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Song des Tages: Amanda Palmer – „Black Boys On Mopeds“


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Amanda Palmer covert Sinéad O’Connor. Gut, an sich nichts Besonderes, immerhin hat Palmer, für mich seit jeher eine der faszinierendsten, talentiertesten, integersten, spannendsten und sowieso tollsten Personen im Musikgeschäft (die Fanboy-Brille bekomm‘ ich wohl nicht mehr weg), schon immer viel und gern Stücke anderer Künstler für sich neu interpretiert: Radiohead, Black Sabbath, Neutral Milk Hotel, Velvet Underground, The Portal Service, Lana Del Rey, Nirvana, Ben Folds Five…, unlängst auch David Bowie, Bat For Lashes‘ „Laura“ und das unsterbliche „Purple Rain“ von the artist formally known as Prince.

Dass sich die 40-jährige Wahl-New-Yorkerin und On/Off-Frontfrau der Dresden Dolls im Rahmen des kürzlich erschienenen Albums „You Got Me Singing„, welches sie während ihrer Schwangerschaft gemeinsam mit ihrem Vater Jack einspielte, nun nebst elf weiteren Fremdkompositionen einem beinahe 30 Jahre alten Stück von Sinéad O’Connor annahm, dürfte – das merkt der geneigte Fan recht schnell – seine Gründe haben. Hat es auch. Denn jeder, der mal tiefer als „Nothing Compares 2 U“ (hier schließt sich übrigens ein weiterer Kreis, denn kein Geringerer als Prince ist Autor dieses Welthits) in die Diskografie von O’Connor hineingehört hat, weiß, dass die von ihr selbst verfassten Texte nicht selten brillant sind und die 49-jährige irische Musikerin viel mehr zu bieten hat als all die Skandälchen und (w)irren Aktionen, mit denen Sinéad Marie Bernadette O’Connor seit Jahren von sich reden macht. Bestes Beispiel eben: „Black Boys On Mopeds“.

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Obwohl O’Connor das Stück irgendwann Ende der Achtziger als Reaktion auf die sowohl politisch wie gesellschaftlich mit allerhand Sprengstoff angefüllte Lage in Großbritannien (und das nicht nur metaphorisch!) schrieb, hat „Black Boys On Mopeds“ – vor allem in globaler Hinsicht – auch fast dreißig Jahre danach nichts von seiner Aktualität verloren. Margaret Thatcher mag seit drei Jahren tot und beerdigt sein, doch mit Theresa May hat Great Britain nun wieder eine Premierministerin. An die Schlagzeilen, die der gewaltsame Tod des 21-jährigen schwarzen Jugendlichen Colin Roach anno 1983 hervorrief, mag sich wohl heute kaum noch jemand erinnern. Doch auch 2016 sind rassistisch motivierte und geprägte Straftaten (und dabei ist es – Pardon my French – scheißegal, ob gegen Weiß, Schwarz, Gelb, Grün oder welche Hautfarbe auch immer) leider noch immer mehr traurige Normalität denn Ausnahme. Überall auf der Welt gibt es Unruhen, werden friedliche Proteste gewaltsam niedergeschlagen, Menschen erst ausgebeutet und dann unterdrückt. Zeilen wie „These are dangerous days / To say what you feel is to dig your own grave“ mögen eine Ahnung von O’Connors damaliger Weitsicht vermitteln, die jener von Amanda Palmer nicht ganz unähnlich ist, denn auch sie setzt sich seit jeher gegen soziale Missstände ein. Mal mit großen Worten, mal mit kleinen Taten. Eine davon mag gewesen sein, ihre Version von „Black Boys On Mopeds“ mit aufs aktuelle Album, dass durch die Stimme ihres Vaters beinahe eine intime Atmosphäre à la „American Recordings“ (of Johnny Cash fame) generiert, zu nehmen…

 

Das komplette Album, „You Got Me Singing“ mit Vater Jack Palmer, kann wie gewohnt auf Amanda Palmers Bandcamp-Seite angehört und für ’nen schlanken Dollar (welcher lediglich die Tantiemen für die Fremdkompositionen abdeckt) digital erstanden werden, denn immerhin lässt sich Palmer seit einiger Zeit von ihren treuen Fans via Patreon unterstützen:

 

Und da Sinéad O’Connors eigene Variante von „Black Boys On Mopeds“, das auf dem 1990 erschienenen Erfolgsalbum „I Do Not Want What I Haven’t Got“ zu finden ist, keineswegs zu verachten ist, hier eine Live-Version, welche die irische Musikerin im selben Jahr in der „Late Show“ zum Besten gab:

 

„Margaret Thatcher on TV
Shocked by the deaths that took place in Beijing
It seems strange that she should be offended
The same orders are given by her

I’ve said this before now
You said I was childish and you’ll say it now
‚Remember what I told you
If they hated me they will hate you‘

England’s not the mythical land of Madame George and roses
It’s the home of police who kill black boys on mopeds
And I love my boy and that’s why I’m leaving
I don’t want him to be aware that there’s any such thing as grieving

Young mother down at Smithfield
5 am, looking for food for her kids
In her arms she holds three cold babies
And the first word that they learned was ‚please‘

These are dangerous days
To say what you feel is to dig your own grave
‚Remember what I told you
If you were of the world they would love you‘

England’s not the mythical land of Madame George and roses
It’s the home of police who kill blacks boys on mopeds
And I love my boy and that’s why I’m leaving
I don’t want him to be aware that there’s any such thing as grieving“

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: You Won’t – „Ya Ya Ya“


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Foto: Patrick Gookin / Promo

Bei manchen Bands hört man nur wenige Sekunden eines Stückes (oder schaut eben das dazugehörige Musikvideo) und schon kommen einem einerseits zig Assoziationen in den Sinn, während das Gehörte andererseits beinahe komplett anders klingt als so ziemlich alles, was bislang die eigenen Gehörgänge durchlaufen hat…

13102370_598515580323484_512113152_nSo kürzlich geschehen beim aus Massachusetts stammenden US-Indiefolk-Duo You Won’t und mir. Ist der Bandname noch herrlich nichtssagend, so merkt man bereits beim Coverartwork von „Revolutionaries„, dem kürzlich erschienenen zweiten Album von Josh Arnoudse und Raky Sastri, auf, zeigt dieses die beiden doch in klassischer Montur von Soldaten im US-Bürgerkrieg und mit weiß geschminkten Gesichtern. Dass Sastri eine Trommel vorm Latz geschnallt hat? Logisch, immerhin ist er im Zwei-Mann-Verbund auch fürs Schlagwerk und die Tasten zuständig. Dass Sänger und Gitarrist Arnoudse, der seinen kreativen Partner bereits um 1999 herum in der Musical-Gruppe der High School von Lexington, Massachusetts kennenlernte, ein Gummihuhn im Arm hält, zeigt, dass die beiden es so ernst kaum meinen können…

Und in der Tat schlagen You Won’t in den Songs von „Revolutionaries“ eine Brücke von Neutral Milk Hotel (dessen Frontmann Jeff Mangum kommt Arnoudse stimmlich – mit allen Ecken, Kanten und Brüchen – erstaunlich nahe, während die Musik – gar mit singenden Sägen in tragenden Rollen – ähnlich abenteuerlich ausgestaltet ist) zur tragisch-komödiantischen Seite des Musicals und – etwa im Musikvideo zur tollen Single „Ya Ya Ya“ – zum spinnerten Cabaret-Dresscode der Dresden Dolls. Kann man schwer beschreiben, muss man selbst gehört und gesehen haben haben… Und auch wenn nicht alle 15 Stücke des Albums das Niveau von „Ya Ya Ya“ halten können, so sind You Won’t, die bereits mit Bands und Künstlern wie The Lumineers, The Joy Formidable, Josh Ritter, Lucius und Deer Tick auf Tournee waren, doch ein echter Geheimtipp für all jene, die auf der Suche nach Folksongs mit definitiver Schräglage und humoriger Grundhaltung sind.

 

 

„So your mama was a mess sometimes
Took the keys away and told you you were boring
Well come sit and talk with me tonight
We can bore each other both until the morning

So your daddy was a poltergeist
Sent your little sister screaming down the hallway
Well I don’t know about the afterlife
But I can help you to forget about the old days

Ya Ya Ya
Ya Ya Ya

You say your body is a bad punch line
You’re sick of looking like a beast after a bombing
Well baby take a look at me sometime
Let me add a little yodel to your yawning

Ya Ya Ya
Ya Ya Ya

If you don’t believe me
And you’re left feeling hollow
Tie a tooth to a tree
Pull the string and I’ll follow

You say your brain is like a lost land mine
One false move and you could send the children flying
Well I can’t think of any reason why
I couldn’t add a little dancing to your dying

Ya Ya Ya
Ya Ya Ya
Ya Ya Ya
Ya Ya Ya“

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Amanda Palmer – „Have To Drive“


Foto: DeSha Metschke, via Wikimedia Commons

Foto: DeSha Metschke, via Wikimedia Commons

Amanda Palmer. An der Frau scheiden sich seit jeher die Geister (oder eben: die Gemüter). Die einen finden es inspirierend und mutig, was sich die 38-jährige Musikerin in voller Aufopferung für die Kunst in all den Jahren seit den Anfängen ihrer Stammband, den Dresden Dolls, die sie um die Jahrtausendwende herum gemeinsam mit Schlagzeuger Brian Viglione gründete, aufgebaut hat: eine Musikkarriere (sowohl mit Band als auch solo), stetig wachsende Bekanntheit als Bloggerin, Vorreitern für neue Musik-Vertriebswege (mehr Infos hier), neuerdings gar als erfolgreiche Buchautorin („The Art of Asking: How I Learned to Stop Worrying and Let People Help„, welches im Grunde auf ihrem motivierend ehrlichen TED Talk von 2013 basiert). Die anderen empfinden die Wahl-New Yorkerin als überkandidelte, penetrante Zumutung, als jemanden, der sich mit großen Worten und Gesten aufdrängt und Kunst scheinbar nur um der Kunst Willen schafft. Lieb‘ sie oder hass‘ sie – dazwischen passt beinahe kein Notenblatt.

Ich selbst stehe, das dürfte dem ein oder anderen Leser dieses Blogs wohl nicht entgangen sein, seit Jahren auf Seiten der Bewunderer von AFP („Amanda Fuckin‘ Palmer“, wie sie ihre Blog-Posts oft beendet). Das mag freilich vor allem an der Musik der Dame liegen, aber auch an ihrer Art, wie sie ihre Kunst an den Fan bringt, ihrer freigiebigen Herangehensweise im festen Glauben an ihre Musik und an das Gute im Menschen (so kann man ihre Soloalben seit jeher nach dem „Name your price“-Prinzip im Internet bekommen), ihrem stets engen und ehrlichen Kontakt, den sie mit ihren Zuhörern pflegt.

Eines meiner liebsten Solo-Stücke von Amanda Palmer ist „Have To Drive“, welches von ihrem 2008 veröffentlichten Solodebüt „Who Killed Amanda Palmer“ stammt. Anders als bei vielen anderen Songs der Dresden Dolls oder ihrer Soloaktivitäten (ihre derzeitige Begleittruppe nennt sich „The Grand Theft Orchestra“) ist bei dieser Ballade die Cabaret Punk-Instrumentierung zugunsten des Textes, in welchem Palmer von ihrer Gefühlslage am Ende eines schweren, grauen Tages erzählt, zurückgefahren. Wen das nicht berührt, ist vermutlich ein Stein. Und bei mir hält die Gänsehaut bereits gute sechs Jahre an…

Übrigens: Allen Interessierten bietet sich auf der frisch eingerichteten Internetseite „A Walk Through Amandalanda“ ein recht guter interaktiver Überblick über Amanda Palmers offizielle musikalische Aktivitäten seit 2004 – massig Info sowie Links zu allen Veröffentlichungen und Musikvideos inklusive…

 

 

„I have to drive
I have my reasons, dear
It’s cold outside
I hate the seasons here

I suffer mornings most of all
I feel so powerless and small
By ten o’clock I’m back in bed
Fighting the jury in my head

We learn to drive
It’s only natural, dear
We drive all night
We haven’t slept in years

We suffer mornings most of all
We saw you lying in the road
We tried to dig a decent grave
But it’s still no way to behave

It is a delicate position
Spin the bottle, pick the victim
Catch a tiger, switch directions
If he hollers, break his ankles to protect him

We’ll have to drive
They’re getting closer
Just get inside
It’s almost over

We will save your brothers
We will save your cousins
We will drive them
Far away from streets and signs
From all signs of mad mankind

We suffer mornings most of all
Wake up all bleary-eyed and sore
Forgetting everything we saw

I’ll meet you in an hour
At the car…“

 

Rock and Roll.

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Kunst mit Herz – Neues Amanda Palmer-Video zu „The Bed Song“


Textzeile aus "The Bed Song"

Ohne Zweifel: kaum jemand integriert die eigenen Fans heutzutage so sehr in den eigenen künstlerischen Schaffensprozess wie Amanda Palmer. Das war schon früher so, als sie sich als Pantomime tagtäglich den Augen der Öffentlichkeit stellte oder etwas später zusammen mit Kreativpartner Brian Viglione als Duo The Dresden Dolls musikalischen Seelenstriptease von Brecht-Weill’scher Güte auf den Bühnen der Welt betrieb. Und da für Palmer, die seit einiger Zeit musikalisch vor allem solo (beziehungsweise: unter eigenem Namen, den ihre Begleitband The Grand Theft Orchestra wird gleichberechtigt aufgeführt) agiert, Kunst bei aller Virtuosität und Hochgegriffenheit noch immer etwas ist, in das sie all ihr Herzblut steckt, teilt sie beinahe tagtäglich ihr komplettes Leben und ihre Gedanken mit ihren treu ergebenen Fans – sei es nun über ihren Blog, oder über Facebook, oder via Twitter, oder… .The Bed Song

Und da die Kickstarter-Kampagne zum letzten Album „Theatre Is Evil“ (war im September 2012 ANEWFRIENDs „Album der Woche„) ein voller Erfolg war, lässt es sich die 37-Jährige nicht nehmen, die kürzlich neu aufgenommene Version des Songs „The Bed Song“ samt komplettem (!) Album als digitale Version noch immer jedem Interessierten als „Pay What You Want“-Variante frei zulänglich zu machen (nämlich hier).

 

 

Selbstredend ist auch das dazugehörige Video zu „The Bed Song“, zu welchem Palmer das Script schrieb und Michael McQuilken Regie führte, wieder höchst großartig geraten und verleiht dem ohnehin schon tollen Song noch mehr berührende seelische Untiefen:

 

Hier gibt’s das Stück noch einmal in einer von Amanda Palmer dargebotenen „Home Performance“:

 

Rock and Roll.

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Das Album der Woche


Da mich der – selbstredend legal erworbene – digitale Download erst gestern erreichte, kommt ANEWFRIENDs aktuelles „Album der Woche“ dieses Mal mit Verspätung. Aber: es kommt. Und: es lohnt sich! Denn es ist ein Liebesgeständnis an eine besondere Frau…

 

Amanda Palmer & The Grand Theft Orchestra – Theatre Is Evil (2012)

-erschienen bei Cooking Vinyl/Indigo + im Selbstvertrieb-

Findige, der journalistischen Gilde angehörende Schreiberlinge haben es bekanntlich oft genug in den letzten Jahren in Druckerschwärze sowie digitale Nullen und Einsen setzen lassen: das Musikgeschäft ist tot, die Industrie am Ende und die Musikschaffenden in Zukunft unweigerlich – wahlweise – zum Bettlertum oder Malochen im „9 to 5“-Job verdammt. Nun, eine Dame namens Amanda MacKinnon Gaiman Palmer straft all diese vermeintlich hellsichtigen Köpfe zumindest in letzterem Punkt und beindruckendem Maße Lügen…

Denn nach der Trennung von ihrem bisherigen Label beschloss sie, ihr nun erschienenes zweites Soloalbum „Theatre Is Evil“ komplett über Kickstarter finanzieren zu lassen. Bedeutet: man mobilisiert in einem festgelegten Zeitraum ausreichend Fans und Interessenten, um eine bestimmte Schwellensumme zu erreichen, und bietet im Gegenzug eine Beteiligung am Projekt und/oder eine Gegenleistung (Gratis-Download, spezielle Editionen, handgefertigte Extras, exklusive Konzerte und/oder Meet & Greets…). In Palmers Fall waren es 100.000 benötigte Dollar innerhalb eines Monats. Ende Mai zählte die Seite 24.883 Unterstützer und die unglaubliche Rekordsumme von 1.192.793 Dollar, also mehr als das Elffache des veranschlagten Betrags! Wer Mrs. Palmer jedoch kennt und ihre Karriere, welche als Straßenkünstlerin und später als Frontfrau der Dresden Dolls ihren Anfang nahm, wachen Auges und Ohres betrachtet und belauscht, der weiß, dass diese bedingungs- und kompromisslos für Kunst, Individualität und künstlerische Freiheit lebende Frau wie wohl kaum eine andere auf ihre Fans bauen konnte und kann.

Amanda Palmer machte sich also sogleich mit Band, befreundeten Künstlern und Unterstützern ans Werk, nahm Songs auf, ließ thematisch an Albumkontexte gebundene Artworks anfertigen, trug Goodies als Albumbeilagen für ihre treuen Fans zusammen… und hielt, als berühmt-berüchtigte Bloggerin die Außenwelt stets auf dem Laufenden.

Doch die wichtigste Frage für den Hörer ist wohl: haben sich die vierjährige Wartezeit (ihr Solodebüt erschien 2008, weitere Veröffentlichungen der umtriebigen Musikerin hielten die zahlreichen Fans bei der Stange) und die finanzielle Beihilfe gelohnt? Nach dreizehn Songs (plus ein auf deutsch gesprochenes Intro, plus einem Zwischenspiel) in gut 70 Minuten kann man alle Zweifel mit einem eindeutigen „Ja!“ beiseite räumen. Zwar ist „Theatre Is Evil“ in großen Teilen so ganz anders als noch das gemeinsam mit Ben Folds geschriebene und aufgenommene „Who Killed Amanda Palmer“ (für welches sie einige Lieder, da sie wohl nicht in den Kontext ihrer Haupt-Zwei-„Mann“-Band The Dresden Dolls passten, bereits seit Jahren auf Halde liegen hatte), doch im Großen und Ganzen ist es eine faszinierende, unterhaltsame Bandplatte – nicht umsonst wird ihre neue Begleitband The Grand Theft Orchestra an allen Ecken und Ende gleichberechtigt erwähnt.

Bereits der erste Titel „Smile“ („Smile / You can forget about your life“) ist eine opulente Mutmachhymne, das darauf folgende „The Killing Type“ Rocksong und Pazifismusbekenntnis in augenzwinkernder Personalunion. „Do It With A Rockstar“ rockt – nomen est omen – den Hörer (respektive: die Hörerin) ordentlich durch und macht ein nicht ganz ernst gemeintes unmoralisches Angebot (schließlich ist Palmer seit gut einem Jahr mit dem nicht unbekannten und gleichsam kreativen englischen Autor Neil Gaiman verheiratet): „Do you wanna dance? / Do you wanna fight? / Do you wanna get drunk and stay the night? / Do you wanna smoke ‚till our throats are sore? / Make out and then talk and then make out some more?“. „Want It Back“ rückt Synthesizer und Piano ins instrumentale Rampenlicht und „Grown Man Cry“ feiert den Abgesang an die weinerliche, metrosexuell-unterdrückte Männlichkeit. Das Herzstück des Albums ist wohl „Trout Heart Replica“, in welchem Amanda Palmer, von Piano und Streichern begleitet, von den letzten Momenten im Leben einer Forelle (und – zwischen den Zeilen – davon, wie es ist, sich „in der Welt da draußen“ zurecht zu finden) singt. Das bereits erwähnte orchestrale Zwischenspiel „A Grand Theft Intermission“ ist, bei aller Textfreiheit, keineswegs eine Verschnaufpause und leitet den Hörer in „Lost“ hinein, welches davon, wie man zwar im Laufe der Zeit sowohl Dinge als auch Menschen verliert, jedoch alles und jeden eines Tages auf die ein oder andere Weise wiedersehen wird, erzählt („Nothing’s ever lost forever / It’s just caught inside the cushions of your couch / And when you’ll find it you’ll have such a nice surprise“). „Bottomfeeder“ beginnt entspannt und steigert sich furios, „The Bed Song“ ist der einzige Song, der Palmer solo an ihrem Hauptinstrument, dem Piano, präsentiert und, anhand fünf beispielhaft ausgewählter Lebenssituationen, das Auseinander- und Nebeneinanderherleben in einer Beziehung zweier Menschen nachzeichnet, die zwar – beruflich – alles zu besitzen glauben, jedoch die Zeit füreinander zu nebensächlich bemessen: „All the money in the world won’t buy you a bed / So big and wide / To guarantee that you won’t accidently touch me in the night“. In „Massachusetts Avenue“ besingt die 36-jährige, in Lexington, MA, geborene Künstlerin ihre Heimatstadt Boston, in welcher sich, Globalisierung und Urbanisierung zum Trotz, in bestimmten Ecken wohl nie etwas verändern wird („Even if the Russians came and named it something new / It would always look like Massachusetts Avenue“), „Melody Dean“ ist ihre Hommage an The Knacks „My Sharona„, „Berlin“ ihre ruhig beginnende und im Mittelteil und Großstadtdschungel in voller Band- und Orchesterbesetzung überbordende Ode an die deutsche Hauptstadt, „Olly Olly Oxen Free“ ein finaler Mittelfinger an übertriebene Ernsthaftigkeit und Erwartungshaltungen: „See no evil, hear no evil / Capture me and throw the key away“ – oder, wie es im Intro heißt: „Meine Damen und Herren, wie könnte ich meine Pulsadern aufschneiden, wenn ich nicht aufhören kann zu tanzen?“. Treten Sie näher, treten Sie ein! Amanda Palmer & The Grand Theft Orchestra erwarten Sie bereits! Ein neues musikalisches Kaleidoskop des Cabaret Punk und Vaudeville Rock in fünfzehn Akten! Lebensfreude! Sinnstiftende Unterhaltung! Attraktionen! Der Eintritt? Kostet die Sorgen des Alltags, kostet den Verstand! Treten Sie ein! Denn „Theatre Is Evil“!

Und wohlmöglich würde Amanda Palmer sich – und ihrem großen Herzen – untreu werden, würde sich nicht aus lauter Dankbarkeit und Glauben an ihre eigenen Qualitäten und das Gute im Musikhörer sofort ein frei wählbares Stück vom Kickstarter-Kuchen zurück geben, denn hier kann sich, wer will, das Album in Gänze komplett kostenfrei (!!!) herunterladen und im Nachhinein eine frei wählbare Summe für zukünftige Projekte der Künstlerin und ihrer Band beitragen. Oder das „Deluxe Package“ mit 40 (!) Minuten Bonus Material sowie einem 59-seitigen (!!) digitalen Booklet für minimal 1 Dollar (!!!) laden. Oder sich das zweite Solowerk über ihre Internetseite (oder eben, old school, im Laden des Vertrauens) als physischen Tonträger besorgen. Ihr habt die Wahl. Wer bei Angeboten wie diesen nicht zugreifen mag, darf sich hier gern als ignoranter Kleingeist bestätigt sehen.

 

Ich liebe diese Frau seit Jahren. Natürlich vor allem ihrer Musik wegen. Aber ebenso für ihre Art. Für ihre Ausstrahlung. Für all ihre Herzlichkeit, ihre Selbstironie, ihren unbedingten Willen, ihren Idealismus, ihren Ideenreichtum. „Theatre Is Evil“ ist „Win-Win“ auf jeder Ebene,  ein voller Erfolg für alle Parteien. Das Musikbusiness ist tot? Es lebe Kickstarter! Es lebe die Musik! Es lebe Amanda Fucking Palmer!

 

Wer mag, kann sich „Theatre Is Evil“ auch hier im Stream anhören…

 

…sich das, dem Titel entsprechend, recht blutig gestaltete Video zu „The Killing Type“ ansehen…

 

…oder das ebenfalls künstlerisch hochwertige Video zu „Want It Back“:

 

Rock and Roll.

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