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Gegen das Tabu – „the end – Der Podcast auf Leben und Tod“


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Es gibt so ein paar Themen, die stets hart an der Tabugrenze kratzen, über die niemand wirklich gern, viel, oft und ausführlich reden mag. Stickwort: das Ende.

Denn mal ehrlich: Wer mag schon gern an die Abschlussszene seines Lieblingsfilms denken, wenn man noch mittendrin in und völlig mitgerissen von der Handlung ist? Wer wird den Teufel tun, und beim zweiten Song eines Konzerts seiner Lieblingsband auf die Rausschmeißernummer hoffen? Wer sehnt in der 60. Minute eines wirklich geilen Fussballspiels den Schlusspfiff entgegen? (Okay, das wiederum käme darauf an, ob die eigene Mannschaft gerade in Führung liegt…) Merkt ihr was? Eben.

Oder auch: Wer spricht schon wirklich gern über den Tod?

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Foto: von der Podcast-Seite

Und genau mit diesem Tabuthema will Eric Wrede brechen. Natürlich hat Wrede durch seinen Beruf – er arbeitet als Bestatter in Berlin – eine Art „Heimvorteil“ und ist so quasi tagtäglich mit diesem Thema, das sich das Gros seiner Mitmenschen wortwörtlich „bis zum Ende“ aufspart, konfrontiert. Trotzdem ist das, was er da mit ein paar Freunden ins Leben gerufen hat, aller Ehren wert.

Zum einen wäre das die „Bewegung“ namens „Hallo Tod!„, auf deren Website man sich „für den Tod interessieren, darüber informieren und sprechen“ kann – denn irgendwann müssen wir das alle einmal, oder? Zum anderen wäre da „the end – Der Podcast auf Leben und Tod„. Bei diesem wiederum lädt sich Eric Wrede seit Juni (mehr oder minder) bekannte Persönlichkeiten vors Mikro, um mit ihnen über Gott, die Welt, ihr Leben und vor allem den Tod zu sprechen. Bisher waren die Musikerin Balbina, H-Blockx-Frontmann und Casting-Show-Juror Henning Wehland, Pop-Folker Pohlmann, der Jennifer-Rostock-Bassist Christoph Deckert, Schauspieler Clemens Schick, der Radiomoderator, Autor und Journalist Torsten Groß sowie Moderatorin Jeannine Michaelsen (Traumfrau, by the way!) mit von der Partie. Eine spannende Mischung, die entspannte Unterhaltungen garantieren dürfte.

Oder wie es Eric Wrede selbst ausdrückt:

„Wieso wird eigentlich so selten über den Tod gesprochen? Weil jeder irgendeine traurige Geschichte zu erzählen hat? Weil es immer sofort bedeutungsschwer wird?

Wir ändern das einfach und unterhalten uns entspannt. Im Hier und Jetzt.“

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Sorority Noise – „No Halo“


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Foto: Pat Nolan / Promo

„No Halo“, der in im wahrsten Sinne todtraurige Opener des aktuellen Albums der aus dem US-amerikanischen Connecticut stammenden Emo-Punks Sorority Noise, dreht sich um einen Freund, der sich das Leben genommen hat, sowie die Themen Verlust, Depressionen und die eigenen Suizidgedanken. Im intensiven Musikvideo werden diese nicht eben erbaulichen Themen sehr passend, sehr eindrücklich symbolisch dargestellt: tanzende Menschen in Selbsthilfegruppen, unkontrollierte Autofahrer, ein weinendes Pärchen beim Liebesakt oder überlaufende Waschbecken. Menschen in den unterschiedlichsten Situationen: im Krankenhaus, auf einer Beerdigung, in der Kneipe – irgendwie im Leben, irgendwie am Ende.

Sorority-Noise-Youre-Not-As-As-You-Think-1489510263-640x640Das Leid all dieser Menschen und ihr offensichtlicher Wunsch, all ihre Verzweiflung herauszuschreien, wird dabei vom starken und erschreckend real erscheinenden Video von Regisseur Kyle Thrash, dem bittersüß-depressiven Emo-Rock von Sorority Noise und Zeilen wie „God called you to fulfill a vacancy / I tried to see why it wasn’t me“ untermalt. Das Gefühl, am eigenen Leben und Alltagstrott zu ersticken, vermittelt einem all das auf eindrucksvolle Weise.

„You’re not as… as what? Happy, jealous, sad, lucky, fucked up?“

Sorority Noises aktuelles, drittes Album „You’re Not As _______ As You Think“ – rein musikalisches vor allem Indierock mit Anklängen an den guten alten Neunziger-Jahre-Emo, ein wenig windschiefem Slacker-Pop und mitreißendem Post-Rock – ist im März beim Indie-Label „Big Scary Monsters“ erschienen. Die Platte liefert eine zehnteilige emotionale Achterbahnfahrt, während der Frontmann Cameron Boucher ebenso intensiv wie offen Einblicke in seine Gefühlswelt gibt – die Band selbst bezeichnet all das als „emotionalen Bulldozer“. Dass dort nicht alles eitel Sonnenschein ist und Boucher auf dem Werk vor allem lauthals über Ängste, Depressionen, den Tod und die Kämpfe gegen die eigenen Dämonen singt, ist eben (s)eine Art, mit den Schattenseiten des Lebens ins Reine zu kommen. Und irgendwann lässt wohl hoffentlich jeder Schmerz nach…

 

(alternativ gibt’s das Musikvideo hier bei Vimeo)

 

„This last week
I slept 8 hours total, I barely sleep
Maybe that’s why I’ve been weak
The same things that plague you still plaguing me
God called you to fulfill a vacancy
I tried to see why it wasn’t me

So I didn’t show up to your funeral
But I showed up to your house
And I didn’t move a muscle
I was quiet as a mouse
And I swore I saw you in there
But I was looking at myself

I’m placing bets against myself
And honestly I’m a mess
With the car engulfed in flames
I am a wreck
Things I should have said through call or text
I’ve just really been so busy and I regret

Cause if there’s no rest for the wicked
I’m as evil as it gets
Thing I should have said

So I didn’t show up to your funeral
But I showed up to your house
And I didn’t move a muscle
I was quiet as a mouse
And I swore I saw you in there
But I was looking at myself

So when you show up to my funeral
Will you be wearing white or black?
And I know the voice is in you
It’s the energy I lack
So if there’s a race to heaven
I will surely come in last
And if there’s a race to heaven
I will always come in last“

 

Rock and Roll.

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Besuch vom Mann in Schwarz…


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(gefunden bei Facebook)

 

Rock and Roll.

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Abgehört…


Nehmen wir doch einmal die ebenso platte wie wahre Pointe vorweg und legen die Karten gleich zum Anfang auf den Tisch: Eines Tages müssen wir uns alle – ob wir wollen oder nicht – auf die ein oder andere Art und Weise von denen, die wir lieben und die uns lieben, verabschieden. Man mag es wahrhaben oder geflissentlich verdrängen, aber dennoch macht der Tod auch vor unseren Leben nicht Halt. True story.

In der Musikwelt ist dieses Thema natürlich auch kein fremdes. Spontan kommen mir hier etwa Sufjan Stevens letztjähriges berührendes „Carrie & Lowell“ oder viele, viele der jüngsten großartigen Stücke von Mark Kozelek in den Sinn. Und: Seit ein paar Tagen, kann der, der sich an diese nicht eben wattebauschig leichte Thematik heran traut, zwei weitere großartige Platten in den Plattenregalen finden…

 

 

Nick Cave & The Bad Seeds – Skeleton Tree (2016)

packshot1-768x768-erschienen bei Bad Seed Ltd/Rough Trade-

Nicholas „Nick“ Edward Cave ist ein Getriebener. Ein Wahnsinniger. Ein wahnwitzig im Zeitplan arbeitender Kreativer. Und das seit über 30 Jahren. Und einer, der selbst seine den Wahn längst gewöhnten Fans immer noch zu überraschen weiß. Das hatte der 58-jährige Australier und Wahl-Engländer unlängst mit dem vor drei Jahren erschienenen Meisterwerk „Push The Sky Away“ bewiesen, dass ihn sowie seinen engsten musikalischen Vertrauten Warren Ellis und seine kongeniale Begleitband The Bad Seeds auf der Höhe ihres Könnens präsentierte – mit Songs voller Biss und untergründigem Drama, freilich massig dunklen Seiten und mannigfaltig bösem Witz. Wer danach unbedingt mehr Cave sehen wollte, bekam mit „20,000 Days On Earth„, der 2014 erschienenen abendfüllenden Dokumentation der Filmemacher Iain Forsyth und Jane Pollard, welche einen Tag im Leben des Musikers/Texters/Dichters/Schriftstellers/Drehbuchautors/Schauspielers zeigt (und dabei – ebenso wie Caves Songs – einen Bogen zwischen Genialität und Banalität spannt), noch mehr Futter zur (Über)Interpretation hinein in Nick Caves Wirken. Ja, dem Mann, der sich in all den Jahren seine eigene diabolische Welt der Narrenfreiheit zurecht gehauen hat, ging es gut. Und man kennt es ja nur zu gut von sich selbst. Kam möchte man zugeben, dass alles – frei nach Faustischem Prinzip – „eigentlich ganz okay“ ist, – und ich bitte meine Wortwahl zu verzeihen – fickt einen das Schicksal plötzlich umso härter.

Und so war es auch in Nick Caves Fall. Am 14. Juli 2015 starb sein 15-jähriger Sohn Arthur bei einem tragischen Unfall (Gossip-Spoiler: er stürzte im LSD-Rausch von einer Klippe in der Nähe des südenglischen Seebads Brighton, wo Cave und seine Familie leben). Nur böse Geister mögen hier wohl das Karma zur Verantwortung ziehen, denn ausgerechnet Cave, der es vor allem in den Achtzigern und Neunzigern mit bewusstseinserweiternden Substanzen und Parties so wild getriebenen hat wie vor ihm (fast) nur good ol‘ Keith Richards, Cave, der jahrelang intensiv heroinabhängig war, durch die Liebe (zu) seiner jetzigen Ehefrau Susie Bick jedoch glücklicherweise noch rechtzeitig den Absprung schaftte, dieser Nick Cave verlor nun – mutmaßlich durch im jugendlichen Leichtsinn durchgeführte Drogenexperimente – auf tragische Weise einen seiner vier Söhne. Ja, Karma ist eine miese kleine Schlampe.

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Caves nun erschienenes neustes Album „Skeleton Tree“ als „Werk über den Tod seines Sohnes“ zu werten, fällt da nur allzu leicht. Und: Ja, zu einem nicht unerheblichen Teil ist es das wohl auch (oder wird so zumindest in den allgemeinen Tenor der Musikhistorie eingehen). Dabei war ein guter Teil der acht Stücke bereits zu großen Teilen fertig, als sich die Tragödie ereignete. Und doch kann, will, sollte man „Skeleton Tree“ nicht ohne das Wissen um die Hintergründe seiner Entstehung hören, denn Zeilen wie „I call out, I call out right across the sea / But the echo comes back empty / Nothing is for free“ (im abschließenden Titelstück) brauchen die Metaebene. Außerdem klingt Cave nur drei Jahre nach „Push The Sky Away“, das ihn als zwar alterweisen Weltbeobachter, jedoch allzeit angriffslustigen Hansdampf in allen Gossen präsentierte, so ganz anders (und das ist wohl keine Überinterpretation): traurig, vom Schicksal betrogen, manchmal gar müde. Zwar sind auch 2016 seine Bad Seeds wieder mit im Boot, jedoch hört man kaum eine elektrische Gitarre, kommt das Schlagzeug – wenn überhaupt – nur sehr gediegen zum Einsatz. Stattdessen Piano, Vibraphon und akustische Gitarren, welche von Co-Produzent Warren Ellis hinter einem Vorhang versteckt werden, der sie eins werden lässt mit der Ambience, die er mit dem Synthesizer und den Loops erzeugt. Hinter diesem pechschwarzen Vorhang: Nick Cave. Natürlich war der stets edle Anzüge tragende Musiker nie der freundliche Kasper für die gepflegte Massenunterhaltung, jedoch ist selbst für ihn diese Stufe der Traurigkeit, wenn an manch einer Stelle die Stimme gerade noch fürs Letzte reicht, wenn er etwa „With my voice / I am calling you“ („Jesus Alone“) ins Studiomikrofon singt, recht harter Tobak, welcher schließlich im flehentlichen „I Need You“ seine Spitze erreicht („I will miss you when you’re gone / I’ll miss you when you’re gone away forever / Cause nothing really matters / I thought I knew better, so much better / And I need you / I need you“). Da wirkt das in sich ruhende „Distant Sky“, ein geradezu zum Beerdigungsmarsch prädestiniertes Stück, bei welchem Cave Unterstützung von der dänischen Sopranistin Else Torp erhält, geradezu wie Balsam auch auf die Hörerseele.

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Wie bereits der „Rolling Stone“ in seiner Review schrieb: „‚Skeleton Tree‘ ist nicht entstanden, weil Nick Caves Sohn gestorben ist, sondern obwohl er gestorben ist.“ Freilich  werden Album und Tragödie immer miteinander verknüpft bleiben. Freilich wäre auch die gemeinsam mit dem Album erschienene Dokumentation „One More Time With Feeling“ von Regisseur Andrew Dominik, welche Cave und seine Vertrauten bei der Entstehung von „Skeleton Tree“ begleitet und nicht selten persönlichste nahe kommt, ohne die Ereignisse vom Juli 2015 kaum so möglich gewesen. Doch Nick Cave wahrt in jeder der knapp 40 Albumminuten ein Stückweit kreative Distanz, macht keinen der acht Songs nur zu seinen, schafft so etwas universell Trauriges, Berührendes, geradezu Meditatives, dem in keinster Weise der Kirschfaktor eines „Tears In Heaven“ (das damals ja Eric Clapton unter ähnlich tragischen Umständen in die Saiten gefallen war). Und obwohl der Hörer (zumindest ist das bei mir der Fall) diese Distanz auch selbst für sich wahrnimmt, gehen die Gefühle, die Cave in „Skeleton Tree“ durchlebt, durch Mark und Bein – und über allem steht die Hoffnung, dass die Stücke vor allem dem Musiker selbst helfen werden, seinen Frieden mit dem Stich ins Herz zu machen, die ihm diese miese Schlampe Karma an jenem 14. Juli 2015 verpasst hat.

 

Hier gibt es Impressionen von „Skeleton Tree“ in Form von Musikvideos zu „Jesus Alone“ und „I Need You“:

 

 

Touché Amoré – Stage Four (2016)

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-erschienen bei Epitaph-

Auf den ersten Blick scheint Nick Cave und Jeremy Bolm gar nicht so viel zu einen. Der eine ist ein in Südengland beheimateter Australier, der in dreißig Jahren Musikgeschäft so ziemlich jede Höhe und Tiefe mitgenommen hat, der alles Helle, alle Dunkle in unser aller Seelen gesehen hat, in absehbarer Zeit das halbe Dutzend Jahrzehnte Lebenszeit auf diesem von Gott oder wemauchimmer verlassenen Planeten voll machen wird und sich dabei doch in beinahe jeder Minute seine künstlerische Restwürde bewahrt hat. Der andere ist der vorstehende Schreihals einer vor neun Jahren gegründeten Post-Hardcore-Formation aus dem US-amerikanischen Burbank, Kalifornien, der mit knapp über dreißig Jahren gut und gern Sohn des ersteren sein könnte. Klar könnte man Parallelen beim steten Arbeitsethos ziehen (Cave weist in dreißig Dienstjahren mindestens ebensoviele Veröffentlichungen plus Bücher plus Filme plus etc. pp. aus, Bolm hat mit seiner Band Touché Amoré nun vier Alben sowie  massig EPs und Split Singles vorzuweisen), eventuell könnte man beiden auch einen gewissen „heiligen Ernst“ (nebst bösem Augenzwinkern) unterstellen. Zudem sind weder Nick Cave noch Jeremy Bolm als große Spaß verbreitende Jubelcharaktere in Erscheinung getreten. Aber sonst? Ganz eigene Welten.

Und doch ist „Stage Four“, das vierte Album der fünfköpfigen Post-Hardcore-Band Touché Amoré, dem neusten Nick-Cave-Werk näher, als alle Genre-Grenzen vermuten lassen, denn die elf Stücke von Bolms Formation beschäftigen sich voll und ganz mit dem Krebstod seiner Mutter. Oder, genauer: mit dem, was bleibt.

„Stage Four“, das bedeutet: die letzte Stufe einer Krebserkrankung, Metastasen, Endstadium, keine Hoffnung mehr. Als Bolms Mutter und somit auch er und sein Bruder, die die Mutter als Alleinerziehende groß zog, von der finalen Diagnose erfuhren, kam diese wohl einem Schock gleich. Jeremy selbst schien, schenkt man der Musik Glauben, gerade auf dem sprichwörtlichen aufsteigenden Ast, denn mit Touché Amoré lief es nach drei veröffentlichten Alben, welche immer größere Zuhörerscharen anzogen, super, und vor allem „Is Survived By„, 2013 erschienen, ließ rein lyrisch nach Werken, welche offen zu erkennen gaben, sich zu jeder Zeit fehl am Platze zu fühlen, positive Tendenzen erkennen (freilich noch immer lautstark). Dann jedoch schlug das Schicksal mit voller Breitseite zu – nach dem Motto „Dir geht’s prima? Dann wart‘ mal ab!“. Plötzlich wurde Bolm der Boden unter den Füßen weg gezogen – also auch: der Bühnenboden. Seine Band steckte zwangsläufig in dieser Zeit zurück, damit der Sohn sich voll und ganz um seine erkrankte Mutter kümmern konnte. Da jedoch Jeremy wusste, dass seine Mutter nie gewollt hätte, dass sein Leben, seine Leidenschaft wegen ihrem Schicksal in die Brüche gehen würde, kehrte der Frontmann schließlich wieder zu Touché Amoré zurück, um eine Tour abzuschließen. Vielleicht sogar zum Schutz seiner eigenen geistigen Gesundheit. Und: Es kam wie es kommen musste – seine Mutter starb, während Jeremy Bolm auf der Bühne stand.

Und obwohl sie es wohl genauso gewollt hätte, macht sich Bolm – verständlicherweise, irgendwie – noch heute Vorwürfe deswegen. Wieso war ich nicht da? Wäre ich stark genug gewesen? Hätte sie nicht genau das verdient? Bin ich ein schlechter Mensch, ein schlechter Sohn gewesen? Tausend und noch mehr Fragen, welche nie eine Antwort finden werden…

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Und Fragen, davon gibt es während der gut dreißig Albumminuten von „Stage Four“ so einige. Nur Antworten, die findet Bolm selbst nicht. Vielmehr fühlt man sich als Hörer, als würde man den oft lautstark in Mikro geschrieenen, manchmal kehlig geraunten, mal verdruckst gesungenen Tagebucheinträgen des Thirtysomethings lauschen. Heißt auch: Feelgood-Atmosphäre sollte man verdammt nocheinmal woanders erwarten, nur nicht hier. „You died at 69 /  With a body full of cancer /  I asked your god: ‚How could you?‘ /  But I never heard an answer“ („Displacement“) – weder Gott noch irgendsonstjemand kann einen von der Schuld, der Leere, dem Alleinsein, der Hilflosigkeit erlösen. Und: Nein, die Zeit heilt auch lange nach der Todesnachricht („New Halloween“), lange nach existenziellen Sinnkrisen („Displacement“) keine Wunden, lässt höchstens ein wenig Gras darüber wachsen. So sortiert Bolm bei der Auflösung der Habseligkeiten seiner Mutter auch Momente, Erinnerungen, lässt den Schmerz des definitiven Abschieds Stück für Stück zu, um zum Schluss – im letzten Stück „Skyscraper“, bei welchem er Unterstützung von Singer/Songwriterin Julien Baker erhält – in New York City anzukommen, der Stadt, welche seine Mutter über alles liebte, und in der ihn von nun an jede Ecke, jedes Geräusch, jeder Geruch an die Frau erinnern wird, über deren Verlust er wohl nie so ganz hinweg kommen wird. Ein Hoffnungsschimmer ganz am Ende ist jedoch, dass der Sohn es endlich schafft, die letzte Sprachnachricht, die seine Mutter ihm hinterlassen hat, anzuhören. Und der Hörer ebenso. In den letzten Sekunden, die bleiben.

Rein musikalisch reihen sich Touché Amoré in die letzten Veröffentlichungen artverwandter „The Wave“-Bands wie La Dispute oder Pianos Become The Teeth ein, deren aktuelle Alben („Rooms Of The House“ beziehungsweise „Keep You„) ja auch schon einen Schritt weg vom dumpfen Haudrauf-Zwei-Minuten-Mathcore und hin zu progressive gefärbten Indierock-Klangstrukturen machten. Zwar bewegen sich Jeremy Bolm und Co. dabei näher an ihren Vorgängern als etwa Pianos Become The Teeth, die vor zwei Jahren auf „Keep You“ auf grandiose Art und Weise einen Richtungswechsel zu vergleichsweise sanfteren Songstrukturen suchten, lassen jedoch trotzdem fast erstmalig so etwas wie Melodien, Refrains, Wiederholungen in ihren Stücken zu, was der Musik bei allen Rimshot-Beats, glasigen Wave-Gitarren und Tom-Drumming nur zu mehr Vielschichtigkeit verhilft.

„Stage Four“ ist ein ebenso emotionales wie direktes und aufrichtiges Wechselbad aus Trauer und dem Kampf darum, damit klar zu kommen. Es erzählt von denen die gehen und wird von einem erzählt, der zurück blieb, um die Fragezeichen zu zählen und die Erinnerung zu wahren.

 

Eindrücke gefällig? Hier gibt’s die Musikvideos zu „Palm Dreams“ und „Skyscraper“:

 

Rock and Roll.

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Eine Geschichte vom Leben, eine Geschichte über die Trauer


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Folgende Geschichte habe ich eben erst an anderer Stelle im weltweiten Netz gelesen, und sie ist einfach zu großartig, um sie nicht auch hier zu teilen. Außerdem passt die sehr persönliche, sehr nachdenkliche Thematik gut zu jenem Gefühl, dass man anlässlich des aktuellen Wetters vor der Haustür bekommen könnte. Aber lest doch am besten selbst:

 

„Ein Nutzer veröffentlichte auf der Plattform Reddit vor ein paar Jahren einen Hilferuf. ‚Mein Freund ist gerade gestorben. Ich weiß nicht, was ich tun soll.‘ Dann bekam er diese Antwort:
‚Ich bin alt. Das bedeutet, dass ich (bis jetzt) überlebt habe und viele Menschen, die ich kannte und liebte, nicht. Ich habe Freunde verloren, beste Freunde, Bekannte, Kollegen, Großeltern, meine Mama, Verwandte, Lehrer, Mentoren, Studenten, Nachbarn und sehr viele andere Menschen. Ich habe keine Kinder und ich kann mir den Schmerz nicht annähernd vorstellen, den man spüren muss, wenn man ein Kind verliert. Aber hier sind meine Gedanken zu diesem Thema…
Ich wünschte, ich könnte sagen, dass du dich daran gewöhnen wirst, dass Menschen sterben. Aber ich habe mich nie daran gewöhnt. Ich will es auch nicht. Es reißt jedes Mal ein Loch in mich, wenn jemand, den ich liebe, stirbt, egal unter welchen Umständen. Aber ich will nicht, dass es nichts bedeutet. Ich will nicht, dass es etwas ist, das ich irgendwann hinter mir lasse. Meine Narben sind ein Zeugnis der Liebe und der Beziehung, die mich mit diesem Menschen verbunden haben. Und wenn die Narbe tief ist, war es auch die Liebe. So soll es sein.
Narben sind Spuren des Lebens. Narben beweisen, dass ich tiefe Liebe empfinden kann, dass ich das Leben in vollen Zügen lebe und auch verletzt oder sogar ausgehöhlt werden kann.
Du wirst merken, dass die Trauer in Wellen kommt. Wenn das Schiff sinkt, ertrinkst du, überall um dich herum sind Wrackteile. Alles um dich herum erinnert dich an die Schönheit und die Herrlichkeit dieses Schiffes, das es jetzt nicht mehr gibt. Und alles, was du tun kannst, ist, an der Oberfläche zu treiben. Du findest ein Wrackteil und hältst dich eine Weile daran fest. Vielleicht ist es ein Gegenstand. Vielleicht ist es eine glückliche Erinnerung oder ein Foto. Vielleicht ist es ein Mensch, der auch treibt. Für einige Zeit kannst du nichts anderes tun, als zu treiben. Und am Leben zu bleiben.
Am Anfang sind die Wellen 30 Meter hoch und stürzen gnadenlos über dich herein. Sie kommen im Abstand von zehn Sekunden und lassen dir keine Zeit, Luft zu holen. Alles was du tun kannst, ist, dich weiter festzuhalten und zu treiben. Nach einer Weile, vielleicht nach Wochen, sind die Wellen noch immer 30 Meter hoch, aber die Abstände zwischen ihnen werden größer. Wenn sie kommen, stürzen sie trotzdem über dich herein und nehmen alles mit sich. Aber zwischendrin kannst du atmen, du kannst funktionieren. Du weißt nie, was die Trauer auslösen wird. Es kann ein Lied sein, ein Bild, eine Straßenkreuzung, der Geruch von Kaffee. Es kann so ziemlich alles sein… und die Welle kommt angerollt. Aber zwischen den Wellen findet das Leben statt.
Irgendwann, und es dauert bei jedem unterschiedlich lang, werden die Wellen nur noch 24 Meter hoch sein. Oder 15 Meter. Und obwohl sie immer noch kommen, vergrößert sich der Abstand zwischen ihnen. Du siehst sie im Voraus. An einem Jubiläum, an Geburtstagen, an Weihnachten, beim Landen am Flughafen. Du siehst sie kommen und kannst dich meistens vorbereiten. Und wenn sie über dich hinwegspült, weißt du, dass du irgendwie auf der anderen Seite wieder auftauchen wirst. Triefend nass, an ein winziges Stück eines Wrackteils geklammert, aber du wirst wieder auftauchen.
Glaube den Worten eines alten Mannes. Die Wellen werden nie aufhören und du willst das auch nicht. Aber du wirst lernen, sie zu überleben. Und dann werden andere Wellen kommen. Und du wirst auch die überleben.
Wenn du Glück hast, wirst du viele Narben von vielen geliebten Menschen haben. Und viele Schiffbrüche.'“

 

Rock and Roll.

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Sterben wie ein Musiker – eine Statistik


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Die Hälfte aller Rapper sterben durch Mord, über ein Drittel aller Metal-Musiker scheiden bei Unfällen dahin, 28 Prozent aller Blueser gehen an Herzproblemen zugrunde. Abgefahren? Abgefahren. Die Musik, die du machst, bestimmt auch ein bisschen über dein Ableben – zumindest, wenn man dieser Statistik glauben darf:

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Die gute Nachricht für HipHop-Musiker? Ihr braucht keine Angst vor Krebs zu haben, ihr werdet wahrscheinlich vorher abgemurkst. Vor Mord hingegen brauchen sich Jazzer kaum zu fürchten. Nur 1,9 Prozent aller Jazzer sterben durch Tötungsdelikte. Das ständige Jammen in dunklen, verrauchten Kellerbars macht die Künstler dieses Genres scheinbar wiederum anfällig für Krebs: 30,6 Prozent…

Ganz abschließend stichhaltig ist die Studie über die Todesursachen von Künstlern der diversen Genres natürlich (noch) nicht, dafür gibt es Stilrichtungen wie Blues, Jazz etc. einfach schon – vergleichsweise – viel zu lang und Rap, Punk etc. pp. erst relativ kurz:

„Many musicians from younger genres – rock, electronic, punk, metal, rap, and hip hop – appear unlikely to live long enough to acquire the illnesses of middle and old age.

Subsequent research decades hence, when the newer genres have matured sufficiently to potentially contain members with ages spanning population life expectancies, may confirm the findings and tentative conclusions drawn from this series of studies.“

(via theconversation.com)

 

Rock and Roll.

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