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Zur Hölle mit dem Himmel…


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(gefunden bei Facebook)

 

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , ,

Abgehört…


Nix los gewesen in meinen Gehörgängen in der letzten Zeit? Weit gefehlt! Hier mehr oder minder kurz die ein oder andere interessante Beobachtung…

 

The Australian Pink Floyd Show – Live at the Hammersmith Apollo 2011 (2012)

Australian Pink Floyd-erschienen bei Blackhill/Edel-

Mit Coverbands ist das ja so ’ne Sache… Bei den meisten merkt man bereits nach wenigen Minuten, dass hier ein paar sehr enthusiastische Jungspunde (respektive: bierbäuchige, gestandene Mannsbilder mittleren oder gesetzteren Alters – man gestatte mir diese kleine Persiflage) zusammen gekommen sind, um – mehr schlecht als recht – ihren großen Idolen im Kleinen nachzueifern. Dass dabei Einsätze verpasst und kaum eine Tonlage getroffen oder gehalten werden kann – scheiß drauf, der Wille zählt!

Nun sollte man annehmen, dass sich eine – vor allem in ihrer Spätphase, und Dank ihres Ex-Kopfes Roger Waters – derart auf künstlerische Perfektion konzentrierte Band wie Pink Floyd als nahezu uncoverbare „heilige Art Rock-Kuh“ ausnehmen würde. Nix da! The Pink Floyd Sound (holländische Tribute Band), Pink Project, Pink Floyd Project, Echoes (die bekannteste deutsche Tribute Band), Brit Floyd (unverkennbar: aus Großbritannien), Pink Noise, Eklipse, The Floyd Sound – die Liste ist lang und könnte gern noch um einige Namen verlängert werden (wenngleich die polnische Kombo Pink Freud trotz ihres preisverdächtigen Namens nicht dazu zählt). Die weltweit beste Pink Floyd-Coverband sind jedoch ohne Zweifel The Australian Pink Floyd. Warum? Nun, wer je ein Konzert von „Aussie Floyd“ besucht hat, der merkt sofort, dass hier keine Kerle ans Werk gehen, die nur mal eben so, bei ein, zwei, drei Feierabendbieren, zusammenstehen, um die größten Schmonzetten ihrer Jugendhelden nachzuklimpern. Nein, die gut zehnköpfige Band um Leadsänger Steve Mac setzt seit ihrer Gründung 1988 im australischen Adelaide alles daran, ein möglichst perfektes Ebenbild der ewig großen Pink Floyd abzugeben – musikalisch wie visuell. Und das hört man, und das sieht man. Egal, welchen Song „Aussie Floyd“ sich zu eigen machen, es sitzt jede Note, (beinahe) jede Harmonie und jeder Akkord am angestammten Floyd’schen Platz. Dazu flimmern, ebenso wie damals bei den Originalen (oder nun bei Roger Waters Soloshows), kunstvolle Visuals über große LED-Leinwände, bevor ein überdimensionales Känguru am Bühnenrand erscheint (analog zum Floyd’schen Schwein – aber: hey, soviel Heimatverbundenheit hat Charme!).

australian pink floyd #1

Einen ersten, umfassenden Eindruck hiervon kann man sich anhand des vor zwei Jahren in London mitgeschnittenen Livealbums „Live at the Hammersmith Apollo 2011“ machen. Die Setlist umfasst ebenso die unvermeidlichen Klassiker („Shine On You Crazy Diamond 1-5“, „Money“, „Breathe“, „Wish You Were Here“, „Another Brick In The Wall, Part 2“, „Comfortably Numb“…) wie kleine Obskuritäten wie „Careful With That Axe, Eugene“ oder die Syd Barrett-Komposition „Arnold Layne“ (aus dem Jahr 1967 und damit Pink Floyds erste Single überhaupt!). Keine Frage, hier sind begeisterte Könner am Werk. Die stilbildende Gesangsachterbahn „Great Gig In The Sky“ wird ebenso souverän bewältigt wie die – live! – ewig große Tour de Force „Comfortably Numb“ (als eindeutig an der Waters-Version geschulter Dreizehnminüter). Wer Unterschiede oder gar eigene Noten heraushören möchte, der muss – selbst als Floyd-Kenner – schon sehr genau zuhören. Ob „Aussie Floyd“ am Ende mehr sind als eine mächtig professionelle Tribute Show? Nun, zumindest wurde ihnen bereits vor einiger Zeit der Segen von den Original-Floyd-Mitgliedern erteilt, die Band spielte (und jamte!) gar auf dem 50. Geburtstag von Gitarrist David Gilmour. Analog zum Livealbum sei jedem jedoch die visuelle Variante (ob nun als Blu-ray oder DVD) ans Herz gelegt, denn ebenso wie bei Pink Floyd macht auch bei The Australian Pink Floyd erst der Gesamteindruck aus allen Komponenten das Bild richtig rund… Und bei nächster Gelegenheit heißt’s dann: live dabei sein!

 

(Wer mag bekommt anhand der halbstündigen Dokumentation „Welcome To The Machine“ einen Einblick ins Innenleben der höchst professionellen Coverband…)

 

 

Lee Ranaldo And The Dust – Last Night On Earth (2013)

Lee Ranaldo And The Dust - Last Night On Earth-erschienen bei Matador/Beggars-

A propos „ausschweifende Gitarrenhuldigungen“: Schlussendlich scheint der Quasi-Split der ewig krediblen New Yorker Rockinstitution Sonic Youth, dem am Ende schlicht und ergreifend das Beziehungsaus der beiden Köpfe Kim Gordon und Thurston Moore zugrunde lag, doch etwas Gutes bewirkt zu haben… Okay, der eine Teil (Moore) schrammelt sich mit ehemals coolem Indie-Krach der neuen Kapelle Chelsea Light Moving konsequent an den Rand der Beachtung, über den der andere Teil (Gordon) mit den feministisch beschmierten Feedback-Orgien des Projekts Body/Head per se bereits hinaus geschlittert ist. War da aber zu seligen Sonic Youth-Zeiten nicht noch jemand?

Klar, Lee Ranaldo, der dauerdienliche Gitarrist, der Gordon und Moore als Frontpaar stets die Indie-Bühnen überließ! Stattdessen spielt er die Saiten stets aus dem Schatten heraus und veröffentlichte damals unter eigenem Namen immerzu obskure, beinahe unhörbare Solo-Sachen – avantgarde as avantgarde can be. Dass ausgerechnet er nun der zugänglichste Soloaktivist der Sonic Youth-Bande sein würde, hätte wohl kaum jemand ahnen können… Umso überraschender fiel das im vergangenen Jahr erschienene „Between The Tides And The Times“ aus, für das sich Ranaldo keine Geringeren als Wilco-Saitenderwisch Nels Cline, Ex-Sonic Youth-Schlagmann Steve Shelley, den ebenfalls von Sonic Youth bekannten Bassisten Jim O’Rourke sowie Jazzer John Medeski zur Seite nahm. Heraus kam ein vor Fern- wie Heimweh wimmerndes, jedoch stets angriffslustiges Indierock-Gebräu, das den DIY-Bodensatz von Sonic Youth mit den mal zugänglichen, mal ausufernden Seiten/Saiten von Neil Youngs Crazy Horse, R.E.M., The Byrds oder Dinosaur Jr. vermengte. Überraschung? Definitiv gelungen!

Lee Ranaldo And The Dust

Und genau da setzt nun auch Ranaldos nächster Streich „Last Night On Earth“ an. Der apokalyptisch anmutende Titel kommt dabei nicht von ungefähr, entstand das Grundgerüst eines Großteils der neun neuen Stücke doch im Oktober 2012, als der von Hurrikan Katrina betroffene Musiker für eine Woche von Leitungswasser, Heizung und Elektrizität abgeschnitten war und lediglich auf seine Akustikgitarre zurückgreifen konnte. Umso erstaunlicher, dass  man nun ausgerechnet diesen Fakt eben nicht hört. Klar, die Endzeitstimmung, die fragile Ruhe vor dem Sturm, sie strömt dem Album quasi aus jeder musikalischen Pore. Und doch vernimmt man den Akustik-Unterbau nur sehr, sehr selten, während die nun eigenes mit Namenszusatz „And The Dust“ aufgeführte Backing Band aus Steve Shelley, Alan Licht und Ted Young in fast jeder der knapp 65 Minuten (mit Songlängen zwischen dreieinhalb und zwölf Minuten) ein wahres Jam-Feuerwerk abfackelt. Dass man sich beim Spinett in „Last Descent #2“ kurz an den Hof des französischen Sonnenkönigs  versetzt fühlt und einem das feinen Titelstück genüssliche Gänsehaut bereitet („The last night on earth / The last thing we wanted / Was to see the sunrise / The last thing we wanted / The last night on earth / Was seeing daylight in your eyes“), während sich der Rest in einen klaustrophobischen Rockrausch steigert, der in der finalen Existenzialismus-Endlosschleife „Blackt Out“ mündet, sind da gern genommene Nebeneffekte. Alles in allem hatte zwar der Vorgänger („Between The Tides…“) die besseren, kompakteren Einzelsongs – mit Ranaldo als Vordenker und Nels Cline als gekonntem Saitenmaler. „Last Night On Earth“ ist der Soloversuch eines Bandalbums des 57-jährigen Ex-Sonic Youth-Gitarristen, das von Furcht und Zuversicht in Zeiten von Occupy, nahenden Weltwirtschaftskrisen und allabendlichen Protestkundgebungen berichtet und nicht im Traum daran denkt, sich kompakt zu fassen. Darauf ein Saitensolo! Und allen, die neue, harmonisch getränkte Gitarrenschleifen als potentielle Folterinstrumente suchen, sei dieses Werk wärmstens empfohlen… Effekthascherei mit allerhand Effektgeräten.

 

Hier gibt’s den Albumopener „Lecce, Leaving“ in der „Buzzsession“-Variante:

 

 

Louise Distras – Dreams From The Factory Floor (2013)

Louise Distras - Dreams From The Factory Floor-erschienen bei Street Revolution Records-

Man lasse sich einmal folgendes Bild zart schmelzend und genüsslich grinsend vor dem inneren Auge zergehen: Der auf ewig unbelehrbar gut vom Klassenkampf klampfende Britenbarde Billy Bragg und die Ex-Distillers-Röhre Brody Dalle hätten auf einer besudelten Backstage-Couch heimlich Nachwuchs gezeugt und den seligen Clash-Frontmann Joe Strummer postum als Taufpaten bestimmt. Okay, zwischen Bragg und Dalle mögen ein, zwei Jährchen Altersunterschied liegen… Okay, der eine mag sittsam wirken, die andere im Rückspiegel der Inbegriff für die rockgewordene Gift-und-Galle-Spuckerei sein (und es mittlerweile wohl leider vorziehen, das Herdheimchen für die Brut von QOTSA-Frontmann Josh Homme zu geben)… Okay, dann würde der Nachwuchs kaum selbst schon auf der Bühne die Faust zur Akustischen erheben… Aber: Man nehme all dies einmal an. Und genau so klingt Louise Distras.

Louise Distras - Press-2

Nun hat die Mittzwanzigerin aus dem englischen Wakefield, die ANEWFRIEND im August bereits vorstellte, ihr Solodebüt in die Regale gestellt. „Dreams From The Factory Floor“ setzt dabei alles auf eine Punkrock-Karte und agiert ohne Netz und doppelten Boden. Und erzählt mal zur kämpferisch angeschlagenen Akustischen, mal zu munterem drauf los rockendem, pubseligem Punkrock Geschichten, die zwar am Bordstein beginnen, jedoch kaum in den höheren Etagen der trés chicen, very expensive Londoner Skyline enden. Stattdessen: graue Realitäten, soziale Missstände, herbe Rückschläge und die Aussicht auf die nächste Nine-to-Five-Schicht am Fabrikfließband. Und doch sind die innerhalb von 33 Minuten durchgerockten zwölf Stücke keine Tearjerker, denn ständig bleibt bei Distras die Erkenntnis, dass da am Ende der langen Nacht irgendwo irgendjemand da draußen ist, dem es genauso gehen mag – „Stand Strong Together“. Da darf dann schonmal die Mundharmonika gezückt („Black And Blue“), am Piano geklimpert („Love Me The Way I Am“), das Titelstück als Gedicht vorgetragen und mit viel Pathos und seltsam niedlichem Idealismus zu Werke gegangen werden. „Dreams From The Factory Floor“ ist kein Ausnahmealbum. Dafür ist es das Debüt einer realitätsnahen Träumerin, die – gefühlt – einer altvorderen Rockröhre wie Bonnie Tyler mal eben das rostige Abflussrohr der Punkschuppentoilette an den Hinterkopf zimmert. Sympathisch, das alles. Mit der Dame möchte man doch gern mal eine Kneipentour starten, oder?

 

 

 

Lissie – Back To Forever (2013)

Lissie - Back To Forever-erschienen bei Columbia/Sony Music-

A propos „Kneipentour“: Auch Lissie wäre wohl eine nicht eben unangenehme Kandidatin für eine ausschweifendes Saufgelage zu nächtlicher Stunde…

Gute drei Jahre ist es bereits her, dass die 31-jährige, aus dem US-amerikanischen Hinterland (aka. Illinois) stammende Musikern erst mit einer vielversprechenden EP, dann mit ihrem von Jacquire King (u.a. Kings Of Leon) und Bill Reynolds (Band Of Horses) in Form gebrachten Debütalbum „Catching A Tiger“ auf sich aufmerksam machte. Darauf zu hören: viel sonniger Middle Of The Road-Rock der besten Sorte, der auch gern mal ein genüsslich-nächtliches Melancholiebad nahm und Road Trips initiierte, bis der Tank des Oldtimers leer war und über einem nur noch die Sterne schienen. Dabei konnte die Dame auch noch so herrlich und nach Jungen-Manier fluchen, derbe drauf los rocken und brachte superbe Coverversionen – etwa von Lady Gagas „Bad Romance„, Metallicas „Nothing Else Matters„, Kid Cudis „Pursuit To Happiness“ oder Led Zeppelins „Stairway To Heaven“ – zustande, die sich beileibe nicht hinter den Originalen zu verstecken brauchten… Cool.

LISSIE

Dass Lissie nun mit ihrem zweiten, „Back To Forever“ betitelten Wurf nach Größerem greift, mag man ihr dabei nicht einmal jemand verdenken. Trotzdem benötigen die von Garett „Jacknife“ Lee (u.a. R.E.M., U2, Bloc Party) produzierten Songs den ein oder anderen Durchgang mehr als noch der Vorgänger, um ihren Weg ins Hörergehör zu finden. Und das hat seine Gründe, denn anders als bei „Catching The Tiger“ finden hier mal Folk-Rockpop mit angezeichneten 70er-Jahre-Disco-Vibes („Further Away (Romance Police)“), mal recht blasse Country-Pop-Durchschnittsware („I Don’t Wanna Go To Work“), mal aufgeblasene Powerpop-Ballade („They All Want You“) zusammen. Dass all das am Ende trotzdem funktioniert, liegt wohl an Lissies ausgeprägtem Gespür für tolle, eingängige Melodien sowie ihrem nicht nur – aber vor allem! – in „Sleepwalking“ an Fleetwood Mac-Ausnahmesirene Stevie Nicks erinnernden Gesangsorgan. Mit einer Stimme wie der nimmt man der Dame dann sogar die ausgefahrenen Krallen der (für sie) höchst ungewöhnlichen Vorab-Single „Shameless“  („I don’t want to be famous / If I got to be shameless / If you don’t know what my name is, name is / So what, so what?“) ab, lässt sie das ein oder andere genüssliche „Fuck“ oder „Shit“ in Richtung der vorderen Chartsregionen spucken oder mit „Mountaintop Removal“ einen Song – inklusive hymnischem Solo! – abliefern, der wie geschaffen ist als Abschlussstück eines großen Blockbusters (im besten Sinn).

Nein, „Back To Forever“ ist weder Lissies großes Rockalbum noch die Enttäuschung von in sie gesetzten Erwartungshaltungen. „Back To Forever“ macht es allen recht – und dabei paradoxerweise ebenso viel richtig wie falsch. „Back To Forever“ ist ein Album für lange Autofahrten bei zarten Sonnenstrahlen, zum Jahresende und dann wieder im nächsten Sommer. Aber Lissie, dieses feine All American Girl mit Mädchencharme und Gitarrengurt, in Holzfällerhemd, mit Grashalm im Mundwinkel und Diplom im Weitspucken, darf das. Denn Lissie ist ’ne Gute. Und wenn sie will, dann trinkt sie euch starke Männer wohl gern unter den Tisch…

 

Hier gibt’s die Videos zu „Further Away (Romance Police)“…

 

…und „Shameless“:

 

 

Rock and Roll.

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Das Album der Woche


Led Zeppelin – Celebration Day (2012)

-erschienen bei Atlantic/Warner Music-

Der 10. Dezember 2007 sollte für den damals 41jährigen Jason Bonham zum, wie er selbst zugibt, „großartigsten Tag meines Lebens“ werden, den er schloss an diesem Tag ein Kapitel, welches sein Vater viele Jahre zuvor begonnen hatte…

Am 4. Dezember 1980 legten Robert Plant, Jimmy Page und John Paul Jones nach einem wahren Seuchenjahr – am 26. Juni wurde Gitarrist Page während eines Konzerts in der Wiener Stadthalle von einem Feuerwerkskörper getroffen, kurz darauf brach der Schlagzeuger bei einem Konzert in Nürnberg auf der Bühne zusammen – eine der größten Rockbands offiziell ad acta: Led Zeppelin. Nach dem Tod ihres Schlagzeugers John „Bonzo“ Bonham im September – er wurde, ganz klassischer Rock n’Roll-Stil, nach einem seiner vielen Alkoholexzesse erstickt am eigenen Erbrochenen tot in seinem Bett in Jimmy Pages Haus in Windsor (England) aufgefunden – sei es ihnen einfach nicht mehr möglich, (ohne ihn) weiterzumachen. Klar, war „Bonzo“ doch nicht selten die Kraft, die Songs wie „Rock And Roll“, „Achilles Last Stand“ oder „Moby Dick“ (man höre sich nur die monströse 20-Minuten-Version auf dem Livealbum „How The West Was Won“ an, welche während einer US-Tournee im Jahr 1972 aufgenommen wurde!) nach vorn trieb und der Band ihre einzigartige Dynamik verlieh. Doch es war nicht allein die Musik, welche der Band bereits frühzeitig einen Eintrag in die Annalen und ‚Hall Of Fames‘ des Rock sicherte, denn in den Siebzigern gab es wohl kaum eine Band, welche eine ähnliche nebulöse Mischung aus Energie und Mystik umwehte – wo immer Led Zeppelin während ihrer Tourneen Halt machten, konnte man sich sicher sein, „sex, drugs and rock n’roll“ in rauen Mengen vorzufinden. Besonders Frontmann und Sänger Robert Plant mit seiner engelsgleichen, wilden Lockenmähne und Gitarrenderwisch Jimmy Page waren als „Rock gewordene Sexgötter“ berühmt-berüchtigt und Schlagzeuger Bonham als unaufhaltsames „Party Animal“ bekannt, der Band und ihrem windigen, jedoch äußerst findigen Manager Peter Grant zog stets eine Entourage aus zwielichtigen Gestalten, gewaltbereiten Bikern und Groupies hinterher (wer mehr dazu erfahren möchte, dem sei Cameron Crowes großartiger, zu nicht eben geringen Teilen autobiographischer Film „Almost Famous“ wärmstens empfohlen). Doch zwölf Jahre und acht Studioalben nach Led Zeppelins Gründung (der Bandname geht einer Musiklegende nach übrigens auf den ebenfalls früh vor die Rockhunde gegangenen legendären The Who-Schlagzeuger Keith Moon zurück, der 1966 gesagt haben soll, eine Band um Page würde „abstürzen wie ein bleiernes Luftschiff“) war plötzlich Schluss mit den Ton gewordenen Exzessen. Die drei Übrig geblieben gingen ihrer Wege und fanden sich lediglich als „Plant, Page and Jones“ im Jahr 1985  – und mit einen gewissen Phil Collins am Schlagzeug! – für einen Auftritt für „Live Aid“ zusammen – ein Gig, der jedoch zum Leidwesen aller qualitativ mächtig in die Hose ging…

Jahrzehntelang schlugen sie danach alle Angebote – und sei es nur für erneut einmalige Aufritte – aus, obwohl es um irrwitzige Summen ging, bei denen wohl selbst Lionel Messi, Cristiano Ronaldo und Zlatan Ibrahimovic auf der Höhe ihrer Kunst die Fussballschuhe für immer an den Nagel gehängt hätten. Klar war man sich alles andere als spinnefeind – Plant und Page etwa spielten 1994 im Rahmen der „MTV Unplugged“-Reihe einige LedZep-Stücke zusammen mit arabischen Musikern oder dem London Metropolitan Orchestra neu ein (zu finden auf „Jimmy Page & Robert Plant No Quarter Unledded„) – und bewies ein ums andere Mal, dass man(n) noch lange nicht bereit für die „Rockerrente“ war (John Paul Jones brachte unlängst zusammen mit Queens Of The Stone Age-Frontmann Josh Homme und LedZep-Ultra Dave Grohl die unverschämt rockende Band Them Crooked Vultures an den Start, Robert Plant heimste 2009 fünf Grammys für das gemeinsam mit Alison Krauss veröffentlichte Album „Raising Sand“ ein und veröffentlichte zig Soloalben, Jimmy Page arbeitete mit verschiedensten Musikern von Puff Daddy bis zu den Black Crowes zusammen), aber zusammen auf einer Bühne sollte man für lange Zeit nicht stehen. Schließlich hatte das Trio – wie bereits erwähnt – noch an der 1985 erlebten Live Aid-Blamage zu knabbern und mit den in Ungnade zu Grabe getragenen Queen, Genesis und The Doors ausreichend warnende Negativbeispiele vor Augen und Ohren. Nein, so wollten weder Page noch Jones, und schon gar nicht Plant ihr „Baby“ verabschieden (obwohl es Pläne und konkrete Proben von Bassist Jones und Gitarrist Page mit „Aushilfssängern“ gab)!

Erst der Tod des engen Freundes, Entdeckers und Förderers Ahmet Ertegün, welcher auch das Plattenlabel Atlantic Records gründete, brachte die Musiker wieder zusammen. Man traf, unterhielt und beriet sich, und Robert Plant willigte schließlich ein, für ein einmaliges Konzert wieder als ‚Led Zeppelin‘ eine Bühne zu besteigen. Auch ein neuer Schlagzeuger war schnell gefunden: Jason Bonham, der Sohn des verstorbenen Ur-Schlagzeugers John Bonham, welcher bereits in Bands wie UFO oder Foreigner musikalische Duftmarken hinterlassen und sich einen Namen gemacht hatte. Die Proben in den britischen Shepperton Studios liefen für alle Beteiligten noch besser und flüssiger als erhofft, und auch ein geeigneter Ort für das geplante „Ahmet Ertegün Tribute Concert“ war schnell gefunden: die Londoner O2-Arena. Als man kurz darauf den Konzerttermin offiziell bekannt gab, bewarben sich 20 Millionen (!) Menschen um Tickets – die Band stellte damit verständlicherweise einen neuen und kaum zu überbietenden Weltrekord auf.

Noch unglaublicher ist es jedoch in Zeiten beinahe unbegrenzter digitaler Möglichkeiten, dass es geschlagene fünf Jahre gedauert hat, bis LedZep’s einmaliges Comeback, welches logischerweise zum für alle befriedigenden Triumphmarsch in Rock geriet, nun auch für diejenigen, welche keine der heiß begehrten 20.000 Karten ergattern konnten, zum Nacherleben veröffentlicht wird (Pearl Jam etwa beweisen schon seit vielen Jahren, dass es nicht lange dauert, den Livemittschnitt eines Konzerts auf legalem Wege an den Fan zu bringen). Mitte 2012 kündigten Plant, Page und Jones dann doch für den 16. November das nur allzu Offensichtliche an: mit „Celebration Day“ wird das London-Konzert in auditiver und visueller Form veröffentlicht.

Die erste – und wohl entscheidende – Frage ist: lohnt es sich, drei alten Männern jenseits der Sechzig und dem Sprössling einer Schlagzeuglegende beim gemeinsamen Musizieren zuzusehen (respektive: zuzuhören!)? Darauf kann es nur eine Antwort geben: ja! Allein die 16 Songs starke Setlist spricht Bände und dürfte jeden, der in seinem Leben schon einmal mit der Musik von LedZep in Berührung gekommen ist – und das dürften bei weltweit 300 Millionen verkauften Tonträgern, einem Wert, mit dem sie selbst die Rolling Stones hinter sich lassen, nicht eben wenige sein – ungehört mit der Kennerzunge schnalzen:

Good Times Bad Times

Ramble On

Black Dog

In My Time Of Dying

For Your Life

Trampled Under Foot

Nobody’s Fault But Mine

No Quarter

Since I’ve Been Loving You

Dazed And Confused

Stairway To Heaven

The Song Remains The Same

Misty Mountain Hop

Kashmir 

Whole Lotta Love

Rock And Roll

„Hey Ahmet, we did it!“

(Robert Plant, nach „Stairway To Heaven“)

Hier jagt, eingeleitet von einem kurzen US-TV-Betrag aus den „goldenen Siebziger Jahren“ der Band und dem Song „Good Times Bad Times“ ein Highlight das nächste, die Band ist bestens eingespielt und verzichtet während des zweistündigen Rockmarathons auf ausgiebige Blues- und Rock and Roll-Ausschweifungen, die noch ihre nicht minder mächtigen Konzerte in den Siebziger Jahren bestimmt hatten. Natürlich ist sie Zeit an keinem der drei Gründungsmitglieder spurlos vorüber gegangen. Trotzdem trägt Robert Plant noch immer seine Lockenmähne zur Schau und weiß auch stimmlich an die „guten alten Tage“, als er zu recht als wohl bester Rockmusiksänger der Welt galt, anzuknüpfen (nur eben, wie besonders gut bei „Stariway To Heaven“ zu hören, ein paar Tonlagen tiefer). Trotzdem lässt Jimmy Page noch immer zur Visage des ultracoolen, leicht griesgrämigen englischen Lords Riffs vom Stapel, wie sie schon längst in jeder vertonten Musikenzyklopädie zu finden sind und bearbeitet auch in London seine Gitarre zu „Dazed And Confused“ stilecht mit dem Geigenbogen (eine Technik, die sich unter anderem auch Sigur Rós-Frontmann Jónsi Birgisson von ihm abgeschaut hat). Trotzdem weiß John Paul Jones auch 2007 als in sich ruhende, grundsympathische Rhythmusfraktion zu überzeugen. Und Jason Bonham? Der könnte, bei aller Aufgeregtheit und Anspannung, an diesem Tag – wir erwähnten es eingangs bereits – kaum glücklicher sein. Die Band bringt es im beiliegenden Booklet noch einmal treffend kurz und knapp auf den Punkt: „The energy and the chemistry was absolutely still there“, meint etwas Jones, „We were ready!“, stellt Page fest, während Plant die verstorbenen Freunde, Schlagzeugmaniac „Bonzo“ und Manager Ertegün, als Beweggründe der Reunion herausstellt und Bonham bewegend und ehrlich seine Gedanken zu Papier bringt. Led Zeppelin spielen sich im Laufe des Konzerts in einen wahren Rausch und steht ein ums andere Mal glücklich grinsend im Kreis zusammen, so als ob sie selbst nicht glauben könnten, dass sie nach all den Jahren nun hier zusammen musizieren, um wohl definitive Versionen von nicht eben kleinen Songs wie „No Quarter“ oder „Kashmir“ abzuliefern. Da macht es keinem der 20.000 Anwesenden etwas aus, dass sich die Band beim Großteil der Lieder nah an die Originale hält, denn auch für alle Zuschauer in der Arena geht soeben – nicht selten tränenreich – ein lang gehegter und oft schon nicht mehr für möglich gehaltener Lebenstraum in Erfüllung. „Hey Ahmet, we did it!“, schickt Robert Plant aufrichtig dankbar als Gruß an den Freund, dem die Band so viel zu verdanken hat, gen Himmel. Und ob ihr das getan habt – und wie! Nach mehreren ehrlichen Verbeugungen und den Songs „Whole Lotta Love“ und „Rock And Roll“ als Zugaben ist die vom erfahrenen Konzertfilmveteran Dick Carruthers (u.a. The Killers, Oasis, Aerosmith, Snow Patrol, Take That…) unspektakulär und doch angemessen filmisch eingefangene Show vorüber. Und jeder nicht „Unrockbare“ weiß sofort: hier ist soeben etwas Großes passiert. Hier (respektive: vor fünf Jahren) wurde in der englischen Hauptstadt erneut Musikgeschichte geschrieben und auch die letzten Zweifler mit in den ‚bleiernen Zeppelin‘ geholt. Die Band, welche längst niemandem mehr etwas beweisen muss und es sich selbst doch ein letztes Mal beweisen will, schließt am 10. Dezember 2007 in größtmöglicher Ehrerbietung vor dem eigenen Erbe mit einem finalen Epilog, für dessen Archivierung Blue-Ray und DTS-Soundsysteme scheinbar erfunden wurden und auf dessen Einband der Name in 14 goldenen Buchstaben prangt: „Celebration Day„. Led Zeppelin hätten keinen besseren Namen für ihr Vermächtnis finden können. Das hier ist Pflichtprogramm! Der traurige Rest feiert mit den Atzen und Scooter…

Wer nach diesem live aufgenommenen Monolithen, bei welchem die Blue-Ray-Variante mit zusätzlicher DVD, auf der unter anderem ein Mitschnitt der Proben zum Konzert enthalten ist, empfohlen sei, als Neuling gern etwas tiefer in den Backkatalog von Led Zeppelin eintauchen mag, dem/der sei zum Einstieg – neben der ausgezeichneten Best Of „Mothership“ – auch der zweieinhalbstündige, bereits oben erwähnte, Livezusammenschnitt „How The West Was Won“ sowie die dazugehörige – und ebenfalls ganz fabelhafte – Doppel-DVD-Veröffentlichung von 2003 ans Hörerherz gelegt.

 

Hier zur Einstimmung der kurze Trailer zum Konzertfilm…

 

…und die grandiose Live-Version von „Kashmir“:

 

Rock and Roll.

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