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Auf dem Radar: Boygenius


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Wenn man von Supergroups spricht, denkt man normalerweise schnell an Namen wie – freilich – Crosby, Stills, Nash & Young (David Crosby, Stephen Stills, Graham Nash und Neil Young), Cream (Ginger Baker, Eric Clapton und Jack Bruce), eventuell auch an (die recht kurzlebigen) Them Crooked Vultures (John Paul Jones, Dave Grohl und Josh Homme) oder (die nun wieder aufgetauchten) The Good, the Bad & the Queen (Damon Albarn, Paul Simonon, Simon Tong und Tony Allen) oder Audioslave (Rage Against The Machine, ohne Rap-Fronter Zack de la Rocha, dafür mit dem kürzlich verstorbenen Engelsstimmen-Shouter Chris Cornell). Kurzum: an eine Schar renommierter, vorwiegend männlicher Musiker aus dem Folk- oder Mainstream-Rockbereich.

Nun wurde auch Boygenius die Ehre zuteil, vom Online-Musikmagazin „Pitchfork“ zu einer ebensolchen „Supergroup“ erhoben zu werden. Das Kollektiv um Lucy Dacus, Julien Baker und Phoebe Bridgers ist jedoch weder männlich, noch dem Mainstream-Publikum bislang sonderlich bekannt. Oder doch? Schließlich wirbelten ihre Einzel-Akteurinnen die Alternative-Folk- und Indierock-Szene in den vergangenen Monaten stilecht durcheinander: Lucy Dacus veröffentlichte erst im vergangenen März ihr hochgelobtes zweites Album „Historian„, Julien Baker ihr tolles zweites Album „Turn Out The Lights“ im Oktober 2017. Und nur einen Monat zuvor war Phoebe Bridgers‘ beachtliches Debüt „Stranger In The Alps“ erschienen (von der Dame war, ähnlich wie Julien Baker, auf ANEWFRIEND ja bereits des Öfteren die Schreibe). Na, klingelt’s?

Die Idee für Boygenius entstand, als Julien Baker, Phoebe Bridgers und Lucy Dacus zusammen für eine US-Tour gebucht wurden. Bridgers und Dacus trafen erstmals im Backstage-Bereich eines Festivals in Philadelphia aufeinander und waren sich sofort sympathisch. Mit Baker tauschte sich Dacus schon länger per E-Mail über Songwriting-Ideen aus. „Als wir uns trafen“, so Julien Baker über das Projekt mit ihren ehemaligen Tourpartnerinnen, „waren Lucy, Phoebe und ich in unseren Leben und unseren musikalischen Unternehmungen an ähnlichen Punkten angelangt, außerdem hatten wir so ziemlich dieselbe Einstellung gegenüber Musik. Daraus entstand unmittelbar eine Seelenverwandtschaft.“

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Mit ihren unlängst erschienenen, bereits erwähnten Alben hatten die drei Songwriterinnen bewiesen, dass sie zu den jungen und großen Talenten der US-amerikanischen Indie-Musikszene gehören. Insofern verwundert es nicht, dass bereits nach ein paar Sessions, zu denen jede der drei jeweils einen eigenen Song sowie einen Entwurf für einen gemeinsamen Boygenius-Titel mitbrachte, so ergiebige Ergebnisse zu verzeichnen waren, dass statt einer ursprünglich geplanten Tour-7-Inch-Single eine EP mit sechs Tracks entstand, welche das Trio Ende Juni 2018 in den Sound City Studios in Los Angeles aufnahm.

boygenius_stEs gelingt besonders den ersten vier Songs dieser selbstbetitelten EP, die Vielzahl der Stärken von Baker, Bridgers und Dacus auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen. „Bite The Hand“ ist Opener und – nebst dem Ohrwurm „Souvenir“ – Glanzstück zugleich, weil hier die Synergien, die zunächst Lucy Dacus in den Fokus stellen, am deutlichsten herausgearbeitet wurden. „Me & My Dog“ setzt danach das melancholische Folk-Talent von Phoebe Bridgers wunderschön in Szene, Ähnliches gilt für „Stay Down“ und Julien Baker (das Gitarrensolo!). Keine der drei Damen drängt sich jedoch auf, Frau teilt den Leadgesang schwesterlich untereinander auf, stellt sich zu jeder Zeit songdienlich hinten an – sehr schön, dieses gefühlt blinde Verständnis für die Harmonien der jeweils anderen. Einziges Manko, in der Tat: Die EP ist mit sechs Stücken innerhalb von 22 Minuten viel, viel zu kurz geraten – demnächst ein Album, bitte? Denn diese „Supergroup“ legt mit ihren ersten Songs massig Finten voller Potential und darf daher gern noch länger so „super“ tönen…

 

 

Am 7. November 2018 gaben Julien Baker, Phoebe Bridgers und Lucy Dacus im Rahmen ihrer gemeinsamen US-Tour sowie ihrem Tour-Stopp in der Brooklyn Steel in New York City, New York nicht nur die Songs ihrer ersten gemeinsamen Boygenius-EP zum Besten…

 

Nein, jede der drei aufstrebenden Indie-Musikerinnen spielte auch ein eigenes Set. Mitgeschnitten wurde das Ganze freundlicherweise von „Pitchfork LIVE“. Gesamtdauer: alles in allem stattliche knapp drei Stunden. Wohl bekomm’s!

 

(Wer mehr über Boygenius wissen mag, dem sei etwa dieses recht ausführliche Porträt des deutschen „Rolling Stone“ vom vergangenen November empfohlen…)

 

Rock and Roll.

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