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Abgehört…


Mumford & Sons – Wilder Mind (2015)

306-6949_PI_1000025MN-erschienen bei Island/Universal-

Es ist und bleibt ein altbekanntes Dilemma um Löwenkäfig Musikgeschäft: Als Künstler (slash: als Band) darfst du weder so bleiben, wie du bist, noch dich großartig verändern. Viele so altgediente Namen wie Bob Dylan, Bruce Springsteen, David Bowie, aber auch Bands wie Pearl Jam oder die Rolling Stones können ganze Heerscharen von Liedern davon pfeifen. Die einen (Springsteen, Pearl Jam) gehen’s auf die stoische Tour an und stehen seit eh und je für aufrechten Working-Class-Rock, die anderen (Dylan, Bowie) geben stets den Hasen, der selbst der Veränderung selbst chamäleongleich immer einen Schritt voraus zu sein scheint, während die Igelschar aus Fans und Musikjournalie noch staunend glotzend hinterher blickt. Und die Stones bringen eh seit Jahr und Tag nur Best-Of-Compilations zur diesmal definitiv letzten Farewell-Tournee… Fakt ist: Wenn Hörerschaft und Kritiker von einem immerzu gleichzeitig Kontinuität, Qualität und Weiterentwicklung erwarten, kannst du als Künstler freilich viel gewinnen, aber immer auch noch mehr verlieren.

Genau dort – in diesem Dilemma aus keinen Meter vorwärts, bitte, und bloß nicht zurück! – stecken auch Mumford & Sons fest. Immerhin brachte das 2007 in London um Frontmann Marcus Mumford zusammengefundene Quartett das Kunststück fertig, im Jahr 2009 mit dem Debütwerk „Sigh No More“ so etwas wie ein Folk-Revival auf die großen Bühnen dies- wie jenseits des Atlantiks zurückzurufen. Banjo und Standup-Bass waren wieder en vogue und trés chic, während sich vier junge Männer in Leinenhosen und Flanellhemdchen in immer größer werdenden Konzertvenues herzhaft schmachtend das Herzeleid und Fernweh von der Seele sangen und ihnen abertausende Kehlen die Zeile von Instant-Hits wie „The Cave“ oder „Little Lion Man“ zurück schmetterten. Ja, für einen laaaaaangen Sommer lang war’s wirklich Liebe, hätte man das flotte Banjo-Plinkplink wohl gegen kaum ein anderes Instrument in den Gehörgängen eingetauscht. Spätestens mit dem drei Jahre darauf veröffentlichten Zweitwerk „Babel“ hatte die Band merklich einen – ihren – Zenit diesbezüglich erreicht. Mehr Banjo-Folkpop, mehr emphatischer Refrain als dort ging wahrlich nicht. Größere Bühnen, dickere Headliner-Shows ebenso kaum. Doch der Erfolg gab ihnen recht: Spitzenpositionen ihm ruhmreichen heimischen UK, gar in den US of A, während in Deutschland, Österreich und der Schweiz immerhin Silberplätze drin waren. Doch wie bei der leckersten Süßspeise stellte sich auch bei den Songs von „Babel“ schnell Sättigung ein. No more banjo, guys – please! (Ganz zu schweigen davon, dass immer mehr Bands wie The Lumineers, Of Monsters And Men, Edward Sharpe & The Magnetic Zeros, The Head and the Heart oder Noah and the Whale mit auf den Revival Train aufsprangen.)

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Das sah die Band um Frontmann Marcus Mumford wohl ganz ähnlich. Sie alle, die sich als Straßenmusikanten und in spontanen Sessions erste Sporen verdient hatten, waren längst im Mainstream angekommen, ihr Sänger ist seit 2012 gar mit der britischen Hollywood-Actrice Carey Mulligan verheiratet. Das mag ja per se nichts Schlechtes sein, immerhin gibt es auch viele andere Beispiele fern des krediblen Indie-Bizz, die einerseits gut und sorgenfrei von ihrer Kunst leben können, andererseits auch den Anstand (slash: ihr Ansehen) bewahren. Aber die Vehemenz, mit der Mumford & Sons nun jegliche Vergangenheit von sich weisen, sorgt doch für Stirnrunzeln. „Wir waren immer eine Rockband, die die falschen Instrumente gespielt hat. Jetzt haben wir die richtigen Instrumente“, sagte Bassist Ted Dwane unlängst im Interview mit dem dem britischen „New Musical Express“, und der vom Banjo zur Gitarre gewechselte Winston Marshall ergänzt: „Wir haben uns nie wirklich für eine Folkband gehalten.“ Wie meinen? Sollte all das – die große Folk-Emphase, die frenetischen Refrains, die spirituell und tief empfundenen Indien-Reisen-Kurzfilme – nur Wirren – oder schlimmer: nur Show – gewesen sein? Und was jetzt? Leinenhosen, Flanellhemden, Banjos, Standur-Bass, Marcus Mumfords Kick-Bassdrum – alles plötzlich scheiße und von gestern? Ein Richtungswechsel mit Ansage, in jedem Falle.

So klingt denn auch Album Nummer drei, „Wilder Mind„: wie ein Richtungswechsel, eine Neujustierung. Gut, Acid House darf man von Mumfords Söhnen nun nicht erwarten. Trotzdem macht sich bereits im Opener „Tompkins Square Park“ eine seltsame Stimmung breit. Ein richtiges Schlagzeug, im Hintergrund flirrende Synthie-Flächen, auf und ab schwellende Gitarrenfiguren – so etwas war man sonst eher von Stadionrockbands wie Coldplay, U2 oder den Kings Of Leon gewohnt, jedoch nicht von den Folkies von Mumford & Sons. Da haben die ausgedehnten US-Tourneen und die ersten Demo-Sessions in den New Yorker Studios von The National-Gitarrist Aaron Dessner wohl deutliche Spuren hinterlassen. Überhaupt: New York, Los Angeles – vor allem diese beiden Städte klingen sowohl bewusst (der Tompkins Square Park ist ein Park im Big Apple) als auch unterbewusst in vielen der zwölf neuen Stücke durch, überlagern urbane Großstadt-Irrlichter die ehemals heimelige Fernweh-Atmosphäre. Vieles ist neu und ungewohnt: die Konsequenz, mit der Akustikgitarren und Banjos, Upright-Bass und Kick-Bassdrum aus dem Programm verbannt wurden, um stattdessen auf konventionelleres Instrumentarium aus E-GitarreSchlagzeugBassSynthesizer umzusteigen. Der Zwang, auf Teufelkommraus plötzlich eine Rockband sein zu müssen. Freilich, das dürfen Mumford & Sons gern – das können sie unter Umständen auch, immerhin brachten sie in den vergangenen Jahren allabendlich das Kunststück fertig, dass tausende von Besuchern bei Livedarbietungen erst ordentlich mitgerissen wurden, um dann mit einem seligen Grinsen nach Hause zu watscheln (dokumentiert etwa im Konzertfilm „The Road To Red Rocks„). Leider bleibt nur kaum ein neues Stück beim ersten, beim zweiten, beim dritten Hördurchgang von „Wilder Mind“ wirklich hängen. Und ungewohnt Bräsiges gibt’s auf dem neusten Album obendrein: die vorab veröffentlichten Single „The Wolf“ ist ein platter High-Energy-Klopper ohne Charme und Form, „Just Smoke“ gemahnt mit peinlich billigen Stadion-Refrain-Handclaps gar an schlimmste Reamonn-Zeiten (wobei Marcus Mumford deren Frontmann Rea Garvey stimmlich bedrohlich nahe kommt). Und auch viele andere Songs machen’s kaum besser. Da wird erst lange angetäuscht, Minute für Minute mit den Hufen geschart und Stimmung aufgebaut, bevor das ein großer Plopp!-Rock ertönt und ein ums andere Stück im Nichts verhallt. Positive Ausbrecher: das atmosphärisch treibende „Snake Eyes“, das herzhafte „Ditmas“ oder das sanft ins Nirgendwo fließende „Only Love“. Ansonsten muss man trotz der im Grunde guten Handarbeit von Produzent James Ford (Florence & The Machine, Arctic Monkeys) das traurige Fazit ziehen, dass die Band mit dem besonders für sie heiklen klanglichen Neustart zwar viel riskiert, sich mit der Entledigung jeglicher Erfolgstrademarks aber mit Kunstpass gekonnt ins Abseits spielt. Denn wenn man schon alles Alleinstellungsmerkmal für die Studiotür karrt, sollte man wenigstens einen guten Plan B (sprich: ordentliche Songs) parat haben. Außerdem ärgerlich: die stetig zwischen Bibelstunde und juvenilem Tagebuchschmöker pendelnden Texte von Pastorensohn Marcus Mumford, die a) von der Liebe schmachten, b) den Mond liebestoll anheulen oder c) von der Liebe schmachten. Nervt, auf Dauer. Oder, um zu zitieren: „I don’t even know if I believe“ (aus ebenjenem „Believe“).

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Man mag der Band nichts Schlechtes wünschen, immerhin sind sowohl die Weiterentwicklung und die Suche nach Neuem löbliche Ziele. Allerdings gibt es Bands wie Coldplay oder U2 bereits – und selbst die stecken ein ums andere Mal in kreativen Sackgassen fest. Für den Moment dürfte Mumford & Sons „Wilder Mind“ wohl ausreichen, und selbst nach all der herben Kritik, die das Werk schon in seinen ersten Tagen einstecken musste, dürfte es für die Band ein erneuter (kommerzieller) Erfolg werden. Und auch all die Banjo-Hymnen will wohl kaum einer als x-te Kopie der Kopie zurück. Fakt ist: wer Mumford & Sons schon immer nervig und *hust* scheiße fand, findet nun ausrechend Argumente, um dem Quartett mangelnde Qualität und Bandbreite anzukreiden. Und auf Dauer frisst hier das Folk-Revival seine abtrünnigen Kinder – Kunstlederjacken und berechenbaren Rock inklusive.

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Hier gibt’s „Tompkins Square Park“, „Believe“ und „The Wolf“ in einer Live-Session-Varianten…

 

Rock and Roll.

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