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Mein persönlicher Tom Waits – Mark Lanegan ist tot.


Ach, Mark. Ach, Madrid…

Als vor knapp zwei Jahren seine Autobiografie „Sing Backwards And Weep“ (dt. „Alles Dunkel dieser Welt„) erschien, wurden jene Unkraut-vergeht-nicht-Memoiren ein Bestseller und seitdem in mehrere Sprachen übersetzt. Wenig verwunderlich, sind es doch die gnadenlos (selbst)reflektiven Erinnerungen eines Ausnahmesängers: Mark William Lanegan, geboren am 25. November 1964 in Ellensburg im US-Bundesstaat Washington, hinein in eine kaputte Familie, der im Punk Rock einen Ausweg erkannte und sich oft genug Hals über Kopf darin verlor…

Dieser Weg führte ihn ab Mitte der 1980er innerhalb weniger Jahre auf große Bühnen rund um der Welt – im Grunge-Boom bekam der Intimfreund von Kurt Cobain mit seiner Band Screaming Trees – noch so eine leidlich kaputte Familie – ein kleines Stück vom Kuchen ab. Doch je größer der Erfolg wurde, desto mehr driftete vor allem Lanegan, wie leider so viele andere der Szene, in seine Drogensucht ab.

Wiewohl beständig am Arbeiten und Veröffentlichen war der Sänger mit den damals langen, roten Haaren schwer süchtig, dazu kriminell, gewaltbereit und obdachlos – bis ihm schließlich ausgerechnet die Witwe Cobains, Courtney Love, das Leben rettete und ihn in eine noble Entzugsklinik nach Los Angeles verpflanzte. Das war Ende der 1990er. Lanegan clean und geläutert, alles gut?

Nun… nicht wirklich. Was nach einem Happy End aussah, sollte keines – oder zumindest kein Formvollendetes, schon gar nicht Hollywood-reifes – werden. Zwar erlebte Lanegan in den Jahren danach eine zweite, durchaus kredible Weltkarriere, wurde in Szene-Kreisen ein großer, geschätzter Name, war jedoch dennoch beständig auf der Flucht vor seinen vielfältigen Dämonen. Er schien diese halbwegs im Griff zu haben, wenngleich auch immer wieder von Rückfällen die Rede war.

Ende letzten Jahres erschien ein zweiter Band an Memoiren, „Devil in a Coma„, der seine Covid-Erkrankung aus 2020 beschreibt – ein Martyrium. Wochenlang lag er im künstlichen Koma, war zeitweise taub und bewegungsunfähig, schien sich nach langen Monaten aber gefangen und Gevatter Tod ein weiteres Mal ein Schnippchen geschlagen zu haben. Doch nun ist Mark Lanegan in Killarney im Südwesten Irlands, wo er und seine Frau Shelley die letzten beiden Jahre verbracht hatten, gestorben.

Lanegans Spuren in dem, was man unscharf mit „Alternative Music“ bezeichnen kann, sind enorm. Mit den bereits erwähnten Screaming Trees gehörte er in den 1980ern zum Katalog des einflussreichen SST-Labels. Obwohl die Band nie in die Regionen von „Big Grunge Rock Playern“ wie Nirvana, Pearl Jam oder Soundgarden vordringen konnte, verzeichnete sie 1992 mit „Nearly Lost You“ einen MTV-Hit aufgrund des Soundtracks zu Cameron Crowes Film „Singles“ – und veröffentlichte 1995, als Lanegans Buddy Kurt Cobain bereits das Zeitliche gesegnet und der Grunge-Trend längst an die tumbe breite Masse ausverkauft worden war, das phänomenale Album „Dust„, bevor sich die Screaming Trees im Jahr 2000 auflösten. Ende, aus, Staub.

Ihr Frontmann hatte da längst eine veritable Solo-Karriere vorzuweisen. Bereits mit „The Winding Sheet„, das erste, 1990 erschienene Solo-Werk und eines mehreren, das der Mann mit den tätowierten Händen für das auch heute noch wichtige Seattler Indie-Label Sub Pop einspielte, etablierte er sich nicht nur als versierter Rocksänger, sondern auch als eigenständiger Songwriter und düsterer Balladenkaiser.

Berüchtigt mag er seines Temperaments schon früh gewesen sein, berühmt und begehrt wurde er wegen seiner Stimme, einem gefährlich dräuendem Kellerbariton, der vor allem nach der Jahrtausendwende ebenso viele wie vielfältige Kollaborationen veredelte. Lanegan sang mit den Queens Of The Stone Age, machte etwa mit „Rated R“ und „Songs For The Deaf“ zwei der besten Werke der Desert Rocker noch besonderer, bildete mit der schottischen Musikerin Isobel Campbell etwas mehr als drei Alben lang ein in „Die Schöne und das Biest“-Gestus getauchtes faszinierendes Duett-Paar im Stile von Lee Hazelwood und Nancy Sinantra (bevor man sich, wie zu lesen war, im Streit trennte), schenkte zunächst den Werken der Twilight Singers, dem großartigen Nebenprojekt von Afghan Whigs-Kopf Greg Dulli, ein paar von seinem unnachahmlichem Bariton veredelte Töne, bevor er mit Dulli, mit dem ihn eine langjährige Freundschaft verband, als The Gutter Twins (der Bandname war nicht ohne Grund an die „Glimmer Twins“, wie sich die beiden Rolling Stones Mick Jagger und Keith Richards im Songschreiber-Verbund nannten, angelehnt) im Jahr 2008 ein weiteres gelungenes Album (und eine EP) veröffentlichte. Zudem stand im Vorprogramm von Johnny Cash auf der Bühne, als der mit seinen „American Recordings“ eine späte Renaissance erlebte, mit Waylon Jennings oder dem Wu-Tang-Clan, lieferte Gesangbeiträge für die Soulsavers, PJ Harvey, Moby, Cult Of Luna, Kris Kristofferson oder Mad Season – jenem All-Star-Jam-Rock-Verbund, der 1995 mit „Above“ lediglich ein einziges Album zustande brachte, dürfte in seiner düsteren Tragik beispielhaft für so einige viel zu früh verstorbene Ikonen der Seattler Musikszene stehen: Zuerst starb Bassist John Baker Sounders 1999 an einer Überdosis Heroin, im Jahr 2002 folgte ihm Layne Staley, der vor allem als Sänger von Alice In Chains zu Ruhm gelangte, nach – auf den Tag genau acht Jahre nach dem Tod eines gewissen Kurt Cobain. Als Mad Season 2015 ein einmaliges, von einem Sinfonieorchester flankiertes Reunion-Konzert in der Benaroya Hall in Seattle gaben, wählte man – neben Lanegan, der zwei Jahrzehnte zuvor auch auf einigen Albumsongs Beiträge lieferte – Chris Cornell als „Ersatz“ für Layne Staley aus. Und auch jener Chris Cornell, sonst als Stimme von Soundgarden, Temple Of The Dog oder Audioslave bekannt, starb zu früh – am 18. Mai 2017.

So vielfältig Mark Lanegans Wirken und Beiträge für befreundete Bands und Musiker*innen auch waren, nicht jede Zusammenarbeit war letztendlich von Erfolg gekrönt. So nahm er etwa für das letzte Album von Gun Club Gesangsspuren auf, bevor deren Kopf Jeffrey Lee Pierce kurz darauf, 1996, starb. Für Lanegan stellte das schon etwas Besonderes dar, schließlich waren die Los Angeles-Post-Punker jene Band, die ihm in den 1980ern mit dem Album „Fire Of Love“ ein musikalisches Erweckungserlebnis beschert hatte. Der späteren Heldenehrerbietung stand jedoch wohl seine Sucht im Weg – Lanegans Stimme soll so „zerschossen“ geklungen haben, dass die Aufnahme letztlich nicht verwendet wurde.

Auch abseits des Hörbaren, auf Platte Konservierten wirkte der Mann mit dem stets etwas raumbeinigen, sinistren Äußeren: So brachte er einem wie Kurt Cobain den rohen, echten Blues nahe, was wiederum darin resultierte, dass der Nirvana-Frontmann für die Setlist von deren legendärem „MTV Unplugged“-Auftritt Stücke abseitigere Stücke wie den Ledbelly-Klassiker „Where Did You Sleep Last Night“ auswählte, anstatt dem nach Hits, Hits, Hits gierendem Publikum Offensichtliches wie „Smells Like Teen Spirit“ im Akustik-Gewand zu präsentieren. Zudem wohnte Lanegan Anfang der Neunziger mit seinem Freund Dylan Carlson von den Drone-Göttern Earth zusammen. Und ebenjener Carson besorgte Cobain die Schrotflinte, mithilfe derer er sich am 5. April 1994 ins Jenseits des sagenumwobenen „Club 27“ schoss…

Und auch bei seinem eigenen Schaffen war zwar sehr viel Kreativität im Spiel, während nicht jede musikalische Idee vollumfänglich gelang. Neben großartigen Alben wie jenen in den Neunzigern, dem 2004er Werk „Bubblegum“ (mit der Mark Lanegan Band), Coverversionen-Sammlungen wie „I’ll Take Care Of You“ (1999) und „Imitations“ (2013) oder dem jüngst im Zuge seiner Memoiren entstandenen „Straight Songs Of Sorrow“ (2020), wagte sich der Mann mit der stets an Größen wie Tom Waits oder Nick Cave gemahnenden Grabesstimme in den Zehnerjahren ein ums andere Mal in elektronische Gefilde vor – mit teils etwas halbgaren Ergebnissen. Dennoch blieb immer interessiert an neuer Musik und neuen Einflüssen.

Im Gespräch erwies sich Lanegan sich als zurückhaltend und höflich, wiewohl seine explosive Art in seinen Memoiren nicht zu seinem Vorteil, dafür reichlich dokumentiert ist. Er war darin verdammt gnadenlos mit sich selbst, nannte sich mehr als einmal „das größtes Arschloch“ auf Erden und belegte diese Behauptung auf vielen langen Seiten. Wohl auch deshalb ist „Sing Backwards And Weep“ eine der härtesten und ehrlichsten Musikerbiografien, die es gibt.

Gleichzeitig konnte er feinsinnig und fachkundig über Gospel reden, kannte sich im Deep Soul ebenso aus wie im Blues und Zeitgenössischen. Sein Humor war wie sein Spitzename „Dark Mark“: mattschwarz. All das fand Eingang in seine Kunst, die dem umtriebigen Workoholic eine globale Fangemeinde bescherte. Diese trauert nun um eine der besten Stimmen, eine der verwegenen Figuren des Fachs. Mark Lanegan wurde 57 Jahre alt, eine genaue Todesursache ist zurzeit nicht bekannt.

Ich selbst lebte zwischen 2008 und 2009 für einige Monate in Madrid. Wenige Stunden vor meiner Abreise besuchte ich am 2. Februar 2009 mit einem Freund das gemeinsame Konzert von Mark Lanegan und Greg Dulli im Teatro Häagen-Dazs Calderón, einem recht gediegenen Konzertsaal im Zentrum der spanischen Hauptstadt. Am Merch-Stand nahm sich jeder von uns ein von beiden „Gutter Twins“-Künstlern unterzeichnetes Konzertposter mit. Was uns damals als recht preisintensiv erschien, hängt nun als mir unschätzbar wertvolles Erinnerungsstück an der Wand meines mit Musik gut gefüllten Zimmers.

Ach, Mark – du warst immer mein „persönlicher Tom Waits“, deine Stimme, die da von den Schattenseiten, vom Somnambulen , vorm Rinnstein erzählte, hat mich nun bereits über Jahre, Jahrzehnte stetig und treu begleitet, ging mir nicht selten verdammt nah und noch weniger selten durch Mark und Bein. Aber so – genau so, verdammt! – soll’s ja auch sein… Mach’s gut, Mark.

Rock and Roll.

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Song des Tages: Nicole Atkins feat. Mark Lanegan – „November Rain“


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Die Schöne und das Biest, reloaded: Nicole Atkins und Mark Lanegan haben „November Rain“ von Guns N‘ Roses gecovert. Mehr sogar: Die US-Singer/Songwriterin und der ehemalige Screaming Trees-Frontmann mit der unverwechselbar tiefen Crooner-Stimme machen aus dem pompösen Rock-Evergreen, welcher anno 1991 auf dem (bis heute weltweit 18 Millionen Mal verkauften) G’N’R-Erfolgsalbum „Use Your Illusion I“ erschien, ein zurückhaltendes, stilecht von Lap Steel und Akustikgitarren angetriebenes Country-Duett.

Die Idee dazu kam Atkins im Traum: „Einmal träumte ich, dass ich den Guns-N‘-Roses-Song ‚November Rain‘ in einem alten Turm als 60er-Jahre-Country-Duett singe, und es klang großartig. Nachdem ich aufwachte, sang ich es direkt in mein Telefon.“ Nach kurzer Überlegung habe ihr Duett-Partner festgestanden: „Ich wusste erst nicht, wer es mit mir singen sollte und dann fragte ich mich: ‚Wer ist der beste Liebessänger?‘ Für mich ist das Mark Lanegan.“ Auch Lanegan für seinen Teil zeigte sich von der Zusammenarbeit begeistert: „Diesen Song aufzunehmen war toll. Er kombiniert zwei meiner liebsten Dinge: Nicoles wunderschöne Stimme und Guns N‘ Roses.“

Scheint fast so, als habe Mark Lanegan, der zwischen 2006 und 2010 drei stilistisch nicht ganz unähnliche Alben mit der schottischen Indiepop-Sirene Isobel Campbell aufnahm, nun eine neue potentielle Langzeit-Duett-Partnerin gefunden…

 

(Gibt’s wahlweise auch via YouTube im Stream…)

 

Rock and Roll.

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Vom Ausbrennen und Verblassen, von König Curdt und dem Erzengel Kobain – zwanzig Jahre später…


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Es heißt ja oft, dass sich noch heute jeder, der damals jung und wild und frei war, an Tage wie den 5. April 1994 oder den 11. September 2001 erinnern würde. Nun, an zweiteres Datum kann ich mich tatsächlich noch lebhaft und in vielen Einzelheiten erinnern, aber mit jenem Aprildienstag im Jahr 1994 habe ich keine spezifischen Erinnerungen verknüpft. Kein Wunder, war ich doch erst zehn Jahre alt und damit ein wenig zu jung, um zu begreifen, was an diesem Tag in einer Stadt im Nordwesten der USA geschah…

Come, as you are, as I want you to be…

Kurt Donald Cobain war mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit kein einfach zu händelnder Mensch, obwohl sich viele der biografischen Eckdaten des am 20. Februar 1967 in Aberdeen, Washington zur Welt gekommenen Mannes nicht eben großartig von denen nicht weniger US-Teenager unterscheiden: ein sensibles, hyperaktives Scheidungskind, das mit den damit verbundenen Streitszenarien in beiden Elternhäusern aufwuchs und über Jahre hinweg zwischen den Fronten hin und her gereicht wurde. Ein schüchterner Teenager, der Zuflucht im Krawall des Punkrocks der Stooges oder der Pixies und in der Melodieverliebtheit der Beatles suchte, bevor er 1982, im Alter von 15 Jahren, den zwei Jahre älteren schlaksigen Hünen Krist Novoselić kennen lernte, mit dem er kurz darauf eine Band gründete. Ebenso klassisch für die sinnsuchende „Generation X“ jener Zeit ist auch alles Folgende: Schulabbruch, erste Beziehungsdramen, das „Über-Wasser-halten“ mit Gelegenheitsjobs und der Traum von der „großen Karriere“ mit der eigenen Band. Was Kurt Cobain und seine Band Nirvana von all den ach so vielen anderen Bands unterschied? Wer weiß das schon… Sicherlich waren es auch Cobains Fähigkeiten als Songwriter – klar, denn all die Songs von Nirvana, die sich – mehr als zwanzig Jahre nach ihrer Veröffentlichung – längst zu unumstößlichen Klassikern gemausert haben – „About A Girl“, „Come As You Are“, „Polly“, „Lithium“, „Heart-Shaped Box“, „Pennyroyal Tea“ oder freilich „Smells Like Teen Spirit“ – schreibt man nicht mal ebenso nebenher. Für Nirvana, passte in jenen Jahren Ende der Achtziger, Anfang der Neunziger einfach alles, die Zeit war sprichwörtlich „reif“ für diese Band: Die Teenager hatten genug von den inhaltsleeren, übertriebenen Fratzen des glamrockenden Hair Metal, den Bands wie Poison, Bon Jovi oder Guns N’Roses damals mit haufenweise Tam-tam und Gitarrengegniedel auf die Spitze des Selbstwitzes getrieben hatten. Nach dem Fall der Berliner Mauer und dem sich andeutenden Ende des Kalten Krieges war – nicht nur für die von republikanischen US-Präsidenten wie Ronald Reagan oder George Bush regierten Adoleszenten – die Zeit für etwas mehr ernsthaftes freies Denken und etwas weniger Zerstreuung gekommen. Und da passte es gut, dass sich in Seattle, einer aufstrebenden Stadt im Nordwesten der USA, 155 Kilometer von der kanadischen Grenze entfernt, das auch heute noch große Namen wie Microsoft, Amazon oder Starbucks vorzuweisen hat, die alle ihren Firmensitz in oder Seattle haben, eine freundschaftlich verbundene Musikszene formte, die lange Zeit unterhalb des Radius des öffentlichen Interesses wachsen konnte und alles – vom Suchen von Proberäumen über Albumaufnahmen bis hin zu liebevoll gestalteten Fanzines und Konzerten – nach dem DIY-Konzept betrieb – if you’ve got no scene, you’ve got to do it yourself… Im Leichtsinn der Jugend teilte man alles miteinander: Freundinnen, kreative Ideen, das Leben in den Tag hinein, große Träume vom Durchbruch „eines Tages“ – aber auch düstere Gedankenwelten und das Experiment mit Drogen der härten Gangart. Noch heute scheint es, als wäre kaum jemand dieser Szene auf all das vorbeireitet gewesen, was sich im Herbst des Jahres 1991 ereignen sollte…

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Here we are now, entertain us…

Als am 10. September 1991 zuerst die Single „Smells Like Teen Spirit“ und zwei Wochen darauf das dazugehörige zweite Nirvana-Album „Nevermind“ erschienen, deutete auch noch herzlich wenig auf jenen Urknall hin, der die weltweite Musikszene kurz darauf überrollen sollte. Erst als US-amerikanische College-Radios – und kurz darauf immer mehr Mainstream-Radiostationen – sich dem fünfminütigen Song mit jenem prägnantem Anfangsriff, der katalytischen Wucht und vereinnahmenden, identifikationsstiftenden Textzeilen wie „I’m worse at what I do best / And for this gift I feel blessed / Our little group has always been / And always will until the end“ annahmen und die Single in Heavy Rotation spielten, wurde offensichtlich, dass hier soeben eine Jugend im Begriff war, ihren Soundtrack zu finden – here we are now, entertain us. Kurz darauf griff MTV das von Regisseur Samuel Bayer in ein dystopisches Highschool-Setting verlegte Musikvideo zu „Smells Like Teen Spirit“, welches Nirvana inmitten selig ausrastender Jugendlicher und Cheerleader zeigte und mit Cobains weltschmerzverzerrter Grimasse endete, auf, um es wieder und wieder und wieder und wieder über die Bildschirme flackern zu lassen (in einer Zeit, als tatsächlich noch Musikvideos im Fernsehen liefen und das Internet für die breite Masse noch ein feuchter Traum war). Im Januar 1992 verdrängte „Nevermind“ schließlich Michael Jacksons „Dangerous“ von der Spitzenposition der US-amerikanischen Billboard 200-Charts – eine Wachablösung allererster Güteklasse. Der Rest ist Pop-Geschichte: Seattle stand plötzlich im Fokus der (kulturellen) Öffentlichkeit, „Grunge“ und alles, was damit einher ging, wurde das zweifelhafte Prädikat „en vogue“ zuteil (angefangen vom Kleidungsstil mit Flanellkaro-Hemden, zerrissenen Jeans, schweren Boots oder Chucks, bis hin zur grüblerischen Lebenseinstellung), massig weitere artverwandte lokale Bands wie Pearl Jam, Soundgarden, Alice In Chains oder die Screaming Trees, aber auch Gruppen, die nicht aus Seattle und dessen Umland stammten, wie die Smashing Pumpkins (aus Chicago) oder die Stone Temple Pilots (aus dem kalifornischen San Diego), wurden im Fahrwasser von Nirvana ans Licht des musikalischen Interesses gespült. Über allem thronte Kurt Cobain, der mehr fremdbestimmte spokesman der „Generation X“. Und spätestens hier setzt die Zweischneidigkeit ein, denn einerseits genoss der damals 25-Jährige in guten Momenten die Aufmerksamkeit, die ihm und seiner dreiköpfigen Band, zu welcher sich mittlerweile ein neuer Schlagzeuger namens Dave Grohl gesellt hatte, zuteil wurde und konnte großartige Live-Shows abliefern, während ihm tausende von Heranwachsenden jede Silbe von den Lippen griffen. Andererseits litt der Nirvana-Frontmann mit dem wahrhaft idolesken, rebellenhaften Äußeren (Drei-Tage-Bart, zerzaustes Haar, „grungy“ – also: „schmuddeliger“ – Kleidungssteil) jahrelang unter Einsamkeit, Depressionen und Magenschmerzen – und auch der Erwartungsdruck, dem er sich nach einem Millionenseller wie „Nevermind“ schon selbst aussetzte, machte die Sache nicht besser. Insofern darf die Reaktion auf den Erfolg von „Nevermind“, das mit „Smells Like Teen Spirit“ wohl einen der größten Rocksongs ever in petto hatte (laut Cobain war dies sein „Versuch, den ultimativen Popsong zu schreiben“, obwohl – für ihn – nur ein scherzhaft bezeichnetes „Pixies Ripoff“ dabei heraus kam), als typisch für Nirvana gelten: Statt Butch Vig engagierte die Band für den Nachfolger den für rohe und geradezu anti-poppige Klänge berüchtigten Produzenten Steve Albini. Doch wen wundert’s, auch das im September 1993 veröffentlichte dritte Nirvana-Album „In Utero“ wurde – allen sperrigen Rhythmen und skandalträchtigen Darstellungen (der gläserne schwangere Frauenkörper mit Engelsflügeln auf dem Albumcover, Cobains tumblr_mjlzgq8gAx1s77dsjo1_250verworfener Albumtitel „I hate myself and I want to die“ etc. pp.) zum Trotz – ein internationaler Erfolg, gierte die Musikwelt doch nach dem nächsten „Smells Like Teen Spirit“. Was sie bekam, waren Songs wie „Heart-Shaped Box“, „Rape Me“, „Dumb“ oder „Pennyroyal Tea“ – kaum weniger hittig (in Alternative Rock-Maßstäben), aber dennoch um einiges sperriger und – ja – ein Quentchen mehr edgy. Und obwohl sich Vergangenes im Rückspiegel meist so offensichtlich deuten lässt, bemerkten wohl damals die wenigsten, wie es tatsächlich um Nirvanas Frontmann stand. Der mittlerweile mit der kaum weniger skandalösen oder psychisch gefestigten Courtney Love, ihres Zeichens damalige Frontfrau der Rockband Hole, verheiratete Familienvater (Tochter Frances Bean kam im August 1992 zu Welt) griff immer öfter zur Heroinspritze, wenn ihn die Welt auf seinen Schultern und die Stimmen in seinem Kopf zu erdrücken drohten. Konzerte wurden für Nirvana zum Vabanquespiel, da weder Novoselić noch Grohl noch irgendjemand der Nirvana-Crew im Voraus wissen konnten, welche Tagesform ihr Frontmann heute zeigen würde. Mal lieferte Cobain eine hervorragende Show ab und war (nach Außen hin) der bestens aufgelegte und zu allen Späßen bereite Grinsemann, mal spuckte er Gift und Galle, zerlegte noch vor Konzertende das gesamte Bühnenequipment und stürmte von dannen. Denn obwohl er mehrfach – erfolglos und wahrscheinlich halbherzig – versuchte, von den Drogen los zu kommen, hatte ihn das Heroin längst im dauerhaften Schwitzkasten. Nach einem letzten – und reichlich desaströs verlaufenen – Konzert in München mussten Nirvana Anfang März 1994 ihre „In Utero“-Tournee aufgrund von Cobains Magenproblemen unterbrechen. Der Frontmann flog mit Ehefrau Courtney Love nach Rom, wo Cobain am 4. März in komatösem Zustand in ein Krankenhaus eingeliefert wurde – Diagnose: Suizidversuch mithilfe einer Überdosis Beruhigungsmittel sowie einer beträchtlichen Menge Alkohol. Cobain überlebte und wurde von seinem nähren Umfeld – seine Band war damals längst aufgelöst, wie Novoselić und Grohl Jahre später bestätigten – erneut zu einem letzten Entzugsversuch im „Exodus Recovery Center“ im kalifornischen Marina del Rey gedrängt. Am 1. April floh Cobain jedoch von dort und tauchte unter. Sieben Tage später, am 8. April 1994, wurde der Nirvana-Frontmann tot im Garagenanbau seines Hauses am 171 Lake Washington Boulevard in Seattle aufgefunden. Wie Polizei und Gerichtsmediziner übereinstimmend feststellten, hatte sich Cobain drei Tage zuvor mit einer Überdosis Heroin und einem Kopfschuss aus seiner Browning Auto-5 Selbstladeflinte das Leben genommen. Er hinterließ einen Abschiedsbrief, der – nicht eben zufällig und auch deshalb so vielsagend – mit einem Zitat aus dem Neil Young-Song “ Hey Hey, My My“ endete: „It’s better to burn out than to fade away“„Es ist besser, auszubrennen als zu verblassen“

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Teenage angst has paid off well…

Kurt Cobain war leider nicht der einzige Frontmann einer Seattle-Rockband, der sein Heil in der Drogenabhängigkeit suchte, nur um am Ende elendig daran zugrunde zu gehen. Bereits im März 1990 verstarb mit Andy Wood der Sänger der Hardrockband Mother Love Bone (es mag ein zynischer Wink des Schicksals gewesen sein, der wollte, dass es ohne Woods Tod wohl nie zur Gründung der „Grunge-Dinos“ von Pearl Jam gekommen wäre – aber das ist eine andere Geschichte), am 5. April 2002 – und damit exakt (!) acht Jahre nach dem Freitod Cobains – starb mit Layne Staley, der sich nach vielen Jahren der Drogenhölle eine „Speedball“ genannte tödliche Überdosis aus Heroin und Kokain verabreichte, der Frontmann von Formationen wie Alice In Chains und Mad Season. Aber: Cobain war für kurze drei Jahre das Gesicht der Rockmusik, die sich von der Stadt mit der „Space Needle“ aus aufmachte, die gesamte Musikwelt hinterrücks zu erobern. Wer’s blumig-pathetisch mag: Kurt Cobain war der Posterboy des „Grunge“, die Stimme all jener, die im Sportunterricht zuletzt gewählt wurden und am Abend des Abschlussballs einsam und verlassen in der hintersten Ecke herumlungern mussten, während sich die Highschool-Quarterbacks die hübschen Cheerleader angelten. Dass der Sänger beileibe nicht nur jenes „depressiv-aggressive Häufchen Elend“ war, zu dem die (Mainstream-)Medien ihn – vor wie nach seinem Tod – gern und häufig stilisierten, sondern zuweilen auch voller Tatendrang, jugendlichem Leichtsinn, Witz und Energie, dürfte Fans wohl schon immer sauer aufgestoßen sein. Unterm Strich folgte Cobains Leben und Sterben jedoch – und auch das scheint bei näherer Betrachtung unumstößlich – dem festen Prinzip der Popmusik, einen Heroen zum „neuen Heilsbringer“ zu erklären, nur um später seinen Freitod in nahezu messiashafte Höhen zu erheben. Denn ganz gleich, welchen aus dem tragischen „Club der 27„, zu welchem, neben Cobain, auch der damalige Rolling Stones-Gitarrist Brian Jones (ertrunken im Swimmingpool, 1969), Gitarrist Jimi Hendrix (offiziell: erstickt an Erbrochenem nach einer Überdosis Alkohol und Schlaftabletten, 1970), Sängerin Janis Joplin (Überdosis Heroin und Alkohol, 1970), Doors-Frontmann Jim Morrison (offiziell: Herzversagen – wurde jedoch nie so ganz aufgeklärt, 1971) oder die britische Soul-Hoffung Amy Winehouse (Alkoholvergiftung, 2011) gehören, man sich eben herauspickt, so wird klar, dass sich mit der Legende von ewiger Jugend und juvenilem Leichtsinn eben das verlässlichere Jahreseinkommen vorausplanen lässt als mit jenen stetig strauchelnden Existenzen, die da innerhalb der „magischen 27“ das Zeitliche segneten. Auch der vermeintliche Zwist, zu dem – bereits zu Cobains Lebzeiten – das Verhältnis zur „Grunge-Konkurrenz“ durch die „Trittbrettfahrer“ von Pearl Jam von den Medien hochstilisiert wurde, ist beileibe nicht der Rede wert. Fest steht, in diesem Punkt: Cobain gab in Interviews so manchen nicht eben ernst gemeinten Unsinn von sich – sei es, ohne vorher darüber nachzudenken, oder einfach, um sich selbst zu unterhalten oder den jeweiligen Gegenüber zu foppen -, während von Seiten von Pearl Jam nie ein böses Wort über Nirvana fiel. Ganz im Gegenteil: Pearl Jam-Frontmann Eddie Vedder schien geradezu aufgelöst, als er in einem Interview, nur wenige Tage nach dem Tod des Nirvana-Sängers, kaum Worte zum adäquaten Ausdruck seiner Gefühlslage findet. Beide waren Freunde. Und Seattle lag in Scherben…

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Rape me, my friend…

Ob Kurt Cobain selbst der Kult gefallen hätte, der sich in den Jahren nach seinem Tod um ihn und seinen musikalischen Nachlass entwickelte? Ob er gewollt hätte, dass seine Witwe Courtney Love 1996 einerseits die zum Wallfahrtsort für trauernde Anhänger gewordene Garage samt Gewächshaus, in welchem Cobain sein Ende fand, abreißen ließ, nur um sich mit seinen ehemaligen Bandkameraden Krist Novoselić und Dave Grohl in einem jahrelangen Rechtsstreit (welcher noch immer nicht beendet scheint) gegenseitig zu zerfleischen? Wohlmöglich hätte er kaum seinen Segen zu all den Re- und Rererereleases der wenigen Veröffentlichungen gegeben, die Nirvana der Musikwelt hinterlassen hatten. Und schon gar nicht zur fragmentarischen Veröffentlichung der reichlich intimen Gedanken seiner „Tagebücher“ im Jahr 2002. Auch hätten er sich wohl kaum jene 97 Minuten des so fad-drepressiv nachempfundenen, 2005 erschienenen Filmdramas „Last Days“ anschauen wollen, in welchem Regisseur Gus Van Sant (u.a auch „Good Will Hunting“, „Elephant“, „Milk“) Cobains letzte Tage für die Leinwand inszenierte. Und falls nun wirklich jenes Musical (!) über das Leben und Wirken ihres verstorbenen Mannes Realität werden sollte, das Courtney Love noch kürzlich ankündigte (oder besser: androhte) – man mag sich nur mit Grausen die Veitstänze vorstellen, die Cobain darüber in Asche vollziehen würde… Jede Zeit braucht ihren taumelnden Helden, der unterhält und ausbrennt, anstatt zu verblassen. Zwanzig Jahre, und im Grunde ist alles wie immer. Serve the servants.

 

nevermind_front[Wenn auch in eckige Klammern gefasst, so sollen doch am Ende meine persönlichen Erinnerungen hier nicht fehlen: Natürlich war ich mit meinen zehn Jahren noch zu jung, um zu begreifen, welch‘ einschneidendes Erlebnis jener Apriltag für die Musikwelt haben würde. Dennoch kaufte ich mir ein paar Jahre später jenes sagenumwobene Album mit dem einer Dollarnote nachtauchenden Baby auf dem Cover – also: „Nevermind“ -, einfach, weil nach Cobains Tod überall davon die Rede war. Verstanden habe ich freilich kaum etwas von all der Wut und Verzweiflung, die die Band in den 55 Minuten darauf ebenso lautstark wie intensiv zum Ausdruck brachte, und tauschte das Album alsbald gegen die Ausgabe von Oasis‘ „(What’s The Story) Morning Glory“ einer Schulfreundin (und bereue es bis heute nicht). Zum „Grunge“ fand ich erst etwas später, als mich Pearl Jam im Jahr 1998 mit dem Song – und dem großartigen Musikvideo! – zu „Do The Evolution“ quasi für’s Leben verpflichteten. Seitdem sind Eddie Vedder & Co. die Band meines Herzens, ja: meines Lebens. Zwischen Pearl Jam und mich passt nicht einmal das sprichwörtliche „Blatt“… Trotzdem rührt mich – und da bin ich wohl kaum allein – die legendäre „MTV Unplugged“-Aufzeichnung, die Nirvana 1993 in New York einspielten und welche erst nach Cobains Tod im November 1994 ihre Veröffentlichung erlebte, noch heute zu Tränen. Eben weil Nirvana mit voller Absicht kaum einen ihrer „allseits beliebten Hits“ spielten, dafür bewegende Coverversionen wie „The Man Who Sold The World“ (David Bowie), „Lake Of Fire“ (Meat Puppets) oder „Where Did You Sleep Last Night“ (Leadbelly). Denn genau das war Kurt Cobain für mich: die grinsende Fratze eines traurigen Clowns, der der Gesellschaft und dem Musikgeschäft für einen kurzen Augenblick die Scherben eben jenes Spiegels ins vermeintlich makellose Antlitz drückte, den er Minuten zuvor mit dem kaputten Hals seiner Fender-Gitarre zerschlagen hatte. Und „Nevermind“ habe ich mir irgendwann ein zweites Mal gekauft…]

 

 

Natürlich überschlagen sich gerade zu Cobains 20. Todestag alle (digitalen) Medien, die meinen auch nur halbwegs etwas Sinnvolles zum Thema beisteuern zu können, mit Meldungen und Postings. So bietet etwa die Online-Ausgabe des deutschen „Rolling Stone“ „Kurt Cobains Leben mit Nirvana in Bildern„, während das US-amerikanische Original-Pedant damalige Freunde und Wegbegleiter (Dave Grohl, Krist Novoselić…) sowie prominente Nirvana-Fans (Josh Homme, Iggy Pop…) über Cobain erzählen lässt, das österreichische Nachrichtenportal „Die Presse.com“ unter dem Banner der Frage „Was blieb von Nirvana?“ einige Musikerlandsleute jenseits der Alpen über ihre Erfahrungen mit der Musik von Nirvana zu Wort kommen lässt und sich das „SPIN Magazine“ gefragt hat, was denn eigentlich die Teenager von heute über Nirvana und deren Frontmann denken und wissen – mit durchaus überraschenden Antworten. Aber seht selbst:

 

Mehr mag, der findet in der etwa sechs Jahre alten, knapp 43-minütigen Dokumentation „Kurt Cobain – Die letzten Tage einer Legende“ genau das, was der Titel im Ansatz offeriert:

 

Zu guter Letzt noch mein persönliches Lieblingsstück von Nirvana („You Know You’re Right“, das erst 2002 auf der obligatorischen Best Of-Compilation erschien und für mich alle Qualitäten Nirvanas in schlanken dreieinhalb Minuten zusammenfasst) sowie eine der wohl besten Varianten des tausendfach gecoverten Evergreens „Smells Like Teen Spirit“ (die Live-und-Piano-only-Version von Tori Amos, welche sie bereits 1992 „Live at Montreux“ zum Besten gab):

 

Rock and Roll.

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Das Album der Woche


Mad Season – Above (2013 Deluxe Edition)

Mad Season - Above (Deluxe Edition)-erschienen bei Col/Sony Music-

Manche Schicksale stimmen einen ob den düstren Zusammentreffens von Zufall und Bestimmung schon nachdenklich…

Am 8. April 1994 verbreitet sich eine Nachricht, einem Blitzfeuer gleich, per Fernseh- und Radiostationen (Richtig, Kiddos – ein gab tatsächlich eine Zeit vor Google, Facebook und Twitter!) um den Globus: im US-amerikanischen Seattle, jener regnerischen Stadt im Nordwesten der Vereinigten Staaten, in der die Space Needle auch heute noch gen Himmel ragt und das Kaffeeröster-Imperium Starbucks seine ersten Filialen eröffnete, wurde ein junger Mann tot aufgefunden. So weit, so unwürdig, als dass die ganze Welt an dessen Schicksal Anteil nehmen sollte? Nun, der Name des jungen Mannes war Kurt Cobain

Schon bald sickerten erste Einzelheiten scheibchenweise durch die Medien: es war von Selbstmord die Rede, von Drogen, einem Abschiedsbrief und einer Schrotflinte, mit der der 27-jährige Frontmann von Nirvana, der damals wohl populärsten Rockband des Planeten, seinem Leben drei Tage zuvor ein jähes Ende gesetzt haben soll. Schon bald versammelten sich tausende Fans vor Cobains unscheinbarem Häuschen am Lake Washington Boulevard, um zu trauern und dem Sänger eine letzte Ehre zu erweisen. Andere fragten sich, ob es nicht nur eine Frage der Zeit gewesen war, immerhin hatte Cobain bereits im März 1994 in Rom versucht, sich das Leben zu nehmen (all das sollte freilich erst später ans Licht kommen). Immerhin war es in der vergangenen Zeit weder um die physische noch um die psychische Gesundheit des Mittzwanzigers gut bestellt, und auch in den Songtexten der Nirvana-Stücke, welche samt und sonders von ihm stammten, machte er nie einen Hehl um sein fragiles Seelenheil. Klar, schlaue Sprüche und wichtige Sätze hatten sie alle auf Lager. Viel wichtiger jedoch: Cobains Tod versetzte nicht nur die gesamte Musikszene Seattles, welche damals urknallartig über die Welt hereinbrach und, neben Nirvana, noch Bands wie Pearl Jam, Soundgarden oder Alice In Chains (und nur ein paar zu nennen) auf die vordersten Chartränge katapultierte, nein, er versetzte jener – so hohl wie vielsagend – „Grunge“ betitelten Bewegung praktisch den Todesstoß. Wer heute noch ein jene Zeit zurückdenkt, als Holzfällerhemden, zerschlissene Jeans und braune Boots die Laufstege in London, Mailand oder Paris eroberten, als lange Haarmatten noch zu ehrlich hedonistischen Ewigkeitshymnen wie Nirvanas „Smells Like Teen Spirit“, Pearl Jams „Alive“ oder Soundgardens „Black Hole Sun“ wild im Takt geschüttelt wurden und ein Album namens „Nevermind“ mit einem nackten, im Pool einer Ein-Dollar-Note hinterher tauchendem Baby auf dem Cover Michael Jacksons „Dangerous“ mir nichts, dir nichts vom US-Albumcharts-Spitzplatz kickte, der wird wohl kaum ohne ein seliges Seufzen auskommen…

Mad Season #1

Und da das Schicksal bekanntlich nicht selten ein kleines, fieses Arschloch ist, das Musiker ebenso humorfrei behandelt wie den Handwerker, der dir eben noch die Heizung repariert hat und nun, bei Dunkelheit und Eisesglätte sein Auto gegen den Baum setzt, oder Tante Hilde, die beim Treppenwischen auf den nassen Stufen ausrutscht und sich auf dem letzten Absatz das Genick bricht, sollte die Musikwelt auf den Tag genau acht Jahre (geht man vom offiziellen Todeszeitpunkt aus) nach Cobains (Frei)Tod um einen weiteren „Helden“ eben jener „Grunge-Szene“ trauern: am 19. April wurde der leblose Körper des ehemaligen Alice In Chains-Sängers Layne Staley in dessen Apartment gefunden, Wochen nach dessen Ableben. Todesursache: eine injezierte Überdosis aus Heroin und Kokain, ein sogenannter „Speedball“. Auch hier stand für findige Schnellschuss-kommentatoren schnell fest: der Tod des zum bemitleidenswerten Junkie verkommenden Rockstars war überfällig, war abzusehen, war klar. Denn auch Staley war, wie Kurt Cobain, zeitlebens mit einer ähnlich explosiven wie düstren und fragilen Aura gesegnet und trug in den Tönen, die seinen Mund verließen, stets ein offen trauriges Herz auf der Zunge…

Und auch wenn Alben wie Alice In Chains‚ monumental abgründiges, 1992 veröffentlichtes Zweitwerk „Dirt“ oder das auch heute noch überragende „MTV Unplugged„-Konzert (Nirvana oder Pearl Jam haben für die offizielle Konzertreihe ja ähnlich große Teile eingespielt) noch so wichtig für den heutigen Alternative Rock waren, so lieferte Layne Staley erst 1995 sein persönliches Opus Magnum ab. Da er bei Alice In Chains stets das Gefühl hatte, sich an der Seite des Gitarristen, zweiten Sängers und Hauptsongwriters Jerry Cantrell nicht ausreichend selbst verwirklichen zu können, scharrte er Ende 1994 befreundete Musiker der Seattle’schen Szene um sich – unter anderem Mike McCready von Pearl Jam oder Barrett Martin von den Screaming Trees -, um eine Art „Grunge-Supergroup“ zu gründen. (Ja klar, da gab es natürlich noch Temple Of The Dog – aber das ist eine andere Geschichte…) Nach dem Herantasten und musikalischen Zusammenwachsen bei ersten Shows verzogen sich The Gacy Bunch, welche sich jedoch schon bald in Mad Season umbenannten, ins Studio und veröffentlichten im März 1995 mit „Above“ ein Debüt, dessen Covermotiv ein überarbeiteter Holzschnitt des Frontmanns ziert und welches mit seiner lyrischen wie musikalischen Bandbreite und Tiefe die meisten, die von Staley wohl „nur“ einen dumpfen Alice In Chains-Klangklon erwarteten, vor den kritischen Kopf stieß – anders sind, aus heutiger Sicht, die damals bestenfalls wohlwollend ausgefallen Reviews kaum zu erklären…

Mad Season #2

Und da Staleys Geschichte wohl eine voller tragischer Jubiläen ist, erschien am 12. März 2013 – beinahe 18 Jahre nach der Erstveröffentlichung – nun die „Deluxe Edition“ von „Above“, welche allen Fans wie Neulingen eine remasterte und im großen Stil erweiterte Fassung des einzigen Mad Season-Albums bietet. Und auch fast zwei Jahrzehnte nach Erscheinen haben all diese dunklen Rockperlen nichts von ihrer herrlichen Abgründigkeit eingebüßt. Man höre sich nur den bedrohlichen entspannten Einstieg „Wake Up“ an, zu dem Staley mit seiner prägnanten Stimme und Zeilen wie „Wake up young man, it’s time to wake up / Your love affair has got to go / For 10 long years, for 10 long years / The leaves to rake up / Slow suicide’s no way to go“ ohne Umschweife und voller schonungsloser Selbstreflexion die Karten auf den Tisch legt: natürlich kreisen viele der Texte auf „Above“ über die Abgründe jener Drogenhöllen, denen sich nicht wenige der Seattle’schen Musikszene fatal tragisch zuneigten. Doch trotz aller lyrischen Enigmen wirken die zehn Stücke des Debüts wahnsinnig scharfzüngig, fokussiert – und doch auch ungeahnt virtuos tief schöpfend. Seien es nun die verschleppten Rocker „X-Ray Mind“, „Lifeless Dead“ oder „I Don’t Know Anything“, die fragile Balladensingle „River Of Deceit“, in welcher Staley offen „My pain is self-chosen“ bekennt, „I’m Above“, bei welchem sich der lange Jahre ebenfalls im Drogensumpf stecken gebliebene damalige Screaming Trees-Frontmann Mark Lanegan ein Gesangsduell mit Lanye Staley liefert, der alles überthronende, fragile Vergangenheitsabgesang „Long Gone Day“, ein Stück, das den Barjazz (Standbass! Saxofonsolo!) mit dem sonst oft so harten Alternative Rock versöhnt und ebenfalls von Lanegans Stimme mitgetragen wird, oder das finale Doppel aus dem virtuosen Instrumentalstück „November Hotel“, das die offensichtlichen Trademarks von Mike McCreadys genialem Gitarrenspiel offen zur Schau stellt, und dem tristen „All Alone“. All diese Stücke atmen ebenso Zeitgeist wie Zeitlosigkeit, erzählen von gestern und heute, werden von Musikern gespielt, die die Chartsspitze, den Ruhm und die eigenen Titelseitenfotos ebenso kennen wie die Leere von Hotelzimmern, die Vergänglichkeit von Verehrung und der harten Rand der Gosse. Die zehn Songs auf „Above“ wurden von vier gleichsam empfindlichen wie für jede Form der Musik empfänglichen virtuosen Individuen eingespielt: Layne Staleys prägnante Stimme, Mike McCreadys charakteristisch großes Gitarrenspiel, John Baker Saunders‘ Bass- und Barrett Martins Schlagzeugspiel – jede Minute atmet auch heute noch die zeit- wie grenzenlos abgründige Energie und Melancholie aus monolithischem Alternative Rock, scheinbar entspanntem Jazz und tiefem Blues. Leider kam es durch die stetige Verschlechterung von Staleys Gesundheitszustand und Bassist John Baker Saunders‘ plötzlichem Drogentod (eine Heroinüberdosis im Januar 1999) nie zu einem Nachfolger…

Mark LaneganUm – wohl auch für sich selbst – das Kapitel „Mad Season“ endgültig ad acta legen zu können, beschlossen die verblieben ehemaligen Bandmitglieder Barrett Martin und Mike McCready im vergangenen Jahr, die Archive zu durchforsten und förderten unbeendete Songideen zu Tage, zu denen sie – wie logisch! – Mark Lanegan baten, die offenen Gastvocals zu übernehmen. Herausgekommen sind drei Stücke – das straight rockende „Locomotive“, das verschleppt wabernde „Black Book Of Fear“ und das als Ballade startende „Slip Away“, dem McCready gen Ende einen gloriosen Gitarrensolo-Abgang à la „Yellow Ledbetter“ (für alle Unkundigen: einer der Live-Klassiker des Pearl Jam-Songkatalogs!) beschert -, die ein Album wie dieses kaum würdiger vervollkommnen könnten und denen Mark Lanegan – für mich ohnehin eine der allzeit besten Rockstimmen – nur noch mehr lebensweise Tiefe verleiht. Außerdem auf der „Deluxe Edition“ von „Above“ finden sich schließlich das kurze Akustikgitarren-Zwischenstück „Interlude“ (sic!), ein Mix des John Lennon-Covers „I Don’t Wanna Be A Soldier“ (erstmals 1995 auf der Compilation „Working Class Hero: A Tribute to John Lennon“ erschienen) und der vollständige (!) Konzertmitschnitt der finalen Show, welche Mad Season am 29. April 1995 im Seattler Moore Theatre spielte und das die Band in Bestform zeigt, sei es nun bei der fast zehnminütigen Freejazz-Zerlege-Version von „I Don’t Wanna Be A Soldier“, dem auch hier fulminant brodelnden Ruhepol „Long Gone Day“ (erneut mit einem Gastauftritt von Lanegan) oder dem überbordenden Gitarrenabschluss „November Hotel“. Wer da nur noch die optische Variante vermisst, kommt ebenfalls nicht zu kurz, denn das Konzert liegt dem Box Set auch noch auf DVD bei…

Ob nun in der regulären oder der definitiven „Deluxe Edition“-Doppel-CD+DVD-Variante – „Above“ ist eines der besten, weil virtuosesten, Gitarrenrock-Alben der Neunziger, auf dem Layne Staley zu einem letzten großen kreativen Sprung ansetzt. War Jim Morrison der wohl unwiderstehlichste Todesengel des Bluesrock, so trägt Staley hier den „Grunge“ zu Grabe – und steckt dabei für einen Moment sogar charismatische Genregrößen wie Kurt Cobain, Chris Cornell oder Eddie Vedder in die Tasche.

Bestimmung, Zufall, Schicksal – traurig aber wahr: manchmal mag alles eins sein…

 

Hier kann man sich das Musikvideo zur einzigen Single „River Of Deceit“…

 

…die 1995 auf Video erschienene Variante des erwähnten Moore-Auftritts…

 

…und ein Feature zur nun erschienenen „Deluxe Edition“ von „Above“ anschauen…

 

…sowie sich hier das komplette Album…

 

…und den „neuen“, mit Hilfe von Mark Lanegan fertig gestellten Song „Locomotive“ anhören:

 

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,
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