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Song des Tages: The Chicks – „March March“


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Seit dem Tod des schwarzen US-Amerikaners George Floyd bei einem Polizeieinsatz in Minneapolis ist die Debatte um strukturellen Rassismus (vor allem, aber bei weitem nicht nur) in den gar nicht mal so Vereinigten Staaten von Amerika stärker entflammt denn je. Im Zuge dessen rückt auch der Gebrauch von sprachlichen Ausdrücken, die lange Zeit viel zu wenig, viel zu selten, viel zu oberflächlich hinterfragt wurden, wieder stärker in den Vordergrund. In den USA ist ein wichtiger Teil der Diskussion der immer noch verbreitete Gebrauch von Symbolen, die die Konföderierten Staaten von Amerika repräsentieren und die damit immer noch verbundene Romantisierung dieser Zeit.

0194397591019Und so wurde, ebenso wie die Country-Pop-Gruppe Lady A, die sich daraufhin entschloss, das „Antebellum“ wegzulassen, auch das US-amerikanische Country-Trio Dixie Chicks Teil der Debatte. Der Begriff „Dixie“ steht für den alten verredneckten Süden der US of A, weshalb in den letzten Wochen vermehrt der Ruf laut wurde, dass es für die Dixie Chicks an der Zeit wäre, ebenjenes „Dixie“ aus ihrem Namen zu streichen. Und siehe da: Natalie Maines, Emily Strayer und Martie Maguire entschieden sich tatsächlich, dem Ruf zu folgen und änderten ihren Namen – nach immerhin mehr als dreißig Jahren – kurzerhand in The Chicks. Ein Marketinggag oder schafsfrommer Zeitgeistrieb? Wohl kaum, schließlich ist die texanische Band schon seit einiger Zeit bekannt für ihren unermüdlichen Mut, sich in politisch relevanten Dingen zu äußern und entsprechend zu engagieren. Für die US-amerikanische Country-Szene mag dies eher ungewöhnlich sein, schließlich ist das Credo, sich hauptsächlich auf Heile-Welt-Unterhaltung zu konzentrieren und die eigene politische und soziale Meinung außen vor zu lassen, dort (leider) immer noch weit verbreitet. 2003 bekamen Dixie Chicks dies erstmals zu spüren, als Natalie Maines sich bei einem Konzert in London gegen den damaligen Präsidenten George W. Bush aussprach. Ihre Äußerung, „beschämt“ darüber zu sein, „dass der Präsident der Vereinigten Staaten aus Texas stamme“, führten zu landesweiten Protesten und Boykottaufrufen gegen die Band (wie man etwa auch in der drei Jahre später erschienenen sehenswerten Dokumentation „Shut Up & Sing“ sehen kann).

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Dass Dinge sich mit der Zeit doch ändern können, beweist, dass Dixie Chicks, nun The Chicks, immer noch da sind und Natalie Maines auch mit ihrer Meinung über den heutigen Präsidenten Donald Trump alles andere als hinterm Berg hält. Die Entscheidung für die Umbenennung begründeten The Chicks auf ihren Social Media Accounts kurz und knapp mit: „We want to meet this moment in history.“ Gleichzeitig veröffentlichten die drei das Musikvideo zu ihrer neuen, recht untypisch tönenden Single „March March“ (aus dem in diesem Monat erscheinenden neuen Album „Gaslighter„), das wohl nicht den geringsten Funken an Zweifel lässt, wo The Chicks mit ihrer Meinung stehen.

Übrigens mögen bestens informierte Musik-Geeks nun anmerken, dass der Bandname „The Chicks“ durchaus bereits besetzt sein mag – das verschweigen auch Natalie Maines, Emily Strayer und Martie Maguire nicht. Und fügen in einer Presserklärung selbst hinzu: „Unseren aufrichtigen und herzlichen Dank schicken wir ‚The Chicks‘ aus Neuseeland, für ihre freundliche Erlaubnis, dass wir ihren Namen teilen dürfen. Wir fühlen uns geehrt, dass wir in dieser Welt mit diesen so talentierten Schwestern co-existieren“, und sie schließen mit „Chicks rock!“. They do, indeed.

 

 

„March, march to my own drum
March, march to my own drum
Hey, hey, I’m an army of one
Oh, I’m an army of one
March, march to my own drum
March, march to my own drum
Hey, hey, I’m an army of one
Oh, I’m an army of one

 

Brenda’s packin‘ heat ‚cause she don’t like Mondays
Underpaid teacher policin‘ the hallways
Print yourself a weapon and take it to the gun range
(Ah, cut the shit, you ain’t goin‘ to the gun range)

Standin‘ with Emma and our sons and daughters
Watchin‘ our youth have to solve our problems
I’ll follow them, so who’s comin‘ with me?

(Half of you love me, half already hate me)March, march to my own drum
March, march to my own drum
Hey, hey, I’m an army of one
Oh, I’m an army of one
March, march to my own drum
March, march to my own drum
Hey, hey, I’m an army of one
Oh, I’m an army of one

 

Tell the ol‘ boys in the white bread lobby
What they can and can’t do with their bodies

Temperatures are risin‘, cities are sinkin‘
(Ah, cut the shit, you know your city is sinkin‘)

Lies are truth and truth is fiction
Everybody’s talkin‘, who’s gonna listen?
What the hell happened in Helsinki?

 

March, march to my own drum
March, march to my own drum
Hey, hey, I’m an army of one
Oh, I’m an army of one
March, march to my own drum
March, march to my own drum
Hey, hey, I’m an army of one
Oh, I’m an army of one“

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Los Coast & Gary Clark Jr. – „A Change Is Gonna Come“


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Foto: Kevin Womack

Die aus Austin, Texas stammende Band Los Coast hat eine gemeinsam mit Gitarrist Gary Clark Jr. aufgenommene Coverversion von „A Change Is Gonna Come“ veröffentlicht. Ihre Variante des Sam Cooke-Evergreens folgt ihrem im vergangenen Jahr erschienenen Psychedelic-Alt.Soul-Debütalbum „Samsara„, über welches der „Rolling Stone“ schrieb, dass dieses „den funky 1970ern zunickt und den Gospel-beeinflussten Gesang von Frontmann Trey Privott mit stetigen Grooves, fettem Keyboard und Wolken von Hall mischt.“ Aufgrund ihrer hypnotisierenden Live-Auftritte als Support von Gary Clark Jr., St. Paul & The Broken Bones und anderen, die der Band einiges an Aufmerksamkeit einbrachten, schrieb „NPR“: „Man mag nicht in der Lage sein, ihrem Sound ein Evergreen-Label aufzudrücken, aber die fünf Musiker werden sicherlich Ihren Puls in die Höhe treiben und Ihr Hinterteil im Handumdrehen zum ‚Schütteln‘ bringen.“ Mit ihrer Mischung aus Genres wie R&B, New Wave, Funk und Weltmusik haben Los Coast einen Sound geschaffen, der ihre enormen Einflüsse widerspiegelt und sie dabei zu etwas Einzigartigem macht.

717oVfiCXTL._SS500_Nun also feierte ihre Version von „A Change Is Gonna Come Come“ mit Gary Clark Jr. an den Saiten Premiere – eine durchaus dem Zeitgeist angepasste, aber ebenso bewegende und kraftvolle Interpretation des Cooke-Klassikers von 1964. In einem Gespräch mit „SPIN“ sagte Los Coast-Frontmann Trey Privott: „Wir haben uns letztes Jahr entschieden, unsere Version dieses Songs zu machen. Ich glaube, wir waren der Ansicht, dass wir, anstatt einen eigenen Song zu schreiben, viel lieber den Größen vor uns Tribut zollen wollten. Unser Produzent Jacob Sciba und ich begannen also mit der Arbeit an einigen Cover-Ideen. Wir dachten: ‚Lasst uns etwas von Sam Cooke nehmen!‘ Meiner Meinung nach ist er einer der besten Sänger der Geschichte, und ich habe seine Songs gesungen, seit ich 16 war. Wir waren Anfang des Jahres mit Gary Clark Jr. auf Tournee, und wir hatten beschlossen, dass wir bald gemeinsam an etwas arbeiten sollten. Jacob nahm Kontakt zu ihm auf, um zu sehen, ob er mitmachen wollte – und er sagte zu! Nachdem wir fertig waren, spielte Gary diese Benefizveranstaltung namens ‚Voices for Justice‘ mit The Chicks. Es war eine Benefizveranstaltung, um Menschen, die zu Unrecht für Verbrechen verurteilt worden waren, die sie nicht begangen hatten, Gerechtigkeit zuteil werden zu lassen. Danach erzählte mir Gary eine Geschichte über diesen Mann, der ihn aus dem Gefängnis anrief. Der Mann erzählte ihm, er habe sich jeden Tag ‚A Change Is Gonna Come‘ angehört, um die Hoffnung aufrechtzuerhalten, während er im Gefängnis saß. Solche Menschen gibt es überall in den Vereinigten Staaten in unserem Gefängnissystem. Darum geht es in dem Song. Er ist ein Schrei nach Gleichheit im Justizsystem. Er ist ein Plädoyer für eine faire Chance auf den amerikanischen Traum.“

Alle Einnahmen aus der Veröffentlichung von „A Change Is Gonna Come“ kommen DAWA zugute. Auf der Website der Organisation heißt es: DAWA ist ein Sicherheitsnetz für farbige Menschen, die sich in einer kurzfristigen Lebenskrise befinden. Genauer: für farbige Menschen, welche als Musiker, Künstler, Sozialarbeiter, Lehrer, Heilpraktiker oder in der Dienstleistungsindustrie arbeiten. Denn dies sind die Menschen, die tagtäglich hart für ihren Lebensunterhalt arbeiten und ihr Bestes geben, um anderen zu helfen – und dabei selbst oft das höchste Risiko für eine Krise der psychischen Gesundheit tragen.

 

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Hikes – „Extra Mile“ (feat. The Kraken Quartet)


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Kennste? Kennste? Kennste? Da hört man ein Album und findet auf Teufel komm raus keine passenden Worte für die Beschreibung des Klangspektrums. Wer’s nicht glauben mag, der lausche „Mahal Kita„, dem neusten Werk von Hikes, doch gern selbst…

Natürlich könnte man den Sound, den das seit 2010 bestehende Quartett aus Austin, Texas da in den neun Songs in die Klangrillen gefriemelt hat, durchaus als mal in Indierock-Spähren tänzelnden, mal dreampoppig-verträumt blinzelnden Math Rock beschreiben. Dennoch tönt jede Note aus der Feder von Nathan James „Nay“ Wilkins (Gesang, Gitarre), Colin Jenkins (Bass), Chris Long (Schlagzeug) und der wieder zur Band zurückgekehrten Co-Sängerin und Gitarristin Claire Puckett recht eigen, und ließe sich wohl am Besten als der kleine Stiefbruder von Minus The Bear (die melodiös-hakenschlagende Verspieltheit) und Circa Survive (der androgyne Gesang) beschreiben.

Dabei suchen Hikes für ihren „Experimental, nature-inspired Indie Math-Rock with a dash of Folk; Thelonious Punk“ (so die Selbstbeschreibung) durchaus eigene Pfade, zu denen wohl nicht jeder Hörer ohne Umschweife Zugang finden wird, laden sich zur Unterstützung auch mal das Atlys String Quartet (im folkigen „Graying“) oder die Marimba-Section des Kraken Quartet (im fröhlich rockenden „Extra Mile“) ins Studio ein. Anderswo duellieren sich jubilierende E-Gitarren und flinke Schlagzeugschläge, bevor der Vierer mit scheinbar traumwandlerischer Leichtigkeit bestbeste Post-Rock-Soundscapes entwirft. Der Plattentitel „Mahal Kita“, welcher in Tagalog, der Muttersprache von Wilkins‘ philippinischer Mutter, soviel heißt wie „Ich liebe dich“, könnte passender kaum gewählt sein, denn Liebe tönt hier aus so ziemlich jeder Note…

 

 

Via Bandcamp gibt’s das Album in Gänze im Stream:

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Cross Record – „I Release You“


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“What is your wish? What do you expect?” – Das selbstbetitelte dritte Album von Cross Record beginnt mit Emily Cross‘ fast schon körperloser Stimme, die aus einer Art jenseitigem Vakuum erklingt. In den drei Jahren seit ihrem letzten Langspieler hatte Cross eine Scheidung zu verarbeiten, mit dem Trinken aufgehört, ist – nach weniger erfüllenden Jobs als Nanny oder im Kundendienst verschiedener Unternehmen – eine Todesdoula geworden, hat den Beobachtungen spezialisierten Podcast „What I’m Looking At“ gestartet und ist mit Sub Pops Loma, dem Trio, das sie mit Dan Duszynski am Schlagzeug sowie Jonathan Meiburg (Shearwater) an Gitarre und Gesang gegründet hat, auf Tour gegangen. Bei Cross Record nimmt sie den Hörer wie eine klangvoll-jenseitige Sirene an die Hand und liefert eine sorgsam strukturierte Indie-Klanglandschaft voll meditativer Neugier, ähnlich wie bei Lows „Double Negative“, Broadcasts „The Noise Made By People“ und Radioheads „Kid A“ (während stimmliche Vergleiche zu Chan „Cat Power“ Marshall wohl am offensichtlichsten erscheinen).

BING150.jpgNach den quasi nebenbei entstandenen Aufnahmen des 2016 erschienenen Vorgängers „Wabi Sabi“ zu Hause zwischen Arbeit und Bett hat Emily Cross sich für das neuste Werk für einen etwas anderen Weg entschieden und das Album geschrieben, während sie in einem abgelegenen Teil der mexikanischen Küste lebte. Die kollaborative Atmosphäre des jüngsten Loma-Langspielers, die Cross dazu animierte, mit Klängen zu experimentieren, ihre Stimme zu verfremden und das Klare, Helle in bestimmten Momenten in einen Nebel der Vieldeutigkeiten zu hüllen, findet nun auch seinen Weg in die Stücke von „Cross Record„, welche die US-Musikerin aus Austin, Texas zu großen Teilen im Alleingang erschuf (und sich erst beim finalen Aufnahmeprozess in Los Angeles Hilf in Form von Multiinstrumentalist Andrew Hulett und Produzent Theo Karon mit ins musikalische Boot holte). Hier ist keine Note zuviel, kein Weg zufällig gewählt. Wer’s böse meint, der könnte beinahe behaupten, Emily Cross habe hier den Soundtrack zu ihrem Brot-und-Butter-Job der Todesbegleitung komponiert – Fahrstuhlmusik auf dem Weg zum Bestatter. Doch wer genauer hinhört, findet – offensichtliche Verweise an die menschliche Endlichkeit, an all die Gedanken, welche darum kreisen mögen, sowie Persönliches mal außen vor – in der reduzierten Melancholie von „I Release You“ (das sich mit der Thematik des ständigen Wandels sowie dem Prozesses des Loslassens gefasst) ebenso viel tief schürfende Schönheit wie in den ausladenden elektronischen Experimenten wie „Y/o Dragon„. Dieses Album wird wohl keine (neuen) Antworten auf Existenzielles liefern, dem Hörer mit seinen stillen Kleinoden jedoch Wege aufzeigen, um die richtigen Fragen zu finden…  *hach*

 

 

„I release you into the air
You float on the wind, and then fall
To the ground
That’s where you’ll grow
If water reaches you, and it will

Why can’t I bring the world with me?
Why do I stay in the lines?
Why am I afraid to leave what defines me?

When I face you, you hold a mirror
It falls to the ground, I look down
It’s more ‘me’ now
That’s where I’ll grow
If the past teaches me
And it will…“

 

Rock and Roll.

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„True Love Will Find You In The End“ – Daniel Johnston ist tot.


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„In tiefer Trauer“ bestätigte Daniel Johnstons Familie am 11. September den Tod des Ausnahmekünstlers, der tags zuvor in seinem Zuhause in Houston, Texas gestorben sei.

„Daniel war Sänger, Songschreiber, Künstler und unser aller Freund“, heißt es in einem Statement, in dem auch Johnstons älterer Bruder Dick und sein langjähriger Manager den Verstorbenen würdigen. „Obwohl er den Großteil seines Erwachsenenlebens mit psychischen Erkrankungen zu kämpfen hatte, triumphierte Daniel mit seinen fruchtbaren Kunstwerken und Songs über seine Krankheiten. Er hat zahllose Fans, Künstler und Songwriter mit seiner Message inspiriert, dass egal wie dunkel der Tag auch sein mag ‚die Sonne auf mich scheint‘ und ‚du am Ende wahre Liebe finden wirst.‘ Daniels Leben und Musik haben das Hi, How Are You-Projekt angestoßen, das zur offenen Diskussion über psychische Probleme anregen will. Sein Geburtstag, der 22. Januar, wird als „Hi, How Are You“-Tag gefeiert.“ 

Nirvana-T-Shirts-Kurt-Cobain-Daniel-Johnston-Rock-Roll-band-t-hemd-Hallo-Wie-Sind-Sie.jpg_640x640q70Auch unzählige Musiker machten ihre Wertschätzung für Johnston öffentlich und schrieben teils sehr persönliche Erinnerungen. Courtney Love teilte ein Bild ihres verstorbenen Mannes Kurt Cobain, auf dem dieser ein T-Shirt von Johnston trägt. „Ruhe in Frieden, Daniel Johnston. Du warst so ein liebenswerter Mensch“, schrieb sie in einem Beitrag. Cobain hatte dem Songwriter Anfang der Neunziger durch das öfter getragene T-Shirt und die Erwähnung Johnstons unter seinen 50 Lieblingsplatten vor allem in Indie-Kreisen einen enormen Popularitätsschub verschafft. Lee Ranaldo von Sonic Youth sprach in einem Twitter-Post von der „fragilen Brillanz“ von Johnstons Songs, die ihn seinerzeit beim ersten Hören „vollkommen umgehauen“ habe. Sonic Youth hatten vergeblich versucht, Johnston zu protegieren und ihm zum großen Durchbruch zu verhelfen, was unter anderem wegen Johnstons psychischen Problemen jedoch scheiterte. „Sein Genie musste beschützt werden…“, so Ranaldo.

Daniel Johnston wurde 1961 in Kalifornien geboren und wuchs in West Virginia auf. Schon als Jugendlicher nahm er allein in einer Garage seine eigenen Songs auf Kassetten auf, meist sang er dabei einfach zu Klavier oder elektronischer Orgel. Seine Stücke waren geprägt durch ihren LoFi-Charakter und ihre intuitive, fast kindlich-naive melodische Schönheit, durch deren manchmal schiefe Töne und handwerkliche Mängel pures Songwriter-Genie sowie mitreißende Herzlichkeit strahlten. Auch seine Zeichnungen, die oft seine DIY-Kassettencover zierten, zeugten von unbändiger Kreativität und scheinbar uferloser Fantasie.

Ab Anfang der Achtziger verteilte Johnston in seiner neuen Wahlheimat Austin, Texas seine selbst produzierten Kassetten und spielte Konzerte. Mitte des Jahrzehnts war er dank brillanten Alben wie „Songs Of Pain“ (1981), „Yip/Jump Music“ (1983) und „Hi, How Are You“ (1983), allesamt Werke voll brüchig-schöner LoFi-Songwriter-Kunst, auf dem Sprung in eine größere Öffentlichkeit – seine Schizophrenie und bipolare Störung verhinderten jedoch größere Erfolge. So warf Johnston etwa 1990 während einer manischen Episode den Zündschlüssel (!) aus einBeam Me Up!em Flugzeug, die folgende Bruchlandung überlebten er und sein Vater nur mit Glück. Johnston wurde daraufhin zeitweise in die Psychiatrie eingewiesen.

Nach dem von Kurt Cobain ausgelösten Hype um Johnston veröffentlichte er 1994 beim Majorlabel Atlantic das Album „Fun“, das jedoch floppte, woraufhin der scheue Songwriter erneut größtenteils aus der Öffentlichkeit verschwand. Dank Projekten wie der 2004 erschienenen Compilation „The Late Great Daniel Johnston: Discovered Covered„, auf welcher prominente Fans wie Tom Waits, Bright Eyes, TV On The Radio, Death Cab For Cutie oder Beck Johnstons Songs neu interpretierten, oder der beeindruckenden, 2006 veröffentlichten Dokumentation „The Devil And Daniel Johnston“ (gibt es hier im Stream), die das Ringen des Künstlers mit seinen Dämonen und seine Kunst ebenso schmerzlich wie eindrucksvoll in Szene setzt (und 2005 beim Sundance Film Festival den „Documentary Directing Award“ erhielt), wuchs Johnstons Popularität schnell wieder an. In den Nuller-Jahren veröffentlichte er sogar wieder Alben – zuletzt 2010 „Beam Me Up!“ – und spielte, wenn auch mit immer brüchigerer Stimme, etwas häufiger Konzerte (er trat zum Beispiel 2008 an der Seite von Glen Hansard und Markéta Irglová auf, um gemeinsam seinen Song „Life In Vain“ zu performen). Zuletzt hatte Johnston vermehrt unter nicht näher genannten gesundheitlichen Problemen gelitten und war mehrfach ins Krankenhaus eingeliefert worden; 2017 hatte er deshalb schließlich das Ende seiner Tour-Karriere verkündet.

Medienberichten zufolge erlag Johnston am 10. September einem Herzinfarkt. Er wurde 58 Jahre alt. Mach’s gut, Daniel Johnston!

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Rock and Roll.

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Song des Tages: Black Pumas – „Colors“ (live)


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Der frühe Vogel hört frische Töne. Oder: Manchmal entdeckt man schon früh morgens tolle neue Bands – in meinem Fall waren das just gestern Black Pumas im ARD Morgenmagazin, als die Band aus Austin, Texas zu früher Stunde im Kölner Studio der Öffentlich-rechtlichen Halt machte, um das im Juni veröffentlichte Debütalbum zu bewerben. Der Song dafür? „Colors“. Spontanes Urteil beim ersten Kaffee des Tages? Macht Bock auf mehr.

Also mal eben Dr. Google und Co. bemüht, und in weitere Stücke hinein gehört. Danach wundert es kaum, dass der renommierte Radiosender NPR die Band als „The Breakout Band Of 2019“ nannte und KCRW den Sound der Black Pumas als „Wu-Tang Clan meets James Brown“ beschrieb. Beim SXSW Festival im heimischen Austin, Texas bekam die Band weiteres, durchweg positives Feedback und sogar die Auszeichnungen für „Song Of The Year“ („Black Moon Rising“, die Eröffnungsnummer des selbstbetitelten Debüts) sowie „Best New Band“. Doch obwohl Black Pumas auf dem (digitalen) Papier der neuste „heiße Scheiß“ der Musiksaison sein mögen, ist der Geist dieser Band ist schon sehr viel älter, und – wenn überhaupt – lediglich in Petitessen innovativ. Das Besondere liegt vielmehr im Zusammenspiel des Quasi-Duos…

BlackPumas_BlackPumas.jpgBislang spielte der Grammy-prämierte Produzent und Gitarrist Adrian Quesada bei einigen außerhalb des Genres (sowie über Austins Grenzen hinaus) eher mittelbekannten Latin-Rock-Formationen  wie Brownout oder Grupo Fantasma. Für eine neue Band, für die ihm bereits die ein oder andere Idee durch die Hirnwindungen spukte, suchte er vor etwa zwei Jahren noch eine Stimme – und fand diese durch den Tipp eines Freundes in Eric Burton (nicht zu verwechseln mit Eric Burdon, dem ehemaligen Sänger der Animals und War). Burton wuchs im kalifornischen San Fernando Valley in einer sehr kirchlichen Umgebung auf und machte seine ersten kreativen Gehversuche zunächst in kleinen Musiktheaterstücken, dann als Straßenmusiker in Santa Monica und später in Austin. Im Grunde also eine Entdeckung, ein Newcomer – doch wer seine Stimme hört, die so voller Volumen, so voller Wärme ist, der denkt wohl unweigerlich weniger an die musikalische Formatradio-Stangenware von heute, sondern weiter zurück: an die goldenen Zeiten von Soulgrößen der Siebziger, wie den legendären James Brown. An Marvin Gaye. An Al Green. Eventuell noch an heutige Künstler wie Michael Kiwanuka oder Charles Bradley (der eine, Kiwanuka, steht mit seinem Talent beinahe allein auf weiter Flur, der andere, Bradley, wurde sträflichst spät entdeckt und verstarb 2017 viel zu früh). Wie weiches Vinyl auf digitalen Spuren…

Gemeinsam kreieren Adrian Quesada und Eric Burton auf dem Debütwerk zehn Songs, die ihre Bezüge wohl auf eine ganze Heerschar von großen Nummern der (Rock-)Musikhistorie nehmen. Mal spielt ein Titel auf Creedence Clearwater Revival an (der Opener „Black Moon Rising“ lässt einen wohl unweigerlich an deren „Bad Moon Rising“ denken). Mal gemahnt der E-Gitarren-Sound eines Stückes wie „Know You Better“ an die Beatles zu „Abbey Road“-Zeiten. Mal gelingt Quesada und Burton wie mit „Fire“ ein astreiner Neo-Western-Song, der durch die Kombination von Soul und dem typischen Ennio-Morricone-Fuzz-Sound direkt auf Soundtracks von „Shaft“ oder einem der vielen Quentin-Tarrantino-Filme gepasst hätte. Ansonsten? Bläser. Standesgemäßer Backgroundgesang. Ab und an ein paar Streicher. Und es gibt „Colors“, das Herzstück des Albums, mit seinen schönen Gitarrenakkorden, einem Boom-Bap-Beat und dem gegen Ende hin ausrastenden Piano, in dem Burton „It’s a good day to see my favorite colors“ singt – und kurioserweise mit seiner Stimme mal nicht im Zentrum steht.

Alles in allem ist das selbstbetitelte Debüt von Black Pumas eine feine Mischung aus klassischem Soul und Funk mit Elementen von East-Coast Hip-Hop und Jazz. Und hat dabei alles, was ein ordentlich groovendes Album braucht. Nicht mehr, aber eben auch nicht weniger (wer mag, darf natürlich im Kopf noch den obligatorischen „Retro“-Sticker drauf pappen). Es lässt den Fuß wippen und den Kopf nicken, während man sich die Spätsommersonne ins Gesicht scheinen lässt. Dafür lohnt es sich glatt, früher aufzustehen…

 

 

 

Das komplette Album kann via Bandcamp gestreamt werden…

 

…während man hier ein recht interessantes Interview mit Adrian Quesada und Eric Burton findet.

 

Rock and Roll.

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