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Das Album der Woche


Thrice – Horizons/East (2021)

-erschienen bei Epitaph/Indigo-

Wie viel Entwicklung verkraftet eine Fanbase? Wo anderorts wütend über die Abkehr von den meist härteren Gangarten geschimpft wird, zählen Thrice zu den wahrlich gesegneten Bands, die es nicht nur schaffen, konstant – im Gesamteindruck – recht gelungene Platten fernab fester Genrekonventionen zu veröffentlichen, sondern sich dadurch auch den Respekt von Kritikern wie Fans erarbeitet haben, welcher ihnen eine gewisse Freiheit ermöglicht, einfach das zu tun, was ihnen am meisten Freude bereitet: anspruchsvolle und unkonventionelle Songs zu schreiben. Kaum verwunderlich also, dass die vier Kalifornier ihren beinahe unantastbaren Status mit ihrem neusten Album “Horizons/East” erneut unterstreichen.

Foto: Promo / Matty Vogel

“Die einhundertprozentige Thrice-Erfahrung” nennt Schlagzeuger Riley Breckenridge es, als er unlängst in einem Interview erklärte, warum es eben doch hilfreich sein kann, wenn man die kreativen Zügel selbst in der Hand behält. Kein Produzent, der eigene Ideen einstreut und somit die Vorstellungen der Band verwässern könnte. Kein gemietetes Studio, das unnötig Budgets frisst und somit Zeitdruck hin zur überstürzten Hauruck-Ferigstellung entstehen lässt. Und vor allem: die absolute Freiheit, gewisse Dinge einfach umzusetzen, wie man es sich selbst vorstellt. Dass Dustin Kensrue (Gitarre, Gesang), Teppei Teranishi (Gitarre), Eddie Breckenridge (Bass) und Riley Breckenridge (Schlagzeug) damit gut fahren können, bewiesen etwa bereits “Beggars” (2009) oder die längst legendäre, verdammt groß gedachte “Alchemy Index”-Albumreihe (von 2007 bzw. 2008). Alle drei Platten wurden ebenfalls im eigenen Studio aufgenommen und gehören mittlerweile zu den Highlights der nunmehr elf Alben umfassenden Thrice’schen Diskografie.

Wer das kreative Schaffen des US-Alternative-Rock-Quartetts mit etwas mehr Tiefgang betrachtet, der weiß zudem, dass Kensrue und Co. jedem Werk ein grundlegendes Konzept widmen – beim neuen Album thematisieren sie dabei übergreifend die Akzeptanz des Ungewissen. Und schon in der Eröffnung brennt direkt die musikalische Luft: Der Opener “Color Of The Sky” glänzt durch (s)eine intensive Atmosphäre, die durch ein düsteres Synthie-Intro eingeleitet wird, nur um darauf von Dustin Kensrues dunkler Stimme gebrochen zu werden. Weit im Hintergrund kündigt sich das Schlagzeug an, bevor die Band gemeinsam in den Song einsteigt. Während die wuchtige Instrumental-Fraktion förmlich gegen die Synthie-Wand ankämpft, schwebt Kensrue über dem Ganzen, was eine unheimliche Stimmung erzeugt. Die tolle Produktion tut hier ihr übrigens, sodass die verschiedenen Sound-Ebenen wunderbar zur Geltung kommen. Klares Fazit: Bereits die erste Nummer kann mithalten im Konzert der ganz großen Nummern im Thrice’schen Backkatalog.

Mit “Scavengers”, das als erste Single vorab veröffentlicht wurde, folgt darauf einer der heimlichen Hits der Platte. “I will find you in the black light / Of that cold, dry land / Nevermind who held you last night / Come and take my, come and take my hand” – Nicht nur lyrisch, sondern auch musikalisch geben sich Thrice hier einmal mehr recht düster und nehmen damit in gewisser Weise Bezug auf ihr 2016er Album „To Be Everywhere Is To Be Nowhere„. Gleiches gilt für “Buried In The Sun”, einen der härteren Songs der neuen Platte, der in bester Fugazi-Manier den Bass in den Vordergrund setzt, während Dustin Kensrue bissig ins Mikro keift: “2, 4, 6, 8, USA! (all right!)”.

Ebenso ein Highlight: “Northern Lights”, einer dieser Songs, der stellvertretend dafür steht, dass Thrice gern “andere Wege” gehen wollen. Denn anstatt es auf ein typisches Rockfundament zu stellen, baut die Band das Stück auf einer jazzigen Pianoline auf. Hier zeigen Thrice auch, wie raffiniert und detailverliebt sie oft genug zu Werke gehen, ohne jedoch an Durchschlagskraft und Fokus einzubüßen. In nicht einmal vier Minuten durchlaufen sie so gleich mehrere Gefühls- und Tempowechsel. Schlagzeuger Riley Breckenridge prägt die Strophen mit einem rastlosen, synkopierten Beat, während Gitarrist Teppei Teranishi einen von der Fibonacci-Folge inspirierten Lick daddelt. Im Refrain wiederum wechselt der Vierer zu maximaler Harmonieseligkeit, leicht angekitscht mit Shaker und getragen von Dustin Kensrues sehnsüchtig vorgetragener Balladenhook – nur wenige Bands wissen Klangräume so effektiv zu gestalten wie Thrice. Zudem gerät der Sound hier – ähnlich wie beim zweiten “Alchemy Index”-Teil (“Air/Earth”) – sehr organisch und natürlich, da eben auch vermeintlich unwichtige Nebengeräusche beim Ein- und Anspielen zu hören sind und das Ergebnis sich beinahe wie eine live im Studio entstandene Aufnahme anfühlt. “Wir wollten erreichen, dass es so klingt, als ob wir gemeinsam in einem Raum sitzen. Möglicherweise hätten wir das mit einem Produzenten anders gemacht”, erklärt Riley Breckenridge dazu. Auch “Still Life” hätte stimmungstechnisch wohl (s)einen Platz auf “Air“ oder “Earth” finden können, strahlt der Song doch eine gewisse Schwere und Melancholie aus, während Kensrue eine schaurige Geschichte erzählt, die in ihrer Bedeutung frei erscheint und doch Bilder von einem verlassenen Schlachtfeld aufkommen lassen (wenngleich dem Crescendo doch ein wenig der „Saft“ fehlt).

Während “The Dreamer” – mit dezenter Referenz an John Lennons „Imagine“ – dramatisch in den Strophen, dafür aber mit angezogener Handbremse in den Refrain geht, sucht der Kopfnicker “Summer Set Fire To The Rain” eher die Weite. Hier spielen Thrice einmal mehr ihre Stärken aus und bewegen sich zwischen treibendem Post Rock-Riffs und einem Finale, das seinen Shouts wegen auch dem einen oder anderen Fan der härteren (Früh)Phasen der Band gefallen dürfte. Und sagte man Thrice zuletzt gewisse Einflüsse von Radiohead nach, so werden diese wohl bei “Robot Soft Exorcism” am deutlichsten. Angetrieben von einem beinahe hypnotisierendem Beat (im 7/8-Takt), der zunächst synthetisch klingt, dann aber instrumental aufgenommen wird, gibt sich die 1998 in Irvine, Kalifornien gegründete Band hier zunächst geheimnisvoll, bis der Refrain die Anspannung auflöst und sich im Verlauf immer weiter öffnet. „Dandelion Wine“ pendelt zwischen Ruhe und Extase, kann seine Dringlichkeit jedoch nicht auf Dauer aufrecht halten. Ungewöhnlich auch der Abschluss „Unitive/East“: kein „typischer“ Rausschmeißer, sondern vielmehr einer klassischer Atmosphäre-Aufmacher, der Lust darauf schürt, sich in eine neue Welt hineinziehen zu lassen. 

Foto: Promo / Dan Monick

Wie so oft bei Thrice ist auch “Horizons/East” ein Album, das vor allem von den Bildern lebt, welche es schon von der ersten Sekunde an vor dem inneren Auge zu malen beginnt und – natürlich – auch von den letzten beiden Jahren inspiriert ist. Doch anders als viele andere Quarantäne-Ergebnis-Platten, die sich eben mit der Pandemie und den Folgen für uns und unser Miteinander direkt auseinandersetz(t)en, gehen Thrice eher subtil vor. Das mag vor allem an Kensrues gewohnt offenen Texten liegen, die viel Raum für eigene Interpretation lassen. Und auch wenn der Horizont an sich ein Bild der Weite (oder eben sichtbaren Begrenzung) symbolisiert, so klingt “Horizons/East” doch im Gros alles andere als leicht und einfach – es ist schlichtweg kein musikalischer Luftikus fürs Nebenbeihören. Das Album fordert die volle Aufmerksamkeit und wohl auch einige Wiederholungen, um es wirklich (be)greifen zu können. Und aller komplexen Dynamik, allen Experimenten zum Trotz erfinden sich Thrice keineswegs neu, sondern besinnen sich auf ihre mittlerweile im Alternative Rock angesiedelten Stärken, holen dabei jedoch auch Grunge-, Post Rock-, Post Hardcore- und sogar Jazz-Fans mit ins tönende Boot, während sich Dustin Kensrue und seine Bandmates vor legendären Bands wie Fugazi oder Frodus verneigen, aber auch Post Rock der Marke God Is An Astronaut durchklingen lassen. So darf’s nach dem recht durchwachsenen Vorgänger „Palms“ gern weitergehen, meine Herren.

Rock and Roll.

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Abgehört…


Dustin Kensrue – Carry The Fire (2015)

tumblr_inline_nn2gmnA3YB1qztcot_540-erschienen bei Workhorse-

Es gibt ein paar Dinge, die wird man als ach so aufgeklärter, ach so weltoffener Westeuropäer wohl nie so ganz verstehen können. Die Asiaten etwa, mit ihrer nach außen stets devoten Sippenhaftigkeit und dem beinahe krankhaft überhöhten Stolz, während im Inneren und Privaten nicht selten die debilsten Fantasien lungern. Oder die US-Amerikaner, denen per Gesetz zugesichert ist, dass jeder jederzeit ein, zwei Schusswäffchen im Handtäschchen mit sich herumschleppen darf und im Zweifelsfall jedermann (slash: -frau) über den Haufen schießen darf, deren Visage einem gerade nicht in den Kram passt. Die sich als ach so globaler „Schmelztiegel“ von Multi und Kulti Gnaden jenseits von Rassismus und (oft unter den Tisch gekehrter) Sklavenhaltungsvergangenheit sehen, während alle paar Tage ein – freilich unbewaffneter – Schwarzer von einem weißen Polizisten… naja, Sie wissen schon (und obwohl Rassismus weder Geschlecht noch Hautfarbe kennt, ist es in „God’s own country“ leider so oft so profan).

Auch was die seltsame Verbindung von populärer Rockmusik und religiösem Eifer betrifft, setzten die US of A immer mal wieder neue Schlaglichter. Beispiel gefällig? Gern. Nehmen wir etwa Brian Fallon. Den meisten Hörern radiotauglichen MOR-Punkrocks dürfte der 35-Jährige Tattooträger aus New Brunswick, New Jersey als Frontmann von The Gaslight Anthem ein Begriff sein. Nun laufen Gaslight Anthem mit ihren Songs freilich kaum Gefahr, als rockende Wanderprediger verschrieen zu sein. Doch Fallon, die markante Springsteen-Gedächtnis-Stimme der Band, dürfte zumindest bei jedem Westeuropäer für Stirnrunzeln gesorgt haben, als er sich 2011 in einem Interview mit der „VISIONS“ als Kreationist outete: „Evolution? Das kaufe ich keinem ab! Du glaubst doch nicht wirklich, dass wir vom Affen abstammen?! Ich weiß, dass diese Version in Europa sehr verbreitet ist, doch ich persönlich bin überzeugt, dass uns eine höhere Macht auf diesen Planeten verfrachtet hat.“. Klar, dass solche Gedanken, für die Fallon unter seinen Landleuten eher ein anerkennendes Nicken oder ein verschmitztes Lächeln ernten dürfte, bei uns mit unseren Martin Luthers und Immanuel Kants für schüttelnde Köpfe – und das nicht der Musik wegen – sorgen.

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Ein anderes Beispiel für geschüttelte Köpfe dürfte um die selbe Zeit herum – also 2011 – Dustin Kensrue geliefert haben. Nachdem er seine Stammband, die Post-Hardcore-Rocker Thrice, nach der Veröffentlichung ihres achten gemeinsamen Studioalbums „Major/Minor“ und einigen Farewell-Konzerten (nachzuhören auf dem 2012 erschienenen Livewerk „Anthology„) bis auf weiteres auf Eis gelegt hatte, schlug der damals 31-jährige US-Amerikaner mindestens fünf Haken, als er seine Fertigkeiten fortan in den Dienst der Mars Hill Church, einer über Bundesstaaten hinweg vernetzten christlichen „Megachurch“-Gemeinde mit nahezu 13.000 Besuchern an jedem Kirchensonntag und Sitz in Seattle, stellte und dort den worship pastor gab (eine Art Allround-Zeremonienmeister, der sich auch um Musik und allerlei andere audiovisuelle Unterhaltungsmöglichkeiten seiner „Schäfchen“ kümmert). Bibelkreis statt Circle Pitt? Klar hatte sich Kensrue bereits während seiner Zeit bei Thrice immer offen zu seinem Glauben bekannt, klar schimmerte mal hier, mal da – vor allem bei der gelungen vielfältigen „The Alchemy Index“-Album-Quadrologie von 2007/2008 – ein kleiner Glaubensbezug oder -verweis in den Texten des Orange-County-Boys durch, jedoch war dieser Richtungswechsel gerade für den Frontmann einer Post-Hardcore-Kapelle, die sonst eher kaum Gefahr laufen, als „überaus religiös“ tituliert zu werden, ungewöhnlich – selbst in den USA.

Und auch auf seinen Soloveröffentlichungen ging Dustin Kensrue diesen Weg: War sein Solodebüt, „Please Come Home“ von 2007, noch ein fein anzuhörendes Amalgam aus Folk’n’Blues’n’Americana-Inspirationen, das den damaligen Thrice-Vorsteher mit der schmeichelhaft rauen Stimme acht Songs lang in ruhigeren Gewässern präsentierte, stellte schon der 2013er Nachfolger „The Water And The Blood“ (ein 2008 erschienenes Weihnachtsliederalbum lassen wir mal außen vor) ganz und sonders Kensrues Dienst für den Herrn ins Licht – mit Titeln wie „Rejoice“, „God Is Good“ oder „Come Lord Jesus“.  Wer diesen gutgläubigen Weg nicht mitgehen wollte oder konnte, der blieb freilich auf der Strecke.

Dass sich Dustin Kensrue nun mit „Carry The Fire“ mit (s)einem neusten Solowerk zurück aus der Pastorentätigkeit, fernab des Rockbusiness, meldet, dürfte wohl zum einen an den turbulenten letzten Jahren liegen, die er als leitender Angestellter der Mars Hill Church erlebte, liegen. Plagiatsvorwürfe, fragwürdige Führungspraktiken, angebliche Veruntreuung von Spendengeldern, allerlei Gerüchte um Kirchengründer Mark Driscoll – das war wohl zu viel für den heute 34-Jährigen. Er legte, wie einige seiner dortigen Kollegen auch, sein Amt nieder und suchte sich eine neue Kirchengemeinde (in seiner Heimatstadt Irvine, Kalifornien). Seinem Glauben hat er freilich nicht abgeschworen, doch ein klein wenig des missionarischen Eifers scheint gewichen zu sein.

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Stattdessen präsentieren die zehn neuen Stücke von „Carry The Fire“ – der Titel selbst stellt eine Referenz an die dystopisch-düsteren Cormac McCarthy-Romane „The Road“ und „No Country For Old Men“ dar – als Schnittmenge dessen, was sowohl sein Solodebüt „Please Come Home“ als auch das bislang letzte Thrice-Werk „Major/Minor“ ausmachte: Alternative Rock auf der einen Seite, beseelten Folk auf der anderen. Das kommt mal flott daher („Juggernaut“, „In The Darkness“), mal besinnlich („Of Crows And Crowns“), mal im Bandkonstrukt aufspielend wie zu besten Thrice-Zeiten (der Titelsong-Abschluss). Statt dem Herrn dankt Kensrue auf „Carry The Fire“ vor allem seiner Frau, die ihn in den nicht eben leichten letzten Jahren zur Seite gestanden hat („Girl I’m a juggernaut / And I’ll never stop loving you“, „You’re all that I need, for now and forever“ etc. pp.). Das komplette Album scheint wie ein einziger vertonter MOR-Liebesbrief an die Angebetete. Süß? Süß. Auch wenn keines der neuen Stücke wirklich Gefahr läuft, nicht von einem rocklastigen Radiosender gespielt zu werden.

Wenn schon Dustin Kensrues neustes Werk in die klangliche Richtung seiner (einstigen) Hauptband geht, dürfen Thrice-Fans also auf eine Rückkehr der Band aus der nunmehr vierjährigen Albumveröffentlichungspause hoffen? Gemach, Gemach. Zunächst hat die Post-Hardcore-Formation aus Irvine, Kalifornien für 2015 einige „Reunion-Shows“ auf US-amerikanischem Boden angekündigt. Der Rest wird sich zeigen, wird sich ergeben – so Gott will.

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Hier gibt’s das offizielle Musikvideo zum wohl schönsten Stück des neuen Albums, „Of Crows And Crowns“, während man sich auf Dustin Kensrues YouTube-Kanal nahezu alle Songs von „Carry The Fire“ – Kommentare inklusive – anhören kann (für Faule habe ich die Album-Playlist ebenso hier bereit gestellt):

 

 

Wer mehr über Dustin Kensrue, das neue Album sowie seine Tätigkeit als worship pastor wissen möchte, dem sei dieser aktuelle Artikel von und auf diffuser.fm empfohlen, der auch ein Interview mit dem 34-jährigen Musiker bietet…

 

Rock and Roll.

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Das Album der Woche


Thrice – Anthology (2012)

-erschienen bei Vagrant/Alive/Staple Records-

Man soll immer dann gehen, wenn’s am schönsten ist…

Nun, ob dieser Spruch auch für Thrice gilt, kann man als Außenstehender kaum beurteilen. Fakt ist jedoch: die Band ist – vorerst – Geschichte und legt eine „Pause auf unbestimmte Zeit“ ein, in welcher sich der Großteil der Band privaten Gefilden und neuen Projekten zuwenden will und etwa Sänger Dustin Kensrue fortan sein Hauptaugenmerk auf seine neue Band The Modern Post richten wird (dass es sich hierbei um Rock/Pop mit eindeutig christlich-missionarischer Botschaft handelt und wohl auch ein Amt als Zeremonienmeister der Mars Hill Church in Santa Ana, Kalifornien damit einhergeht, verschweigen wir an dieser Stelle lieber – US-Amerikaner und ihre eigentümliche Religiosität eben…). Doch so ganz still wollte das Quartett nach immerhin 14 Jahren gemeinsamer Bandhistorie nicht auseinander gehen…

Und so tourten Dustin Kensrue (Gesang/Gitarre), Teppei Terenashi (Gitarre) und die Brüder Eddie (Bass) und Riley Breckenridge (Schlagzeug) noch ein vorerst letztes Mal, flankiert von O’Brother und Animals As Leaders, durch ihre US-amerikanische Heimat. Das Besondere: sie ließen ihre Fans vorher im Internet über die Setlists der Konzerte entscheiden und bringen nun das Ergebnis in Form der Livealbums „Anthology“ auf den Markt.

Da die während der Tour dargebotenen Shows mehrheitsfähigerweise zu einem ‚Best Of‘ werden mussten, befinden sich unter den 24 Songs auch nur Repertoire-Perlen, welche die komplette Karriere der Band, vom 2001 erschienen Metalcore-Debüt „Identity Crisis“ bis hin zum im letzten Jahr veröffentlichten reifen „Major/Minor„, umfasst. Der Sound ist roh und direkt, und wurde, von der direkten Abmischung durch Tour-Engineer Eric Stenman einmal abgesehen, in keinster Weise nachbearbeitet. Glücklicherweise war das auch gar nicht nötig, denn die Band zeigt sich noch einmal bestens aufeinander eingespielt schafft es, selbst schwer elektronischen Studiosoundscapes wie bei „Digital Sea“ auf der Bühne neue Klangfarben zu verleihen. Und da ausufernde, prog-rockige Bühnenexperimente eh nie die Sache der Jungs von Thrice waren (von einem minimalen Jam während „Daedalus“ einmal abgesehen), darf man „Anthology“ als herzhaft rockenden und frenetisch bejubelten Streifzug durch’s Band-Oeuvre betrachten.

Und der Jubel kommt nicht von ungefähr: kaum eine Band hat in den letzten Jahren Hörer im Alternative Rock- und Post Hardcore-Bereich mit auf solche Reisen genommen wie die Band aus Irvine, Kalifornien während Alben wie „Vheissu„, welches 2005 den Bogen zurück zum mit poppigen Elementen spielenden Hardcore-Vorgänger „The Artist In The Ambulance“ spannte und den Grundstein für das wohl größte Projekt der Bandgeschichte legte: zwei bzw. drei Jahre darauf veröffentlichten Thrice die gigantomanische „The Alchemy Index“-Quadrologie, die die Elemente Feuer, Wasser, Luft und Erde in beeindruckender und mit sämtlichen klanglichen Tiefen und Untiefen versehenen Form Ton werden ließ. Mit „Beggars“ (2009) und „Major/Minor“ bestätigten Kensrue & Co. darauf zwar Reife und Status, konnte und wollte dieses Mammutwerk jedoch nicht überbieten.

Wer die Band seit Jahren begleitet, bisher jedoch nie live erleben konnte (ich selbst hatte vor wenigen Jahren beim Highfield-Festival in meiner sächsischen Heimat das Vergnügen), den wird überraschen, wie gut sich ältere Moshpit-Pleaser wie „Kill Me Quickly“ oder „Phoenix Ignition“ zwischen die neueren Stücke mit progressiverem Ansatz und in das beinahe alle acht Studioalben in gleicher Weise berücksichtigende Set einfügen. Die immerhin 103 Minuten wirken wie aus einem Guss, Dustin Kensrue bestätigt einmal mehr die zu recht ins Feld geworfenen Vorschusslorbeeren des Ausnahmesängers, die Band hat sichtlich Spaß an ihren – noch einmal: vorerst! – letzten Shows und wirkt gen Ende hörbar stolz, gerührt und dankbar. Mit dem namensgebenden „Anthology“ findet das Abschiedsgeschenk der US-amerikanischen Band einen würdigen Abschluss. Und wer zwischen den Zeilen des offiziellen Statements von Kensrue und dieses Interviews mit Bassist Eddie Breckenridge liest (und die aktuellen Reunions artverwandter Bands wie Boysetsfire oder Hot Water Music mitbekommen hat), der ist sich sicher: „Anthology“ ist das Ende eines Bandkapitels, jedoch keineswegs das Finale für Thrice. So groß, großartig und richtungsweisend die Entwicklung der Band auch gewesen sein mag, so sehr spürt man, dass der Vierer nur kurz hinterm Bühnenvorhang verschwunden ist, um sich noch einmal für die eine krönende Zugabe zu sammeln.

 

Wer übrigens gern bewegte Bilder zu einigen der auf „Anthology“ enthaltenen Songs hätte, dem sei „Live at the House of Blues„, das 2008 veröffentlichte erste Livealbum der Band, ans Hörerherz gelegt, für das die Band einen Auftritt in Anaheim, Kalifornien im Mai des selben Jahres mitschneiden und -filmen ließ…

 

Und um euch wie immer den vollen Service zum „Album der Woche“ zu liefern, könnt ihr euch hier alle 24 Songs von „Anthology“ im Stream zu Gemüte führen…

 

…und euch hier eine Liveaufnahme des Titelsongs „Anthology“…

 

…und das Video zum Song „In Exile“ (vom Album „Beggars“) ansehen:

 

Rock and Roll.

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Mein Senf: Bandauflösungen


Es ist Wahnsinn, wie viele Bands, die ich sehr mochte und mag, sich in der letzten Zeit (sprich: innerhalb des letzten Jahres) aufgelöst haben: Thursday, Thrice oder R.E.M. fallen mir da spontan ein. Eine deutsche Band, über deren Split ich doch arg überrascht war, da ich sie noch wenige Wochen zuvor bei der Dresdner Ausgabe der 2011er Grand Fest Van Cleef Tour überzeugend rockend gesehen hatte, sind/waren Ghost Of Tom Joad.

Das Dreiergespann aus Münster hat am 13. Januar 2012 nach nur drei Alben (das letzte, „Black Musik“, erschien 2011) nach Abschiedskonzerten, welche im April 2012 stattfinden werden, seine Auflösung bekannt gegeben. Schade. Nachdem „Black Musik“ mir zwar ganz gut, aber in keinster Weise so gut wie das Zweitwerk „Matterhorn“ gefallen hat, hatte ich noch einmal auf eine gestärkte Rückkehr mit neuem Album gehofft. Eine der besten deutschen Rockbands der letzten Jahre sagt leise „Adieu“… Ich werde euch vermissen, Jungs. Tue ich jetzt schon.

Bleibt nur zu hoffen, dass sich diese Auflösungsseuche nicht noch weiter fortsetzt… Es reicht.

 

Rock and Roll.

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