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Song des Tages: Dan Mangan – „In Your Corner (for Scott Hutchison)“


Nach etwa zwei Jahren Funkstille meldet sich der kanadische Folk-Rock-Singer/Songwriter Dan Mangan mit der neuen Single „In Your Corner (for Scott Hutchison)“ zurück. Und dieser Song ist nicht irgendeiner, sondern – wie der Titel es bereits vermuten lässt – eine Hommage an den 2018 zu früh verstorbenen Frightened Rabbit-Frontmann Scott Hutchison.

Mehr dazu verrät der Musiker aus Vancouver in einem Statement: „Zwar sind wir uns nur einmal begegnet, aber Scotts Tod hat mich tief getroffen. Er war in meinem Alter und sehr eng mit einigen lieben Freunden von mir befreundet. Entweder konnte er nicht sehen, wie sehr er von der Welt geliebt wurde, oder er fühlte sich dieser Liebe nicht würdig. Wie kam es, dass er so vielen Menschen Freude bereiten konnte, aber sich selbst nicht? Ich erinnere mich, dass ich weinte, als ich an jenem Morgen Müsli für meine Jungs machte… Dieser Song entstand sehr schnell in den darauffolgenden Tagen.“

Die zarte Akustikballade wurde von Drew Brown (Radiohead, Beck, Blonde Redhead) produziert und ist, mehr oder minder, als Antwort auf den Frightened Rabbit-Song „The Woodpile„, Dan Mangans erklärtes Lieblingsstück der schottischen Indie Rock-Band, zu verstehen, welcher die Textzeile „Will you come back to my corner? / Spent too long alone tonight“ enthält. Zudem soll er auf das Thema Depressionen aufmerksam machen.

Obwohl Mangans jüngstes Album mit neuem Material – „More Or Less“ von 2018 – bereits etwas länger zurückliegt, war der Kanadier in den letzten Jahren nicht komplett untätig, veröffentlichte seitdem Zehn-Jahres-Jubiläumsausgaben seiner Alben „Nice, Nice, Very Nice“ und „Oh Fortune„, das Coveralbum „Thief“ sowie den Anti-Trump-Protestsong „There’s A Tumor In The White House„.

„Why
Why can’t the seer see a way out?
When they drown in information
When they’re stranded at the station
When they’re filmed against a fadeout

Now we’re crying in the shower
Crying in the carpark
Crying in the office towers
They were trying not to get dark
Trying hard to fight that darkness
Trying not to count the hours

So come find us if you can
We’ll be unified and sad
We’ll be in your corner
Leave a light on when it’s bad
We will congregate and make a plan
And we’ll be in your corner
We’ll all be in your corner

What
What leads the best of us to suffer?
Do they know their pain and write it down
To help the rest of us recover?

We’re crying in the shower
Crying in the carpark
Crying in the office towers
Yeah, we were trying not to get dark
Trying hard to fight that darkness
Trying not to count the hours

So come find us if you can
We’ll be unified and sad
We’ll be in your corner
Leave a light on when it’s bad
We will congregate and make a plan
And we’ll be in your corner
We’ll all be in your corner

Leave a light on if you can
Till it’s crystal-clear
And do you understand?
We’ll all be in your corner

Rock and Roll.

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Das Album der Woche


Frank Turner – FTHC (2022)

-erschienen bei Polydor/Universal-

War es eine Prophezeiung? „Hey-ho, hey-ho, hey-ho / We’re heading out for the punk rock show!“ rief Frank Turner einem vor knapp zehn Jahren freudig auf „Four Simple Words“ entgegen, auf der bis dahin potentiell schnellsten und lautstärksten Nummer in seinem bisherigen Solo-Katalog. Und höre da – nach Jahren der Verdichtung der Formel des akustischen Folk-Punks – mal lauter, mal introvertierter – nimmt er einen auf Album Nummer neun nun tatsächlich zur waschechten Punk-Rock-Show mit…

Eines wird beim Hören von „FTHC„, welches als Akronym für „Frank Turner Hardcore“ bereits die ein oder andere musikalische Assoziationskette auslöst, schnell klar: Die Spielfreude des 40-jährigen britischen Musikers bricht nach der langen, Lockdown-bedingten Tourpause aus nahezu allen Albumecken hervor. Denn gerade einer wie Turner lebte – über 2.500 Shows in weniger als zwei Jahrzehnten sprechen da eine deutliche Sprache – bis zur jähen Corona-Zäsur bekanntlich vor allem on the road, wohl auch daher musste er die zuhause aufgestaute Energie also im Studio kanalisieren – und das bis zum Schluss, denn „FTHC“ vermeidet weise den damals nicht durchweg überzeugenden „Be More Kind„-Weg, im letzten Drittel nur mehr Balladen zu offerieren. Wer also hier den schmachtenden Lagerfeuer-Punk ähm… -Frank sucht, ist falsch abgebogen, denn der neue Langspieler hält – zumindest in der Standard-Version – kaum Balladeskes parat. Natürlich darf die Akustikgitarre auch 2022 recht wenig Staub ansetzen und mal hier, mal da aus dem Koffer kommen, ansonsten dominieren hier jedoch ordentlich hochgedrehte Regler und Stromgitarren-Musik, in einer für 14 Songs (in der Deluxe-Variante sind’s sogar noch sechs Stücke mehr) überraschend gelungenen Abwechslung aus krediblem Punk, herzerfrischendem Hardcore und – ja klar – eingängigem, schwitzigem Alternative Rock. Und wie sollte es anders sein, wird diese Melange natürlich stets angetrieben von Turners typisch authentisch-bodenständiger, Pub-folk’esker Erzählweise.

Schon der riskante Brüll-Opener „Non Serviam“ zeigt als schöne Finte und mit ordentlich Gift und Galle an Bord innerhalb von knapp zwei Minuten, dass Turners Hardcore-Affinität keineswegs Schnee von gestern ist (und wer’s nicht glaubt, der darf gern mal bei seinem Hardcore-Punk-Nebenprojekt Möngöl Hörde ein Ohr riskieren). Dabei dient die Nummer wohlmöglich auch als Gradmesser: Wer nach dem Song noch da ist, wird an und mit „FTHC“ einen Riesenspaß haben. Aller Lautstärke zum Trotz – und auch, wenn ole Frank hier vernichtend jegliche Autorität ablehnen mag – kann er jedoch selbst hier seinem Good Guy-Image nicht gänzlich entkommen: „Help the ones in need / Do your best to leave the others be“ skandiert er im Refrain, der genauso schnell vorbei ist, wie er mit wenig Anlauf die Tür eintrat.

Danach wird’s etwas gewohnter, denn die bereits im Mai 2021 veröffentlichte Single „The Gathering“ ist der klassische, sehnsüchtige Nach-dem-Lockdown-wird-es-irgendwann-wieder-Konzerte-geben-Song, welcher mit fettem Queen-Chor die lang ersehnte Wiedervereinigung in verschwitzten Circle Pits bildlich in Szene setzt (und ganz nebenbei mit namenhafter musikalischer Unterstützung von Muse-Schlagzeuger Dominic Howard oder US-Southern-Rocker Jason Isbell, der hier ein Solo beisteuert, aufwartet). Bevor der Konzertbetrieb nun – hoffentlich – endlich, endlich wieder etwas an Fahrt aufnehmen kann, nutzte Turner die vergangenen zwei Jahre nicht nur für (s)einen Umzug von trubeligen London nach Mersea Island, Essex, an die deutlich ruhigere englische Küste, sondern auch dafür, die lyrische Lupe etwas mehr auf sich selbst zu richten. Nach „No Man’s Land„, dem 2019 veröffentlichten Vorgänger, welcher ausschließlich Songs über beeindruckende Frauen und deren Geschichte enthielt, betreibt er auf „FTHC“ dabei mentale Nabelschau erster Güte. Offen wie eh und je verpackt Turner Themen wie mentale Gesundheit („Haven’t Been Doing So Well“, „A Wave Across The Bay“), Substanzmissbrauch („Untainted Love“ mit der durchaus therapeutischen Zeile „I sure do miss cocaine„) und das Aufbegehren gegen gesellschaftliche Stereotypen („Perfect Score“) in seine Lieder.

Besonders persönlich wird es im Dreiergespann aus „Fatherless“, „My Bad“ und „Miranda“, welches sich als Mini-Rockoper rund um dasselbe Thema dreht: Turners komplizierte Beziehung zu seinem Vater. Von den schwierigen Jahren seiner Kindheit und der Abschiebung ins verhasste Internat erzählt er im hookigen Uptempo-Rocker „Fatherless“ und sehnt sich nach einem „caregiver who had care to give„. Die zügellose Hardcore-Attacke „My Bad“ beschäftigt sich mit den Erwartungen, die an jemanden aus seiner gesellschaftlichen Klasse gestellt werden, und wie sein recht konträrer Rock’n’Roll-Circus-Lebenslauf dazu (eben nicht) passt. Ein quietschendes Gitarren-Lick läutet dann den bislang größten Plot-Twist mit „Miranda“ ein: „My father is called Miranda these days / She’s a proud transgender woman / And my resentment has started to fade„. Tatsächlich wartet die Nummer mit so etwas wie einem späten Happy End in groovendem Midtempo auf: Die Versöhnung des Sohnes mit seinem Vater, der seit Jahren als Frau lebt, und wie beide seither wieder eine gemeinsame, durchaus freundschaftliche Gesprächsbasis gefunden haben – „Miranda, it’s lovely to meet you„.

Und obwohl es Turners Songs in der Vergangenheit nie an hartem, von Herzen kommendem und zu selbigem gehenden Tobak mangelte, hält das neue Werk doch ein besonderes Beispiel parat: „A Wave Across The Bay“, welches sich mit dem Freitod seines guten Freundes und Frightened Rabbit-Sängers Scott Hutchinson im Jahr 2018 beschäftigt. Ähnlich wie bei „Song For Josh“ (vom 2015er Album „Positive Songs For Negative People„) bedauert er, die Zeichen nicht erkannt zu haben, die auf den seelischen Zustand seines Freundes hindeuteten – und setzt dem zu früh verstorbenen Wegbegleiter nun ein gleichsam emotionales wie hymnisches Denkmal, das Frightened Rabbit’esk gemächlich beginnt, um dann wie eine erlösende Welle über einen hereinzubrechen: „Like a wave across a bay, never breaking / Ever falling, never landing / Rolling slowly out to sea and always smiling…“ Uff. Klare Sache: Nach all diesen emotional umklammernden Songs muss man erst einmal durchatmen…

Zum Glück erinnert einen der Punk-Rock-Barde in dem etwas luftigeren und tanzbaren „The Resurrectionists“ auch daran, dass nicht alles im Leben immer einen tieferen Sinn ergeben muss: „We’re all just kids someone let loose into the world / Waiting for someone to explain the rules / And that’s all„. Doch Halt! Wer schreit denn da über den Chorus? Tatsache, Biffy Clyro-Frontmann Simon Neil leiht dem Songfinale seine nahezu unverkennbaren Screams. Und auch eine weiteres Easter Egg für Langzeitfans hält die Nummer bereit, denn Frank Turner liefert hier nämlich in der zweiten Strophe ein Update, wo die ganzen Charaktere aus „I Know Prufrock Before He Was Famous“ vom 2009er Langspieler „Love Ire & Song“ geblieben sind.

Einmal in Fahrt gekommen, liefert der britische Musiker, der bei diesem Album am Schlagzeug Übersee-Unterstützung von Ilan Rubin (Nine Inch Nails, Angels & Aiwaves) erhielt, weiter ab, segelt in vollem Uptempo in ein live wohl äußerst unterhaltsames, zackiges „Punches“, inklusive heftigem Kopfnicker-Riff im Refrain. „Perfect Score“ wäre auf früheren Alben akustisch und etwas entspannter instrumentiert ein schöner, luftiger Folk-Song geworden. Hier schrammelt alles, was sechs Saiten hat, zu einer feinen, zweieinhalb Minuten langen Blaupause für einen 1A-Rocksong. Ähnlich verhält es sich mit „The Work“, einer herzerwärmenden, in Alltagstrott getauchten Liebeserklärung an seine Frau: „Because we’ve both been doing our best / Skirting round the edges of perfect / Darling I know this / It’s the work that makes it worth it“.

Etwas ruhiger gibt sich Turner eigentlich nur auf der ersten Hälfte von „Little Life“ – und auch diesem spendiert er schließlich ein fast schon epochales Finish. Nach seinem Wegzug aus der alten Londoner Heimat blickt er sowohl in diesem Song als auch im abschließenden „Farewell To My City“ noch einmal wehmütig und nicht ohne Reue zurück, unternimmt sprechsingend einen letzten Spaziergang vorbei an all den von Erinnerungen gesäumten Pubs und Clubs, die ihn – nebst seinem durchaus ungesunden Lebensstil früherer Tage – in „Untainted Love“ mit etwas weniger Fortüne fast umgebracht hätten, bevor er schließlich in den Umzugswagen steigt – ein würdiger, einmal mehr lautstarker Abschluss einer Platte, die sich somit auch wie der Abschluss einer Ära anfühlt. Alles in allem ist „FTHC“ – mit welchem dem Musiker nun auch seine erste Nummer-eins-Platte in der englischen Heimat gelang – musikalisch mit Abstand Frank Turners härtestes und kompromisslosestes Solowerk, lyrisch eine Therapiestunde, melodisch ein ordentliches Fass voller Ohrwürmer. Ein herzerwärmender Genuss und eine gelungene, zu gleichen Teilen hungrige wie smarte, angriffslustige und selbstreflexiv innehaltende Werkschau dessen, wofür der Vorzeige-Folkpunk inzwischen steht.

Hier gibt’s alle Song im Stream:

Rock and Roll.

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Das Album der Woche



Biffy Clyro – The Myth Of Happily Ever After (2021)

-erschienen bei 14th Floor/Warner-

Dieses Album hätte es eigentlich nicht geben sollen. Zumindest nicht in dieser Form, als einen weiteren vollwertigen, krachenden, fordernden Biffy Clyro-Langspieler – nur 14 Monate nach dem üppigen „A Celebration Of Endings„. In Ermangelung der üblichen Welttour auf den Schwingen des neunten (regulären) Studioalbums hockten Simon Neil sowie die Johnston-Zwillinge James und Ben im Herbst 2020 wieder in ihrem Proberaum auf einer Farm in Ayrshire, irgendwo im schottischen Nirgendwo. Songwriting als Zeitvertreib. Während Tagen, Wochen und Monaten, in denen das mit dem In-die-Ferne-Schweifen eben nur mittelgut klappte, lag das Gute, das einzig Richtige für ein kreatives Dreiergespann wie Biffy Clyro, einfach umso näher. Flugs rüsteten sie ihren Probeschuppen gemütlich zum Aufnahmestudio um und drückten mal hier, mal da auf „Record“ – nicht einmal ihr Label soll allzu viel davon gewusst haben. Und so war es – unterbrochen von den während des Corona-Lockdowns beinahe obligatorischen Wohnzimmer-Livestreams sowie einer Ohne-Publikum-Live-Aufführung im Glasgower Barrowland Ballroom (welche dem neuen Album nun als zweite Scheibe beiliegt) – alsbald einfach fertig, das Schwesternalbum zu „A Celebration Of Endings„. Und das erste, welches „Mon The Biff!“ in unmittelbarer Heimatnähe aufgenommen haben. Ob es nach so wenig Zeit, die währenddessen ins Land gezogen ist, schon wieder genug Geschichten zu vertonen gab? Oder wurde von Simon Neil und Co. einfach flugs die kreative Resterampe entladen? Obwohl „Ausschuss“ ja mal so gar nix bedeuten muss bei diesen drei Scottish Lads

Fotos: Promo / Kevin J. Thomson

Überhaupt haben B-Seiten-Veröffentlichungen ja fast schon Tradition im Hause Clyro: Bei „Puzzle“ hieß es „Missing Pieces“, „Only Revolutions“ hatte seine „Lonely Revolutions“ und „Opposites“ natürlich „Similarities“. Bis auf die komplementären Titel meist ein bunt zusammengewürfelter Haufen an Restideen, zwar ohne roten Faden, aber trotzdem immer wieder mit so einigen versteckten Songperlen. Es verwundert trotzdem wenig, dass „The Myth Of The Happily Ever After“ das Spiel nicht nur nicht mit, sondern noch ein ganzes Stück weiter spielt…

Freilich nehmen schon Titel und Artwork direkten Bezug auf den Vorgänger: wurde gerade noch das Ende gefeiert, wird nun – ganz schottisch, ganz nonchalant und bodenständig – die Mär vom „Auf immer und ewig“ entmystifiziert. Märchen? Sind gerade aus – sorry not sorry, for fuck’s sake. Diesmal sollte es jedoch ein gleichwertiges Brüderchen sein anstatt einer B-Seiten-Kollektion oder einem als Soundtrack getarnten Album wie „Balance, Not Symmetry„, das damals – glücklicherweise – den doch etwas fremdelnden Pop von „Ellipsis“ weitgehend rausbügelte. Und so besinnt sich „The Myth Of The Happily Ever After“ – mehr sogar noch als „A Celebration Of Endings“ – darauf, was Biffy Clyro ursprünglich einmal groß machte: die Verbindung von sinistrer Verstörung und derbem Krach mit zauberhaften Himmelsstürmer-Melodiepassagen. GitarreSchlagzeugBass, ein scheinbar endloser Quell an Hard Rock-, Metal- und Prog-Riffs, Mut zu Rückschritten und zu ungehörten Experimenten – in ihren besten Momenten führen die neuen Songs das Trio in ihrer Stadionrock-Phase endgültig in die passende Spur.

Nur um gar nicht erst falsche Hoffnungen zu wecken – es ist nicht so, dass diese elf Stücke so komplex und wendig daher brettern wie zu Zeiten von „The Vertigo Of Bliss“ oder „Infinity Land“ (die beide schon fast zwei Dekaden zurückliegen). Aber schon die famose Single „A Hunger In Your Haunt“ zeigt, dass auch ein waschechter Hit eine Prise Geschrei und eine unüblich sperrige Coda vertragen kann. Damit wird die Behauptung „This is how we fuck it from the start“ aus dem sphärischen Opener „DumDum“ natürlich, je nach sinnbildlicher Bedeutung, Lügen gestraft oder wahr gemacht. „Denier“ traut sich noch einen Schuss mehr Melodie, zieht mit voller Wucht nach vorn und verdichtet den Sound auf tolle Weise. Endgültig im Bandolymp kommt die Platte daraufhin wohlmöglich mit „Separate Missions“ an. Das scharfe Kreischen, welches die Strophen durchzieht, kontrastiert sich auf wunderbare Art mit dem schönen Falsettrefrain, den Simon Neil zu anmutigen Achtziger-Synths und Gitarrenspuren aufs Parkett legt – im Grunde ist gerade dieser Song wie prädestiniert dafür, eines der zahlreichen Cover der Landsleute von CHVRCHES zu werden.

Und Langeweile kam wohl wenig auf im Biffy’schen Lockdown-Studio, denn „The Myth Of The Happily Ever After“ lässt sich auch nach diesem geradezu sensationellen Beginn höchst ungern festnageln. Grundsätzlich gerät die Produktion massiv, die wuchtigen Parts drücken, aber eindimensional auf dicke Hose macht hier so gar nichts. So gibt das pompöse Gebläse von „Witch’s Cup“ immer wieder einen sensiblen Kern frei und schwankt gekonnt zwischen den Extremen. Wer außerdem bei „Holy Water“ oder „Haru Urara“ schon großzügige Entspannungspausen vermutet, darf sich von überraschenden, teils brutalen Abschlüssen die Matte wegföhnen lassen. „Unknown Male 01“, die traurige Ode an einen früheren, zu früh verstorbenen Wegbegleiter, breitet sich episch aus. „Step out to the unknown / I’ll catch you on the way down“, singt Neil, bevor der Song nach gut zwei Minuten loszetert. Auch hier steigert sich das Stück wie in einen finalen Rausch hinein – ein Kniff, der auf „The Myth Of The Happily Ever After“ einmal mehr durchaus Methode hat.

Dennoch bewegt sich das schottische Dreiergespann ein wenig weg vom Modus Operandi früherer Platten. So ist „Existed“ tatsächlich das einzige Mal, dass auf dem Album ungehindert das Wort „Ballade“ fallen darf. Synth und Drumbeat sorgen zwar nicht für ein Highlight, aber es toppt als hübsche Auflockerung vergangene Versuche wie „Re-arrange“ oder „Space“ (das zwar keineswegs schlecht war, aber eben auch eine Überdosis Schmonz in petto hatte) mit links. Und letztlich braucht es ein Gegenstück zu dem, was Biffy Clyro im abschließenden „Slurpy Slurpy Sleep Sleep“ da abfackeln. Wer noch „Cop Syrup“ vom Vorgänger oder „In The Name Of The Wee Man“, den „Ellipsis“-Abschluss der Herzen (da lediglich auf der Deluxe Edition vorhanden), im Gedächtnis hat, darf sich hier neue Verkabelung abholen. Vocoderstimmen wiederholen den Titel als Mantra, und unvermittelt setzt ein Gewitter ein, das zu den härtesten Momenten der Band gehört und schon jetzt mächtig Böcke auf dessen Live-Umsetzung macht. Ehrensache, dass der melodische Mittelteil Zeit zum Luftholen lässt, bis das Grande Finale noch eine Schippe drauflegt, lauter und lauter wird und schließlich mit heller Flamme verglüht. Eine sechsminütige Noise-Orgie, die nicht nur galant den Bogen zum Albumvorgänger schlägt, sondern auch flott alles an Härte in die Tasche steckt, was die Schotten in den letzten 15 Jahren fabriziert haben. „There’s a mystery at large / And the story should be beautiful / We’re just another species to explode / I’m ready to explode“, heißt es vier Songs vorher in „Errors In The History Of God“. Schönheit und Explosion – einfach bei Biffy Clyro nachfragen, wie das bestens unter einen Karomuster-Hut geht.

Nur schlüssig ist es da, dass auch das Thematische in die Zahnräder des Musikalischen greift. War „A Celebration Of Endings“ noch ein verhältnismäßig optimistischer Prä-Pandemie-Kicker, haut das zum Lockdown-Höhepunkt geschriebene neue Werk ziemlich verbittert die Fensterläden zu und versperrt mit sechs Fuß Abstand nicht nur den Blick auf die schottische Einöde, sondern auch auf so manche geschürte Hoffnung. „I will ignore / The bodies piled up on the floor“ lamentiert Simon Neil etwa im Opener „DumDum“ über die Auswirkungen der weltweiten Hilflosigkeit in der letztjährigen Pandemiebekämpfung, während der schwer stampfende Groove rund um ihn immer mehr Lücken füllt, bis die Soundwand zu einem Ungetüm heranwächst, das wohl selbst den alten Hadrian begeistert hätte. Klar, der größte Optimist war der bärtige 42-jährige Frontmann zwar nie, aber Corona hat ihm sichtlich ein paar weitere Taschen in seinen mentalen Mantel genäht, aus denen Simon Neil sich hier breitwillig bedient. Wie geht man um, mit der plötzlichen Isolation, dem Kollaps des Alltags, dem Tod und dem Leben danach? Davon erzählt nicht nur „Unknown Male 01“, jenes zur Tränen rührende Tribute an Frightened Rabbit-Kopf Scott Hutchison, sondern auch „Haru Urara“. Bei dem seltsam anmutenden Songtitel handelt es sich um ein japanisches Rennpferd, welches über einhundert Rennen verlor und deshalb zu einem Schlachter gebracht werden sollte. Glücklicherweise setzte sich jedoch der Trainer für den armen Gaul ein, der von (s)einem Ende als Sauerbraten verschont blieb. Trotz der Niederlagen gab man nie auf und das Pferd erreichte schlussendlich sogar weltweite Popularität. Fall und Aufstieg, Enden und Anfänge – nichts kann eben ohne dessen Gegenpart existieren. Und ließ einen die Band auf dem Vorgänger noch mit gezücktem Mittelfinger und lautstarken „Fuck everybody“ zurück, bittet das neue Album nach der ganzen Aufregung noch einmal um Versöhnung: „Don’t waste your time / Love everybody„. Carpe diem, you fuckheads.

Auch auf „The Myth Of The Happily Ever After“ haben Biffy Clyro – gerade mit solchen Themen im Gepäck – keine seichten musikalischen Rinnsale, sondern kraftvolle Wellenbrecher zusammengezimmert. Zwischen Krach und Kitsch, seit jeher die beiden Achsen im musikalischen Oeuvre, fahren die Schotten anno 2021 mit ordentlich Experimentierfreude im Anhänger noch viel öfter Schlitten, oft und gern mehrmals pro Song. Dass das nicht zum klanglichen Haggis wird, zeugt von der langjährig gestählten Kraft dieser Band im Songwriting und deren nahezu blindem Verständnis füreinander. Die Zeiten mögen ein stückweit unberechenbar sein, auf „Mon The Biff“ ist einfach Verlass.

Rock and Roll.

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Sunday Listen: Narwhals – „Two Dark Windows“


„Narwhals are aquatic mammals with horns. They are also an alternative band from Manchester.“

Zwei Sätze, in welchen zu gleichen Teilen ein gerüttelt Maß an Ironie, aber auch etwas vom guten alten britischen Understatement steckt. In jedem Fall sollten all jene ein Ohr riskieren, denen ohnehin schon Bands wie Frightened Rabbit oder The National sowie melancholisches Gitarrenmollliedgut recht nahe am Hörerherzen liegen – oder wie Sänger und Frontmann Jacob Cordingle die Soundkulisse des Manchester-Vierers in diesem Interview passend beschreibt: „Man stelle sich vor, The National hätten ein Kind mit Mogwai gezeugt und würden Ian Curtis zum Paten machen.“

Das 2018 erschienene Debütwerk „Two Dark Windows“ (über dessen Entstehungsprozess man hier etwas lesen kann) findet man via Bandcamp als „name your price“ – und da Narwhals alle Erlöse an die Mental-Health-Charity-Organisation Tiny Changes (welche von der Familie des 2018 verstorbenen Frightened Rabbit-Frontmanns Scott Hutchison ins Leben gerufen wurde) spenden, darf man gern ein paar Euronen (mehr) da lassen…

Rock and Roll.

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Song des Tages: The Birthday Suit – „A Bigger World“ (feat. Scott Hutchinson)


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Wer seine musikalischen Antennen verstärkt auf schottischen Indie Rock richtet, der kam (und kommt) seit Mitte der Neunziger kaum an Idlewild vorbei (wohl auch daher war die Band aus Edinburgh vor einiger Zeit mal hier präsent). Isso. Wenige allerdings wissen, dass etwa deren Frontmann Roddy Woomble in den letzten knapp 15 Jahren so einige Solo-Werke veröffentlicht hat (unlängst etwa die formidable „Everyday Sun EP„). Und noch weniger haben scheinbar bislang davon Wind bekommen, dass auch Idlewild-Gitarrist Rod Jones abseits von der Hauptband einen verdammt gut anliegenden Zweitanzug parat hat – wortspielpassenderweise hört dieser auf den Namen The Birthday Suit.

81mB+EoL9NL._SS500_Und obwohl deren jüngstes, drittes Album „A Hollow Hole Of Riches“ bereits sechs Jahre zurückliegen mag (Jones scheint sich aktuell vielmehr auf Idlewild zu konzentrieren, deren aktuelles Werk „Interview Music“ im vergangenen Jahr erschien), so würde den elf Songs voller ebenso aufregender wie vielfältiger, nicht weit weg von Idlewild geparkter Melodien und den Herz-auf-der-Zunge-und-Leidenschaft-im-Handgelenk-Texten eine deutlich größere Hörerschaft durchaus gut zu Gesicht stehen.

Bestes Beispiel: Die Single „A Bigger World“, ein mitreißender Dreieinhalb-Minuten-Rocker, der sich von Jones‘ emphatischem Gesang, eingängigen Riffs und jubilierenden Streichern tragen lässt, während das Lyrische einen ersten Einblick in die Grundthematik des restlichen Albums gibt: Isolation, denn jeder von uns existiert in (s)einer eigenen kleinen Welt. Das heißt jedoch keineswegs, dass die Texte von „A Hollow Hole Of Riches“ allzu düster sind – tatsächlich sind sie weit davon entfernt. Der Nachfolger zum 2012 veröffentlichten Werk „A Conversation Well Rehearsed“ ist in Gänze eine Feier der Vielfalt und der sich ständig verändernden Natur der Perspektive. Und wer nun an die ewig großen schottischen Lads von Frightened Rabbit denken muss, liegt gar nicht so falsch, denn immerhin ging Rod Jones, Jacqueline Irvine, David Jack, Steve Morrison, Seán McLaughlin und Catrin Pryce-Jones bei „A Bigger World“ niemand Geringeres als deren 2018 (zu) früh verstorbener Frontmann Scott Hutchison mit einem fulminant gespielten Gitarrensolo zur Hand…

 

 

Rock and Roll.

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Ein Comic zum 10. Geburtstag von Frightened Rabbits „The Winter Of Mixed Drinks“…


 

Zwar habe ich das zehnte – und damit erste runde – Veröffentlichungsjubiläum des dritten Frightened Rabbit-Studioalbums „The Winter Of Mixed Drinks“ um ein paar Tage verpasst (schließlich war das bereits am 1. März, und ist im Grunde auch wenig verwunderlich, schließlich rangiert das Werk trotz so einiger Favoriten wie „Swim Until You Can’t See Land“, „Living In Colour“ oder „Nothing Like You“ nicht unbedingt unter meinen Top-3), glücklicherweise haben jedoch andere Termine wie ebenjenen deutlich besser auf ihrem Schirm als ich. Etwa „Marge Makes Comics„, eine tolle, mehr oder minder regelmäßig auf „arts at michigan“ erscheinende Comic-Strip-Reihe, die dem vor knapp zwei Jahren (zu früh!) verstorbenen Scott Hutchison und seinen Indierock-Schotten und benanntem Album mit einer wunderbar illustrierten Comic-Geschichte die Ehre erweist… Me likes!

 

Rock and Roll.

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