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Das Album der Woche


William Fitzsimmons – Pittsburgh (2015)

wf_pittsburgh_cover_final_copy_1_-erschienen bei Grönland/Rough Trade-

Aufgewachsen in Pittsburgh, Pennsylvania, als Sohn zweier blinder Eltern, die sich scheiden ließen, als der Mann, von dem wir hier sprechen (slash: schreiben) noch klein war. Die Mutter nahm sich das Leben, der Vater fiel – wohl auch von Schuld geplagt – in ein tiefes Loch und war unfähig, sich um seine Kinder zu kümmern. Und obwohl sein Sohn sich in Momenten wie diesen wohl vornahm, später im eigenen Erwachsenenleben und -lieben mal alles anders und besser und richtig zu machen, stand auch er vor einigen Jahren – es muss um 2009 herum gewesen sein – vor den Scherben (s)einer immerhin zehnjährigen Ehe…

Was sich liest, als habe irgendein findiger Hollywood-Drehbuchschreiberling mal eben die Pillen vertauscht und sei diesüber in einen wahnsinnig-abstrusen Schreibwahn abgeglitten, ist tatsächlich die Biografie von William Fitzsimmons. Und: ja, dessen Aussehen macht es, wenn man’s oberflächlich nimmt, kaum… nun ja: besser. Kahl geschorener Kopf, ein imposanter Rauschebart, tief blickende Augen, Holzfällerhemd, unter dem tätowierte Arme hervor lugen. Sähe man den Hünen, Jahrgang 1978, auf der anderen Straßenseite, so könnte man so ziemlich alles als Berufsfeld es US-Amerikaners vermuten – Waldarbeiter (freilich), Trapper (logisch), Rhythmusbassist einer Hardcore-Formation (natürlich) -, nicht jedoch, dass Fitzsimmons a) gelernter Psychotherapeut ist und b) seit 2005 in recht regelmäßigen Abständen tolle Singer/Songwriter-Alben veröffentlicht. So weit, so fern ab des Augenscheinlichen.

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Ebenso nah – musikalisch wie geografisch – liegt den auch ein klanglicher Vergleichspunkt, denn vor allem Fitzsimmons‘ erste drei Werke vom Debüt „Until When We Are Ghosts“ (2005) bis „The Sparrow And The Crow“ (2008) liegen nahe bei dem, was der ebenfalls aus Illinois stammende Sufjan Stevens in seinen Glanzzeiten (man denke da an die Songwriter-Perlen „Seven Swans“, „Michigan“ oder jüngst „Carrie & Lowell„) heraus brachte: zart besaitete große Songs, die bewegende Geschichten vom Leben erzählen, sich selbst nicht wichtig nehmen, dieses dafür umso mehr sind: wichtig. Und: bewegend. Doch wo man bei Stevens in der Vergangenheit nie so recht wusste, wo die Biografie aufhörte und die fiktionale Erzählung begann (das neuste Werk mal außen vor), so war und ist bei William Fitzsimmons jeder Song, jede Note bitterer Ernst und wohl nie so ganz um der schönen Künste Willen gespielt. Denn vor allem den beiden Alben „Goodnight“ (2006) und „The Sparrow And The Crow“ merkt(e) man an, dass ihre Geschichten einfach raus, einfach erzählt, einfach vom Herzen abgerückt werden mussten. So singt Fitzsimmons in leisen Tönen auf ersterem von seiner Kindheit, von Leben mit seinen blinden Eltern, von deren Trennung und Scheidung, vom Freitod seiner Mutter und von der Unfähigkeit seines Vaters, mit alledem und den eigenen Schuldgefühlen klarzukommen – und das, vor allem im Stück „You Broke My Heart„, recht unverblümt: „Did you think about my mother / When you shared the same bed cover / Did you wonder if it changed her / When your son became your stranger / When will you admit your lonely / Since we split apart the family / All the pictures are updated / All of us are separated / You broke my heart / I don’t feel it anymore“. Das geht ebenso zu Herzen wie die Direktheit, mit der er auch vor sich selbst nicht Halt macht(e) und nahtlos das Scheitern der eigenen Ehe analysiert – dann vor allem im zweitgenannten „The Sparrow And The Crow“. Musikalisch kleidet Fitzsimmons seine Songs seit jeher als kleine Akustikgitarren-Kleinode, die selten mehr benötigen als ein, zwei elektronische Sprengsel hier, drei, vier Tupfer auf dem Piano da. Wer bei den Songs der ersten drei Alben nicht gefesselt zuhört(e), der darf sich getrost fragen, ob sein Herz nicht aus Stein gemeißelt ist (oder gefälligst noch einmal genauer hinhören).

Und irgendwie freute man sich für und mit William Fitzsimmons, dass die beiden darauf folgenden Alben „Gold In The Shadow“ (2011) und „Lions“ (2014, produziert von Ex-Death Cab For Cutie-Gitarrist Chris Walla) um einiges positiver und hoffnungsvoller ausfielen, präsentierten sie den Singer/Songwriter und patenten Geschichtenerzähler doch von einer seiner Seiten, die jeder, der mit dem freundlichen, aufgeschlossenen Bartträger ins Gespräch kommt, sofort bemerkt: die des durchaus optimistischen Zeitgenossen. Ja, da schlichen sich nun geradezu poppige (etwa „Beautiful Girl“ von „Gold In The Shadows“) und beschwingte („Took“ von „Lions“) Melodien ins Klangbild, während der Künstler selbst universellere, weltoffenere Themen anschnitt. Und auch wenn der Singer/Songwriter der herbstlich gestimmten Melancholie nicht abschwor, so hatte das Ganze jedoch einen kleinen Makel: alles in allem gerieten diese beiden Werke etwas austauschbarer als ihre drei Vorgänger, denn – ähnlich wie Sufjan Stevens – war und ist Fitzsimmons vor allem dann am besten, wenn er ans Eingemachte geht, von seinem Leben singt. Sich bewegen können viele, bewegen die wenigsten. Umso besser, dass William Fitzsimmons nun (s)eine Rückkehr feiert – wenn auch im Mini-Format…

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Im vergangenen Oktober verbrachte der Musiker eine kurze Zeit in der Stadt, in der er als Sohn blinder Eltern aufwuchs, zum Scheidungskind wurde und in der er im Herbst 2014 seine Großmutter zu Grabe trug. Aus diesem schmerzhaften Anlass erhielt das nun erscheinende sechste Album den ebenso kurzen wie treffenden Titel „Pittsburgh„, auf dem sich lediglich sieben Songs befinden, welche in nur drei Tagen entstanden. Wieder einmal also arbeitet der Mann mit dem imposanten Bart sehr persönliche Themen ab, das wird bereits im ersten Stück „I Had To Carry Her (Virginia’s Song)“ deutlich: „I saw her lying there on the table / Buried in flowers cross that I made for her / Kneeling beside you next to my mother weeping like willows / I had to carry her“. Und als ob die Verstorbene eine Entschuldigung dafür benötigen würde, dass ihr Enkel so lange der einstigen Heimat, mit welcher er nicht wenige bittere, traurige Erinnerungen verbindet, fern geblieben ist, schiebt er diese sogleich nach: „I’m sorry it took me two years to come home / I’ve been so busy  / You should see how the kids have grown / I’ll tell the children how much you loved them / They’ll never know you“. Erneut braucht Fitzsimmons nicht viel, um zu rühren: seine Akustische, ein wenig Piano hier und da, das Zwischenräume gekonnt ausfüllt, auch mal die Beatbox (etwa in „Better“ und „Matter“). Noch immer bildet Akustik-Folk freilich das Grundgerüst seiner Songs. Und diese widmet der Musiker auf „Pittsburgh“ voll und ganz seiner Großmutter, die die Musik in seine Familie brachte.

Wohlmöglich wird William Fitzsimmons‘ neustes Werk nur eine Art (ungeplantes) knapp 25 Minuten kurzes Zwischenalbum sein, eines, auf dem eventuell zum (vorerst) letzten Mal die Schatten seiner Familiengeschichte aufblitzen, nur um langsam und nach und nach im melancholischen Nebel zu verschwinden. Die Dramen hat er freilich längst erzählt, sich an ihnen abgerieben, sich durchs Darüber-singen selbst geheilt und wie verblichene Schwarz-weiß-Fotos zurück ins Familienalbum geschoben. Natürlich klangen seine letzten Werke weitaus sonniger und hoffnungsvoller als das, was „Pittsburgh“ nun zum nahenden Sommer anstimmt. Trotzdem ist man dankbar für diese Stücke, beweisen sie doch, dass die größte Stärke darin liegt, zwar mit einem weinenden Auge, jedoch ohne Wehklage, ohne Pathos und bleierne Stimmung zurück zu blicken. The Waldschrat is coming home. Der Rest soll Licht sein…

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Hier gibt es einige Stücke von „Pittsburgh“ in Akustikversionen…

 

…sowie ein knapp einstündiges (!) Filmportrait über William Fitzsimmons, welches im Zuge der Promotion des im vergangenen Jahr veröffentlichten fünften Albums „Lions“ entstand:

 

Rock and Roll.

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Das Album der Woche


Sufjan Stevens – Carrie & Lowell (2015)

AKR099-Cover-471x471-erschienen bei Asthmatic Kitty/Cargo-

Wer genau ist Sufjan Stevens? Oder anders formuliert: Auf welchem Meter des vielfältigen Musikspektrums lässt sich der gebürtig aus dem US-amerikanischen Detroit, Michigan stammende Tausendsassa nun einordnen? Gute Fragen, allemal, bei denen selbst Kenner der nicht eben an Veröffentlichungen armen Diskographie des 39-Jährigen mit der Zeit ins Grübeln gekommen sein dürften…

Die „Spex“ hat sich in ihrer kürzlich ins Netz gesetzten formidablen Review (und die, die mich kennen, und um meine naturgegebene Abneigung zu dieser Hipstergazette wissen, können einschätzen, wie hoch ein solches Lob an dieser Stelle einzuschätzen ist) einleitend mal eben an einer Stevens’schen Standortbestimmung versucht: „Zuletzt bei Sufjan Stevens: Konfettikanonen und Hula-Hoop-Reifen, Luftballons und Luftschlangen, eine elaborierte Robotertanzchoreografie, Referate über den outsider artist Royal Robertson, Fahrradfahrer auf offener Bühne, Neonklebeband an allen Instrumenten und den meisten Körperteilen, Baseballmützen über Stirnbändern, Baseballmützen über Baseballmützen, Mentholzigaretten, Schwanenflügel, ein richtiger Flügel und elf bis 15 Musiker, die verkleidet waren wie die Junior-Highschool-Modellbauwochenprojekte ihrer eigenen Kinder. Wir schrieben das Age Of Adz (für Erdenbürger circa 2010/11). Stevens hatte die elektronische Musik für sich entdeckt, den Größenwahn kannte er vorher schon. Nach den Konzerten zu seinem sechsten Studioalbum veröffentlichte er 58 Weihnachtslieder auf fünf Schallplatten und gründete das White-Men-Can’t-Funk-Projekt Sisyphus. Andere Musiker waren möglicherweise besser, aber kein anderer Musiker war mehr.“

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Denn in der Tat konnte einem bei all den kreativen Querschlägen und musikalischen Kehrtwenden innerhalb kürzerer Zeit schon schwindelig werden (während andere schnell wieder von Bord gingen und ihre Lauscher anderswo aufstellten). Angefangen beim 2000 beziehungsweise ein Jahr darauf erschienen Albumdoppel aus „A Sun Came“ und „Enjoy Your Rabbit„, die mal Singer/Songwriter-Folk mit musikalischen Einflüssen anderer Kulturkreise wie keltischer und indianischer Musik, aus dem Nahen Osten oder Marokko paarte („A Sun Came“), mal, sich völlig neben der popkulturellen Spur befindlich, 80 volle Minuten lang Tierkreiszeichen widmete („Enjoy Your Rabbit“). Weitergeführt vom wohl größten Treppenwitz im bisherigen Veröffentlichungskatalog des Musikers, als Stevens 2003 zuerst seinen Heimatbundesstaat „Michigan“ und danach, nur zwei Jahre später, „Illinois“ mit ausführlichen Konzeptalben bedachte, die so ziemlich alles an Bord hatten, was sich der geneigte Hörer anspruchsvoll-detailverliebten Singer/Songwritertums nur wünschen konnte: feine Melodien, die auch Jahre darauf noch in den Gehörgängen wohnen (etwa „Holland“ von „Michigan“ oder „John Wayne Gacy, Jr.“ und „Casimir Pulaski Day“ von „Illinois“), große Stücke (ebenjene), groß angelegte Big-Band-Fanfaren, die immer wieder von Zwischenspielen unterbrochen werden, süchtig machende Geschichten, von denen man bis heute nicht weiß, ob sie sich in den Historien der Bundesstaaten so wirklich zugetragen werden oder nur Stevens‘ blühender Fantasie entsprangen. Dass der Musiker damals tatsächlich ankündigte, auch noch alle (!) weiteren 48 Staaten der US of A mit Alben abzudecken, mag man dereinst für kreativen Wahnsinn oder einen formidablen Scherz gehalten haben. Heute weiß man: zweiteres war es wohl. Nichtsdestotrotz prangen beide Alben, deren zweites, Illinois“, 2006 sogar noch die mit 21 Stücken nicht minder prall gefüllte Outtakes-Sammlung „The Avalanche“ abwarf, bis heute wie kleine große Prunkstücke in der Stevens’schen Albumrückschau, sodass gar das 2004 mitten in der kurzen Bundesstaaten-Serie erschienene, famos geratene, (beinahe) reine Singer/Songwriter-Kleinod „Seven Swans“ ein wenig in der Schatten tritt. Wer allerdings dachte, dass Sufjan Stevens damit seinen kreativen Zenit überschritten und irgendwie in jungen Jahren bereits alles gesagt, alles erzählt hatte, der wurde nur wenig später, als der Musiker mit der 60(!)-Minuten-EP „All Delighted People“ und dem größenwahnsinnig-verschrobenen „The Age Of Adz“ (ebenfalls beinahe 80 Minuten stark) erneut einen Haken in Richtung neuer musikalischer Horizonte schlug, eines Besseren belehrt. Nach tränenreichem Liedermachertum und großem Orchester-Tamtam suchte Stevens sein Heil in Folktronica, Artrock und definitiv nicht radiotauglichen Krautrock-Experimenten, während er sich thematisch durch die wirren Hirnregionen des schizophrenen, 1997 verstorbenen US-amerikanischen Malers und Künstlers Royal Robertson wühlte – fast schon gewöhnlich, das alles, wenn man bedenkt, dass er nur ein Jahr zuvor mit „The BQE“ einen Soundtrack zu einem Kunstfilm (freilich stammte auch dieser von Stevens) über den Brooklyn-Queens Expressway in die Plattenläden gestellt hatte. Filmbegleitende Musik über eine Autobahn? Irre? Wohl kaum weniger als Stevens‘ zehnteilige EP-Serie mit traditionellen und von ihm selbst verfassten Weihnachtsliedern, welche zwischen 2006 und 2012 erschien (in Form der Box-Sets „Songs For Christmas“ und „Silver & Gold“). Wohl kaum weniger als „Sisyphus„, des Musikers HipHop-meets-Electro-meets-R&B-Kollaboration mit dem US-Musiker Ryan „Son Lux“ Lott und dem aus Chicago stammenden Hiphopper Serengeti. Für Sufjan Stevens schien es kein schlimmeres Übel zu geben als Stillstand oder Wiederholung, und man konnte sich wohl nur in den kühnsten Träumen ausmalen, welches kreative Feld er als nächstes bestellen würde. Derben Doom Metal zu Walgesängen? Neunziger-Techno zu Mönchschören? Denkbar schien alles, nur nicht das, was bereits gewesen war…

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Umso überraschender ist „Carrie & Lowell“ jetzt, denn Stevens kehrt ausgerechnet zu dem zurück, für das er vor etwa zehn Jahren seine ersten Lobeshymnen in breiterer Öffentlichkeit erntete: lupenrein zartem Singer/Songwriter-Liedgut. Denn dem traurigen Anlass dieses Konzeptwerkes wäre wohl alles andere – großes Orchester, spinnerte Klangexperimente – unangemessen gewesen. Sufjan Stevens zollt in den elf neuen Stücken seines siebenten Studioalbums (obwohl sich das so genau gar nicht sagen lässt) seiner im Dezember 2012 verstorbenen Mutter Carrie und seinem Stiefvater Lowell, der seine musikalische Entwicklung entscheidend mit prägte, Tribut. Und wie! Stevens, der selbst bei seinem Vater aufwuchs, und Carrie und Lowell nur dann und wann in Oregon besuchte, lässt in den Songs seines neusten Werkes Szenen seiner Vergangenheit Revue passieren, sodass es wirkt, es säße der Musiker selbst neben einem und würde mal dieses, mal jenes Familienfoto herüber reichen und die ein oder andere Anekdote dazu liefern. Dass er selbst schwer am Tod seiner Mutter zu knabbern hatte, merkt man schon, als Stevens im ersten Stück „Death With Dignity“ zu der für ihn typischen Akustikgitarrenbegleitung „I don’t know where to begin“ singt. Immer und immer wieder sind es Zeilen wie diese, oder „The hospital asked should the body be cast / Before I say goodbye“ (aus dem großen „Fourth Of July“), die dem Hörer ganze Heerscharen von Klössen in den Hals legen. Klar, zu Herzen gehende Geschichten konnte Stevens schon immer erzählen. Nur waren es halt bislang meist die Gesichten von anderen, von irgendwem. Nun, auf „Carrie & Lowell“, merkt man nur allzu deutlich, dass er in diesen Stücken ein Schluss Familiengeschichte zum Abschluss bringt. Alles auf dem Album, das der Musiker fast im Alleingang einspielte, klingt so intim und puristisch wie einst zu Zeiten von „Seven Swans“. Stevens und seine Akustische werden, bis auf den von Keyboard- und Soundschleifen davon getragenen Albumabschluss „Blue Bucket Of Gold“, einzig akzentuiert von Pianotumpfern unterbrochen, während hier und da ein kleines Atmosphäreschnipsel ums Eck lugt. Und: Erstmals gelingt es dem 39-Jährigen – und das ausgerechnet auf (s)einem mit 44 Minuten verhältnismäßig kurzem Album – all das, was da zwischen Leben und Sterben, zwischen Wiege und Bahre alles stattfindet, irgendwie in Worte zu fassen. Klar, die biblische Mythologie, die verschrobenen Bilder, die auch vorher schon in seinen Songs zuhause waren – sie bleiben auch 2015 nicht vor der Tür. Man muss wohl auch nicht jedes von Stevens gewählte Wort verstehen, um zu fühlen, wie ernst es ihm mit diesem Werk war, ja: ist. Dass er in den Stücken auf „Carrie & Lowell“ mehr als einmal in den Abgrund des Lebens blickt, jedoch immer wieder mit einem kleinen Lächeln antwortet, macht all das nur noch wahrhaftiger, denn bittere Erkenntnisse gibt es derer bereits genug: „We’re all gonna die“. Stevens tänzelt, er taumelt, vor allem im bewegenden „No Shade in The Shadow Of The Cross“, in dem er mit zitterndem Vibratio im Falsett beinahe der Melancholie anheim fällt, er fatalisiert („Nothing can be changed“) – doch er fällt nicht. Vielmehr lässt er die Traurigkeit, die Wut, die Verzweiflung vollen Herzens zu. Schleierfäden aus Melancholie durchziehen das Album, die sich anfühlen wie der Blick auf jenes geknickte, fleckige Bild seiner Mutter und seines Stiefvaters, das nun das Cover des Werkes ziert. Eine von vielen, vielen Erinnerungen an längst Vergangenes. Traurig, wunderschön – wie das Leben selbst. Neu – im Sinne von „innovativ“ – ist „Carrie & Lowell“, das in Portland (Oregon), Norman (Oklahoma) , Eau Claire (Wisconsin), Manhattan, Brooklyn (New York) und gar via iPhone-Aufnahmen einem Hotelzimmer in Klamath Falls (Oregon) entstand, freilich nicht (gerade im Hinblick auf Stevens‘ bisherige Werke). Aber nie war Sufjan Stevens dem Hörer auf Albumlänge näher  – und das mag schon etwas heißen! Diese Songs mussten raus. Umso wundervoller, dass er sie mit uns teilt.

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Hier kann man sich „Should Have Known Better“, „The Only Thing“ und „No Shade In The Shadow Of The Cross“ in Bild und Ton zu Gemüte führen:

 

Und all jene, die nun vermuten, dass Stevens alle elektronischen Experimente mit dem neusten Akustikgitarrenwerk ad acta gelegt hat, belehrt der dieser Tage ins Netz gestellt Non-Album-Track „Exploding Whale“ eines Besseren. Scheint ganz so, als wäre „Carrie & Lowell“ nur eine weitere Episode in Sufjan Stevens‘ Schaffen – wenn auch eine wichtige…

 

Rock and Roll.

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„Rapapapam, motherfucker!“ – Neues Emmy The Great & Tim Wheeler-Video zu „Zombie Christmas“


Tim Wheeler & Emmy The Great

Und, schon im selbstgewählten Vorweihnachtsstress? Schon den Tannenbaum geordert, den Braten bestellt, die ersten Geschenke beisammen, bei verdünntem Glühwein im Weihnachtsmarktregen angestoßen? Nein? Willkommen im Club!

Wer weder diese „Alle Jahre wieder“-Weihnachtsrituale noch die scheinbar nur aus „Last Christmas“, „Driving Home For Christmas“ und „Ihr Kinderlein kommet“ bestehenden Playlists, die schon immer mehr musikalisch-akustisches Verbrechen denn Wohltat darstellten, für länger als zehn Minuten ertragen kann, für den kommen schon seit einigen Jahren immer wieder feine Indie-Alternativen auf den Markt: etwa Smith & Burrows‘ „Funny Looking Angels„, bei welchem sich Editors-Frontmann Tom Smith und Ex-Razorlight-Trommler Andy Burrows zusammenfanden, um ein Album aufzunehmen, welches zwar ein weihnachtlich-warmes Gefühl vermittelt, jedoch fast gänzlich ohne übertriebe, gekünstelte Heimelichkeit auskommt. Oder Sufjan Stevens wohl nie endende – und sehr traditionalistische – „Songs For Christmas“-Weihnachtsalbenserie (der musikalische Alleskönner ist mittlerweile bei Vol. 10 angekommen). Oder eben „This Is Christmas“ vom englischen Indie-Traumpaar Emmy The Great und Tim Wheeler. Und obwohl das Album bereits im vergangenen Winter erschienen ist, haben die beiden nun zum Song „Zombie Christmas“ ein sehr humorvolles Video veröffentlicht, das anmutet, als hätte man das Setting von „Shaun Of The Dead“ für ein alternatives Ende in ein Einkaufszentrum zur Weihnachtszeit verlegt – ein Spaß ebenso für all diejenigen, die wohl auch 2012 vom Weihnachtsfieber verschont werden. Rapapapam, motherfucker!

 

 

Hier kann man sich noch „Christmas Day (I Wish I Was Surfing)“ anhören, bei welchem die Singer/Songwriterin und der Ash-Frontmann die Beach Boys auf Rentieren – gefühlt! – über die Wellen reiten lassen…

 

Rock and Roll.

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Eine Empfehlung des Hauses…


Anlässlich der Veröffentlichung von Rosie Thomas‚ sechstem Soloalbum „With Love“ (erscheint – wie passend – am 14. Februar) habe ich mir heute noch einmal von ihrem 2006 veröffentlichten und wohl bisher besten Album „These Friends Of Mine“ die Ohrmuscheln umspielen lassen… *hach*

Schöne, stimmungsvoll-intime Musik mit reduzierter Instrumentierung (meist Akustikgitarre und/oder Piano, gelegentlich unterstützt von einem Cello) wird hier geboten – jedoch nicht im Sinne von „Fahrstuhlmusik“, und mit angenehm geringem Kitsch-Faktor. Die zehn Songs der aus Michigan stammenden und nun in New York beheimateten Musikerin enthalten drei Coverversionen (das wunderschöne „The One I Love“ kennt man von R.E.M., „Songbird“ von Fleetwood Mac und „Paper Doll“ von Denison Witmer) und zwei Duette mit Sufjan Stevens, welcher das Album auch co-produzierte. Beim Song „All The Way To New York City“ muss ich immer an eine tolle Woche im ‚Big Apple‘ denken… Ihr merkt: das ist Musik für die ruhigen Stunden. Aber die muss es ja schließlich auch geben.

Das Beste für euch: auf NoiseTrade, einer Seite, die hier ja kürzlich schon erwähnt und empfohlen wurde, kann man sich das Album derzeitig – und wer weiß für wie lange, also schnell sein! – kostenlos herunterladen. Wer also Lust auf tollen Kammer-Folk, auf „zehn kleine, feine Herzensangelegenheiten“ (Zitat von CountryMusicNews.de) hat, der sollte sich „These Friends Of Mine“ nicht entgehen lassen… Und bei Gefallen ihrem neuen Album „With Love“ – oder den Vorgängern – eine Chance geben.

 

Rock and Roll.

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