zum Beispiel das Essen oder Trinken, Anziehen oder Aufstehen. „Bei all diesen kleinen Dingen besteht die Gefahr, dass sie sich verletzt und da muss ich aufpassen.“ Anfangs habe sie in der Nacht auch öfters Panikattacken bekommen. Ihr anstehender Auszug, das drohende Pflegeheim habe sie damals sehr belastet. Mittlerweile schläft sie nicht nur ruhiger, sondern hat durch ihren beinahe ein Dreivieteljahrhundert jüngeren Begleiter sogar neue Lebensfreude gewonnen. „Ich bin ohne Familie hergekommen. Ich suchte damals eine Wohnung. Die habe ich jetzt und auch eine Aufgabe. Wenn Menschen wie Agnes Zuwendung bekommen, bleiben sie jung“, wie Amir es auf den Punkt bringt. Er passt auf sie auf, und sie irgendwie auch auf ihn.

Und so aufs Filmreifste kitschig sich die Geschichte von Agnes und Amir auch lesen mag, so stellt sie doch umso mehr positive Dinge ins Licht: Etwa den Fakt, dass Integration durchaus gelingen kann, wenn beide Seiten offen für die Welt des anderen sind (und auch daher dürfen Beiträge über die beiden gern in Dauerschleife auf jeder Versammlung der blau-braunen Anti-Alternative laufen). Dass dieses im ersten Moment ungewöhnliche WG-Konzept aus Jung und Alt gerade in Großstädten wie Berlin, wo auf der einen Seite meist Wohnungsknappheit herrscht, während es gleichzeitig eine hohe Zahl an älteren Single-Haushalten gibt, eine nicht nur gute, sondern auch überaus beispielhafte Lösung darstellt – und somit ein stückweit den „Grauen Markt“ der 24-Stunden-Pflegekräfte in bundesdeutschen Privathaushalten ersetzen könnte. So schätzt die Schader-Stiftung, dass bis zu 400.000 Menschen – vor allem Osteuropäerinnen – in deutschen Haushalten ältere Menschen pflegen – und das, anders als bei Amir, eben oft illegal. Und zu guter Letzt natürlich, dass dieser Tage nicht jede Nachricht schlecht sein muss, um berichtenswert zu sein. ❤️️

Bei Arte sowie in der ZDF Mediathek findet man aktuell zudem auch einen ausführlicheren halbstündigen Beitrag über die beiden…

Rock and Roll.

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Song des Tages: Karsu – „Hijo de la luna“


„Wenn man eure Augen schließt und Karsu lauscht, dann fühlt es sich an, als würde man einer großartigen Jazz-Künstlerin aus New Orleans zuhören…“

In etwa so bezeichnen nicht eben wenige Zuhörer*innen die Musik und Stimme von Karsu Dönmez. Und sie haben nicht einmal Unrecht – obwohl die talentierte 31-jährige Niederländerin mit ihrer Mischung aus Jazz, Blues, Funk, Pop und türkischer Folklore eine keineswegs alltägliche und gerade daher recht einzigartige Melange bietet. Wohl auch deshalb wird ihr an nicht wenigen Stellen nachgesagt, die niederländische Norah Jones zu sein, oder meinetwegen die „türkische Antwort auf Amy Winehouse“ (plus Disziplin, minus fataler Hang zu Drogen). Aber auch ohne diese hoch gegriffenen Vergleiche tönt ihre Musik verdammt faszinierend…

Karsu, geboren 1990 in Amsterdam, findet schon in jungen Jahren ihre Liebe zu Musikstilen, welche andere erst mit Beginn der Grauhaarigkeit erwischt: Jazz, Blues, Soul, Klassik – you name it. Ihre Eltern erkennen ihr Talent und kaufen Karsu im zarten Alter von sieben Jahren daher mit dem Geld, das eigentlich für ein neues Auto beiseite gelegt wurde, ein Klavier. Die junge Türkin übt und übt und beginnt wenig später damit, im Familienrestaurant kleine Konzerte zu geben. „Eigentlich habe ich im Restaurant meines Vaters gekellnert. Da stand ein Klavier. Manche unserer Gäste wussten, dass ich spielen konnte und baten mich darum. Nachdem in Umlauf kam, dass in einem schicken Restaurant ein Mädchen am Klavier musiziert, wurde die Sache etwas größer. Wir haben ein Mikrofon und ein besseres Klavier gekauft und ich begann, jedes Wochenende aufzutreten. Die Leute kamen nun nicht mehr, um das Yoğurtlu Adana Kebap [dt. Adana Kebap mit Joghurt] meines Vaters zu essen, sondern meinetwegen“, wie sie selbst in einem Interview erzählt. Mit siebzehn Jahren erweckt sie zudem das Interesse von Filmregisseurin Mercedes Stalenhoef und ihr Leben wird zum Thema eines Dokumentarfilms. Als sie obendrein noch eine Einladung für ein Konzert in der berühmten New Yorker Carnegie Hall erhält, werden auch immer mehr heimische Medien auf die aufstrebende Sängerin, Pianistin und Lyrikerin aufmerksam… Was sich liest wie eine Bilderbuch-Musikbiografie im Zeitraffer, dürfte wohl einerseits Karsus immensem Talent und musikalischen Gespür, aber auch ihrer Disziplin geschuldet sein.

Dass Karsu nicht nur mit ihrer nahezu einzigartigen Mischung aus Jazz Pop und türkischsprachigem Liedgut, sondern auch in anderen Sprachen zu überzeugen weiß, bewies die Musikerin aus Amsterdam im vergangenen Jahr in der niederländischen TV-Sendung „Beste Zangers“ (welche in etwa das Äquivalent zu der hierzulande recht populären VOX-Sendung „Sing meinen Song – Das Tauschkonzert“ darstellt). Dort gab Karsu nicht nur Songs auf Niederländisch und Englisch, sondern auch ein bekanntes spanischsprachiges Stück zum Besten: „Hijo de la luna„, das hierzulande 1998 durch die Interpretation von Loona ein hinlänglich bekannter Nummer-eins-Hit wurde, eigentlich jedoch von der spanischen Band Mecano stammt und bereits stolze 35 Lenze auf dem Songbuckel hat. Doch anstatt das stimmlich nicht eben simple Stück einfach nachzuträllern, verleiht Karsu dem Song, der im Laufe der Jahre auch von Größen wie Montserrat Caballé oder Sarah Brightman (sowie der ein oder anderen Metal-Kapelle) gecovert wurde, ihre ganz eigene Note, die modernen Jazz’n’Funk ebenso einfließen lässt wie ihre türkischen Wurzeln. Das Phrasenschwein frohlockt wahrscheinlich schon, wenn der Schreiberling zu der Behauptung ansetzt, dass sich hier der Orient und Okzident auf einen spätabendlichen Mojito treffen. In jedem Fall gelingt der talentierten, vielseitigen Musikerin mit ihrer Interpretation wunderschönes, ganz großes Kino…

Kaum verwunderlich, dass Karsu den Song mittlerweile scheinbar auch in ihre Konzert-Setlist aufgenommen hat, wie dieser Auszug aus ihrer kürzlich gespielten Show beim ESNS Festival im niederländischen Groningen beweist. Und auch da bekommt ihre Coverversion zwar andere, aber ebenso eigene Noten verliehen…

Wer etwas mehr über Karsu Dönmez erfahren mag, dem sei – neben dem oben erwähnten Dokumentarfilm – dieser zwar nicht ganz aktuelle, jedoch recht informative Beitrag empfohlen:

Rock and Roll.

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„Springfieldalbums“ – Berühmte Plattencover im Simpsons-Look


Rock goes Springfield – Die Seite „Springfieldalbums“ kombiniert gleich verdammt zwei großartige Dinge: Die Simpsons und Musik! So kreieren die Macher berühmte Albumcover – vor allem aus dem breiten Spektrum der Rockhistorie – mit der gelbsten Familie der TV-Geschichte sowie weiteren Bewohnern von Springfield – und zaubern aus diesem Culture Clash das eine oder andere amüsante Meisterwerk. ANEWFRIEND hat euch hier ein paar Highlights zusammengetragen – deutlich mehr findet man auf Instagram oder Facebook🤘

Rock and Roll.

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Song des Tages: Barbara Pravi – „Voilà“


Barbara Pravi trat mit ihrem Song „Voilà“ beim 65. Eurovision Songcontest für ihr Heimatland Frankreich an und gehörte damit bereits von Anfang an zu den großen Favorit*innen des Wettbewerbs. Im Finale in Rotterdam vor zwei Tagen konnte sie zwar die Fachjurys der Teilnehmerländer für sich gewinnen, beim europäischen Publikum durfte jedoch vor allem die italienische Glamrock-Band Måneskin abräumen, welche sich am Ende des Abends mit ihrem Song „Zitti e buoni“ auch den Sieg holte. Für Pravi, der nicht wenige wohl den Sieg ebenso gewünscht wie gegönnt haben dürften, sprang dennoch ein toller zweiter Platz heraus – aber das war noch längst nicht alles. Bereits einige Stunden nach dem großen ESC-Finale kletterte „Voilà“ an die Spitze vieler europäischer Charts, so unter anderem auch in Deutschland.

Die 27-jährige Pariser Sängerin mit serbischen und iranischen Wurzeln, die so vielfältige Künstler*innen wie Barbara, Jacques Brel, Georges Brassens, Françoise Hardy oder Louis Aragon zu ihren Einflüssen zählt, konnte in den letzten Jahren vor allem in ihrer französischen Heimat mit Songs wie „Je sers“, „Louis“ oder „Pas grandir“ Fans für sich gewinnen. Ihre Karriereanfänge lesen sich allerdings doch schon etwas klischee’esker: So sang sie im Januar 2016 „On m’appelle Heidi“ für die französische Version des Films „Heidi„, der im selben Jahr in den dortigen Kinos anlief. Ihren ersten Plattenvertrag hatte sie da schon in der Tasche. Danach erhielt Pravi die Rolle der Solange Duhamel im Musical „Un été 44„. Wen wundert’s, dass sie vor allem für ihre stimmliche Darbietung äußerst positive Kritiken erhielt… Dennoch bewahrt sich die kreative Chanteuse, die in der Vergangenheit bereits auch als Songwriterin für Musiker wie Yannick Noah, Julie Zenatti, Chimène Badi, Angélina Nava oder Jaden Smith (ja, der Sohn vom Smith-Will) tätig war, Eigenständigkeit wie Eigenwilligkeit. Sie schreibt ihre Texte zumeist selbst und lehnt diese nicht selten an wahre Begebenheiten an. So handelt beispielsweise „Deda“ von der Geschichte ihrer Familie oder „CHAIR“ von einer Abtreibung. Fürwahr nicht eben leichte Pop-Alltagskost…

Beim ESC 2021 nun also zeigte sie sich der ganzen (Musik)Welt. „Voilà“ – Das ist Barbara Pravi! (Übrigens ist ihr der ESC nicht gänzlich fremd, denn die Musikerin hat den Song “J’imagine” mitgeschrieben, mit dem die Sängerin Valentina im vergangenen Jahr den „Junior Eurovision Song Contest“ gewann.) Mit ihrem Stück, welches an die ganz Großen des modernen Chanson française wie etwa die ewige Edith Piaf erinnert, stach sie auch ohne jegliches Show-Tam-tam aus der bunten, breit gefächerten Vielzahl der 26 Teilnehmer hervor. Nicht, weil ihr Lied so gnadenlos perfekt durchproduziert, so poppig-eingängig gewesen wäre (in diesem Punkt taten sich eher Litauen oder Griechenland hervor). Jedoch vielmehr, weil Pravi den gemeinsam mit zusammen Igit und Lili Poe geschriebenen Song mit einer Leidenschaft vortrug, bei der ihr das Chanson gewordene Herzblut aus jeder Wuschelfisur-Faser, jeder Pore drang – da musste man nicht einmal den (zugegebenermaßen durchaus formidablen) französischen Text verstehen, um das Herzeleid zwischen den Zeilen fühlen zu können. Und auch wenn ihre bisherigen drei Alben – aller künstlerischen Vielfalt, allem Anspruch zum Trotz – bisher wenige Stücke einer ähnlich berührenden Güteklasse bieten, so sollte man Barbara Pravi in Zukunft auf dem Schirm haben und durchaus gespannt auf weitere Einblicke in das Herz der jungen Französin sein…

„Écoutez moi
Moi la chanteuse à demi
Parlez de moi
À vos amours, à vos amis
Parler leur de cette fille aux yeux noirs et de son rêve fou
Moi c’que j’veux c’est écrire des histoires qui arrivent jusqu’à vous
C’est tout

Voilà, voilà, voilà, voilà qui je suis
Me voilà même si mise à nue j’ai peur, oui
Me voilà dans le bruit et dans le silence

Regardez moi, ou du moins ce qu’il en reste
Regardez moi, avant que je me déteste
Quoi vous dire, que les lèvres d’une autre ne vous diront pas
C’est peu de chose mais moi tout ce que j’ai je le dépose là, voilà

Voilà, voilà, voilà, voilà qui je suis
Me voilà même si mise à nue c’est fini
C’est ma gueule c’est mon cri, me voilà tant pis
Voilà, voilà, voilà, voilà juste ici
Moi mon rêve mon envie, comme j’en crève comme j’en ris
Me voilà dans le bruit et dans le silence

Ne partez pas, j’vous en supplie restez longtemps
Ça m’sauvera peut-être pas, non
Mais faire sans vous j’sais pas comment
Aimez moi comme on aime un ami qui s’en va pour toujours
J’veux qu’on m’aime parce que moi je sais pas bien aimer mes contours

Voilà, voilà, voilà, voilà qui je suis
Me voilà même si mise à nue c’est fini
Me voilà dans le bruit et dans la fureur aussi
Regardez moi enfin et mes yeux et mes mains
Tout c’que j’ai est ici, c’est ma gueule c’est mon cri
Me voilà, me voilà, me voilà
Voilà, voilà, voilà, voilà

Voilà“

(Wer dem Französischen nicht mächtig ist, der findet hier eine deutsche Übersetzung…)

Rock and Roll.

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