Schlagwort-Archive: Transgender Dysphoria Blues

Der Jahresrückblick 2014 – Teil 3


Ein zwar nicht durch und durch hochkarätiges, jedoch ebenso wenig an tollen Veröffentlichungen armes Musikjahr 2014 neigt sich unausweichlich seinem Ende zu. Zeit also, ANEWFRIENDs “Alben des Jahres” zu küren und damit, nach der Rückschau aufs Film- und Serienjahr, auch die Königsdisziplin ad acta zu legen! Dem regelmäßigen Leser dieses Blogs werden sich wohl wenige Überraschungen offenbaren, schließlich wurde ein guter Teil der Alben meiner persönlichen Top 15 im Laufe des Jahres bereits besprochen. Bleibt nur zu hoffen, dass auch 2015 ein ähnlich gutes Niveau an neuen Platten und Neuentdeckungen bieten wird… Ich freue mich drauf.

 

 

LaDispute_ROTH1.  La Dispute – The Rooms Of The House

Wildlife„, La Disputes zweites, 2011 erschienenes Album, brauchte wahrlich keine Wiederholung, immerhin lieferte die Post Hardcore-Band aus Grand Rapids, Michigan bereits damals ihr Meisterwerk ab, in welchem sie die instrumental-brachialen Tour-de-Force-Rhythmen der Band mit der stellenweise brillanten und noch viel öfter erschütternden Alltagsbeobachtungslyrik von Sänger und Frontmann Jordan Dreyer zu einem wahnhaft faszinierenden einstündigen Albummonolithen verband. Der Nachfolger „Rooms Of The House“ gibt sich da – sowohl musikalisch als auch textlich – weitaus differenzierter, stellenweise gar zurückgenommener und introspektiver. Dreyers Musik gewordene Geschichten scheinen wie zufällig zu Boden gefallene alte Familienfotografien, die nach langer Zeit wieder in die Hand genommen werden, und dann die ein oder andere biografische Wunde aufreißen. Und doch ist alles auf „Rooms Of The House“ an seinem Platz. La Disputes drittes Album ist zwar anders als noch „Wildlife“, jedoch kaum weniger faszinierend.

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Pianos1-640x6402.  Pianos Become The Teeth – Keep You

Zumindest ich hatte die Band noch vor kürzerer Zeit zwar auf dem Zettel (beziehungsweise kannte ich deren Namen), jedoch so gar nicht in meiner rotierenden Playlist. Eine stilistische Beinahe-Einhundertachtzig-Grad-Wende und deren Ergebnis „Keep You“ haben das endgültig geändert. Kaum ein Album ging mir in den vergangenen Monaten mehr zu Herzen, bei keinem anderen finde ich weniger Worte, zu erklären, woran das nun tatsächlich liegt. Muss man ja aber auch nicht. Die Musik übernimmt für 44 Minuten all das, was nicht auszusprechen ist, bevor der krönende Albumabschluss „Say Nothing“ Note für Note davon getragen wird… Indierock, der von schweren Herzen erzählt, selbige damit nicht selten erst erweicht – und dann mit flinken Stichen flickt.

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noah-gundersen-ledges3.  Noah Gundersen – Ledges

Kein Album der Sparte „Singer/Songwriter“ lief öfter bei mir in diesem Jahr, in keines bin ich lieber und tiefer eingetaucht. Dem Debütalbum des 24-jährigen Noah Gundersen aus Seattle, Washington wohnt als Ganzes etwas Spirituelles, Heilsames und Reinigendes inne, dem der Hörer sich nur schwerlich entziehen kann. Große Vergleiche dürfen bereits jetzt angestellt werden, für die Zukunft sollte man den Herren und seine mitmusizierenden Geschwister auf dem Zettel haben. (M)Ein Geheimtipp? Noch.

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1196f14f-MW_Konfetti_Final4.  Marcus Wiebusch – Konfetti

„Der Tag wird kommen“ ist für Kettcar-Frontmann Marcus Wiebusch wohl Segen und Fluch zugleich. Zum einen ist das monumentale Stück, in welchem Wiebusch Homophobie im Profifussball offen und ganz Frank und frei thematisiert, samt dem dazugehörigen, via Crowdfunding finanzierten Kurzfilm, eine der besten, richtigsten und wichtigsten Sachen, die der deutscher Musik und Kulturgesellschaft in diesem Jahr passieren konnten. Andererseits überschattet der Song jedoch völlig zu unrecht seine zehn Kollegen auf Wiebuschs Solodebüt „Konfetti“, denn vor allem „Nur einmal rächen“, „Haters Gonna Hate“ oder der Abschluss „Schwarzes Konfetti“, bei welchen der gebürtige Heidelberger und Wahlhamburger Musiker mit Sozialisierung im DIY-Punk – stilistisch wie textlich – viele neue Wege geht und dabei so einiges richtig macht. Besser war 2014 wohl kaum ein deutschsprachiger Musiker, wichtiger und relevanter definitiv nicht.

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strand of oaks - heal5.  Strand Of Oaks – Heal

Timothy Showalter ist schon ein komischer Kauz. Freilich, das ist der 32-jährige Träger von amtlichem Vollbartes und Headbangermähne nicht eben erst seit „Heal“, dem vierten Album seines Band gewordenen Projektes Strand Of Oaks. Doch ausgerechnet auf Showalters rein textlich bisher persönlichstem und bitterstem Werk stellen sich all der schmerzhaften Lyrik ausgerechnet poppig anmutende Melodien und nicht wenige Fuzz- und Bratz-Gitarren (für ein, zwei Solos konnte er gar Dinosaur Jr.-Legende J. Mascis gewinnen) in den Weg, die dieses Album zu einer wahren Freude mit allerhand Repeat-Garantien machen. Man ist fast versucht, hier von „Hörspaß“ zu sprechen, wären die zehn Songs nicht eine derart tiefe Schlüssellochschau in die Wunden einer auf Kipp stehenden Beziehung.

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against-me-transgener-dsphoria-blues6.  Against Me! – Transgender Dysphoria Blues

Ein Album, dessen Ursprünge wohl – der Biografie von Against Me!-Frontfrau Laura Jane Grace wegen – lange in der Vergangenheit fußen, das – aller Eingängigkeit, allen Hooklines zum Trotz – einen durch- und überaus ernsten Themenanspruch besitzt, und wohl vor allem deshalb so aufrichtig zu Herzen gehen geraten ist. All das ist das so eigenartig wie passend betitelte „Transgender Dysphoria Blues“, da erste seit dem Outing von Ex-Frontmann Tom Gabel als Transgender-Frau, durch welches sie – also Laura Jane Grace, wie sich Gabel jetzt nennt – leider auch einen guten Teil der eigenen Band zum Abgang bewegte. Doch trotz so einiger dunkler Anklänge ist das sechste Studioalbum der Punkrock-Band aus Gainesville, Florida durch und durch kämpferisch, denn weder Gabel, die nach Erscheinen des Albums im Januar in der Webserie „True Trans“ Gleichgesinnte (im Sinne einer Geschlechtsidentitätsstörung) traf und mit ihnen über ihr neues und altes Leben sprach, noch seine Songs geben sich in einer trist-dunklen Ecke zufrieden, sondern kämpfen sich zurück ins Leben.

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we-were-promised-jetpacks-unravelling-album-cover-300-3007.  We Were Promised Jetpacks – Unravelling

Unter all den fantastischen schottischen Gitarrenrockbands waren die fünf Bleichgesichter von We Were Promised Jetpacks bislang auf die Abteilung „Indiediscohit“ abonniert, immerhin boten die beiden Vorgängeralben „These Four Walls“ (2009) und „In The Pit Of The Stomach“ (2011) so einige davon – man nehme nur  „It’s Thunder And It’s Lightning“, „Quiet Little Voices“ oder „Roll Up Your Sleeves“, zu denen sich wohl so einige Indiekids die Röhrenjeans und Chucks schweißnass getanzt haben dürften.  Nur die aus Edinburgh stammende Band selbst hat scheinbar die Lust an Mitgröhlrefrains und allzu repetitiv-zackigen Gitarrenakkorden verloren, denn auf Albumlänge ist – zumindest im Fall von „Unravelling“ – Schluss damit. Eventuell liegt es ja auch an Band-Neuzugang Stuart McGachan, der gleich sein Keyboard mitbringt und den neuen Songs ein vertrackteres, tieferes und ernsthafteres Outfit verpasst. Natürlich verzichten die Schotten weder auf prägnante Melodien (wie im Opener „Safety In Numbers“ oder „Peace Sign“) noch auf den signifikant-sympathischen Schotten-Slang von Sänger Adam Thompson, allerdings sind es 2014 die ungewöhnlichen Stücke, die besonders überzeugen, wie das Abschlussdoppel aus dem instrumentalen Sechseinhalbminüter „Peace Of Mind“ und dem getrommelt ausfadenden „Riccochet“. Dann nämlich steht die Band bereits mit einem Bein wahlweise im Post Punk oder Post Rock – und ist am Ende doch ganz bei sich selbst.

 

 

damon-albarn-everyday-robots8.  Damon Albarn – Everyday Robots

Kaum zu glauben, dass Damon Albarn, der in seinen 46 Lebensjahren schon so einige relevante Fußabdrücke im popmusikalischen Universum hinterlassen hat (vom Britpop von Blur über den megalomanischen Bastardpop der Gorillaz bis hin zu „Superband“-Geheimtipps wie The Good, The Bad & The Queen oder Ausflügen in die Opernwelt und Weltmusik Peter Gabriel’scher Couleur), erst 2014 sein offizielles Solodebüt „Everyday Robots“ vorlegte. Umso besser, dass Albarn das lange Warten nun auch mit Qualität belohnt. Wer die Karriere des Londoner Weltbürgers aufmerksam verfolgt hat, dem dürfte eh klar gewesen sein, dass Albarn kaum etwas mehr zu wurmen scheint als Wiederholungen. Folglich haben die zwölf neuen Stücke kaum etwas bis gar nichts mit seinen früheren Bands und Projekten gemein. Stattdessen jubelt Damon Albarn dem Hörer 2014 allerhand kleine verträumt-melancholische Kleinode unter, in welchen, wie in „Lonely Press Play“, Klaviernoten einsame Schleifen zieht, während Elektrobeats verschlafen pluckern. Anderswo hoppelt zu Kindergitarrenakkorden und Gospelchor in „Mr. Tembo“ ein kleiner Elefant durchs Steppengras, während sich der Musiker kurz darauf – in „Hollow Ponds“ – zurück zu den Plätzen seiner Kindheit begibt. All das gipfelt im hymnischen, gemeinsam mit Brian Eno und Chören entstandenen „Heavy Seas Of Love“. In „Everyday Robots“ lässt Damon Albarn tief in seine eigene Seele blicken – und die reicht ebenso ins nachdenkliche Gestern wie weit ins futuristisch-befremdliche Morgen.

 

 

damien rice MFFF9.  Damien Rice – My Favourite Faded Fantasy

Fast hatte man ihn vergessen, und längst noch weniger Hoffnungen auf eine Rückkehr von Damien Rice gehegt. Nach zwei ganz und gar bezaubernden Alben („O“ und „9“), die auch heute noch jeden in ihren Bann ziehen, der die Stücke zum ersten oder tausendsten Mal hört, nach der privaten wie künstlerischen Trennung von seiner kongenialen (Duett)Partnerin Lisa Hannigan verschwand Rice acht lange Jahre lang ganz und sonders von der Bildfläche. Die Ankündigung seines dritten Albums im September diesen Jahres muss sich daraufhin angefühlt haben, als würden die USA von heute auf morgen ihre Armee abschaffen und fortan einen Staat nach kommunistischen Maximen führen. Doch am Ende der acht Songs von „My Favourite Faded Fantasy“ ist doch wieder vieles beim Alten. Der irische Singer/Songwriter weidet in den gemeinsam mit Produzentenass Rick Rubin (!) in Studios zwischen Los Angeles und Island (!!) entstandenen Songs in der eigenen Seelenpein, dass auch diesmal nicht wenige männliche wie weibliche Herzen schwer werden, während ihm die Akustische, das Piano und ganze Heerscharen von Streichern aufopferungsvoll zu Hilfe eilen. Vermeintliche „Hits“, wie es sie früher noch mit „Volcano“, „The Blower’s Daughter“, „Cannonball“ oder „9 Crimes“ gab, sucht man indessen auf „My Favourite Faded Fantasy“ vergebens – dafür sind die neuen Stücke, von denen nur einer unterhalb der Fünf-Minuten-Marke liegt, zu elegisch, zu introvertiert. Unverhofft schön ist Damien Rices Rückkehr jedoch allemal.

 

 

SKM21021410. Sun Kil Moon – Benji

Viele Dinge mögen außer Frage stehen. Dass der öffentlich ausgetragene Musikerstreit zwischen Mark Kozelek und The War On Drugs-Frontmann Adam Granduciel (über die Hintergründe weiß Google freilich Antworten zu liefern) einerseits verdammt albern war, andererseits aber auch den – wenigstens für kurze Zeit – amüsanten Kozelek-Songkommentar „War On Drugs: Suck My Cock“ hervor brachte. Dass Mark Kozelek – ob nun mit Jimmy LaValle oder den Kollegen von Desertshore im vergangenen Jahr, unter dem eigenen Namen und solo oder mit seiner aktuellen Hauptband Sun Kill Moon – einer der bewegendsten, produktivsten und brillantesten musikalischen Geschichtenerzähler unserer Zeit ist. Denn genau das macht der grantige US-Amerikaner nun mal: er erzählt, während die jeweilige Instrumentierung stets nur Mittel zum Zweck bleibt. Das Bewegende daran ist, dass all diese Geschichten seinem Leben und Erlebten entspringen, und somit auch 2014 eine erstaunliche thematische Bandbreite aufweisen, die vom tragischen Tod einer Cousine zweiten Grades (der Opener „Carissa“) über Attentate in den eben nicht so glorreichen US of A („Pray For Newtown“) bis hin zu Episoden aus Kozeleks Sexualleben („Dogs“) und die Freundschaft zu Death Cab For Cutie-Frontmann Ben Gibbard (der Abschluss „Ben’s My Friend“) reichen. Klar mögen viele Dinge außer Frage stehen: Dass Mark Kozelek wohl privat ein vom Leben zynisch geformtes Arschloch ist. Dass seine Songs eine immer schönere karge Klarheit ausstrahlen, derer man sich so schnell nicht entziehen kann. Dass man das Arschloch für Stücke wie die auf „Benji“ auch gern weiterhin in Kauf nimmt.

 

 

…und auf den weiteren Plätzen:

Foxing – The Albatross

The Afghan Whigs – Do To The Beast

Foo Fighters – Sonic Highways

Ryan Adams – Ryan Adams

Warpaint – Warpaint

 

 

Rock and Roll.

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Die Woche in Bild und Ton…


Damit ihr nicht vollkommen den Überblick über alle hörens- und sehenswerten Neuerscheinungen der letzten Woche(n) verliert, hat ANEWFRIEND hier wieder einige der Video- und Songneuerscheinungen der letzten Tage für euch aufgelesen…

 

Villagers – Occupy Your Mind

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Nur wenige Stunden vor der Eröffnung der 22. Olympischen Winterspiele im russischen Sotschi, die im Vorfeld bereits von allerhand Diskussionen über Menschenrechte und Korruptionsvorwürfe begleitet wurden (was sich bei einem Gastgeberland wie Russland per se ja kaum vermeiden lässt), im Endeffekt jedoch recht traditionell bieder und erwartbar ausfielen, schickten Conor O’Brien und seine Band Villagers ihren Beitrag zum Sportereignis in Form des neuen Songs „Occupy Your Mind“ in die Welt hinaus. Das von Simian Mobile Disco-Mann James Ford, der in der Vergangenheit bereits durch Kollaborationen mit Little Boots oder Gossip-Wuchtbrumme Beth Ditto seine Qualitäten als Reglerzieher unter Beweis stellte, produzierte Stück geht konsequent den Weg weiter, den die Villagers bereits mit Songs wie „The Waves“ vom im vergangenen Jahr veröffentlichten Album “{Awayland}” eingeschlagen hatten: große Melodien, dezente Tanzbarkeit und ein multiples Spiel mit elektronischen Referenzpunkten. Im dazugehörigen, erneut von Alden Volney verantworteten Musikvideo (er war ja bereits für den großartigen Clip zu „Nothing Arrived“ verantwortlich) präsentiert sich O’Brien mit kurzer Raspelhaarfrisur á la Sinead O’Connor und Pantomimenschminke im spärlich bunt ausgeleuchteten Halbdunkel, und auch auch der knappe Kommentar der irischen Band lässt ausreichend eindeutige Vieldeutigkeit zu: „In the advent of the 2014 Olympics in Sochi, please find attached a song written for you, your mother, your father and your gay brothers and sisters in Russia.“. Alles in allem hat „Occupy Your Mind“ jedoch in der Tat das Zeug zum Großereignis-Titelstück.

 

 

 

Dredg – I Left My Heart In SF

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A propos „große Melodien“: Was machen eigentlich Dredg gerade?

Manch einer mag’s bedauern, manch einer begrüßen, dass nun schon fast drei Jahre lang Funkstille herrscht beim kalifornischen Alternative Rock-Quartett, stieß doch „Chuckles And Mr. Squeezy„, das letzte, 2011 veröffentlichte Album der Band, auf – um’s höflich auszudrücken – „höchst geteiltes Echo“. Nun jedoch dürften alle Fans von Albumgroßtaten wie „El Cielo„, das nun auch schon wieder mehr als zehn Jahre auf dem musikalischen Buckel hat, neue Hoffnung schöpfen, denn die Band um Frontmann Gavin Hayes präsentierte mit dem lediglich gut zwei Minuten knappen Song „I Left My Heart In SF“ ihren Beitrag zum „SF Timelapse Project“ und ließ das musikalische Lebenszeichen in allerhand eindrucksvolle Bilder ihrer kalifornischen Wahlheimat einbauen. Wer mag, der darf sich den neuen Song denn auch kostenlos (im *.wav-Format) via Youtube herunterladen…

 

 

 

Frank Turner – Polaroid Picture EP

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Weitaus weniger geizig mit neuen Veröffentlichungen geht bekanntlich Frank Turner zuwerke. Nur wenige Monate nach seinem fünften Album „Tape Deck Heart“ lässt der britische Punkrock-Singer/Songwriter nun, mit der „Polaroid Picture EP„, bereits den nächsten Stoß neuer Songs auf seine Hörerschaft los… Obwohl: So „neu“ dürfte ein Großteil der Stücke für die meisten nicht sein, immerhin bekam man den Titelsong bereits auf dem im vergangenen April erschienenen „Tape Deck Heart“ zu hören. Außerdem enthält das Mini-Album noch Turners Cover-Verneigungen vor Frightened Rabbit (mit „The Modern Leper“), den Weakerthans (mit „Plea From A Cat Named Virtute“) und Biffy Clyro (mit „Who’s Got A Match“), ihres Zeichens allesamt Freunde und/oder Lieblingsbands des 32-Jährigen Vollblutmusikers, sowie das neue Stück „Sweet Albion Blues“. Und da dem weltenbummelnden Energiebündel neben all den Plattenveröffentlichungen, Tourneen oder dem Kreieren eigener Biersorten noch immer schnell langweilig zu werden droht, hat er so ganz nebenbei noch seine eigene Hardcore-Zweitband namens Möngöl Hörde – namenstechnische Ähnlichkeiten zu Motörhead sind hier freilich aus der Umlaut-Luft gegriffen – am Start, von denen in näherer Zukunft wohl auch zu hören sein wird…

 

Hier kann man sich eine betont atemlose Live-Version von „Sweet Albion Blues“ anschauen…

 

…und in alle fünf EP-Songs hinein hören:

 

 

Against Me! – FUCKMYLIFE666

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Viel war in letzter Zeit zu lesen über Against Me!-Frontfrau Laura Jane Grace und ihr Transgender-Outing. Jedoch sollte bei aller Diskussionen, ob und inwiefern und überhaupt es denn bitteschön in der Hinterhand-Prüderie des 21. Jahrhunderts möglich ist, dass sich ein (ehemaliger) Punkrockfrontmann zu seinen weiblichen Reizen, zu Brüsten anstatt von zwei dicken Cockrockeiern bekennt, nicht außer acht gelassen werden, dass Against Me! kürzlich mit ihren neuen Album ”Transgender Dysphoria Blues” ein ganz hervorragendes Stück melodieseligen Punkrocks veröffentlicht haben. Dass die Transgender-Thematik dabei ebenso die kompletten 29 Albumminuten durchzieht wie die drei Minuten des Musikvideos zu „FUCKMYLIFE666“ ist natürlich die logische – da abgrundtief ehrliche – Konsequenz. Im in Schwarz-weiß gehaltenen Clip zum Song tauchen immer wieder Textzeilen auf, in denen Laura Jane Grace von ihrer Zeit vor und nach ihrem Coming-out erzählt…

 

 

Selbiges Stück gab die Band vor wenigen Tagen bei Late Night Talk-Urgestein David Letterman auch vor den Augen der breiten US-amerikanischen TV-Öffentlichkeit zum Besten. Den Auftritt kann man sich hier anschauen:

 

 

The National – I Need My Girl (…und ein Cover Contest)

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Einen netten Einfall hatten auch die sich scheinbar dauerhaft auf Tour oder im Studio befindlichen Herren von The National im Rahmen der Veröffentlichung ihrer neuen Single „I Need My Girl“, welchen Frontmann Matt Berninger kürzlich als einen der „wenigen echten Lovesongs der Band“ beschrieb. So können alle zum (Cover)Musiker berufenen Fans aktuell ihre Version des Stückes digital auf Film bannen und auf der Website der Band online stellen. Den Gewinner werden The National selbst und höchstpersönlich am – aufpassen, wie passend! – Valentinstag (also am 14. Februar) bekannt geben und um einen 500-Dollar-Geschenkgutschein reicher machen…

Und um zu zeigen, wohin die klangliche Reise gehen könnte, haben The National allen ambitionierten Coverkünstlern auch gleich noch ihre Akustikvariante von „I Need My Girl“ mit an die Hand gegeben:

 

Meine favorisierte „I Need My Girl“-Version auf den Gesamtsieg steht übrigens bereits fest: die von Courtney Jaye…

 

 

Rock and Roll.

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Die Woche in Bild und Ton…


Damit ihr nicht vollkommen den Überblick über alle hörens- und sehenswerten Neuerscheinungen der letzten Woche(n) verliert, hat ANEWFRIEND hier wieder einige der Video- und Songneuerscheinungen der letzten Tage für euch aufgelesen…

 

Casper – Alles endet (aber nie die Musik)

casper - alles endet

Unser monatlich Casper gib‘ uns heute… Mit „Alles endet (aber nie die Musik)“ koppelt der gebürtige Bielefelder und jetzige wahl-Berliner Konsensraprockpopper bereits den vierten Song aus seinem im vergangenen September erschienenen Erfolgsalbum „Hinterland“ aus. Wie bereits „Im Ascheregen„, „Hinterland“ und „Jambalaya“ wurde auch das neue Musikvideo in den USA abgedreht und gliedert sich mit seiner Ödland-Optik perfekt ins anvisierte Gesamtbild ein… „Hinterland“ eben. Auch an Dramatik wurde nicht gespart. Und so liefern sich Benjamin „Casper“ Griffey und seine Begleiterin bei einem Tankstellenüberfall zuerst eine Schießerei á la „Bonnie & Clyde“, bevor die Schöne vor den Cops in die Wälder flieht… to be continued? 

 

 

 

Marteria – OMG!

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Auch der nächste Künstler kommt aus Berlin (und das hört man ihm an!). Auch der nächste Künstler hält sein kreatives Fähnchen für Deutsch-Rap, der es sich vorbehält, etwas anders und unkonventioneller zu sein, in den Wind. Dass der 1982 im hanseatischen Rostock geborene Marten „Marteria“ Laciny niemandem nach dem Mund redet, dürfte bekannt sein. Vielmehr schuf er sich mit seinen letzten beiden Alben „Zum Glück in die Zukunft“ (2010) und „Grüner Samt“ (2012, unter seinem zweiten Pseudonym Marsimoto) seine eigene kleine Rap-Nische. Dass Marteria, der in seiner Jugend im ein Haar eine Profifussballerkarriere beim FC Hansa Rostock eingeschlagen hätte, durchaus bereit ist, Pop-Kontroversen einzugehen (so tritt er ebenso als Co-Autor bei mehreren Stücken des letzten Toten Hosen-Albums „Ballast der Republik“ in Erscheinung wie mit dem 2012er Nummer-eins-Hit „Lila Wolken„), beweist auch das Musikvideo zum neuen Song „OMG!“, der vom in einer Woche erscheinenden neuen Album „Zum Glück in die Zukunft II“ stammt. Ein junge Frau weint blutige Tränen, eine andere läuft über einen See, Nonnen entdecken ihre Lust (aufeinander), es wird sich selbst kasteit und an anderer Stelle Wasser in Wein verwandelt – Marteria nimmt innerhalb von vier Minuten so allerhand spirituelle Szenen aufs Korn, düst mit seinem Quad durchs osteuropäische Niemandsland, feiert eine HipHop-Party in einer Kirche und fragt sich im Text: „Oh mein Gott dieser Himmel / Wie komm ich da bloß rein? / Oh mein Gott dieser Himmel / Wo zur Hölle soll das sein?“. Nonchalanter Zeitgeist vom Feinsten…

 

 

 

Spaceman Spiff – Die Nutzlosen

Waldemar Salesski

Ein Frage der Ehre… Nachdem sein Musikkollege ClickClickDecker sich kürzlich den neuen Spaceman Spiff-Song „Der Tag an dem ich nicht verrückt wurde“ vornahm und diesen (s)einer Neuinterpretation unterzog, gibt Hannes „Spaceman Spiff“ Wittmer nun das öffentliche Kompliment zurück, indem er das ebenfalls neue ClickClickDecker-Stück „Die Nutzlosen“ in beschwingte Singer/Songwriter-Gefilde transportiert. Dabei ist dieser Cover-Austausch auch eine offensichtliche Geste der beiden Plattenlabels Audiolith (ClickClickDeckers neues Album „Ich glaub dir gar nichts und irgendwie doch alles“ erschien da vor wenigen Tagen) und Grand Hotel Van Cleef (die Hamburger haben kürzlich Spaceman Spiffs bisher gelungenstes Werk „Endlich Nichts“ in die Regale gestellt), welche bereits in der Vergangenheit die ein oder andere partnerschaftliche Kooperation eingegangen waren (etwa mit dem Kettcar-Frittenbude-Austausch)…

 

 

 

Maxïmo Park – Brain Cells + Fade Into You

Maximo Park

Ich gestehe: Da ist dieser Song, da ist dieses Musikvideo doch seit seinem Release im vergangenen November – bislang – tatsächlich unbemerkt an mir vorbei gegangen! Dabei hat „Brain Cells“ einiges an Catchyness an Bord, und ist mit seinen vertrackten Elektrobeats dazu noch höchst ungewöhnlich für die sonst zumeist auf zackigen Brit-Rockpop abonnierten Maxïmo Park. Hoffen wir also, dass das in wenigen Tagen erscheinende fünfte Album „Too Much Information“ noch einige weitere (positive!) Überraschungen der aus dem englischen Newcastle stammenden Band bereit hält, und dass die Jungs um den stets Melone tragenden Frontmann Paul Smith  damit irgendwie an die Qualitäten, welche vor allem das tolle zweite Album „Our Earthly Pleasures“ (2007) auszeichneten, heranreichen…

 

 

Wer mag, kann sich mit dem Mazzy Star-Cover „Fade Into You“, welches auf der Limited Deluxe Edition von „Too Much Information“ enthalten sein wird, bereits einen weiteren Eindruck vom 2014er Update der Band verschaffen:

 

 

Manchester Orchestra – Top Notch

ManOrch

Kein Aprilscherz: Nach allerlei mysteriösen Andeutungen via Facebook und Twitter hat der aus dem US-amerikanischen Atlanta, Georgia stammende Alternative Rock-Fünfer Manchester Orchestra nun mit „Cope“ für den 1. April offiziell ein Album angekündigt und mit dem breitbeinig rockenden Dreieinhalbminüter „Top Notch“ auch gleich einen ersten Höreindruck online gestellt.

Das Album selbst dürfte jedoch mit 38 Minuten Spieldauer deutlich straffer ausfallen als noch die mehr oder minder epischen Vorgänger „Mean Everything To Nothing“ (2009) und „Simple Math“ (2011). „Für mich bedeutet ‚Cope‘ (deutsch: etwas Schwieriges meistern), klarzukommen. Es bedeutet loszulassen, und sich mit dem Gefühl, okay zu sein, anzufreunden“, wie Andy Hull, der Frontmann der Band, kürzlich über das Album schrieb. „Du kannst auf positive wie auf negative Art und Weise damit klarkommen, dass schlechte Dinge geschehen – diese Verschmelzung war für mich ein großes lyrisches Thema auf diesem Album.“

 

 

 

William Fitzsimmons – Centralia + Sister (live & acoustic)

Fitzsimmons

Auch ANEWFRIENDs Lieblingsbartträgerbarde William Fitzsimmons lässt so langsam mehr und mehr neue Songs vom am 14. Februar erscheinenden fünften Album „Lions“ durchsickern. So kann man sich nach „Centralia“ nun mit „Sister“ ein zweites neues Stück im akustischen Gewand anhören.

 

 

 

Against Me! – FUCKMYLIFE666

against me!

Als kleines Dankeschön für all das positive Feedback zum neuen Against Me!-Album „Transgender Dysphoria Blues“ (ANEWFRIENDs aktuelles „Album der Woche“) verschenken Frontfrau Laura Jane Grace und ihre Jungs den straight durchrockenden Song „FUCKMYLIFE666“ aktuell als Gratisdownload via Twitter.

Des weiteren steht das Stück hier noch immer im Stream bereit:

 

 

Rock and Roll.

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Das Album der Woche


Against Me! – Transgender Dysphoria Blues (2014)

TDB (Cover)-erschienen bei Xtra Mile/Indigo-

 

„Stop! / Take some time to think / Figure out what’s important to you / You’ve got to make a serious decision…“

(aus „Stop!“ vom Against Me!-Album „New Wave„, 2007)

 

Äußerlich völlig frei von jeglichem Zweifel, ja geradezu freundlich und friedfertig schaut die junge Frau ins Objektiv der Kamera. „DON’T BRO ME IF YOU DON’T KNOW ME“ steht in fetten Lettern auf ihrem schwarzen Shirt – „nenn‘ mich nicht Kumpel, wenn du mich nicht kennst“ -, während blonde Strähnen ihre braunen, halblangen Haare durchziehen, der Kajal in dicken Rändern die Augen umzeichnet und ein Meer aus Tattoos aus dem rechten Ärmel des Shirts blitzt. Doch Halt: „Bro“? Was zur Punkrockhölle bringt dieses freundliche Gesicht mit der der HipHop-Balz entnommenen, auf flapsige Art und Weise kumpelhaften „Ey, Bruder!“-Formel zusammen? Nun, wohl eine ganze Menge. Denn diese Person ist Laura Jane Grace. Und ihre Geschichte ist wohl eine der inspirierendsten der jüngeren US-amerikanischen Musikgeschichte…

laura-jane-grace

„And if I could have chosen, I would have been born a woman / My mother once told me she would have named me Laura / I’d grow up to be strong and beautiful like her / One day, I’d find an honest man to make my husband / We would have two children, build our home on the Gulf of Mexico / Our family would spend hot summer days at the beach together / The sun would kiss our skin as we played in the sand and water / And we would know we loved each other without having to say it…“

(aus „The Ocean“ vom Album „New Wave„, 2007)

 

Denn Laura Jane Grace wurde am 8. November als Thomas James Gabel – kurz: Tom Gabel –  in Fort Benning, Georgia geboren. Da Toms Vater, ein US-Army Major, von Zeit zu Zeit in immer wieder wechselnden Militärbasen stationiert war, wuchsen er und sein wenige Jahre jüngerer Bruder irgendwo zwischen Texas, Pennsylvania, Ohio, Deutschland und Italien auf. Im Alter von elf Jahren trennten sich Toms Eltern und er zog mit seiner Mutter zu seinen Großeltern in den Sunshine State Florida. Schon damals fühlte sich der Junge anders als gleichaltrige Kids in der High School, als Außenseiter, der als „Schwuchtel“ beschimpft wurde und irgendwie nirgendwo so ganz dazu gehörte. Toms Ausweg liest sich klassisch: Experimente mit Alkohol, Marihuana, LSD oder Kokain, während ihm der Punkrock von Bands wie den englischen Siebziger-Jahre-Anarchopunkern Crass andererseits aufzeigte, dass es im Grunde okay sei, eben nicht dazu zu gehören zum tumben Oberflächenpulk aus Quarterbacks und Cheerleaderflachlegern. Und auch der nächste Schritt des Jungen, der im Laufe der Jugend eine ebenso große Aversion gegen männliche Rollenbilder wie gegen Autoritäten entwickelt, erscheint nur all zu logisch: Im zarten Alter von 17 Jahren schmeißt Tom die High School, zieht nach Gainesville, Florida und hebt Against Me! aus den musikalischen Angeln, dass anfangs nur aus ihm und seiner akustischen Gitarre besteht, sich jedoch schon bald zur veritablen vierköpfigen – und damit im besten Gitarre-Schlagzeug-Bass-Sinne „klassischen“ – Punkband mausert, die zwischen 2002 und 2010, neben zahlreichen Compilations und Samplerbeiträgen, insgesamt fünf Alben veröffentlicht (das Debüt „Reinventing Axl Rose“ erscheint beim Indie-Label No Idea Records, mit „White Crosses“ wagen Against Me! acht Jahre darauf den Versuch beim Quasi-Majorlabel Sire Records). Und auch ihr Ruf eilt Against Me! bereits seit den Anfangstagen voraus: eine Punkrockband, die mit losem Mundwerk, derben Hooks, einer eindeutigen Haltung (sowohl politisch als auch humanistisch) und energetischen Liveshows kaum eine Gelegenheit auslässt, Stellung zu beziehen, und das Herz am richtigen Fleck trägt. Doch auch in seiner Band geht Gabel einen gewagten Spagat ein: Auf der einen Seite ist er der „angry white young man“, der tätowierte Role Model-Punk und Frontmann einer unverschämt drauflos rockenden Band, auf der anderen Seite hat er mit Mitte Zwanzig bereits selbst die erste gescheiterte Ehe hinter sich (rückblickend gesteht er sich „Naivität“ und „Unerfahrenheit“ zu), lebte lange Zeit mit zwölf (!) Mitbewohnern in einem heruntergekommenen Haus mit einer Müllkippe direkt um die Ecke und musste, wie seine Bandkollegen auch, jeden sich nur bietenden Tagesjob annehmen, um Against Me! am Laufen zu halten. Auch später will der kurzhaarige, freundliche Frontmann  – aller kleinen Schlagzeilen über Festnahmen wegen Ausrastern und derben politischen Sprüchen zum Trotz – nicht so recht ins Bild vom „Vorzeige-Punk“ passen: Seit 2007 ist er in zweiter Ehe mit der Künstlerin und Bandmerchandise-Designerin Heather Hannoura verheiratet, 2009 kommt deren gemeinsame Tochter Evelyn zur Welt. Was jedoch keiner weiß, ist, dass Tom Gabel in all den Jahren ein (für ihn) dunkles, bedrückendes Geheimnis mit sich herum schleppt, welches im Rückblick ebenso den Fortbestand seiner Band wie den seiner Ehe auf eine harte Probe stellt: Seit seiner Jugend fühlt sich der heute 33-Jährige als Person im fremden Körper, als jemand, den eine Geschlechtsidentitätsstörung (englisch: „gender  dysphoria“) daran hindert, je wirklich irgendwo anzukommen und sich glücklich zu fühlen. Stattdessen betreibt er ein perfides Versteckspiel vor seiner Familie, seiner Band, der Gesellschaft – und am Ende sich selbst. Tagsüber ist Gabel der weltgewandte laute Schreihals mit Hang zu krachenden Akkorden, nachts verkriecht er sich allein in abgelegenen Hotelzimmern, trägt Frauenkleider, High Heels und Make-up, während er an den Texten für neue Songs schreibt. Im Jahr 2012 folgt dann der mediale Paukenschlag, als Gabel in einem im Mai veröffentlichten Interview mit der US-Ausgabe des „Rolling Stone“ verkündet, fortan als Laura Jane Grace, als Frau leben zu wollen. Nachdem ihr Against Me!’s Verlust des Majorlabel-Plattenvertrags und ein Gespräch mit einem ebenfalls transgender lebenden Against Me!-Fan den entscheidenden Mutkick gegeben hatten, hatte sie (an dieser Stelle sei ein Wechsel des Personalpronomens gestattet) bereits im Februar ihre Familie und Band von ihren so bedrückenden Geheimnissen und der Entscheidung in Kenntnis gesetzt, nun wollte Laura Jane Grace auch all jenen Mut machen, die ebenso wie sie fühlten. „Das Klischee besagt ja, dass du eine Frau bist, die im Körper eines Mannes gefangen ist – doch so simpel ist es nicht. Es ist ein Gefühl der Distanz zu deinem Körper und dir selbst. Und es fühlt sich scheiße an – verdammt scheiße“, wie Grace in besagtem „Rolling Stone“-Interview gesteht. Hört man heute den ein oder anderen älteren Against Me!-Song, so scheinen so viele von Graces Hilferufen überraschend unverblümt durch:

 

„And in the journal you kept / By the side of your bed / You wrote nightly in aspiration / Of developing as an author / Confessing childhood secrets / Of dressing up in women’s clothes / Compulsions you never knew the reasons to / Well everyone, you ever meet or love / Be just relationship based on a false presumption / Despite everyone, you ever meet or love / In the end, will you be all alone?“

(aus „Searching For A Former Clarity“ vom gleichnamigen Album, 2005)

„Lock the door, to your room / Pray they don’t find us, pray they don’t kick it down / Oh you’ve been keeping secrets / And these kind of lies have consequences / So many possibilities for this to all end badly / It’s almost guaranteed / Nothing but shame and paranoia / A slightly desperate feeling to calm you to sleep…“

(aus „Violence“ vom Album „Searching For A Former Clarity„, 2005)

 

Doch wohl kaum einer hatte wohl bis zu diesem medialen Vorschlaghammer so nur all zu Offensichtliche wahrhaben wollen: dass Laura Jane Grace in diesen Zeilen zwar nicht nur für sich, jedoch umso mehr zu sich Zeilen wie diese sang, die anderen Mut machten und sie davor bewahrten, final durchzudrehen. „Dass ich transgender bin, war immer schon Teil von Against Me!, bisher hat es nur keiner gemerkt“, wie sie im Herbst 2012 in einem Interview im der deutschen Musikzeitschrift VISIONS erklärt. Und auch wenn sie die Posten an Bass und Schlagzeug mit prominenten Zugängen neu besetzen muss (Ex-Refused Inge Johansson als Saitenzupfer, Ex-Offspring Atom Willard am Schlagwerk – ein Zusammenhang mit dem Geständnis der Frontfrau bleibt als schwebende Realität im Raum), erfährt Grace – allen Befürchtungen zum Trotz – nach dem Coming-out ebenso von ihrer Familie wie ihren Fans und vielen Musikerkollegen – etwa Brian Fallon von The Gaslight Anthem, Ex-Hold Steady-Keyboarder Franz Nicolay oder Linkin Park-Frontmann Mike Shinoda – sowohl Hochachtung als auch Unterstützung. Schon im Mai 2012 tritt die Against Me!-Frontmann unter neuem Namen und neuer Identität zum ersten Mal ins Bühnenscheinwerferlicht und beginnt kurz darauf mit ihrer Band, die nun wieder zu dem kleineren Plattenlabel Xtra Mile zurückgekehrt ist, mit der Arbeit am sechsten Studioalbum…

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Weiß man nun um Laura Jane Grace bewegende Geschichte, so stellt sich – auch und gerade wegen eines Titels wie „Transgender Dysphoria Blues“ – in der Tat die Frage, ob der Sängerin der Geschlechtswechsel anzuhören ist. Rein profan und stimmlich: nein. Musikalisch und inhaltlich sehen die Dinge für Grace und Against Me! im Jahr 2014 jedoch schon anders aus, kommen viele der zehn Songs von „Transgender Dysphoria Blues“ ohne Umschweife auf den Punkt. So heißt es im zu Willards dynamischen Schlagzeugtakten eröffnenden Titelstück: „Your tells are so obvious / Shoulders too broad for a girl / Keeps you reminded / Helps you to remember where you come from / You want them to notice / The ragged ends of your summer dress / You want them to see you / Like they see any other girl / They just see a faggot / They hold their breath not to catch the sick“ – Laura Jane Grace legt bereits nach wenigen Minuten ihr altes Ich ad acta und wagt den Befreiungsumschlag. Dem stehen auch das mit unnachahmlichen Chords und Hooks in bester Gaslight Anthem-Manier verfeinerte „True Trans Soul Rebel“ („All dressed up and nowhere to go / Walking the streets all alone / Another night to wish you could forget / Making yourself up as you go along /…/ You should’ve been a mother / You should’ve been a wife / You should’ve been gone from here years ago / You should be living a different life“) oder das dezent an die Green Day zu seligen „Dookie“-Zeiten erinnernde „Unconditional Love“ („Even if your love was unconditional / It still wouldn’t be enough to save me“) in nichts nach, während Against Me! mit dem knappen Zweiminüter „Drinking With The Jocks“ einen ihrer punklastigsten und aggressivsten Song seit der Bandgründung aus dem Boden stampfen oder im textlich Gift und Galle spuckenden Neo-Waver „Osama Bin Laden As The Crucified Christ“ der Fratze der Gesellschaft den Spiegel vorhalten („You’re gonna hang like Benito from the Esso rafters / Hang like Glover with the skull caved in / Hang like a cross around my neck / You’re gonna hang, you’re gonna hang / What’s the best end you can hope for? / Pity fucks and table scraps / Subterfuge and detachment / A bullet in the head and a bullet in the chest“). In „FUCKMYLIFE666“ macht Grace schon im Titel keinerlei Geheimnis auch ihrer (damaligen) seelischen Schieflage, setzt hier jedoch inneren Zweifeln („Chipped nail polish and a barbed wire dress
Is your mother proud of your eyelashes / Silicone chest, and collagen lips? / How would you even recognize me?“) das diffuse Gefühl der Hoffnung entgegen („No more troubled sleep / There’s a brave new world that’s raging inside of me“). Hört man beim thematischen Doppel aus dem nachdrücklichen „Dead Friend“ und der Akustikgitarrennummer „Two Coffins“ genauer hin, so ist es nur ein Katzensprung von der Erkenntnis, dass Grace in ersterem Song den Trauermarsch für ihr früheres Leben geschrieben hat („Needn’t worry about tomorrow anymore, because you’re dead / Does anything still echo? Is there any trace left? /…/ She waits for you to haunt her / She sleeps with your ghost at night in bed / When you died, you were only twenty-six / The most real person that I’ve ever met“, das Stück handelt in der Tat jedoch vom Tod eines engen Freundes) zum höchst unkonventionellen Liebesgeständnis an die Verbundenheit zu ihrer Frau und Tochter in „Two Coffins“ („Two coffins for sleep / One for you, one for me / We’ll get there eventually / In the dark of our graves our bodies will decay / I wish you’d never change / How lucky I ever was to see / The way that you smiled at me / Your little moon face shining bright at me / One day soon there’ll be nothing left of you and me“). Wie sollte es auch anders sein, blickt Laura Jane Grace auch in „Paralytic States“, laut ihr ein Song „über die Geschlechtsidentitätsstörung und Drogenmissbrauch – und die geradezu romantische Beziehung, die ich zu beidem mein ganzes Leben lang hatte“, der am Ende mit mehrstimmigem Gesang aufwartet und dem überaus angepissten Rausschmeisser „Black Me Out“ in Wut und Würde zurück auf das bisherige Leben des Tomas James Gabel: „I want to piss on the walls of your house / I want to chop those brass rings off / Your fat fucking fingers /…/ I don’t want to see the world that way anymore / I don’t want to feel that weak and insecure / As if you were my fucking pimp / As I was your fucking whore“. Ein Faustschlag mit schwarzen Fingernägeln!

 

„‚Geschlecht‘ hat nichts mit Geschlechtsorganen zu tun. Das ist wie bei einem Soldaten, dem im Krieg sein Schwanz weggebombt wird. Solange er sich trotzdem noch als Mann fühlt, ist er doch auch einer. Oder eine Frau, der die Eierstöcke entfernt werden. Weshalb sollte sie deshalb weniger Frau sein? Geschlecht passiert im Kopf, nicht zwischen den Beinen.“

(Laura Jane Grace im Interview mit VISIONS, Herbst 2012)

Against Me! live in der Music Hall of Williamsburg, Brooklyn, 9. Januar 2014 (Foto: Rebecca Smeyne)

Against Me! live in der Music Hall of Williamsburg, Brooklyn, 9. Januar 2014 (Foto: Rebecca Smeyne)

Freilich ließen sich am sechsten Against Me!-Werk „Transgender Dysphoria Blues„, das die zu Teilen neu formierte Band innerhalb von zwei Jahren zu großen Teilen in Laura Jane Graces eigenem Studio in beschaulichen Elkton, Florida aufnahm, so einige kritische Härchen finden. Natürlich erfinden Against Me! mit ihrer Rückkehr nach immerhin vier Jahren Veröffentlichungspause das punkrockende Wagenrad nicht neu. Trotzdem bietet „Transgender Dysphoria Blues“ in seinen wahrlich zu kurzen 29 Minuten eine derartige Wucht aus Hooks, Melodien, Rhythmen in der Musik und ebenso entwaffnender wie schonungsloser Ehrlichkeit in den Texten, dass der aufmerksame Zuhörer zunächst einmal eines ist: geplättet. Dabei kann man Laura Jane Grace ihren Mut nach außen und zu sich selbst gar nicht hoch genug anrechnen, denn auch im 21. Jahrhundert bilden sich als Transgender bekennende Personen, sei es nun in der Musiklandschaft  – und trotz Persönlichkeiten wie Anthony Hegarty oder Mina „Keith“ Caputo – oder im „otto-normalen“ Leben, die oftmals belächelten, jedoch umso mehr betuschelten Außenseiter am Rande. Dass das erste Bandalbum der Against Me!-Frontfrau nach ihrem Outing für sie selbst der reinsten „Katharsis“ gleichgekommen sein muss, ist der Thematik gemäß nur allzu verständlich. „Transgender Dysphoria Blues“ ist jedoch ebenso eine starke, dunkel gefärbte Punkrockplatte „in medias res“ wie ein Tritt in die Testikel von Homophobie, dem Festhalten an konservativer Kleinkariertheit und spießbürgerlicher Intoleranz. Laura Jane Grace hat spätestens mit „Transgender Dysphoria Blues“, dem „Fuck off!“ an die ungeliebten Weichteile ihres alten Lebens, zu sich selbst gefunden – und gerade damit sprichwörtlich „eine Extraportion Eier bewiesen“…

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Hier kann man das komplette Album im Stream hören…

 

…und sich einige der Songs von „Transgender Dysphoria Blues“ in diesem von Arte France 2012 im Rahmen des „Festival de Dour“ mitgeschnittenen einstündigen Auftrittes von Against Me! in Liveversionen zu Gemüte führen:

 

Rock and Roll.

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