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Das Album der Woche


Betterov – Olympia (2022)

-erschienen bei Universal-

Es hatte etwas Unaufgeregtes, als Betterov in den Anfangstagen der Pandemie mit seiner EP „Viertel vor irgendwas“ in eine plötzlich so ruhige, so brachial von Hundert auf Null entschleunigte Welt eintrat. Diese Songs hatten etwas Vertrautes, das über den Einsatz von düsterpoppigen Achtziger-Synths der Cure- oder Smiths’schen Güteklasse oder so mancher, vor allem an Interpols „Turn On The Bright Lights“ geschulter Gitarrenspur hinausgeht. Yessir, der Post Punk im Nacken verschaffte den sieben Stücken ein dickes Plus an Atmosphäre, der verdammt popaffine Indie Rock ging in die Beine. Dazu ist Manuel Bittorf, so steht’s im Pass des 28-jährigen Musik-Newcomers, der sich nach einem Statisten aus der dänischen Komödienreihe “Die Olsenbande” benannte und bereits im vergangenen Jahr hier auf ANEWFRIEND Vorstellung fand, mit einer bis ins markanten Mark bewegenden Stimmfarbe gesegnet, die irgendwo in einem apathischen Parallel-Universum zu stecken scheint. In der echten Welt? Gibt’s eh nur noch Killerviren, Klimakatastrophen, populistische Anti-Intelligenzbestien oder bange machende Kriegsschauplätze in den Nachrichten. Was bleibt: Unverständnis, Apathie, Blicke ins Leere. „An mir geht alles vorbei / Ich bin die pure Langeweile“, schilderte Betterov damals im brillanten Titelsong jener 2020er Debüt-EP sein Empfinden gleichsam passend wie eindrucksvoll.

Foto: Promo

Und nun? Muss es verdammt noch mal irgendwie weitergehen mit dem superbeschleungiten Leben, am besten so wie vor jenem so eigenartigen, so superentschleunigten Jahr 2020. Wäre da nicht diese posttraumatische Lähmung, an der wir alle irgendwo zu knabbern haben. Long Covid fürs Volk, während um einen herum alles nur teurer, verrückter und unbeständiger wird. Und auch der Künstler, mitsamt einer durchaus hörbaren Springsteen-Frühprägung in der thüringischen Pampa großgeworden und ehemals talentierter Jung-Leichtathlet (sowie Ex-Schauspielstudent), liegt bloß noch herum, ertappt sich inmitten einer Endlos-YouTube-Video-Schleife der größten Sporthistorien-Momente. Jene Metapher wählt Betterov nicht nur für den Titelsong seines Debütalbums: „Olympia“, die höchste Spitze des Sports, wo alle vier Jahre wenige Zentimeter und Sekunden über Weltruhm oder bittere Niederlagen entscheiden, und als Kontrast der persönliche Stillstand, in welchem die Minuten, Stunden und Tage nutzlos dahin rinnen. Betterovs Musik ist, typisch für die Generation, eine fahrig anmutende Auseinandersetzung mit dem eigenen Leben inmitten kaum greifbarer, von existenziellen Krisen und gesellschaftlicher Aufruhr diktierten Umständen. Gentrifizierung, Leistungsdruck, Zukunftsangst – kaum verwunderlich also, dass einen die eigenen Depressionen ab und an dazu zwingen, in Schocklähmung vor den Endlossschleifen irgendwelcher gottverdammten Internetclips zu verharren.

Dementsprechend bietet „Olympia“ (zu dem man hier ein paar Track-by-track-Erläuterungen von Betterov und hier ein Interview findet) – zieht man Intro und Outro ab – elf formidable Songs vom inneren Kampf, von Analyse und Selbstverortung – und von schlaflosen Nächten, wie etwa das hymnische „Schlaf gut“ berichtet, ein Stück, das Betterovs bemerkenswertes Talent zu nachhaltig-ohrwurmigen Harmonien einmal mehr unterstreicht. Und tagsüber? „Berlin ist keine Stadt“ heißt es in diesem kleinen Hit, allerdings hat der Wahl-Berliner hier lobenswerterweise nicht den üblichen „Berlin ist nicht cool“-Diss à la Kaftklub im Hinterkopf. Vielmehr geht es um Erinnerungen an den unterschiedlichsten Ecken und Straßenzügen der Vier-Millionen-Einwohner-Metropole. Doch so sehr man sich auch bemüht, im Hier und Jetzt zu sein: Nach einer gewissen Zeit wird diese Stadt zu einem reinen Gedankenmuseum, welches ohne die passende Person an der Seite eben nur die Hälfte wert ist. Fehlende Wertschätzung für Kunst und Kultur wiederum verhandelt der Sänger im feinen Synth-Rocker „Dussmann“ in Form einer symbolischen Exkursion durch das Berliner Kulturkaufhaus. Bei einem waschechten Hit wie diesem, der in einer besseren Musikwelt jegliche Charts anstelle all der Ballermann’schen „Layla“-Grütze anführen würde, verwundert es kaum, dass Podcast-Musiker Olli Schulz Betterov bereits vor Monaten über jeglichen grünen Klee lobte.

Foto: Promo / Massimiliano Corteselli

Doch zurück nach Berlin. Denn auch dort merkt man als junger Künstler, dass die Großstadtmieten besonders hoch sind, und am Ende des Portemonnaie- und Kontoinhalts noch recht viel Monat übrig bleibt. Und dennoch geht es nach der Party schon mal in einem Benz nach Hause – selbst wenn man diesen nicht selbst lenkt und dem Taxifahrer am Ende ein paar saure Euronen in die Hand drücken muss, wie uns „Bring mich nach Hause“ lehrt und die Impressionen der vorbei rasenden Großstadtlichter in einen dezent psychedelischen, umso mehr betrunken-sentimentalen, Musik gewordenen Late-Night-Roadmovie fasst. Freilich ist das Leben in dem kleinen Dörfchen bei Eisenach, in welchem Manuel Bittorf aufwuchs, deutlich günstiger – aber eben auch grauer und öder. Dennoch wirft der Nachwuchskünstler, der zweifellos über eine der spannendsten neuen Stimmen innerhalb der deutschsprachigen Musiklandschaft verfügt, der das Raue und gelegentlich angenehm Brüchige bestenfalls zu größter emotionaler Intensität verhilft, in „Böller aus Polen“ einen kurzen nostalgischen Blick zurück: „Von allen Orten, die es gibt auf der Welt / Bin ich ausgerechnet hier gebor’n / Und du, du hast das alles gesehen / Und du wolltest trotzdem bleiben“. Apropos „emotional intensiv“: Par excellence gelingt in diesem Sinne der zunächst gemächlich beginnende Trennungssong „Urlaub im Abgrund“, welcher sich über fünf Minuten beständig steigert, bis sich das Ich in höchster Ekstase von seiner gescheiterten Liebesbeziehung freimacht. Wen wundert’s, dass Betterov da auch mit seinem „merkwürdigen Leben“ und „den Leuten“, die ihn umgeben, fremdelt… Dennoch findet der Musiker im (quasi) abschließenden, treibenden Highlight „Bis zum Ende“ auf seinem Weg hoch von der Lockdown-Couch versöhnliche Worte: „Was auch noch kommt bei mir / Gehst du mit zum Ende? / Mit mir bis zum Ende / Ich warte hier auf dich / Wir verwandeln uns zusammen / Werden schlauer als die anderen / Verstehen zusammen / Nur noch die Hälfte / Ich warte hier auf dich“. Betterov will weder mit erhobener Faust rebellieren noch durch irgendetwas – und hier unterscheidet er sich tatsächlich von aktuell ebenfalls gelobten „Brüdern im Geiste“ wie Drangsal oder Tristan Brusch – rebellieren, seine Geschichten über das Scheitern und auf der Stelle treten, über das von Vergangenem träumen und von alten Gewohnheiten frei strampeln sind echt, frei von AnnenMayKantereit’scher Konsenspop-Scham und Selbstdarstellung, dafür jedoch umso sympathischer und nahbarer. Diesem „Hype“ darf man also nur allzu gern vertrauen.

Was dem von Tim Tautorat, der sonst durch seine Arbeit mit Faber, Provinz oder AnnenMayKantereit Lorbeeren vom Indie-Deutschpop-Baum pflückt, produzierten Debütalbum – vor allem im Vergleich zu den vorher veröffentlichten Singles und EPs (mit „Live in Concert (Die Dussmann Session)“ konnte man sich im vergangenen Dezember bereits einen ersten Höreindruck von Betterovs Live-Qualitäten verschaffen) – ein wenig abgeht, ist das Staubige, das Unmittelbare – und letzten Endes auch hier und da die fulminant aufspielende Langlebigkeit von Songs wie etwa dem großartigen „Platz am Fenster„, welches unerklärlicherweise fürs Album außen vor blieb. Zudem merkt man, dass Betterov, Band und Tim Tautorat sicherlich den ein oder anderen Hördurchgang der jüngsten Alben von Sam Fender oder The War On Drugs genossen haben, schließlich fährt das zu gleichen Teilen warme und nostalgische Soundoutfit der Songs hier in ganz ähnlichen Gewässern. All das darf man jedoch gern unter „Krittelei auf hohem Niveau“ abheften, denn man tapeziert die eigenen Gehörgänge immer wieder gern mit all diesen feinfühligen Beobachtungen über den enervierenden Kummer, die vermaledeite Depression und dieses komische Erwachsenwerden, über Stadt und Land sowie dieses große Ganze, welches man, halb achselzuckend, halb hilflos, gern „Welt“ nennt. Selbiger begegnet man dieser Tage nämlich am besten mit einer Extraschippe Lakonie: „Gott hat für das alles nur sieben Tage gebraucht“, erinnert sich Betterov an jene zweifelhafte religiöse Theorie und konkludiert nüchtern: „Und genau so sieht’s hier auch aus.“

Rock and Roll.

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Song des Tages: Betterov – „Dussmann“


Oft und lange ist über sie in den letzten Monaten gesprochen worden: Die Bedeutung von Kunst und Kultur. Über ihre enorme Wichtigkeit gerade in schlechten Zeiten. Und darüber, was in der Gesellschaft passiert, wenn sie mal nicht mehr da ist. Wenn Museen schließen, Theatersäle leer bleiben, Konzerthallen und Musikclubs das Licht ausmachen und auch dem Rest des kulturellen Lebens – mal mehr, mal weniger abrupt – der Stecker gezogen wird. Mit seiner neuen Single „Dussmann“ veröffentlicht der Berliner Indie-Newcomer Betterov nun seine ganze persönliche Ode an die Kultur und an die Schönheit der Dinge im tristen Alltagsgrau.

Schon mit seiner Debüt-EP „Viertel vor Irgendwas“ sowie der ein oder anderen nachfolgenden Single (man höre etwa das tolle „Platz am Fenster„!) hatte der 27-jährige Wahlberliner mit Wurzeln im beschaulichen Thüringen, der mit richtigem Namen Manuel Bittorf heißt, im März letzten Jahres (s)eine Visitenkarte als eine der spannendsten neuen Stimmen innerhalb der deutschsprachigen Musiklandschaft abgegeben sowie Auftritte beim Reeperbahn Festival oder bei „Inas Nacht“ einheimsen können. Verpackt in einen sympathisch ungeschliffenen Mix aus Indie Rock und Post Punk, welchem man durchaus die Handschrift von Produzent Tim Tautorat, der sonst durch seine Arbeit mit Faber, Provinz oder AnnenMayKantereit Lorbeeren vom Deutschpop-Baum pflückt, anhört, verhandelt Betterov die Themen, die nicht nur seine Generation momentan am meisten bewegen: Gentrifizierung, Leistungsdruck, Zukunftsangst. Und ein gefräßiges Monster namens kulturelle Verödung, vor dem der ursprünglich aus einem kleinen Dörfchen bei Eisenach stammende Musiker vor seinem Umzug in die deutsche Hauptstadt selbst flüchten musste. Musikalisch liefern seine Songs freilich keine vollumfängliche Neuerfindung des Rades, dafür jedoch den ein oder anderen nonchalanten Knicks vor Bands wie den Smiths sowie insgesamt eine Ode an Dark Wave und Post Punk der späten Siebziger mit einem Schuss Neue Deutsche Welle. Wer Vergleiche braucht: Man denke an eine weniger affektierte Version von Drangsal oder an die deutsche Antwort auf Sam Fender (so es die denn benötigt). Irgendwie nun also nur konsequent, dass Betterov mit „Dussmann“ dem gleichnamigen Berliner Kulturkaufhaus ein akustisches Denkmal setzt.

Seit Ende der 1990er-Jahre stellt das zwischen der berühmten Berliner Friedrichstraße und der feinen Flaniermeile Unter den Linden gelegene Kulturkaufhaus Dussmann für die Kultur dar, was man postmodern wohl als „Flagship“ bezeichnet: Eine standhafte Bastion für das gesammelte Wissen und die Schönheit; verewigt in Bild, Schrift und Ton. Eine städtische Oase für Feingeist und Intellekt, auch abseits plattgetretener Mainstream-Tendenzen. Auf seiner neuen Single inszeniert Betterov die wichtige Frage nach der Wertschätzung all dessen als philosophischen Gang durch das vierstöckige Haus. Denn selbstverständlich ist absolut gar nichts mehr in „der neuen Normalität“ – nicht einmal, schon gar nicht mehr Kunst und Kultur… leider.

„Die Kultur hilft uns, die Welt zu deuten“, so Betterov über seine Single. „Und wer die Welt nicht mehr versteht und gar nicht mehr weiter weiß, für den gibt es hier auch noch eine weitere Option: Denn wer den allerletzten, metaphorischen Sprung seines Lebens aus der 4. Etage von Dussmann wagt, sieht nochmal all diese Monumente der Kunst an sich vorbeiziehen. Die Welt ist unverständlich und diffus, wenn man sie genau betrachtet. Realität und Fiktion verschwimmen. Permanent und immer mehr. Die Helden von Früher werden mit merkwürdigen Denkmälern überhäuft. Es werden Straßen nach ihnen benannt, in denen ausschließlich hässliche, graue Wohnungen gebaut werden. Lieb gemeint. Aber wer möchte das? Einst wurde Tarantino ein Monument gebaut, für seinen Film ‚Pulp Fiction‘. Er bekommt drei Oscars und wird in der Nacht der Nächte zum ultimativen Gott ernannt. Jetzt läuft der Film nachts auf RTL 2, direkt nach ‚Temptation Island- Versuchung im Paradies‘. Apropos Gott: Wer der Schöpfungsgeschichte der Bibel glaubt, dass eben genau der die Welt in sieben Tage erschaffen hat, der kann bei dieser Betrachtung nur zu dem Schluss kommen: So richtig zu Ende gedacht ist das ja irgendwie alles nicht. Passt aber eigentlich auch wieder ganz gut in die Zeit.“

Das DIFFUS Magazin hat den Indie-Newcomer kürzlich Das DIFFUS Magazin hat den Indie-Newcomer kürzlich für eine siebenminütige Kurzdokumentation in seiner Heimat Thüringen und in Berlin begleitet. Sehenswert:

Rock and Roll.

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Song des Tages: Clueso – „Wenn ein Mensch lebt“


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Klar, zu Clueso, seinen Songs und seinem Werdegang hin zu größerem Publikum und massenkompatiblen Konzert-Venues darf man freilich (s)eine dezidierte, gern auch differenzierte Meinung haben. So richtig scheiße kann man ihn jedoch kaum finden.

Denn immerhin ist der so oft, so freundlich-milde popmusikende Liedermacher, anno 1980 als Thomas Hübner in Erfurt zur Welt gekommen, der einst (und – gerade im Rückspiegel – noch recht unbeholfen) im Rapfach anfing und sich seine zumeist auf melancholischen Balladen und Feelgood-Stücken gebaute Publikums-Fanbase stetig erarbeitet hat, ein Guter. Einer ohne Allüren und großes Tamtam. Sagt man, weiß man. Da mag ein Großteil der letzten Nummer-eins-Alben zwar schnurstracks am eigenen Ohr und Hörerherz ohne bleibende Eindrücke vorbei gerauscht sein (zuletzt „Neuanfang“ von 2016) und sich die Zielgruppe hin zu jüngeren Gefilden bewegt haben. Der Typ bleibt trotzdem ein Sympath.

0602567770794Das zeigt etwa die Clueso’sche Coverversionen des Puhdys-Klassikers „Wenn ein Mensch lebt„, welche der 38-jährige Pop-LiedermacherRapperProduzentenAutor in Personalunion bereits seit Jahren hin und wieder auf seinen Konzerten zum Besten gibt, und nun erstmals auch auf Platte veröffentlicht: auf dem nun erscheinenden neuen Album „Handgepäck I„, welches im Gros Lieder versammelt, die einfach nicht auf vorangegangene Alben passten, der Künstler selbst jedoch nicht als „Outtakes“ verstanden wissen möchte.

Sehr behutsam, ja fast ehrfürchtig-zärtlich nimmt sich Thomas „Clueso“ Hübner den 1974 erschienenen und durch den DEFA-Film „Die Legende von Paul und Paula“ bekannt gewordenen Song der *hust* „DDR-Kult-Band“ zur Brust und reduziert ihn mithilfe seiner Akustischen aufs Nötigste, sodass der ewig wunderschöne, von Liebe und Vergänglichkeit erzählende Text sogar noch besser und deutlicher als im Original zum Vorschein kommt.

Ist halt ein Guter, der Cluesen.

 

Hier eine Version, welche Clueso 2015 für die MDR-Reihe „Soundtrack Deutschland“ in Bild und Ton zum Besten gegeben hat:

 

„Wenn ein Mensch kurze Zeit lebt
Sagt die Welt, dass er zu früh geht.
Wenn ein Mensch lange Zeit lebt
Sagt die Welt, es ist Zeit.
Meine Freundin ist schön.
Als ich aufstand, ist sie gegangen.
Weckt sie nicht, bis sie sich regt.
Ich hab‘ mich in ihren Schatten gelegt.

Jegliches hat seine Zeit,
Steine sammeln, Steine zerstreu’n,
Bäume pflanzen, Bäume abhau’n,
Leben und sterben und Streit.
Wenn ein Mensch kurze Zeit lebt
Sagt die Welt, dass er zu früh geht.
Wenn ein Mensch lange Zeit lebt
Sagt die Welt, es ist Zeit, daß er geht.

Jegliches hat seine Zeit,
Steine sammeln, Steine zerstreu’n,
Bäume pflanzen, Bäume abhau’n
Leben und sterben und Frieden und Streit.

Weckt sie nicht, bis sie selber sich regt.
Ich habe mich in ihren Schatten gelegt.

Wenn ein Mensch kurze Zeit lebt,
Sagt die Welt, dass er zu früh geht.
Weckt sie nicht, bis sie sich regt.
Ich hab‘ mich in ihren Schatten gelegt.

Meine Freundin ist schön,
als ich aufstand ist sie gegangen.
Weckt sie nicht, bis sie sich regt.
Ich habe mich in ihren Schatten gelegt.“

 

Rock and Roll.

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Flimmerstunde – Teil 20


„Sushi in Suhl“ (2012)

Sushi in Suhl (Poster)„Du musst das Auge hungrig machen, nicht den Magen“, gibt der japanische Gast dem Gaststättenbesitzer Rolf Anschütz (Uwe Steimle) als weisen Spruch mit auf den Weg, woraufhin dieser – nicht ganz ironiefrei – erwidert: „Der Mensch beherrscht die Natur, und die Natur die LPG“. Ja, das Leben in der Provinz der Deutschen Demokratischen Republik war sicherlich kein ganz leichtes, denn als Bürger des „Arbeiter- und Bauernstaates“ musste man nahezu ständig mit irgendwelchen Reglementierungen, Parteivorgaben oder Warenlieferungsengpässen zurecht kommen – doch Not macht bekanntlich erfinderisch…

Das beweist eben auch Rolf Anschütz, der es satt hat, in seinem Suhler „Wein- und Speisenrestaurant Waffenschmied“ die Gäste tagein, tagaus mit dem immer gleichen Speisenangebot aus thüringer Rouladen und Würzfleisch zu bewirten. Nein, seinem Verständnis nach sollte ein Koch auch ein Künstler sein, einer, der seinen Gästen neue kulinarische Horizonte aufzeigt. Und wie es das Schicksal – oder doch der Zufall? – will, stösst er alsbald auf ein Rezept aus der japanischen Küche. Nichts Besonderes? Klar, heutzutage bekommt man in beinahe jeder bundesdeutschen Stadt ein gutes Sushigericht, oder googelt mal eben ein passendes Rezept im Internet. Aber in Suhl, als eine der Bezirkshauptstädte der DDR damals vor allem für die Produktion von Waffen oder Fabrikate der Mopedmarke Simson bekannt, war an etwas abseits der Parteinorm keinesfalls zu denken! Ein japanisches Restaurant? Wer soll denn so etwas bitte mögen? Und noch schlimmer: wie stünde es denn da um den Ruf der alles überwachenden HO (DDR-Sprech für den Dachverband der Handelsorganisation), wenn man all die befremdlichen Zutaten  – und die fingen bereits bei der Sojasoße an – nicht beschaffen kann? Was kommt als Nächstes? Ein Schnellimbiss auf dem Mond? Nein, dem gilt es entgegenzuwirken! Doch Anschütz ist ein Träumer, ein Idealist, der sich weder von freundschaftlichen oder familiären Ratschlägen von seinem Weg abbringen lässt noch von manigfaltigen Engpässen. Und so werden Kittelschürzen und Judojacken zu Kimonos umfunktioniert, Essstäbchen nach der Art von Klanghölzern massgefertigt, Tisch- und Stuhlbeine abgesägt und der frisch gefangene Karpfen kurzerhand zu südthüringerischem Sushi verarbeitet. Und siehe da – all das kommt gut an, selbst einen japanischen Gast kann der verdutzte Rolf Anschütz von Kochkünsten und Vorhaben überzeugen! Innerhalb kurzer Zeit mausert sich der „Waffenschmied“ zum überregionalen Geheimtipp, der sogar in der „Tagesschau“ des westdeutschen Klassenfeindes und im fernen Japan Erwähnung findet…

Szene aus "Sushi in Suhl"

Der Film „Sushi in Suhl“ erzählt die wahre Geschichte des Gastwirtes Rolf Anschütz, der es Mitte der Sechsziger Jahre doch tatsächlich wagte, im 40.000-Einwohner-Örtchen Suhl ein japanisches Restaurant zu eröffnen. Und das in Suhl, dessen Werbereklame „Suhler Waffen haben Weltruf“, nachdem das „W“ in „Waffen“ eines Tages abfiel, lange Zeit so einiges über den regionalen Charakter aussagte und für Spott dies- und jenseits des „Arbeiter- und Bauernstaates“ sorgte! Dabei bleibt die Erzählstruktur während der 107 Minuten meist wohlig rührselig und vergleichsweise ostalgiefrei (verglichen etwa mit „Good Bye Lenin!“ oder „Sonnenallee“). Dass die  Darsteller mit eindeutig sächsischem statt thüringerischem Dialekt sprechen (als gebürtiger Sachse kann ich so etwas in der Tat beurteilen!): geschenkt, ebenso wie die herrlich überspitzten Szenen des Dialogs mit der HO-Hauptverwaltung! Dafür spielt der Hauptdarsteller Uwe Steimle seine Rolle als Rolf Anschütz, der sich in der Enge der DDR sein eigenes kleines Japan aufbaut, dabei jedoch auch Rückschlägen und persönlichen Verlusten ins Auge blicken muss, mit zu viel bodenständigen Charme und Verve. Überhaupt: Uwe Steimle – mit dem Dresdner Schauspieler und Kabarettisten (Baujahr 1963), welchem dem Einen oder der Anderen etwa bereits im „Polizeiruf 110“ über die Mattscheibe gelaufen sein dürfte, steigt und fällt alles in und an „Sushi in Suhl„. Mag man seine stets kindlich entrückte Art, wie er sich stets bemüht, alles klar und deutlichst hochdeutsch auszusprechen, dabei jedoch umso mehr seine sächsische Herkunft offenbart, nicht, so könnte einem auch „Sushi in Suhl“ schnell zu viel des Guten werden. Meinen Nerv hat der Film von Regisseur Carsten Fiebeler, als gebürtiger Zwickauer ebenso bestens mit einer eigenen DDR-Vergangenheit sowie -Erfahrungen ausgerüstet, der die Geschichte des für 15 Jahre einzigen japanischen Restaurants der DDR erzählt und dabei geschickt einiges der Tragik und Komik jener Zeit miteinander verknüpft, jedoch getroffen. Also: Empfehlung für den nächsten Filmabend an einem grauen Wochenende – und das nicht nur für „gelernte DDR-Bürger“ und Freunde der japanischen Küche…

Uwe Steimle in "Sushi in Suhl"

 

 

Wer etwas mehr zu den Hintergründen des Films erfahren mag, findet hier einen sechsminütigen Beitrag der ARD-Sendung „ttt – titel thesen temperamente“…

…und hier ein Bild des „echten“ Rolf Anschütz, der 2008 verstarb:

Suhl, Blick in ein japanisches Restaurant

 

Rock and Roll.

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