Schlagwort-Archive: Sufjan Stevens

Song des Tages: The Staves – „Chicago“


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The Staves, das sind Emily, Jessica und Camilla Staveley-Taylor, drei Schwestern aus dem englischen Watford, Hertfordshire, die als Trio seit beinahe zehn Jahren die Musikwelt mit derart feinem Akustik-Folk-Harmoniegesang, bei dem sich die Stimmen so wundervoll gegenseitig umgarnen, betören, dass da eigentlich nur noch die beiden Schwedinnen von First Aid Kit dagegen halten könnten.

Wenig verwunderlich scheint es da, dass auch prominentere Kollegen wie Florence Welch oder Justin Vernon dem harmonieseligen Charme der drei Schwestern längst verfallen sind. Letzterer etwa, seines Zeichens ja sonst Herz, Hirn und Stimme hinter Bon Iver, bot sich The Staves vor ein paar Jahren gar als Produzent des zweiten, 2015 erschienenen Albums „If I Was“ an, und schneiderte Emily, Jessica und Camilla ein Soundgewand zurecht, welches wiederum deutliche Duftmarken des Bon-Iver’schen Klassikers „For Emma, Forever Ago“ in sich trug. Wer also noch händeringend nach musikalischer Untermalung für entspannte winterliche Kaminsonntage bei Keks und Tee sucht – here you go.

A1qQt4UQcML._SS500_Da wäre es doch gelacht, wenn es The Staves nicht gelingen würde, auch den Songs anderer Künstler mit der geballten Kraft des schwesterlichen Harmoniegesangs ihren Stempel aufzudrücken. Dem (auch anderswo bereits recht oft bemühten) Springsteen-Evergreen „I’m On Fire“ etwa. Bei derselben Live Session, die das Trio 2015 für den holländischen YouTube-Kanal „Onder Invloed“ (oder eben „The Influences„) einspielte, nahmen sich die drei Folk-Grazien auch den so oder so hymnisch-melancholischen Sufjan Stevens-Geniestreich „Chicago“ vor, und verpassen dem Stück noch einiges mehr an Indie-Folk-Charme…

 

 

„I fell in love again
All things go, all things go
Drove to Chicago
All things know, all things know
We sold our clothes to the state
I don’t mind, I don’t mind
I made a lot of mistakes
In my mind, in my mind

I drove to New York
In a van with my friend
We slept in parking lots
I don’t mind, I don’t mind
I was in love with the place
In my mind, in my mind
I made a lot of mistakes
In my mind, in my mind

You came to take us
All things go, all things go
To recreate us
All things grow, all things grow
We had our mind set
All things know, all things know
You had to find it

All things go, all things go…

If I was crying
In the van with my friend
It was for freedom
From myself and from the land
I made a lot of mistakes…

You came to take us
All things go, all things go
To recreate us
All things grow, all things grow
We had our mind set
All things know, all things know
You had to find it
All things go, all things go“

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: oh sleep – „numbers“


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Von Florian Sczesny war unter seinem Singer/Songwriter-Pseudonym oh sleep im vergangenen Jahr hier auf ANEWFRIEND ja bereits mehrfach die Schreibe.

Nun hat der Bonner Indie-Musiker seiner stetig wachsenden Hörerschaft mit der „try to rest ep“ nicht nur das bereits dritte Mini-Album präsentiert (nach der „trio ep“ und der „we can’t waste all this time ep„, beide von 2017), deren Songs sich offenkundige Inspirationen von Künstlern wie Sufjan Stevens oder Angelo de Augustine geholt haben – laut Presseinfo beschreiben die vier gewusst filigran-getragenen (und nun auch ab und an von Samples unterfütterten) Lo-Fi-Singer/Songwriter-Stücke „der konzeptuell angelegten EP die Suche nach der eigenen Identität und moderne Sinnkrisen“. Und wann, wenn nicht im Herbst, wann, wenn nicht wenige Zeigerschläge nach Mitternacht ist die Zeit für ebensolche Musik gekommen? Melancholischer Schlafzimmereinsamkeitspop, gern auch fürs Gedankeschweifenlassen zu zweit.

a3757559125_16.jpgUnd nimmt man etwa den Song „numbers“ genauer unter die Lupe, so merkt man, dass sich Sczesny tatsächlich (einmal mehr) tief schürfende Gedanken zu den neuen Stücken gemacht hat. Das hier hat er zu „numbers“ sowie dem dazugehörigen Musikvideo (auf Englisch) zu sagen:

„it is probably the first time that i publicly address a topic that has worried me for quite some time now: smartphone addiction. to me it seems like the excessive use of smartphones not only has become socially accepted – it seems like we’re condoning and trivializing addiction to digital communication services, nomophobia and everyday cases of social isolation.

i see people looking at their phones when they’re in a room with their friends, as they nurture their children, as they witness the beauty of nature or while they go out to see a concert of their favorite band. to me it feels like almost every conversation i’ve witnessed in the last years always had a moment of distraction by modern technology. and somehow this behavior of ’not-really-being-here‘ strikes a chord in me and makes me feel sad and somehow lost … maybe because unfortunately i’m stuck in an addictive behavior myself.

so i didn’t make this video/song and write these lines to judge anyone or point my finger at certain concepts of living, i just want to remind you that meaningful real non-digital human interactions (may it be at a concert, in a bus, at school or at home) live of unconditional focus, appreciation, politeness and warmth and we can’t let our personal addictions and compulsions destroy or alter important moments of our life.

please don’t let technology control your behavior – unless you want it to.“

Amen.

 

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Valleyheart – „Fourth Of July“


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Im Original ist Sufjan Stevens‘ „Fourth Of July„, anno 2015 auf dem noch immer tollen jüngsten Langspielwerk „Carrie & Lowell“ erschienen (welches sich im selben Jahr flugs in ANEWFRIENDs Top Ten der „Alben des Jahres“ wiederfand), eine ebenjener fragilen Singer/Songwriter-Perlen, die so wohl nur der stets etwas überambitioniert-verspulte Musiker aus dem US-amerikanischen Detroit, Michigan zustande bekommt. Uncoverbar? Schon. Fast…

Valleyheart haben sich nichtsdestotrotz – oder gerade seines emotionalen, sehr persönlichen Inhaltes wegen – den Song vorgenommen. Unter den Fingern der aktuell vierköpfigen Indie-/Emo-Rock-Band aus Salem, Massachusetts gerät die zwischen den Sphären schwebende, verhuschte Pianonummer zum dezent rockenden Kraftpaket im Stile von Manchester Orchestra und Co., das zwar ganz ähnlich klingt wie die Stücke von Valleyhearts 2016 erschienener Debüt-EP „Nowadays„, das Band jedoch andererseits auch – immerhin liegt die ja bereits zwei Jahre zurück – eine Entwicklung andeuten lässt…

 

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Peach Pit – „Did I Make You Cry On Christmas Day?“


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Die aus dem kanadischen Vancouver stammenden „Chewed Bubblegum Popper“ (so zumindest die Selbstbeschreibung) von Peach Pit haben sich aus gegebenem Anlass Sufjan Stevens‚ saisonalen Instant-Feel-Good-Smasher „Did I Make You Cry on Christmas Day? (Well, You Deserved It)„, anno 2005 auf einer der zahlreichen Weihnachts-EPs des Ausnahme-Electro-Singer/Songwriters erschienen, vorgenommen und den Song einer feinen Neuinterpretation unterzogen… Me likes.

 

„We’ve been fans of Sufjan Stevens‘ music for a while now. Recently since we’ve been all over the East Coast of the States we’ve been putting him on in the van lots. You can’t drive through Illinois or Chicago without chucking some Sufjan on. Anyways, we wanted to do a Christmas cover this year but we kinda hate Christmas songs so this one seemed like the best fit since it’s really just a sad song with the word Christmas in it.“

 

 

By the way: Wer dem Indiepop-Quartett eine seiner dazugehörigen Weihnachts-7-Inches via Bandcamp abkauft, dessen Geld spenden Peach Pit zu satten 100 Prozent an das „1-800-SUICIDE and Crisis Centre BC“ (also an die örtliche Suizidpräventionsorganisation). Gute Sache, das.

 

Rock and Roll.

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Sunday Listen: Cale Hawkins – „A Little More Time“ / „2:30 Tuesday“


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Selbst beschreibt er seine Musik als „Elektrofolk mit Cello-Begleitung“, an andere Stelle werden ihm bereits Vergleiche zu Indie-Größen wie Sufjan Stevens untergeschoben. Fest steht: entspannter als mit den neusten Songs von Cale Hawkins kann man einen Sonntagabend kaum zuende bringen…

Dabei sind Stücke wie die neue Doppel-Single „A Little More Time“ / „2:30 Tuesday“ weitaus mehr als degustinative Hintergrundbeschallung. Denn die Musik ist Hawkins, welcher zwar aktuell im New Yorker Stadtteil Brooklyn zu Hause ist, jedoch als Komponist fürs Tanztheater viel umher reist, irgendwie in die Wiege gelegt wurden. So heißt es etwa – Scherz oder nicht – in seiner Biografie-Beschreibung:

„From ages 3-5, he thought that he was actually Paul McCartney, and introduced himself as Paul to everyone he met.

At age 6, he sadly realized that he was not, in fact, Paul McCartney.

He then decided to learn the guitar at age 7 to be as much like Paul McCartney as he possibly could.“

Wohl auch um seinem Idol etwas voraus zu haben, schloss er bereits mit zarten 19 Jahren sein Studium an der Berklee College of Music mal eben mit „summa cum laude“ ab – nach gerade einmal fünf Semestern. Streber? Vielleicht.

Doch da auch die Geld verdienen müssen – so ein Künstlerleben im Big Apple will freilich auch finanziert werden -, sammelte Hawkins seit 2013 als „musikalischer Tournee-Leiter“ (wasauchimmer der dann macht) und Piano-Begleiter der Jazzpop-Sängerin Nikki Janofsky Einiges an Bonus-Meilen und Kilometersprit und durfte so an altehrwürdigen Orten wie der Radio City Music Hall, dem North Sea Jazz Festival, dem Molson Amphitheatre, dem Seoul Jazz Festival oder dem Montreal Jazz Festival auftreten. Auch nicht schlecht…

Dass er nicht nur anspruchsvoll fürs „Blue Note“-Jazz-Publikum klimpern, sondern auch melancholisch-elektronisch verfrickelten Indiepop abliefern kann, zeigen Songs wie „Polyester Day„, „Pine Overcoats“ – oder eben die Doppel-Single „A Little More Time“ / „2:30 Tuesday“.

 

 

Rock and Roll.

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Der Jahresrückblick 2015 – Teil 3


Ein zwar nicht durch und durch hochkarätiges, jedoch ebenso wenig an tollen Veröffentlichungen armes Musikjahr 2015 neigt sich unausweichlich seinem Ende zu. Zeit also, ANEWFRIENDs “Alben des Jahres” zu küren und damit, nach der Rückschau aufs Film- und Serienjahr, auch die Königsdisziplin ad acta zu legen! Dem regelmäßigen Leser dieses Blogs werden sich wohl wenige Überraschungen offenbaren, schließlich wurde ein guter Teil der Alben meiner persönlichen Top 15 im Laufe des Jahres – insofern es die Zeit zuließ – bereits besprochen. Bleibt nur zu hoffen, dass auch 2016 ein ähnlich gutes Niveau an neuen Platten und Neuentdeckungen bieten wird… Ich freue mich schon jetzt drauf.

 

 

adam angst1.  Adam Angst – Adam Angst

Wenn ich ehrlich bin, dann war die Pole Position meiner Lieblingsalben dieses Jahres bereits im Februar vergeben. Und dass an ein Album, dessen Protagonist ein „arroganter Drecksack“ (Pressetext) ist, der dem Hörer elf Kapitel lang seine eigenen Verfehlungen, seine Makel und Achillesfersen vor Augen und Ohren führt. Muss man sich ein derart gerüttelt Maß an Antipathie wirklich anhören? Man muss! Vor allem wenn sie von Felix Schönfuss und seiner neuen Band Adam Angst stammt. Denn den großmäuligen Versprechungen, die da bereits im Vorfeld um das neuste musikalische Baby des Ex-Frau-Potz- und Escapado-Frontmanns gemacht wurden, liefern Schönfuss und Co. Songs nach, die einen schlichtweg umhauen – sei es durch zackigen, verquer melodieverliebten Rock, der weder den Punk von Frau Potz noch den Hardcore von Escapado noch in sich trägt, oder – vor allem – durch die durch und durch brillanten Texte. Denn in denen bekommen wirklich alle ihr Fett weg – die Schweinepriester und Heiden („Jesus Christus“), die mehr oder minder latenten Rassisten („Professoren“), das tumbe Wochenend-Partyvolk („Wochenende. Saufen. Geil.“), die digital süchtigen Klickzahlenjunkies („Wunderbar“), die sinnentleerten Workaholics („Flieh von hier“), die dysfunktional-zerstrittenen Pärchen („Ja, ja, ich weiß“)… Da muss man schon sehr weit ab von allem sein, um sich an der ein oder anderen Stelle nicht selbst ertappt zu fühlen. „Adam Angst“ mag vielleicht kein Album für die nächsten zehn Jahre sein, mehr Aktualität, Zeitgeist und tolle Songs hatte 2015 jedoch kein anderes an Bord. Obendrein liefern Schönfuss und Band mit „Splitter von Granaten“ noch den definitiv wichtigsten Song des Jahres…

 

 

Benjamin Clementine2.  Benjamin Clementine – At Least For Now

Benjamin Clementines Geschichte liest sich fast wie eine moderne, musikalische Cinderella-Story: Mittelloser Junge aus *hust* „schwierigen Umständen“, der sich bereits seit Kindestagen – und das nicht nur seiner Hautfarbe wegen – als beflissener, belesener Außenseiter fühlt, flieht erst – von verheißungsvollen Versprechungen und vom Fernweh getrieben – aus dem Zig-Millionen-Einwohner-Molloch der englischen Hauptstadt und nach Paris, von dem er einst so viel las, sich so viel versprach. Dort führt er ein Vagabunden-, ein Herumtreiberdasein, schläft unter Brücken und dem freien Himmel, spielt seine Lieder in Metrostationen und wird dann und dort – endlich – von einem findigen Musikmanager erhört, der ihn alsgleich mit einem Plattenvertrag ausstattet. Und so klingen auch die pianolastigen Stücke auf dem vollkommen zu recht mit dem renommierten Mercury Prize ausgezeichneten Debütalbum „At Least For Now“: aus der Zeit gefallen, ebenso modern wie von gestern, schwelgerisch, energisch, klagend, zentnerschwer ausufernd und melancholisch in sich gekehrt. Dazu vorgetragen von einer Stimme, die zu den besondersten seit Antony Hegarty, vielleicht sogar seit Jeff Buckley und Nina Simone (welch‘ Dimensionen!) zählen darf. Man kann, man will dieses Werk gar nicht beschreiben – man sollte es hören! Meine Entdeckung des Jahres.

 

 

love a3.  Love A – Jagd und Hund

Wie schrieb ich doch in meiner Rezension zur Jahresmitte? „Eines steht fest: Frontmann Jörkk Mechenbier und seine drei Bandkumpane von Love A sind angepisst. Aus Gründen.“ Das hat sich freilich auch im Dezember noch nicht geändert, die zwölf runtergekühlten Post-Punk-Stücke des dritten Love-A-Albums haben allerdings nichts von ihrer überhitzt angewiderten Aura verloren. Wer „Adam Angst“ 2015 etwa abgewinnen konnte, der sollte auf „Jagd und Hund“ gern mal ein Ohr riskieren, schlagen die polternden Trierer Punker doch in eine ganz ähnliche Kerbe – vor allem textlich. Die Überdrehtheit der Vorgänger mag „Jagd und Hund“ nicht mit an Bord haben, doch die poppigen Ansätze und neue Introvertiertheit (beides natürlich sehr relativ zu sehen!) stehen Love A ganz ausgezeichnet.

 

 

pusicfer4.  Puscifer – Money Shot

Für Tool-Fans dürfte 2015 eigentlich als ein (weiteres) enttäuschendes Jahr in die Musikgeschichte eingehen, wurde man doch erneut wieder und wieder vertröstet in seinem Warten auf das erste neue Album seit dem 2006er Werk „10,000 Days“ (was umgerechnet gut 27 Jahren entspräche und somit der gefühlten Wartezeit näher und näher kommt). Auch für Freunde von A Perfect Circle sieht es da eigentlich kaum besser aus – trotz der Tatsache, dass vor etwa zwei Jahren mit „Stone And Echo“ ein üppiges Live-Dokument erschien. Eigentlich. Wäre da nicht das dritte, im Oktober erschiene Puscifer-Album „Money Shot“. Denn das Projekt, welches Tool- und A-Perfect-Circle-Stimme und -Fronter Maynard James Keenan vor einigen Jahren zur Auslegung verquerer (elektronischer) Ideen ins Leben gerufen hatte, hat sich über die Jahre zur veritablen Band gemausert. Und hat 2015 erstmals auch albumfüllend großartige Songs auf Lager, die fast ausnahmslos mit den bisherigen Stammbands des passionierten Winzers mithalten können (mit mehr Schlagseite zu A Perfect Circle, freilich). Den Stücken kommt vor allem zugute, dass ihnen die britische Musikerin Carina Round, die erfreulicherweise Jahr für Jahr immer tiefer mit Puscifer verwächst, eine zweite, weibliche Ebene liefert. Für Freunde von Tool und A Perfect Circle ist „Money Shot“ also Segen und Fluch zugleich – zum einen tröstet das Album fulminant über die länger werdende Wartezeit auf neue Songs hinweg, zum anderen wird es für Maynard James Keenan – mit derart feinen Songs im Puscifer-Gepäck – jedoch kaum attraktiver, zu den anderen Bands zurück zu kehren…

 

 

tobias jesso jr.5.  Tobias Jesso Jr. – Goon

Ähnlich wie bei Benjamin Clementine dürfte man beim Lebenslauf von Tobias Jesso Jr. an eine modern-männlich-musikalische Aschenputtel-Variante gedacht haben, die es dem 30-jährigen Eins-Neunzig-Schlacks dieses Jahr sogar ermöglichte, eines seiner (unveröffentlichten) Stücke auf dem Alles-Abräumer-Album „25“ von – jawoll! – Adele zu platzieren (nämlich die Single „When We Were Young„). Dass die Grande Madame des Konsenspop beim Hören von Jesso Jr.s Debüt „Goon“ sein Talent für feine, kleine Popsongs aufgefallen sein dürfte, ist allerdings nur allzu verständlich, denn immerhin ist das Album voll davon. Oder wie ich bereits im März schrieb: „Wer es schafft, bereits das eigene Debüt nach John Lennon, Paul McCartney, Harry Nilsson, Randy Newman, Billy Joel, Elton John, Todd Rundgren, Nick Drake oder Ron Sexsmith klingen zu lassen (und das, obwohl Jesso Jr. laut eigener Aussage einen Großteil dieser Künstler erst während der Arbeit an seinem Album kennen lernte), während man sich darüber hinaus noch eine gewisse Eigenständigkeit bewahrt, dem gebührt jeder einzelne Applaus“. Genauso sieht’s aus.

 

 

sufjan stevens6.  Sufjan Stevens – Carrie & Lowell

Dass Sufjan Stevens großartige, zu Herzen gehende Singer/Songwriter-Kunst abliefern kann, hat der 40-Jährige in den vergangenen 15 Jahren bereits hinlänglich bewiesen. Nur wollen wollte Stevens in den zehn Jahren, die seit „ILLINOIS“ ins Land gegangenen sind, immer weniger, veröffentlichte stattdessen Verqueres wie „The Age Of Adz“ oder gar Soundtracks über Schnellstraßen-Dokus. Von daher ist die größte Überraschung, dass Sufjan Stevens tatsächlich noch einmal mit einem Werk wie „Carrie & Lowell“ ums Eck kommt. Und dass es ein derartiges Meisterwerk des bittersüßen Songwritings werden würde. Denn das wiederum hat ganz persönliche Gründe: Stevens setzt sich auf „Carrie & Lowell“ mit dem Tod seiner Mutter und seines Stiefvaters auseinander und schreibt herzzerreißende Songs über das Leben, das Sterben und alles, was danach kommen mag. Klingt nach Tränendrückern? Die gibt es zwar („Fourth Of July“), aber das Album als Ganzes stellt dabei keinen musikalischen Trauermarsch dar, vielmehr feiert Sufjan Stevens das Leben als Kreislauf – in ruhigen Tönen, wie es nur er es kann. Toll.

 

 

Ryan Adams7.  Ryan Adams – 1989

Ryan Adams covert Taylor Swift – im Studio, ein ganzes Album, und dann auch noch den Millionenseller „1989„. Was sich lesen mag wie ein – wahlweise – verfrühter oder verspäteter musikalischer Aprilscherz, war keiner. Denn der 41-Jährige mit dem ohnehin breit aufgestellten Musikgeschmack, der bereits in der Vergangenheit hinlänglich bewiesen hat, dass es im Zweifelsfall jedes Genre von Doom Metal bis HipHop (mehr oder weniger ernsthaft) für sich besetzen kann, beweist mit seinen Interpretationen von Radiohits von „Shake It Off“ bis „Bad Blood“ seine Fertigkeiten. Freilich klingen die dreizehn Stücke nun gänzlich nach Ryan Adams, doch auch er kann sich den feinen Melodien der Ausgangskompositionen nicht gänzlich entziehen. Warum auch? Im Plattenladen oder auf Spotify mögen die Fanlager von Swift und Adams ganze Universen trennen. Hier kommt zusammen, was noch vor Monaten unmöglich schien. Da war auf Twitter selbst die Ursprungsinterpretin der Schnappatmung nahe…

 

 

Florence and the Machine8.  Florence and the Machine – How Big, How Blue, How Beautiful

Gerade im Vergleich zum großartigen, fünf Jahre jungen Debüt „Lungs“ war „Ceremonials„, 2011 erschienen, eine kleine Enttäuschung, setzten sich darauf doch deutlich weniger Songs zwischen den Ohrmuscheln fest. „How Big, How Blue, How Beautiful“ nun ist wieder ein durchweg tolles Album, getrieben durch imposante Orchesterinszenierungen und erzählt von der variablen Stimme von Florence Welch. Ein spannendes Werk mit elf Geschichten, die durch ihre Musikvideos noch mitreißender werden und erneut so universelle Themen zwischen Liebe, Wut, Tod und Angst behandeln. Ein Album, das am besten als Ganzes funktioniert und ausgestattet mit einem dramatischen Sog, Songs mit Gefühlen zwischen bunter Leichtigkeit („Queen Of Peace“) und erdrückendem Drama – alle mit einer immensen Wucht, und sogar mit Saxofon! Kaum verwunderlich, aber umso erfreulicher, dass der Britin und ihrer Band damit ihre erste US-Nummer-eins gelungen ist. Florence and the Machine sind 2015 ganz oben, da wo sie hingehören.

 

 

frank turner9.  Frank Turner – Positive Songs For Negative People

Frank Turner ist einer von den Guten. Plattitüde? Logisch. Aber besser kann und will man’s gar nicht ausdrücken. Und wenn der britische Punkrocker by heart dann noch mit so guten Songs wie denen seines sechsten Solowerks „Positive Songs For Negative People“ aus dem Studio kommt, dann kann der kommende schweißnasse Festivalsommer kein ganz Schlechter werden. Und wer beim abschließenden „Song For Josh“ nicht mindestens einen Sturzbach Tränen verdrücken muss, der ist aus Stein. Oder hört Techno. Beides wäre schade um ein Paar Ohren…

 

 

noah gundersen10. Noah Gundersen – Carry The Ghost

Top 3 im Vorjahr, Top 10 in diesem – kein ganz schlechtes Ergebnis für einen 26-Jährigen, für den sich außerhalb der heimatlichen USA kaum ein Schwein (geschweige denn Hörer) zu interessieren scheint. Was schade ist, denn Noah Gundersens Songs sind nicht erst seit dem fulminanten 2014er Debüt „Ledges“ eine Wucht, die mich gar zu Vergleichen mit Damien Rice, Ryan Adams oder dem Dylan-Bob hinrissen. Und dem steht „Carry The Ghost“ (fast) in nichts nach. Freilich merkt man dem zweiten Werk des Musikers aus Seattle (!) an, dass das Leichte des Erstlings einer schweren Reife Platz machen musste, doch ist es gerade dieses Geschlossene, in welches man sich mit jedem Hördurchgang immer tiefer hinein gräbt, das „Carry The Ghost“ erneut so ergreifend macht. Freunde von Ryan Adams‘ „Love Is Hell“ sollten reinhören, wer tolle Songs für ruhige Momente sucht, natürlich auch.

 

 

…und auf den weiteren Plätzen:

Foxing – Dealer

Desaparecidos – Payola

Roger Waters – The Wall (LIVE)

Kante – In der Zuckerfabrik: Theatermusik

William Fitzsimmons – Pittsburgh

 

Rock and Roll.

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