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Song des Tages: Deep Sea Diver – „Impossible Weight“ (feat. Sharon Van Etten)


Etwas Neues anfangen wollte, ja musste Jessica Dobson, Sängerin und Gitarristin der US-Indie-Rocker Deep Sea Diver. 2016 hatte die vierköpfige Band aus Seattle, welche durch Elliot Jackson (Gitarre, Synthesizer), Garrett Gue (Bass) und Dobsons Ehemann Peter Mansen (Schlagzeug) komplettiert wird, das Album „SECRETS“ herausgebracht und war mit diesem auf Tour gegangen. Und im Anschluss dann wieder direkt zurück ins Studio – klassischer Rock-’n‘-Roll-Zirkusalltag, wenn man so mag. Aber irgendetwas stimmte nicht. Plötzlich fühlte sich Dobson gefangen in einer Einbahnstraße. Das Musikmachen fühlte sich nach diesem emotionalen Hamsterrad aus Aufnahmesessions und Tourneen schlicht und ergreifend nicht mehr natürlich an. Sicherlich hätte die Musikerin und Bandleaderin irgendetwas aufnehmen und heraushauen können, denn wer wie Dobson bereits als Live-Musikerin für Acts wie Beck, die Yeah Yeah Yeahs und The Shins gearbeitet hat, der besitzt die Professionalität und das Können, etwas Solides abzuliefern. Aber vermutlich wäre wenigen gedient mit freudlosem Kunsthandwerk, mit Musik, für die niemand brennt, und die daher oftmals schnell zum Hintergrundrauschen im stylish-hippen Großstadtkaffeehausvierteln gerät. Klare Sache also: Um etwas Neues anfangen zu können, in dem sie selbst auch Sinn findet, musste sich Dobson neu sortieren, neu orientieren. Und sich fragen, was eigentlich ihre eigene künstlerische Stimme ausmacht, was sie dieser verrückten Welt da draußen zu sagen hat…

So ist es wenig verwunderlich, dass sich introspektive Momente wie ein roter Faden durch „Impossible Weight„, das im Oktober erschienene dritte Album von Deep Sea Diver, ziehen, und sich gleich im nachdenklichen ersten Song „Shattering The Hourglass“ wiederfinden. Dobsons zarter Gesang wird von sanftem Keyboardtönen begleitet, bevor sich der Song in einem befreienden Schlagzeugausbruch auflöst. Auch textlich bietet der Opener bereits recht harten Tobak, immerhin singt Jessica Dobson hier nicht nur von ihren eigenen Kämpfen, sondern auch von denen ihres engen Freundes Richard Swift, der zeitlebens mit Alkoholismus zu kämpfen hatte (und diese Schlacht 2018 verlor).

Ein klares Albumhighlight ist zweifelsohne das Titelstück, bei dem Dobson keine Geringere als Sharon Van Etten zum Duett bittet. Kenner der US-Indie-Rock-Szene wissen freilich längst: Alles, was die New Yorker Musikerin einbezieht, gerät zu etwas Besonderes, Speziellen. Und sie enttäuscht auch in diesem Fall nicht. So vertont „Impossible Weight“ den lähmenden Kreislauf der Depression, welcher die Betroffenen dazu bringt, zu schweigen, weil sie sich unwürdig fühlen, Hilfe zu erhalten, eben weil sie ihre eigenen Erfahrungen mit dem Schmerz oder der Pein anderer vergleichen und so fälschlicherweise so lange klein denken, bis das Schwere jedes andere Gefühl im Schwarz ertränkt. Schmerzliche Textzeilen wie „A million times tongue tied / Spit it out, nevermind / I think I’m addicted to the fear“ offenbaren ebenso die flehentliche Seelensuche wie den inneren Aufruhr, während der beunruhigend zuckende Rhythmus das Unbehagen unterstreicht – da wirken die gelegentlichen Pianotupfer wie ein regentropfengleicher Kontrast. Dobsons und Van Ettens gemeinsamer Gesang steigert sich im Verlauf des Dreieinhalbminüters zu einem gen Firmament steigenden, sich ergänzenden Furor, der den Song von einer lediglich okayen Indie-Rock-Single zu einer Hymne erhebt, die unsere zunehmenden gemeinsamen Ängste in diesem so merkwürdigen, so wenig Hoffnung spendenden Jahr wie wenig zuvor auf den Punkt bringt. Der Song streut mit einer Leidenschaft, die gehört werden will, Salz in offene Wunden und ist daher ein echtes Highlight auf einem Album, das das Gefühl selten greifbarer Verletzlichkeit konsequent in nicht wenige tollkühne Aussagen verwandelt.

Ein weiterer Moment kleiner Indie-Rock-Brillanz ist der siebenminütige Song „Eyes Are Red (Don’t Be Afraid)“. Der Hintergrund? Nun, während sich Jessica Dobson mit ihren eigenen inneren Grabenkämpfen auseinander setzte, arbeitete sie ehrenamtlich in einer Anlaufstätte für Obdachlose, und schrieb dieses triumphale Instrumental als Verbeugung vor den Verlorenen und Vergessenen in einer leider oft genug gefühllosen Welt. Dobson erzählt zwischen den Zeilen ungeschönte Geschichten aus dem wahren Leben, denen sie in Songs wie „Hurricane“ begegnet, welches trotz seiner vordergründig hell leuchtenden Poptöne bei näherem Hinhören die Notlage von jemandem offenbart, der in einer von Missbrauch geprägte Beziehung steckt: „I never felt so low / Keep searching for love in the places you don’t wanna go“. So ist es wenig verwunderlich, dass das Album seinen wohl düstersten Moment in „Switchblade“ erreicht, welches von einer Frau handelt, die am Rande des Abgrunds wandelt und dabei ständig der sehr realen Bedrohung durch männliche Gewalt ausgesetzt ist. #MeToo lässt grimmig grüßen…

Doch so melancholisch, manchmal gar niederschmetternd die Themen auch sein mögen, „Impossible Weight“ verfällt keineswegs in völlige Verzweiflung, denn es wird ausgeglichen durch Songs wie das basslastige, vor Energie nahezu überbordende „Lights Out„, das luftige „People Come And Go“, das herrlich disco-angehauchte „Lightening Bolts“ oder „Wishing„, ein hypnotisch wirbelndes Meisterstück, welches von einer Dokumentation über Nina Simone inspiriert wurde und das mit seinen Pop-Hooks und dem Singalong-Refrain förmlich danach schrie, die nächste Single zu werden. Ebenso passen dürfte sein, dass der Langspieler schließlich mit dem berührenden Akustik-Song „Run Away With Me“ endet, einer reduzierten, beinahe demo-artigen Aufnahme, die es all den emotionalen Wellen erlaubt, sich aus Dobsons wunden Herzen zu ergießen und sich tief ins Innere des Hörerherzen zu graben – ein zweifelsohne bewegender Abschluss für ein kraftvolles Album.

Ohne sich davor zu scheuen, zu viel über ihr Innerstes, die Schattenseiten ihres (Musiker-)Lebens und die kleinen wie großen Sorgen der Menschen um sie herum preiszugeben, ist es Jessica Dobson mit „Impossible Weight“ gelungen, ein kraftvolles Deep Sea Diver-Werk zu erschaffen, das an seiner Oberfläche unterhält, jedoch bestenfalls vollumfängliche Aufmerksamkeit verdient. Eine würdige Dokumentation der vermeintliche härtesten aller modernen Zeiten, und es ist in den besten Momenten eine unwahrscheinliche Freude, Dobson als Chronistin zuzuhören.

Rock and Roll.

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Song des Tages: Sharon Van Etten – „(What’s So Funny ‘Bout) Peace, Love And Understanding?“ (feat. Josh Homme)


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US-Indierock-Singer/Songwriterin Sharon Van Etten hat sich mit Queens Of The Stone Age-Frontmann Josh Homme zusammengetan, um eine gemeinsame Duett-Version des Evergreens „(What’s So Funny ‚Bout) Peace, Love And Understanding?“ aufzunehmen. Sonderlich kreativ mag diese Idee im ersten Moment zwar nicht sein, schließlich wurde der 1974 von Nick Lowe komponierte und vier Jahre darauf von Elvis Costello & The Attractions zum Hit gemachte Song über die Jahrzehnte hinweg von so einigen Bands und Künstlern von Bruce Springsteen über Curtis Stigers bis hin zu A Perfect Circle gecovert, unter den Händen von Van Etten und Homme bekommt die vertonte Friedenshoffung jedoch ein paar recht interessante folkloristische Alt.Country-Anstriche verliehen.

sharon-van-etten-josh-hommePassend zur aktuellen Zeit, in der nichts so richtig sicher scheint, gibt Sharon Van Ettens Stimme schon zu Beginn den zwischen Melancholie und Düsternis schwankenden Grundton vor, bevor Josh Homme, begleitet von zurückhaltender Percussion, einem Piano und twangy tönenden Gitarrennoten, zur zweiten Strophe dazu stößt. Während des ganzen Stücks tanzen die Stimmen der Indie-Musikerin aus New York City und des Bandleaders aus Palm Desert, Kalifornien einen zwar bewusst reduzierten, jedoch in jedem Fall fesselnden Balladen-Walzer, der dem Nick-Lowe-Klassiker einen ganz neuen Twist verleiht.

Dass diese Version gelingt, ist für Kenner der beiden Musiker keineswegs ein Zufall, sind beide doch in Kollaborationen mit anderen Künstlern geübt – so veröffentlichte Van Etten mit „Seventeen“ unlängst ein Duett mit Norah Jones, während Homme im vergangenen Oktober die Teile 11 und 12 seiner legendären „Desert Sessions“ in die Regale stellte (und auch sonst als Kollaborator und Produzent mit Künstlern von Iggy Pop über die Arctic Monkeys bis hin zu Them Crooked Vultures und den Eagles Of Death Metal bestens beschäftigt ist)…

 

 

„As I walk through
This wicked world
Searchin‘ for light in the darkness of insanity.
I ask myself
Is all hope lost?
Is there only pain and hatred, and misery?

And each time I feel like this inside
There’s one thing I wanna know
What’s so funny ‚bout peace love & understanding?
What’s so funny ‚bout peace love & understanding?

And as I walk on
Through troubled times
My spirit gets so downhearted sometimes
So where are the strong
And who are the trusted?
And where is the harmony?
Sweet harmony

‚Cause each time I feel it slippin‘ away, just makes me wanna cry
What’s so funny ‚bout peace love & understanding?

So where are the strong?
And who are the trusted?
And where is the harmony?
Sweet harmony

‚Cause each time I feel it slippin‘ away, just makes me wanna cry
What’s so funny ‚bout peace love & understanding?“

 

Rock and Roll.

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The National denken wie immer größer – der Kurzfilm zum neuen Album „I Am Easy To Find“


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All jene, die den Werdegang der fünfköpfigen Band aus Cincinnati, Ohio über die Jahre begleitet haben, wissen: The National waren ja ohnehin nie eine Band, die es darauf anlegt, kleine kreative Brötchen zu backen. Egal, ob man die Reife vom elegisch-melancholischen Indie Rock der Anfangstage hin zu den vertrackten, dezent elektronischen Experimenten des fordernden letzten, 2017 erschienenen Albums „Sleep Well Beast“ als Indiz nimmt, die Suche von Frontmann Matt Berninger nach spannenden Kollaborationen mit anderen Künstlern oder die scheinbar gleichsam nimmermüden Dessner-Zwillinge Bryce und Aaron (bei The National an den Gitarren, Keyboards sowie am Mischpult zu finden), die nebenbei noch andere Künstler produzieren, sich mit klassischen Kompositionen oder ganzen Film-Scores beschäftigen. Wird nie langweilig bei The National. Schlaf? Atempausen? Scheinbar überschätzt…

nationaleasyUnd so wundert es kaum, dass Matt Berninger, Aaron Dessner, Bryce Dessner, Scott Devendorf und Bryan Devendorf (erneut Brüder hinter Bass und Schlagzeug) schon wieder mit dem nächsten groß gedachten Stück Kreativität ums Eck biegen: Das dieser Tage erscheinende achte Studioalbum „I Am Easy To Find“ ist als audiovisuelles Gesamtkunstwerk gedacht, zu welchem die 1999 gegründete US-Band – nebst prominenter Unterstützung an allen Fronten – einen 27-minütigen Kurzfilm mit an Hand, Auge und Ohr gibt.

Der mit Matt Berninger und Co. befreundete Arthouse-Regisseur Mike Mills („Thumbsucker“, „Beginners“, „Jahrhundertfrauen“), im Übrigen weder verwandt noch verschwägert mit dem gleichnamigen Bassisten von R.E.M., begann die Arbeit an „I Am Easy To Find“ kurz nachdem The National 2017 das Vorgängeralbum „Sleep Well Beast“ veröffentlicht hatten. Der Film, den die Band bereits bei einigen Konzerten gezeigt hatte, zeichnet das Leben einer weiblichen Person, welche wiederum von Alicia Vikander („Ex Machina“, „Tomb Raider“) gespielt wird, von der Geburt bis zum Tod nach – ein Leben mit all seines Hochs und Tiefs in effektiv 24 Stunden, quasi.

„The National gaben mir Teile ihrer bisherigen Songs, einige waren erste Entwürfe, andere bereits fertig, und ermutigten mich, die Stücke so zu transformieren, dass ich sie als Soundtrack für den Film nutzen kann“, erklärte Mills den kreativen Prozess in einem offiziellen Statement.

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Zuvor gab es mit dem Video zur Vorabsingle „Light Years“ einen Zusammenschnitt zu sehen (während Mike Mills mit der Band auch zum Albumsong „Hairpin Turns“ ein Musikvideo drehte). Der Kurzfilm enthält nun Ausschnitte, Alternativ-Versionen oder die volle Spielzeit von Songs aus „I Am Easy To Find“. „Light Years“ schließt dabei sowohl das Album als auch den Film ab. Außerdem hört man „Quiet Light“, den seit Jahren live gespielten Fan-Favoriten „Rylan“, „The Pull Of You“, „Oblivions“ sowie das Titelstück. Als Gastsängerinnen sind Lisa Hannigan und Kate Stables von This Is The Kit vertreten (während der Hörer auf dem kompletten Album noch weitere Gastmusikerinnen wie Sharon Van Etten, Mina Tindle oder Gail Ann Dorsey zu Ohren bekommt – in dieser Häufigkeiten ein weiteres Novum bei der Band).

The National tauchen nicht nur als Musikgebende aus dem Off auf, auch zitieren einige Charaktere Zeilen aus Songs der Band, etwa wenn der Vater seiner Tochter etwas vorliest. Manchmal unterbrechen farbige Texttafeln die ansonsten in Schwarzweiß gehaltete Handlung, um auf besonders wichtige Ereignisse hinzuweisen. Zusätzlich zur regulären Version des Films gibt es eine mit Audiokommentar von Mills und eine, in der Sänger Matt Berninger und seine Frau Carin Besser über den Entstehungsprozess berichten. Besser schrieb einige Songtexte für „I Am Easy To Find“, welches mit 16 Songs noch dazu kaum an Spielzeit geizt, und ist noch dazu als Backgroundsängerin zu hören.

The National bleiben kreativ? The National bleiben atemlos? The National bleiben spannend? Quod erat demonstrandum.

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„I Am Easy To Find“ – A Film by Mike Mills / An Album by The National:

 

„I Am Easy To Find“ – Audiokommentar von Regisseur Mike Mills:

 

„I Am Easy To Find“ – Audiokommentar von Matt Berninger und Carin Besser:

 

Rock and Roll.

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