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Song des Tages: Thees Uhlmann – „Fünf Jahre nicht gesungen“


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Uhlo ist back! Satte sechs Jahre nach dem zweiten Solowerk „#2“ hat Thees Uhlmann (s)einen neuen Song „Fünf Jahre nicht gesungen“ veröffentlicht und gibt damit einen ersten musikalischen Vorgeschmack auf sein vor kurzem angekündigtes drittes Album „Junkies und Scientologen“, welches am 20. September – natürlich beim heimischen Grand Hotel Van Cleef – erscheinen wird (und in der Box-Set-Variante – nebst Vinyl sowie etlichen Gimmicks – wahlweise auch eine Bonus-Platte mit „8 unveröffentlichten deutschsprachigen Coverversionen“ enthält).

funf-jahre-nicht-gesungen.jpg„Fünf Jahre nicht gesungen“ nun beginnt mit einem hart angeschlagenen Keyboard, dessen Rhythmus verdammt an Foreigners „Cold As Ice“ erinnert – schon der Pressetext warnt davor, dass das aber auf die falsche Fährte führt. Wenn Uhlmanns unverkennbarer Gesang, der seit jeher die Lager spaltet, einsetzt, wird das viereinhalbminütige Stück in der Tat zum vertraut umarmenden Liedermacher-Indierock Uhlmann’scher Bauart. Im Text reflektiert der ehemalige Tomte-Frontmann und Jetzt-auch-Romanautor (das tatsächlich tolle „Sophia, der Tod und ich“ erschien 2015) die vergangenen paar (turbulenten) Jahre seines Lebens und stellt in Passagen wie „Und dann kam Silvester und mir wurde klar / Wenn der Sommer beginnt stirbt ein weiteres Jahr“ fest, wie vergänglich und schnell wandelbar alles ist.

Die Idee dazu kam dem Vertreter der Hamburger Schule nach eigener Aussage, als ihm im vergangenen Jahr klar wurde, dass er seit fünf Jahre keine neuen Songs geschrieben hatte und lange nicht mehr vor Publikum musizierte: „Wobei aus fünf Jahren ja schon fast sechs geworden sind, aber vor einem Jahr habe ich eben darüber nachgedacht, warum mir seit fünf Jahren nichts mehr eingefallen ist. Von daher mögen mir die Mathelehrer verzeihen, wie sie mir schon so viel verziehen haben.“ Der 45-jährige Wahl-Berliner empfiehlt augenzwinkernd: „Wenn Sie schlechte Laune haben, dann wird das genau Ihr Song sein. Und wenn Sie gute Laune haben, dann werden Sie sich freuen, wie schön es ist, keine schlechte Laune zu haben, aber auch gut, wenn bei den anderen so ein Song dabei raus kommt. So ist das eben. Das Leben ist kein Highway, es ist die B73!“

Und schon wird einem klar, wie sehr der ebenso trockene wie fein austarierte norddeutsche Humor des bekennenden St.-Pauli-Fans in den letzten Jahren gefehlt hat – dem tut die einmal mehr seeeehr spezielle Tracklist von „Junkies und Scientologen“ freilich keinen Abbruch:

01. Fünf Jahre nicht gesungen
02. Danke für die Angst
03. Avicii
04. Was wird aus Hannover
05. 100.000 Songs
06. Ich bin der Fahrer, der die Frauen nach Hip Hop Videodrehs nach Hause fährt
07. Junkies und Scientologen
08. Katy Grayson Perry
09. Menschen ohne Angst wissen nicht, wie man singt
10. Ein Satellit sendet leise
11. Die Welt ist unser Feld
12. Immer wenn ich an dich denke, stirbt etwas in mir

 

 

Im August, September und Dezember sind Thees Uhlmann und Band denn auch auf ausgedehnter Tour:

03.08. Hamburg, Theaterschiff (solo, ausverkauft)
13.08. Reutlingen, Franz.K
14.08. Worpswede, Music Hall
15.08. DK – Rømø, Cruise van Cleef (ausverkauft)
16.08. Kassel, Kulturzelt
17.08. Grosspösna, Highfield Festival
23.08. Essen, Zeche Carl Open Air

25.09. Rostock, Mau Club
26.09. Cottbus, Glad-House
27.09. Hamburg, Große Freiheit 36 (ausverkauft)
28.09. Berlin, Lido (ausverkauft)
29.09. München, Ampere (ausverkauft)
30.09. Köln, Stadtgarten (ausverkauft)

06.12. A – Wien, Gasometer
07.12. München, Tonhalle
08.12. Saarbrücken, Garage
10.12. Erlangen, Heinrich Lades Halle
11.12. Dortmund, FZW
12.12. Wiesbaden, Schlachthof
13.12. Stuttgart, LKA Longhorn
14.12. Berlin, Columbiahalle
16.12. Hannover, Capitol
17.12. Hamburg, Große Freiheit 36
18.12. Hamburg, Große Freiheit 36
19.12. Bielefeld, Lokschuppen
20.12. Bremen, Pier 2
21.12. Köln, Palladium

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Antje Schomaker – „Gotham City“


Antje-Schomaker-Musik

Wer möchte, könnte Antje Schomaker bereits anhand ihrer musikalischen Inspirationsquellen ganz gut einordnen: Thees Uhlmann, Enno Bunger, Clueso oder Bosse. Denn in der Tat suchen sich die Stücke der Mittzwanzigerin, die am Niederrhein aufwuchs und – wohl auch der Kreativität wegen – vor etwa fünf Jahren nach Hamburg und ins schmuddelig-vielfätige St. Pauli ging, genau in dieser Schnittmenge ihre kleine Heimat: Indie-Pop, handgeknüppelt mit meist akustischem Instrumentarium und garniert mit nicht selten melancholischen Texten mitten aus dem kunterbunten Mausgrau des Alltags.

Natürlich schwingt manchmal – Hallo, Herr Uhlmann! – etwas Pathos mit. Ab und an stiehlt sich sogar eine Prise Bitterkeit aus dem Alltag heraus, etwa wenn Schomaker im bereits 2016 veröffentlichten Song „Bis mich jemand findet“ Zeilen wie „Meine Träume sind beschissen / Ich will doch nur einen / Mehr als einmal küssen“ singt – nur um im Refrain das Ganze deftig indiepoppend mit „Bis mich jemand findet / Tanze ich hier / Tanze ich hier“ abzumildern.

51Zg1sTm6kLDass Antje Schomaker, die unlängst im Vorprogramm von Bosse erstmals größere Bühnen außerhalb St. Paulis kennen lernen durfte, nicht auf Teufelkommraus dem Pop verfallen mag, sondern auch reduziert zu überzeugen weiß, stellte die Newcomerin in den vergangenen zwei Jahren bereits mit dem ein oder anderen via YouTube veröffentlichten Akustik-Session-Song unter Beweis.

Das tolle „Gotham City“, welches Teil von Schomakers am 23. Februar erscheinenden Debütalbums „Von Helden und Halunken“ sein wird, weiß mit seinem schnodderigen Text, der vom Ende einer vielleicht kurzen, vielleicht auch intensiven Zweisamkeit erzählt, sowohl in der ausformulierten als auch in der akustischen Variante zu überzeugen. Und macht Lust auf mehr von ebenjenen Indiepop-Songs, deren Herz-Poesie sich mit reichlich Kamikaze-Haltung mitten hinein ins pralle Mausgrau des Alltags stürzt…

 

Hier gibt’s das Musikvideo zu „Gotham City“…

 

…sowie den Song in einer Akustik Session:

 

„Du fragst mich, ob du bleiben sollst
Und ich schüttle den Kopf ganz leicht
Es ist besser, wenn du gehst
Auch wenn ich ein bisschen will, dass du bleibst

Vielleicht ist das ’n Anfang
Eher wohl ’n Ende, um ehrlich zu sein
Denn in mein Löwenherz
Passt nichts mehr rein

Irgendwer kommt und
Irgendwer geht
Wir haben uns doch eh nie ganz gehabt
Du bist nicht Batman
Und ich bin nicht Gotham City
Ich glaub‘, ich komm gut ohne dich klar

Wem ich hier was beweisen will
Weiß ich selbst nicht genau
Aber das, was uns verbindet
Reicht einfach nicht aus

Mein Kontingent an Nähe
Hab ich halt verbraucht
Wir sind zusammen da reingefallen
Jetzt fall‘ ich leise wieder raus 

Irgendwer kommt und
Irgendwer geht
Wir haben uns doch eh nie ganz gehabt
Du bist nicht Batman
Und ich bin nicht Gotham City
Ich glaub‘, ich komm gut ohne dich klar

Ich bin der Held meiner eigenen Geschichte
Ich rette mich selbst und kämpfe gegen Bösewichte
Nein du
Kannst hier wirklich nichts tun

Ich bin der Held meiner eigenen Geschichte
Ich rette mich selbst und kämpfe gegen Bösewichte
Nein du
Kannst hier wirklich nichts tun

Denn
Irgendwer kommt und
Irgendwer geht
Wir haben uns doch eh nie ganz gehabt
Du bist nicht Batman
Und ich bin nicht Gotham City
Ich glaub‘, ich komm gut ohne dich klar“

 

Rock and Roll.

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Traurige Musik rettet Leben.


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(gefunden bei Facebook)

 

…oder wie Tomte einst sangen: Nichts ist so schön auf der Welt wie betrunken traurige Musik zu hören. Das unterschreibe ich natürlich sofort. Wer’s nicht versteht, der soll ruhig weiter seinen seelenlosen Techno-meets-R’n’B-Kram hören…

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Tomte – „Füll deine Lungen mit Feuer“


Tomte 2008

Oktober 2008. Ich hatte vor wenigen Monaten meinen zeitweiligen Wohnsitz in die spanische Hauptstadt verlegt. Dass Madrid in eben jenem Jahr, in dessen langem, heißem Sommer über Monate hinweg nicht ein Tropfen Regen fiel, neben vielen Sonnenplätzen auch so einige Schattenseiten zu bieten hatte, und vor allem mein Stadtteil Lavapiés neben einigem Multimulti (so schaute ich Tag für Tag aus meinem Balkonfenster auf einen Afrika-Shop auf der anderen Straßenseite, vor dem es sich tagtäglich einige Männer in langen, weiten Kaftanen gemütlich machten, sich schon morgens in ihre lautstarken Gespräche vertieften und von da an bis zum frühen Abend nicht abzurücken schienen) – trotz der Nähe zum Stadtzentrum – auch seinem Ruf als einer der kriminellsten Orte der spanischen Drei-Millionen-Einwohner-Metropole bestätigen sollte, musste ich nicht lang nach meiner Ankunft am eigenen Leib erfahren, als Einbrecher mitten in der Nacht über den Balkon in mein Zimmer einstiegen und so Einiges an Wert mitgehen ließen – und was während ich mich schlafend im Zimmer befand (und trotzdem im Nachgang an nichts erinnern konnte)… Verbucht unter: Erfahrungswert No. 271, auch bei heißen spanischen Sommernächten stets die Balkontür verschlossen halten, bitte!

HeurekaEine der schönsten Erinnerungen an jene Zeit – und das waren, damit wir uns nicht falsch verstehen, so einige! – habe ich an den 10. Oktober vor gut sechs Jahren. An diesem Tag war gerade eben „Heureka„, das fünfte Album der Hamburger Indiejungs von Tomte, frisch erschienen – ein Album, dessen Veröffentlichung ich schon über Monate hinweg herbeigesehnt hatte. Dank iTunes Store konnte ich mir das damals neuste – und bis heute letzte – Werk der Band um Frontmann Thees Uhlmann auch fernab der Heimat aufs digitale Abspielgerät laden. Ich nahm meinen iPod, trat hinaus in einen goldenen, sonnig-warmen Herbst und lief von Lavapiés – obwohl ich auch gut und gern die gelbe Metro-Linie No. 3 hätte nehmen können – bis zur Puerta del Sol, durchs stets geschäftige und vor allem von Touristen bevölkerte Zentrum, dann bis zum Königspalast und wieder zurück – in meinen Gehörgängen die gute Stunde neuer Tomte-Songs auf Repeat. Wenn ich heute zurückdenke, dann kommt mir neben dem ebenso großen wie Gänsehaut erzeugend tief gehenden „Wie sieht’s aus in Hamburg?„, bei dessen Thees Uhlmann-Zeile „Und alle zwanzig Minuten denkst du an Elliott Smith“ ich mich von einem Moment zum nächsten so verstanden und aufgehoben gefühlt habe wie schon seit Ewigkeiten nicht mehr, vor allem „Füll deine Lungen mit Feuer„, welches als B-Seite der ersten Album-Single „Der letzte große Wal“ bereits einige Wochen früher erschienen war, in den Sinn. Mag es am am Ende der knapp vier Minuten feinst rockig-derb zupackenden Finale des Songs liegen. Oder aber an der Zeile „Ich bewahre alles auf was du berührst“, in der so viel Nostalgie, Liebe und Hoffnung auf das Gute in uns allen steckt, dass das Stück davon beinahe überbordet. Freilich, Thees Uhlmann läuft bekanntlich ständig Gefahr, seinen Pathos wie ein großes Transparent vor sich herzutragen – ob nun bei Tomte oder mittlerweile auf seinen zwei bislang veröffentlichten Solowerken. Aber wer wie ich einer guten Prise pathetischem Lebensgefühl nie ganz abgeneigt ist, für den sind Momente wie diese eine Wonne. Noch heute ist „Heureka“ – wohl vor allem dieser sonnenbeschienen Augenblicke in Madrid wegen, an denen ich die Platte zum ersten Mal hörte und auch allen durchwachsenen Plattenkritiken zum Trotz – mein liebstes Tomte-Album, das ab und an noch – ob nun in Einzelstücken oder als Ganzes – in meine Playlist wandert und wohl auf ewig einen Platz in meinem Hörerherzen sicher hat. Ach, Madrid…

 

Da YouTube und Co. einem bei der Suche nach „Füll deine Lungen mit Feuer“ den eiskalten Mittelfinger mit „Gibt’s nicht!“-Tattoo zeigen, müsst ihr an dieser Stelle leider ohne eine direkte Einbindung auskommen. Gehört werden kann die B-Seite zur „Der letzte große Wal“-Single jedoch via Spotify oder bei bop.fm.

 

„Füll‘ deine Lungen mit Feuer
Spuck‘ das Feuer in die Welt
Ich erklär‘ dir alles mit E-Moll und C
Du zählst die Tage
Und die Anderen zählen das Geld

Ich bewahre alles auf was du berührst
Ich bewahre alles auf was du berührst

Gib den Sachen einen Namen, der was taugt
Und wertschätze die Dinge auf die du baust
Du lebst wie ein Amboss
Und warum zittert dein Kinn?
Ich bin das, was ich sage
ich bin das, was ich bin

Ich bewahre alles auf was du berührst…“

 

Rock and Roll.

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Zitat des Tages


Thees Uhlmann

 

„Es macht keinen Sinn, in der Hölle zu schreien: ‚Es gibt keinen Gott!'“

 

(Thees Uhlmann über Optimismus und Pessimismus bei „Bauernfeind„)

 

Rock and Roll.

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Das Album der Woche


Thees Uhlmann – #2 (2013)

#2 (Cover)-erschienen bei Grand Hotel Van Cleef/Indigo-

Lasst uns doch einfach Plattitüden aufsammeln gehen: Der „Bruce Springsteen Niedersachsens“ (gmx.net), der „deutsche Boss“, der „Wiedergänger von Elliott Smith und Oasis-Epigone“ (fluxfm.de), die „gute Stimme der alternativen Chuck-Träger-Bevölkerung um die Dreißig“ (focus.de), der „norddeutsche Hooligan der Herzen“ (energy.de). Gar „Sportfreunde Stiller für’s Indie-Publikum“. Stimmt das im Fall Thees Uhlmann so tatsächlich? Nun ja…

Fest steht: Im Jahr 2013 muss man schon genauer hinhören, um Gemeinsamkeiten zwischen jenem Jungspund festzustellen, der da Mitte der Neunziger die Hamburger Indierock-Institution Tomte aus der Taufe hob, und dem heute 39-jährigen Familienvater, für den es offensichtlich erfüllendere Sachen gibt als durchzechte Nächte voller Sex, Drugs und Rock and Roll – den frisch eingeschulten Nachwuchs nachmittags von der Schule abzuholen, zum Beispiel. Und doch könnte man sich wohl kaum einen geeigneteren deutschen Musiker für stundenlange Fachsimpeleien über Musik, Unterhaltungsindustrie und Zeitgeschehen vorstellen (wer mag darf hier eine nationale Entsprechung zu everybody’s darling Dave Grohl sehen), denn Uhlmann weiß in der Tat, wovon er spricht, immerhin hat sich das von ihm und den beiden Kettcar-Musikern Marcus Wiebusch und Reimer Bustorff einst so pragmatisch aus der Taufe gehobene Label Grand Hotel Van Cleef wie kaum ein anderes Plattenlabel in den letzten Jahren um den deutschen Musiknachwuchs verdient gemacht. Und: Der 39-Jährige Wahlberliner, der ursprünglich aus dem norddeutschen Kleinstadtkaff Hemmoor stammt, lässt seine Schnodderschnauze stets mit am Gitarrengurt hängen, trägt dabei seine Ansichten offen zur Schau und das große Herz – ’nen Zehner ins Phrasenschwein! – am rechten Fleck. Thees ist, wie er eben ist. Eine Rampensau, ein Enthusiast, ein Vollblutmusiker. Nach dem Quasi-Split seiner Stammband Tomte (das letzte Album „Heureka“ erschien 2008) nahm er also das Heft selbst in die Hand, suchte sich neue Mitmusiker und trat 2011 mit dem selbstbetitelten Debütalbum erstmal solo (quasi) und unter eigener Namensflagge (vollkommen) in Erscheinung. Dass die darauf enthaltenen elf Stücke sich dann klanglich nicht allzu weit vom bisherigen Tomte-Œuvre entfernten, darf gern als Indiz für die beständige Unverstelltheit Uhlmanns genommen werden. In den Texten hatte sich jedoch so Einiges getan: Der bekennende St. Pauli-Fussballfanatiker ging lyrisch deutlich persönlicher zu Werke als noch zu Tomte-Zeiten, in denen wohl keine Phrase kryptisch und verschachtelt genug sein konnte. Rückbesinnung auf die Heimat, Anekdoten vom Unterwegssein und aus dem Großstadtleben, für die das universelle Pathos, welches noch auf Tomte-Alben wie „Buchstaben über der Stadt“ allgegenwärtig schien, Platz machen musste – zog da etwa Altersmilde in seine Berliner vier Wände mit ein, startete Uhlmann im Alleingang gar den „Ausverkauf“ (das warf ihm zumindest die Spex vor)? Uhlmann konterte all das mit der ihm eigenen Nonchalance: „Coolness über 35 Jahre ist meiner Meinung nach ein sehr zweifelhaftes Lebenskonzept.“ Ganz klar: Das Debütalbum war vor zwei Jahren eine der gelungensten deutschsprachigen Veröffentlichungen –  Singer/Songwriter-Rockpop, der sich nicht vor Melodien mit Herz, Verstand und Wiedererkennungswert scheute. Punk ist eben immer noch das, was man selbst draus macht…

Thees Uhlmann #1

Dass Thees Uhlmann auch heutzutage keine müden Euro auf seine „Hopp oder Top“-Außenwirkung geben würde, war zu erwarten. Und so bietet das erneut recht simpel „#2“ (sprich: „Nummer zwei“, scheiß auf den Hashtag!) betitelte zweite Solowerk nun eben elf neue Stücke im bereits gewohnten Klangkosmos, deren Neuerungen man wohl erst bei mehrmaligem Hören heraus filtert. Keinesfalls zufällig steht wohl etwa „Zugvögel“ am Anfang der neuen Platte, bietet der Song doch die größten Schnittmengen mit Uhlmanns (Ex)-Stammband. Im darauf folgenden „Die Bomben meiner Stadt“ trifft Thees dann schon auf Jesus als verwirrten Straßenmusiker und paart den Full-Band-Sound mit cleverem Text („Und die Bomben meiner Stadt machen ‚boom‘, ‚boom‘, ‚boom‘ / Und vor der Apokalypse zieh‘ ich mich erstmal um / Man will ja nach was ausseh’n, wenn mann vor den Schöpfer tritt / Weißes T-Shirt, Lederjacke / Und die Bluejeans kneift im Schritt“), Oh-ho-ho-ho“-Chören mit den feinen Background-Gesangserwiderungen von Keyboarderin Julia Hügel. Überhaupt: Bomben, Krieg… vs. Natur, Einöde und Heimat – Uhlmann scheint auf seinem zweiten Soloausflug den Kontrast zu lieben, stellt fiktiven Kriegsszenerien (wie im genannten „Die Bomben meiner Stadt“ oder dem Hammond-Orgel-fixierten „Im Sommer nach dem Krieg“) immer wieder beschauliche Natureindrücke wie in „Zugvögel“ oder „Der Fluss und das Meer“ gegenüber. Dazwischen schreibt der Mann kleine Verbrüderungshymnen wie „Es brennt“ („Wir schmeißen ein Streichholz in den Vulkan / Was wir lieben, schreiben wir auf Zettel, zünden sie an / Ich bin der, der nachts mit der Fackel zu Dir rennt / Und es brennt / Und es brennt / Und es brennt“), lässt in „Am 07. März“ Historisches wie Persönliches Revue passieren, schildert in „Weiße Knöchel“ das harte Realitätsbrot des unbeugsamen einfachen Mannes oder schreibt in „Kaffee & Wein“, das entfernt an die Akustiknummern der New Jersey-Punkrocker von The Gaslight Anthem erinnert, poetisch gegen die eigenen (Genuss)Dämonen der Schlaflosigkeit an („Kaffee und Wein reichen sich die Hand / Und sagen zu sich: ‚Diesen Mann bringen wir um den Verstand.‘ / Und dann tanzen sie zusammen in seinem Kopf / Und singen ein Lied / An Schlaf ist nicht zu denken / Nat King Cole singt ‚Blue Moon‘ / Dass das nicht klappt hat mit uns zu tun / Kannst nicht bleiben, musst immer reisen / Wir haben einen exzellenten Ruf zu verlier’n in schlechten Kreisen“). Wer Parallelen zum „Boss“ (sprich: zu Bruce Springsteen) ziehen mag, der darf das gern bei „Zerschmettert in Stücke (Im Frieden der Nacht)“ – wenn man so will der „Streets Of Philadelphia“-Moment auf „#2“ – tun (obendrein baut der Song nach eine lyrische Brücke zu Falco!). Alles in allem richtet sich der Blick des Musikers diesmal weniger nach Innen hinein und mehr auf Umfeld- und Umweltbetrachtungen. Auf den typischen „Uhlmann-Moment“ (insofern es den überhaupt gibt) muss man bis zum letzten Song warten, denn erst im Abschluss „Ich gebe auf mein Licht“ singt der Frontmann endlich wieder jene so vor Pathos triefenden Zeilen, für die man ihn (unter anderem) so liebt: „Wir war’n wie Brooklyn und Manhattan / Doch diese Brücke bricht / Und das Buch wird jetzt geschlossen und das ohne Happy End / Du hast gesagt, dass du mich nicht mehr erkennst / Ich gebe auf mein Licht / Kamera, Action, Applaus, das Licht geht an und wir gehen nach Haus“ – Schöner und heller kann man eine Platte kaum beenden. Wundervoller auf keinen Fall.

Thees Uhlmann #2

Wo also steht Thees Uhlmann mit seinem Zweitwerk? Nun, vor allem beweist er, dass er und seine Band auf dem erneut gemeinsam mit Ex-Miles und -Monta-Chef Tobias Kuhn aufgenommen „#2“ noch enger zusammengerückt sind, denn allen Solo-Ambitionen zum Trotz ist das aktuelle Album noch immer eines: eine vollwertige Bandplatte. Dass man dem Enddreißiger aus Auftritten in Frühstücksfernsehsendungen und seinem Herz auf der Zunge einen vorwurfsvollen Strick drehen möchte, ist am Ende ebenfalls mehr als irrsinnig. Denn obwohl die nahezu runde Produktion viele der losen Ecken und Kanten der Vergangenheit vermissen lässt (und sich mancher in der ein oder anderen der 45 Minuten die rauen Rockhymnen von Tomte zurück wünschen mag), darf man Uhlmann auch dieses Mal zu deutschen Texten gratulieren, die beidfüßig und galant im Hier und Jetzt stehen, ohne je peinlich zu wirken. Natürlich hat Thees Uhlmann längst das Springsteen-Kompliment für sich übernommen und spielt diese Karte immer wieder – und nie ohne ein kleines selbstironisches Zwinkern – für sich aus – man denke da nur an das ikonografische Cover seines Solodebüts vor zwei Jahren! Man mag auch Einiges in den Fakt hinein zu deuten wissen, dass „Uhlo“ dem Hörer damals noch bildhaft den gitarrenbewaffneten Rücken zuwandte, während „die wohl Rock’n’RollI’igste Zahnlücke der Bundesrepublik“ diesmal klampfespielend in die Kamera blickt. Und wo Springsteen einst als sinnsuchender junger Mann „Born to Run“ war, ist Thees Uhlmann 2013 wohl „Born to Be“ – schöner dabei war lange keiner. Wohlfühlen ist strengstens erlaubt, die Pathos-Parolen schmieren längst andere an die WG-Kühlschränke. Und schließlich ist das Herz immer noch der stärkste Denkmuskel, oder?

Thees Uhlmann

 

Beim Kauf von „#2“ gilt in jedem Fall zu beachten, dass das aktuelle Album in verschiedenen Versionen erschienen ist: in der regulären Variante, in der Doppel-CD-Variante (die außerdem noch ein komplettes, in der Hamburger Großen Freiheit aufgenommenes Konzert enthält), in der Digipack-Variante (inklusive Live-CD und DVD), sowie in der digitalen iTunes-Version, welche das Tote Hosen-Cover „Liebeslied“ enthält. Man(n) hat also die Wahl, und  anhand der den physischen Albumvarianten beiliegenden Rubbellose sogar noch etwas Glück…

 

Wer Thees Uhlmann und Band in den kommenden Tagen und Monaten auf den Konzertbühnen der Bundesrepublik erleben möchte, der bekommt hier die Gelegenheit:

live

Einen ersten Eindruck von „#2“ kann man sich anhand der Musikvideos zu „Die Bomben meiner Stadt“…

…und „Am 07. März“ verschaffen:

Rock and Roll.

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