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Mein Senf: Je suis Charlie.


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Seien wir ehrlich: Die Welt ist in jenen Tagen kein guter Ort.

An dem einen Fleck demonstrieren Tausende (meiner Landsleute, und das ausgerechnet in einer jener Städte, die ich zu den schönsten überhaupt für mich zähle) einerseits ihren Unmut über das Stillstehen und Nichtstun ihrer Regierung, aber auch ihre Furcht vorm Unbekannten, vorm Anderssein und die Größe ihrer vermeintlichen „First World“-Verlustängste. Anderenorts toben Unruhen, Kriege oder kriegerische Auseinandersetzungen, sodass wir Westeuropäer im Grunde jeden Tag dem Himmel oder sonstwem danken müssten, dass wir – noch – in Frieden unseren gefestigten Tagesabläufen nachgehen können. Dass dieser „Friede“ nur allzu trügerisch ist und jederzeit nur allzu leicht durchbrochen werden kann, zeigt nicht zuletzt das, was gestern in der französischen Hauptstadt passierte, als mehrere bewaffnete Attentäter die Redaktionsräume der französischen Cartoon-Satiremagazins „Charlie Hebdo“ stürmten und innerhalb weniger Minuten im wilden Feuer zwölf Menschen töten, darunter den Herausgeber und Zeichner Stéphane Charbonnier („Charb“), den Zeichner Jean Cabut („Cabu“) sowie zwei Polizisten.

Dass zwischen dem *hust* PEGIDA-Idiotenpack und den fanatisch hirnverbrannten, mutmaßlich (!) islamistisch motivierten Attentätern, die – für mich – nur dem Aussehen mit Armen, Beinen, Nasemundohrenaugen nach Menschen sein mögen, da ihnen jegliches Menschliche abhanden gekommen zu sein scheint, ein gemeinsamer Nenner besteht, würden beide Seiten wohl vehement bestreiten. Aber: sowohl die Hass-Demonstranten um PEGIDA-Initiator Lutz Bachmann, dessen Vorstrafenregister mit Körperverletzung, Einbruch, Diebstahl und Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz nicht eben unbeachtlich ist, als auch so einige fanatische Islam-Bruderschaften verurteilen am Ende des Tages aufs Schärfste jegliche Form von Presse- und Meinungsfreiheit, die eben nicht der ihrigen entspricht. Nur tun das die einen, in deren Köpfen noch immer eine mittelalterliche Trennung in Morgen- und Abendland vorherrscht, mit heuchlerisch-hinterhältiger Populismus-Nonchalance, während das andere Engstirn-Pack – wie eben am gestrigen 7. Januar in Paris geschehen – zur Kalaschnikow greift und den nur mit Stiften und spitzer Feder bewaffneten „Feind“ einfach niederschießt. Beinahe perfide ironisch ist wohl, dass aus beiden Akten – den PEGIDA-Demonstrationen und ihren Ablegern quer durch Deutschland, denen sich immer mehr Menschen auf der einen als auch auf der anderen Seite (also auch den Gegendemonstationen) anzuschließen scheinen, den sinnlos-brutalen terroristischen Bluttaten religiöser Fanatiker – etwas erwachsen kann, dass vor nicht einmal 100 Jahren in Europa bereits Bestand hatte, und so oder wieauchimmer nie wieder Bestand haben sollte: ein extremistisch-faschistisches Schreckensregime, dessen Ausmaße wir vom Frieden verwöhnten Spießbürger wir wohl nur erahnen können. Klar mag jetzt manch einer angewidert die Nase rümpfen und mir Angstmacherei oder Übertreibung vorwerfen, aber wenn uns unsere eigene recht kurze Menschheitsgeschichte zwei Sachen gezeigt hat, so sind dies doch, dass sich Geschichte – leider – immer und immer wieder – im Positiven wie auch Negativen – wiederholt und dass der Mensch – als Individuum wie auch gerade als tumbe Masse – in Extremsituationen, in welchen er sich selbst und deine Liebsten in Leib und Leben bedroht fühlt, nur allzu bereitwillig alle Freiheiten von sich wirft und diese an einen übermächtigen Herrscherapparat übergibt (Interessierten empfehle ich Thomas Hobbes‘ auch heute noch brilliant aktuelle These vom „Leviathan“ aus dem Jahre 1651). Ihr wähnt euch also sicher in euren vier Wänden? Vermutlich tat das der ein oder andere Angestellte von „Charlie Hebdo“ am Abend des 6. Januar auch (noch). Fakt ist: Auf die ein oder andere Weise wütet der Krieg bereits – mal gekonnt subversiv und im Untergrund brodelnd, jedoch längst vor unseren Türschwellen.

Ein Grund, der mich zu diesen Zeilen führt und drängt, ist, dass auch ich „Charlie“ hätte sein können. „Je suis Charlie“. Ich. Bin. Charlie. Ich begreife die mir gegebene Meinungsfreiheit – ob nun zu so etwas im Grunde Trivialem wie einer Platte, einem Künstler oder einem Film oder zu so etwas Wichtigem wie diesem Thema – als eines der höchsten mir verantworteten Güter. Und diese kann und will ich mir nicht verbieten lassen. Andererseits möchte ich auch nicht, dass eine einzelne Person, eine wie auch immer geartete Gruppierung oder (m)eine Regierung mich vor meiner Haustür verhaftet oder niederschießt, nur weil ihnen meine Meinung oder Nase nicht passabel erscheint. Auch auf die Gefahr hin, dass ich mich wiederhole: Wir alle sind Menschen, leben auf diesem uns anvertrauten Planeten und müssen – zwangsläufig – miteinander auskommen. Keiner ist schlechter oder besser als der andere – schon gar nicht, weil er eine andere Meinung, Gesinnung, sexuelle Orientierung oder wasauchimmer hat. Leider – so das bittere Fazit, welches man wohl nach jedoch terroristisch motivierten Gewaltakt ziehen kann – kann man Ereignisse wie das gestrige in der Pariser Rue Nicolas Appert weder vorhersehen noch wirklich verhindern. Alles, was man selbst für sich und andere tun kann, ist, solchen „hasserfüllten Idioten“ (Zitat von „NICHTLUSTIG“-Cartoonzeichner Joschua Sauer) möglichst wenig bis keine Plattform und Beachtung für ihre zweifelhaften Botschaften zu schenken. Vor nichts und niemandem Angst zu haben und uns unsere Befürchtungen nicht zu den falschen Entscheidungen führen zu lassen. Nicht zu hassen, und niemandem einen Anlass zu bieten, Hass zu empfinden. Gerade jetzt seine Meinung zu sagen, um all den Idioten von PEGIDA und Co., den bewaffneten Irren und Mördern ihren narzisstischen Selbsthass als Spiegelbild zu präsentieren. Jedoch vor allem: Zusammen zu stehen anstatt gegeneinander. Ihr alle seid, wir alle sind Menschen – also findet bitte zurück zur Menschlichkeit! Worte wie die von John Lennons „Imagine“ mögen an so nasskalt-grauen Januartagen wie diesem ferner denn je erscheinen, doch im Grunde ist es jedem selbst überlassen, den Traum Wirklichkeit werden zu lassen…

 

„You may say I’m a dreamer
But I’m not the only one
I hope someday you’ll join us
And the world will be as one…“

 

charlie hebdo

(…und 23 weitere Cartoon gewordene Kommentare zu den Ereignissen in Paris.)

 

Rock and Roll.

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