Schlagwort-Archive: The Winter Of Mixed Drinks

Sunday Listen: Scott Hutchison – Live beim Acoustic Lakeside Festival 2014


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Foto: Susi Ondrusova

Zum Abschluss der ausgedehnten Scott-Hutchison-Tribute-Woche auf diesem bescheidenen Blog (wäre der Anlass kein so trauriger, hätte ich gern an anderer Stelle mehr über den Mann geschrieben, von dem – mal als Kopf von Frightened Rabbit, mal als lautstarker Fronter seiner erst unlängst erstmals in Erscheinung getretenen „All-Star-Band“ mastersystem – in den letzten Jahren ohnehin oft die Rede war) möchte ich euch ein recht besonderes Konzert ans Hörerherz legen.

Im Juli 2014 spielte Scott Hutchison eine Solo-Show beim – vergleichsweise beschaulichen – Acoustic Lakeside Festival im österreichischen Sittersdorf. Die Tatsache, dass er erst kurz vor Konzertbeginn, und mit zwölf Stunden Anreise in den schottischen Knochen, auf dem Festivalgelände ankam und demzufolge wenig Zeit hatte eine Setlist vorzubereiten, macht diese Show – zusätzlich zu dem Fakt, dass Hutchison eher selten ohne Mitmusiker von Frightened Rabbit und Co. auf Konzertbühnen stand – so besonders, schließlich spielt der trotz Anreisestress bestens aufgelegte Musiker viele Publikumsfavoriten von FR-Alben wie „The Midnight Organ Fight“, „The Winter Of Mixed Drinks“ oder „Pedestrian Verse“, aber auch selten gehörte Songperlen wie „Fuck This Place“ und „Scottish Winds“…

Besser noch: Niko Springstein hat das Konzert für einen Blog auf (digitalem) Tonband gebannt (sic!) und bereits vor etwa vier Jahren in bester Soundboard-Qualität zum Download verfügbar gemacht. Merci dafür auch noch einmal von ANEWFRIEND, welcher euch den tollen, gut einstündigen und 14 Songs starken Konzertmitschnitt hiermit wärmstens empfiehlt.

Cheers, Scott!

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Setlist:
01 Intro
02 Fuck This Place
03 Holy
04 The Twist
05 My Backwards Walk
06 Living In Colour
07 Intro
08 Scottish Winds
09 Head Rolls Off
10 Backyard Skulls
11 Intro
12 Old Old Fashioned
13 Intro
14 Swim Until You Can’t See Land
15 Good Arms vs Bad Arms
16 The Woodpile
17 The Loneliness And The Scream
18 Keep Yourself Warm

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Frightened Rabbit – „Nothing Like You“


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Was tun nach einem in vielen Belangen qualitativen wie emotionalen Über-Album wie „The Midnight Organ Fight„? Nun, die Schotten um Frontmann Scott Hutchison legten 2010 mit „The Winter Of Mixed Drinks“ einen Nachfolger vor, der zwar ebenfalls nicht gen Firmament zu jauchzen vermochte (welch‘ Wunder!), musikalisch jedoch – der unverhofften Aufmerksamkeit hinsichtlich des zwei Jahre zuvor veröffentlichten Vorgängers sei Dank – mit einem hörbaren Plus an Bläsern, Streichern, Klavieren und tief mollenden Paukenschlägen ums Eck bog – windschiefer indierockender Schotten-Pop, wenn man so will.

6f6d1f64b5fae03dcd9fa295a4210312--logo-google-rabbit.jpgDass das Ergebnis – vor allem in der Rückschau (und auch da stimmte Scott Hutchison kürzlich meiner Einschätzung zu) – etwas unrund gerät und vor allem eine Band zeigt, die, im stetigen Wandel begriffen, ihren Weg sucht, macht allerdings wenig aus, schließlich enthält „The Winter Of Mixed Drinks“ mit den Singles „Swim Until You Can’t See Land„, „Living In Colour“ und vor allem „Nothing Like You“, welches vor allem textlich quasi die den Mittelfinger weit nach oben streckende Antithese zum gestrigen „Song des Tages“, „My Backwards Walk„, bildet, mindestens drei ewige Evergreens des Frightened Rabbit’schen Backkatalogs…

 

Hier gibt es das offizielle…

 

…und alternative Musikvideo zu „Nothing Like You“…

 

…sowie den Song live beim iTunes Festival 2012:

 

„This is a story and you are not in it, uh huh
Flock of pages torn out
Here is a bedroom that you’ve never been in and
Here is your shovel, there’s the ground

Look, two lovers covered in covers, uh huh
I can put us to bed tonight
I am bruised but she is dressing my wounds
Night nursing a broken man

She was not the cure for cancer
And all my questions still ask for answers
But there is nothing like someone new
And this girl, she was nothing like you

After waking up post-operation
I found I’ve come in a dream again
All the pain, almost as painful as ever but
Something in me was not the same

At night during dreams of submission
I could claw back my heart and soul
As the size of the tumor diminishes
Slowly fill that black hole

She was not the cure for cancer
And all my questions still ask for answers
But there is nothing like someone new
And this girl, she was nothing like you

She was not the cure for cancer
And all my questions still ask for answers
But there is nothing like someone new
And this girl, she was nothing like you

There is nothing like someone new
And this girl, she was nothing like you
There is nothing like someone new
And this girl, she was nothing like you, whoa“

 

Rock and Roll.

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Angst essen Hase auf – Scott Hutchison ist tot.


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Foto: REX/Shutterstock

Was macht man, wenn Worte fehlen? Wenn einen manche Tage – Sonnenschein hin, Regen her – einfach nur traurig machen? Ich für meinen Teil würde raten: Setzt Kopfhörer auf und lasst Musik eure Sprache sein! Und ebenjene „Sprache“ tönte in den letzten knapp zehn Jahren immer wieder von Songs aus der Feder von Scott Hutchison – ausgestattet mit massig herzwarm-bitterem Sarkasmus sowie breitestem schottischem Akzent.

 

 

Im Rückblick ist es kaum zu glauben, dass mich die Stücke von Frightened Rabbit (Scotts 2003 ins Leben gerufene Hauptband), Owl John (sein Solo-Pseudonym, unter dem er 2014 einen Alleingang wagte) sowie jüngst Mastersystem (der famos lärmende Versuch einer schottischen „Supergroup“ gemeinsam mit seinem Bruder Grant, der auch bei Frightened Rabbit am Schlagzeug sitzt, sowie Justin Lockey von den Editors und dessen Bruder James von Minor Victories) bereits seit einer Dekade treu begleiten und immer wieder aufs Neue begeistern… Und: Ja, das lag (und liegt) vor allem an Scott Hutchisons feinem Gespür für kleine wie große Melodien, über welche er Zeilen über das Leben legte, die vom Rinnsal der Gosse erzählen, jedoch nie den Hymnus vergessen, der einen beim Blick in den blauen Himmel befällt. Ich kann kaum die Male zählen, die mir Frightened Rabbit’sche Alben wie das just zehn Jahre jung gewordene „The Midnight Organ Fight„, „Pedestrian Verse“ (anno 2013 ANEWFRIENDs „Album des Jahres“ und auch nach gefühlt 12.456 Durchlaufen in der Heavy Rotation noch immer so großartig wie an Tag eins, und noch tiefer ins Hörerherz gegraben) oder zuletzt das im vergangenen Jahr erschienene „Painting Of A Panic Attack“ bereits den mentalen Allerwertesten gerettet haben. Wie sehr mich Songs wie „Holy„, „My Backwards Walk„, „I Wish I Was Sober„, „Swim Until You Can’t See Land„, „Keep Yourself Warm„, „State Hospital“  oder „Good Arms vs. Bad Arms“ noch heute begeistern, während ich bei anderen (ungleich leiseren) Vertretern wie „If You Were Me“ oder „Die Like A Rich Boy“ nie ohne Träne im Anschuss hindurch komme. Dass Scott Hutchison im Verbund auch durchaus mit hochgezogener Lautstärke zu überzeugen wusste, durfte ich anhand des erst vor wenigen Wochen erschienenen Mastersystem-Debütwerks „Dance Music“ feststellen, welches drauf und dran ist, (s)einen berechtigten Platz in der diesjährigen ANEWFRIEND’schen Jahresbestenliste zu finden…

Scott Hutchisons Texte haben eine Qualität, eine bittersüße Direktheit, welche den geneigten Hörer bis tief ins Mark treffen können. Wer gerade frisch getrennt ist, wird bei Zeilen wie „I am armed with the past, and the will, and a brick / I might not want you back, but I want to kill him“ (aus „Good Arms vs. Bad Arms“) unweigerlich und überschwänglich die Faust ballen, bevor einen eine trotzig-lakonische Frage wie „Are you a man or are you a bag of sand?“ (aus „Swim Until You Can’t See Land“) wieder in die Zukunft blicken lässt. Mit diesen Trademarks stechen Hutchisons Stücke selbst aus der nicht schwachen schottischen Indierock-„Konkurrenz“ (The Twilight Sad, There Will Be Fireworks, We Were Promsied Jetpacks, Aereogramme, Campfires In Winter etc. pp.) heraus. Zumindest für mich und mein Hörerherz.

RABBIT

Da Scott Hutchison – aller spröden Herzlichkeit und schottischen Bodenständigkeit zum Trotz – in der Vergangenheit nie als Ballermann’sche Frohnatur bekannt war, war die Nachricht, als ihn Familie und Bandmitglieder vor zwei Tagen als vermisst meldeten, keine gute, sondern eine durchaus besorgniserregende – gerade in Verbindung mit ebenjenen (nun letzten) Zeilen, die Hutchison wenig vorher via Twitter postete: „Be so good to everyone you love. It’s not a given. I’m so annoyed that it’s not. I didn’t live by that standard and it kills me. Please, hug your loved ones.“ („Seid gut zu allen, die ihr liebt. Dies ist keine Selbstverständlichkeit, und das widert mich an. Nach diesem Standard habe ich selbst nie gelebt, und das bringt mich um. Bitte umarmt eure Liebsten.“). Kurz darauf schob er noch ein „I’m away now. Thanks“ nach, verließ nachts sein Hotel in Edinburgh – und verschwand…

Wie heute bekannt wurde, handelt es sich bei der Leiche, die die schottische Polizei bei der Suche nach Scott Hutchison am gestrigen Donnerstagabend an einem Küstenabschnitt in der Umgebung von South Queensferry fand, um den schottischen Musiker. Die Todesumstände sind (zumindest noch) genauso unklar wie die Antwort auf die Frage, welche Rolle Hutchisons Depressionen, mit denen er zeitlebens zu kämpfen hatte, dabei spielten. Dass ebenjene Zeilen, die er vor zehn Jahren in „Floating In The Forth„, dem Quasi-Abschluss von „The Midnight Organ Fight“, sang, jetzt auf geradezu gruselige Art und Weise Realität wurden, wird einen das Album nie mehr ohne Gänsehaut hören lassen… Und am Ende steht nur eines fest: Scott Hutchison ist tot. Und hat im Alter von 36 Jahren viel, viel zu früh die gesellige Bierseligkeit des kleinen Pubs um die Ecke verlassen. Mit ihm verliert die schottische Musikszene einen ihrer besten Songschreiber.

 

„And fully clothed, I float away
(I’ll float away)
Down the Forth, into the sea
I think I’ll save suicide for another day…“

(aus „Floating In The Forth“)

 

Wenn mir – auch in Zukunft – die Worte fehlen, dann werde ich meine Kopfhörer aufsetzen – und deine Songs haben. Danke dafür, von Herzen. Mach’s gut, Scott! Fuck it. Aye… cheers, mate!

 

 

„If I leave this world in a loaded daze
I can finally have and eat my cake…“

 

(Durchaus treffend formulierte Nachrufe haben auch der britische „The Guardian“ oder „The New Yorker“ zu bieten, während der „Mirror“ – natürlich – das Augenmerk auf die Ereignisse als solches legt…)

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Menschen, die unter Depressionen leiden und Suizidgedanken haben, finden bei der Telefonseelsorge online oder telefonisch unter den kostenlosen Hotlines 0800-1110111 und 0800-1110222 Telefonseelsorge rund um die Uhr Hilfe. Die Beratungsgespräche finden selbstredend anonym und vertraulich statt.

Angehörige, die eine nahestehende Person durch Suizid verloren haben, können sich an den AGUS-Verein wenden. Der Verein bietet Beratung und Informationen an und organisiert bundesweite Selbsthilfegruppen.

Leute, passt bitte auf euch und eure Mitmenschen auf! Gebt Liebe, wannimmer ihr Liebe geben könnt. Alles, was uns bleibt, ist das Jetzt…

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Rock and Roll.

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Das Album der Woche


Ein Album, das hier auf ANEWFRIEND in aller Ausführlichkeit angekündigt und mit maximaler Spannung und Vorfreude erwartet wurde. Logische Konsequenz: es ist das aktuelle „Album der Woche“…

 

Frightened Rabbit – Pedestrian Verse (2013)

Frightened Rabbit - Pedestrian Verse (Cover)-erschienen bei Warner Music-

Eine musikalische Politik der kleinen Schritte. So könnte man den Werdegang des schottischen Quintetts Frightened Rabbit wohl am ehesten umschreiben. War der 2007 erschiene Erstling „Sing The Greys“ noch ein bandgewordener Mittelfinger an das gemeinsame Scheitern vorm ersten Erfolg, so nutzte Frontmann Scott Hutchison das darauf folgende „The Midnight Organ Fight“ (2008 veröffentlicht, wurde von ANEWFRIEND hier ausgiebig gewürdigt) zur grandios bitteren Cold Turkey-Rekonvaleszenz von einer gescheiterten Beziehung, um im dritten Album „The Winter Of Mixed Drinks“ (2010) langsam die Jalousien beiseite zu ziehen, einen Blick nach draußen zu wagen und endlich die alten Kumpels von der Stammkneipe gegenüber wieder zu gemeinsamen Hugs ’n‘ Drinks zu treffen.

Frightened Rabbit #1

Im neuen Album „Pedestrian Verse“ wagt er nun einen weiteren kleinen Schritt vorwärts. Im heimischen Glasgow begibt er sich auf einen Spaziergang, einfach, um zu sehen, was er in all den Jahren der Selbstreflexion, der innerlichen Gesundung, ja beinahe der persönlichen Festigung so alles verpasst hat. Und das, was er nun sieht, bringt zwar keineswegs seine vorgefertigte Welt ins Wanken, bestürzt in jedoch schon ein klein wenig. Bereits in „Acts Of Man“, dem ersten Song des vierten Albums, sieht er allerhand Gespenstisches vor seinen Augen: teigig-bleiche Landsleute, bis ins Mark pervertierte Gestalten, latent Gewalttätige und deren tatenlose Opfer, Lügner, Feiglinge, Liebe mit sichtbarem Verfallsdatum – „Not here, not here / Heroic acts of man“. Kein Heiland, nirgendwo. Und wie schon in der Vergangenheit – und das wird auch bei den folgenden Stücken des Albums immer wieder deutlich – kann Hutchison nicht anders, als sich (s)einer bohrenden Selbstreflexion zu unterziehen: „I never wanted more to be a man / And build a house around you / I’m just like all the rest of them / Sorry, selfish, just trying to improve / I’m here, I’m here / Not heroic but I try“. Nein, er mag sich keineswegs über all diese Abscheulichkeit erheben, aber zumindest gibt er sein Bestes. Und so ballt er die Hände in den Manteltaschen zu Fäusten, während ihn ein kalter Winterwind frösteln lässt und so noch die letzten Erinnerungen an selige Sommertage zum Erfrieren bringt („December’s traditions suck the last of summer from our cheeks / Draws the curtains / Strips the trees“ – „December’s Traditions“). Er passiert Straßenzug um Straßenzug dieses ewig gleichen Backsteingraus, kann in seinem Unterbewusstsein die in den Hinterhöfen vergrabenen Familienleichen kehlig auflachen hören, welche wissen, dass jedes dunkle Geheimnis irgendwann wieder ans fahle Licht kommen wird („Backyard skulls / Not deep enough to never be found“ – „Backyard Skulls“). Er fühlt sich unverstanden und von der ihm janusköpfig erscheinenden Gesellschaft verraten („Stop acting so holy / I know I’m full of holes /…/ Don’t care if I’m lonely / ‚Cause it feels like home“ – „Holy“). Natürlich hat er bereits zaghafte Hilferufe nach Zweisamkeit fern von der grausam-grauen „Welt da Draußen“ von sich gegeben („I’m trapped in an collapsing building / Come find me now / We’ll hide out / We’ll speak in our secret tongues / Will you come back to my corner / Spent too long alone tonight / Would you come brighten my corner / A lit torch to the woodpile high“ – „The Woodpile“). Doch wo soll er denn bitte Zuflucht suchen? Worauf soll er vertrauen? Auf die Kirche etwa? Da, wo scheinheilige Würdenträger ihren eigenen Messwein saufen, nur um daraufhin von den heiligen Wassers des Sees Genezareths zu predigen? Nein, Gott ist tot – oder kann ihm zumindest gestorben bleiben („There isn’t a God, so save your breath“ – „Late March, Death March“). Lieber läuft er grimmig pfeifend nachts durch die eisigen Gassen, mit dem Bewusstsein, dass eine Gesellschaft wie diese, aller modernen Patina zum Trotz, ebenso tot sein muss, wie er sich in seinem Verlorensein, seiner Heimatlosigkeit so oft in der letzten Zeit gefühlt hat („I’m dead now, check my chest and you’ll see /…/ I’m dead now, can you hear the relief /…/ We’re all dead now, join hands and we’ll sing / To the glory of hell and the virtue of sin“ – „Dead Now“). Er ruft sich das Bild eben jener jungen Frau wieder ins Gedächtnis, die er kürzlich auf einer Parkbank sitzen sah. Aus ihren freudlosen Augen meinte er ihr gesamtes Schicksal lesen zu können. Dass sie bereits als Säugling jegliche Chancen auf ein erfüllendes Leben verspielt hatte („Brought home to breathe smoke in arms of her mother“ – „State Hospital“), schließlich einen dieser grobschlächtigen Kerle heiratete, dem sie seitdem nur als bessere Putzkraft dient, und so mit den Jahren nach Innen und Außen abhärtete. Und doch: kann dies wirklich das Ende der Evolutionsfahnenstange sein? Muss wirklich alles und jeder in solch einer vorgezeichneten Unglückssackgasse enden? Während sich die Sonne im Himmel über ihm vorsichtig durch die dichten Regenschleier kämpft, ist er sich sicher: „But if blood is thicker than concrete, all is not lost“. Für die kurzen Momenten des Glücks benötigt er nämlich keineswegs viel: „Shut down the gospel singers and turn up the old heartbreakers / I’m dying to tell you that I’m dying here“ („Nitrous Gas“). Scheiß auf all die große Show, den tumben Zirkus da draußen! Lass es uns einfach noch einmal wie früher machen, die alten Platten auflegen und reden! Nicht mehr…

Und so macht er sich auf seinem Spaziergang durch die heimatlichen regennassen Gassen Gedanken über die gewaltige moralische Schieflage der Gesellschaft (etwa im Bonus Track „Snow Still Melting“), erträumt für Andere Möglichkeiten, aus ihrem einheitlich engen Alltagsgrau auszubrechen („Escape Route“, ebenfalls ein Bonus Track) und kommt – der alte Romantiker, der er nun mal ist – immer wieder auf all die Lieben, auf all die Liebeslieder in seinem Leben zurück. Natürlich ist er keineswegs frei von Fehlern und Trugschlüssen, aber wie hätten denn, bitteschön, Andere an seiner Stelle gehandelt („Time passes / Except the blame / And I except that you might never care to see me again /…/ But may I ask, and answer honestly: What would you have done if you were me?“ – „If You Were Me“, der beste der drei Bonus Tracks). Am Ozean angelangt, träumt er sich hinaus auf die weite See. Nein, dieses Mal wird er nicht versuchen, gegen die rauen Wellen anzuschwimmen! In einem Boot sieht er sich diesen zementgrauen, Seelen fressenden Betonriesen entkommen. Wohin? Egal, nur weit, weit weg von hier… Noch besteht Hoffnung („There is light but there’s a tunnel to crawl through / There is love but its misery loves you / I’ve still got hope so I think we’ll be fine / In these disastrous times, disastrous times“), auch wenn diese keine Siebenmeilenstiefel trägt.

Frightened Rabbit #2

Frightened Rabbit gehen auf „Pedestrian Verse“, welches als ihr viertes Werk auch gleichzeitig ihr – vielerorts mit Befürchtungen behaftetes – Major Label-Debüt darstellt, ausgerechnet einen Schritt zurück von den nicht selten hymnischen Arrangements des vor drei Jahren erschienen Vorgängers „The Winter Of Mixed Drinks“. Auf den zwölf neuen Songs (beziehungsweise 15 Songs in der Deluxe Edition) geht das schottische Quintett meist deutlich kompakter zu Werke. Natürlich sind sie noch da, diese Passagen, in denen Scott Hutchison und Co. zur großen Umarmung ausholen, und man selbst nicht anders kann, als sich die Glaswegians auf eine gemeinsame, freundschaftliche Pint her zu wünschen. Natürlich bieten Frightened Rabbit auch 2013 ihre höchst eigene Variante des schottischen Indie Rocks auf, der schon die Vorgänger zu Stück für Stück ganz nah ans Herz wachsenden Kleinoden machte, und verfeinern das musikalische Basiskonstrukt aus Gitarre, Schlagzeug und Bass mal mit seltsam vergnügt im Hintergrund flirrenden Synthesizern („Backyard Skulls“), einer Orgel („Escape Route“), gepfiffenen Melodien („Late March, Death March“) oder Backgroundchören („Nitrous Gas“). Natürlich dürfen die Gitarren ab und an zu kurzen, schneidenden Solos durchstarten (etwa in „The Woodpile“ oder in „Dead Now“). Doch trotz aller Eingängigkeit, mit welcher sich die Vorab-Songs „State Hospital“, „Dead Now“ (Hämmerndes Piano! Scheidendes Gitarrensolo! Beißende Synthesizerlineine!) und „The Woodpile“ bereits in die Gehörgänge der nach neuen Stücken lechzenden Hörerschaft gefressen haben, stehen auch auf „Pedestrian Verse“ Scott Hutchisons clever-lakonische Texte – übrigens nach wie vor völlig zu recht – im Vordergrund. Und nachdem in „The Oil Slick“, diesem kleinen Inferno, bei welchem sich die Band gemeinsam mit Bläsern zu einer musikalischen Monsterwelle aufschwingt, nur um nach und nach zu verebben, die Vögel anfangen, den Hörer aus diesem 43-minütigen (oder 53-minütigen, bezieht man die drei folgenden Bonus Tracks mit ein) Winterspaziergang zu zwitschern, weiß man: es ist alles okay. „Pedestrian Verse“ dient als vollkommen gelungene Bestandsaufnahme – vom Zeitgeist, von der Gesellschaft, vom intakten Verhältnis der Band. „Pedestrian Verse“ erzählt kleine Geschichten, die all jene, welche genauer hinhören, so schnell nicht mehr loslassen werden. Dass ausgerechnet dieses Album voller Anti-Hymnen für die Schotten einen Durchbruch à la Snow Patrol (die immerhin auch aus Glasgow stammen) bedeuten dürfte, darf stark bezweifelt werden. Aber Frightened Rabbit pfeifen darauf! Und gehen mit „Pedestrian Verse“ zwei kleine Schritte zurück, nur im Anlauf für den nächsten beherzten großen Satz zu holen…

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Wer sich das Album vorab im Stream zu Gemüte führen möchte, der kann das noch immer hier tun…

In einem früheren Artikel berichtete ANEWFRIEND bereits über den Kurzfilm „Here (The Highlands Film“, welcher die Band während ihrer Mini-Tour durch einige abgelegenere Orte ihrer schottischen Heimat begleitet (und der Deluxe Edition von „Pedestrian Verse“ nun auf DVD beiliegt).

 

Die dem Album 2012 vorausgegangene „State Hospital EP“ kann man sich hier anhören…

 

Und hier die drei Videos zu „State Hospital“…

 

…“Dead Now“…

 

…und „The Woodpile“…

…sowie hier die NME-Session des Bonus Tracks „If You Were Me“ ansehen.

 

Rock and Roll.

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Frightened Rabbit – „HERE (The Highlands Film)“


Highlands Tour

Nebelbehangene Landschaften, bei welchen sich satte, in Morgentau getränkte Wiesen und schroffe Gebirgsformationen die geografische Klinke in die rauen Hände drücken, schlechtes Wetter, bei welchem man mehr Tiere als Menschen antrifft – so stellt sich bekanntlich der „National Geographic“-geschädigte Ausländer die schottischen Highlands vor. Und in genau diese Käffer zwischen all dem, in Orte, von denen unsereins wohl noch niemals gehört hat (Ullapool? Tobermory? Aviemore? Strathpeffer? – Macht’s ‚klick‘? Sag‘ ich’s doch!), begab sich das schottische Indierock-Qunintett von Frightened Rabbit während ihrer „Highlands Tour“ im April 2012. Die Ziele: Songs, welche man kurz darauf für den Nachfolger zum erfolgreichen Zweitling „The Winter Of Mixed Drinks“ im Studio aufnehmen wollte, live antesten – „You can sit in a rehearsal room and rehearse for five days solid for twelve hours and there’s nothing like playing it in front of an audience.“, wie Sänger Scott Hutchison meint -, neue Spielfreude entwickeln, neue Seiten der eigenen Heimat entdecken und – wohl kaum unwichtiger – auch einmal bei denjenigen Fans vorspielen, welche bisher nicht die Gelegenheit hatten, sich von den Livequalitäten von Frightened Rabbit zu überzeugen.

Glücklicherweise haben die Jungs (beziehungsweise: ihre Crew) während der Mini-Tour die Kamera mitlaufen lassen. Entstanden ist mit „Here (The Highlands Film“ ein 17-minütiger Kurzfilm, welcher zwar die Reisebroschürenklischees vom Schottland jenseits der „großen“ Städte wie Glasgow oder Edinburgh alles andere als entkräftet (wozu auch?), jedoch schöne Bilder, kurze Einblicke ins Tourleben, Statements von allen Bandmitgliedern und Akustikversionen der Songs „State Hospital“ und „Fuck This Place“ bietet… Feine Sache.

Frightened Rabbit

Wer ANEWFRIEND bereits seit einiger Zeit verfolgt, dem wird mein Faible für schottischen Indierock – und besonders für die Jungs von Frightened Rabbit – aufgefallen sein (und alle anderen lesen bitte das hier). Die vor Kurzem erschienene „State Hospital EP“ als Appetizer, als Überbrückung der (viel zu langen) Wartezeit bis zum nächsten Album gedacht. Das Problem: auch diese Songs sind wieder einmal fast durchgängig fantastisch geraten! (Man entschuldige mir meine gepflegte Absage an die Wahrung der kritischen Distanz, denn nichts ist schöner als großartige Musik und Euphorie!) Zum Glück ist das dritte Album „Pedestrian Verse“ bereits aufgenommen, abgemischt und in trockenen Studiotüchern und wird am 4. Februar 2013 erscheinen. Wer – wie ich – die langen drei Monate dazwischen überbrücken muss, dem bleiben zum Glück die grandiosen Vorgänger – und massig entdeckenswerte schottische Musikerkollegen (Empfehlungen stellt euch ANEWFRIEND bei Interesse gern aus)…

Szene aus "Here"

 

Hier kann man sich „Here (The Highlands Film)“ zu Gemüte führen…

 

…ebenso wie den Albumausblick „Dead Now“:

 

Und da man von Frightened Rabbit wohl nie genug bekommen kann, hier noch die tollen Videos zu „The Loneliness And The Scream“…

 

…“Nothing LIke You“…

 

…und „State Hospital“ (welches bereits auf ANEWFRIEND zu sehen war):

 

Noch immer nicht genug? Dann könnt ihr euch hier die bereits erwähnte „State Hospital EP“…

 

…und die „A Frightened Rabbit EP“ in kompletter, digitaler Form anhören (und zweitere über die Homepage der Band im Tausch gegen eine E-Mail-Adresse auch frei für’s Abspielgerät herunterladen!):

 

Rock and Roll.

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Zu kurz gekommen… – Teil 7


Eigentlich ist es ja Sommer. Und doch entlädt der Himmel an diesem Sonntag scheinbar alle verfügbaren Wasserreserven auf diesen Flecken Erde an der holländischen Grenze… Was gibt es da Besseres, als euch eins meiner liebsten Alben der letzten Jahre ans Hörerherz zu legen, dessen Songs zwar bereits Einsätze in US-Serien wie „Grey’s Anatomy“ oder „Chuck“ auf der Habenseite verbuchen konnten, das jedoch in Gänze meines Erachtens nach immer noch – und völlig zu Unrecht! – „zu kurz gekommen“ ist…
 

Frightened Rabbit – The Midnight Organ Fight (2008)

-erschienen bei Fat Cat/Rough Trade-

„A cripple walks amongst you / All you tired human beings / He’s got all the things a cripple has / Not working arms and legs / And vital parts fall from his system / And dissolve in Scottish rain / Vitally he doesn’t miss them / He’s too fucked up to care / Well, is that you in front of me? / Coming back for even more of exactly the same / You must be a masochist to love a modern leper / On his last leg.“ Mit diesen Zeilen beginnt „The Modern Leper“, der erste Song von „The Midnight Organ Fight„, dem 2008 veröffentlichten zweiten Album der schottischen Band Frightened Rabbit. Und wer genau hinhört, der wird schnell merken, dass es sich bei diesem Album um vertonte Trennungsbewältigung handelt. Doch bei aller oberflächen Jammerigkeit bekommt man zu keiner Zeit den Eindruck, es hier mit fünf vom Liebesschicksal gebeutelten Trauerklößen zu tun zu haben. Denn hinter dem Akustikgitarrengerüst mit Bandsoundaufbau steckt so viel mehr: Trotz, Wut, Unverständnis, Eifersucht, verletzter Stolz – und die Gewissheit, dass man(n) letztendlich auch ohne die ehemals Angebetete weitermachen wird. Doch vorher gilt es, einen Abschluss zu finden. „I decided this decision some six months ago / So I’ll stick to my guns, but from now on it’s war / I am armed with the past, and the will, and a brick / I might not want you back, but I want to kill him“ singt Sänger Scott Hutchison etwa in „Good Arms vs. Bad Arms“ und gibt schlussendlich zu: „I’m not ready to see you this happy / … / I’m still in love with you (can’t admit it yet)“. Die 14 Songs des Albums sind dabei keinesfalls in chronologischer Abfolge zu betrachten, vielmehr sind sie spontan aufglimmende Erinnerungsirrlichter von einem, der betrunken durch die regnerischen Straßen Glasgows stolpert, in der Hoffnung, nun endlich auch noch die letzten Kopfkinobilder der gemeinsamen Zeit und der Ex mit ihrem verhassten Neuen in Flammen aufgehen zu sehen. Und so ziehen die Abende, die beide schweigend vor dem Fernseher verbrachten, jeder für sich in der Hoffnung, dass der andere die Routine durchbräche, das Radio anschalte und mit einem innig eng umschlugen ganz altmodisch durch die Wohnung tanze („Old Old Fashioned“), vor dem nicht mehr klaren inneren Auge vorbei. An den immerwährenden Wunsch nach menschlicher Nähe und Geborgenheit, selbst wenn die Motive des Gegenübers ganz trivialer Natur sind („The Twist“). Es wird an der Liebe gezweifelt, an der eigenen Liebenswürdigkeit, an Gott („Head Rolls Off“), gar am Leben und dessen Sinnhaftigkeit selbst („Floating In The Forth“).

Völlig sturztrunken wird schließlich der finale Schlussstrich versucht („I’m working on erasing you / Just don’t have the proper tools / I get hammered, forget that you exist / There’s no way i’m forgetting this“), nur um am Ende wieder im eigenen Erbrochenen vor der Tür der Ex aufzuwachen. Und selbst, wenn man(n) doch noch für stumpfen Erinnerungssex hereingelassen wurde, steht doch die Gewissheit im Raum, dass bei aller Körperlichkeit und Vertrautheit zwei in den beschmutzten Laken liegen, deren Ende längst in allen Büchern steht, denn „It takes more than fucking someone to keep yourself warm“ („Keep Yourself Warm“). Am nächsten Morgen grüßt ihn dann ein übermächtiger Kater, und das kalte, von den regennassen Straßen reflektierte Licht bringt die Einsicht, dass irgendwann die Gefühle absterben und somit alles einfacher wird, obwohl stets eine letzte Restnaivität bleibt, dass das, was der Neue ihr nun gibt, nie und nimmer mit dem vergleichbar sein wird, was er selbst ihr hätte geben können („Poke“). Und trotz der Tatsache, dass Hutchison im letzten Song „Who’s You Kill Now?“ singt „Who’d you push down the stairs last night? / I would have liked to have been a part of that…“, kann man die letzten Zeilen aus „Poke“ als finales Statement sehen: „And now we’re unrelated and rid of all the shit we hated / But I hate when I feel like this and I never hated you“. Der Protagonist ist auf „The Midnight Organ Fight“ sicherlich weit entfernt davon, seinen Frieden mit der Ex-Freundin und der eigenen Abservierung zu machen, er erkennt jedoch, dass sich irgendwo am Ende dieses Gefühlschaos‘ ein kleines Licht versteckt und auch sein Herz irgendwann die Fähigkeit entwickeln wird, zu heilen.

Doch es sind nicht allein Scott Hutchisons schockierend offenen Texte, die dieses 48-minütige Album zu etwas Besonderem machen, und von denen man so einige gut als Mahnung an eine Verflossene, besonders hässlich an die Wand gegenüber ihrer Wohnung geschmiert, verwenden könnte. Die übrigen Bandmitglieder Grant Hutchison, Billy Kennedy, Andy Monaghan und Gordon Skene spielen dazu aufrüttelnden Indierock, der an den richtigen Stellen zupackt, den Sänger und dessen Intentionen wirkungsvoll unterstützt und auch mal mit dezenter Elektronik (etwa in „The Modern Leper“), Chorgesängen oder Trompeten (zum Beispiel in“I Feel Better“) überrascht – mehr als einmal muss man an Snow Patrol zu ihren besten Zeiten (sprich: bevor sie versuchten, wie ein müder Coldplay-Abklatsch zu klingen) denken.

Dass die großen kleinen Hymnen von „The Midnight Organ Fight“ kein Eintagsfliegen-Zufallsprodukt waren, bewiesen Frightened Rabbit 2010 mit ihrem dritten Album „The Winter Of Mixed Drinks„, das zwar ein wenig von der Bitterkeit des Vorgängers verloren hatte, jedoch immer noch unter den Spätfolgen einer/(der?) Trennung litt und somit (rein textlich) immer noch genug Gift und Galle spucken konnte, um jede Partystimmung im Keim zu ersticken.

Im August 2012 wird die Band aus dem schottischen Glasgow ihr viertes, noch unbetiteltes Album veröffentlichen. Und eins steht – zumindest für mich – fest: auch das werde ich lieben.
 

Hier „I Feel Better“ in Bild und Ton…

 
…und eine live aufgenommene Version von „Keep Yourself Warm“:

 
Wer mehr Eindrücke hinsichtlich der Live-Qualitäten der Band gewinnen möchte, der kann sich das Album „Quietly Now! Midnight Organ Fight Live..“ zulegen, bei welchem Hutchison & Co. das Album in Gänze auf der Bühne darbieten, oder bei peenko.blogspot.com vorbeisurfen, welcher einen kompletten Konzertmitschnitt der Band, aufgenommen 2010 in Portland, bereithält.

 
Rock and Roll.

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