Schlagwort-Archive: The Driftwood Singers

Das Album der Woche


Christian Lee Hutson – Quitters (2022)

-erschienen bei ANTI Records-

Singer/Songwriter Christian Lee Hutson sieht auf eine Art und Weise gut aus, die Fremde dazu verleitet, ihn vorschnell mit ungleich berühmteren Leuten zu verwechseln. So soll es bereits mehrfach vorgekommen sein, dass er mit vermeintlichen Fans für Selfies postierte – und die trotz seiner Proteste darauf bestanden, dass er der britische Schauspieler Dan Stevens sei. Geboren und aufgewachsen im kalifornischen Santa Monica, zählt Hutson unter anderem Phoebe Bridgers und Conor Oberst zu seinen Freunden, die beide auf seinem aktuellen Album „Quitters„, wie bereits beim Vorgänger, als Produzenten auftreten. Außerdem war er eine Zeit lang als Tourgitarrist für Jenny Lewis unterwegs, nachdem diese ihn dazu einlud – und das, obwohl er nicht einmal eine E-Gitarre besaß. Mit seinen blonden Locken und blauen Augen wirkt er wie die Charaktervorlage aus einem Alexander-Payne-Film, wie der attraktive Typ, dem immer nur Gutes zu passieren scheint. Hollywood – etwas Traumjägerfabrik, umso mehr schöne Fassade…

Die Realität ist jedoch zum Glück ungleich interessanter. Bevor er zu Bridgers‘ kreativem Zirkel stieß, der sich im Grunde mal hier, mal da immer wieder gegenseitig bei neuen Sachen unterstützt, und 2020 mit seinem dritten Album „Beginners„, seinem ersten bei ANTI Records, den Quasi-Durchbruch schaffte, trat Hutson als Teil der Roots-Alt.Country-Band The Driftwood Singers in Erscheinung und spielte jahrelang in Weinbars vor einem Publikum von „zwei Leuten, die höflich sein wollten“. Davor verbrachte der 31-jährige Musiker zudem eine gefühlte Ewigkeit als gescheiterter Americana-Sänger, komplett mit falschem Akzent und entbehrungsreicher Hintergrundgeschichte, um dem zu entkommen, was er seine „beschissene kalifornische Stimme“ nennt. Mit anderen Worten: Hutson scheint mit jener Art von echtem Selbsthass „gesegnet“, dem nur die größten Singer/Songwriter anheim fallen, und er verbrachte Jahre damit, sich mühsam einen Weg durch die innere kreative Ödnis zu bahnen, um seine wahre Stimme zu finden. Kaum verwunderlich also, dass er die Songs von „Beginners“ gemeinsam mit Phoebe Bridgers und Conor Oberst bis zu fünf oder sechs Mal in verschiedenen Stilen und Arrangements aufnahm, bis er wusste, dass er ihre Essenz getroffen hatte.

„Phoebe ist meine beste Freundin, und die Aufnahmen von ‚Beginners‘ mit ihr waren so angenehm und einfach, deshalb wollte ich wieder mit ihr arbeiten. Conor dabei zu haben, diente dem Zweck, jemanden zu haben, den ich als Texter wirklich respektiere und der meine Ängste lindern konnte.“ (Christian Lee Hutson)

Was das kreative Trio eint, ist die gemeinsame Verehrung des großen, fraglos zu früh verstorbenen Elliott Smith – und vor allem im Fall von Christian Lee Hutson braucht es nur wenige Sekunden eines beliebigen Songs, um das zu erkennen. Sowohl auf „Beginners“ als auch auf „Quitters“ singt er in (s)einem ganz ähnlichen intim-nahebaren Flüsterton und nimmt die Saiten seiner Akustikgitarre mit der gleichen Intensität auf wie ein Naturdokumentarist, der jeden einzelnen Grashalm aus jeder erdenklichen Perspektive zu filmen scheint. Zudem scheint sich auch Hutson zu den kalifornisch hell tönenden, oberflächlich hübsch anmutenden Klängen und Harmonien hingezogen zu fühlen, die Elliott Smith anno dazumal aus dem Ärmel schüttelte, als er zu DreamWorks wechselte, um „XO“ und „Figure 8„, seine letzten Alben zu Lebzeiten, aufzunehmen, und sich all die Beatle’esk anmutenden zusätzlichen Gitarrenparts und Streicherarrangements zunutze machte, die er sich nach dem plötzlichen Major-Erfolg von „Miss Misery“ leisten konnte. Und ähnlich wie Smith scheint sich auch Hutson unterhalb der in Schönklang sterbenden Oberfläche seiner Stücke zu winden und ein ums andere Mal mit der Gehaltlosigkeit des zwischenmenschlichen Umgangs im Künstler-Molloch Los Angeles zu fremdeln. A singular ode to melancholy.

Dass „Quitters“ deutlich kohärenter ums Eck kommt, hat den einfachen Grund, dass „Beginners“ noch eine Sammlung an Stücken bot, die sich über einen Zeitraum von zehn Jahren angesammelt hatten (schließlich erschien der Vorgänger „Yeah Okay, I Know“ bereits 2014). Für das ganz good old fashioned analog und auf Band aufgenommene neue Album startete Hutson also vor einem weißen Blatt Papier – und mit allerlei Inspirationen durch Scott McClanahans 2017 erschienenen Roman „Sarah.„, welcher seinerseits bereits mit ein paar denkwürdigen Sätzen beginnt: „Ich weiß nur eine Sache übers Leben. Wenn du lang genug lebst, fängst du an, Dinge zu verlieren. Alles wird dir weggenommen: Zuerst verlierst du deine Jugend, dann deine Eltern, dann verlierst du deine Freunde, und am Ende verlierst du dich selbst.“ (Interessierten sei der Roman mit seiner wunderbar schnoddrigen Übersetzung von Clemens Setz wärmstens empfohlen.)

Vereinte „Beginners“ noch zehn Kleinode und Abgesänge am Rand des Erwachsenwerdens, konzentriert sich Christian Lee Hutson bei den dreizehn Songs des aktuellen Langspielers, den nicht nur die titelgebende Klammer mit seinem Vorgänger eint, vermehrt auf die Ängste und Komplikationen des Älterwerdens. So ist das unter Verschluss gehaltene Lachen, das „Quitters“ ankündigt, ein Lachen, wie man es am Ende von John Huston-Filmen findet, ein Lachen der Resignation, aber auch des Loslassens – und irgendwie, irgendwie ein kosmisches Lachen, das unausgesprochen „Kalifornien“ zu implizieren scheint, seit eh und je ja ein Ort, an dem sich einsame Menschen wie desillusionierte Vögel versammeln.

Eröffnen darf „Strawberry Lemonade“, eine anekdotische, traumverhangene Aneinanderreihung des Schmerz-Erlebens, die sich nach anfänglicher, zu gezupfter Akustikgitarre vorgetragener Zurückhaltung erst behutsam, dann immer windiger auftürmt. Meg Duffy alias Hand Habits steuert ein brauchbares Solo bei, Conor Oberst schreit im Hintergrund, Hutson liefert zudem eine der vielen gleichsam wahren wie tollen Textzeilen: „Pain is a way you can move through time / Visit people that are gone in your mind„. Das folgende „Endangered Birds“ fängt diese Aufruhr wieder ein und stellt Fingerpicking neben weiträumige Streicherläufe, während „Rubberneckers“ zwar nicht weniger träumerisch, dafür pickepackevoll gepackt mit feinen Melodien tönt und Hutson gemeinsam mit Phoebe Bridgers im nahezu kraftvollen Refrain gegen Schlagzeug und Herzschmerz ansingt. Ein heimlicher Hit.

Die erste Strophe von „Age Difference“ verbringt er damit, sich in die Gedankenwelt eines unglücklichen, möglicherweise recht widerwärtigen Mannes in seinen Dreißigern hineinzuversetzen, der sich zwar mit einer viel jüngeren Frau vergnügt, die eigene Mißmutigkeit dabei jedoch nicht ad acta legen kann: “I think I was suicidal before you were even born”. Es ist die mikroskopische Charakterisierung einer präzisen Art von Widerling, aber Hutson verkompliziert die Skizze sogar noch und macht ihn mithilfe weniger weiterer Worte zu einem fast schon sympathischen Beobachter: “You watch your family drink the Kool-Aid / Powerless to stop them / First time as an adult that you wish you had been adopted”. Der Song endet mit einem schwermütigen Bild des Fieslings, der versucht, die jüngere Wegbegleiterin aufzumuntern: “Do my impression of John Malkovich critiquing food in prison / At first it isn’t funny, then it is, and then it isn’t”. Nur wenige Folk-Lyriker können auf so engem Raum so klare Porträts zeichnen; noch weniger können sie so natürlich mit so langatmigen Melodien unterlegen – vieles hier lässt, neben dem natürlich unvermeidlichen Elliott Smith, an Große wie etwa Cat Stevens, Paul Simon oder The Nationals Matt Berninger denken. Ausgestattet mit (s)einer wahnsinnig guten Beobachtungsgabe, darf man sich Christian Lee Hutson gern auf einer Parkbank sitzend vorstellen, von der aus er dem Alltag um ihn herum folgt, den kleinen wie großen Dramen, die das Leben so schreibt. Oder wie er ein Mikroskop auf ein herbstlich gezeichnetes Blatt richtet, um all Linien, alle Feinheiten zu erkennen. Oder wie er, bewaffnet mit Notizbuch und Stift, vom Tisch eines kleinen Cafés aus die Leute an der Kasse eines nahen Lebensmittelladens beobachtet – und aus alledem Songs verfasst, die kurzgeschichtenhaft in medias res gehen, manches Mal zwar im ersten Moment wie eine recht lose Aneinanderreihung von Gesprächsfetzen erscheinen, sich dann jedoch wie ein cleveres Kreuzworträtsel voll gepfiffener Melodien zusammenfügen.

Das Beste: Hutson, der sich auch verdammt gut aufs Covern fremder Kompositionen versteht (wie die drei im vergangenen Jahr veröffentlichten „The Version Suicides„-Singles beweisen), weiß mit derlei Qualitäten immer wieder zu überzeugen. Fast scheint es, als könne man einen beliebigen Song von „Quitters“ wählen, um im Anschluss mit etwas geradezu schmerzhaft Präzisem belohnt zu werden. In „Sitting Up With A Sick Friend“ etwa legt er einmal mehr die Szenerie fest: der Erzähler liegt wach auf der Couch eines Freundes und wundert sich über dessen unerklärliche Vorliebe für ein schreckliches Wandgemälde. „I have to figure out how to get rid of this stuff“, singt er, und plötzlich ist man sich nicht mehr sicher, ob der kranke Freund noch lebt oder der Erzähler in Gedanken zu dem Moment vorspult, in dem er die Verantwortung für dieses schreckliche Gemälde übernehmen und über dessen Schicksal entscheiden wird.

Wie jeder, der fesselnde, in Songs gewandelte Geschichten in der Ich-Form erzählt, legt auch Hutson den Verdacht nahe, dass es sich bei all diesen traurigen Säcken, verlorenen Seelen, hoffnungslosen Säufern und nostalgischen Ex-Freunden – zum Teil – um eine Version seiner selbst handelt. Die stets vorhandene Lakonie in seiner Stimme macht ihn dabei zum undurchschaubaren Hütchenspieler – nie weiß man genau, ob er einen anprangert, seine unsterbliche Liebe beteuert oder sich entschuldigt. Was aus seinen Liedern am deutlichsten herauszuhören ist, ist der Überdruss – nahezu jede Figur auf diesem Album gesteht irgendeine Version davon, sei es der Freund, der sich manchmal wünschte, er würde einfach „zufällig sterben“ (in „Sitting Up With A Sick Friend“) oder die Figur, die einen handfesten Streit mit einem Partner unterbricht, um, wie in „State Bird“, anzumerken: “There’s an eyelash on your left cheek / I wanna tell you, but you’re yelling”. Im Grunde sind alle großen Schriftsteller Elstern und Diebe, die am Ende des Tages allein vor ihren Tastaturen, Schreibmaschinen und Notizbüchern enden. Hutson schlüpft semiautobiografisch in die Haut seiner Charaktere wie ein findiger Einbrecher, stiehlt jedem von ihnen etwas gefühlt Unersetzliches und bildet aus dem Diebesgut eine durch und durch gelungene Dreiviertelstunde voller melancholisch-nebelverhangener Alltagsfluchten, prall gefüllt mit halb erinnerten Momenten verlorenen geglaubter Leben.

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,
%d Bloggern gefällt das: