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„The Bat Out Of Hell“ – Meat Loaf ist tot.


Foto: Meat Loaf / Facebook

Wenn man annimmt, dass der Rock’n’Roll ein Tummelplatz der Außenseiter ist, dann war Marvin Lee Aday in bestimmten Momenten wohlmöglich verdammt nah dran am Ideal eines Rockstars. Seine Geschichte ist wie ein Märchen, und Adays Doppelgänger Meat Loaf ist eine Märchenfigur, die Erweckung eines Helden aus dem Geist der Kränkung. Es gab eine Zeit, da nahezu jeder jenen Meat Loaf kannte. Vielleicht konnten sie nicht sagen, woher sie ihn kannten und welche Songs er sang, aber sie wussten, wer Meat Loaf war. Er war ein Archetyp: die Urgewalt.

Marvin Lee Aday wurde am 27. September 1947 in Dallas, Texas, geboren. Die Mutter sang im Gospelchor, der Vater war ein alkoholsüchtiger Prügler. Die Legende will es, dass er den übergewichtigen Marvin im Alter von zwei Jahren „Meat“ nannte. Ein Sportlehrer machte später „Meat Loaf“ daraus, als der damals 13-Jährige ihm auf den Fuß trat. Und Marvin selbst? Der strickte eine ganze Karriere aus jenem wenig schmeichelhaft gemeinten Spitznamen.

Im Jahr 1967 floh er mit einem One-way-Ticket im Gepäck nach Los Angeles, trat verschiedenen Bands bei, sang als Anheizer im Vorprogramm von The Who, Joe Cocker, Janis Joplin, Grateful Dead oder Iggy and The Stooges, später von Bon Seger, Alice Cooper und Richie Havens. Da die angepeilte Karriere lange Zeit nicht wirklich abhob, arbeitete er nebenbei als Parkplatzwächter. Schließlich ermöglichte ihm ausgerechnet das berühmte Soul-Label Motown die erste Platte, die er 1971 aufnahm. Motown erkannte schon damals, dass der Mann ein Genie war und sein Gesang purer, feinster Soul. Das Problem war nur: sonst erkannte das kaum jemand. Also schlug Meat Loaf einen neuen Karrierehaken, sang 1973 in einer Inszenierung von „Hair“ am New Yorker Broadway und bewarb sich für ein Musical des Komponisten Jim Steinman, „More Than You Deserve“. Steinman war zwar beeindruckt, Meat Loaf jedoch wurde derweil von der „Rocky Horror Picture Show“ engagiert, für die er wieder nach Los Angeles zog. Dann spielte er auch in dem Film, der 1975 in die Kinos kam (und als vollumfänglicher Allzeit-Klassiker noch immer dort gezeigt wird).

Mittlerweile hatte Pianist und Produzent Steinman eine Oper komponiert, in der er den frühen Rock’n’Roll und Soul Music, Richard Wagner und Horror-Schundfilme zu einem unerhörten Spektakel verband – eine Sci-Fi-Version von Peter Pan, eine als Rockoper getarnte Teenager-Horrorkomödie. „Bat Out Of Hellbrauchte Meat Loaf. Und Meat Loaf, der gerade bei einigen Stücken von Ted Nugent mitgesungen hatte, wurde der Sänger. Wenn man so mag, war dieses Zusammenspiel ein Match made in Hell, schließlich schrieb Steinman dem kräftig gebauten Musical-Darsteller das Album quasi auf den Leib und die sagenhafte vier Oktaven umfassende Stimme. Ein Großwerk mit von Steinmans frenetischem Piano getriebenen, atemlosen Songs, die das Jungsein feierten, indem sie die Unsicherheiten des Erwachsenwerden zum heroischen Bombast überhöhten – und in denen nicht zuletzt so unverhohlen von Sex die Rede war, dass man es auch mit mittelmäßigem Schulenglisch verstand. Cleveland International Records veröffentlichte das Werk 1977 ohne allzu große Erwartungen. Im Laufe des folgenden Jahres – dem besten Jahr der Schallplattenindustrie – explodierte „Bat Out Of Hell“. Dass bis heute mehr als 41 Millionen Exemplare jenes Albums, das sich stolze 88 Wochen in den US-Charts hielt, verkauft wurden, zeigt vor allem eins: wie großartig diese Songs waren – und bis heute geblieben sind. Das tolle Duett „You Took The Words Right Out Of My Mouth“, der hysterische Titelsong, das epische „Paradiese By The Dashboard Light“, eine eigene Mini-Oper zwischen Hardrock und Disco, oder „Two Out Of Three Ain’t Bad“ mit der hinterlistigen Liebeserklärung, die den eigenen überbordenden Kitsch unterwandert und demaskiert: „I want you, I need you, but I’m never gonna love you / But don’t be sad – two out of three ain’t bad.“ Jim Steinman und sein Sänger, der auch hier mit Rüschenhemd und Seidentuch, mit dem er sich beständig den Schweiß aus dem Gesicht wischt, immer Darsteller einer Rolle blieb, schafften den eigentlich unmöglichen – oder ja vielleicht gefährlich naheliegenden – Spagat zwischen Andrew Lloyd Webber und Bubblegum-Pop, so nostalgisch wie durchgedreht. Kurz darauf ging Meat Loaf auf Welttournee. Er hatte so lange darauf gewartet, nun genoss er in vollen Zügen. Er stürzte sich in die Konzerte, inszenierte in Rüschenhemd und Bratenrock Rock’n’Roll als Rokoko. Die Rock-Kritik überschlug sich. „Ein Libretto, das wirkt , als wäre es mit Clearasilstift auf den Badezimmerspiegel geschrieben worden“, so etwa der Rolling Stone. Und so war es – so großartig.

Seitdem blieben die Lebenswege von Aday und Steinman, auf gerade unheimliche Art und Weise und beinahe bis ans Ende, miteinander verknüpft – nur zusammen konnten die beiden wirklich große Erfolge feiern. Vor allem der Sänger wurde immer wieder arg gebeutelt. Schon 1976 wurde das Broadway-Musical „Rockabye Hamlet“, das nicht zuletzt auf Meat Loafs neue Popularität setzte, nach nur sieben Vorstellungen wieder abgesetzt. So ging es weiter: Drogen und Alkohol und exzessives Touren ruinierten zwischenzeitlich seine Stimme, er kämpfte mit Depressionen, wurde von ehemaligen Managern verklagt und trennte sich von Steinman. Dieser arbeitete dennoch an „Bad For Good“ und sang die Songs schließlich selbst. Meat Loaf kam zurück und veröffentlichte 1981 „Dead Ringer“. Zwar kannte ihn nahezu jeder, aber die Platte verkaufte ein Hundertstel von „Bat Out Of Hell“. Und „Midnight At The Lost And Found“ verkaufte 1983 noch weniger. Im Jahr darauf erschien „Bad Attitude“, die Plattenfirma trennte sich von Meat Loaf, er wurde alkoholsüchtig und erlitt einen Nervenzusammenbruch. Und kehrte zurück. „Blind Before I Stop“ ließ er 1986 von dem Boney-M.-Magier Frank Farian (!) produzieren. „Frank hat einige komische Sachen mit den Songs gemacht“, sagte er später (und drückte sich damit wohl noch diplomatisch aus). Die beinahe logische Folge: Meat Loaf verschwand einmal mehr aus der Öffentlichkeit.

Der Erfolg als Musiker kehrte erst zurück, als er sich mit Steinman versöhnte, das kongeniale Gespann die alte Erfolgsformel reaktivierte und als Team an einer Platte arbeitete, die 1993 das potentiell größte Comeback nach Elvis Presley auslöste. „Bat Out Of Hell II: Back Into Hell“ reproduzierte allen Bombast und allen Kitsch des ersten Albums, wurde noch im selben Jahr Nummer Eins nicht nur in den USA, sondern in allen wichtigen Märkten, auch in Deutschland. Vor allem Stücke wie „I’d Do Anything For Love (But I Won’t Do That)“ setzten in Punkto bombastische Rock-Ballade neue Maßstäbe und, ganz nebenbei, ein Denkmal für den Songtitel mit Klammer.

Abseits des Rock-Zirkus fand Aday ein zweites Standbein als Schauspieler, spielte etwa einen Busfahrer in dem Film der Spice Girls, hatte einen Auftritt als „Tiny“ in Mike Myers Kultfilm „Wayne’s World“ und später eine denkwürdige Rolle als Teil der Therapie-/Terroristengruppe in David Finchers „Fight Club“, war zudem in kleineren Rollen von TV-Serien wie „Monk“, „Dr. House“ oder „Glee“ und insgesamt in mehr als 65 (!) Filmen zu sehen. So wundert es kaum, dass er von sich selbst meinte, dass er eigentlich eher Schauspieler als Sänger sei. Auch aus gutem Grund schien dieser zweite Karriereweg gar nicht mal unklug, denn Meat Loafs Platten gingen – erneut – nur noch mäßig gen Decke (und schon gar nicht mehr durch selbige).

Vor allem nach der Jahrtausendwende forderten das jahrelange Tourleben und sein früherer Lebenswandel zunehmend ihren Tribut. So musste Meat Loaf immer wieder Konzerte abbrechen, brach etwa im Jahr 2003 bei einer Show in der Wembley-Arena zusammen. Er wurde am Herzen operiert, man diagnostizierte das Parkinson-Syndrom. Große, Rockstar-gerechte Welttourneen konnte Meat Loaf nicht mehr unternehmen. Bei einem Interview vor einigen Jahren waren Fragen zum Gesundheitszustand ebenso tabu wie zur US-Politik, in der sich Aday für die Republikaner engagierte – auch wenn er sich nur einmal offen für Donald Trump aussprach, in dessen Casting-Show „The Apprentice“ er aufgetreten war. „Mich interessiert die Perspektive eines 68-Jährigen nicht“, sagte der damals 68-Jährige, „lassen Sie mich damit bloß in Ruhe.“

Dem Motto „The show musst go on“ blieb er dennoch treu, denn trotz seiner Vielzahl an gesundheitlichen Problemen arbeitete Meat Loaf weiter. Er sang mit einem Philharmonieorchester, der natürliche Klangkörper für seine Songs, und brachte 2006 „Bat Out Of Hell III: The Monster Is Loose“ heraus, geschrieben und arrangiert von Desmond Child und ihm selbst. Aber der Zauber hatte sich aufgelöst. Die „Last At Bat Farewell“ -Tournee 2013 war sein finaler Abschied von den größeren Bühnen. Er zog von Kalifornien in seine Heimat Texas zurück und arbeitete 2016 für „Braver Than We Are“ noch einmal mit Jim Steinman zusammen, bevor dieser im April 2021 verstarb.

Am gestrigen 20. Januar ist nun auch Marvin Lee Aday, der begnadete ewige Heldentenor der Rock’n’Roll-Operette, der Großmeister der überlebensgroßen Power-Ballade, der gar nicht so ein „Fleischberg“ war, wie es sein Künstlername und sein Image behaupteten, im Alter von 74 Jahren gestorben (wohlmöglich an den Folgen einer Corona-Infektion). Aber Meat Loaf, diese kraftstrotzende Kunstfigur voller althergebrachter – heute würden man vielleicht sogar meinen: toxischer – Männlichkeit, die dem Publikum auf übergroßen Bühnen so einige Larger-than-life-Inszenierungen, weit ausladende Gesten und bis ins Klischee überzeichneten Rockismus-Gefühle servierte, stirbt natürlich nie. In diesem Sinne: His name was Robert Paulson!

Rock and Roll.

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Der Taktgeber der Rolling Stones – Charlie Watts ist tot.


Fast sechs Jahrzehnte saß er bei den Rolling Stones am Schlagzeug. Zwei Monate nach seinem 80. Geburtstag ist Charlie Watts – trotz des stolzen Alters etwas überraschend – heute gestorben.

Gerade erst hatte sich der taktgebende Elder Statesman des Rock’n’Roll gedanklich mit dem Ruhestand beschäftigt. „Ich weiß nicht, was die anderen denken, aber mich würde es nicht stören, wenn die Rolling Stones sagen würden, dass es das jetzt war“, sagte der Schlagzeuger anlässlich seines 80. Geburtstags im Juni diesen Jahres dem englischen „Guardian“. Allerdings, so räumte er ein, wisse er gar nicht, was er machen würde, wenn wirklich alles zu Ende sei.

So abrupt hatte sich der Schlagzeuger sein Ende bei den Rolling Stones jedoch keineswegs vorgestellt: Am 24. August 2021 ist Charlie Watts in einem Londoner Krankenhaus im Kreis seiner Familie gestorben. „Charlie war ein geschätzter Ehemann, Vater und Großvater und als Mitglied der Rolling Stones auch einer der größten Schlagzeuger seiner Generation“, teilte ein Sprecher mit.

Fast sechszig Jahre gab er bei einer der größten, erfolgreichsten und populärsten Bands der Musikgeschichte den Takt vor, war wohlmöglich sogar ihr Motor. Freilich mag dies recht hypothetisch sein, trotzdem lässt sich ohne einen Funken britischem Understatement behaupten, dass es die Rolling Stones ohne ihn wahrscheinlich schon längst nicht mehr gegeben hätte, schließlich gelang es ihm mit diplomatischem Fingerspitzengefühl im Laufe der Jahrzehnte immer wieder, die aufbrausenden Streithähne Mick Jagger und Keith Richards zur Räson zu bringen.

Charles Robert „Charlie“ Watts erblickte am 2. Juni 1941 in Kingsbury das Licht der Welt, einem heutigen Stadtteil im Norden Londons. Der Sohn eines Lastwagenfahrers studierte, nachdem er schon früh seine Liebe zu Jazz und Blues entdeckte und sich aus einem alten Banjo sein erstes Schlagzeug bastelte, zunächst Kunst und Grafik und stieg in seiner Freizeit als Drummer in Alexis Korners Band Blues Incorporated ein. Ebendort spielten auch ein gewisser Michael Philip „Mick“ Jagger und der 1969 verstorbene Gitarrist Brian Jones, die 1962 die Rolling Stones mitgründeten. Nur ein Jahr später schmiss Watts seinen Job als Grafiker, als Keith Richards ihn unbedingt als Schlagzeuger in der Band haben wollte. Die Entscheidung machte sich bezahlt – musikalisch wie finanziell. Die Stones hätten eben das Glück und das Geld gehabt, viel Zeit im Studio verbringen zu können, sagte er dem britischen „Telegraph“ ein halbes Jahrhundert später – und sie hätten daher viel ausprobieren können. Nach anfänglichen Erfolgen mit Coverversionen in Großbritannien und den Vereinigten Staaten erlangte die Band mit Hits aus der Feder von Mick Jagger und Keith Richards wie „(I Can’t Get No) Satisfaction„, „Get Off Of My Cloud“ oder „Paint It, Black“ sowie Alben wie „Aftermath“ oder „Exile On Main St.“ weltweiten Ruhm. Der Rest? Ist längst Rockgeschichte.

Watts mag zwar nach Jagger und Richards das dienstälteste Mitglied der Rolling Stones gewesen sein, war dabei jedoch der oft unterschätze Mann im Hintergrund, derStoiker hinter Keith und Mick, der seinen Bandkollegen mit reichlich cooler Eleganz, britischem Understatement und knochentrockenen Beats die großen Bühnen überließ. „Charlie Watts gibt mir die Freiheit, auf der Bühne fliegen zu können“, meinte der ungleich exzentrischere Gitarrist Keith Richards einmal.

(Im Mittelpunkt stand der zurückhaltende Drummer selten – hier tat er es im Kreise seiner Bandkollegen im Jahr 1967)

Watts galt als wortkarg und solide, seine Alkohol- und Drogensucht hatte der einst starke Raucher schon in den 1980er-Jahren überwunden. Während viele Rockstars – und mitunter auch seine Bandkollegen – eher durch einen unsteten Lebenswandel Schlagzeilen machten, war der Drummer seit 1964 glücklich mit Shirley Ann Shepherd verheiratet. Die beiden lebten zurückgezogen auf dem Land, wo Watts Vollblutaraber züchtete.

Charlie Watts stand für all das, was nicht zum ursprünglichen, wahlweise wilden und rüpelhaften Image der Rolling Stones passte. Er bevorzugte Anzüge und liebte Jazz – ironischerweise genau jene Musikrichtung, gegen die die Stones am Anfang ihrer Karriere aufbegehrt hatten. Wenn er nicht mit Mick Jagger, Keith Richards und Ron Wood auf Tour oder (zuletzt immer seltener) im Studio war, spielte er Schlagzeug in seiner eigenen Jazz-Band. Dort fühlte er sich wohler als im Scheinwerferlicht (das er demnach lieber Jagger und Richards überließ), minutenlange Standing Ovations waren ihm unangenehm.

Gemeinsam mit den Stones zog Charlie Watts 1989 in die „Rock ’n‘ Roll Hall of Fame“ ein, das Magazin „Rolling Stone“ (das sich seinerzeit wohl nicht ohne Grund nach seiner Band benannte) wählte ihn schon vor einigen Jahren auf seiner Liste der „besten Schlagzeuger aller Zeiten“ auf Platz zwölf. 2004 erhielt er die Diagnose Kehlkopfkrebs, besiegte die Krankheit aber mit zwei Operationen, um schon im Jahr darauf wieder mit den Stones auf Welttournee zu gehen.

Nachdem er sich in diesem Jahr einer Operation unterziehen musste, hatte Charlie Watts seine Teilnahme an der für kommenden September geplanten US-Tour der Rolling Stones abgesagt. Seinerzeit hieß es, Watts habe eine medizinische Behandlung hinter sich (zu dessen Hintergrund der Sprecher keinerlei Angaben machte), weshalb es „unwahrscheinlich“ sei, dass er für diese Konzerte zur Verfügung stehe. Nun hat der Taktgeber, die Herzmaschine der dienstältesten Rockband der Welt seine irdischen Drumsticks für immer zur Seite gelegt… Mach’s gut, Charlie Watts!

(Hier findet man etwa einen Nachruf des deutschen „Rolling Stone“, hier einen vom „Musikexpress“…)

Rock and Roll.

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Der Mann hinter dem Erfolg von Sigur Rós – Ken Thomas ist tot.


Ken Thomas ist tot. Wie via Facebook bestätigt wurde, verlor der britische Produzent, Toningenieur und Musiker vor wenigen Tagen (s)einen jahrelangen Kampf gegen eine Parkinson-Erkrankung.

Thomas‘ Karriere begann in den renommierten Londoner Trident Studios, wo er unter anderem mit Größen wie Queen und David Bowie zusammenarbeitete. Wenig später verschlug es den Engländer in etwas punkigere Gefilde, er arbeite in den Trident und Advision Studios als Assistent und Tontechniker bei Aufnahmesessions für Bands wie Public Image Ltd, die Buzzcocks, Wire, Alien Sex Fiend oder Rush und komponierte und nahm im Jahr 1980 selbst die Electronic-LP „Beat The Light“ auf. Nachdem er sich in der Punk- und Experimental-Music-Szene einen Namen gemacht hatte, arbeite Ken Thomas anschließend mit der sagenumwobenen isländischen Band The Sugarcubes, bei der damals eine gewisse Björk Guðmundsdóttir am Mikro stand, die später unter ihrem Vornamen die Musikwelt erobern sollte, und wirkte als Tontechniker an deren 1998er Debütalbum „Life’s Too Good“ mit.

Deren Gitarrist Þór Eldon Jónsson wiederum spielte Thomas einige Jahre später „Von“, das Debütwerk einer damals international noch gänzlich unbekannten isländischen Newcomerband namens Sigur Rós, vor. Der Produzent, der sich den Punk von anno dazumal wohl stets bewahrt hatte und stetig auf der Suche nach neuen, frischen Künstlern war, war schnell so angetan von dem (damaligen) Trio um Frontstimme Jón Þór „Jónsi“ Birgisson, dass er daraufhin Kontakt zur Band aufnahm und für das kommende Album „Ágætis byrjun“ nahezu sämtliche Produktions-, Engineering- und Mixing-Aufgaben übernahm. So ist es wohl auch ihm zu verdanken, dass Sigur Rós mit ebenjenem Werk erstmals über die isländischen Landesgrenzen hinaus bekannt wurden. Auch später fanden die Ambient-Post-Rocker aus Reykjavík und der britische Produzent noch kreativ zusammen, etwa für das kaum weniger erfolgreiche Album „Takk…“ sowie für die Performance-Aufnahmen zum Band-Dokumentarfilm „Heima„. Kaum verwunderlich also, dass Jónsi und Co. jenem Mann, dem sie so viel – eventuell sogar ihre ganze Karriere – verdanken, via Facebook nun zwar schmerzliche, jedoch auch ebenso herzliche Abschiedsworte widmen:

Und auch der Rest von Ken Thomas‚ Produzentenvita kann sich durchaus sehen lassen. So saß der passionierte Schlagzeuger und Live-Sound-Engineering-Spezialist über die Jahre außerdem für eine so vielfältige wie kreativ breit gefächerte Riege hinter den Reglern, angefangen bei den englischen Post-Industrial-Heroen Psychic TV über The Cocteau Twins, The Bongos, Yello, The Damned, Queen Adreena, M83, Gavin Friday, Depeche Mode-Frontmann Dave Gahan bis hin zu den Isländischen Hardcore-Alternative-Rockern Minús.

Einen der – nebst Sigur Rós, freilich – prägendsten Eindrücke hinterließ Thomas jedoch wohl bei den (leider recht kurzlebigen) englischen Indie-Post-Rockern Hope Of The States, deren unter nicht eben untragischen Umständen entstandenes und 2004 erschienenes Debütalbum „The Lost Riots“ er nicht nur als Produzent begleitete. Sänger Sam Herlihy brachte es damals folgendermaßen zum Ausdruck: „In der ersten Woche mit Ken haben wir uns auf diesen Weg eingelassen, auf dem nichts heilig war, was die Ideen zu den Songs anging. Nach dieser ersten Woche hatten wir eine klare Vorstellung davon, wie das Album klingen sollte, wenn es fertig war. Ken war das siebente Mitglied der Band und wird es immer bleiben. Der Typ ist eine Legende. Wir haben das mit ihm gemacht und haben das alles mit ihm durchgestanden. Er war an unserer Seite; dennoch hat er weder uns geführt noch wir ihn.“

Nun darf sich Kenneth „Ken“ Vaughan Thomas, dessen Sohn Jolyon in seine Fußstapfen trat und ebenfalls als erfolgreicher Produzent (unter anderem für Royal Blood, U2, Kendrick Lamar, Another Sky, Slaves oder Daughter) arbeitet, hinter die Regler und Knöpfe des Aufnahmestudios im Musikhimmel setzen. Mach’s gut, Ken!

Rock and Roll.

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Ein Musiknerd, ein Held – Dirk Siepe ist tot.


Foto: VISIONS / Facebook

Pardon für diese linguistisch durchaus flapsige Äußerung, aber: Manchmal ist die Welt schon ein gewaltiges Arschloch. Sie holt manch Guten zu früh, und lässt uns, den traurig-treudoofen Rest, hier unten mit Pleiten, Pech, Pandemien und einer ganzen Reihe formvollendeter Arschgeigen zurück.

Wie der Tipper dieser Zeilen am Abend eines vornehmlich milden Februartags auf solchen düsterdunklen Fatalismus kommt? Durch die überraschende Nachricht, dass Dirk Siepe „nach längerer, schwerer Krankheit“ verstorben ist. Klar, der Name wird den meisten von euch nun weitaus weniger sagen als etwa David Bowie, Johnny Cash oder – meinetwegen, um bei irgendwie ewig lebenden, andererseits aber dennoch mausetoten Legenden zu bleiben – Frank Sinatra. Für mich war Siepe dennoch ’ne (r)echt große Nummer. Einer, der seit 1994 viele Jahre – erst als Redakteur, später als Chefredakteur und zuletzt als Autor – Teil der Schreiberlinge-Mannschaft der VISIONS war. Und damit auch meinen Musikgeschmack seit der musikalischen Adoleszenz entscheidend mit geprägt hat. Kaum einem Printmedium bin ich schon so lange treu (seit über zwei Jahrzehnten, nahezu alle Ausgaben stehen in beeindruckenden Stapeln – teils zum Leidwesen meiner Eltern – noch an zwei Orten verteilt herum). Durch kein anderes Musikmagazin – sorry, Rolling Stone, sorry Musikexpress – habe ich so viele Herzensbands und Künstler*innen kennenlernen dürfen – und tue dies auch heute gelegentlich noch. Allein schon deshalb war „der Siepe“, wie wir ihn in unserem (schein)elitär-kleinen Musiknerdkreis tief in der sächsischen Provinz damals oft nannten, wie der ältere Kumpel, der einem den geilsten neuen Scheiß aus Musikhausen ans Hörerherz legte, und genau zu wissen schien, worauf man in Kürze derb steil gehen würde, ohne dass man ihn je jemals getroffen hatte. Dass der Mann ein schwarz-gelbes Fussball besaß? Kein Muss, aber dennoch ein dickes Plus für mich (und auch passend, wenn man für ein Musikmagazin aus der Heimatstadt von Borussia Dortmund schreibt). In jedem Fall war es nicht nur für mich – im Rückspiegelblick und gefühlt so lange her – meist eine große Freude, Dirk Siepes mit einem gerüttelt Maß an Passion verfasste Artikel und Reviews lesen zu dürfen, die Leidenschaft, mit der der Mann einem so viele tolle, hierzulande sträflichst unbekannte Bands vor allem aus der Desert-Rock-Szene näher brachte. Wer weiß, wie viele nun wissend nickende Musikhörer weniger Kombos wie Kyuss, die Queens Of The Stone Age, Turbonegro, The Hellacopters oder Gluecifer ohne seine Leidenschaft für den Rock’n’Roll und ohne sein großes Engagement heute hätten… Kaum vorstellbar, dass eine so fantastische Band wie Mother Tongue ohne „den Siepe“, der sich in den Achtzigern selbst in der Fansize-Szene versuchte (noch so etwas, was uns irgendwie eint), wohlmöglich nie mehr einen Fuss auf bundesdeutschen Boden gesetzt hätte (und auch heute noch viel zu wenigen ein Begriff ist – deshalb: MOTHER TONGUE HÖREN!)…

Natürlich bin auch ich älter (und grauer im Gesicht!) geworden, hat sich mein Fokus ein wenig verschoben. Mein Musikgeschmack mag nun, so viele Jahre später, im Gros ein kitzekleines Bisschen weniger „wild“ ausfallen als noch in jenen Tagen, als ich nach der Schule noch zum Kiosk radelte oder die VISIONS während der Zugfahrt zu Uni verschlang. Freilich waren das – uffjepasst, Grumpy-Old-Man-Modus! – andere Zeiten, so (fast) ohne Internet, ständige Streaming-Verfügbarkeit und schöne neue Reizüberflutung (in welcher auch zu viele hoffnungsvolle Talente vorm eigenen Durchbruch leider wieder ersaufen). Aber es waren gute Zeiten. Und das? Schreibe ich beinahe frei von jeglicher nostalgischer Verklärung, und mit einer dicken, dicken Träne im Anschlag.

Ach, Dirk… Mann Mann Mann, mach’s gut, Dirk Siepe. Wie könnte ich dir je genug danken für all die tolle Musik, die du uns gezeigt hast? Eben: nie. Darum hoffe ich einfach, dass es dir da, wo du nun bist, besser geht. Und dass dir dort eine anständige, amtliche Plattensammlung ganz nach deinem Gusto zur Verfügung steht.

Das letzte Wort möchte ich trotzdem Michael Lohrmann, der als Gründer der VISIONS „den Siepe“ bestens kannte und dem die Zeilen seines ebenso hetzwarmen wie persönlichen Nachrufs wohl tausend Zentner schwer gefallen sein müssen, überlassen:

„IN GEDENKEN AN DIRK

Anfang der 90er Jahre bin ich unter Plattenkritiken in Fanzines regelmäßig über den Namen Dirk Siepe gestolpert. Mit seinem Faible für Punkrock, Alternative und Desert Rock würde er eigentlich perfekt zu VISIONS passen, dachte ich mir dann immer, und als wir dringend jemanden suchten, der in unserem Namen für ein großes Kyuss-Feature nach Amerika fliegt, rief ich ihn kurzentschlossen an. Bereits am nächsten Tag stand Dirk vor mir in der Redaktion, mit seinen Cowboy-Stiefeln und einem halb offenen Hemd unter einer abgeranzten braunen Lederjacke sah er ein bißchen so aus, als wenn er selbst in einer Band spielen würde. Ich glaube, er wirkte anfänglich ein wenig schnöselig auf mich, als wir dann über Musik gefachsimpelt haben (und natürlich über unsere gemeinsame Liebe Borussia Dortmund), war aber schnell klar, dass nur er prädestiniert ist, Josh Homme und Co. für VISIONS in Palm Desert zu besuchen. Die Geschichte, die er anschließend mitbrachte, war stark. Dirk hatte nicht nur viel Ahnung von Musik und die Gabe, auf Augenhöhe einen guten Draht zu den Musikern aufzubauen, er besaß auch die Fähigkeit, sein Wissen und seine Erlebnisse in wortgewandte Texte zu transferieren. Nach diesem Auftakt nach Maß war in jedem Fall klar, dass er ein Teil der VISIONS Familie werden muss. Der Zufall wollte, dass der Posten des Chefredakteurs parallel zu unserem Kennenlernen vakant wurde, rund 27 Jahre später kann ich sagen, dass es eine wunderbare Entscheidung war, Dirk diesen Job anzuvertrauen.

Duffy, um mal seinen Spitznamen zu bemühen, hat VISIONS über Jahre hinweg nachhaltig geprägt – vielleicht war es sogar die beste Phase, die man als Leser als auch als Mitglied der Gang mit diesem Magazin erleben konnte. In einer Zeit, wo an das Internet noch nicht zu denken war und in der Print-Magazine gehörigen Einfluß hatten, war Dirk ein Tastemaker, der den Musikgeschmack von etlichen VISIONS Lesern extrem geprägt hat. Bands wie Kyuss, Gluecifer, Hellacopters, Turbonegro, Mother Tongue, Masters Of Reality oder auch QOTSA, um nur mal die Kirschen auf der Sahne zu nennen, haben Dirk viel zu verdanken, denn er hat ihnen mit seinem Engagement den Weg geebnet. Wie wichtig er für VISIONS und unsere Leser war, belegt alleine eine Szene, die sich bei Rock am Ring in 2001 zugetragen hat. Als die Queens Of The Stone Age um seinen alten Spezi Josh Homme von Dirk an den VISIONS-Stand geholt wurden, wollten die Leute nicht nur Autogramme von der Band, sondern auch von ihm. So saß er dann da neben den Musikern und unterschrieb eine Stunde lang beseelt VISIONS Titelbilder. Das hat mich stolz gemacht. Dirk war das Aushängeschild von VISIONS – das Rock Hard hatte Götz Kühnemund, wir hatten Siepe.

Und, meine Güte, was haben wir gefeiert! Die Musikbranche bietet dafür ja durchaus viele Anlässe und der verklärte Blick zurück sagt mir gerade, dass wir so viel nicht ausgelassen haben, auch wenn Duffy da vielleicht nochmal aus einem anderen Holz geschnitzt war als ich und die meisten anderen. Auch fernab von Festivals, Konzerten oder VISIONS Partys gab es genug Situationen, in denen es ausgelassen war. Alleine der Fußball: Meisterschaften, Pokal-Siege, Derby-Triumphe, aber auch ein Moment der Schmach, als wir im Westfalenstadion 0-1 gegen den VfL Bochum (!) verloren haben, weil Delron Buckley kurz vor Spielende der Meinung war, das Siegtor erzielen zu müssen. Dirk war so abgenervt von einem feiernden Bochumer in der Reihe vor uns, dass er ihm einen fast vollen Becher Bier über den Kopf kippte. Ich fand das irgendwie gerecht, weil mir der Typ auch tierisch auf den Sack ging, getraut hätte ich mich das aber nicht. Als wir später in der Kneipe einen ausgeknobelt haben, war ich immer noch überrascht darüber, dass es nicht zu Handgreiflichkeiten kam.

Vielleicht hat der VfL-Fan auch einfach gemerkt, dass Dirk eine gute Seele hatte. Wer ihn kannte, wusste das ganz sicher. Sein großes Herz für Katzen und Hunde deutete darauf hin, aber auch sein ehrenamtliches Engagement für Die Tafel in Dortmund, die er in den letzten Jahren unterstützt hat. Dirk hatte zudem eine melancholische Seite, die es ihm ermöglichte, sehr reflektierte, tiefgehende Gespräche zu führen. So erinnere ich mich an einige Abende, die wir dem Herzschmerz widmeten, ganz frei von Punkrock und Feierei. Eigentlich wollten wir uns bald treffen, es ist bestimmt drei, vier Jahren her, dass wir uns das letzte Mal gesehen haben. Unsere Kommunikation beschränkte sich in der Zwischenzeit auf sporadische SMS zu Geburtstagen und witzige Frotzeleien zum aktuellen Fußballgeschehen – wir waren nicht im klassischen Sinne befreundet, aber wir hatten nach all den Jahren noch steten Kontakt. Wegen seiner Lungenkrankheit und der für ihn daher besonders heiklen Covid-Situation haben wir ein Treffen vertagt, bis zu dem Zeitpunkt, wo es das Wetter zulässt, dass man sich draußen treffen kann. Jetzt ist das Wetter gut – und Dirk nicht mehr unter uns. In der Nacht vom 16. auf den 17. Februar 2021 hat er uns für immer verlassen. Und das macht mich extrem traurig.

Danke für alles, Duffy. Du wirst vermisst werden. Und wenn du da oben den Fußballgott triffst, weißt du, was zu tun ist.

Rock and Roll.

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Zitat des Tages


(Sir Thomas Sean Connery, 25. August 1930 – 31. Oktober 2020, britischer Schauspieler, Filmproduzent und Oscar-Preisträger)

James Bond ist tot.

Rock and Roll.

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