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Song des Tages: KARLSSON – „Hundeleben“


Jaja, die schnöde Tapete – ob historisch abgetragen, raufaserig vermodert, frisch mit Alpina Weiß überstrichen, ob zugekleistert mit romantischen Sonnenuntergangs-Postkartenerinnerungen, mit Konzerttickets aus früheren Tagen, mit Fussball- und Metal-Postern oder mit schick gerahmter Urban-Fotografie stylisch-geschmackvoll geschmückt: Nichts ist dem Bundesspießbürger – gerade in Quarantäneverordnungzeiten – so nah wie die eigenen vier Wände, jener Rückzugsort im „Rauhfaseridyll„, wie KARLSSON aus Köln ihn umschreiben. Sinnbildlich steht die stumme Wandverkleidung hier, wie bei schon etlichen Vertretern des Punkrock-Genres zuvor (man denke etwa an Jupiter Jones‘ „Entweder geht diese scheußliche Tapete – oder ich.„), für den gefühlten Stillstand – aber auch für all die Umwälzungen psychischer und sozialer Natur, denen man im drögen Alltagsgrau ausgesetzt ist, und die man am Ende doch meist ähnlich stoisch hinnimmt. Wahrlich eigenständig oder bahnbrechend neu mag diese Metapher im Kontext sozialkritischer wie befindlichkeitsorientierter Themen keineswegs sein, aber das 2013 gegründete Vierergespann aus Kilian (Gesang, Bass), Tobi (Gitarre, Gesang), Marius (Gitarre) und Lukas (Schlagzeug) kommt wohl recht gut damit klar, einfach „nur“ eine weitere Band zu sein, die einem fein durchdachten deutschsprachigen Indie-Punk mit schwerem Herzen, pochendem Hirn und ordentlich Wut im Bauch um die Ohren bläst.

Nachdem KARLSSON 2016 zunächst mit ihrer „Autohauseröffnung EP„, welche wiederum eine feine Coverversion des Schreng Schreng & La La-Songs „Plastik Fressen“ enthielt (für das die Band obendrein sogar deren Frontmann Jörkk Mechenbier am Gast-Mikro gewinnen konnten), für ein kleines Szene-Ausrufezeichen sorgen konnten, hört man ebenjene Unaufgeregtheit ihrem bereits im Februar 2019 erschienenem Debütalbum auch an – im positivsten Sinne. Der eingängige Opener „Südafrika“ etwa hüpft innerhalb von dreieinhalb Minuten gleichsam hektisch wie aufgewühlt von wachsendem Hass und Bitterkeit im Land hin zur Persönlichkeitskrise, und dann mal eben um die Welt – auch eine Art Rückzug aus der vor lauter Zweifel und Unverständnis überquellenden heimischen Komfortblase. Die Gitarren rau wie der vertrocknete Acker und das Szenario nochmal ein Stück destruktiver, beobachten KARLSSON im kräftigen Midtempo-Rocker „Schwule Könige“ Menschen auf irgendeinem gottverdammten westfälischen Schützenfest, die stolz ihrer Tradition nachgehen: „Das Gewehr an der Schulter / Symbol für ihren Frieden / Alles auf Anfang.“ Dabei verurteilt die Band nicht per se (freilich mit Ausnahme der offen nationalistischen und homophoben Aura solcher tumb-bierseligen Festivitäten), sondern hinterfragen vielmehr, wie Menschen sich ihr individuelles Selbstbild konstruieren, und dieses in der heute deftig aufgeladenen sozialen Atmosphäre nicht selten bis aufs Messer verteidigen.

Ebenso traditionell wie des Deutschen Bier und Bratwurst sind kleine, aber feine Punkrock-Hymnen wie „Der alte Boxer“ die eigenen musikalischen Happen der vier Rheinländer. Songs, zu denen es sich wunderbar alleine gegen die dämliche Raufasertapete, aber auch mit Freunden bei einem bis acht Bier in die Welt hinaus schreien lässt. Doch KARLSSON können nicht nur polternd-punkiges Schema F, sondern lassen immer mal Luft an ihr Songwriting. Dabei schrecken sie nicht vor sehnsuchtsvoll nach vorn preschenden Alternative-Rock- oder Post-Hardcore-Anleihen à la Taking Back Sunday oder Thursday sowie ruhigen, in sich gekehrten Momenten zurück, wie „Hundeleben“ oder „Deine letzten Jahre“ als dramaturgisch fein gestrickte, an alte Jupiter Jones erinnernde melancholische Stücke zeigen. „Hey Belane“ greift dann nicht nicht nur den Bordstein als Bild auf, sondern fügt sich auch soundtechnisch ziemlich nah an die von Muff Potter um die Jahrtausendwende verlegten Pflastersteine. Und dürfte man nur einen einzigen Satz zum Wesen dieser Platte stricken, landet man vielleicht wieder bei Thorsten „Nagel“ Nagelschmidt und Co. sowie der altbekannten Frage, die auch die aktuelle Generation Emopunk irgendwo zwischen Captain Planet oder Matula wohl kaum ganz auflösen wird: „Ist das hier, was man Leben nennt / Oder nur die Gegend, die man kennt?“ Und das darf nun wirklich und ausdrücklich als Lob verstanden werden.

Rock and Roll.

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