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Das Album der Woche


Steiner & Madlaina – Wünsch mir Glück (2021)

-erschienen bei Glitterhouse/Indigo-

Knapp 150 Konzerte in den letzten Jahren, auf Bühnen vor allem in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Das ist eine ganze Menge. Denn: Diese Zahl bedeutet noch viel mehr Tage auf Tour als „nur“ jene 150. Etliche Tage und Nächte in Tourbussen auf Autobahnen, von Show zu Show zu Show – mal als Vorband (etwa von Element Of Crime), mal als Headliner, mal auf Festivals. Zeit zum Schreiben von neuen Songs? Lediglich immer mal so zwischendurch, irgendwo in den Leerzeiten zwischen Soundcheck, Auftritt und Abfahrt. Das Aufnehmen der Songs aber, das erfordert bekanntlich etwas mehr Zeit. Dafür konnten die beiden Schweizerinnen Nora Steiner und Madlaina Pollina dann das ungeplant konzertfreie Jahr 2020 nutzen. Und brachten aus dem Studio „Wünsch mir Glück“ mit, ihr zweites Album und den Nachfolger zum viel beachteten 2018er Debütlangspieler „Cheers„.

Und wem vor knapp drei Jahren bereits ebenjenes gefiel, der wird auch mit den elf neuen Songs schnell warm werden. Denn im Gros bleibt das Duo, welches sich schon seit der Schulzeit kennt und seitdem gemeinsam auf der Bühne steht, seiner Linie treu. Auch in diesen vor allem für alle Kulturschaffenden nicht eben einfachen Zeiten thematisieren Steiner & Madlaina einige der großen Probleme unserer Gesellschaft, wie den Sexismus und das formvollendete Versagen der Menschheit, vor allem in ihrer Schweizer Heimat durch das Nichtstun, das Zusehen bei Menschenrechtsverletzungen und das Schulterzucken bei Dingen, die außerhalb der eigenen Staatsgrenze passieren, weil es das eigene Land, in seiner überheblichen Neutralität, vermeintlich nicht betrifft. Und sie behandeln auch die vergleichsweise kleinen, privaten Themen, die eigene Trennung oder das eigene Verlangen. Im Gegensatz zum Debüt, welches englische, deutsche und schweizerdeutsche Songtexte vereinte, sind Steiner & Madlaina auf ihrem Zweitling komplett deutschsprachig unterwegs. Nach wie vor schreiben die beiden unabhängig voneinander an den Texten – und diese Aufteilung fällt nun vor allem auf „Wünsch mir Glück“ deutlich ins Gewicht, da Madlaina Pollina, von der man ohne große Übertreibung behaupten kann, dass sie aus einer bekannten Musikerfamilie stammt (ihr Vater ist der italienischstämmige Schweizer Cantautore Pippo Pollina, ihr Bruder Julian Pollina ist auch hierzulande als Faber eine recht große Nummer), zum Beziehungslied neigt und Nora Steiner eher zur Rolle der Frau in der Gesellschaft. Auf jene, die Gesellschaft, werfen die beiden bereits im Opener einen ersten Blick. Dabei scheint „Es geht mir gut“ musikalisch erst einmal ein fluffiger Gute-Laune-Song zu sein. „Zu faul für jegliche Debatten / Bleib ich bei 40 Grad im Schatten“ regt jedoch vielmehr das süffisant brodelnde schlechte Gewissen des Hörers an, während dem nämlich eigentlich bewusst ist, „was rundherum der Mensch so tut“. Noch ein Knüppelschlag in die gemütliche Magengrube gefällig? Ja, gern doch! So wird etwa in „Heile Welt“ die bereits oben angesprochene Schweizer Gesellschaft, in ihrer Isolation, kritisiert: „Damit unsere heile Welt / Noch eine Weile hält / Halten wir uns raus / Nur so fühl’n wir uns zu Haus…“ Ein Klang gewordener Mittelfinger par excellence.

„Wenn ich ein Junge wäre (Ich will nicht lächeln)“ erinnert klanglich – und das bis hin zur typischen Gesangsphrasierung – ohne jeglichen Zweifel an Bands wie Ideal sowie die Neue Deutsche Welle und zerlegt wütend die teils immer noch bestehende gesellschaftliche Sicht auf die Frau, welche einfach nur noch nervt: „Wenn ich ein Junge wäre / Würde man mir mehr zutrau’n / Und wer bestimmt das Rollenbild der Frau“. Insgesamt überwiegen jedoch auf dem zweiten Album die Stücke, in denen beide teils wahnsinnig nah und unmittelbar wirken, so wie etwa bei „Prost mein Schatz“, in welchem Madlaina boshaft und larmoyant, jedoch jederzeit packend eine bevorstehende Trennung andeutet. Das Spannungsfeld zwischen dem polierten Song und dessen Botschaft mag an Größen wie Lana Del Rey erinnern, und in diesem grellen Zwielicht, wenn sie mit Witz von Alltagsabsurditäten erzählen und gekonnt zwischen politisch Heiklem und nahbar Privatem switchen, agieren die beiden Schweizerinnen einmal mehr mit beeindruckender Souveränität.

„So schön wie heute“ ist dem gegenüber ein recht fad geratener, fast schon gemütlicher Song über das Erwachsenwerden und juvenile Vergänglichkeit, während „Denk was du willst“ Zwischenmenschlichkeiten und Selbstzerstörung aushandelt. „Ciao Bella“ schlägt in eine ähnliche Kerbe wie schon „Wenn ich ein Junge wäre“ und mit sarkastisch spitzer Zunge tief ins Unrecht gegenüber Frauen. Hier versetzen die beiden sich in einen sexistischen Mann: „Oh Bella, ciao Bella / Komm und mach‘ mein Leben schöner“ wird der Anspruch dieses Machos an das weibliche Gegenüber im Refrain deutlich. Der Dummdreist-gestrige regt sich gleichzeitig auf über Frauen in Führungspositionen, erklärt Rechtfertigungen für niedrigere Bezahlung des weiblichen Geschlechts und das vermeintliche „Risiko“ bei der Einstellung aufgrund einer möglichen Schwangerschaft. Noch famoser geraten das sich in einen Furor steigernde „Klischee“ sowie der Titelsong, eine von einer einsamen Gitarre begleitete Geschichte zweier Menschen, die Zuneigung fürs Gegenüber spüren, bei denen es trotzdem nicht für mehr reicht – der kleine Tod der verflogenen Chance.

(Fotos: Promo / Tim Wettstein)

Obwohl die beiden in Zürich aufgewachsenen Schweizerinnen auf ihrem neuen Album nur auf Deutsch singen und englische Stücke dieses Mal fehlen, bewegen sich Steiner & Madlaina musikalisch auf ähnlichen Pfaden. Die Musik ist nach wie vor verspielt und ihre angenehmen Stimmen spielen da gern mit. Die Songs mögen im Vintage-Gewand schimmern, mögen mit ordentlich Sixties-Twang an Chanson, Jazz, Rock’n’Roll, Americana oder New Wave andocken – doch jeglicher Retro-Verdacht schwindet, sobald man eben die Texte hört. Das Schlagzeug von Leonardo Guadarrama sowie die dominanten Saiteninstrumente von Max Kämmerling (E-Gitarre) und Nico Sörensen (Bass) erzeugen mit unterschiedlichen weiteren Begleitern, wie etwa Synthies oder einem Chor im Hintergrund, eine durchaus abwechslungsreiche, live im Studio eingespielte Soundkulisse, die man gern irgendwo in der Umgebung des Indie-Folk-Pops einordnen darf. Und die oft genug überzeugt. Das fehlende Quäntchen mag man gern darauf schieben, dass diesmal an der ein oder anderen Stelle einfach der Aha-Neu-Effekt des Debüts ausbleibt. Nichtsdestotrotz haben die beiden charismatischen jungen Frauen mit „Wünsch mir Glück“ – der zugegebenermaßen etwas eigenartigen Optik des Albumcovers zum Trotz (die Dame auf dem Cover ist übrigens Anne, eine Freundin und Live-Fotografin von Nora und Madlaina, die sich bei einem Sturz vom Fahrrad einen Zahn ausgeschlagen hat)- elf neue Songs fürs kommende Konzert-Repertoire geschaffen, die mit Kritik, auch an sich selbst, keineswegs geizen und einem Sound, der dies im ersten Moment nicht immer vermuten lässt. File under: raffinierte Ambivalenz. Bleibt ihnen im Grunde nur zu wünschen, dass sie – um den Titel beim Wort zu nehmen – bald wieder das Glück haben auf der Bühne zu stehen…

— Steiner & Madlaina live 2021 —

  • 02.11.21 Stuttgart – Im Wizemann Club
  • 03.11.21 München – Ampere
  • 05.11.21 Magdeburg – Moritzhof
  • 06.11.21 Dresden – Beatpol
  • 08.11.21 Hamburg – Knust
  • 09.11.21 Bremen – Tower
  • 10.11.21 Münster – Gleis 22
  • 11.11.21 Essen – Zeche Carl
  • 12.11.21 Köln – Gebäude 9
  • 17.11.21 Freiburg – Jazzhaus
  • 19.11.21 AT-Wien – Chelsea
  • 20.11.21 Nürnberg – Korns
  • 22.11.21 Wiesbaden – Schlachthof
  • 23.11.21 Hannover – Musikzentrum
  • 25.11.21 Leipzig – Täubchenthal
  • 26.11.21 Erfurt – HsD
  • 27.11.21 Berlin – Hole44

Rock and Roll.

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Song des Tages: Die Aeronauten – „Irgendwann wird alles gut“


Man hätte eigentlich recht früh ahnen können, dass sich das Jahr 2020 zu so einer vollumfänglichen Katastrophe entwickeln würde, schließlich begann es mit dem Tod von Oliver Maurmann aka Olifr M. Guz (oder auch nur Guz). Am 19. Januar starb der Schweizer Musiker und Schauspieler an Herzversagen, nachdem er vier Monate lang in einem Züricher Krankenhaus auf ein Spenderorgan gewartet hatte. Die Kunstwelt verlor mit Guz einen sympathischen, enorm kreativen, im besten Sinne lustigen, guten Menschen, der nicht lange vor seinem Tod noch mitten im Leben stand. Er wurde nur 52 Jahre alt.

Auch wenn gefühlte 99,99 Prozent der „Ich-hör‘-alles-was-im-Radio-läuft“-Zielgruppe nun unbekannterweise mit den Schultern zucken werden, war dieser 19. Januar 2020 ein trauriger, ein wahrlich schwarzer Tag für die deutschsprachige Popmusik, immerhin hatte Guz diese abseits der Beliebigkeitspfade seit fast drei Jahrzehnten mit vielen Songs bereichert. Erst mit eigens auf MC veröffentlichten Solowerken, dann als Anführer von Die Aeronauten und mit zahlreichen anderen Projekten: einer Gruppe mit Bernadette La Hengst und Knarf Rellöm namens Die Zukunft, dem Electro-Blues-Duo Naked In English Class mit Taranja Wu, außerdem mit den Bands Die Zorros, Zero Tornado… – kurzum: viel zu viele, um sie hier alle aufzuzählen. 

Die Aeronauten jedoch waren von Anfang bis Ende der Ankerpunkt seiner Karriere. 1991 im schweizerischen Schaffhausen gegründet, veröffentlichte die sechsköpfige Band neun LPs. Und jede von ihnen war stilistisch unberechenbar: Das Guz’sche Aeronauten-Universum konnte schunkelige Americana, schroffen Post Punk, tänzelnden 2-Tone, feinen Indie Pop, derben Garage Rock oder knarzende Soul-Grooves enthalten. Man wusste schlichtweg nie genau, was die nächste Aeronauten-Platte bereithalten würde. Wen wundert’s, dass das auch auf den im November erschienenen letzten Langspieler dieser Band zutrifft… Was kann man von „Neun Extraleben“ erwarten, einem Album, das zehn Monate nach dem Tod des Bandleaders folgte? 

Nun… wohl nur das Beste. Trompeter Roman „Motte“ Bergamin, Gitarrist Lukas Langenegger, Saxofonist Roger Greipl, Bassist Marc Zimmermann und Schlagzeuger Daniel d’Aujourd’hui haben Guz eine würdevolle Abschiedsbotschaft geschaffen, zusammengesetzt aus bereits fertigen, 2019 vor seinem Krankenhausaufenthalt aufgenommenen Aeronauten-Stücken und von seiner Band zu Ende gedachten Skizzen, Textfetzen und Einzelspuren. Wenn am Anfang des Albums Guzs kratziger Bariton von „diesem anstrengenden Leben“ singt, dann kommt das purer Magie recht nah. „Wenn Du fragst, ob ich Dich liebe, dann sage ich ‚ja klar!‘“, heißt es da. „Es ist gar nicht so schwierig, denn eigentlich stimmt‘s ja…“ Verdammt schwer, dabei nicht rührselig zu werden.

Insgesamt lässt sich feststellen: Für solch einen posthumen Schwanengesang ist „Neun Extraleben“ auf Albumlänge erstaunlich und angenehm unsentimental. Die „ewig unterschätzten Ehrenmitglieder der Hamburger Schule“, die jedoch nie so richtig über’s sympathische Außenseitertum hinaus gekommen sind, zeigen sich gewohnt schrammelig und gut gelaunt, wie in der fröhlich nach vorn ska-punkenden Single „Irgendwann wird alles gut“, im angriffslustigen Garagenrock von „Du kotzt mich an jetzt“ oder im Titelstück, das schwebt, kratzt und beißt, während die Band fast wie Broken Social Scene tönt. Einzig das getragene Instrumental „Lamento“ trägt die Melancholie hinein – das jedoch mehr im Stil eines New-Orleans-Jazz-Begräbnisses (was wohl ganz in Guz‘ Sinne gewesen wäre). Wahrlich – das ist kein zarter Nachruf, das ist eine letzte Party! Die aber nicht den Ernst der Lage im Hedonismus ertränkt, sondern ein letztes Mal zeigt, was Guz und Die Aeronauten am besten können. Die Stücke sprühen vor Energie, Lebensfreude, Lakonie und Weisheit („Dinge gehen schief, Dinge gehen verloren / Doch irgendwann wird alles gut“) und gehören zu den besten ihrer fast dreißig Jahre währenden Karriere. In ihnen scheint aber auch durch, welche Kraft es Maurmann gekostet haben muss, weiter zu machen. „Hatemails“ etwa pumpt wie Northern Soul, sorgt jedoch mit Zeilen wie „Eines Tages werde ich aufstehen und nicht mehr so müde sein / Eines Tages werde ich nicht mehr alleine sein / Mir geht’s gut / Mir geht’s gut / Ich will nicht groß drüber reden“ für einen dicken, dicken Kloß im Hals. Mit „Never Be Dead“ beschließt eine letzte Punkrock-Proberaumaufnahme das finale Album von Die Aeronauten – doch in der Tat hat sich Maurmann mit Songs wie „Bettina“ oder „Freundin“ längst unsterblich gemacht. Er wird fehlen, genau wie diese Band.

„Ich war der witzigste Typ dem du je begegnet bist 
Deshalb verliebtest du dich dann in mich
Die ganze Pizzeria sah uns zu und lachte
Als ich auf den Knien balancierte und dir den Antrag machte
Und ich erinnere mich wie ich damals dachte
wie ich damals dachte

Irgendwann wird alles gut
Irgendwann wird alles gut
Dinge gehen schief, Dinge gehen verloren
Dinge gehen schief, Dinge gehen verloren
Doch irgendwann wird alles gut

Jetzt sitzt du neben mir und gewöhnst dich dran
In mir einen Trottel zu sehen der nichts hinkriegen kann
Vielleicht hast du ja Recht doch es ist nicht so schlimm
Die Geräusch des Sommers flirren im Abendwind
Und irgendwo probt eine Punkband
Und mir kommt in den Sinn
Und mir kommt in den Sinn

Irgendwann wird alles gut
Irgendwann wird alles gut
Dinge gehen schief, Dinge gehen verloren
Dinge gehen schief, Dinge gehen verloren
Doch irgendwann wird alles gut  

Irgendwann wird alles gut
Irgendwann wird alles gut
Dinge gehen schief, Dinge gehen verloren
Dinge gehen schief, Dinge gehen verloren
Doch irgendwann wird alles gut“

Rock and Roll.

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Auf dem Radar: Cold Reading


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Wer Wikipedia bemüht, der erfährt Folgendes: „Cold Reading (engl. für ‚kalte Deutung‘, auch ’sensory leakage‘) ist ursprünglich der von professionellen Zauberkünstlern und Mentalisten verwendete Fachausdruck für verschiedene Techniken, in Interview-artigen Situationen ohne wirkliches Wissen über den Gesprächspartner bei diesem den Eindruck eines vorhandenen Wissens zu erwecken. In neuerer Zeit wird der Begriff auch für entsprechende Praktiken bei Wahrsagern und anderen ‚Lebensberatern‘ sowie in Vernehmungen oder bei Verkaufsgesprächen gebraucht, wobei unklar ist, inwiefern die Ausübenden diese Techniken bewusst einsetzen oder an den Besitz besonderer Fähigkeiten glauben.“ Weißte Bescheid, wa?

Wieso dies von Interesse sein könnte? Nun, auch bei der Band, die sich nach dieser Art der Gesprächstechnik benannte, weiß man nie so ganz genau, woran man gerade ist… Fakt ist: Cold Reading erzählen Geschichten. Geschichten übers Aufhören und Anfangen, übers Stürzen und Aufstehen, über den wehmütigen Blick zurück und die hoffnungsvolle Vision der kommenden Dinge.

Nach der Veröffentlichung ihres Debütalbums „Fractures & Fragments“ im Jahr 2015 und der „Sojourner EP“ zwar Jahre darauf geht die fünfköpfige Band aus dem schweizerischen Luzern, deren hymnischer Alternative-Sound nicht selten stark an den 00er-Emo von Bands wie Brand New erinnert, bei der Realisierung ihres zweiten Langspielers „ZYT“ Wege abseits der ausgetretenen Pfade. In Form eines Konzeptalbums setzen sich Cold Reading sowohl musikalisch als auch textlich mit dem Thema Zeit auseinander und versuchen, sich diesem schwer fassbaren Konzept aus verschiedenen Perspektiven zu nähern, in welchen Sound und Texte jeweils vielversprechende Symbiosen eingehen. Das insgesamt knapp einstündige Album besteht aus drei EPs zu je vier Titeln, die die 2014 gegründete Band um Sänger Michael Portmann, welche in der Vergangenheit bereit Formationen wie The Get Up Kids oder The Hotelier auf deren Europatourneen begleiten durfte, auch live nacheinander spielen wird und sich mit der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft beschäftigen (ein ganz ähnliches Konzept gelang bei den US-Post-Hardcore-Indierockern Thrice und deren „The Alchemy Index“ vor gut zehn Jahren ebenfalls recht vielversprechend).

Während Cold Reading für den ersten, „Past Perfect“ betitelten Teil, in welchem das lyrische Ich nach einer Phase der Orientierungslosigkeit schließlich zu einem Selbstfindungstrip aufbricht, noch bewusst auf rein analoge Instrumente zurückgreifen, öffnen sie ihren Sound für das folgende „Present Tense“ für aktuelle Klänge zwischen Loops und elektronischen Einschüben. Thematisch bearbeitet diese EP das Prinzip des Carpe Diem. Das abschließende „Future Continuous“ wiederum widmet sich dann in stellenweise ausuferndem Post-Rock sowie in Dreampop- oder Electronica-Experimenten verschiedenen Zukunftsvisionen.

 

91otl8QDdkL._SX522_Part 1: Past Perfect
01. „Through The Woods Pt. 1“
02. „Past Perfect“
03. „Mono No Aware“
04. „Escape Plan Blueprint / New Domain“

Part 2: Present Tense
05. „Stay Here Stay Now“
06. „Through The Woods Pt. 2“
07. „Present Tense“
08. „A Quiet Thought“

Part 3: Future Continuous
09. „Oh Sweet Hereafter“
10. „Future Continuous“
11. „Tree Diagram“
12. „Through The Woods Pt. 3“

 

Das Musikvideo zum Song „Tree Diagram“ (dieser stammt vom letzten Drittel des Albums), das in Mexiko produziert wurde, könnte seiner cineastischen Machart wegen glatt als Kurzfilm durchgehen und spielt – wie schon das ganze Konzept des am 31. Januar erscheinenden Albums – mit dem Thema Zeit. Kurzgefasst könnte man wohl schreiben, das Cold Reading hier die Verbildlichung einer Endlosschleife im Auge hatten…

 

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Rock and Roll.

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Song des Tages: Steiner & Madlaina – „Groß geträumt“


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Fotos: Facebook / Nils Lucas

Es scheint wohl kaum übertrieben, von den Pollinas als die talentierteste Schweizer Musikerfamilie zu schreiben: Zu einen wäre da Pippo Pollina, ein vor allem in der Eidgenossen-Republik (und im italienischen Sprachraum) bekannter Liedermacher, den man in Deutschland wohl am ehesten über seine Zusammenarbeit mit Konstantin Wecker kennen könnte. Zu anderen freilich Julian „Faber“ Pollina, der auch hierzulande mit seinem noch immer fulminanten 2017er Erstlingswerk „Sei ein Faber im Wind“ (damals ANEWFRIENDs „Album des Jahres„) sowie mit dem zwar etwas anders gelagerten, jedoch kaum weniger überzeugenden diesjährigen Nachfolger „I Fucking Love My Life“ und seinem ungewöhnlich bissigen Folkrockpop für Furore sorgt. Da könnte man glatt vergessen, dass seine Schwester Madlaina mit ihrem Duo Steiner & Madlaina ebenso tolle Musik macht. Und das wäre wahrlich schade…

4015698020434.jpgKennengelernt haben sich Nora Steiner und Madlaina Pollina auf dem Pausenhof eines Züricher Gymnasiums, wohnten weniger später auch in einer WG zusammen. Mittlerweile werden die beiden als eine der vielversprechendsten Zukunftshoffnungen der Schweizer Musiklandschaft gehandelt – nicht nur der Schweizer, möchte man schnell hinzufügen… Waren ihre 2015 beziehungsweise 2017 veröffentlichten EPs „Ready To Climb“ und „Speak“ zumeist noch sparsam und zurückhaltend instrumentiert (was wohl auch einem damals noch recht überschaubarem Budget geschuldet sein dürfte), wagen Steiner & Madlaina auf ihrem von Alex Sprave (Mando Diao, We Invented Paris, Me + Marie) produzierten, im vergangenen Jahr erschienenem Debütalbum „Cheers“ den Schritt zu üppigeren Arrangements, die Folk-Pop, Chanson und Rock auf durchaus ungewöhnliche Art und Weise vereinen.

Fünf deutschsprachige, vier englischsprachige und ein in schweizerdeutsch gesungener Titel haben es auf „Cheers“ geschafft, während ihrer Live-Auftritte (in Deutschland spielte das Duo bereits im Vorprogramm von Faber sowie jüngst von Die Höchste Eisenbahn) konfrontieren die beiden das Publikum auch schon mal mit italienischen und griechischen Texten – Multikulti als kultureller Modus Operandi, quasi. Die ersten drei in deutscher Sprache gesungenen Songs versprühen zusätzlich noch eine große Sehnsucht mit melancholischem Unterton, wie man ihn aus französischen Chansons (oder eben den Stücken von Madlainas Bruder) kennt. All das kann einen durchaus trügerisch euphorischen Charakter annehmen, wie man etwa im Refrain von „Wenn du mir glaubst“ hört, oder leicht einen balkan’esken Touch bekommen, wie im Liebesgeschichte-ohne-Anfang-Eröffnungsstück „Ich werd nie gehen“ (auch hier wieder eine kaum überhörbare Parallele zu Faber). In „Prost Hawaii“ indes trifft Vintage-Swing-Schlager-Pop der Siebziger auf Sechzigerjahre-Jingle-Jangle-Surferrock-Charme. „Hold“, der erste englischsprachige Titel, schleicht sich als stimmungsvoller Western-Soundtrack in düsterer-geheimnisvoller Manier an, irgendwann klagt noch eine bluesige Gitarre, zu der Nora Steiner und Madlaina Pollina barmend im Chor singen. Gänsehautmoment? Einer von vielen! „Riot“ hingegen, welches in anderem Arrangement bereits auf der „Speak EP“ zu hören war, gestaltet sich sehr perkussiv und dramatisch, „Das schöne Leben“ mag an seiner Oberfläche zwar als ein zum Tanzen einladender Schunkler erscheinen, ist textlich aber eine nachdenklich-kluge, fast schon schmerzhaft ironische Abrechnung mit der jugendlichen Übeflusskonsumgesellschaft. „Reckless Love“ ist eine anmutig-zarte Dream-Folk-Pop-Nummer und die bewegende Trennungsballade „Groß geträumt“ eskaliert – Highlight! Highlight! – gar in einem fulminanten Rockgitarrensolo. Überbordend und opulent ist dann das Arrangement im Refrain von „Wait For It“, bevor das abschließende, Schwyzerdütsche „Herz vorus id Wand“ den weltfreien Folk-Pop von Zaz evoziert.

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Steiner & Madlaina überzeugen auf „Cheers“ nicht nur mit ihrem abwechslungsreichen musikalischen Programm, sondern auch und vor allem durch ihre eindringlichen Texte, welche sich kunstvoll zwischen düster und optimistisch, rebellisch und feinfühlig, tiefgründig und trotzdem leicht bewegen und die von Anfang und Abschied, vom Loslassen und Festhalten erzählen. Es geht um Beziehungen, mal als Spiel, mal als Stellungskrieg – und immer gerät der jukeboxene Ritt durch Sprachen, Genres und Kontraste angenehm unromantisch. Neben den gleichsam unüberhörbaren wie wohl unvermeidlichen Einflüssen von Madlainas Bruder Julian „Faber“ Pollina (der den beiden Mittzwanzigerinnen auch ab und zu Musiker seiner Band „leiht“) klingen so – auch das erscheint logisch – auch andere All-Female-Duos wie First Aid Kit oder vor allem BOY an. In ihren besten Momenten tauschen Steiner & Madlaina Fallstricke wie Beliebigkeit und Befindlichkeit gegen durchaus sarkastische Zeitgeist-Spitzen fernab jeder Studentenbude ein. Das Ergebnis ist ein einnehmend nostalgisch-melancholischer Sound, der vor allem den Pollinas wohl im Blut zu liegen scheint. Darauf trinke ich. Cheers!

 

 

„Was bringt mich zum Weinen
Wenn wir beide streiten
Belanglosigkeiten
Bist es du, bin es ich
Oder die Ahnung
Für immer gibt es nicht
Wie lange können wir’s ertragen
Dass wir noch mehr erwarten
Als was wir zusammen wagten

Hast du auch so viele Fragen
Warum konnte ich’s dir nie sagen
Dieses rücksichtsvolle Schweigen
Um nur Zuneigung zu zeigen
Erst hat es was gebracht und uns dann
Kaputt gemacht

Die ganze Zeit
Bis zum letzten Streit
Bis zum letzten Glas
Das du aus Wut zerbrachst
Mit der Suche geboren
Hast du dein Ziel verloren
Während meins von Weitem winkt
Dein Selbstvertrauen sinkt
Bis dahin gut
Nichts zu bereuen
Wir hatten Mut
Um groß zu träumen, uns groß geträumt

Bald bin ich einmal mehr
Nur eine die ich war
Und die allein ins Leben kam
Ich weiß nicht mehr, wie viel was wiegt
Wenn die äußere Entfernung
Nach innen zieht
Wie oft fanden wir zurück
Wie viel hat dir noch gefallen
Bist du zu oft gegangen

Hast du auch so viele Fragen
Warum konnte ich’s dir nie sagen
Dieses rücksichtsvolle Schweigen
Um nur Zuneigung zu zeigen
Erst hat es was gebracht und uns dann

Die ganze Zeit
Bis zum letzten Streit
Bis zum letzten Glas
Das du aus Wut zerbrachst
Mit der Suche geboren
Hast du dein Ziel verloren
Während meins von Weitem winkt
Dein Selbstvertrauen sinkt
Bis dahin gut
Nichts zu bereuen
Wir hatten Mut
Um groß zu träumen, uns groß geträumt
Uns groß geträumt…“

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Faber – „Das Boot ist voll“


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Bild: Facebook

Eine gefühlte Ewigkeit hat’s gedauert, nun jedoch meldet sich Faber endlich zurück: Nachdem er bei Konzerten in diesem sowie dem vergangenen Jahr schon einige neue Stücke gespielt hat, zieht der 26-jährige Schweizer Liedermacher jetzt mit der überfälligen Album-Ankündigung nach. So wird “I Fucking Love My Life”, der Nachfolger des 2017er Langspiel-Debüts “Sei ein Faber im Wind” (seinerzeit völlig zurecht ANEWFRIENDs „Album des Jahres„) am 1. November erscheinen.

das-boot-ist-vollUnd bereits bei der ersten Single aus dem neuen Werk – dieses Stück dürfte Konzertbesuchern nicht gänzlich unbekannt sein – hält sich Julian „Faber“ Pollina, Sohn des italienischen Liedermachers Pippo Pollina, einmal mehr kaum mit klugen Anspielungen und provokant-politischen Aussagen zurück und verdient sich das Explicit-Label ebenso bewusst wie eindeutig: Bühne frei für “Das Boot ist voll” und das dazugehörige Musikvideo!

Und: Der talentierte Schweizer hat sich für die Vorbesteller seines neuen Albums etwas Besonderes ausgedacht: Wer hier ordert, bekommt das Album auf Vinyl und CD, ein eigens erstelltes Faber-Gossip-Magazin sowie ein Ticket für die Release-Tour in intimer Atmosphäre. Für die Konzerte, die zwischen dem 3. November und 9. Dezember stattfinden werden, kann man auf keinem anderen Weg Tickets kaufen (was bedauerlicherweise die berechtige Frage aufwirft, wieso alle, die mit einer weiteren Person teilnehmen wöllten, dann gegebenenfalls das Gesamtpaket doppelt und dreifach bestellen müssten).

Nichtsdestotrotz: Willkommen zurück, Faber! Deine musikalischen fiesen Spitzen werden auch 2019 kaum weniger wichtig sein als noch vor zwei Jahren…

 

 

„Früher war auch nicht alles schlecht
Das sieht man an der Autobahn
Ihr wärt auch traurig, gäbe es keinen Volkswagen
Wolfsburg – Geniestreich
Logisch denkt man da manchmal zurück ans Dritte
Das mit den Juden
Das muss man erst beweisen
Den Scheiß aus den Geschichtsbüchern muss man dir nicht zeigen
Du lässt dich nicht für dumm verkaufen
Wie schlau von dir

‚Das Boot ist voll!‘ schreien sie auf dem Meer
‚Ja, das Boot ist voll!‘ schreist du vor dem Fernseher

Wer schneller glaubt, wird schwerer klug
Das weißt du schon lang
Drum traust du keinen Medien in diesem Scheißland
Asylzentrum
Oops, das Haus brennt
Mal sehen wer hier am schnellsten
Am schnellsten rausrennt
Die wollten dich für dumm verkaufen
Aber nicht mit dir

Besorgter Bürger‚ ja
Ich besorg’s dir auch gleich
Geh auf die Knie, wenn ich dir meinen Schwanz zeig‘
Nimm ihn in den Volksmund
Blond‚ blöd‚ blau und rein

Besorgter Bürger, ja, ich besorg’s dir auch gleich

‚Jedem das Seine‘
Ja, das seien weise Worte
Haben die kein Brot zu essen?
Warum essen die nicht Torte?
Niemand ist mehr ehrlich
Nur der Horst hat dich nicht angelogen
Zu seinem Geburtstag werden sie alle
Alle abgeschoben

Du fühlst dich nicht mehr wohl in deiner Haut
Und manchmal auch allein
Ja‚ fremd im eig’nen Land
Ich fühl mich nicht mehr wohl in meiner Haut
Und manchmal auch alleine
So fremd wie du war mir noch keiner

Besorgter Bürger, ja
Ich besorg’s dir auch gleich
Geh auf die Knie wenn ich dir meinen Schwanz zeig‘
Nimm ihn in den Volksmund
Blond, blöd‚ blau und rein

Besorgter Bürger, ja, ich besorg’s dir auch gleich…“

 

Rock and Roll.

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Moment! Aufnahme.


(via artfido.com)

 

New York City muss in den späten Siebzigern und frühen Achtzigern schon ein wilder, interessanter, jedoch auch keineswegs ungefährlicher Ort gewesen sein – mehr zumindest als heutzutage, denn bei allem unverwüstlichen Charme wurde auch der Big Apple von der Gentrifizierung einerseits unbezahlbar für das Gros aller Otto Normalos, andererseits an vielen Straßenecken mit den immergleichen Stores gleichgemacht.

Toll also, dass der Schweizer Fotograf Willy Spiller die wuselige Metropole an der Ostküste der US of A und deren Bewohner damals sieben Jahre lang mit der Linse seiner Kamera begleitet hat – stets von der New York City und seine Burroughs verbindenden Subway aus. Faszinierende Zeitdokumente, welche sich in seinem 2016 erschienenen Bildband „hell on wheels: Photographs from the New York underground 1977-1984“ finden lassen…

Mehr Bilder? Gibt’s hier.

 

Rock and Roll.

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