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Sunday Listen: Antarctigo Vespucci – „Love In The Time Of E​-​Mail“


„Maybe this is just another good thing that happens to everybody but me / maybe this is just another good thing / out of my reach“, singt Chris Farren in „Another Good Thing“ nach ungefähr zwei Dritteln dieses Albums. Das Lied entfaltet eine großartige Loser-Romantik und ist bei weitem nicht der einzige Moment auf „Love In The Time Of E-Mail“, in dem man an gut und gern an frühe(re) Weezer-Großtaten denken darf. Zugleich wundert man sich: Dass die guten Sachen immer nur den anderen passieren, sollte sich für Chris Farren mittlerweile eigentlich als Trugschluss herausgestellt haben. Denn zuletzt ist es für ihn als eine Hälfte von Antarctigo Vespucci durchaus gut gelaufen.

Es hätte auch anders kommen können: Nach drei durchaus mit Wohlwollen und Applaus bedachten Alben voll kleiner, feiner Hymnen irgendwo zwischen Indie, Punk und Emo Rock löste sich 2013 seine Band Fake Problems auf. Aus Florida zog der Frontmann ohne Band nach New York, und bald darauf erwies sich dort die Begegnung bei einer Party als wichtige Weichenstellung für die nächsten Jahre: Chris Farren traf Jeff Rosenstock wieder, seinerseits Frontmann von Bomb The Music Industry!. Mit dieser Band hatten Fake Problems mal eine Tour bestritten, auch danach gab es gelegentlich gemeinsame Konzerte. Nun beschlossen die beiden, gemeinsam ein paar Songs zu schreiben. Als klar wurde, wie gut genau diese Party-Schnapsidee funktionierte, wurde aus der „Come on, let’s jam!“-Idee eine Band namens Antarctigo Vespucci. Nach den EPs „Soulmate Stuff“ und „I’m So So Tethered“ sowie dem Debütalbum „Leavin‘ La Vida Loca“ (und parallelen Solokarrieren, denn auch die Band von Jeff Rosenstock existierte schon kurz darauf nicht mehr) folgte 2018 der zweite Langspieler „Love In The Time Of E-Mail„.

Wie gut das Duo aus Brooklyn, New York den jahrelang erprobten Spagat zwischen Punk, New Wave und Indie Rock auf der einen Seite sowie fies eingängigem Powerpop mit gehörigem Bubblegum-Anteil auf der anderen Seite beherrscht, macht „Love In The Time Of E-Mail“ recht schnell und unmittelbar klar, zugleich kann man in den dreizehn Stücken jedoch auch ein paar neue Elemente im Sound von Antarctigo Vespucci entdecken. Der Normalzustand für die Erzählposition ist, wie schon im eingangs erwähnten „Another Good Thing“, fast immer ein schwärmerisches, unglückliches Verliebtsein, in das sich Farren und Rosenstock voll und ganz hineinwerfen möchten.

„I hope I can be important in your life one day“, heißt es dann im untröstlichen Quasi-Intro „Voicemail“. „I wish I didn’t fall in love with everyone I ever met“, singt Farren im eher akustischen „Do It Over“. Das für die meisten Menschen eher unangenehme „White Noise“ wird hier herbeigewünscht, weil es die stetige Präsenz (s)einer Angebeteten ersetzen könnte, die Farren zurhöllenocheins nicht aus dem Kopf bekommt. Im herzzerreißenden Album-Schlusspunkt „E-Mail“ zeigt sich, dass seine bereitwillig zur Schau gestellte Schüchternheit nicht nur ein Wesenszug ist, sondern offensichtlich auch die Reaktion auf viele schmerzhafte Erfahrungen. „I wanted to see you, to see if I still wanted to see you“, zitiert er in „Breathless On DVD“ einen Satz von Jean-Paul Belmondo aus „Atemlos“, zu einem Refrain, welcher auf fast infantile Weise Heiterkeit verbreitet – der olle Emo-Punk lässt lieb grüßen.

Auch „Kimmy“ gerät mit Glockenspiel und Handclaps fast poppe-di-punk-übermütig im Stile der seligen Wheatus, „The Price Is Right Theme Song“ explodiert ebenfalls beinahe vor ohrwurmiger Eingängigkeit. Dem stehen etwas rohere Passagen wie das kaum weniger überzeugende „All These Nights“ gegenüber oder „Lifelike“, das vom Klavier getragen wird und beinahe echte Schwermut aufkommen lässt. Auch „Not Yours“ ist weit von der zeitweise Albernheit früherer Fake Problems-Tage entfernt: Es geht um Abhängigkeiten, Besitzansprüche und Machtkämpfe in Beziehungen – natürlich wird aber auch das nicht in gitarresken Trübsal verpackt, sondern in einen sehr kurzweiligen Boogie.

Als spontaner Anspieltipp eignet sich wohl am ehesten „Freakin‘ U Out“, weil es auf nahezu prototypische Weise Punk und Powerpop-Putzigkeit vereint – zwei Pole, die nun einmal den Markenkern von Antarctigo Vespucci ausmachen. „So Vivid!“ ist darauf der Song, der am besten zeigt, wie die Verbindung aus Niederlagen, Sorgen und Selbstzweifeln mit mitreißenden Melodien und einer manchmal theatralischen Pop-Ästhetik gelingt: Was man für beides braucht, ist ein Hang zu von hinter aufzäumender Romantik.

Was anno 2015 mit Antarctigo Vespucci aus einer Party-und-Stillstand-Laune der beiden Indie-Punk-Musiker Chris Farren und Jeff Rosenstock heraus entstand, nimmt mit „Love In The Time Of E-Mail“ durchaus ernstzunehmende, konzeptionelle Züge an, in denen sich neben der spannenden, stets aktuellen Thematik des Albums (Gibt es die „wahre Liebe“ im Zeitalter von E-Mails, Twitter, Instagram, SMS, Facebook etc. pp. noch?) auch die Musik als ebenso spannend und abwechslungsreich – und selbstverständlich ordentlich punkig – erweist.

Rock and Roll.

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Sunday Listen: Linhay – „On How To Disappear“


Totgesagte und Abgeschriebene leben länger – die allseits bekannte Redewendung passt auch zum meist recht verächtlich als „Emo“ etikettierten Musikstil wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge. Mitte der Neunziger präsentierte sich dieses Genre mit prägenden Bands wie Mineral, The Promise Ring, Sunny Day Real Estate, Capt’n Jazz, American Football, Jimmy Eat World oder den Get Up Kids in vollster Blüte. Im neuen Jahrtausend jedoch wurde es Jahr um Jahr stiller im Emo-Lager. Zwar gab es hier und da, ab und zu noch ein paar Releases der (nicht selten würdevoll graumelierten) stilprägenden Größen, doch frische und neue Impulse blieben größtenteils aus und wurden fortan vielmehr in artverwandten Stilrichtungen wie dem Post-Hardcore gesetzt, während Emo-Epigonen wie My Chemical Romance, Panic! At The Disco oder Fall Out Boy die „Indie-Werte“ mal (ungewollt) persiflierten, mal stadionrockend ins Format-Pop-Radio und die größeren Anonym-Hallen führten. Er ruhe in Frieden, der Emo… Bis jetzt, denn man dürfte meinen, dass das Genre momentan ein kleinwenig in neuem Glanz erstrahlt. Mit Elm Tree CircleRemo Drive oder Memoriez haben junge Bands ebenso hierzulande wie jenseits des Atlantiks in jüngerer Zeit neue Alben auf den Markt geschmissen, welche der Szene tatsächlich eine wohltuende Frischzellenkur einimpfen konnten. Und dieser Riege aufregender Newcomer-Truppen lassen sich definitiv auch Linhay zuordnen.

Obwohl: Newcomer? Tatsächlich kommt das vielwebs noch immer als Geheimtipp gehandelte Quartett aus Kiel und besteht bereits seit Ende 2016 – wüsste man’s nicht besser, man könnte beim Hören ihrer Songs denken, man wäre unangekündigt in die Neunziger und in den Mittleren Westen der US of A zurück katapultiert worden. Außerdem dürfte der norddeutschen Band eine gewisse Aufmerksamkeit der Szene durch die Tatsache vergönnt sein, dass sich in ihren Reihen mit Bassist Gunnar Vosgröne ein Ex-Bandmitglied der zwar bereits seit 2011 aufgelösten, aber auch heute noch fast kultisch verehrten Kieler Hardcore-Punker Escapado wiederfindet (darüber hinaus unterstützte Vosgröne Tomte einige Zeit als Live-Cellist). So sorgten Linhay in den letzten Jahren mit der Demo „You & I“ (2017), einer passend „&“ betitelten Split-EP mit den Kumpels von East (2019) sowie einer Soli-Single für „SeaWatch“ für nicht wenige aufgestellte Ohren.

Auf dem im September veröffentlichtem Langspieldebüt „On How To Disappear“ reichert das Vierergespann um Sänger und Gitarrist Jörn Borowski den klassischen Gitarrensound des Midwest-Emo mit shoegazigen Flächen und Post-Rock-Meditationen an und schafft so eine kohärente, jedoch keinesfalls eintönige Soundkulisse, die sich zwar klar an ihren US-Vorbildern orientiert, sie aber nicht schnöde imitiert, sondern eine eigene authentische Handschrift trägt. Der Raumklang, die verspielten Gitarren und der sphärisch hallende Gesang mit seinen akzentuierten Höhen greifen nahtlos ineinander.

Pure Phrasenmäherei? Keineswegs, denn die elf Stücke kommen mit einer durchaus an Bands wie The Hotelier oder Foxing heranreichenden Detailverliebtheit daher, während die fantastische Produktion von Martin Trompf auch kleinste Feinheiten in den Vordergrund kehrt und dem Album eine breite Klangwelt verleiht, die wunderbar mit der ästhetischen und lyrisch-eskapatischen Atmosphäre harmoniert. Straight funkelnde Emo-Gitarren und treibende Drums wie in „The Distance Between Two Moons“ lösen sich in verspielte Melodien auf, komplexe Songstrukturen wie in „In Sunshine And In Shadows“ brechen nach hinten heraus in einen wunderschönen Breakdown-Chorus aus, während die Band mit „Interlude / A Slightly Disorientated Butterfly“ noch ein mit growlender Bissigkeit überzeugendes derbes Monster in der Hinterhand hat. Wer einen Anspieltipp haben mag: „Water„, die erste Single des Albums, macht es Szene-Freunden mit minimal angezerrten Picking-Gitarren, rhythmischen Mustern und Borowskis sanftem Gesang recht einfach, sich schnell in den Linhay’schen Output zu verlieben.

Ein Schäufelchen Metaebene gefällig? Gern doch! Durch die gesamte Platte ziehen sich emotionale und ästhetische Naturreferenzen: das Wasser, der Mond, Bienen und Vögel werden Eckpunkte für die emotionale Welt von „On How To Disappear“. So liegt die wohl größte Stärke des Albums in dieser Gegenüberstellung von existenziellen Fragen und nahbarer, greifbarer Symbolik. Jede Beobachtung über den eigenen emotionalen Zustand verpacken Linhay in eine lyrische Entsprechung der Natur und erinnern dabei unweigerlich an das 2000er The Appleseed Cast-Genre-Meisterstück „Mare Vitalis„.

Alles in allem ist „On How To Disappear“ ein feines Debütwerk, dass sich mit all seinen Versatzstücken aus Post- bis Indie-Rock (und einer Messerspitze Post-Hardcore) ohne Frage im Midwest-Emo-Kanon einreihen könnte, ohne dass seine zeitliche wie geographische Distanz zum Genre groß auffallen würde. Die fast schon unverkennbar norddeutschen Einflüsse in den vor Fragezeichen nur so überquellenden Texten und der melancholischen Ästhetik sind es jedoch, die das Album als potentielles kleines Gesamtkunstwerk exponieren, das das Schöne mit dem Zweifel vereint.

Rock and Roll.

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Sunday Listen: Good Things – „Heaven Is Yours“


Good Things sind eine Punkrock-Band aus New York City, die aus Cameron Sacchet (Gesang, Gitarre), Christopher Henriquez (Bass) und Eric Pace (Schlagzeug) besteht – drei Kumpels, die es lieben, gemeinsam Musik zu machen und Geschichten zu erzählen. Mit ihrer vielfältigen musikalischen Sozialisation vermischen Good Things, welche mit gerade einmal etwa 250 Facebook-Likes noch als echter Geheimtipp gelten, Elemente aus Punk, Post Hardcore, Indie und Alternative Rock und schaffen in ihren Songs so nicht selten ein recht komplexes Hörerlebnis. „Heaven Is Yours“, das kürzlich via Bandcamp als „name your price“ veröffentlichte Debütwerk der Band, ist eine Konzept-EP, welche eine Kurzgeschichte über Liebe und Tod vertont. Mehr noch sogar: mit ihrer ideenreichen, druckvollen Instrumentierung (in der sogar Platz für ein kurzes Saxofon-Intermezzo ist!) und Sacchets erdrückendem Gesang nimmt sie den Hörer für knapp zwanzig Minuten vollumfänglich gefangen. Und irgendwie kann „Heaven Is Yours“ ja auch sinnbildlich für die Geschichte von Good Things stehen, denn diese hat gerade erst begonnen…

Gitarrist und Sänger Cameron Sacchet meint über das Debütwerk seiner Band: „‚Heaven Is Yours‘ ist eine Konzept-EP über Liebe und Tod. Sie wurde eigentlich rückwärts geschrieben, wobei zuerst der Titelsong am Ende der Platte entstand und der Rest darauf aufbaut. Wir mischten einen Haufen verschiedener Stile, indem wir einfach das schrieben, was wir schreiben wollten und Spaß dabei hatten.“

Rock and Roll.

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Sunday Listen: The National – live from Best Kept Secret 2018


Seien wir ehrlich, so traurig es auch sein mag: Durch die neuerlichen Corona-Lockdown-Anordnungen (nicht nur hierzulande) sieht’s wohl nach wie vor – und auf unabsehbare Zeit – recht schlecht aus mit Live-Konzerten. Bei akuten Entzugserscheinungen hilft da manchmal nur YouTube…

The National haben da schon vor einigen Monaten mit- und an ihre Fans gedacht und eine Vielzahl von Konzertmitschnitten ins weltweite Bild-und-Ton-Netz geladen. Etwa auch jene Show, die die Band um Frontmann Matt Berninger im Juni 2018 beim Best Kept Secret Festival im niederländischen Beekse Bergen, Hilvarenbeek spielte – satte anderthalb Stunden lang und an Highlights wie etwa den Fan-Favoriten „Bloodbuzz Ohio“, „Slow Show“, „Fake Empire“, „About Today“ (welches ja mein Hörerherz jedes Mal wild pochen lässt) oder – passend zum heutigen Novemberbeginn – „Mr. November“ alles andere als arm. Die fünf US-Indierocker, deren siebentes Album „Sleep Well Beast“ damals gerade knapp ein Jahr jung war, sind bestens ausgelegt wie eingespielt und liefern potentiell eine ihrer wohl besten Shows ab… Lohnt sich also!

Übrigens sollen Matt Berninger, Aaron und Bryce Dessner sowie Scott und Bryan Devendorf – so Corona es denn zulassen wird – im kommenden Jahr erneut beim Best Kept Secret zu Gast sein. Ob die Show stattfinden wird? Warten wir’s ab.

„Our crew are the lifeblood of our touring operation and have become family through the many years we’ve worked together. As uncertainty looms over the state of the live concert industry, we will direct all profits from merch sales through our webstore, new Cherry Tree enrollments, and sales from the Cherry Tree members-only store to support our crew members throughout this crisis to the best of our ability.“

-SETLIST-

  1. Nobody Else Will Be There
  2. The System Only Dreams In Total Darkness
  3. Don’t Swallow The Cap
  4. Walk It Back
  5. Guilty Party
  6. Afraid Of Everyone
  7. Bloodbuzz Ohio
  8. I Need My Girl
  9. Conversation 16
  10. Slow Show
  11. Day I Die
  12. Carin At The Liquor Store
  13. Graceless
  14. Rylan
  15. Fake Empire
  16. About Today
  17. Light Years
  18. Mr. November
  19. Terrible Love
  20. Vanderlyle Crybaby Geeks

Rock and Roll.

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Sunday Listen: KID DAD – „In A Box“


Ist die Box dein Gefängnis oder dein Versteck? Wirst du klaustrophobisch, wenn du daran denkst, wie du in einer geräuschlosen, regellosen, dunklen Box sitzt oder wünscht du dir vielleicht sogar, an genau so einem Ort zu sein?

Das ewige Mindfuck-Gedankenexperiment um Schrödingers Katze – lebt sie noch oder ruht sie bereits in aeternum ihre Äuglein aus? – beschäftigt nach wie vor und dient als vielfältiger Quell der Inspiration – man denke nur an den jüngsten Netflix-Serien-Hit „DARK„. KID DAD vertonen das Paradoxon auf Albumlänge – für ein Langspieldebüt gleichermaßen mutig wie faszinierend. Das noch junge Paderborner Quartett, ursprünglich 2016 als Grunge-Band gestartet, ist nach seiner vor drei Jahren veröffentlichten „Disorder„-Debüt-EP mittlerweile in den verschiedensten Alternative- und Rock-Gefilden verhaftet und lässt eine Pluralität packender wie abwechslungsreicher Einflüsse von Punk über Prog bis Post-Hardcore zu. Das im August erschienene „In A Box“ versucht nun aus der Katzenschachtel auszubrechen…

„Mir wird schnell langweilig, deshalb ist es mir auch so wichtig, ein abwechslungsreiches Album rauszubringen.“ (Marius Vieth)

Lineare Arbeitsweisen werden ohnehin meist überbewertet, das zeigt bereits das eröffnende „A Prison Unseen“. Hier kommen zwei Ideen zusammen, die lange Zeit unvollendet geblieben waren – das gewisse Etwas fehlte – und sich nun nahezu perfekt ergänzen. Zwischen funkelnder, fieberhafter Aufbruchsstimmung im Refrain und emotional aufgeladener Fragilität in den Strophen ergibt sich ein spannender, mitreißender Spagat – wie gemacht für Sänger und Gitarrist Marius Vieth, um sich bereits im Einstieg in Szene zu setzen. Die Bridge erinnert ein wenig an die verträumten Klänge Alt-Js, der Refrain ähnelt den Anfängen der Blackout Problems. Auch textlich und visuell ist es ein Leichtes, sich in den Song fallen zu lassen. So zeigt das dazugehörige ausdrucksstarke Musikvideo, wie der Protagonist allmählich die Kontrolle über sich selbst verliert.

Happy“ arbeitet ebenfalls mit gekonnter Laut-Leise-Dynamik, nur wohl noch direkter und kompromissloser. So springt einem der Refrain mit seinem zügellosen Auftreten zwischen Punk und Grunge in bester Royal Blood-Manier arschlings ins Gesicht – eine Art „Song 2“ mit zusätzlichen Kanten, ein feiner Kontrast zwischen Einlullen und unbarmherzigem Hallo-Wach-Ruf.

Es geht auch ohne große Explosion, wie unter anderem „The Wish Of Being Alone“ zeigt. Über weite Strecken mäandern KID DAD in der endlosen Suche nach dem großen Aha-Effekt, docken kurzzeitig an Post-Rock-artige Aufbauten an – eine kleine, dramaturgisch wertvolle Explosion darf nicht fehlen – und finden doch wieder zurück zum reduzierten Glück. Der eigentümliche Rhythmus von „Your Alien“ beantwortet Fragen, die sich niemand zu stellen traut, während „[I Wish I Was] On Fire“ abermals geschickte Spannungsbögen zwischen noisiger Breitseite und softem Anschmiegen klöppelt. In „Limbo“ oder dem melancholischen „Window“ finden schließlich beißende Härte und vertraute Blackmail-Einflüsse in poppigen Auslegern zusammen. Das austarierte Spiel mit den Gegensätzen zählt zu den Höhepunkten dieses Debüts.

Wiederholt um mehrere Ecken gedacht und dabei doch auf sympathische Weise sortiert: KID DAD, die über die Jahre bereits als Support für verschiedenste Kapellen von Taking Back Sunday über Sorority Noise, And So I Watch You From Afar, Samian oder Blackout Problems einiges an Bühnenerfahrung sammeln durften, verstehen den Wert präziser, wechselhafter Songaufbauten auf beeindruckende, durchaus atemberaubende Weise. Jeder Song ist klar strukturiert und doch gewissermaßen unvorhersehbar, weil die Paderborner kleine Überraschungen, unorthodoxe Widerhäkchen und emotionale Schwerlast gekonnt miteinander zu verbinden wissen. „In A Box“, dessen Grundkonstrukt auf Vieths Reisen durch China, England und die Schweiz entstand, tönt somit passenderweise wie ein Widerspruch in sich und löst sich, im Gegensatz zur berühmten Katze, in begeisterndem Wohlgefallen auf. Ein Einstand wie ein Wohlfühlschlag in die Magengrube. Eine emotionale Achterbahnfahrt mit Höhen, Tiefen und Loopings. Freunde von gepflegtem Indie Rock mit dezent pompöser Note und ohne Scheu vor poppigen Saitenhieben dürfen hier ebenso zugreifen wie all jene, bei denen bereits Blackmail, Placebo, The Pixies, Blackout Problems oder Ghost Of Tom Joad (was vermisse ich diese Band!) im Plattenregal stehen. Absolut nachvollziehbar, dass man da auch außerhalb der deutschen Landesgrenzen (etwa bei den Kollegen von „Kerrang!“ oder beim „Discovered Magazine„) bereits hellhörig wurde.

KID DAD, zu denen neben Marius Vieth noch Joshua Meinert (Gitarre), Max Zdunek (Bass) und Michael Reihle (Schlagzeug) gehören, sind – je nachdem, wie man es sehen möchte – überzeugte DIY’ler oder Kontrollfreaks, denn vom Artwork über die Musikvideos entstand hier nahezu alles in Eigenregie. Was läge also näher, als mal eben noch kurz zu versuchen, die Welt retten? Mit ihrem Song „Limbo“ hat das westfälische Vierergespann nämlich auch eine ebenso lobens- wie unterstützenswerte Charity-Aktion ins Leben gerufen: Mit „SAFE IN A BOX“ sammelt die Band Geld für die Arbeit von SOS Kinderdorf e.V. sowie der NSPCC aus England. Beide Organisationen helfen Kindern, die von häuslicher Gewalt betroffen sind. Mehr Informationen dazu gibt es unter kid-dad.com/safeinabox. Feine Sache!

Rock and Roll.

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Sunday Listen: Emma Kupa – „It Will Come Easier“


Nach einigen Achtungserfolgen mit Mammoth Penguins (von denen im vergangenen Jahr hier die Schreibe war) sowie der Vorgängerband Standard Fare hat deren Frontfrau Emma Kupa nun – immerhin satte fünf Jahre nach der „Home Cinema EP“ – endlich Zeit gefunden, mit „It Will Come Easier“ ihr erstes Soloalbum zu veröffentlichen. Zur Namensgebung weiß die englische Indie-Musikerin Folgendes zu berichten: „Der Titel ist eine hoffnungsvolle Zeile und eine, die mir wichtig ist – es ist etwas, an dem ich versuche festzuhalten, wenn sich Dinge schwierig anfühlen.“ So taucht denn das Album auch direkt und ohne großes Geplänkel in medias res hinein in die Fallstricke und Prüfungen, die der Versuch mit sich bringt, sich mit Anfang dreißig in unserer Welt zurechtzufinden…

Direkt, roh und freimütig führt uns Kupa durch ihre geradezu zärtlichen Reflexionen über das Scheitern von Beziehungen, die Qualen des Alltags und des Erfolgsdrucks – eben alles, was ihr gezeigt hat, dass es gut sein mag, manchmal doch lieber die Logik über den Impuls, den Kopf über das Herz zu stellen. „Does her smile light up your heart / Or do you just want to get under her shirt?“, fragt sie etwa im Eröffnungsstück „Does It Feel New“. Kaum verwunderlich also, dass man hier, in Anlehnung an die intimen Familienporträts ihrer Solo-Debüt-EP „Home Cinema“, ihre bisher persönlichste Sammlung von Songs hört. Das Album erforscht Aspekte der Liebe, des Eskapismus und der Treue, aber es gibt auch einen roten Faden, in welchem es darum geht, Gefühle der Hoffnungslosigkeit zu akzeptieren, wenn man den vielen Zwängen der Erwartungen des Lebens – den inneren wie äußeren – manchmal nicht ganz gerecht wird.

Trotz der oftmals brutalen Direktheit wohnt „It Will Come Easier“ dennoch eine hörbare Frische inne. Der optimistische Ansatz von „Nothing At All“ trotzt der Sinnlosigkeit, eine scheinbar ausweglose Situation nicht beeinflussen zu können. „I Keep An Eye Out“ ist eine Fortsetzung von „Half Sister“ (von ihrer EP), geschrieben für die Schwester, die Emma nicht kennenlernen durfte. Kupa hatte das Gefühl, dass sie diesen 10 Songs, die über mehrere Jahre geschrieben und aufgenommen wurden, vor der Veröffentlichung als Platte etwas mehr emotionalen Raum geben müsse. Zusammen mit Bandmitgliedern von Mammoth Penguins und Suggested Friends (Mark Boxall und Faith Taylor) sowie Laura Ankles, Joe Bear, Rory McVicar und Carmela Pietrangelo ist die Instrumentierung denn auch weitaus vielfältiger als bei früheren Kupa-Bands geraten. Von den spärlichen, beschwörenden Streichern in „Hey Love“ und der simplen Klavieruntermalung eines unerwarteten Hochzeitsdramas in „Crying Behind The Marquee“ bis hin zu den tief dröhnenden Synthesizern von „CP Reprise“ gibt es eine Fülle von musikalischen Verzierungen, die fast schon einen derben Kontrast zum oft geradeaus lärmenden Indierock ihres Stamm-Dreiergespanns Mammoth Penguins darstellen.

Mit Verweisen und kleinen Knicksen vor Dusty Springfield, The Unthanks oder The Postal Service ist „It Will Come Easier“ eine interessant anzuhörende Reise hinein ins Erwachsenenalter gleich nach den Heydays der Zwanziger, die mal ergreifend, mal recht detailliert gerät. Auch ohne ihre Lads weiß Emma Kupa dabei ein ums andere Mal durch ihre einfühlsame Wärme, ihr Auge für lyrische Details und ihre kraftvolle, eigenwillige Stimme zu überzeugen. Ein feines Kopfhörerwerk für den nahenden Herbst…

Via Bandcamp gibt’s „It Will Come Easier“ im Stream…

…und hier das Musikvideo zu „Nothing At All“:

Rock and Roll.

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