Schlagwort-Archive: Sirens

Song des Tages: Wilsen – „Final“


Wilsen_lj_210317

Wenn Daughter, das seitens dieses bescheidenen Blogs höchst geschätzte Londoner Trauerweidenrock-Trio, einem eine andere Band ans Hörerherz legt, dann darf (und sollte) man gern das ein oder andere Ohr riskieren. Gerade, wenn es sich bei dieser anderen Band um Wilsen handelt.

Dass ebenjene Band, Wilsen, ausgerechnet von Elena Tonra und Co. wärmstens empfohlen wird, liegt dabei, bei kurzer Google-Suche und näherem Hinhören, geradezu auf der Hand, schließlich spielten Frontfrau Tamsin Wilson und ihre beiden Bandkumpane Drew Arndt und Johnny Simon kürzlich während einiger US-Shows im Vorprogramm von Daughter und bringen nebst identischer Bandkonstellation (Frontdame mit traurigem Blick und kaum mehr Fröhlichkeit, dafür umso mehr Herzwärme in der Stimme) auch viele der anderen Daughter-Trademarks mit: Songs irgendwo im Dickicht zwischen Indierock, Folktronica und Postrock, die ebenso Ruhe wie Unruhe auf schweren Füßen mit sich herum schleppen. Was auf dem 2014 erschienenen Debütalbum „Sirens“ und der im selben Jahr hinterher geschobenen „Magnolia EP“ noch reduzierter daher kam (auch das war ja in den Daughter-Anfangstagen ähnlich), trägt auf Album Nummer zwei, „I Go Missing In My Sleep„, welches am 28. April erscheinen wird und dessen Songs – laut eigener Aussage – „in einem winzigen Apartment“ im heimatlichen Brooklyn entstanden, „kurz vor Morgengrauen, wenn es zu großen Teilen noch still in New York City ist“, nun experimentellere Früchte (wobei der Fokus wohl noch immer auf reduziertem Folk liegt).

wilsen-scrwebsite-en-01-1

 

Man höre nur das tolle „Final“ mit Zeilen wie „There is no reason and no rhyme / For those we love and those we bid goodbye“ oder „I wouldn’t dare try / See I know not of life and even less of loss“. Daughter-Faktor? Definitiv vorhanden.

 

Mehr Hörproben vom neuen Album der New Yorker Band gefällig? Gibt es mit „Garden“, „Centipede“ oder „Heavy Steps“ hier:

  

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Auf dem Radar: Ben Abraham


ben-abraham

Tagsüber Drehbuchschreiber und Unterhalter für Kinder im Krankenhaus (Patch-Adams-Style, Baby!), abends kleinere musikalische Auftritte bei Fundraiser-Shows. Was sich liest wie der beinahe ideale Stoff für eine Indie-Hollywood-Komödie, war für lange Zeit das Leben von Ben Abraham.

Und da all das doch herzlich wenig Rock-n-Roll-Spirit besaß, musste sich das aus dem australischen Melbourne stammende Multitalent schon andere Wege suchen, um über den kleinsten Kontinent der Erde hinaus Gehör zu bekommen. Doch Abraham, dem das musikalische Rüstzeug als Sohn eines ehemaligen indonesischen Popstars quasi in die Wiege gelegt wurde (und der im Teenageralter bereits erste Erfahrungen als mehr oder minder professioneller Musiker sammeln konnte), hatte eine Idee: 2011 stellte er ein „To Sara, From Ben“ betiteltes, zweieinhalbminütiges Video via Youtube online, um ebenso direkt wie charmant eines seiner Idole zu erreichen: die US-amerikanische, Grammy-nominierte Musikerin Sara Bareilles („Love Song“, „King Of Anything“), die Abraham im Video unumwunden „Sara B / Won’t You come and sing a song with me?“ fragte. Und tatsächlich hatte er damit Erfolg: Bareilles meldete sich, nachdem Fans ihr einen Link des Videos schickten, tatsächlich bei Abraham, beide traten gemeinsam auf und gaben unter anderem den Bruce-Springsteen-Gassenhauer „I’m On Fire“ zum Besten. Mehr sogar: So ist Sara Bareilles nun auch auf Ben Abrahams Debütalbum „Sirens“ zu hören (beim Duett „This Is On Me“).benabrahamsirens

Erschien ebenjenes Debütwerk im März noch als Alleingang (also im Selbstvertrieb) in Australien, so stattete das Label Secretly Canadian (unter anderem Heimat von Antony and the Johnsons, The War On Drugs oder Damien Jurado) Abraham schon kurze Zeit später mit einem Plattenvertrag aus, der es möglich macht, dass „Sirens“ im Juni nun auch in Deutschland erscheint. Wäre auch zu schade gewesen, wenn es die Songs kaum über Down Under hinaus geschafft hätten…

Denn in der Tat haben die 13 Stücke von „Sirens“ etwas Weltumarmendes an sich. Das kann freilich an Ben Abrahams Stimme liegen, die der von Elbow-Frontmann Guy Garvey, der ja umVerkumpelungsgesten ebenfalls nicht verlegen ist, in vielen Momenten zum Verwechseln ähnlich klingt (und damit fast automatisch auch der des jungen Peter Gabriel). Oder an der Thematik, der sich der australische Vollbartträger verschrieben hat: die Liebe in allen ihren Facetten. Freilich mögen hier die Klischees gleich ums Eck herumlungern, und an manch einer Stelle (etwa in „Songbird“) wird’s ob des Schmalz-Schmelzes arg gefühlig (was ja auch den letzten Elbow-Werken nicht abzusprechen war), aber schön anzuhören ist’s durch den ruhigen Fluss aus Akustischer und/oder Pianoinstrumentierung in jedem Fall. Etwa, wenn in „To Love Someone“ sachte Bläser die Regie übernehmen, während Abraham davon singt, alle Mauern fallen und die Liebe zuzulassen („Some will say you need to find the common men who share your mind / Where others say to hide yourself, protect your iD9cYR9vheart above all else / And we all like to find our place with who is right or wrong / But to love someone, when you love someone / That’s where you belong“). Oder das reduzierte „Home“, welches vom Reisen, vom Vermissen und von einem Zuhause handelt, das man immerzu mit sich trägt. Wirklich beliebig sind da nur wenige der 50 Minuten. Und fürs verträumte Auskurieren des Wochenendkaters an einem Sonntagmorgen soll’s allemal genügen – eventuell ja als Untermalung einer Indie-Hollywood-Komödie…

 

 

Hörproben gibt’s – Youtube sei Dank – zuhauf:

 

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Das Album der Woche


Pearl Jam – Lightning Bolt (2013)

Pearl Jam - Lightning Bolt (Cover)erschienen bei Monkeywrench/Universal-

Pearl Jam. Allein schon die bloße Nennung des Namens ruft beim kundigen Rockpublikum eine Reaktion hervor. Die einen huldigen seit Jahren jeder Note und jedem Karriereschritt des Quintetts aus der US-amerikanischen Amazon-und-Starbucks-Stadt Seattle, die anderen stehen den von Frontmann Eddie Vedder stets mit allerhand heiligem Ernst und nah am rockistischen Pathos kratzenden Songs mit Verachtung oder stoischer Nichtbeachtung gegenüber…

Zum Glück für die Band überwiegt bereits seit den Anfangstagen – 23 Jahre ist das nun schon her?!? Kinder, wo ist die Zeit geblieben? – die erstere Gruppe. Und Eddie Vedder (Gesang und Gitarre), Mike McCready (Gitarre), Stone Gossard (Gitarre), Jeff Ament (Bass) und Matt Cameron (seit 1996 hinterm Schlagzeug) können mit Fug und Recht von sich behaupten, eine der treuesten Fangemeinden hinter sich – beziehungsweise bei Konzerten: vor sich – zu haben. So hat schon mancher Hardcore-Fan ganze Kontinente oder die halbe Welt mit seiner ewigen Lieblingsband bereist, zwei- oder dreistellige Konzertzahlen vorzuweisen – und umso mehr Anekdoten auf Lager. Und all die Zuneigung kommt auch kaum von ungefähr: Kein Pearl Jam-Konzert gleicht dem anderen, die Band variiert stets ihre Setlists und ist während der dreistündigen Shows (diese Länge ist eher die Regel denn die Ausnahme) offen für spontane Aktionen. Und: Kaum eine andere Band verkörpert Werte wie Loyalität, Integrität und Aufrichtigkeit seit all den Jahren in auch nur ansatzweise gleichem Maße wie die deshalb oft als „Authentizitätsrocker“ titulierten Endvierziger. Wer mag, findet in der Bandbiografie allerlei Belege (Stichworte: Ticketmaster, Kurt Cobain, Roskilde-Unglück, Vote For Change). Dass sich Pearl Jam über all die Jahre dabei stets die Wut im Bauch und das Herz auf der Zunge bewahrten, dass sie sich – politisch wie persönlich – dabei nie und von keiner noch so unumstößlich wirkenden Instanz verbiegen ließen, dass ihnen ihr soziales Engagement stets eine ernsthaft betriebene Herzensangelegenheit war und ist, dass sie bei aller scheinbaren Zornesröte auch immer ein Lächeln und Zwinkern durchblitzen ließen – all das kann Eddie Vedder & Co. kaum höher angerechnet werden. Pearl Jam, die letzten Großen der längst toten Grunge-Szene (im Übrigen ein Begriff, der schon in den Neunzigern zu klein für den klanglichen Bandkosmos erschien), sind noch immer da.

Pearl Jam #1

Natürlich bewegten sich Pearl Jam qualitativ stets auf ebenso hoch gelegenem wie dünnem Eis. Bereits das Debütalbum „Ten“ wird 1991 im Fahrwasser von Nirvanas „Nevermind“ zum internationalen Kassenschlager, die Band findet sich, gemeinsam mit befreundeten Gruppen wie Soundgarden oder Alice In Chains, unvermittelt im Licht der breiten Musiköffentlichkeit wieder, während MTV ihre – auch aus heutiger Sicht – recht kontroversen Musikvideos zu „Alive“ oder „Jeremy“ auf Heavy Rotation spielt. Die damals von der Inhaltsleere des Achtziger-Jahre-Classic Rocks und Hair Metals (ich sage nur: Guns N’Roses!) gelangweilte Jugend hievt zerrissene Jeans, derbe Boots und Holzfällerhemden auf die Laufstege von New York bis Mailand – und dann beschließt Nirvana-Frontmann Kurt Cobain 1994, mithilfe einer Überdosis und Schrotflinte, einen Schlussstrich unter sein Leben zu setzen und dem Namen seiner Band eine unheilvolle Bedeutung zukommen zu lassen. Die Musikwelt ist geschockt. Und Pearl Jam? Statt die letzten Lebenssäfte aus den Eiern der im Sterben liegenden Grunge-Wollmilchsau zu pressen, tritt die Band konsequent hinter ihre Musik – keine Musikvideos, keine Promotion, kaum ein Interview geben Eddie Vedder und seine Mannen für lange Zeit in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre. Let the music do the talking. Und anstatt sich – wie so viele andere der befreundeten Bands (Soundgarden, Alice In Chains, Screaming Trees) – in der Auflösung oder Inhaltsleere des auf Einheitshurrakurs getrimmten US-Formatradios zu verlieren, werden Pearl Jam nur noch ausdrücklicher: ihr Publikum sei es ihnen wert, gegen die überzogenen Ticketpreise des nahezu monopolistisch agierenden Konzertveranstalters Ticketmaster vorzugehen (man zog gar vor Gericht), kein Mensch sollte von Politikern befürwortet werden oder gar in sinnlosen Kriegen sterben (die Band engagiert sich seit jeher in US-Wahlkämpfen für liberale Interessen sowie für Politiker wie den Grünen Ralph Nader oder den Demokraten Barack Obama). All das trug und trägt die Band, ungeachtet aller Konsequenzen, seit jeher frei zur Schau. Ihre acht seit „Ten“ veröffentlichten Alben waren daher – natürlich nebst persönlichen Gedanken – auch immer ein Spiegel der Lage in den USA sowie der Welt. War „Vs.“ (1993) noch die grandios um sich beißende Reaktion auf die plötzliche Erfolgsvereinnahmung, so drifteten schon „Vitalogy“ (1994), „No Code“ (1996), „Yield“ (1998) und „Binaural“ (2000) in experimentellere Gefilde ab, freilich mit Allzeit-Klassikern wie „Better Man“, „Off He Goes“, „Given To Fly“, „Do The Evolution“ oder „Nothing As It Seems“ an Bord. Pearl Jam hatten noch immer etwas zu sagen, nur brachten sie ihre Standpunkte eben nicht mit dem oberlehrerhaften Vorschlaghammer unter das ihnen die Stange haltende Hörervolk. Erst Anfang des neuen Jahrtausends gab die Band ihre mediale Verweigerungshaltung Schritt für Schritt auf, freilich ohne handzahm von ihren Vorsätzen abzurücken. Alben wie „Riot Act“ (2002) oder „Pearl Jam“ (2006) mochten zwar beim flüchtigen Nebenbeihören rockistischer und flüssiger wirken als manch anderes Werk der Banddiskografie, unter der Oberfläche experimentierte die Band jedoch weiter. Erst das bisher letzte, 2009 erschienene Album „Backspacer“ konnte sowohl Kritiker als auch Fans wieder einhellig von sich überzeugen: „So tolle Songs sind Eddie Vedder & Co. schon lange nicht mehr aus Herz und Hirn gefluppt, und in dieser Form schlägt man den Großteil der Pseudo-Alterna-Rock-Superstars der letzten Dekade um Längen.“ (Rock Hard) von einer Band, die „zurück zu den Basics“ (Allmusic) gehe. Und wieder zeigten Pearl Jam, wieso man nach über zwanzig Jahren noch immer gemeinsame Sache machte. Nach der Promotion von „Pearl Jam Twenty„, dem ersten abendfüllenden Film über die bewegte Bandhistorie, für die sich kein Geringerer als Musikfan und Regisseur Cameron Crowe (u.a. „Almost Famous“, „Vanilla Sky“, „Elizabethtown“) durch über 700 Stunden Filmmaterial kämpfte, und einer wie immer ausgedehnten Welttournee widmeten sich die Bandmitglieder ihren Familien und eigenen Projekten: Frontmann und Hobbysurfer Eddie Vedder, der sich schon 2007 mit dem Soundtrack zum Sean Penn-Film „Into The Wild“ auf recht erfolgreiche Solopfade begeben hatte, huldigte auf „Ukulele Songs“ (2011) seinem erklärten Lieblingsinstrument, die Gitarristen zogen bei ihren Zweitbands Brad (Stone Gossard) beziehungsweise Walking Papers (Mike McCready) andere Saiten auf, während Bassist Jeff Ament gleich bei zwei Gruppen (Tres Mts. und RNDM) die tiefen Töne erklingen ließ und Schlagzeuger Matt Cameron sich – aus alter Liebe zu seiner wiedervereinigten ersten Band – wieder bei Soundgarden hinter die Trommelfelle setzte. Album Nummer zehn? Konnte gut und gern warten…

© Bild: Universal

© Bild: Universal

Doch wer erwartete, dass Pearl Jam auf lange gemeinsame Sicht untätig bleiben würden, der kannte die Band schlecht. Immerhin war man nach einigen Shows 2012 noch bestens aufeinander eingespielt (eher: besser denn je), immerhin gab es durch die enttäuschenden Amtsjahre der (nur auf dem Papier) demokratischen Obama-Regierung (für deren Erfolg sich Pearl Jam ja im Vorfeld eingesetzt hatten) per se genug Stoff für den ein oder anderen neuen Song… Und siehe da: „Lightning Bolt“ machte seinem Namen alle Ehre, Album Nummer zehn war ohne größere Schwierigkeiten ruckzuck im Kasten.

Doch auch im dreiundzwanzigsten Jahr ihrer Bandhistorie müssen sich Pearl Jam – zumindest ihren Kritikern gegenüber – beweisen. Was kann „Lightning Bolt„? Können die „Grunge-Dinos“ an das nicht eben niedrige Niveau früherer Großtaten wie das wütende „Vs.“, das großartig abseitige „No Code“ oder – jüngst – das stringente, vier Jahre zurückliegende „Backspacer“ anknüpfen? Oder wird die Band zum Ende ihrer Vierziger etwa altersmüde? Nun, zumindest das derb drauf los polternde Dreigespann zum Anfang von „Lightning Bolt“ sollte letzteren Fakt in jedem Falle ad absurdum führen. Im bissigen Groover „Getaway“ bekundet Eddie Vedder so gar nicht handzahm seinen inneren Frieden mit religiösem Fanatismus und der manchmal widerwertigen Außenwelt („Mine is mine and yours won’t take its place / Now make your getaway“), während die bereits vorab ins Rennen geschickte Punkbastardsabfahrt „Mind Your Manners“ nicht lang‘ um den heißen Rockbrei herum tänzelt (und so quasi einen Wiederkehrer des „Yield“-Stückes „Brain Of J“ darstellt) und „My Father’s Son“ zu drängendem Refrain, prägnanten Basslinien und keifenden Vocals eines von Vedders Leibthemen anschneidet: die schwierige Beziehung von Vater und Sohn (er selbst lernte seinen leiblichen Vater nie kennen). Dass das darauf folgende „Sirens“ keinesfalls Vergleichen mit weingleichen Evergreens wie der Gänsehaut-Hymne „Black“ standhalten kann, dürfte als gesichert gelten. Trotzdem ist die Herzblutballade, welche es auf fünfeinhalb Minuten Länge schafft, kontinuierlich zu wachsen, und Mike McCready im Mittelteil gar Platz für ein kurzes Gitarrensolo lässt, wohl der offensichtliche Hit des Albums (insofern es den benötigt). Nach dem leider etwas mäßigen Titelstück, von dessen Midtempo-Rockismen Pearl Jam einfach schon ausreichend Gleichwertiges im üppigen Backkatalog haben, und „Infallible“, das zu Stakkatobassbummern unverblümt Stellung zur Selbstsicht der USA als paranoide Nation mit Alleinstellungsmerkmalen bezieht, beginnen dann zum ersten Mal die Experimente. So ist „Pendulum“ ein seltsam symbiotischer Bass-Schlagzeug-Schleicher, dessen atmosphärisch schwerfälligem Groove man sich lange Zeit nicht entziehen kann („Easy come and easy go / Easy left me a long time ago“). Danach geht’s wieder nach vorn: „Swallowed Whole“ ist diese Art von akustikgitarrengetragener Weltumarmungshymne, für die Pearl Jam seit Jahren ein Patent zu besitzen scheinen, „Let The Record Play“ ein flotter Bluesrock-Stampfer, der auch auf einem Back Keys-Album nicht eben unangenehm aufgefallen wäre, und „Sleeping By Myself“ zeigt zu süßlichen Country-Anklängen und zärtlich umher tanzender Ukulelen-Bridge auf, wie sich das Vedder’sche Soloalbum („Ukulele Songs“) im Bandkontext gemacht hätte. „Yellow Moon“ und „Future Days“ beschließen darauf als Doppel das Album, wobei ersteres ein bandgewordenes Wiegenlied mit ordentlicher Rock-Klimax und zweiteres eine zu Herzen gehende von Streichern getragene Liebeserklärung Vedders an seine Frau, das ehemalige Model Jill McCormick, darstellt („I believe / And I believe ‚cause I can see / Our future days / Days of you and me“). Nach vier Minuten bleibt einzig ein einsames Klavier zurück, das „Lightning Bolt“ beendet…

Pearl Jam #3

Wie also ist „Lightning Bolt“ im Pearl Jam’schen Kontext zu bewerten? Nun, zuallererst fällt bei den zwölf Stücken – in nahezu klassischer Albumlänge von knapp 50 Minuten -, denen Haus-und-Hof-Produzent Brendan O’Brien (u.a. auch Aerosmith, Rage Against The Machine, Bruce Springsteen) erneut ein wahnsinnig austariertes Klangbild verpasste, auf, das kaum ein Song auf- oder abfällt. Album Nummer zehn ist weder der derb aufspielende Rundumbiss der Marke „Vs.“ noch das sich allen Erwartungen verweigernde Experiment á la „No Code“. Eher dürfte vielen am neuen Album aufstoßen, dass Pearl Jam in Würde altern. Denn natürlich ist es vermessen zu glauben, dass Eddie Vedder & Co. nach über zwanzig Jahren im Musikgeschäft noch immer die weltfremd Radau schlagenden Berufsjugendlichen geben (dafür sind – leider? – noch immer seltsam untote On/Off-Bands wie Korn oder Limp Bizkit zuständig). Stattdessen besinnen sich Pearl Jam auf „Lightning Bolt“ auf ihre eigenen Stärken, setzten auf die Integritätskarte und lassen ebenso Persönliches wie explizit Politisches mit einfließen. Experimente gibt es auch im 23. Bandjahr – nur eben etwas unterschwelliger, dafür mit vielen spannenden und intensiven Ansätzen, die sich dem Hörer jedoch erst nach und nach erschließen. Denn, wie bei allen Vorgängeralben auch, wird letztlich die Zeit zeigen, wie gut „Lightning Bolt“, dem als Aus-einem-Guss-Album letztlich wohl nur die ganz großen Songs abgehen, altert. Ganz klar: Pearl Jam polarisieren, noch immer – hopp oder top, dazwischen gibt es für Eddie Vedder, Mike McCready, Stone Gossard, Jeff Ament und Matt Cameron wenig. Das Wichtigste jedoch: Pearl Jam sind da – und das zählt mehr als alles Andere…

Pearl Jam - Lightning Bolt tracklist

 

 

Hier gibt’s noch einmal den knapp neunminütigen Kurzfilm zum aktuellen Album „Lightning Bolt“…

 

…sowie die Musikvideos zu „Mind Your Manners“…

 

…und „Sirens“:

 

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Die Woche in Bild und Ton…


Damit ihr nicht vollkommen den Überblick über alle hörens- und sehenswerten Neuerscheinungen der letzten Woche(n) verliert, hat ANEWFRIEND hier wieder einige der Videoneuerscheinungen der letzten Tage für euch aufgelesen…

 

Pearl Jam – Sirens & ein Kurzfilm zum neuen Album „Lightning Bolt“

pearl jam - sirens

Wenn die eigene Lieblingsband ein neues Album veröffentlicht, dann ist es – Blog hin oder her – durchaus gestattet, ein gutes Stück der oft genug vorhandenen kritischen Haltung über Bord zu werfen und sich einfach mal der hemmungslos überbordenden Vorfreude hinzugeben… Zumindest sieht’s momentan so bei Pearl Jam und mir aus.

Wie bereits bekannt erscheint in gut zwei Wochen mit „Lightning Bolt“ Album Nummer zehn der ewig relevanten Grunge-Dinos. Nachdem die Band bereits das forsche „Mind Your Manners“ ins freudige Netzrund schickte, bekommt man nun mit „Sirens“ einen zweiten Song zu hören. Das Stück aus der Feder von Gitarrist Mike McCready ist zwar vergleichsweise ruhig geraten, aber – hach – irgendwie auch auf wunderbare Weise einfach… schön. Und wer mosert, dass das Video lediglich eine unspektakuläre Band-Performance im Gegenlicht zeigt, den darf ich gern daran erinnern, dass wir in diesem Punkt eine bandinterne Revolution im Kleinen erleben. Denn scheinbar haben Pearl Jam auch hier ein wenig Altersmilde walten lassen und zeigen sich, nach „Mind Your Manners“, bereits zum zweiten Mal in Folge selbst in einem Clip, nachdem man in den Neunzigern noch jegliche Zutraulichkeit den Medien gegenüber verweigerte…

Wer ein wenig mehr über „Lightning Bolt“ erfahren möchte, bekommt im neuen, knapp neunminütigen Kurzfilm (welcher, wie das Musikvideo zu „Sirens“ auch, von Musikregisseur Danny Clinch stammt) ein paar mehr Einsichten in die Inspirationen, Pearl Jams politisches wie soziales Bewusstsein, das Bandgefüge und den Zusammenhang zwischen Surfen und Songschreiben.

 

 

 

 

Junip – Walking Lightly

junip - walking lightly

Geradezu leichtfüßig und meditativ kommt „Walking Lightly“, die neue Single vom schwedischen Trio Junip, daher. Dass das dazugehörige selbstbetitelte Album durchaus große Qualitäten besitzt, weiß der regelmäßige Leser dieses Blogs natürlich. Trotzdem stehen diese von Regisseur Fredrik Egerstrand in Szene gesetzten Bilder der Band um Ausnahmestimme José González ausgezeichnet: Wald und Wiese, die Dämmerung kurz vor der Düsternis, schaler Lichtschein, Nebel. Die Band legt vor den Augen von Fuchs und Hase einen intimen Vortrag hin und bleibt am Ende in rot umleuchteter Fauna zurück…

 

 

 

Foals – Out Of The Woods

foals - out of the woods

A propos „Wald“, a propos „dem treuen Leser bekannt“: Das Unterholz trägt auch „Out Of The Woods“, seines Zeichens die nächste Auskopplung aus dem aktuellen, Anfang des Jahres erschienenen Foals-Album „Holy Fire„, im Namen. Doch wo bei Junip noch Ruhe und Gelassenheit herrschten, wartet hier auf die Protagonistin, welche auf ihren Wegen durchs triste Hochhauseinerlei auch Foals-Sänger Yannis Philippakis begegnet, am Ende eine vermeintlich böse Überraschung…

Übrigens: Wer nach drei bislang erschienenen Studioalben bereits auf eine neue Veröffentlichung des englischen Quintetts wartet, dem sei der ab Ende Oktober in den Regalen stehende Konzertfilm „Live at the Royal Albert Hall“ ans Hörerherz gelegt (den kurzen Trailer gibt’s ebenfalls hier und heute!)…

 

 

 

 

Arcade Fire – Reflektor

arcade fire - reflektor

Kaum eine Band hat in den letzten Jahrzehnten derart eindeutig ebenso Kritiker wie Hörer (also: die eigentlichen Endverbraucher) von der eigenen Qualität überzeugen können wie die Kanadier von Arcade Fire.  Mehr noch: Eventuell kam der kommerzielle Durchbruch gerade weil man sich bei all den tollen, eingängigen Melodien stets einen Schuss Kunst – in der Art, wie sie beflissene Hochschulabsolventen definieren würden – und Künstlichkeit bewahrt hat…

Da wundert es kaum, dass aktuell ein riesiger Bohei um den Nachfolger zum vor drei Jahren erschienenen und völlig zurecht mit massig Preisen dekorierten „The Suburbs“ gemacht wird: geheimnisvolle Graffitis zu Werbezwecken an Metropolen-Häuserwänden rund um den Globus, nicht weniger kryptische Twitter-Kurzformel, ein munteres Rätselraten um namenhafte potentielle Gastbeiträge, Albumtitel und Setlists… Ob „Reflektor“, Album Nummer vier von Win Butler, Régine Chassagne & Co., all die Aufregung wert ist, erfahren wir am 25. Oktober. Hier gibt’s schon einmal das Titelstück nebst würdevollem Schwarz-weiß-Video, für das kein Geringerer als Kultfotograf und Gelegenheitsregisseur Anton Corbijn die Verantwortung hinter den Kameras übernahm. Und: Ist im Stück da nicht irgendwo David Bowie zu hören? Arcade Fire bleiben rätselhaft…

„Just a reflection of a reflection of a reflection of a reflection of a reflection / But I see you on the other side / We all got things to hide…“

 

 

 

Sun Kil Moon – Richard Ramirez Died Today Of Natural Causes

kozelek

Wenn man aktuell wohl „Produktivität“ in Wikipedia nachschlägt, so könnte es gut sein, dass man unter der Entsprechung im musikalischen Sinn ein Foto von Mark Kozelek wiederfindet. Immerhin hat der ehemalige Red House Panters-Frontmann in diesem Jahr bereits drei Studioalben – das Soloalbum „Like Rats“, die fantastische Zusammenarbeit mit The Album Lear-Kopf Jimmy LaValle, „Perils From The Sea„, und zuletzt das ebenfalls tolle, gemeinsam mit Desertshore zustande gebrachte „Mark Kozelek & Desertshore“ – sowie etliche Livealben in die digitalen wie haptischen Plattenregale gestellt. Dabei kam jedoch seine derzeitige Quasi-Stammband Sun Kil Moon zu kurz, liegt doch deren letztes Album „Among The Leaves“ bereits über ein Jahr zurück (es erschien im Mai 2012 – im derzeitigen Kozelek’schen Veröffentlichungsrhythmus beinahe eine halbe Ewigkeit).

Das holt der umtriebige 46-jährige US-Songwriter nun nach und hat für Anfang 2014 mit „Benji“ Sun Kil Moon-Album Nummer sechs in Aussicht gestellt, zu welchem unter anderem Sonic Youth-Schlagzeuger Steve Shelley, Will Oldham (aka. Bonnie ‚Prince‘ Billy), Owen Ashworth (Casiotone For The Painfully Alone) und Jen Wood (Postal Service) musikalische Gastbeiträge geben werden. Mit dem ungewohnt spröden, unterschwellig aggressiven „Richard Ramirez Died Today Of Natural Causes“ gibt es hier bereits einen kleinen Vorgeschmack auf „Benji“…

 

 

 

Haim – Wrecking Ball

haim - live lounge

Gut, Miley Cyrus‘ Fremdschäm-Moment bei den VMAs ist ausreichend diskutiert worden, ihr Musikvideo zu „Wrecking Ball“ hat für nicht weniger pikierte Blicke und massig Nachahmer gesorgt – wenn man heutzutage als ehemaliger Disney-Star noch für Imagewechsel und Aufmerksamkeit sorgen möchte, dann muss man schon All In gehen, wie’s scheint… (siehe auch: Lindsey „Exzess“ Lohan. siehe auch: Britney „It’s Britney, bitch!“ Spears. siehe auch: Xtina „Latina-Rollmops“ Aguilera.)

Die drei jungen Rockhühner von Haim, die mit ihrem Debütalbum „Days Are Gone“ zufälligerweise auch ANEWFRIENDs aktuelles „Album der Woche“ stellen, haben das wohl derzeit – und auch in Zukunft – kaum nötig. Trotzdem haben sie sich im Rahmen ihres Besuchs bei der Radioshow des BBC-Senders Radio 1 nicht nehmen lassen, den Miley Cyrus-Gassenhauer „Wrecking Ball“ von der Nudisten-Abrissbirne zu kratzen und das Stück in eine amtliche Rocknummer verwandelt…

 

 

 

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,
%d Bloggern gefällt das: