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Abgehört…


Perrecy – Du bist das Opfer (2013)

Du bist das Opfer (Cover)-erschienen bei Timezone-

Fremdkompositionen werden auf der Ukulele nachgespielt… Klar, gab’s etwa jüngst vor drei Jahren schon, als sich Dresden Dolls-Frontfrau Amanda Palmer im Alleingang Stücke der großen Radiohead vornahm und das ganze dann schlicht und einfach „Amanda Palmer Performs The Popular Hits Of Radiohead On Her Magical Ukulele“ nannte. Auch Pearl Jam-Vorsteher Eddie Vedder machte unlängst Ernst mit seiner Liebe zum kleinen hawaiianischen Zupfinstrument und widmete diesen sogar (s)ein ganzes, eben „Ukulele Songs“ betiteltes Soloalbum. Aber in bundesdeutschen Gefilden erfährt die Zwergengitarre noch immer stiefmütterliche Behandlung, und das obwohl der omnipräsente Dauergrinsunterhalter Stefan Raab in den neunziger Jahren nicht müde wurde, die Fernsehlandschaft mit seinen Ukulelen-„Raabigrammen“ zu terrorisieren…

Und genau das macht Perrecys Idee nur umso verrückter. Denn der Musiker aus dem bayrischen Ingolstadt frönt nicht nur einer wohl ebenso großen Liebe zum Mini-Zupfinstrument wie Palmer, Vedder oder Raab, er hat es sich auch zur Aufgabe gemacht, die Songs von keinem Geringeren als dem „Heiligen der englischen Arbeiterklasse“, dem laut NME „einflussreichsten Künstler aller Zeiten“ ins deutsche – und für die Ukulele! – zu übersetzen: Morrissey. Wer da zuerst denkt, dass bei diesem frommen Wunschtraum mehr schief als richtig laufen kann, liegt wohl gar nicht so falsch, immerhin gehört schon eine gehörige Portion Mut und null Bock auf Ehrfurcht dazu, wenn man sich an Stücke der Smiths, der legendären Ex-Band des englischen Musikers, oder an die Solowerke von Steven Patrick „Moz“ Morrissey heranwagt. Perrecy geht dabei jedoch den wohl schlausten Weg, denn er nimmt all jenen, die mit heiligem Ernst den erhobenen Finger der Unkopierbarkeit präsentieren, schon von Vornherein den Wind aus den Segeln…

Perrecy

Mit „Du bist das Opfer“ veröffentlichte der „Bajuwaren-Mozzer“ nun vor wenigen Wochen sein erstes Album. Und das ist prall gefüllt! Nicht weniger als 26 Songs aus dem recht üppigen Smiths- und Morrissey-Backkatalog hat Perrecy sich vorgenommen, dazu gibt auf fast zwei Stunden sogar noch den anderen Bonus Track (etwa Liveversionen). Und, wie klingt’s? Zunächst einmal: gewöhnungsbedürftig. Denn wer die Originale kennt, wird zwar schnell bemerken, welches Stück sich der aus Hamburg stammende Liedermacher da gerade zur Brust nimmt, sich aber dennoch fragen: Wie klingt das denn nun? Denn wo es in „Panic“, per se ja einer der Smiths-Evergreens, „Panic on the streets of London / Panic on the streets of Birmingham“ gab, dichtet Perrecy mal eben die Szenerie beschaulich in „Panik in den Straßen von München, Panik in den Straßen von Ingolstadt“ um. In „Wilhelm, es war wirklich gar nichts“ (Original: „William, It Was Really Nothing“ wird aus „Humdrum Town“ schlicht „Bavaria“, wo der Regen als „Quell’ deiner Suizidgefahr“ (statt „this town has dragged you down“) fällt. Perrecy versprüht massig Lokalkolorit, macht aus dem aufrechten Rocker „Irish Blood, English Heart“ mal eben „Preussisch Blut, bayrisch Herz“, dehnt die Metren, zieht die Silben und beweist mit dem ehrenwerten Vorhaben, ausgerechnet Stücke des wohl englischsten aller englischen Musiker, ausgerechnet Stücke des überzeugten und streitbaren – und zuweilen verbal recht militanten – Antiroyalisten, Vegetarier („Meat Is Murder“, dem zweiten Studioalbum der Smiths, gab er nicht von ungefähr diesen Namen!) und Menschenrechtler ins insgeheim noch immer ihrem Märchenkönig Ludwig II. nachtrauernde Bayern zu übertragen, eine Menge der Kahn’schen „Eier“. Denn obwohl die Transferleistung nicht bei allen Songs auf gleichem Qualitätslevel greift und man sich auf Dauer dem Gefühl von „reim dich oder ich fress’ dich“ kaum erwehren kann (etwa wenn es in „Dieser charmante Mann“ heißt: „Ich ging gern aus heut‘ Nacht / Doch zum Anzieh’n hab ich keine Naht.“), so lädt doch der Großteil der 26 Coverversionen zum Schmunzeln ein. Und auch, wer beim wohl bewusst recht lo-fi gehaltenen Klang der Neuinterpretationen, deren Unterbau eben die auf Ukulele übertragenen Melodien der Originale liefern, an den abgedrehten Heimorgel-Alleinunterhalter Mambo Kurt denkt, an jenen Typen also, der früher zu seligen Viva2-Tagen höchst eigen Songs von Metallica oder AC/DC zu billigen Casio-Klängen neu zusammenstückelte, der dürfte so falsch kaum liegen. Denn auch Perrecy hält einige Trash-Charme-Karten in der Hinterhand, setzt mehr Drumcomputersounds denn echte Schlagzeugklänge in den Hintergrund, während Johnny Marrs markante Gitarrenfigur in „Wie bald ist Nun?“ (Original: „How Soon Is Now?“) natürlich bestehen bleibt, immer wieder allerlei Billig-Percussion durchs Klangbild tänzelt oder sich „Manche Frauen sind dicker als andere“ (Original: „Some Girls Are Bigger Than Others“) zum dezenten Arschwackler entwickelt.

Schöngeistigkeit oder Schund? Perrecy, der die Idee der deutschen Neuinterpretation englischer Songs übrigens ausgerechnet im Barbados-Urlaub entwickelte, steckt die Grenzen eng. Natürlich mag man noch immer borniert argumentieren, dass sich gefälligst niemand – und schon gar kein bajuwarischer Ukulelenmusikant – an den hochmelancholischen, dauerherbstlichen lyrischen Ergüssen des „Mozzers“ zu vergreifen habe. Klar muss man jedes der Stücke auch immer mit einem Augenzwinkern sehen. Aber mal ehrlich: lustig isses schon, mit anzuhören, wie da einer „Ale“ in „Weißbier“ verwandelt, hemdsärmelige Originaltreue hin oder her. Und wer Zeilen wie „Und wenn ein zweigeschoß´ger Bus fährt uns zwei zu Mus / Zu sterben mit dir / Ist so ein himmlischer Exitus / Und wenn ein LKW tötet uns beide / Zu sterben mit dir / Welch’ eine Ehre und welch’ ein Plaisir“ (aus „Da ist ein Licht das niemals erlischt“, Original: „There Is A Light That Never Goes Out“) singt, der hat eh längst der Popperwellen-König der jungen Mädchen in der ersten Reihe… Morrissey oder Perrecy? Manchester oder München? „You Are The Quarry„? „Du bist das Opfer„! Wen stört’s da, dass der „Bajuwaren-Mozzer“ bis heute auf eine Antwort mit dem rechtlichen ‚Okay‘ seines Idols wartet…

Bild: Facebook

Bild: Facebook

 

 

Über die Seite von Perrecys Label „Timezone“ gibt’s das Album zum Probehören…

…und sich hier das auf niedliche Weise ebenso lo-fi gehaltene Musikvideo zu „Da ist ein Licht das niemals erlischt“ ansehen…

 

…sowie das eigenwillig betitelte „Preussisch Blut, bayrisch Herz“ anhören:

(Auf der Soundcloud-Seite des Perrecy-Fanclubs „Bavarian Front Disco“ gibt’s sogar noch mehr Stücke zu hören…)

 

Rock and Roll.

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Review: „Joy Visible“ von Foyn Trio! – Oder: Nordische Jazzgelassenheit für Zwischendurch…


Foyn Trio! - Timezone

Kürzlich – nun gut, noch im alten Jahr – erhielt ich einmal wieder einen feinen Promo-Brief von Timezone Records (mehr dazu demnächst auf ANEWFRIEND), über dessen Inhalt ich nun hier und heute ein paar Worte verlieren will…

 

Foyn Trio! – Joy Visible (2011/13)

FOYN TRIO! - JOY VISIBLE (COVER)-erschienen bei Finito Bacalao Records/Timezone-

Jazz? Wird von betagten, verloren dreinblickenden, bierbäuchigen Herren in verrauchten Hinterhofkaschemmen gespielt, ohne Anfang, Plan, Ziel und Ende…

Dass dieses plakative Vorurteil zwar nicht gänzlich der Vergangenheit angehören muss – man denke da nur an Helge Schneiders herrlichen Film „Jazzclub“ -, jedoch auch nicht immer, überall und bei Jedem zutrifft, zeigt „Joy Visible„, das Debüt des norwegisch-dänischen Dreiergespanns Foyn Trio!. Und obwohl hier keinesfalls „alte Barjazzhasen“ miteinander musizieren, hat vor allem die aus dem norwegischen Tromsø stammende Frontfrau Live Foyn Friis, Jahrgang 1985, bereits in allerlei Bandprojekten und musikalischen Konstellationen Erfahrungen sammeln dürfen (und tut dies – schenkt man den Informationen ihrer Homepage Glauben – immer noch). Und das hört man den zwölf Stücken auf „Joy Visible“ denn auch an. Friis‘ Stimme steht klar im Vordergrund und wird gehaltvoll und geschmackssicher von ihren beiden Mitmusikern Jens MIkkel Madsen (Bass, Piano) und Alex Jønsson (Gitarre) sowie einigen Studiogästen unterstützt – mal mit effektvollen, kleinen Gitarrenlicks („Joy Visible“), mal durch dezente Elektronikeinsprängsel und Backgroundgesang („Sailing“). Und obwohl der (Kontra)Bass herrlich urig knarzt, der Schneebesen über Becken und Felle wischt und die E-Gitarre schon mal melancholisch und selbstverloren vor sich hinspielt („Lady Light“, „There’s A Girl“) – im Vordergrund und Mittelpunkt steht stets und zu jeder Zeit Live Foyn Friis‘ markante Stimme. Und die ist zugleich der größte Trumpf und das dickste Manko der gut 53 Minuten, denn an ihr werden sich sowohl Geister als auch Hörer scheiden. Friis betrachtet ihr Klangorgan, welches mal an die isländische Heulböje Björk, mal an Rebekkamaria Andersson, die Frontfrau der dänisch-schwedischen Postrock-Shoegazer Lampshade (R.I.P.), erinnert, als gänzlich eigenes Instrument, zieht Töne unnatürlich in die Länge, baut Tonsprünge ein, schlägt windschiefe Kapriolen. Das klingt dann im einen Moment freudig, heiter und vergnügt, im anderen schon wieder melancholisch oder herrlich lasziv. Jønsson und Madsen lassen ihr freilich allen Platz, den sie braucht, um in den Texten Tagträumen („Joy Visible“, „There’s A Girl“) oder dem Traummann („Make Me Smile“) nachzujagen oder von Schuld und Sühne („Bold Old Man“) oder Märchen zu erzählen („Short Story“), und fassen ihre Aufgabe eher im jazzig-losen Ausfüllen der freien Flächen auf.

Foyn Trio! (Promo)

Auf Dauer kann „Joy Visible“, das in Dänemark bereits 2011 erschien und hierzulande am 4. Januar über Timezone veröffentlicht wurde, dann schon ein wenig langatmig und etwas zu nordisch gelassen erscheinen, das Album ist jedoch eins, das weder am sonntagmorgendlichen Frühstückstisch noch als Hintergrunduntermalung für lauschige, winterliche Kaminabende stören wird. Foyn Trio!, welche 2012 unter anderem mit einem Danish Music Award ausgezeichnet wurden, bieten leichten, unaufdringlich-melancholischen Artpopjazz der gehobenen Klasse, keinesfalls ein Muss, in jedem Falle in feines Kann.

 

Hier kann man sich einige Impressionen von „Joy Visible“ gönnen…

 

…sowie anhand eines Livemitschnitts des Songs „She Hides“ von den Bühnenqualitäten von Foyn Trio! überzeugen:

 

(An dieser Stelle noch einmal ein Dankeschön an Inga von Timezone Records für’s Bemühen, Engagement und Zuschicken!)

 

Rock and Roll.

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