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„Allemagne Zero Points“ – Nicht ganz, aber fast.


Hach ja, der ESC. Da kann sich der Gesangswettbewerb formally known asGrand Prix Eurovision de la Chanson“ noch so sehr wandeln und häuten und rundumerneuern, ein paar Dinge haben schonbar seit Jahr und Tag Bestand: Peter Urban moderiert die ganze Chose in der übertragenden ARD zwar stets etwas großväterlich, aber mit ehrlicher Pathosbefreitheit runter, die Wettbüros behalten mit ihren Prognosen nahezu immer recht – und Deutschland, Germany, l’Allemagne holt sich mit hinterletzten Plätzen beim Lied- und Gesangswettstreit der Europäischen Rundfunkunion, an welchem aus unerfindlichen Gründen seit 2015 auch der zwar ferne, jedoch scheinbar gefühlt nahe Nachbarstaat Australien teilnehmen darf, alljährlich immer neue peinliche Nackenschläge ab (freilich nur kurz vom erstaunlichen Sieg anno 2010 mit Lena Johanna Therese Meyer-Landruts Stefan-Raab-Überhit „Satellite“ sowie den rückblickend überaus respektablen 8. beziehungsweise 4. Plätzen für Künstler wie Roman Lob und Michael Schulte unterbrochen, die dann wiederum 2012 und 2018 stattfanden). Nagt’s am teutonischen Selbstverständnis, dass man für solche Niederlagen nicht mal mehr einen Fussball oder irgendwelche Wirtschaftsprognosen benötigt? Dass man über die potentiellen Gründe für die scheinbare Abneigung gegen „uns Deutsche“ ganze Bücher lang vortrefflich mutmaßen und debattieren könnte? Ach, lohnt nicht, Darling! Ein, zwei Traditionen sollten sich bewahren…

Und dieses Jahr? Triumphierte gestern eine Frau, die ein fleischfarbenes, wohl aus ihrer eigenen Lederchaiselongue zusammengeschustertes Outfit, Henna-Verzierungen und sehr, sehr lange Fingernägel trug, selbst in den Momenten der größten Spannung wie Billie Eilishs von Schlaftrunkenheit und nebulösen Stoffen achtsam sedierte ältere Schwester wirkte und sich auf der großen Bühne aus einer engen „Sonnenbank“ (Peter Urban) befreite. Loreens Lied „Tattoo“, mit viel Zielbewusstsein von ganzen sechs Autoren geschrieben, beginnt nicht gänzlich ohne Absicht mit einer fast schon Abba’schen Wendung: „I don’t wanna go / But baby, we both know/ This is not our time / It’s time to say goodbye.” – noch mit das Beste an der auf Finalsieg getrimmten Drei-Minuten-Nummer. Sei’s drum, die schwedische Musikerin ist jetzt der einzige Mensch neben Johnny Logan, der den Eurovision Song Contest zweimal gewonnen hat – erstmals 2012 mit „Euphoria“ (welches, so viel Ehrlichkeit sollte im Vergleich mit dem diesjährigen Stück nunmal sein, doch deutlich mehr Ohrwurmpotential besaß).

Und dahinter? Belegte der Finne Käärijä, rein optisch ein irrer Hybrid aus dem teutonischen Hippe-di-Hopp-Rapper Haftbefehl und CSD-Techno-Freund, mit der populistischen Gaga-Tanzroutine „Cha Cha Cha“ den zweiten Rang. Noch weiß man, dass diese ulkige Type sich zu Beginn des Bühnenvortrags mit irrem Blick und massig Elan aus einer Bretterbude befreite und, schenkt man dem vorangegangenen Vorstellungseinspieler Glauben, scheinbar recht gern in einer Riesenradkabine sauniert. Wird wohl alles schnell vergessen werden… Apropos „raus aus dem Hirn-Zwischenspeicher“: Auf dem dritten Platz landete die Israelin Noa Kirel mit „Unicorn“, deren auf ansehnliches Tanzspektakel gemünzte Inszenierung irgendwo zwischen J.Lo, Shakira und Ariana Grande zwar wahrscheinlich die überzeugendste des diesjährigen Show-Wettbewerbs war. jedoch offen ließ, was all das nun mit „Female Empowerment“, also mit weiblicher Selbstermächtigung, zu tun hatte. Andererseits: Einhörner will einem ja auch keiner näher erklären, also sei’s drum, is‘ alles nur schön anzuschauende Schau für den juxen Moment. Und: genau diese Treppchen-Platzierungen wurden von den Buchmachern eben vorher angekündigt. Gähn.

Praktisch war außerdem, dass der „Eurovision Song Contest“ ausgerechnet bei den Brexitern in good ole England stattfand, schließlich hatte sich das Augenmerk der gut behüteten Promi-und-Unterhaltunsgwelt ja erst eine Woche zuvor für die lang geplante Inthronisierung von Prinz, ähm… König Charles III. dahin gerichtet. Kaum waren also die Krönungsfeierlichkeiten in London abgeschlossen, verlagerte das öffentliche Interesse einfach den Schauplatz etwas weiter nördlich: Der ESC wurde von der BBC in Liverpool stellvertretend für die im Vorjahr – wohl auch mit einem guten Überpfund Solidarität – erfolgreiche Ukraine ausgerichtet, da solch ein Wettbewerb in einem im Krieg befindlichen Gebiet wohl keine allzu gute Idee abgegeben hätte. Daher erfuhr der geneigte Zuschauer eine Woche lang, dass Liverpool die Geburtsstadt der Beatles ist (ach nee!) und dass die Bürger von Liverpool keine Engländer, sondern „Liverpudlians“ und „Scousers“ sind – und stolz darauf (ach so!). Außerdem sind sie herzlich (ach ja?). Und hierzulande wurde die Stadt am River Mersey nur in einem Satz erwähnt, wenn dieser daraufhin auch „Jürgen Klopp“, neben Ratebespaßler Günther Jauch aktuell Deutschlands sympathischstes Werbemaskottchen Nummer eins, enthielt.

Aber ich schwof einmal mehr ab… Camilla und Charles eröffneten also die prall mit Fahnen wedelndem Publikum gefüllte Arena bei den Royal Albert Docks, und am Anfang der Fernsehübertragung spielten unter anderem Herzogin Kate und Andrew Lloyd Webber auf dem Piano einige Kadenzen von „Stefania“, dem ukrainischen Gewinnersong des letzten Jahres, bevor das experimentell gekleidete Kalush Orchestra das Lied auch noch einmal in der Halle aufführte. Und jetzt haben wir genug von der Flöte – und zwar auch von selbiger, die der kleinwüchsige Mann zwischen Trommlern und Amazonen für Moldau blies! (Ein „Skandal“ ist übrigens nur das, worüber man, bei allem Irrsinn dieser Tage, nicht selbst mit einem Auge zwinkern kann…)

So kommentierte sich Peter Urban in seiner letzten ESC-Sendung vier Stunden lang tapfer durch die Postkartenansichten von Rathäusern, Brücken und Bibliotheken von Großbritannien, den jeweiligen 26 Finalbetragsländern und der Ukraine. Die Toiletten, hatte Urban vorher angemerkt, lagen dicht an der Sprecherkabine. Pickepackene 240 Minuten, 14.400 Sekunden dauerte die Show, die durch das Abfragen der sogenannten Jury-Stimmen aus jedem Land traditionell einmal mehr gen Ende etwas in die Länge gezogen wurde (obwohl die Verantwortlichen hier mittlerweile gewinnbringend gekürzt haben). Wenig überraschend einigten sich diese „Experten-Jurys“ mit überwältigender Mehrheit auf Schwedens Loreen – und dieses Votum wurde, ebenso wenig überraschend, auch von der öffentlichen Meinung, den Publikumsstimmen, der Vox Populi, nicht wirklich gewendet. Hinter Loreen und Finnlands technoider Antwort auf Haftbefehl, Käärijä: ein großer Abstand zum israelischen Pop-Sternchen Noa Kirel und dem Italiener Marco Mengoni mit „Due Vite“, nebst dem hübsch anzuhörenden Schweizer Betrag einem der wenigen traditionellen Lieder im Wettbewerb.

Apropos „Zum ESC bestellen wir uns ’ne Pizza!“: Italien ist das einzige Land der „Big Five“, also der immer schon qualifizierten europäischen Staaten, das schlußendlich auf dem Tableau reüssierte. Frankreich und Spanien, Großbritannien und Deutschland scheiterten mal mehr, mal minder spektakulär mit – wie soll man’s schreiben? – gewollten Beiträgen, die am Ende nahezu keiner wollte. Chris Harms, der Sänger von Lord Of The Lost, liest immer die letzte Seite eines Buches zuerst. Daher hätte auch er gern vorher gewusst, wie der Wettbewerb schlussendlich ausgeht. Mit dem letzten Rang für selbige Lord Of The Lost nämlich. Die Dark-Rock-Band aus Hamburg-St. Pauli wirkte wie aus Versehen in die große Arena geraten. Harms rief „Liverpool, make some noise!“ in eine Halle, in der seit zwei Stunden nur ausgelassener Lärm herrschte. Am Ende waren „Blood & Glitter„, rote Lack’n’Leder-Outfits (die vor allem den Frontmann wie eine neu entdeckte Moskito-Abart aussehen ließen), Feuershow, an der stählernen Rammstein-Fibel geschulte Rrrrrrock-Rifferei und Screamo-Einlagen mickrige 18 Pünktchen wert – da kann die fünfköpfige Truppe wohl, bei aller Mittelmäßigkeit ihres Songs, am wenigsten für. (Noch lustiger war übrigens der Fakt, dass zwei der insgesamt drei Jury-Punkte ausgerechnet aus dem verschrobenen Island kamen und der Präsentator der Punkte seine astreine S&M-Vermummung nicht ablegte. Ach, Island…) Vielleicht war die Reimbarkeit des Titels auf „Glatt und bitter“ zu sehr böses Omen? So nämlich kommentierten Olli Schulz und Jan Böhmermann, ja nicht erst seit gestern beste „Fest & Flauschig“-Podcast-Buddies, das Stück ahnend für den österreichischen ORF. Vielleicht hätte der NDR, anstatt Lord Of The Lost (die den Vorentscheid knapp vor Ikke Hüftgold gewannen und Liverpool somit nur hauchdünn vor einer Überdosis Ballermann-Verblödung bewahrten), wohl eher Böhmermann und seinen tatsächlich verdammt guten, einmal mehr ebenso toll musikalisch ausstaffierten wie mit einem Augenzwinkern garnierten Songbetrag „Allemagne Zero Points„, der mit seiner Veröffentlichung vor ein paar Tagen freilich bewusst zu spät kam, gen England schicken sollen? Nun, verehrte bundesdeutsche Auswahljury: der „blasse dünne Junge“ wäre doch ’ne Idee fürs kommende ESC-Jahr! Schlimmer kann’s nun eh kaum noch kommen… Und nehmt Barbara Schöneberger bitte, bitte endlich den Schlüssel zu ihrem Kinderkirmes-Ankleidezimmer weg! Und bitte, bitte, bitte haltet es nie, nie, nie wieder für eine gute Idee, Elton die Jury-Punkte präsentieren zu lassen, schließlich mag nun mindestens halb TV-Europa denken, dass der ehemalige Raab-Sidekick der schönste und witzigste Mann aus Teutonien sei. Wie wär’s denn mit Ingo Zamperoni? Oder meinetwegen eben Günther Jauch oder Jürgen Klopp?

Natürlich, erst hinterher ist man wirklich schlauer, und auch die diesjährigen geprügelten Hunde von Lord Of The Lost wissen, zumal als Söhne Hamburgs, nun: Du kannst vieles planen, aber der wandlungsfähige Eurovision Song Contest ist in manchem Moment wie die hohe See.

Und wo, kurz vor Ende dieses von Zeitgeist geprägten Artikels erneut der Name der Hansestadt fiel, hier noch etwas Wissensvermittlung: Mit insgesamt 2.500 Brücken ist Hamburg Europas Stadt mit den meisten Brücken und stellt Venedig, welches über lediglich rund 400 Brücken verfügt und damit in dem Ranking nur den fünften Platz belegt, klar in den Schatten. Wusste man? Oha, Chapeau! Und bei aller Nähe zum Wasser sei mir da noch ein letzter Brückenschlag gestattet, denn nun geht – ohne eine Träne, dafür mit amtlicher Würde – der deutsche Kommentatoren-Bootsmann, der jede Ausgabe des ESC seit 1997 mit seiner bestens bekannten Stimme sowie mit dem ein oder anderen zutiefst ehrlichen Einwurf begleitete, von Bord – und das sei ihm, auch schon stolze 75 Lenze alt, freilich gleichsam gestattet wie gegönnt. Passenderweise verabschiedete sich der noble Peter Urban daher gestern ohne Umschweife: „Es war mir ein Vergnügen und eine Ehre. Ihr Peter Urban.“ Wegen zweier Dinge wird er ab dem kommenden ESC-Jahr vor allem fehlen: Peter Urban war niemals borniert. Und er war (beinahe) niemals pathetisch. Im Zweifel waren das die bemerkenswertesten deutschen Leistungen beim wohlmöglich pathetischsten Fest der Welt (nach der Krönung).

  
  

Rock and Roll.

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Moment! Aufnahme.


(gefunden bei Facebook)

Ohne Zweifel eines der traurigsten Wimmelbilder von 2022: die Vielzahl prominenter Gesichter, von denen wir uns im vergangenen Jahr verabschieden mussten… Allen voran behält die Queen Krone und Zepter, im Hintergrund tobt der Krieg.

Rock and Roll.

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Song des Tages: Angel Olsen – „One Too Many Mornings“


Wir leben in verdammt unbeständigen Zeiten, von daher ist’s schön wenn es Dinge gibt, die nunmal schlichtweg feststehen. Dass Bob Dylan mindestens ein, zwei phänomenal großartige Songs geschrieben hat und die Singer/Songwriter… ach was, die Musikszene heutzutage ohne Robert Allen Zimmerman aus Duluth, Minnesota eine nahezu undenkbare, jedoch mindestens völlig andere wäre.

Absolut verständlich also, dass im Laufe der Jahrzehnte zig mal mehr, mal weniger bekannte Künstler*innen und Bands die 81-jährige, unter anderem gar mit einem Literatur-Nobelpreis dekorierte Musik-Legende mit Coverversionen bedacht haben – zwar mit höchst unterschiedlichen qualitativen Erfolgen, dennoch sorgt jede einzelne von ihnen dafür, Dylans Erbe fester im Hier und Jetzt zu verankern.

Auf der positiven Habenseite präsentiert sich nun jene Coverversion, die Angel Olsen unlängst vom anno 1964 auf Bob Dylans drittem Album „The Times They Are A-Changin‘“ erschienenen Stück „One Too Many Mornings“ veröffentlicht hat. Die Version der US-Indie-Folk-meets-Art-Pop-Musikerin, welche ihrerseits unlängst mit „Big Time“ ein von der Kritik höchst positiv aufgenommenes neues Album in die Plattenläden stellte, ist Teil des Soundtracks zur Apple TV+-Serie „Shining Girls„, in der Elisabeth Moss („The Handmaid’s Tale“) sowohl als Darstellerin als auch als ausführende Produzentin in Erscheinung tritt.

Etwas Gutes hat der Musik gewordene Dylan-Knicks obendrein auch, denn Olsen spendet die Einnahmen aus den Streaming-Tantiemen für „One Too Many Mornings“ an die gemeinnützige US-Organisation Everytown for Gun Safety, die sich für die Kontrolle von Waffen einsetzt. Zudem wird die 35-jährige Musikerin in Kürze mit den befreundeten Kolleginnen Julien Baker und Sharon Van Etten auf ausgedehnte The Wild Hearts-US-Tour gehen und während der Konzerte, wie man so liest, den gemeinsamen Wurzeln für den guten alten, handgemachten Alt.Country fröhnen. Shows in good ol‘ Europe sind zwar aktuell nicht geplant, dafür kann man derzeit bestens Angel Olsens neusten kreativen Ergüssen auf Konserve (aka. Studio-Langspieler Nummer sechs) lauschen.

Rock and Roll.

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Kate Bushs „Running Up That Hill“ – Dank „Stranger Things“ ein viraler Charthit


Die Macher der Netflix-SciFi-Mystery-Serie „Stranger Things“ haben einem der Achtziger-Pophits von Kate Bush unlängst zu neuem Glanz verholfen. Und andersherum. Viele sehen darin eine reine Marketingmasche. Doch selbst wenn – es gibt allerlei gute Gründe, warum ein Song wie „Running Up That Hill“ noch immer funktioniert…

Fest steht: Die Achtziger sind zurück – und das nicht nur wegen dem in jenem Jahrzehnt angesiedelten Streaming-Serien-Hit. Teenager tragen wieder Batik-Shirts und Pastell-Töne. Leider – qualitativ war jene Dekade bekanntlich nicht die beste – wird das Revival auch in der Musik deutlich: Zu den beliebtesten Liedern auf TikTok gehört unter anderem gerade ein Cover von Madonnas „Like A Prayer“ (vorher ging ein Hype-Raunen um den 1977er-Fleetwood Mac-Hit „Dreams“ durch die digitale Plattform). Hinter dem überraschenden Neu-Erfolg von „Running Up That Hill“ bleibt jedoch selbst der Ciccone-Evergreen zurück, denn Kate Bushs Song aus dem Jahr 1985 wurde durch die neue Staffel von „Stranger Things“ nicht nur wieder in die Charts katapultiert, er ist heute sogar weitaus erfolgreicher als damals.

So schaffte es die ursprünglich auf Bushs fünftem Album „Hounds Of Love“ erschienene Nummer nun zum ersten Mal in die Top 5 der US-Charts, erklomm danach erstmals die Spitze der UK-Charts und führte auch die Single-Spitzenränge in Australien, Norwegen, Österreich oder der Schweiz an – schnell erreichte Streaming-Quoten machen so etwas heutzutage eben im Nu möglich. Dennoch ist der Erfolg in vielfacher Hinsicht bahnbrechend, schließlich liegen stolze 44 Jahre zwischen Kate Bushs erster UK-No. 1, „Wuthering Heights“ im Jahr 1978, und nun eben „Running Up That Hill“ 2022. „Dem Lied wurde neues Leben eingehaucht“, schrieb die britische Musikerin als Reaktion auf die unverhofften Erfolge, die ihr als alleinige Songschreiberin und Produzentin des Stücks mehr als zwei Millionen US-Dollar in die Kassen spülten, auf ihrer Website – und meint damit wohlmöglich auch ein bisschen sich selbst. „Ich bin überwältigt von dem Ausmaß an Zuneigung und Unterstützung, die der Song erfährt.“ Dies alles passiere „sehr schnell, als würde es von einer Art Urgewalt vorangetrieben“. Dabei ist der Kult um die mittlerweile 63-jährige Musik-Ikone, deren jüngstes Album „50 Words For Snow“ 2011 erschien, auch sonst ungebrochen. So treffen sich australische Fans etwa im Juli im „klassischen“ Kate-Bush-Outfit – rotes Kleid, roter Gürtel –, um zu ihrem Song „Wuthering Heights“ zu tanzen. Anno 2013 kamen zu einem ähnlichen Flashmob-Event 300 Leute, in diesem Jahr werden’s wohl ungleich mehr werden.

Interessant daran ist außerdem weniger, dass die Achtzigerjahre-Ästhetik mit all ihren verquer-grellbunten Alleinstellungsmerkmalen noch so gut funktioniert, als warum das Musikjournalisten in Zusammenhang mit einer Netflix-Serie so (ver)ärgert. Kristoffer Cornils etwa erregt sich im „Deutschlandfunk“ über zynisches Cross-Marketing und dass die Musikauswahl immer mehr Marketingzwecken angepasst werde. Während „Cicero“ gar ein „Armutszeugnis für den Zeitgeist“ ausstellt, sieht auch der „Spiegel“ den Song in der Serie „verramscht“. Das Stück selbst sei zwar „große Kunst“, füge der Ästhetik der Serie aber nichts hinzu, sondern reihe sich einfach in die seit vier Staffeln bestens bekannte Achtzigerjahre-Kulisse ein, schreibt Oliver Kaever: ein reines „Marketingtool auf einem riesigen Berg von Merchandise“.

Fakt ist, dass wir uns – auch abseits von Filmen und Serien – längst an Produktplatzierungen gewöhnt haben – egal, ob bestimmte Cornflakes-Packungen, Saftsorten oder Bierflaschen werbeschleichend im Bild herumstehen, der Hauptdarsteller rein zufällig und bestens ausgeleuchtet ins neueste Modell eines großen Autoherstellers steigt oder Influencer sich zu Beginn ihrer Videos ganz offen bei ihren Sponsoren bedanken. Doch mit Musik ist es – oder war es zumindest – anders, Musik ist persönlich. In „Running Up That Hill“ etwa geht es um eine Trennung, die von Bush schmerzlich-schön beschrieben wird: „Gibt es so viel Hass für jene, die wir lieben? Sag mir, wir zählen beide, oder nicht?“ Zeilen, die zu den ohrwurmigen Keyboard-Tönen bestenfalls direkt ins gefühlige Mark treffen und sich durch das Schlagzeug direkt ins Herz trommeln. Zeilen, die vielleicht anstrebende Musikjournalisten einmal bewegt haben, als sie Teenager waren und der Song gerade rauskam – damals, vor satten 37 Lenzen.

Denn der größte Aufreger scheint zu sein, dass auch hier das angestrebte Cross-Marketing der „Stranger Things“-Macher bestens funktioniert (was ja wiederum kein vollumfänglich neues Prinzip ist). Kate Bush, die ein Fan des soeben mit Staffel vier (wohlmöglich) zuende gegangenen Netflix-Serien-Hits sein soll, freute sich öffentlich nicht nur über den Erfolg ihrer Kunst, sondern auch auf den finalen zweiten Teil der vierten Staffel. Was ist daran so ärgerlich? Vielleicht, dass der Streaming-Milliardenkonzern Netflix, in Verkörperung der Serien-Macher Matt und Ross Duffer, ein Kunstwerk auf seine Funktionalität als schlichtes Marketingmittel beschränkt. Das Lied greift nicht länger nach unserer Seele, sondern nun – oh Schande, oh Kapitalismus! – nach unserem Geldbeutel! Ganz ähnlich erging es übrigens unlängst Nirvanas „Something In The Way“, als das Stück der US-Grunge-Heroen in der neuesten Fledermaus-Irgendwie-Antisuperhelden-Verfilmung „The Batman“ Verwendung fand. Ob sich Kurt Cobain 28 Jahre nach seinem Ableben deshalb mißmutig tobend im Grabe gewälzt hat? Dürfte immerhin anzunehmen sein…

Aber tut das Stück das wirklich, nach unserem schnöden Mammon greifen? Schließlich spielt „Stranger Things“ nunmal in den Achtzigern und „Running Up That Hill“ ist ein ikonischer Popsong dieser Zeit. Zudem passt selbst der Songtext, in welchem es um Trotz im Angesicht der Verzweiflung geht, in die Handlung: „Es tut mir nicht weh… Ich werde die Straße hochlaufen, den Hügel hochlaufen, das Gebäude hochlaufen. Wenn ich nur könnte…“. (Achtung Spoiler: In der Serie hört Max Mayfield, das starke, unabhängige Skater-Mädchen mit dem aggressiven Stiefbruder, immer wieder diesen Song, während sie sich durch die Unterwelt kämpft.) Und wie anziehend der Song ist, zeigten in der mehr oder minder jüngeren Vergangenheit Coverversionen von Placebo (im typischen Alternative-Rock-Outfit), der Elastic Band (im Disco-Fummel) oder Georgia (im kontemporären Pop-Outfit). Ja, es berührt die Jugend auch heute noch, wenngleich mithilfe anderer, neuzeitlicher Inspirationsquellen. Das Lied ist eben ein Klassiker. Und das Grundprinzip von Klassikern ist doch stets, dass sie verdammt zeitlos sind – 37 Jahre, „Stranger Things“, Netflix und die unsäglichen Achtziger hin oder her.

Und falls irgendjemand zum runden Abschluss noch einen interessanten Fun Fact haben mag: Dieses kleine Revival-Hoch passiert Kate Bush mit „Running Up That Hill“ in der Tat keineswegs zum ersten Mal. Nachdem ein Remix des Songs bei der Abschlusszeremonie der Olympischen Spiele 2012 in London verwendet worden war, kletterte die Britin schon einmal wieder zurück in die Charts – wenn man so mag wohl nur ein weiterer Beweis dafür, wie zeitlos das Stück durch die Jahre wandelt…

Und was passiert, wenn 1.600 Fremde ein paar Drinks nehmen und dann lernen, „Running Up That Hill“ in dreistimmiger Harmonie zu singen? Nun, dreht gern die Lautstärke auf, nehmt euch was Kühles für die Kehle und findet es heraus, denn die kreativen Köpfe des australischen Kneipenchor-Pojektes Pub Choir haben genau das ausprobiert:

Rock and Roll.

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Agnes und ihr Freund Amir – Eine ziemliche beste Wohngemeinschaft (und die wohl schönste Geschichte des Tages)


Agnes Jeschke wurde 1920 in Sachsen geboren. Das Jahr, in dem die Pandemie der Spanischen Grippe endete. Das Jahr, in dem der Friedensvertrag von Versailles den Ersten Weltkrieg offiziell beendete. Das Jahr, in dem in Deutschland die erste Jazz-Schallplatte verkauft wurde.

Amir Farahani wurde 1993 im Iran geboren. Das Jahr, in dem dort zwei Flugzeuge kollidierten und 132 Menschen starben. Das Jahr, in dem der Maastricht-Vertrag in Kraft trat und das World Wide Web freigegeben wurde.

Heute ist sie betagte 102 Jahre alt, er sportliche 28 Lenze jung – rein optisch sowie rechnerisch könnte Amir Agnes‘ Urenkel sein. Und obwohl die beiden – zumindest auf dem schnöden Papier – fast 74 Jahre gelebtes Leben und recht unterschiedliche Kulturen trennen mögen, sind diese alte Dame und ihr Betreuer, der sogar bei ihr wohnt, ein zwar ungewöhnliches, dafür jedoch umso unzertrennlicheres Paar. „Ziemlich beste Freunde“ quasi – nur eben nicht als rührselige französische Filmkomödie in Paris angesiedelt, sondern in einer kleinen Wohnung in Berlin-Mariendorf. „Wir verstehen uns“, sagt sie mit ihrem Berliner Charme, „wie zwei linke Latschen“.

Und natürlich mag die Geschichte von Amir und Agnes ungewöhnlich sein. Er studierte im Iran Sportmedizin, musste sein Land, in dem er wegen seiner Homosexualität um sein Leben fürchtete, jedoch ohne Familie verlassen – und kam nach Deutschland. Sie lebt seit fünf Jahrzehnten in ihrer bescheidenen Drei-Zimmer-Wohnung in Berlin. Wäre der junge Mann nicht bei ihr eingezogen, hätte Agnes wohl ins Pflegeheim gemusst – gegen ihren Willen. Also schaltete ein Freund eine Anzeige im Internet und suchte nach einer Betreuerin – das Motto: „Kostenloses Wohnen gegen Gesellschaft leisten“. Es meldeten sich 22 Frauen – und Amir. Und obwohl er der einzige männliche Bewerber war, war er nicht nur gleich hellauf begeistert von der Idee, bei der alten Frau einzuziehen, sondern wunderte sich auch: „Warum nur Frauen? Ich kann das auch.“ Agnes ging es ähnlich, die beiden waren sich – allen Unterschieden zum Trotz – auf Anhieb sympathisch. Er suchte eine Bleibe (was sich auf dem Berliner Wohnungsmarkt durchaus als Herausforderung gestalten kann), sie Gesellschaft und Hilfe im Alltag. Und fanden auf diesem Weg einander. Das Paradebeispiel einer Eine Win-win-Situation, sozusagen.

Das Bilderbuch zeigt, dass sich die gemeinsamen Tage des ungleichen Mitbewohnerpaares häufig bunt gestalten. „Manchmal gehen wir schaukeln, manchmal zusammen einkaufen, manchmal schwimmen oder ins Restaurant.“ Selbst in die Shisha-Bar oder zum Tanzen seien sie schon gemeinsam gegangen. Amir lebt kostenlos auf Agnes‘ Couch, besitzt in ihrer Wohnung lediglich einen kleinen Kleiderschrank, als Gegenleistung hilft er ihr im Alltag – vor allem morgens und abends. Tagsüber macht er eine Ausbildung zum Alten- und Krankenpfleger. Auch aus diesem Grund kann er ihren Pflegedienst wenngleich nicht gänzlich ersetzen, dafür jedoch zu großen Teilen unterstützen, während sie für ihn eine Art Familienersatz darstellt und dem Geflüchteten, der der deutschen Bürokratie wegen im vergangenen Jahr – entgegen aller Umstände und trotz Fachkräftemangels – beinahe wieder in seine alte Heimat (in welcher ihm zudem die Todesstrafe droht) abgeschoben worden wäre, die deutsche Sprache und den speziellen Berliner Humor näher bringt.

Doch so schön sich dieser Alltag auch lesen mag, so herausfordernd kann er oft genug sein. „Ich muss ihr viele grundlegende Dinge beibringen, die wir Jungen automatisch machen“, sagt Farahani. Dazu gehöre zum Beispiel das Essen oder Trinken, Anziehen oder Aufstehen. „Bei all diesen kleinen Dingen besteht die Gefahr, dass sie sich verletzt und da muss ich aufpassen.“ Anfangs habe sie in der Nacht auch öfters Panikattacken bekommen. Ihr anstehender Auszug, das drohende Pflegeheim habe sie damals sehr belastet. Mittlerweile schläft sie nicht nur ruhiger, sondern hat durch ihren beinahe ein Dreivieteljahrhundert jüngeren Begleiter sogar neue Lebensfreude gewonnen. „Ich bin ohne Familie hergekommen. Ich suchte damals eine Wohnung. Die habe ich jetzt und auch eine Aufgabe. Wenn Menschen wie Agnes Zuwendung bekommen, bleiben sie jung“, wie Amir es auf den Punkt bringt. Er passt auf sie auf, und sie irgendwie auch auf ihn.

Und so aufs Filmreifste kitschig sich die Geschichte von Agnes und Amir auch lesen mag, so stellt sie doch umso mehr positive Dinge ins Licht: Etwa den Fakt, dass Integration durchaus gelingen kann, wenn beide Seiten offen für die Welt des anderen sind (und auch daher dürfen Beiträge über die beiden gern in Dauerschleife auf jeder Versammlung der blau-braunen Anti-Alternative laufen). Dass dieses im ersten Moment ungewöhnliche WG-Konzept aus Jung und Alt gerade in Großstädten wie Berlin, wo auf der einen Seite meist Wohnungsknappheit herrscht, während es gleichzeitig eine hohe Zahl an älteren Single-Haushalten gibt, eine nicht nur gute, sondern auch überaus beispielhafte Lösung darstellt – und somit ein stückweit den „Grauen Markt“ der 24-Stunden-Pflegekräfte in bundesdeutschen Privathaushalten ersetzen könnte. So schätzt die Schader-Stiftung, dass bis zu 400.000 Menschen – vor allem Osteuropäerinnen – in deutschen Haushalten ältere Menschen pflegen – und das, anders als bei Amir, eben oft illegal. Und zu guter Letzt natürlich, dass dieser Tage nicht jede Nachricht schlecht sein muss, um berichtenswert zu sein. ❤️️

Bei Arte sowie in der ZDF Mediathek findet man aktuell zudem auch einen ausführlicheren halbstündigen Beitrag über die beiden…

Rock and Roll.

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