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If you’re a real fan…


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(gefunden bei Facebook)

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Norah Jones – „Black Hole Sun“


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Eine Woche nach Chris Cornells Tod trat Norah Jones im Fox Theatre in Detroit und damit genau an jenem Ort auf, an dem Cornell mit Soundgarden am 17. Mai, wenige Stunden vor seinem Tod, sein letztes Konzert spielte. Zu dessen Ehren coverte die vielseitige Soul-Jazz-Sängerin mit „Black Hole Sun“ den Hit von Soundgarden, dem sich in den vergangenen Tagen schon viele Künstler vor ihr annahmen – die einen mehr, die anderen weniger gut (unter anderem versuchten sich auch Ryan Adams, Bush, Incubus, Metallica oder Aerosmith am Soundgarden-Klassiker, in Toronto sang gar ein 225-köpfiger Chor „Black Hole Sun“ ein). Jones aber ist viel mehr als „nur“ ein Cover, sondern eine ganz eigene, ergreifend entschleunigte Interpretation gelungen. Soulful.

 

 

 

Rock and Roll.

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Meine Essenz der Jugend – Chris Cornell ist tot.


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„On a cob web afternoon,
In a room full of emptiness
By a freeway I confess
I was lost in the pages of a book full of death;
Reading how we’ll die alone.
And if we’re good we’ll lay to rest,
Anywhere we want to go.

In your house I long to be;
Room by room, patiently,
I’ll wait for you there, like a stone.
I’ll wait for you there, alone.

And on my deathbed I will pray to the gods and the angels,
Like a pagan to anyone who will take me to heaven;
To a place I recall, I was there so long ago.
The sky was bruised, the wine was bled, and there you led me on.

In your house I long to be;
Room by room, patiently,
I’ll wait for you there, like a stone.
I’ll wait for you there, alone, alone…

And on I read until the day was gone;
And I sat in regret of all the things I’ve done;
For all that I’ve blessed, and all that I’ve wronged.
In dreams until my death I will wander on.

In your house I long to be;
Room by room, patiently,
I’ll wait for you there, like a stone.
I’ll wait for you there, alone, alone…“

 

 

Scheiße. Das wird jetzt wirklich schwierig….  Nein, da kann ich schon einmal vorwarnen: Dies wird keiner dieser „Nun-isser-gestorben-also-schreibe-ich-ein-paar-Zeilen“-Nachrufe. Warum? Mit Chris Cornell ist ein Teil meiner Jugend, meiner musikalischen Essenz verstorben. Denn obwohl Pearl Jam wohl auf immer und ewig meine liebste aller Lieblingsherzbands bleiben werden, hätte ich Eddie Vedder und Co. ohne Soundgarden wohl nie entdeckt…

Im Prinzip hat mich der „Grunge“ erst postum erschlagen, so etwa um 1997 herum. Im zarten Alter von 14 Jahren – und somit in der Blüte meiner Teenager-Jahre – fand „A-Sides“, anno dazumal die erste „Best Of“ von Cornells On/Off-Hauptband Soundgarden, den Weg in meine damals noch recht überschaubare Plattensammlung. Hatte ich mir die während einer Klassenfahrt besorgt? Vielleicht überteuert im lokalen Plattenladen? Gar via Mailorder? Fast zwanzig Lenze später habe ich keine Ahnung mehr… Aber da war sie. Und Songs wie „Jesus Christ Pose„, „Rusty Cage„, „Fell On Black Days“ oder der unvermeidliche Instant-Grunge-Hit „Black Hole Sun“ machten mich mit ihrer berauschenden, unzurechnungsfähig-wütenden Art, die Hardrock mit Metal, ein wenig Jazz-Feeling und noch mehr Gespür für Neues wie Eingängiges vermengte, neugierig, was es denn – über Soundgarden und ihre Alben, die ich nach und nach für mich vereinnahmte, hinaus – in dieser „Grunge-Szene“ noch zu entdecken gäbe. Freilich, deren Gallionsfigur, Kurt Cobain, war da schon längst tot und die Szene zugunsten von Nu-Metal-Vollhonks wie Fred Durst vermeintlich angeschrieben. Störte mich nicht weiter. Ich entdeckte Alice In Chains. Und Nirvana. Und die Smashing Pumpkins. Die Stone Temple Pilots. Später auch die Screaming Trees (mit dem unnachahmlichen Mark Lanegan) oder Mother Love Bone. Und: natürlich Temple Of The Dog und Pearl Jam. Der Rest war pure, tiefe, echte Liebe. Bis heute. Für immer.

Dass ich auch Chris Cornell immer treu blieb, war für mich (r)eine Selbstverständlichkeit. Was will man auch machen? Der Mann, 1964 in Seattle geboren, war mit einer Jahrhundertstimme gesegnet, der, in ihrer energischen, durch Mark und Bein dringenden Art, wohl nur Led-Zeppelin-Frontmann Robert Plant das Wasser reichen konnte und wohl auch abseits der Konzertbühnen so manches (Frauen)Herz schwach werden ließ (Stichwort: „Orgasmusgarantie“). Das nach dem zwischenzeitlichen Soundgarden-Split im Jahre 1997 veröffentlichte erste Soloalbum Cornells, „Euphoria Morning“ (von 1999), zählt noch immer zu meinen liebsten Alben (man höre nur „Can’t Change Me„!), und auch der Zusammenschluss mit der dreiköpfigen instrumentalen Seite von Rage Against The Machine zu Audioslave war – zumindest für das 2002 erschienene Debüt – eine bahnbrechend großartige Sache. Dass auch in Chris Cornells umtriebiger Bio- und Diskografie nicht bei allem und jedem Ton goldene Hände vor wie an den Reglern saßen? Geschenkt. Genauso wie die frühen Alben von Soundgarden (also alles vor dem 1991er Werk „Badmotorfinger“), die nachfolgenden Audioslave-Alben ab dem zweiten („Out Of Exile“) oder gerade Cornells – mancher mag’s „waghalsig“, mancher „idiotisch“ nennen – Versuch, mit Produzent Timbaland und dem 2009 veröffentlichten Solowerk „Scream“ so etwas wie den blutigen Bastard aus einer Grunge-Leiche und üblem R’n’B zu erschaffen. Dafür brachte der Mann mit „You Know My Name“ den wohl besten „James Bond“-Titelsong der jüngsten Vergangenheit zustande (2007 zu „Casino Royale“). Und hatte nach der Soundgarden-Reunion, die 2012 in „King Animal“ und dem ersten gemeinsamen Album mit Gitarrist Kim Thayil, Bassist Ben Shepherd und Schlagzeuger Matt Cameron (der seit 1998 auch das Schlagwerk bei Pearl Jam bedient) seit 15 Jahren mündete. Dass auch das zwar gut anzuhören war, allerdings auch die Zeit nicht in die juvenil-wütenden Neunziger zurück drehen konnte, war logisch. Aber: Soundgarden waren zurück, Chris Cornell hatte an deren Mikro wieder (s)einen Platz. Bis gestern…

Nicht nur ich frage mich: Wie kann dieser Mann tot sein, der wenige Stunden zuvor, im „Fox Theater“ in Detroit, noch ein Konzert gegeben und seine Fans begeistert hatte? Wieso fühlt es sich so falsch an, als heute morgen (mitteleuropäischer Zeit) Meldungen mit der Schlagzeile „Chris Cornell ist tot.“ die Runde via Facebook und Co. machten? Eine Falschmeldung? Muss es doch sein, schließlich hatten findige Fake-News-Arschgeigen schon so ziemlich jeden zweiten Musik-Prominenten, von Avril Lavigne bis hin zu Ozzy Osbourne, bereits fälschlicherweise für mausetot erklärt! Nun, diesmal sieht die Sache anders aus. Leider. „Demnach habe ein Freund der Familie, der auf Bitten von Cornells Frau nach ihm habe sehen sollen, den Musiker leblos auf dem Badezimmerboden seines Hotelzimmers gefunden. Sanitäter hätten versucht ihn wiederzubeleben, er sei aber noch an Ort und Stelle für tot erklärt worden.“ Noch gravierender: nach ersten Medienberichten aus Kreisen der Polizei habe Chris Cornell Selbstmord gegangen. „Cornell hatte in seinem Leben mit Depressionen sowie Drogen- und Alkoholproblemen zu kämpfen gehabt, galt aber schon länger als clean.“, wie die VISIONS schreibt. Sieht man einmal vom Klischee der sensiblen Künstlerseele ab, so beweist all das – Kenntnisstand jetzt – doch nur, dass man wohl keinem hinter die Fassade schauen kann und wohl auch der „härteste Rocker“ mit passabler aktueller Karriere (Chris Cornells letzte Solo-Single „The Promise“ erschien erst im März, Soundgarden wollten baldigst mit den Arbeiten an einem neuen Album beginnen) schwarze Tage hat. Fell on black days…

Auch am Abend dieses so traurigen Tages ringe ich noch um Worte, ringe ich um Fassung. Das hat weniger mit (m)einem ab und an durchaus vorhandenen Hang zur Melodramatik zu tun, sondern vielmehr, dass Chris Cornell von einem auf den nächsten Moment auf die andere Seite verschwunden ist. Mit 52 Jahren… Mein Vater ist 57 Jahre jung. All das macht mir Angst, lässt mich die Vergänglichkeit spüren, der wir alle unterlegen sind. Das helfen auch keine neunmalklugen Erkenntnisse á la „Der Tod gehört zum Leben.“. Auch wenn viele Worte herzlich wenig Sinn ergeben und nur einen Bruchteil von der gefühlten Sprachlosigkeit vermitteln, die sich immer noch in meiner Brust staut: Chris Cornell wird vermisst werden, seine Musik nicht nur mir auf ewig die Welt, durch die sie mich bereits seit zwanzig Jahren trägt, bedeuten. Seine letzten Worte, die er nur Stunden vor seinem Tod auf Instagram postete: „I’m the shape of the hole in your heart“ (aus dem Soundgarden-Song „By Crooked Steps„) – wie passend, wie wahr, wie düster vorahnend. Verdammt.

Danke, Chris – für alles. Mach’s gut.

 

 

(Drei Beispiele für den wohl unweigerlichen Ansturm an Worten im weltweiten Netz: Nachrufe von den Kollegen des deutschen „Rolling Stone„, einer der „ZEIT“ und eine sehr persönlicher auf „Spiegel Online„…)

 

Rock and Roll.

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Das Album der Woche


Mad Season – Above (2013 Deluxe Edition)

Mad Season - Above (Deluxe Edition)-erschienen bei Col/Sony Music-

Manche Schicksale stimmen einen ob den düstren Zusammentreffens von Zufall und Bestimmung schon nachdenklich…

Am 8. April 1994 verbreitet sich eine Nachricht, einem Blitzfeuer gleich, per Fernseh- und Radiostationen (Richtig, Kiddos – ein gab tatsächlich eine Zeit vor Google, Facebook und Twitter!) um den Globus: im US-amerikanischen Seattle, jener regnerischen Stadt im Nordwesten der Vereinigten Staaten, in der die Space Needle auch heute noch gen Himmel ragt und das Kaffeeröster-Imperium Starbucks seine ersten Filialen eröffnete, wurde ein junger Mann tot aufgefunden. So weit, so unwürdig, als dass die ganze Welt an dessen Schicksal Anteil nehmen sollte? Nun, der Name des jungen Mannes war Kurt Cobain

Schon bald sickerten erste Einzelheiten scheibchenweise durch die Medien: es war von Selbstmord die Rede, von Drogen, einem Abschiedsbrief und einer Schrotflinte, mit der der 27-jährige Frontmann von Nirvana, der damals wohl populärsten Rockband des Planeten, seinem Leben drei Tage zuvor ein jähes Ende gesetzt haben soll. Schon bald versammelten sich tausende Fans vor Cobains unscheinbarem Häuschen am Lake Washington Boulevard, um zu trauern und dem Sänger eine letzte Ehre zu erweisen. Andere fragten sich, ob es nicht nur eine Frage der Zeit gewesen war, immerhin hatte Cobain bereits im März 1994 in Rom versucht, sich das Leben zu nehmen (all das sollte freilich erst später ans Licht kommen). Immerhin war es in der vergangenen Zeit weder um die physische noch um die psychische Gesundheit des Mittzwanzigers gut bestellt, und auch in den Songtexten der Nirvana-Stücke, welche samt und sonders von ihm stammten, machte er nie einen Hehl um sein fragiles Seelenheil. Klar, schlaue Sprüche und wichtige Sätze hatten sie alle auf Lager. Viel wichtiger jedoch: Cobains Tod versetzte nicht nur die gesamte Musikszene Seattles, welche damals urknallartig über die Welt hereinbrach und, neben Nirvana, noch Bands wie Pearl Jam, Soundgarden oder Alice In Chains (und nur ein paar zu nennen) auf die vordersten Chartränge katapultierte, nein, er versetzte jener – so hohl wie vielsagend – „Grunge“ betitelten Bewegung praktisch den Todesstoß. Wer heute noch ein jene Zeit zurückdenkt, als Holzfällerhemden, zerschlissene Jeans und braune Boots die Laufstege in London, Mailand oder Paris eroberten, als lange Haarmatten noch zu ehrlich hedonistischen Ewigkeitshymnen wie Nirvanas „Smells Like Teen Spirit“, Pearl Jams „Alive“ oder Soundgardens „Black Hole Sun“ wild im Takt geschüttelt wurden und ein Album namens „Nevermind“ mit einem nackten, im Pool einer Ein-Dollar-Note hinterher tauchendem Baby auf dem Cover Michael Jacksons „Dangerous“ mir nichts, dir nichts vom US-Albumcharts-Spitzplatz kickte, der wird wohl kaum ohne ein seliges Seufzen auskommen…

Mad Season #1

Und da das Schicksal bekanntlich nicht selten ein kleines, fieses Arschloch ist, das Musiker ebenso humorfrei behandelt wie den Handwerker, der dir eben noch die Heizung repariert hat und nun, bei Dunkelheit und Eisesglätte sein Auto gegen den Baum setzt, oder Tante Hilde, die beim Treppenwischen auf den nassen Stufen ausrutscht und sich auf dem letzten Absatz das Genick bricht, sollte die Musikwelt auf den Tag genau acht Jahre (geht man vom offiziellen Todeszeitpunkt aus) nach Cobains (Frei)Tod um einen weiteren „Helden“ eben jener „Grunge-Szene“ trauern: am 19. April wurde der leblose Körper des ehemaligen Alice In Chains-Sängers Layne Staley in dessen Apartment gefunden, Wochen nach dessen Ableben. Todesursache: eine injezierte Überdosis aus Heroin und Kokain, ein sogenannter „Speedball“. Auch hier stand für findige Schnellschuss-kommentatoren schnell fest: der Tod des zum bemitleidenswerten Junkie verkommenden Rockstars war überfällig, war abzusehen, war klar. Denn auch Staley war, wie Kurt Cobain, zeitlebens mit einer ähnlich explosiven wie düstren und fragilen Aura gesegnet und trug in den Tönen, die seinen Mund verließen, stets ein offen trauriges Herz auf der Zunge…

Und auch wenn Alben wie Alice In Chains‚ monumental abgründiges, 1992 veröffentlichtes Zweitwerk „Dirt“ oder das auch heute noch überragende „MTV Unplugged„-Konzert (Nirvana oder Pearl Jam haben für die offizielle Konzertreihe ja ähnlich große Teile eingespielt) noch so wichtig für den heutigen Alternative Rock waren, so lieferte Layne Staley erst 1995 sein persönliches Opus Magnum ab. Da er bei Alice In Chains stets das Gefühl hatte, sich an der Seite des Gitarristen, zweiten Sängers und Hauptsongwriters Jerry Cantrell nicht ausreichend selbst verwirklichen zu können, scharrte er Ende 1994 befreundete Musiker der Seattle’schen Szene um sich – unter anderem Mike McCready von Pearl Jam oder Barrett Martin von den Screaming Trees -, um eine Art „Grunge-Supergroup“ zu gründen. (Ja klar, da gab es natürlich noch Temple Of The Dog – aber das ist eine andere Geschichte…) Nach dem Herantasten und musikalischen Zusammenwachsen bei ersten Shows verzogen sich The Gacy Bunch, welche sich jedoch schon bald in Mad Season umbenannten, ins Studio und veröffentlichten im März 1995 mit „Above“ ein Debüt, dessen Covermotiv ein überarbeiteter Holzschnitt des Frontmanns ziert und welches mit seiner lyrischen wie musikalischen Bandbreite und Tiefe die meisten, die von Staley wohl „nur“ einen dumpfen Alice In Chains-Klangklon erwarteten, vor den kritischen Kopf stieß – anders sind, aus heutiger Sicht, die damals bestenfalls wohlwollend ausgefallen Reviews kaum zu erklären…

Mad Season #2

Und da Staleys Geschichte wohl eine voller tragischer Jubiläen ist, erschien am 12. März 2013 – beinahe 18 Jahre nach der Erstveröffentlichung – nun die „Deluxe Edition“ von „Above“, welche allen Fans wie Neulingen eine remasterte und im großen Stil erweiterte Fassung des einzigen Mad Season-Albums bietet. Und auch fast zwei Jahrzehnte nach Erscheinen haben all diese dunklen Rockperlen nichts von ihrer herrlichen Abgründigkeit eingebüßt. Man höre sich nur den bedrohlichen entspannten Einstieg „Wake Up“ an, zu dem Staley mit seiner prägnanten Stimme und Zeilen wie „Wake up young man, it’s time to wake up / Your love affair has got to go / For 10 long years, for 10 long years / The leaves to rake up / Slow suicide’s no way to go“ ohne Umschweife und voller schonungsloser Selbstreflexion die Karten auf den Tisch legt: natürlich kreisen viele der Texte auf „Above“ über die Abgründe jener Drogenhöllen, denen sich nicht wenige der Seattle’schen Musikszene fatal tragisch zuneigten. Doch trotz aller lyrischen Enigmen wirken die zehn Stücke des Debüts wahnsinnig scharfzüngig, fokussiert – und doch auch ungeahnt virtuos tief schöpfend. Seien es nun die verschleppten Rocker „X-Ray Mind“, „Lifeless Dead“ oder „I Don’t Know Anything“, die fragile Balladensingle „River Of Deceit“, in welcher Staley offen „My pain is self-chosen“ bekennt, „I’m Above“, bei welchem sich der lange Jahre ebenfalls im Drogensumpf stecken gebliebene damalige Screaming Trees-Frontmann Mark Lanegan ein Gesangsduell mit Lanye Staley liefert, der alles überthronende, fragile Vergangenheitsabgesang „Long Gone Day“, ein Stück, das den Barjazz (Standbass! Saxofonsolo!) mit dem sonst oft so harten Alternative Rock versöhnt und ebenfalls von Lanegans Stimme mitgetragen wird, oder das finale Doppel aus dem virtuosen Instrumentalstück „November Hotel“, das die offensichtlichen Trademarks von Mike McCreadys genialem Gitarrenspiel offen zur Schau stellt, und dem tristen „All Alone“. All diese Stücke atmen ebenso Zeitgeist wie Zeitlosigkeit, erzählen von gestern und heute, werden von Musikern gespielt, die die Chartsspitze, den Ruhm und die eigenen Titelseitenfotos ebenso kennen wie die Leere von Hotelzimmern, die Vergänglichkeit von Verehrung und der harten Rand der Gosse. Die zehn Songs auf „Above“ wurden von vier gleichsam empfindlichen wie für jede Form der Musik empfänglichen virtuosen Individuen eingespielt: Layne Staleys prägnante Stimme, Mike McCreadys charakteristisch großes Gitarrenspiel, John Baker Saunders‘ Bass- und Barrett Martins Schlagzeugspiel – jede Minute atmet auch heute noch die zeit- wie grenzenlos abgründige Energie und Melancholie aus monolithischem Alternative Rock, scheinbar entspanntem Jazz und tiefem Blues. Leider kam es durch die stetige Verschlechterung von Staleys Gesundheitszustand und Bassist John Baker Saunders‘ plötzlichem Drogentod (eine Heroinüberdosis im Januar 1999) nie zu einem Nachfolger…

Mark LaneganUm – wohl auch für sich selbst – das Kapitel „Mad Season“ endgültig ad acta legen zu können, beschlossen die verblieben ehemaligen Bandmitglieder Barrett Martin und Mike McCready im vergangenen Jahr, die Archive zu durchforsten und förderten unbeendete Songideen zu Tage, zu denen sie – wie logisch! – Mark Lanegan baten, die offenen Gastvocals zu übernehmen. Herausgekommen sind drei Stücke – das straight rockende „Locomotive“, das verschleppt wabernde „Black Book Of Fear“ und das als Ballade startende „Slip Away“, dem McCready gen Ende einen gloriosen Gitarrensolo-Abgang à la „Yellow Ledbetter“ (für alle Unkundigen: einer der Live-Klassiker des Pearl Jam-Songkatalogs!) beschert -, die ein Album wie dieses kaum würdiger vervollkommnen könnten und denen Mark Lanegan – für mich ohnehin eine der allzeit besten Rockstimmen – nur noch mehr lebensweise Tiefe verleiht. Außerdem auf der „Deluxe Edition“ von „Above“ finden sich schließlich das kurze Akustikgitarren-Zwischenstück „Interlude“ (sic!), ein Mix des John Lennon-Covers „I Don’t Wanna Be A Soldier“ (erstmals 1995 auf der Compilation „Working Class Hero: A Tribute to John Lennon“ erschienen) und der vollständige (!) Konzertmitschnitt der finalen Show, welche Mad Season am 29. April 1995 im Seattler Moore Theatre spielte und das die Band in Bestform zeigt, sei es nun bei der fast zehnminütigen Freejazz-Zerlege-Version von „I Don’t Wanna Be A Soldier“, dem auch hier fulminant brodelnden Ruhepol „Long Gone Day“ (erneut mit einem Gastauftritt von Lanegan) oder dem überbordenden Gitarrenabschluss „November Hotel“. Wer da nur noch die optische Variante vermisst, kommt ebenfalls nicht zu kurz, denn das Konzert liegt dem Box Set auch noch auf DVD bei…

Ob nun in der regulären oder der definitiven „Deluxe Edition“-Doppel-CD+DVD-Variante – „Above“ ist eines der besten, weil virtuosesten, Gitarrenrock-Alben der Neunziger, auf dem Layne Staley zu einem letzten großen kreativen Sprung ansetzt. War Jim Morrison der wohl unwiderstehlichste Todesengel des Bluesrock, so trägt Staley hier den „Grunge“ zu Grabe – und steckt dabei für einen Moment sogar charismatische Genregrößen wie Kurt Cobain, Chris Cornell oder Eddie Vedder in die Tasche.

Bestimmung, Zufall, Schicksal – traurig aber wahr: manchmal mag alles eins sein…

 

Hier kann man sich das Musikvideo zur einzigen Single „River Of Deceit“…

 

…die 1995 auf Video erschienene Variante des erwähnten Moore-Auftritts…

 

…und ein Feature zur nun erschienenen „Deluxe Edition“ von „Above“ anschauen…

 

…sowie sich hier das komplette Album…

 

…und den „neuen“, mit Hilfe von Mark Lanegan fertig gestellten Song „Locomotive“ anhören:

 

Rock and Roll.

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Heroen auf Segways – Neues Soundgarden-Video zu „By Crooked Steps“


Szene aus "By Crooked Steps"

Noch vor Pearl Jam oder Nirvana waren Soundgarden in den Neunzigern die erste Grunge-Band von der ich wahrlich besessen war (dass sie vor Jahren für Erstgenannte den Thron räumen mussten, spricht eher für Pearl Jam als gegen Soundgarden). Klar, das 1994er Erfolgsalbum „Superunknown„, dessen Überhit „Black Hole Sun“ die ‚Generation Internet‘ heutzutage unter Garantie als nostalgischen Oldie abtun würde, steht bei mir ebenso im Plattenregal wie das 1997 – ein Jahr vor der Trennung – erschienene „Down On The Upside“ (mein persönlicher Favorit!). Natürlich war ich nicht der Einzige, der der 2010 vermeldeten Wiedervereinigung mit gemischten Gefühlen entgegen sah – schließlich hatte Frontmann Chris Cornell unlängst davor gemeinsam mit Produzent Timbaland (!) den verdammt grässlichen Popbeatsalbumkotzbrocken „Scream“ (sic!) verbrochen und seine Statue somit ein ganzes Stückweit vom Rocksockel in Richtung Peinlichkeitsabgrund geschoben. Schließlich hatten alle anderen Bandmitglieder – Schlagzeuger Matt Cameron, der sich 1998 Pearl Jam anschloss, einmal ausgenommen – in all den Jahren nichts von sich hören lassen, Bassist Ben Shepherd soll gar obdachlos gewesen sein. Und trotzdem war und ist Soundgarden mit dem im vergangenen November erschienenen „King Animal“ – Album Nummer sechs, nach 16 (!) Jahren Pause –  ein Comeback nach Maß geglückt. Kim Thayils stets leicht dissonante Riffs wälzen sich wieder über die Spuren, die von Ben Shepherd und Matt Cameron erzeugten Rhythmen kommen punktgenau und Chris Cornell liefert gar einige der besten Gesangsleistungen seiner Karriere ab.

Soundgarden

Dass die „alten, grauen Herren vom Grunge-Club“ sich jedoch gar nicht mehr so wichtig nehmen wie früher, zeigt ihr neues Video zu „By Crooked Steps“: auf Segways  rollen sie in Lederkluft durch die Nacht, halten an einem Nachtclub, stoßen mit deadMau5 immerhin einen der derzeit angesagtesten DJs vom Podest und übernehmen selbst die Regie an Mikro und Verstärkern, bevor sie sich erneut auf ihren nicht eben rock-and-roll’igen Vehikeln verdünnisieren wollen… Das Management der Band fand jedoch das Endprodukt, für welches sich hinter der Kamera kein Geringerer als Neuregisseur und Tausendsassa Dave Grohl, der auf ANEWFRIEND ja kürzlich Erwähnung fand, verantwortlich zeichnete, weitaus weniger lustig und versuchte kurz nach der Veröffentlichung bereits, die bewegten Bilder zu „By Crooked Steps“ wieder vom digitalen Äther zu bekommen… Meine Damen und Herren, herzlich willkommen im 21. Jahrhundert! Das Internet vergisst nichts.

 

Hier kann man sich das Video zu „By Crooked Steps“…

 

…und eine „Live On Letterman“ dargebotene Liveversion des Songs anschauen:

 

Für alle Kiddies zum Nachholen, für alle langsam ergrauenden ehemaligen „Mattenträger“ zum Schwelgen in Jugendnostalgie: das Video zu „Black Hole Sun“…

 

Rock and Roll.

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