Schlagwort-Archive: Sport

Zitat des Tages


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(gefunden bei Facebook)

 

Moby bringt das, was in der vergangenen Nacht (mitteleuropäischer Zeit) – passenderweise in einer Arena in Las Vegas, dem „Disney Land für Erwachsene“ – wortwörtlich über die Boxbühne gegangen ist, wieder einmal herrlich charmant auf den Punkt.

Obwohl der „Millarden-Kampf“ zwischen Floyd Mayweather jr. und Conor McGregor bereits im Vorfeld nur am Rande etwas mit dem Boxsport als solchem zu tun hatte. Der eine (Mayweather) ist im Grunde ein Zeit seiner Karriere ungeschlagener, sich nun jedoch – eigentlich – im Ruhestand befindlicher Weltergewichtsboxer, der andere (McGregor) abseits dieses „Money Fights“ Mixed-Martial-Arts-Käfigkämpfer. Großmäuler mit Hang zur medialen Bling-Bling-Dekandenz sind sie beide. Und da sich der Mensch nicht erst seit dem „alten Rom“ an solchen Showkämpfen zwischen zwei ebenso selbstgerechten wie selbstverliebten „Gladiatoren“ erfreut und die Verpackung schon immer wichtiger als der schnöde Inhalt war (siehe auch Donald Trump etc. pp.), nahmen sowohl der US-Amerikaner als auch der Ire die Gelegenheit, noch einmal so richtig Kasse zu machen, an (die Börse belief sich, abseits des recht uninteressanten Ausgangs, auf schlappe etwa 300 Millionen Dollar für Mayweather und etwa 100 Millionen für McGregor) und stiegen für einen Showkampf im den Boxring, der mit dem Boxsport als solchem in etwa so viel zu tun hat wie ein Pornofilm mit echter Liebe. Dass beide Kontrahenten gewiefte Medienprofis sind, die sich im Vorfeld bei jedweder Gelegenheit die Beleidigungs- und Drohgebärdenbälle zuspielten? Gehört zur Cockfight-Show. Wer mag es ihnen bei diesen schnell verdienten Summen verdenken – it’s all about the money, money, money

 

Rock and Roll.

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Moment! Aufnahme.


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(gefunden bei 11FREUNDE/Facebook – Foto: Miftahuddin Halim)

 

So geht es also auch: Ngurah Nanak, Yabes Roni und Miftahul Hamdi – ein Hindu, ein Christ und ein Moslem – feiern in Indonesien – jeder auf seine Weise und doch zusammen –  ihr Tor für Bali United. (via Bali United FC)

 

Rock and Roll.

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Sunday Listen: Grand Terminal – „Trompe​-​l’oeil“


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Foto: via Bandcamp / Facebook

Grand Terminal, eine vierköpfige Band aus dem französischen Bourg-en-Bresse, spielt – nunja – emotional aufgeladenen Indiepunkrock mit satten Books und dem ein oder anderen Post-Hardcore-Verweis. So finden sich die neun Songs ihres im April 2016 erschienenen Debütalbums „Trompe​-​l’oeil“ im Moshpit gleich neben Nineties-Emo-Bands wie Small Brown Bike, Hot Water Music, Sport oder Bâton Rogue wieder, während auch die zwar etwas jüngeren, jedoch stets großartigen La Dispute, Touché Amoré oder Pianos Become The Teeth nicht weit weg herum springen.

Dass Grand Terminal erst gar nicht versuchen, die Worte ihrer Songs mit englischer Sprache und einem potentiell üblen französischen Akzent zu unterlegen, gibt freilich einen dicken Pluspunkt. Ebenso wie der feine Zug, das erste Album als „Name your price“ via Bandcamp anzubieten. Reinhören, Emo-Kiddos, reinhören!

 

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Klez.e – „Mauern“


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Ja sicher, Tobias Siebert ist mir – vor allem durch sein jüngstes Solo-Projekt And The Golden Choir, dessen Debüt „Another Half Life“ 2015 erschien, aber auch als Produzent für so viele deutsche Bands und Künstler wie Slut, Marcus Wiebusch, Enno Bunger, Mikroboy, Herrenmagazin, Phillip Boa and the Voodooclub, Kettcar oder Sport – freilich ein Begriff. Auch, dass der Mann mal in einer Band namens Klez.e aktiv war, wusste ich natürlich. Mit deren drei Alben – das letzte, „Vom Feuer der Gaben„, erschien 2009 – habe ich mich allerdings nie beschäftigt.

Nun, sollte ich wohl mal tun, denn der Song „Mauern“, mit dem sich Siebert und seine Mannen nach siebenjähriger Auszeit zurückmelden, verspricht Großes. Und rennt bei mir mit seinen Referenzen zum 1989 veröffentlichten The-Cure-Meilenstein „Disintegration“ offene Türen ein. Monolithische Rhythmen, Schwermut, Melancholie – all das klingt wohl nicht von ungefähr wie eine tiefe Verneigung vor Robert Smith und Co., denn auch das dazugehörige, im Januar 2017 erscheinende neue Klez.e-Album „Desintegration“ trägt seine Inspiration ebenso offen zur Schau wie Tobias Sieberts neuerdings zum Goth-Wuschel toupierte Haarpracht… Als wenn es auf ewig ein grauer Wintertag im letzten Jahr der seligen Achtziger wäre. Bonjour Tristesse.

 
„Früher, da im Osten
Wollte ich im Wedding sein
Und heute soll das enden
Ich ließ mich von euch blenden…“

 

 

 

Rock and Roll.

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„The Greatest“ – Muhammad Ali ist tot.


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Rumble in the Jungle. – Damals, im Oktober 1974, wohl der größte Boxkampf aller Zeiten (vergesst Mayweather Jr. vs. Pacquiao, wo das Boxerische nicht mit dem Großmaul-Showgehabe mithalten kann), als Muhammad Ali und George Foreman in Kinshasa, Zaire aufeinander trafen, heute ein geflügelter Ausspruch. Thrilla in Manila. – Kaum ein Jahr später, im Oktober 1975, trafen Ali und Joe Frazer in Quezon City, heute ein Teil der Region Metro Manila, Philippinen, aufeinander. Zwei Kämpfe, die in die Sportgeschichte eingingen. Zwei Kämpfe, deren windige Organisation durch den legendären Boxpromoter Don King zwar wenig von der perfekt durchorganisierten Show besaß, die heute bei Großereignissen wie diesen üblich ist, dafür umso mehr Unterhaltungswert (und mag es vor allem aus Nostalgie sein). Zwei Kämpfe, die Muhammad Ali – wenn auch knapp – für sich entschied. „The Greatest.“

Es gibt wohl nichts, das nicht bereits zu Lebzeiten über den Mann, der am 17. Januar 1942 in Louisville, Kentucky als Cassius Marcellus Clay Jr. zu Welt kam, gesagt wurde. Er gehörte zu den bedeutendsten Schwergewichtsboxern und herausragendsten Athleten des 20. Jahrhunderts und wurde 1999 vom Internationalen Olympischen Komitee zum „Sportler des Jahrhunderts“ gewählt – wer je einen seiner 61 Kämpfe (von denen er 56 gewann, wiederum 37 davon durch K.O.) gesehen hat, der wird verstehen, wieso. Er ist bis heute der Einzige, der den Titel „unumstrittener Schwergewichts-Boxweltmeister“ dreimal in seiner Karriere gewinnen konnte. Viel wichtiger jedoch: Muhammad Ali war auch als Mensch, als Persönlichkeit faszinierend. Er war ein Großmaul, wie es im Buche stand – aber eines, das den markigen Worten auch fliegende Fäuste folgen ließ. „Das ist nur ein Job. Gras wächst, Vögel fliegen, Wellen schlagen an Land. Und ich verprügle Leute.“, wie er einmal sagte. Es war eher das Wie, welches ein Stückweit die Welt – auch außerhalb des Boxrings – veränderte. Und die Zeit, in der Muhammad Ali, diese polarisierende, ganz besondere Sorte Mensch, aktiv war. Sein Kampf für die Rechte der Schwarzen in den USA, sein Bekenntnis zum Islam im Jahr 1964. Heutige Box-Großmäuler wie Floyd Mayweather Jr. mögen mehr Kohle mit ihrer Show scheffeln. Sollen sie nur. Ohne einen Muhammad Ali würde keiner von ihnen heute da sitzen – wenn man so will, kann man in ihm einen „Steve Jobs des Boxsports“ sehen. All die Berge von Dollars, als die halbnackten Frauen und aufgereihten Privatjets und Luxuskarossen seiner Protz-und-Prass-Nachfolger machen nur umso deutlicher, dass es wohl nie wieder einen Boxer wie Muhammad Ali geben wird, der in der vergangenen Nacht in einem Krankenhaus in Scottsdale, Arizona, in welches er wegen Atembeschwerden eingeliefert wurde, im Alter von 74 Jahren starb. Er war „The Greatest“, er wird es bleiben.

Passende Worte findet man im Nachruf von Spiegel.de-Redakteur Peter Ahrens.

 

 

MA days quote

 

Rock and Roll.

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Das Album der Woche


Kante – In der Zuckerfabrik: Theatermusik (2015)

in der zuckerfabrik-erschienen bei Hook/Indigo-

„Wir sehen die Welt mit anderen Augen / Seitdem wir draußen sind  / Sehen wir Dinge ohne Namen / Mit schleierhaftem Sinn / Wir sind Leute in den Straßen / Wir sehen unmöglich aus / Unsere Art sich zu bewegen / Gleicht einem Fallen oder Schweben / So als wäre uns der Boden / Unter den Füßen weggezogen / Wir laufen durch die Strassen / Und wir sind überall / In den Grau- und Zwischenzonen / Wo die Umrisse verschwimmen / Wir sind schillernde Gestalten / Die die Lichter reflektieren / Unsere Augen sind verborgen / Hinter dunklen Sonnenbrillen / Wir sind von vornherein verdächtig / Nicht ganz bei Trost zu sein / Es ist als trügen wir ein Licht in uns / Das einer anderen Welt entsprungen ist…“

Man muss nicht erst aus „Zombi„, vor knapp elf Jahren wohl so etwas wie der größte „Hit“ der aus Hamburg stammenden Band Kante aus deren Album gleichen Namens, zitieren, um sicher zu gehen, dass das Fünfergespann stets etwas anders war als deren Kollegen der „Hamburger Schule„, jener Musikrichtung, die Ende der Achtziger, Anfang der Neunziger von der Hansestadt aus mit Bands wie Tocotronic, Blumfeld, Die Sterne, Tom Liwas Flowerpornoes, später auch Kettcar oder Tomte, zu grungigen Schrammelgitarren eine neue, frische Art von vor allem textlich verankerter Dialektik in den Popdiskurs einbrachte, ohne die einer ganzen Stange von Bands, angefangen von Wir sind Helden über Fotos bis hin zu Kraftklub, der Erfolg bringende Nährboden gefehlt hätte. Da war allein schon die Art, mit welcher die Band stets hinter ihre Songs trat, um das Liedgut ganz und sonders für sich selbst sprechen zu lassen, während dazu eine Gruppe musizierte, die – damals – wie ein Haufen sympathischer-ernsthafter Lehramtsstudenten bei ihrer schönsten Freizeitbeschäftigung erschien: uneitel, selbstversunken und wahnsinnig fokussiert aufs große Ganze. Grenzen haben das Kollektiv um Sänger Peter Thiessen, der sich zwischen 1996 und 2002 ausgerechnet bei Blumfeld, den anderen wichtig-großen Lyrikern der „Hamburger Schule“, am Bass verdingte, eh nie gestört. So dominierten auf dem 1997 erschienen Debüt „Zwischen den Orten“ noch instrumental angejazzte, dezent elektronische Stücke, während man vier Jahre später auf dem Zweitwerk „Zweilicht“ und fantastischen Stücken wie dem sanften „Im ersten Licht“ oder dem markant-eingänigen „Die Summe der einzelnen Teile“, das damals, zu seligen Viva2-Zeiten, massig Musikvideo-Airplay erhielt, geradezu aufhorchen musste: „Wir leben von einem Glauben / Der unserer Gegenwart vorauseilt“. Und wo andere Kollegen mit weitaus zählbarer Substanz schnell wieder in ihrer kleinen Indie-Nische verschwanden, legten Kante mit dem bereits erwähnten „Zombi“ (2004) und „Die Tiere sind unruhig“ (2006) zwei Alben nach, die auch heute noch wie wahnhaft-hitzige Fieberträume aus Nächten voller knirschender Gitarrenriffs, gespenstischer Pianoläufe, sanft brodelnder Free Jazz-Anleihen und geradezu lieblichen Melodien klingen, welche von Thiessens süffisant gesellschaftskritischen Texten flankiert wurden – in dieser Champions League deutschsprachiger Rockmusik konnten bis heute lediglich die nahestehenden Kollegen von Sport, bei denen Kantes Gitarrist Felix Müller den singenden Vorsteher gibt, ansatzweise mithalten. Die gesamte journalistische Fachwelt überschlug sich geradezu mit Lobeshymnen (so ernannte etwa der Musikexpress „Die Tiere sind unruhig“ 2006 zu seinem „Album des Jahres“) – und was machten Kante? Nur ein Jahr nach ihrer bislang rockigsten Platte schob das Quintett die verschrobene Theaterrevue „…Plays Rhythmus Berlin„, geschrieben für eine Revue am Berliner Friedrichstadtpalast, nach, welche die Band erneut in einem ganz neuen Gewand präsentierte, jedoch so gar nicht an seine Vorgänger anknüpfen wollte. Es schien fast so, als wollten sich Peter Thiessen und Co. ganz bewusst gegen den Fahrtwind stellen und den Erfolg wieder einmal ganz bewusst anders handhaben als das Kollegium…

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Fotos: Promo / Viviane Wild

Dass ganze acht Jahre bis zum nun erschienenen sechsten Studioalbum „In der Zuckerfabrik“ vergehen sollten, hatten wohl auch Kante so nicht gedacht, wohl weißlich jedoch eingeplant. So ist im Booklet zu lesen: „2007 trat die Regisseurin Friederike Heller an uns heran, ob wir Lust hätten, die Musik für ihre Inszenierung von Peter Handkes ‚Spuren der Verirrten‘ am Burgtheater Wien zu schreiben und für die Vorstellungen auf der Bühne zu performen. Hatten wir. Weil wir sofort das Gefühl hatten, dass das passen könnte und wir zu Friedrike einen Draht haben würden. Und so war es, wir wurden nicht nur Fans von Friedrikes post-dramatischer, epischer, nach-brechtscher Bühnensprache, nach und nach stellte sie sich auch noch als einer der wunderbarsten Menschen überhaupt heraus. Der unglaubliche Handke-Text, die irre Burgtheaterwelt, die Wiener Küche und die wundervollen Schauspieler taten ein Übriges: Wir hatten Theaterluft geschnuppert und Blut geleckt. Und so ging es dann von Bühne zu Bühne, Stück zu Stück, Stadt zu Stadt und Text zu Text.“ Über Jahre fügten sich Kante als reine Bühnenband in Stücke am Wiener Burgtheater, Dresdner Staatsschauspiel, an der Berliner Schaubühne und am Münchner Residenztheater ein, vertonten Texte, Gedichte und Partituren zu Inszenierungen nach Sophokles, Goethe, Voltaire, Dostojewski und Bertolt Brecht. Nun mag der kundige Hörer der vor genau zwanzig Jahren formierten Hamburger Gruppe meinen, dass dies eine Vergeudung sei, zählte doch vor allem Peter Thiessens Lyrik zum sowohl Verschrobensten als auch Schönsten, was es in den letzten Jahrzehnten im deutschsprachigen popmusikalischen Kontext zu hören gab. Nun… nicht ganz.

Fotos: Promo / Viviane Wild

Denn, wie man nun anhand der 15 Stücke starken Songauswahl aus der Theaterzeit Kantes hören kann, konnten sich Thiessen und Band durchaus zu großen Teilen selbst in die Inszenierungen einbringen. So ist bereits das „Lied von der Zuckerfabrik“ ganz und gar Kante. Thiessen schlüpft darin in die Rolle eines entflohenen Sklaven, während die Band Voltaires schlappe 256 Jahre junge Romanparodie „Candide oder der Optimismus“ mit dem typisch wuchtigen Drive, Bottleneck-Gitarrensounds und erhabenen Bläserarrangements zu einem Stück macht, wie es zeitgeistiger kaum sein könnte: „Das ist der Preis, das ist der Preis / Das ist das Blut, das bei uns fließt / Das ist der Preis, das ist der Preis / Um den ihr drüben in Europa euren Zucker genießt“. Die bittere Klage eines Sklaven, der den Zusammenhang zwischen brutaler Unterdrückung in seiner Welt und dem Wohlstand in Europa herstellt, ist harter, politisch hochaktueller Stoff für eine Gesellschaft, die sich seit dem 18. Jahrhundert kaum zum Besseren verändert haben mag, gerade deshalb jedoch so großartig und wichtig ist. Ähnlich verhält es sich auch mit „Das Erdbeben von Lissabon“, in welchem Kante ein Langgedicht Voltaires über das – jawohl – Erdbeben von Lissabon im Jahr 1775 mit lässigen Mali-Grooves vertonen und so einer bitter-sarkastischen Abrechnung mit grundpositiver Philosophie und Theologie Musik verleihen. Anderswo findet der Freund der Band ebenso in die Fussspuren früherer Großtaten zurück, etwa im lieblichen „Wenn ich dich begehre gegen jede Vernunft“, ein Gedicht von Thomas Brasch, das die Band im Rahmen der Dostojewski-Inszenierung „Dämonen“ zum Besten gab und bereits jetzt zu den schönsten Liebesballaden des noch jungen Jahres gezählt werden darf, dem stürmischen Desertrocker „Morgensonne“, welches Goethes „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ innerhalb von vier Minuten mit dem Geist der Queens Of The Stone Age vereint, oder „Donaudelta“, einem Handke-Stück aus „Spuren der Verirrten“, bei dem die großen Flussdeltas dieser Welt zu einer Musik besungen werden, während einen die Musik auf sanften Harmoniegesangswellen davonträgt. Freilich ist nicht jedes der 15 Stücke „ganz und gar Kante“ – vor allem in der Albummitte von „In der Zuckerfabrik“ klingt viel Theatralik (im Wortsinne) an, sodass man sich „Keine Wegspur, nichts zu sehen“, „Arioso der Shen Te“, „Glückselige jener Zeit (Zweites Standlied)“ (aus Sophokles‘ „Antigone“) oder „Das Lied vom Sankt Nimmerleinstag“ nur schwerlich in der Setlist einer „normalen“ Kante-Liveshow vorstellen kann. Dort würde jedoch andererseits ein Song wie „Geist der Liebe (Drittes Standlied)“ (ebenfalls aus „Antigone“, das bereits mehr oder minder 2500 Jahre auf dem tragischen Buckel hat) mit seinen Gitarrenschleifen zu Thiessens markantem Gesang nicht groß auffallen, während sich der Sänger anderswo, in „The Black Rider“, einer Tom Waits-Komposition aus dem legendären William Burroughs-Stück gleichen Namens, an englischsprachigem Liedgut versucht (und mit dezent deutschem Akzent sympathisch scheitert) und „Walzer“, erneut aus Handkes „Spuren der Verirrten“, bei dessen Theaterinszenierung, laut der Band, zwei knapp achtzigjährige Schauspieler zum Instrumentalstück über die Bühnenbretter tanzten, den Theaterreigen zum Abschluss bringt.

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Natürlich kann man bei „In der Zuckerfabrik – Theatermusik“ nicht von einem „Kante-Album“ im direkten Sinne sprechen (slash: schreiben). Allerdings bringen die 15 Stücke so einige Insignien mit, die auch die Vorgänger so toll und reichhaltig gemacht haben: den überbordenden Mut zur Neuerung und zum Experiment, den Gitarrenrock, die Liebe zum Detail, die leicht absurd-irre Stimmung, die natürliche Erhabenheit, mit der Kante gleichzeitig über ihren Songs zu schweben scheinen und diese aufs Innigste umarmen. Vielmehr ist das Album ein Querschnitt der Bandaktivitäten der letzten Jahre, jenseits des Popkontextes –  Dass dieser „Theater! Theater“-Anspruch mit all seinen Gefühlsschwankungen – mal todtraurig-betrübt, mal sehnsuchtsvoll verliebt, manchmal wütend, manchmal gut gelaunt wie ein kleines Kind – nicht fürs breite Publikum gedacht ist, spricht für sich. Trotzdem ist es erstaunlich, wie heterogen die Band den Bogen von Sophokles über Goethe bis hin zu Peter Handke spinnt, ohne dabei je die gewisse Prise Zeitgeist und Gesellschaftskritik aus den Augen zu verlieren. Übrigens dürfen sich Freunde der älteren Kante-Alben durchaus berechtigte Hoffnungen auf die erste „echte“ Platte der Hamburger seit 2006 machen, wie Frontmann Peter Thiessen kürzlich verriet: „Im Frühjahr mache ich mit (Schlagzeuger) Sebastian Vogel noch ‚Dantons Tod‘ in Dresden. Den Rest des Jahres haben wir uns freigehalten, um wieder an einer Platte zu arbeiten. Mal sehen, wie schnell wir voran kommen, ob wir dieses Jahr noch ins Studio gehen.“. Für den Moment tröstet einen „In der Zuckerfabrik“ ganz gut über die erneute Wartezeit hinweg. Denn man weiß ja: Kante waren schon immer ein wenig anders als der Rest…

 

Hier gibt es mit dem „Lied aus der Zuckerfabrik“…

 

…und „Das Erdbeben von Lissabon“ zwei der wohl besten Songs von „In der Zuckerfabrik“ zu hören:

 

Rock and Roll.

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