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Song des Tages: Great Grandpa – „Digger“


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Auf dem Wildwood Tarot-Deck, das seine Inspirationen aus dem Schamanismus oder der keltischen Mythologie bezieht, ist die Karte „Four of Arrows“ mit einem Menschenbild verziert, welches mit dem Gesicht nach unten auf den Boden schaut. Die Pfeile umgeben ihn und ragen aus dem Boden, berühren ihn jedoch nicht. Ein großer Schmetterling schwebt darüber in der Luft. Die Karte symbolisiert Ruhe – es ist ein Aufruf zur Erholung. Die Symbolik der Karte trifft wohl auf den Zustand zu, in dem sich Pat Goodwin samt seinen Bandmitgliedern befand…

Nach der Veröffentlichung von „Plastic Cough“ im Jahr 2017 waren Great Grandpa unzertrennlich. Die fünfköpfige Band aus Seattle, Washington lebte und arbeitete zusammen und tourte unermüdlich. Als die Tournee endete, verteilte sich das Quintett plötzlich über die gesamten USA – nun separiert und isoliert voneinander. Diese Trennung war nicht geplant, aber sie erwies sich als notwendig. Nun gab es die Gelegenheit, einen Einblick in ihr Leben, ihre Beziehungen und deren kreativen Zweck zu gewinnen.

5060366787811Auf diese Weise entstand „Four Of Arrows“ – eine kreative Wendung zur Selbstbeobachtung und das kollektive Ergebnis von Great Grandpas Ruhe und Einsamkeit. Zweifellos sind die elf Stücke des Ende Oktober erschienenen zweiten Albums eine Abwendung vom verspielten juvenil-unbedarften Kopfnicken zu Pizza und Zombies, Erdbeereis und Heartbreak High  auf „Plastic Cough“, welches sich vor nicht allzu langer Zeit noch mit den Eckpunkten Grunge und Punk begnügte. Great Grandpas Schreib- und Aufnahmeprozess hat sich deutlich hörbar weiterentwickelt – weniger Garagen-Jam in Seattle, dafür mehr Solo-Songwriting-Sessions. Die meisten Songs auf dem neuen Langspieler wurden alleine von Pat Goodwin und Carrie Goodwin geschrieben, während sie auf Reisen waren und im mittleren Westen lebten. Getrennt voneinander entwickelt, wurden die Stücke bei der Wiedervereinigung der Band zum Leben erweckt, als die Aufnahmen zu „Four Of Arrows“ am Neujahrestag 2019 mit Produzent Mike Vernon Davis (Modest Mouse, Portugal. The Man) begannen.

Und siehe da: Alex Menne (Gesang), Carrie Goodwin (Bass, Gesang), Pat Goodwin (Gitarre, Gesang), Dylan Hanwright (Gitarre, Gesang) und Cam Laflam (Schlagzeug) fanden sofort Gemeinsamkeiten zwischen den einzelnen Beiträgen und entdeckten ihre gegenseitige Liebe und Bewunderung für verletzliche, emotionale Musik. Wohl auch deshalb achtet „Four Of Arrows“ nun sehr genau auf die Stille zwischen den Zeilen und Akkorden und umarmt einen auf geradezu subtile Art und Weise. Vom Klagelied „Dark Green Water“ bis zur eindringlich heulenden Indierock-Gitarre von „Digger“ – Great Grandpa probieren sich aus. Oftmals wird der Grundstein für die Stücke dabei am Klavier oder an der Akustikgitarre gelegt (was etwa das instrumentale Piano-Zwischenspiel „Endling“ oder die reduzierte Ballade „Split The Kids“ recht gut verdeutlichen).

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Trotz all der Ruhe bricht Alex Mennes charismatischer Gesang, der mal an das Organ der (zu) früh verstorbenen Cranberries-Sirene Dolores O’Riordan, mal an Leigh Nash, Frontfrau der „Kiss Me“-Spätneunziger-One Hit Wonder Sixpence None The Richer erinnert, eigentlich bei jedem Song triumphierend durch. Die Liebe zum Detail ist bis in jedes Echo und selbst beim noch so sanften Gebrauch eines Vocoders zu bemerken. Da die meisten Bandmitglieder Texte beigesteuerten, ist Menne somit eine emotionale Stimme für die gesamte Band – sie kanalisiert das Herz jeder einzelnen Songbotschaft und erhält die spielerische Note von Great Grandpa am Leben.

Thematisch arbeiten sich die Songs am Schmerz familiärer Trennungen, an Partnerschaften, innerer und äußerer Vergebung und den Kämpfen mit psychischen Erkrankungen ab. Sämtliche Texte spielen an vielen Stellen auf die für das Album titelgebenden Tarotkarten an und geben die Szenerie für „Four Of Arrows“ vor: die Einsamkeit und die Erkundung der obsessiven, neurotischen und sogar paranoiden existentiellen Selbstbefragung, die wir und unsere Mitmenschen im Leben sehen. „Shouldn’t go out in the darkness“, wiederholt zu einer leisen Gitarre, dient als Mantra von „Digger“, bevor alles in ein spannungsvolles Outro mündet.

Und entgegen aller guten Vorsätze gehen Great Grandpa in vielen Momenten des Zweitlings kopfüber ins melancholische Herbstdüsterlicht – und kommen schließlich nicht nur mit (hoffentlich) mutigeren Herzen, sonder auch mit ihrer bislang vollendetsten Albumarbeit zurück. Obwohl es inhaltlich schwer bleibt, dienen die hellen Arrangements von „Mono No Aware“ und „Bloom“ als unzuverlässiges Licht im Dunkeln. Ersteres ist eine durch den Schriftsteller Kazuo Ishiguro inspirierte wehmütige Ode an den Verlust von Unschuld, die Unbeständigkeit und – noch konkreter – „den Pathos der Dinge“, kombiniert mit sternenklaren Synthies und ausgefeilten Harmonien. „Bloom“, der scheinbar hoffnungsvollste Song der Platte, glänzt zunächst mit seinem Charme und spannungsvollen Hooks („When I think about Tom Petty, and how he wrote his best songs when he was 39“), bevor er dramatisch bricht und sein melancholisches Herz in Phil Specter-Manier gen Ende zur Schau stellt.

Great Grandpa überließen es den Karten und nutzten die freie Zeit voneinander, um zu wachsen, und die gemeinsame Zeit, um sich wieder zu vereinen. Ihr besonderer Ansatz hat eine musikalische Kulisse für ihre gemeinsamen Emotionen geschaffen. „Four Of Arrows“ sortiert sich klanglich mit ach wie vielen (gelungenen) Spagaten zwischen dem Indierock von Hop Along oder dem schroffen Indiefolk von Big Thief nicht nur stilsicher in die Listen der Anwärter des Herzensalbums des Musikjahres ein, sondern ist damit auch ein Beweis des Fünfergespanns an sich selbst und an gemeinsame Anpassungsfähigkeit. Hier paart sich überweltliche Hymnik mit introspektiven Momenten des Verzagens, trifft Ruppigkeit auf Schönklang, der mit all seinen Ecken und Kanten schöner kaum klingen kann. Ein Album wie ein von Sonne und Wind durchfurchter Herbsttag…

 

 

„Digger, you’re no superstar
Purpose on the arm
But family in the heart

Digger, fighting with the cards
Patterns in the noise
And questions that are hard

A rock in retrograde
Says endure pain today
All things must evolve or fade

The tarot cards made me laugh
A guardian on the path
Hard to dream like I need to
Subtlety as a way through

Digger, digging ‚til he starves
Slipped away from silent
Rest and carved the arm

Digger, fighting with the art
Hand off fate to chaos
Something to outsmart

That’s why I hate you (digger that’s enough)

You’re in my dreaming space
Erase these quivering weights
And replace with aphantasia’s grace

All thoughts filter down
To voices in the crowd
Shaming for unspoken days
Violence in the things they whisper
Then the sound gets louder

Digger, always in the game
Never was a game
And answers always hang

Digger, find another way
Arrows ‚round the body
Sleep and dream in grey

That’s why I love you

Shouldn’t go out in the darkness
Should have gone out in the dark“

 

Rock and Roll.

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Monday Listen: River Giant – „River Giant“


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Es passiert ja oft genug, dass Künstlern oder Bands mit allerlei Vorschusslorbeeren bepackt der baldige große Durchbruch vorhergesagt wird. River Giant etwa. Über ebenjenes Dreiergespann aus dem US-amerikanischen Seattle schrieb etwa das Label Indigo vor einiger Zeit:

„Die Eckdaten lassen Großes vermuten: Indie-Rock, Folk, Americana, 70er-Jahre-Soul und Seattle. Letzteres nicht nur als Herkunft, sondern schon als musikalisches Selbstverständnis eines Trios, das mit ‚River Giant‘ sein Debüt vorlegt. Die drei Musiker – Sänger und Gitarrist Kyle Jacobson, Schlagzeuger Liam O’Connor sowie Bassist Trent Schriener – fanden sich Ende 2009 zusammen. Nach einer selbst produzierten EP im Frühjahr 2011 wurde Chris Early (Gold Leaves, Grand Hallway, Band Of Horses) auf sie aufmerksam und wollte unbedingt ihr Debütalbum produzieren, welches sehr viel reifer und ausgewogener daherkommt als die damalige EP. Schon der Opener ‚Out Here, Outside‘ zeigt ihre großartigen Harmoniegesänge, ‚Pink Flamingos‘ kommt mit Soul-Anleihen, das stark groovende ‚I Permute This Marriage‘ und das treibende ‚Taylor Mountain‘ geben neben all den harmonischen Gesängen die eigentliche Stoßrichtung vor. Ein tolles Debüt einer Band, von der noch viel zu hören sein wird.“

river-giant-142306Allein die Tatsache, dass diese lobenden Zeilen bereits gut sechs Jahre alt sind, zeigt, dass River Giants 2012 erschienenes selbstbetiteltes Debütwerk (welches knapp ein Jahr später in Deutschland nachgereicht wurde) zwar auch hierzulande die ein oder andere recht positive Review einheimsen konnte (etwa bei plattentests.de oder bei laut.de), der Band aus dem Nordwesten der US of A – aller tönenden Qualitäten zum Trotz – die breitere Aufmerksamkeit versagt blieb. Auch ich selbst bin erst vor ein paar Tagen aufgrund einer Erwähnung von River Giant durch Jörg Tresp, den Chef des deutschen Indie-Labels DevilDuck Records, der das Trio andernorts als „Fleet Foxes auf Grunge“ beschrieb (während sein Label anno 2013 ebenfalls kaum an warmen Lobesworten sparte), recht zufällig auf das zehn Songs starke Debütalbum gestoßen…

Und ein wenig schade ist es schon, dass Kyle Jacobson (Gesang, Gitarre), Trent Schriener (Bass) und Liam O’Connor (Schlagzeug) nach dem starken Erstling, der mit seinen Songs die „Flanellhemd-Fraktionen“ des Grunge mit ebenjenen des Indie-Rocks, Alt. Country oder Americana zusammenbrachte, nichts nachfolgen ließen. Sechs Jahre nach Erscheinen von Stücken wie „I Premute This Marriage“ oder „Pink Flamingos“ lassen sich über das Seattle-Trio – mal abgesehen von einer empfehlenswerten Live Session für den Radiosender KEXP (findet ihr weiter unten) – kaum noch digitale Fußspuren nachverfolgen – nicht einmal einen Facebook-Auftritt besitzt die Band (mehr). Nichtsdestotrotz sei allen, die schon immer stilistische Schnittmengen zwischen Nirvana, Pearl Jam, The Black Crowes, Band Of Horses oder Neil Young ausmachen konnten, das leider etwas unter dem Radar gelaufene, mit allerhand Herzblut zwischen den Karohemd-Stilen rockende Album definitiv empfohlen…

 

 

 

Rock and Roll.

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„Girls to the front!“ – Die Dokumentation „The Punk Singer“ über „Riot Grrrl“-Sprachrohr Kathleen Hanna


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Sie gilt als „Rebel Girl“ und „Punk Feminist“. Als die Symbolfigur der Riot Grrrl-Bewegung Anfang der Neunzigerjahre und vereint feministische „Pro Choice!“-Revolution mit lautstarkem Punk Rock: Kathleen Hanna. Die 2013 erschienene Dokumentation „The Punk Singer“ zeichnet ein gleichsam persönliches wie einzigartiges Bild der Frontfrau von Bikini Kill, Le Tigre und The Julie Ruin.

 

„I’ve always thought that ‚punk‘ wasn’t really a genre. My band started in Olympia where K Records was and K Records put out music that didn’t sound super loud and aggressive. And yet they were punk because they were creating culture in their own community instead of taking their cue from MTV about what was real music and what was cool. It wasn’t about a certain fashion. It was about your ideology, it was about creating a community and doing it on your own and not having to rely on, kinda, ‚The Man‘ to brand you and say that you were okay.“

(Kathleen Hanna)

 

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Zwanzig Jahre Filmmaterial visualisieren mit collagenhaften Rückblenden sowie zahlreichen Interviews und Konzertausschnitten den Kampf für Frauenrechte und weibliche Selbstbestimmung sowie gegen Gewalt, Sexismus und männlichen Machismus. Die via Kickerstarter finanzierte Dokumentation von Regisseurin Sini Anderson taucht noch einmal ein in den DIY-Zeitgeist der frühen Neunziger und in eine ebenso wilde wie kreative Keimzelle, welche während dieser Zeit im US-amerikanischen Nordwesten um Portland, Olympia und Seattle herum entstand, und aus der eben nicht nur Bands wie Pearl Jam, Soundgarden oder Nirvana hervorgingen, sondern eben auch Bikini Kill. (Übrigens: Der Legende nach hätte es Nirvanas Grunge-Evergreen „Smells Like Teen Spirit“ ohne Kathleen Hannas Zutun so nie gegeben, schließlich entstand der Songtitel, als Hanna, die damals gut mit Frontmann Kurt Cobain befreundet war, den Satz „Kurt Smells Like Teen Spirit“ – auf deutsch: „Kurt riecht nach Teen Spirit“ – an eine Wand in dessen Wohnung schrieb, da Cobain nach dem Deodorant namens „Teen Spirit“ roch, welches seine damalige Freundin Tobi Vail benutzte. Cobain gefiel die Implikation des Satzes, also verwendete er ihn schließlich als Songtitel. Der Rest? Ist allseits bekannte Musikgeschichte.) Und obwohl gerade Bikini Kill zwar einflussreich, bis zu ihrer Auflösung im Jahr 1997 jedoch lediglich leidlich kommerziell erfolgreich waren, machte gerade ihr Wirken Bands wie Pussy Riot (gerade bei den radikalen russischen Aktivistinnen ist der Einfluss unverkennbar), Gossip, Petrol Girls, War On Women oder Screaming Females erst möglich, während auch bei mit Lust die Grenzen der Konventionen sprengenden Künstlerinnen wie Amanda Palmer, Kate Nash und Miley Cyrus Hanna’sche Einflüsse deutlich erkennbar sind…

MV5BMjEzNzQxNzUxNF5BMl5BanBnXkFtZTgwMDY5MTY1MDE@._V1_UY1200_CR90,0,630,1200_AL_.jpgNeben Hanna selbst lässt Regisseurin Sini Anderson in ihrer 80-minütigen Dokumentation auch Freunde und Wegbegleiter wie Kim Gordon (Sonic Youth), Joan Jett (The Runways, Joan Jett & the Blackhearts), Carrie Brownstein und Corin Tucker (Sleater-Kinney), Johanna Fateman (Le Tigre) oder Ehemann Adam Horovitz (Beastie Boys) zu Wort kommen. Kathleen Hanna selbst nutzte vor einigen Jahren den Film, um ihr langjähriges Schweigen zu beenden und den tatsächlichen Grund ihres Rückzugs aus dem Rampenlicht im Jahr 2005, als sich ihre neue Electropunk-Band Le Tigre anschickte, größere Erfolge zu feiern und als neues Sprachrohr der LGBTQ-Bewegung zu etablieren, zu erklären. Denn obwohl es um das einstige Gesicht der Riot Grrrls still geworden sein mag (ihr letztes kreatives Lebenszeichen war 2016 das The Julie Ruin-Album „Hit Reset„), macht „The Punk Singer“ eines deutlich: heute wie damals nimmt die mittlerweile 50-jährige Ex-Bikini Kill-Frontfrau (politisch) kein Blatt vor den Mund. All girls to the front!

(Übrigens: Für all diejenigen, denen der Name Kathleen Hanna bislang rein gar nichts sagte, haben die Kollegen des ByteFM Blog eine musikalische Übersicht von „Kathleen Hanna in fünf Songs“ zusammengestellt. Feine Sache, das. Allen anderen sei so oder so der Soundtrack zu „The Punk Singer“ empfohlen.)

 

Hier gibt’s den Trailer…

 

…und hier „The Punk Singer“ komplett im Stream:

 

 

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Foto: Allison Michael Orenstein

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Fences – „Songs About Angels“


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Immer diese Vorurteile… Wenn man sich Christopher Mansfield so anschaut, könnten einem in der Tat so einige Assoziationen durch Hirn schießen: Gehört der 35-jährige Musiker etwa – mit Vollbart sowie einem ordentlichen Plus an Gesichtstätowierungen – zur neusten Riege dieser Instagram-affinen Cloud Rapper? (Die Frage sei erlaubt, schließlich bin ich bei diesem Sub-Genre so ganz und gar nicht Teil der Zielgruppe…) Wird man ihn schon bald hinter dem Tresen einer großen US-Kaffeehauskette inmitten der aktuell freshsten Hipster-Community antreffen? Oder bahnt sich bei Blink-182  – oder einer x-beliebigen klanglich nahestehenden Kapelle – ein Besetzungswechsel am Mikrofon an? Hm… Wie bereits erwähnt: Vorurteile, Assoziationen, Hirnspinnerei.

81rz+zkVpkL._SY355_Doch weit gefehlt, vielmehr verkörpert Christopher Mansfield, dieser gesichtstätowierte Mützenträger, eine neue Generation vorgeblicher Bad Boys, die in (gefühlter) Wahrheit sonntags brav bei Schwiegermutti aus dem Blümchenporzellan schlürfen. Und ist an den anderen sechs Wochentagen schon seit gut acht Jahren Gesicht, Stimme und Hirn der aus Seattle, Washington stammenden Band Fences, hat unter diesem Alias unlängst Album Nummer drei, „Failure Sculptures„, in allen gut sortierten lokalen wie digitalen Plattenläden platziert. Darauf zu hören: zehn Stücke, die mit ihrer Mixtur aus poppigen Melodien und introspektiv-melancholischem Singer/Songwritertum in den besten Momenten an die frühen Lord Huron, (im Ansatz) Damien Rice, Elliott Smith, José González, Syd Matters oder die zurückgenommesten Lagerfeuermomente von Death Cab For Cutie (á la „I Will Follow You Into The Dark“) erinnern, in schwächeren Minuten ebenso zerfahren wirken, wie Mansfields enigmatische Begleitworte und die aus Ex-Death-Cab-Gitarrist Chris Walla, Jacquire King (Of Monsters And Men, Kings Of Leon, Norah Jones, Cold War Kids, Tom Waits…) sowie Ryan Lewis (die andere Hälfte des Macklemore-Phänomens) bestehende Produzentenliste vermuten lassen. Wäre „Failure Sculptures“ ein Film, dann wohl eine Art Road Movie über einen jungen Mann, der gern der Jack Kerouac des 21. Jahrhunderts wäre, am Ende des Streifens – und nach tausenden Kilometern, die er in (s)einer zerbeulten Schrottkiste allerlei Käffer dies- wie jenseits der US-Westküste entlang geschlichen ist – jedoch einfach von Leben und Liebe enttäuscht in Los Angeles ankommt – da hilft auch ein Gastauftritt von Mars Volta/At The Drive-In-Kopf Cedric Bixler-Zavala nicht weiter, ein wenig ratlos sind schlussendlich alle. You may sense a whole lotta indie-cred, I may call it half-baked Emo…

Und wenn’s schon etwas von Fences, zu denen noch Benjamin Greenspan (Gitarre), Lindsey Starr (Bass, Gesang) und Elliott Garm Chaffee (Schlagzeug) zählen, sein soll, darf man lieber zum 2010er selbstbetiteltem Debütalbum (dessen gefühlige, reduziert-balladeske Songs einen unweigerlich an Dallas Greens City And Colour denken lassen) sowie zum vier Jahre darauf erschienenen zweiten Werk „Lesser Oceans“ greifen, welches – nebst massig feinen Indie-Pop-Melodien – wiederum den (Zurecht-)Mini-Hit „Arrows“ enthält, bei dem ein gewisser Macklemore poppig-satte Rap-Parts beisteuerte. Oder die grandiose Eröffnungsnummer „Songs About Angels“, dessen Hooklines und Refrain man im Nachhinein tagelang kaum aus den Gehörgängen bekommen wird…

 

 

„Well, this life can be such a devil
So I wrote the songs about angels
I took my coat I went to the city
I drank and I dropped and isn’t it pretty

For you I would do anything…

I think that death is coming around
I like it, I like it…

Well, this life can be such a devil
So I wrote the songs about angels
A nightmare stuck in the catcher I’m weaving
So I sat in the car and dreamed about dreaming

For you I would do anything…

I think that death is coming around
I like it, I like it…

Chalk it up to bad luck
Just chalk it up to the lightness

I think that death is coming around

I think that death is coming around
I think that death is coming around
I like it, I like it…

Chalk it up to bad luck
Just chalk it up to the lightness…“

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Noah Gundersen – „Robin Williams“


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Zu weit, so bekannt (und am Ende doch kaum übertrieben): Gäbe es einen Preis für Deutschlands inoffiziellen Noah Gundersen-Fanboy-Blog, ANEWFRIEND hätte am Schluss des Abends recht gute Chancen, die Trophäe mit ins heimische Nest zu nehmen…

Und wer noch immer – schließlich lege ich euch den 30-jährigen US-Musiker bereits recht kontinuierlich seit 2014 und dem Debütwerk „Ledges“ wärmstens ans Hörerherz (und werde auch in Zukunft keinesfalls davon absehen) – von bloßer Schwärmerei ausgeht, der hat bis heute wohl keines der drei Solo-Alben des vielseitigen Singer/Songwriters aus Seattle, Washington gehört. Und bekommt nun eine weitere Chance…

Denn Noah Gundersen hat für den 23. August Album Nummer vier angekündigt: Dieses wird den Titel „Lover“ tragen (ein netter Spaß am Rande dürfte sein, dass eine gewisse Taylor Swift für den selben Tag ein neues Werk selben Titels angekündigt hat) und – laut Gundersen – weitaus „introspektiver“ ausfallen als noch der 2017 erschiene Vorgänger „WHITE NOISE„. Wird das was? Nun, schenkt man der ersten, einmal mehr herzzerreißenden Single „Robin Williams“ Glauben, welche nach ebenjenem Weltklasse-Comedian und -Schauspieler, der sich im August 2014 das Leben genommen hatte, benannt ist und in der Noah Gundersen die Erinnerung an Williams mit einer gewohnt großartigen Meditation über die Endlichkeit von allem sowie die Frage nach dem Sinn des Lebens und der Kunst verknüpft, könnten die 13 Stücke von „Lover“ genau an jener Herzschnittstelle andocken, der bereits ein Großteil des Debütalbums sowie einige Songs der nachfolgenden „Carry The Ghost“ und „WHITE NOISE“ (wie etwa „Heartbreaker“ oder „Cocaine, Sex & Alcohol (From A Basement In Los Angeles)„) ganz, ganz nahe gekommen sind…

Dock keine Sorge: der Fanboy bleibt an einem der besten und talentiertesten Singer/Songwriter der letzten zehn Jahre (Isso.) dran.

 

161595-lover.jpgNoah Gundersen über das neue Album „Lover“:

„On Valentines Day, 2019, I was in bed with my girlfriend, in a hotel room in Seattle, tripping on mushrooms. I was showing her bits and pieces of the album in its then unfinished form. at the time it was going to be called ‚I hope you meet everything you fear.‘ I guess it still could be. but as I was hearing the songs outside of my own ego, I began to see a pattern. or more so a person. A boy. A boy who had tried really hard for a long time to fill a space in his heart. A boy who didn’t know how to be alone, but regardless spent most of his time floating in his own head. A boy who really, really wanted to experience love – a majestic love, an epic love. And in the end, a boy who didn’t have anything to prove anymore.

It’s been a challenging couple years for me. I’ve had expectations shattered, relationships fail. I’ve felt the mortality of my own body. I’ve been hurt and caused hurt. I’ve spiraled into periods of substance abuse. But along the way I’ve sidled up to myself. I’ve been able to look in the mirror with more grace and be ok with who I see there, with all his flaws and imperfections.

Some of these songs are very old. Someone told me once that songwriters are like prophets (though he said you should never say that in an interview. Sorry John). We’re meant to see things that others can’t. Sometimes those ‚others‘ are ourselves. There are songs on this record that I wrote years ago, without really grasping their meaning until now. My therapist says art is the self talking to the self. I guess i was trying to get a message across, cast out into the sea of songs like a message in a shipwrecked bottle.

I imagine this album as a sci-fi movie, where a man travels through the infinite darkness of space, alone in his ship. He eventually goes mad, is visited by some interstellar being of light who bestows on him a revelation. He falls into a dream state and makes love with an angel and is made whole for a moment. Later he wakes up, alone in his cockpit, with that sort of sad but beautiful certainty that comes from accepting one’s aloneness.

This record is deeply personal. it’s about love, it’s about failure, it’s about drugs, it’s about sex, it’s about age, it’s about regret, it’s about itself (very meta, I know) and it’s about finding peace. I think it’s the most I’ve ever put of myself into something. It’s been cathartic. I’ve cried a lot.

My close friend and producer Andy Park also poured his soul into this record. We spent 2 years, mostly in his apartment, carving away at it. Sometimes it felt like we had poured a slab of concrete, with the blind faith that somewhere inside was a beautiful sculpture. This is just as much his record as it is mine. Also shoutout to his lovely girlfriend Tess for letting me invade their space constantly and making them miss Game of Thrones because of last minute mix recalls.

To all the people in these songs, I love you. I’m sorry for the hurt I’ve caused.

And to you, the listener, I hope you find a space for this record. I hope it moves you. I hope above all that it can remind you to be kind to yourself, to find patience and grace.

‚I do not know what I may appear to the world, but to myself I seem to have been only like a boy playing on the seashore, and diverting myself in now and then finding a smoother pebble or a prettier shell than ordinary, whilst the great ocean of truth lay all undiscovered before me.‘
– Isaac Newton“

 

robin-williamsNoah Gundersen über die Vorab-Single „Robin Williams“, welche auch das Album eröffnen wird:

„I wrote someone a letter once, apologizing for how things had gone down, handing it off to her outside an Alex Cameron show. She responded by saying, ‚You can’t lose what you don’t own.‘ I think this applies to a lot of things.

Things come to you in their own time. As I’ve gotten older, the less I really know and the more I’ve become ok with that. Dylan probably said it best in, ‚I was so much older then, I’m younger than that now.‘ I’ve tried so hard to change and shape myself around external and internal expectations, yet always seem to come back to the same place. I’m learning to accept this.

Death comes for us all, no matter how talented we are, no matter how much work we make. I had just finished the Robin Williams documentary when I wrote this and was deeply moved by his spirit and enormous talent. I had also been reading about the expansiveness of DMT in Tao Lin’s ‚Trip‘. Art is both everything and nothing. Living is the same.“

 

 

„One way or another, it’s gonna make its presence known
From one monkey to another, you can’t lose what you don’t own
It’s okay if you get anxious, just please don’t call the cops
There’s a couple things I’m sure of, and a whole lot more I’m not

There’s a sentimental value to the memory of love
It’s a pretty looking rainbow, what does it remind you of?
Is it somewhere there’s a heart of gold that’s never gonna rust?
Or it’s a hard rain, honey, but it’s never gonna flood

Despite all my reservations, I’ve been doing this for years
Hoping that some magic touch would finally make it clear
But when it all comes crashing down, I’m still standing here
Looking at the same face in the same place, just a different kind of mirror

Well, nothing lasts forever, and every other trope
I guess it just depends how much DMT you smoked
But when I think of Robin Williams at the end of his rope
It makes no difference what you’re making, the reaper makes the final joke

So I gather my impressions of the universal sigh
And hope that someone’s listening to their radio tonight
Though it doesn’t really matter with so many come before
And who the hell are we fooling? No one buys records anymore“

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Lo Tom – „Overboard“


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Eigentlich darf es schon als mittelschwere Sensation gewertet werden, dass sich die Sadcore-Indierocker von Pedro The Lion gut 14 Lenze nach dem letzten Album „Achilles‘ Heel“ in wenigen Tagen mit „Phoenix“ nun tatsächlich mit einem neuen Langspieler zurück melden. Wie der – Pardon für’s Wortspiel, aber es passt ja – sprichwörtliche Phönix aus der Asche also? Nun, die ersten Songs „Yellow Bike“ und „Model Homes“ versprechen in der Tat ein erstes unerwartetes Highlight im noch jungen Musikjahr 2019…

Nicht ganz unschuldig an der Reunion der Band aus dem US-amerikanischen Seattle, Washington dürfte ein Bandprojekt namens Lo Tom gewesen sein. Zu diesem gehör(t)en – freilich nebst Pedro-The-Lion-Frontmann David Bazan – auch Trey Many (Velour 100, Starflyer 59), Jason Martin (Starflyer 59) – und eben Pedro-The-Lion-Schlagzeuger TW Walsh. Gut möglich also, dass die gemeinsamen Jam-Sessions Jahre nach nach (vorübergehenden) Ende von Pedro The Lion 2006 zur Comeback-Idee beigetragen haben…

416lksbjncl._ss500Ein weiteres Indiz hierfür dürfte sein, dass die acht Songs des selbstgetitelten, im Juli 2017 veröffentlichen Debütalbums von Lo Tom so ganz anders als Vieles von dem klingen, was David Bazan auf den zahlreichen Solo-Werken seit der Pedro-The-Lion-Pause präsentierte: nicht selten ziellose Songwriter-Electronica-LoFi-Künstlichkeit vs. Bock auf Rock. So stellen bereits „Covered Wagon„, „Overboard“ und „Bubblegum„, die ersten drei Songs des Lo-Tom-Albums, klar, wohin die Reise geht: hin zum schnörkellos riffendem Indierock, manchmal garniert mit einer Prise handfestem Americana sowie Bazans recht oft ins Klagen neigendem, melancholischem Gesang. Klar, dass so eine Platte, die Gniedelgott-Bands wie Built To Spill oder Buffalo Tom im Geiste mit trägt, die Musikwelt kaum aus den Angeln heben würde (und 2017 etwas zu unrecht untergegangen ist). Aber allein die begründete Vermutung, dass aus Lo Tom nun die erfreuliche Rückkehr von Pedro The Lion erfolgt, macht jede der gerade einmal 29 Albumminuten zu einem Fest für Freunde des relaxt-tighten Fuzzpedal-Gitarrenrocks…

 

Hier gibt es das bereits erwähnte, sehr feine „Overboard“, welches wiederum mit Zeilen wie „It just takes a while / For me to un-feel a thing / And the opposite of what you think / For that bell to un-ring“ aufwartet – live performt von David Bazan und seinen drei Lo-Tom-Kumpels während einer Session für KEXP:

 

„You really messed me up
When you couldn’t see me
But I finally understood my place
In that sycamore tree

Don’t stop on account of me
I’m not living there anymore
Weak spot that I don’t need
But don’t let me go overboard

It just takes a while
For me to un-feel a thing
And the opposite of what you think
For that bell to un-ring

Don’t stop on account of me
I’m not living there anymore
Weak spot that I don’t need
But don’t let me go overboard

Sing that song at the top of your lungs
Don’t listen to the static, just listen to the drums

Don’t stop on account of me
I’m not living there anymore
Some weak shit that I don’t need
I don’t wanna go overboard“

 

Rock and Roll.

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