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Agnes und ihr Freund Amir – Eine ziemliche beste Wohngemeinschaft (und die wohl schönste Geschichte des Tages)


Agnes Jeschke wurde 1920 in Sachsen geboren. Das Jahr, in dem die Pandemie der Spanischen Grippe endete. Das Jahr, in dem der Friedensvertrag von Versailles den Ersten Weltkrieg offiziell beendete. Das Jahr, in dem in Deutschland die erste Jazz-Schallplatte verkauft wurde.

Amir Farahani wurde 1993 im Iran geboren. Das Jahr, in dem dort zwei Flugzeuge kollidierten und 132 Menschen starben. Das Jahr, in dem der Maastricht-Vertrag in Kraft trat und das World Wide Web freigegeben wurde.

Heute ist sie betagte 102 Jahre alt, er sportliche 28 Lenze jung – rein optisch sowie rechnerisch könnte Amir Agnes‘ Urenkel sein. Und obwohl die beiden – zumindest auf dem schnöden Papier – fast 74 Jahre gelebtes Leben und recht unterschiedliche Kulturen trennen mögen, sind diese alte Dame und ihr Betreuer, der sogar bei ihr wohnt, ein zwar ungewöhnliches, dafür jedoch umso unzertrennlicheres Paar. „Ziemlich beste Freunde“ quasi – nur eben nicht als rührselige französische Filmkomödie in Paris angesiedelt, sondern in einer kleinen Wohnung in Berlin-Mariendorf. „Wir verstehen uns“, sagt sie mit ihrem Berliner Charme, „wie zwei linke Latschen“.

Und natürlich mag die Geschichte von Amir und Agnes ungewöhnlich sein. Er studierte im Iran Sportmedizin, musste sein Land, in dem er wegen seiner Homosexualität um sein Leben fürchtete, jedoch ohne Familie verlassen – und kam nach Deutschland. Sie lebt seit fünf Jahrzehnten in ihrer bescheidenen Drei-Zimmer-Wohnung in Berlin. Wäre der junge Mann nicht bei ihr eingezogen, hätte Agnes wohl ins Pflegeheim gemusst – gegen ihren Willen. Also schaltete ein Freund eine Anzeige im Internet und suchte nach einer Betreuerin – das Motto: „Kostenloses Wohnen gegen Gesellschaft leisten“. Es meldeten sich 22 Frauen – und Amir. Und obwohl er der einzige männliche Bewerber war, war er nicht nur gleich hellauf begeistert von der Idee, bei der alten Frau einzuziehen, sondern wunderte sich auch: „Warum nur Frauen? Ich kann das auch.“ Agnes ging es ähnlich, die beiden waren sich – allen Unterschieden zum Trotz – auf Anhieb sympathisch. Er suchte eine Bleibe (was sich auf dem Berliner Wohnungsmarkt durchaus als Herausforderung gestalten kann), sie Gesellschaft und Hilfe im Alltag. Und fanden auf diesem Weg einander. Das Paradebeispiel einer Eine Win-win-Situation, sozusagen.

Das Bilderbuch zeigt, dass sich die gemeinsamen Tage des ungleichen Mitbewohnerpaares häufig bunt gestalten. „Manchmal gehen wir schaukeln, manchmal zusammen einkaufen, manchmal schwimmen oder ins Restaurant.“ Selbst in die Shisha-Bar oder zum Tanzen seien sie schon gemeinsam gegangen. Amir lebt kostenlos auf Agnes‘ Couch, besitzt in ihrer Wohnung lediglich einen kleinen Kleiderschrank, als Gegenleistung hilft er ihr im Alltag – vor allem morgens und abends. Tagsüber macht er eine Ausbildung zum Alten- und Krankenpfleger. Auch aus diesem Grund kann er ihren Pflegedienst wenngleich nicht gänzlich ersetzen, dafür jedoch zu großen Teilen unterstützen, während sie für ihn eine Art Familienersatz darstellt und dem Geflüchteten, der der deutschen Bürokratie wegen im vergangenen Jahr – entgegen aller Umstände und trotz Fachkräftemangels – beinahe wieder in seine alte Heimat (in welcher ihm zudem die Todesstrafe droht) abgeschoben worden wäre, die deutsche Sprache und den speziellen Berliner Humor näher bringt.

Doch so schön sich dieser Alltag auch lesen mag, so herausfordernd kann er oft genug sein. „Ich muss ihr viele grundlegende Dinge beibringen, die wir Jungen automatisch machen“, sagt Farahani. Dazu gehöre zum Beispiel das Essen oder Trinken, Anziehen oder Aufstehen. „Bei all diesen kleinen Dingen besteht die Gefahr, dass sie sich verletzt und da muss ich aufpassen.“ Anfangs habe sie in der Nacht auch öfters Panikattacken bekommen. Ihr anstehender Auszug, das drohende Pflegeheim habe sie damals sehr belastet. Mittlerweile schläft sie nicht nur ruhiger, sondern hat durch ihren beinahe ein Dreivieteljahrhundert jüngeren Begleiter sogar neue Lebensfreude gewonnen. „Ich bin ohne Familie hergekommen. Ich suchte damals eine Wohnung. Die habe ich jetzt und auch eine Aufgabe. Wenn Menschen wie Agnes Zuwendung bekommen, bleiben sie jung“, wie Amir es auf den Punkt bringt. Er passt auf sie auf, und sie irgendwie auch auf ihn.

Und so aufs Filmreifste kitschig sich die Geschichte von Agnes und Amir auch lesen mag, so stellt sie doch umso mehr positive Dinge ins Licht: Etwa den Fakt, dass Integration durchaus gelingen kann, wenn beide Seiten offen für die Welt des anderen sind (und auch daher dürfen Beiträge über die beiden gern in Dauerschleife auf jeder Versammlung der blau-braunen Anti-Alternative laufen). Dass dieses im ersten Moment ungewöhnliche WG-Konzept aus Jung und Alt gerade in Großstädten wie Berlin, wo auf der einen Seite meist Wohnungsknappheit herrscht, während es gleichzeitig eine hohe Zahl an älteren Single-Haushalten gibt, eine nicht nur gute, sondern auch überaus beispielhafte Lösung darstellt – und somit ein stückweit den „Grauen Markt“ der 24-Stunden-Pflegekräfte in bundesdeutschen Privathaushalten ersetzen könnte. So schätzt die Schader-Stiftung, dass bis zu 400.000 Menschen – vor allem Osteuropäerinnen – in deutschen Haushalten ältere Menschen pflegen – und das, anders als bei Amir, eben oft illegal. Und zu guter Letzt natürlich, dass dieser Tage nicht jede Nachricht schlecht sein muss, um berichtenswert zu sein. ❤️️

Bei Arte sowie in der ZDF Mediathek findet man aktuell zudem auch einen ausführlicheren halbstündigen Beitrag über die beiden…

Rock and Roll.

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Song des Tages: Karsu – „Hijo de la luna“


„Wenn man eure Augen schließt und Karsu lauscht, dann fühlt es sich an, als würde man einer großartigen Jazz-Künstlerin aus New Orleans zuhören…“

In etwa so bezeichnen nicht eben wenige Zuhörer*innen die Musik und Stimme von Karsu Dönmez. Und sie haben nicht einmal Unrecht – obwohl die talentierte 31-jährige Niederländerin mit ihrer Mischung aus Jazz, Blues, Funk, Pop und türkischer Folklore eine keineswegs alltägliche und gerade daher recht einzigartige Melange bietet. Wohl auch deshalb wird ihr an nicht wenigen Stellen nachgesagt, die niederländische Norah Jones zu sein, oder meinetwegen die „türkische Antwort auf Amy Winehouse“ (plus Disziplin, minus fataler Hang zu Drogen). Aber auch ohne diese hoch gegriffenen Vergleiche tönt ihre Musik verdammt faszinierend…

Karsu, geboren 1990 in Amsterdam, findet schon in jungen Jahren ihre Liebe zu Musikstilen, welche andere erst mit Beginn der Grauhaarigkeit erwischt: Jazz, Blues, Soul, Klassik – you name it. Ihre Eltern erkennen ihr Talent und kaufen Karsu im zarten Alter von sieben Jahren daher mit dem Geld, das eigentlich für ein neues Auto beiseite gelegt wurde, ein Klavier. Die junge Türkin übt und übt und beginnt wenig später damit, im Familienrestaurant kleine Konzerte zu geben. „Eigentlich habe ich im Restaurant meines Vaters gekellnert. Da stand ein Klavier. Manche unserer Gäste wussten, dass ich spielen konnte und baten mich darum. Nachdem in Umlauf kam, dass in einem schicken Restaurant ein Mädchen am Klavier musiziert, wurde die Sache etwas größer. Wir haben ein Mikrofon und ein besseres Klavier gekauft und ich begann, jedes Wochenende aufzutreten. Die Leute kamen nun nicht mehr, um das Yoğurtlu Adana Kebap [dt. Adana Kebap mit Joghurt] meines Vaters zu essen, sondern meinetwegen“, wie sie selbst in einem Interview erzählt. Mit siebzehn Jahren erweckt sie zudem das Interesse von Filmregisseurin Mercedes Stalenhoef und ihr Leben wird zum Thema eines Dokumentarfilms. Als sie obendrein noch eine Einladung für ein Konzert in der berühmten New Yorker Carnegie Hall erhält, werden auch immer mehr heimische Medien auf die aufstrebende Sängerin, Pianistin und Lyrikerin aufmerksam… Was sich liest wie eine Bilderbuch-Musikbiografie im Zeitraffer, dürfte wohl einerseits Karsus immensem Talent und musikalischen Gespür, aber auch ihrer Disziplin geschuldet sein.

Dass Karsu nicht nur mit ihrer nahezu einzigartigen Mischung aus Jazz Pop und türkischsprachigem Liedgut, sondern auch in anderen Sprachen zu überzeugen weiß, bewies die Musikerin aus Amsterdam im vergangenen Jahr in der niederländischen TV-Sendung „Beste Zangers“ (welche in etwa das Äquivalent zu der hierzulande recht populären VOX-Sendung „Sing meinen Song – Das Tauschkonzert“ darstellt). Dort gab Karsu nicht nur Songs auf Niederländisch und Englisch, sondern auch ein bekanntes spanischsprachiges Stück zum Besten: „Hijo de la luna„, das hierzulande 1998 durch die Interpretation von Loona ein hinlänglich bekannter Nummer-eins-Hit wurde, eigentlich jedoch von der spanischen Band Mecano stammt und bereits stolze 35 Lenze auf dem Songbuckel hat. Doch anstatt das stimmlich nicht eben simple Stück einfach nachzuträllern, verleiht Karsu dem Song, der im Laufe der Jahre auch von Größen wie Montserrat Caballé oder Sarah Brightman (sowie der ein oder anderen Metal-Kapelle) gecovert wurde, ihre ganz eigene Note, die modernen Jazz’n’Funk ebenso einfließen lässt wie ihre türkischen Wurzeln. Das Phrasenschwein frohlockt wahrscheinlich schon, wenn der Schreiberling zu der Behauptung ansetzt, dass sich hier der Orient und Okzident auf einen spätabendlichen Mojito treffen. In jedem Fall gelingt der talentierten, vielseitigen Musikerin mit ihrer Interpretation wunderschönes, ganz großes Kino…

Kaum verwunderlich, dass Karsu den Song mittlerweile scheinbar auch in ihre Konzert-Setlist aufgenommen hat, wie dieser Auszug aus ihrer kürzlich gespielten Show beim ESNS Festival im niederländischen Groningen beweist. Und auch da bekommt ihre Coverversion zwar andere, aber ebenso eigene Noten verliehen…

Wer etwas mehr über Karsu Dönmez erfahren mag, dem sei – neben dem oben erwähnten Dokumentarfilm – dieser zwar nicht ganz aktuelle, jedoch recht informative Beitrag empfohlen:

Rock and Roll.

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„Springfieldalbums“ – Berühmte Plattencover im Simpsons-Look


Rock goes Springfield – Die Seite „Springfieldalbums“ kombiniert gleich verdammt zwei großartige Dinge: Die Simpsons und Musik! So kreieren die Macher berühmte Albumcover – vor allem aus dem breiten Spektrum der Rockhistorie – mit der gelbsten Familie der TV-Geschichte sowie weiteren Bewohnern von Springfield – und zaubern aus diesem Culture Clash das eine oder andere amüsante Meisterwerk. ANEWFRIEND hat euch hier ein paar Highlights zusammengetragen – deutlich mehr findet man auf Instagram oder Facebook🤘

Rock and Roll.

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Song des Tages: Barbara Pravi – „Voilà“


Barbara Pravi trat mit ihrem Song „Voilà“ beim 65. Eurovision Songcontest für ihr Heimatland Frankreich an und gehörte damit bereits von Anfang an zu den großen Favorit*innen des Wettbewerbs. Im Finale in Rotterdam vor zwei Tagen konnte sie zwar die Fachjurys der Teilnehmerländer für sich gewinnen, beim europäischen Publikum durfte jedoch vor allem die italienische Glamrock-Band Måneskin abräumen, welche sich am Ende des Abends mit ihrem Song „Zitti e buoni“ auch den Sieg holte. Für Pravi, der nicht wenige wohl den Sieg ebenso gewünscht wie gegönnt haben dürften, sprang dennoch ein toller zweiter Platz heraus – aber das war noch längst nicht alles. Bereits einige Stunden nach dem großen ESC-Finale kletterte „Voilà“ an die Spitze vieler europäischer Charts, so unter anderem auch in Deutschland.

Die 27-jährige Pariser Sängerin mit serbischen und iranischen Wurzeln, die so vielfältige Künstler*innen wie Barbara, Jacques Brel, Georges Brassens, Françoise Hardy oder Louis Aragon zu ihren Einflüssen zählt, konnte in den letzten Jahren vor allem in ihrer französischen Heimat mit Songs wie „Je sers“, „Louis“ oder „Pas grandir“ Fans für sich gewinnen. Ihre Karriereanfänge lesen sich allerdings doch schon etwas klischee’esker: So sang sie im Januar 2016 „On m’appelle Heidi“ für die französische Version des Films „Heidi„, der im selben Jahr in den dortigen Kinos anlief. Ihren ersten Plattenvertrag hatte sie da schon in der Tasche. Danach erhielt Pravi die Rolle der Solange Duhamel im Musical „Un été 44„. Wen wundert’s, dass sie vor allem für ihre stimmliche Darbietung äußerst positive Kritiken erhielt… Dennoch bewahrt sich die kreative Chanteuse, die in der Vergangenheit bereits auch als Songwriterin für Musiker wie Yannick Noah, Julie Zenatti, Chimène Badi, Angélina Nava oder Jaden Smith (ja, der Sohn vom Smith-Will) tätig war, Eigenständigkeit wie Eigenwilligkeit. Sie schreibt ihre Texte zumeist selbst und lehnt diese nicht selten an wahre Begebenheiten an. So handelt beispielsweise „Deda“ von der Geschichte ihrer Familie oder „CHAIR“ von einer Abtreibung. Fürwahr nicht eben leichte Pop-Alltagskost…

Beim ESC 2021 nun also zeigte sie sich der ganzen (Musik)Welt. „Voilà“ – Das ist Barbara Pravi! (Übrigens ist ihr der ESC nicht gänzlich fremd, denn die Musikerin hat den Song “J’imagine” mitgeschrieben, mit dem die Sängerin Valentina im vergangenen Jahr den „Junior Eurovision Song Contest“ gewann.) Mit ihrem Stück, welches an die ganz Großen des modernen Chanson française wie etwa die ewige Edith Piaf erinnert, stach sie auch ohne jegliches Show-Tam-tam aus der bunten, breit gefächerten Vielzahl der 26 Teilnehmer hervor. Nicht, weil ihr Lied so gnadenlos perfekt durchproduziert, so poppig-eingängig gewesen wäre (in diesem Punkt taten sich eher Litauen oder Griechenland hervor). Jedoch vielmehr, weil Pravi den gemeinsam mit zusammen Igit und Lili Poe geschriebenen Song mit einer Leidenschaft vortrug, bei der ihr das Chanson gewordene Herzblut aus jeder Wuschelfisur-Faser, jeder Pore drang – da musste man nicht einmal den (zugegebenermaßen durchaus formidablen) französischen Text verstehen, um das Herzeleid zwischen den Zeilen fühlen zu können. Und auch wenn ihre bisherigen drei Alben – aller künstlerischen Vielfalt, allem Anspruch zum Trotz – bisher wenige Stücke einer ähnlich berührenden Güteklasse bieten, so sollte man Barbara Pravi in Zukunft auf dem Schirm haben und durchaus gespannt auf weitere Einblicke in das Herz der jungen Französin sein…

„Écoutez moi
Moi la chanteuse à demi
Parlez de moi
À vos amours, à vos amis
Parler leur de cette fille aux yeux noirs et de son rêve fou
Moi c’que j’veux c’est écrire des histoires qui arrivent jusqu’à vous
C’est tout

Voilà, voilà, voilà, voilà qui je suis
Me voilà même si mise à nue j’ai peur, oui
Me voilà dans le bruit et dans le silence

Regardez moi, ou du moins ce qu’il en reste
Regardez moi, avant que je me déteste
Quoi vous dire, que les lèvres d’une autre ne vous diront pas
C’est peu de chose mais moi tout ce que j’ai je le dépose là, voilà

Voilà, voilà, voilà, voilà qui je suis
Me voilà même si mise à nue c’est fini
C’est ma gueule c’est mon cri, me voilà tant pis
Voilà, voilà, voilà, voilà juste ici
Moi mon rêve mon envie, comme j’en crève comme j’en ris
Me voilà dans le bruit et dans le silence

Ne partez pas, j’vous en supplie restez longtemps
Ça m’sauvera peut-être pas, non
Mais faire sans vous j’sais pas comment
Aimez moi comme on aime un ami qui s’en va pour toujours
J’veux qu’on m’aime parce que moi je sais pas bien aimer mes contours

Voilà, voilà, voilà, voilà qui je suis
Me voilà même si mise à nue c’est fini
Me voilà dans le bruit et dans la fureur aussi
Regardez moi enfin et mes yeux et mes mains
Tout c’que j’ai est ici, c’est ma gueule c’est mon cri
Me voilà, me voilà, me voilà
Voilà, voilà, voilà, voilà

Voilà“

(Wer dem Französischen nicht mächtig ist, der findet hier eine deutsche Übersetzung…)

Rock and Roll.

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Flimmerstunde – Teil 37


What Drives Us“ (2021)

Das Timing von Foo Fighters-Frontmann Dave Grohl könnte einerseits kaum eigenartiger, andererseits jedoch kaum besser sein. Seine neuste Dokumentation „What Drives Us“ ist eine Liebeserklärung an das Tourleben und dadurch ein Statement für die Livemusik. Denn mal ehrlich: Einen besseren Zeitpunkt als eine weltweite Pandemie, die nahezu jeglichen Vis-à-vis-Konzertbetrieb unterbindet, könnte es für diesen Film nicht geben.

Wie schon bei seinen vorangegangenen Musik-Dokumentationen wie „Sound City“ oder „Sonic Highways“ sind auch hier von der ersten Sekunde an die Liebe und das Herzblut spürbar, welche Grohl für das Thema mitbringt. Auf effektive Weise stellt der kreative Tausendsassa Szenen seiner frühen Band Scream jenem Moment gegenüber, in dem er den ersten Touring-Van der Foo Fighters zurück erhält und sich damit erneut auf eine Reise begibt. Nur dass es bei dieser Reise gerade nicht darum geht, Konzerte zu spielen…

Stattdessen macht er sich damit auf, faszinierende Tour-Stories zu sammeln. Die Liste der Gäste ist mehr als beeindruckend. Beatles-Trommler Ringo Starr, Metallicas Lars Ulrich, Aerosmith-Frontmann Steven Tyler, Slash und Duff McKagan von Guns N‘ Roses, U2-Gitarrist The Edge, AC/DC-Stimme Brian Johnson, Red Hot Chili Peppers-Bassist Flea, Ian Mackaye von Fugazi, Slayer-Schlagzeuger Dave Lombardo oder L7-Bassistin Jennifer Finch sind nur einige der illustren Namen, die diesem Film mit ihren Geschichten zwischen Rock’n’Roll und Punk Rock füllen.

Allesamt erinnern sie sich auf sympathische, oft herzerwärmende Art an ihre musikalischen Anfänge, ihre frühen Einflüsse und natürlich ihre ersten Tourerfahrungen – auch wenn Lars Ulrich scherzt, dass er zum eigentlichen Van-Touring-Thema des Films nicht viel beitragen könne: „I realized, I actually never toured in a van. So… can I go now?“ Grohl verbindet die Interviews mit zahlreichen Archivaufnahmen aus den frühen Tagen von Bands wie den Foo Fighters oder No Doubt, bei welchen man sich oft genug fragt, wo er die wohl aufgetrieben hat. Sehr unterhaltsam gerät zudem die Animation der Hardcore-Legenden von Black Flag und. D.O.A., welche das Van-Touring in den US of A mit einer Menge DIY-Spirit quasi einst aus den Angeln gehoben haben.

Doch Grohl wäre nicht Grohl, wenn er bei all den großen Namen die junge Garde ignorieren würde. In einer kurzen Sequenz erzählt er davon, wie frühe Foo Fighters-Interviews vor allem daraus bestanden, Fragen zur Vergangenheit der Mitglieder zu beantworten (beziehungsweise nach seiner Vergangenheit als Nirvana-Drummer) – und zeigt derweil, wie man’s besser macht. Obwohl das Schwelgen in den eigenen Historien logischerweise einen guten Teil der 90 Minuten einnimmt, gerät „What Drives Us“ nämlich mitnichten zur reinen Nostalgieveranstaltung, die nur dazu dient, von vermeintlich besseren, längst vergangenen Zeiten zu schwärmen.

Mit Radkey holt Grohl – neben Starcrawler, die er in seinem alten Tour-Van durch Los Angeles chauffiert – auch eine vergleichsweise neue, unbekannte Band vor die Kamera, die erst in den 2010ern zusammenfand. Die drei Jungspunde aus St. Joseph, Missouri zeigen, dass sich die Punk-Rock-Geschichte – digitaler Über-Nacht-Ruhm hin oder her – in manchen Fällen glücklicherweise eben doch wiederholt. Während etablierte Namen in der Vergangenheit schwelgen, leben Radkey, die seit Jahren von ihrem Vater/Manager/Mercher durch die Vereinigten Staaten gefahren werden, genau den Van-Lifestyle, der für alte Recken wie AC/DC-Sänger Brian Johnson längst nur noch eine Erinnerung ist. Auffallend ist, dass sich am Grundlegenden kaum etwas geändert hat. So lässt sich die Kunst des Van-Packens der Bad Brains perfekt mit dem heutigen tetris’esken Verstauen von Instrumenten in einem viel zu kleinen Gefährt vergleichen – wenn auch mit etwas mehr technischen Standards.

„Es kommt ein Moment im Leben eines jeden Musikers, in dem sein Engagement auf die Probe gestellt wird. Wenn ihr Wunsch, Musik für andere zu spielen, zu einem fast irrationalen Akt blinden Glaubens wird. Es ist kein Job, es ist eine Berufung. Der erste Schritt, um sich und der Welt zu beweisen, dass man in diesen Club gehört, ist, in den Van zu steigen. Du lädst deine Instrumente, dein Talent und deinen Mut ein, und bringst deine Musik in die Welt. Es spielt keine Rolle, ob du die Beatles oder Billie Eilish bist, oder irgendein bekannter oder unbekannter Künstler dazwischen. Du musst in den Van steigen, um herauszufinden, ob du das Zeug dazu hast. Das ist der Rock ’n‘ Roll-Ritus des Übergangs…“ (Dave Grohl über das Touren und Musikmachen)

Während der Interviews kommt Grohls Stimme immer wieder aus dem Off, um Nachfragen zu stellen. Manchmal schwenkt die Kamera sogar auf sein Gesicht, während der 52-Jährige zwischen dem Drehequipment sitzt. Das mag vielleicht nicht dem güldenen Handbuch für Dokumentationsinszenierung entsprechen, gibt „What Drives Us“ aber genau das nahbare Gefühl von Authentizität und Verbindung, von welchem Grohl und all die anderen Musiker*innen vor der Kamera sprechen. Es gibt keine Trennung zwischen dem Interviewer und den befragten Personen. Grohl ist als Musiker schließlich selbst Teil dessen, von dem er in seinem Film erzählt. Und: Alle Beteiligten sind sich weitestgehend einig, dass die Erfahrung, ständig und rund um die Uhr mit seinen Bandkollegen auf engstem Raum zusammengelebt zu haben, die einzelnen Mitglieder näher zusammengebracht hat. „Es ist nicht glamourös darüber zu reden. Aber es braucht wirklich eine gewisse Unreife und Unschuld, um in einem Van unterwegs zu sein. Aber auch eine gewisse Reife, um vieles tolerieren zu können, das große Ganze zu sehen, Geduld zu haben, seinen Mitmenschen gegenüber freundlich zu sein, die vielleicht Probleme haben“, wie es L7-Bassistin Jennifer Finch ausdrückt.

Damit sich nicht alles lediglich um das selige Schwelgen in den „good old days“ und um den heilen Tourwelt-Protz dreht (etwa dann, wenn No Doubt-Bassist Tony Kanal berichtet, dass sich die Touren von No Doubt von Mal zu Mal vergrößert haben und sich schlußendlich jedes Bandmitglieder seinen eigenen Luxusliner leisten konnte), schlägt Grohl zwischendurch auch den ein oder anderen ernsteren Ton an. So spricht etwa der ehemalige Dead Kennedys-Schlagzeuger D.H. Peligro über den schwelenden Rassismus, welcher ihm als einzigem schwarzem Bandmitglied bei frühen Shows der kalifornischen Punk-Ikonen immer wieder entgegenschlug, oder von seiner Drogenabhängigkeit während seines kurzen Intermezzos bei den Red Hot Chili Peppers.

Mit dieser Sprunghaftigkeit zwischen Leichte und Tiefe erzeugt „What Drives Us“ ganz ähnliche Gefühle wie die besten Konzerte – ganz gleich, ob diese nun im Station oder im kleinen Indie-Club stattfinden. Obwohl das Publikum stets auf gewisse Weise eine andere Position einnimmt als die Bands, die da auf der Bühne stehen, sorgen grandiose, erinnerungswürdige Shows dafür, dass sich eben doch alle im Saal miteinander verbunden fühlen. Selbst wenn der Austragungsort ein Stadion mit 50.000 Zuschauenden ist.

Dieses Stadiongefühl beschwört Grohl (der ja im Laufe seiner Karriere so einige Erfahrungen mit ebenjenen „Stadiongefühlen“ sammeln durfte) ebenfalls in der Eingangssequenz von „What Drives Us“ herauf: einen Zusammenschnitt diverser Tour- und Konzertaufnahmen unterlegt er mit AC/DCs „For Those About To Rock (We Salute You)“. Wer schon einmal selbst die brachialen, ikonischen Kanonenschläge erlebt hat, die den Song in der Live-Situation flankieren, der weiß, warum gerade diese die Konzertfaszination perfekt symbolisieren. Passenderweise beschließt denn der Foto Fighters-Evergreen „Everlong“, welches live ebenso zu fesseln und euphorisieren weiß, die Dokumentation. So saugt einen „What Drives Us“, dieser kleine Liebesbrief an das Leben auf Tour und für die Musik, förmlich ein – und unterhält mit einer Fülle aus Kurzweil, Anekdoten und teilweise recht persönlichen Geschichten aus dem Musiker-Leben bis zum Schluss.

Rock and Roll.

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Die Krux mit dem Musikstreaming – Arte beleuchtet die Ungerechtigkeiten des Musikgeschäfts


„Was passiert mit den Streaming-Milliarden?“, so lautet der Titel einer neuen Dokumentation des Arte-Formats „Tracks„. Darin befasst sich der französisch-deutsche Kultur-Sender mit der Verteilung der Gelder auf Spotify. Denn vom schnöden Kapitalismus-Triebmittel Mammon ist, so scheint es, mehr als genug vorhanden, schließlich wächst und wachsen die Streaming-Plattformen – ganz im Gegensatz zu manch physischem Datenträger – Jahr um Jahr. Ein paar Zahlen gefällig? Gern: So erwartet allein Spotify bis Ende 2021 zwischen 402 und 422 Millionen Nutzer, 172 bis 184 Millionen zahlende Abo-Kunden sowie einen Jahresumsatz zwischen 9,11 und 9,51 Milliarden Euro. Schon im ersten Quartal 2021 fiel ein Quartalsgewinn von immerhin 23 Millionen Euro an. Und Spotify-Günder Daniel Ek? Der ist inzwischen längst Milliardär und gerade in den Schlagzeilen, weil er an eine Übernahme der englischen Premier League-Größe FC Arsenal denkt.

Die Leidtragenden in diesem monopoly’esken Spiel aus „Höher! Schneller! Weiter!“ sind am Ende die Kunstschaffenden selbst, bei denen schlussendlich nur ein Bruchteil der Einnahmen ankommt (eine Beispielrechnung kann man anhand von Drakes neuerlichem Weltrekord von 50 Milliarden Streams gern selbst aufmachen). Denn die Auszahlung erfolgt im Grunde nicht per Stream, sondern per Marktanteil. Hierzu werden die Einnahmen in einen großen Topf geschmissen und je nach Anteil verteilt, den jemand an den Gesamtstreams hat – ein Verfahren, welches sich „Pro Rata“ nennt.

Kaum verwunderlich also, dass mittlerweile auch immer mehr Stimmen laut werden, die das schwedische Unternehmen, ebenso wie „Kollegen“ wie Apple Music oder Amazon Music, kritisieren – weltweite öffentliche Demonstrationen dies- wie jenseits des weltweiten Internets inklusive. Gefordert wird etwa bei der Protestaktion „Justice At Spotify“ 1 Cent pro Stream – derzeit liegt man zwischen 0,0025 und 0,0042 Euro. Ist diese Forderung allerdings zielführend oder sollte es nicht vielmehr (und viel mehr) sinnvolle Alternativen zu Spotify und Co. geben? Etwa das „User-Centric-Payment-System“, kurz UCPS, welches laut Spotify keine Alternative sei, aber zum Beispiel von Deezer bereits angeboten wird. Eine Unterstützung von den Majors? Bisher Fehlanzeige. Der Frage nach zielführenden Alternativen ist etwa auch dj-lab.de hier auf den Grund gegangen.

Die Dokumentation von „Tracks“ beschäftigt sich jedoch nicht nur mit dem Geldfluss, sondern schaut sich auch die Auswirkungen des Streamings auf die Gestaltung der Musik selbst an und wie Künstler*innen ihre Fans zum gemeinsamen Streamen mobilisieren. Zum Schluss versucht die sehenswerte halbstündige Doku noch einen Blick in die Zukunft zu wagen: Was müsste sich ändern um für mehr Gerechtigkeit in der Musikindustrie zu sorgen und wie sieht es mit Alternativen wie den Plattenläden oder Bandcamp aus? Zu Wort kommen Stimmen aus den Major-Labels und Indie-Künstler*innen wie die Art-Pop Sängerin Balbina, Juse Ju oder Mat Dryhurst.

Die gesamte „Tracks“-Dokumentation „Was passiert mit den Streaming-Milliarden?“ lässt sich aktuell in der Mediathek von Arte oder via YouTube – joppa, natürlich – streamen.

Rock and Roll.

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