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Song des Tages: FOREIGNFOX – „Fractions“


Obwohl Foreignfox noch immer nicht der ganz große Wurf gelungen ist, so arbeitet das Alternative-Rock-Quartett doch weiter emsig daran. Von BBC Radio Scotland als „a force to be reckoned with“ und von Amazing Radio als „a band truly on the edge of greatness“ beschrieben (und auch auf ANEWFRIEND war von ihnen im vergangenen Jahr die Schreibe), schlagen die vier Musiker aus dem schottischen Dunfermline seit Bandgründung im Jahr 2013 mit ihren einfühlsamen, einnehmenden Songs stetige Begeisterungswellen im weltweiten Netz. Und da – nach einigen Tourneen und Auftritten bei namhaften Festivals – dank Corona nun erst einmal Schicht im Show-Schacht ist, veröffentlichen Foreignfox nun eben mit „Fractions“ eine neue Single.

In selbiger klingen einmal mehr andere Scottish Lads an, die seit jeher für qualitativ hochwertig-unterhaltsamen Alternative-meets-Indie-Rock stehen – We Were Promised Jetpacks oder The Twilight Sad etwa (während auf der anderen Seite des Atlantiks mit Manchester Orchestra oder Interpol weitere Referenzbands warten). Mit ihren nachdenklichen, melancholisch-introspektiven Noten ist die Single ein fünfminütiger nostalgischer Schlüssellochblick in ein Gefühlsspektrum irgendwo zwischen Bedauern, Verzweiflung und Verletzlichkeit. Der einnehmende Gesang von Frontmann Jonny Watt verschmilzt einmal mehr mühelos mit dem dynamischen Schlagzeug und den kraftvollen Gitarren, wodurch eine hypnotische, fast schon post-rockige Atmosphäre entsteht, die den Hörer zwar gefangen nehmen mag, inmitten ihres wärmenden Strudels jedoch auch seltsam beruhigend wirkt, bis die abschließende Zeile „it was all just a phase“ dem Ganzen ein offenes Ende à la „Inception“ bereitet. Klare Sache, das: mit „Fractions“ sowie dem dazugehörigen Kurzfilm-Musikvideo, für welches sich Rory Cowieson verantwortlich zeichnet, haben Foreignfox ihrer (noch recht übschaubaren) Diskografie ein neues Ausrufezeichen hinzugefügt. (Und wer mehr wissen mag, der findet hier ein aktuelles Interview mit Jonny Watt.)

“I’m never fully awake, I destroy the things I make, to make a new one everyday…” 

Rock and Roll.

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„2018“ – Mogwai verschenken zum heutigen „Bandcamp Friday“ ein neues Live-Album


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Foto: Brian Sweeney / Promo

Zum heutigen „Bandcamp Friday„, an welchem die Online-Musikplattform seit März an jedem ersten Freitag des Monats auf seine Verkaufsgebühren verzichtet und dadurch bislang Millionen von US-Dollar direkt an die – vor allem wegen ausgefallener Tourneen –  besonders von der Corona-Pandemie betroffeneren Bands und Künstler*innen vergab, zeigen sich auch die vier Schotten-Post-Rocker von Mogwai von ihrer spendabelsten Seite und hauen mit dem recht simpel „2018“ benannten Live-Album mal eben eine zwölf Stücke starke digitale Live-Compilation als „name your price“ unters Hörervolk, welches sich nach Monaten (fast) ohne jegliche Live-Shows wohl ebenso nach schwitzigen Musik-Erlebnissen und dröhnenden Ohren sehnt wie Stuart Braithwaite, Barry Burns, Dominic Aitchison und Martin Bulloch.

Super Sache von den lauten Lads aus Glasgow – zugreifen, bitte! 🤟

 

„Next month it will have been a year since we last played a live concert. I don’t think I’ve really gotten used to life without live music, both playing it and hearing it. 

I hope that this situation doesn’t last for much longer for a lot of reasons. Everyone’s health and safety being the biggest concern obviously, but also so that gigs can finally resume. It’s a cliche but you really don’t realise how much you miss something until it isn’t there.

With that in mind, we thought it’d be a good time for us to share with you a new live album recorded on our last tour in 2018. 

We realise that many people are struggling financially during the pandemic so we have made it available on Bandcamp on a pay-what-you-can basis. 

We hope you enjoy it.“

(Stuart Braithwaite, September 2020)

 

 

Rock and Roll.

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Klassiker des Tages: Alexi Murdoch – „All My Days“


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Lang nichts von Alexi Murdoch gehört, oder? Es scheint gefühlt ewig her, dass Songs wie „Orange Sky“ in nahezu jeder TV-Serie liefen, wenn ihre allseits beliebten Protagonisten – bevorzugt mit dem Blick auf die schier unendliche Weite irgendeines Ozeans – gerade mal intensivst übers Leben sinnieren wollten…

500x500Und irgendwie scheint dem britischen Singer/Songwriter die Melancholie ja auch in die Wiege gelegt: Murdochs Vater ist Grieche, seine Mutter hat französische und schottische Vorfahren. Geboren 1973 in London, verbrachte er seine Kindheit in Griechenland, bevor er mit seiner Familie zurück nach Schottland zog. Von der Mutter erbt Alexi Murdoch seine Liebe zum Gesang, die er zunächst im Schulchor auslebt. Daneben versucht sich der Jungmusiker an nahezu jedem Instrument, das er in die Hände bekommt, darunter Klavier und Trompete. Mit 17 findet Murdoch zur Gitarre und schreibt seine ersten Songs. Nach vollendeter Schullaufbahn begibt sich der Nachwuchs-Songwriter in die fernen US of A, um an der Duke University in Durham, North Carolina Philosophie zu studieren – so weit, so unschlüssig. Wohl auch deshalb gelingt es einer Freundin, ihn anschließend nach Los Angeles locken. Doch auch da überlegt Murdoch noch immer, was er denn nun mit seinem Leben anfangen soll. Ganz unverhofft kommt ihm das Schicksal zur Hilfe: „Ein Freund hörte mich während eines Camping-Ausflugs. Er kam in der nächsten Woche zu mir und meinte: ‚Ich würde dich echt gerne managen‘. Ich fragte: ‚Weswegen?‘ – ‚Wegen deiner Musik, Mann!‘ Dieses Gespräch verpasste dem Ganzen einen Kickstart„, erinnert sich der Musiker.

Und in der Tat nimmt seine musikalische Karriere danach so langsam an Fahrt auf. Murdoch bestreitet seine ersten Auftritte in lokalen Clubs. Bei einem dieser Gigs weilt auch der Radio-DJ-Legende Nic Harcourt, Moderator der öffentlich-rechtlichen Kultsendung „Morning Becomes Eclectic„, unter den Zuhörern. Der KCRW-Host findet Gefallen am entspannt-reduzierten Folk-Sound des Newcomers. Bereitwillig händigt ihm Alexi Murdoch ein Demotape aus, das schon bald im Radio zu hören ist. Einen Monat später schickt der Singer/Songwriter sein erstes Live-Set über den Äther.

Angetrieben von dieser prominenten Schützenhilfe wächst die Fangemeinde des Singer/Songwriter-Talents stetig. So findet auch die EP „Four Songs“, die Murdoch 2002 im Alleingang veröffentlicht, eine – vor allem für einen Newcomer – beachtliche Käuferschaft. Und: Das Werk erlangt die Aufmerksamkeit einiger Fernsehmacher, die seinen Song „Orange Sky“ in Serien wie „O.C., California“, „Dr. House“ oder „Prison Break“ oder in Indie-Film-Erfolgen wie „Garden State“ zum Einsatz bringen, was dem Musiker zusätzliche Prominenz verschafft. Er formiert daraufhin eine Begleitband und geht auf ausgedehnte US-Tour. Ebenso bemerkenswert: Trotz zahlreicher Angebote von nicht wenigen Majorlabels entscheidet sich Murdoch dafür, sein erstes Album ebenfalls in Eigenregie zu veröffentlichen. So erscheint „Time Without Consequence“ 2006 in den Vereinigten Staaten und steht drei Jahre später auch in hiesigen Plattenläden.

„A timeless folk-pop record that´s likely to endure…“

(„NPR Music“ über „Time Without Consequence“)

61TYJulac+L._SX355_Die auf dem Debütwerk enthaltenen Songs, die in ihrer inneren Einkehr mal an gleichsam unaufgeregte Wunder-Singer/Songwriter wie etwa Ben Howard, José González oder William Fitzsimmons, mal an große Melancholie-Grübler wie Tim Buckley oder Nick Drake erinnern, rufen wiederum Regisseur Sam Mendes auf den Plan, der Alexi Murdoch daraufhin für die musikalische Untermalung seines 2009 erschienenen Films „Away We Go“ (der allen hier auch wärmstens empfohlen sei) verpflichtet. Einige der Stücke vom Soundtrack zu selbigem Zelluloid-Werk finden dann auch ihren Weg aufs zweite Album „Towards The Sun„, das Murdoch 2009 in einer einzigen Nacht in Vancouver aufnimmt, danach in limitierter Auflage auf seiner Website und auf Konzerten verkauft und erst zwei Jahre später auch offiziell veröffentlicht.

Seitdem ist es – von der ein oder anderen sporadischen Tour (den denen denn freilich auch sein Durchbruchssong zu hören ist) mal abgesehen – jedoch recht still um den Indie-Singer/Songwriter geworden, den es mittlerweile ins kanadische Montreal verschlagen hat – mit einem kleinen Hoffnungsstreif am digitalen Horizont, denn immerhin findet sich via Twitter das enigmatische Versprechen „New music coming 2020“. Man darf gespannt sein, ob der mittlerweile 46-jährige Musiker, dessen Indie-Folk-Songs einst große Gefühlsmomente in so einigen bekannten TV-Serien untermalen durften, noch einmal für Gänsehaut sorgen kann…

 

 

 

„Well I have been searching
All of my days
Many a road, you know
I’ve been walking on
All of my days
And I’ve been trying to find
What’s been in my mind
As the days keep turning into night

Well I have been quietly standing in the shade
All of my days
Watch the sky breaking on the promise that we made
All of this rain
And I’ve been trying to find
What’s been in my mind
As the days keep turning into night

Well, many a night I found myself with no friends standing near
All of my days
I cried aloud
I shook my hands
What am I doing here
All of these days
For I look around me
And my eyes confound me
And it’s just too bright
As the days keep turning into night

Now I see clearly
It’s you I’m looking for
All of my days
So I’ll smile
I know I’ll feel this loneliness no more
All of my days
For I look around me
And it seems you found me
And it’s coming into sight
As the days keep turning into night
As the days keep turning into night
And even breathing feels all right
Yes, even breathing feels all right
Now even breathing feels all right
Yes, even breathing
Feels all right“

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Biffy Clyro – „Cop Syrup“


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Klar, es wäre wohl nur allzu leicht, Biffy Clyro nach dem überaus mediokren, vor vier Jahren erschienenen „Ellipsis“ abzuschreiben und das schottische Alternative-Rock-Trio namentlich dem Kommerz preiszugeben. Aber: Mit „A Celebration Of Endings“ darf selbst ein Großteil der voreiligen Kritiker getrost wieder umdenken und die bereits feinsäuberlich formulierten spitzen Worte gen Papierkorb befördern…

0190295273361Was wohl bereits beim allerersten Durchlauf des neuen, mittlerweile neunten Albums, dessen Veröffentlichung aufgrund von Corona und Co. von Mai auf August verschoben wurde, auffällt, ist die Tatsache, dass sich die Band mittlerweile etwas vom Korsett ihrer Drei-Album-Zyklen gelöst hat. Da wäre zunächst das Frühwerk um „Blackened Sky„, „The Vertigo Of Bliss“ und „Infinity Land„: Die aus dem beschaulichen Kilmarnock stammenden Schotten bespielten damals, kurz nach der Jahrtausendwende, noch deutlich kleinere Bühnen und die Outfits, welche vor allem zu Zeiten von „Infinity Land“ glatt aus der psychiatrischen Klinik hätten stammen können, waren noch so präsent wie die nackten, stylisch tätowierten Oberkörper, die später – vor allem bei Frontmann Simon Neil – dominierten. Obendrein gerieten die Singles ihrer Platten zu magisch-bombastischen, nicht selten math-rockigen Aushängeschildern einer infektiösen Alternative-Rock-Band, die zu dritt lauter und knackiger klang als ihre meist doppelt so umfangreiche Konkurrenz. Das änderte sich so langsam aber sicher mit dem weitaus weiter, weitaus opulenter gedachten Dreierwurf aus „Puzzle„, „Only Revolutions“ und „Opposites“ (letzteres sogar als Doppel-Album), dessen Hymnen wie „Folding Stars„, „Mountains“ oder „Black Chandelier“ den drei Biffy-Buddies eine immer größere Fanschar bescherten. Der hinterrücks zupackende Wahnsinn wich poppigeren, nicht selten zahmeren – und manchmal auch durchschaubareren – Strukturen, die den headbangenden Rocksong ebenso beherrschten wie die Feuerzeug-meets-Handyleuchten-Balladen. Die Singles zielten vor allem auf Allgemeinverträglichkeit ab, während die Experimente in die Zwischentöne und B-Seiten verschwanden. Vor vier Jahren sollte das doch sehr ziellose jüngste Werk „Ellipsis“ (lässt man einmal den im vergangenen Jahr erschienenen Quasi-Soundtrack „Balance, Not Symmetry“ außen vor) den Auftakt eines neuen Zyklus (noch) größerer Pop-Entwürfe darstellen. Doch diesen Weg beschreitet „A Celebration Of Endings“ nun entgegen der ursprünglichen Pläne – zum Glück! – nicht weiter.

Und: Wer aufmerksam auf Simon Neils Texte achtet, der wird schnell bemerken, woran das liegen mag. Recht offensichtlich, dass abseits der Bühne so einiges im Argen lag im Leben des sympathischen Trios, so wütend sind die Lyrics an mancher Stelle geraten. Die Enden, die hier zelebriert werden, gehören ganz klar zu langjährigen, wichtigen Beziehungen. So schwebt der Brexit noch über dem Gemüt der Schotten, die wissen: Angst ist ein verdammt schlechter Ratgeber. So traf die drei Biffys der Tod von Frightened Rabbit-Frontmann Scott Hutchison vor zwei Jahren ebenso hart wie den Rest der schottischen Musikszene, und schlägt sich nun ebenso auf die Grundstimmung des neuen Langspielers nieder. Oder man höre die opulente Akustik-Ballade „Opaque„, in der Simon Neil und die Johnston-Zwillinge Ben und James mit ihrem ehemaligen Manager abrechnen: „Take the fucking money and run!“. Auch „End Of“ basiert auf einer langjährigen Freundschaft, die wohl keineswegs im Guten endete – nur diesmal nicht balladesk vertont, sondern als recht old-schooliger Biffy Clyro-Song, der mit einem völlig unvermittelten Piano-Break und einer abschließenden Ansammlung randalierender Riffs daher kommt. Obendrein darf James Johnston mit seinem Bass zu Beginn im Mittelpunkt stehen, bevor die Nummer richtig Fahrt aufnimmt. Wie so oft bei „Mon the Biff“ besitzt all das einen ordentlichen Drive, dazu punktet das Stück mit einem Refrain, der sich sehr schnell im Ohr festsetzt.

„Dieses Album hat den Blick nach vorn gerichtet, sowohl aus persönlicher als auch gesellschaftlicher Perspektive. Der Titel handelt davon, die Schönheit an Veränderungen zu sehen anstatt das Traurige. Veränderung bedeutet Wachstum und Entwicklung. Du kannst alles bewahren, was du zuvor geliebt hast, aber lass‘ uns einiges von dem negativen Scheiß loswerden. Es geht um den Versuch, die Kontrolle zurückzuerlangen.“ (Simon Neil)

Bereits diese zwei Songs zeigen das breite Spektrum, das Biffy Clyro auf „A Celebration Of Endings“ auffahren, wobei die extremen Pole dieses Mal vor allem auf der zarteren Seite abgedeckt sind, denn insgesamt ist das neue, von Rich Costey produzierte Werk nämlich nicht nur sehr abwechslungsreich, sondern vor allem – vor allem unter Betrachtung der letzten Albums sowie der Tatsache, dass die Band sich vor zwei Jahren auch ihr eigenes „MTV Unplugged“ gönnte – erstaunlich hart ausgefallen. Natürlich gibt es mit „Space“ noch eine – bei allem Kitsch – gelungene, von enormen Streicher-Arrangements unterlegte Ballade, die zudem einen zu sehr Herzen gehenden Text hat, und mit dem EDM-geschwängerten „Instant History“ ein Breitwand-Pop-Epos, das als erste Single einige zurecht verwunderte Fans bereits vor dem Kopf gestoßen haben dürfte. Im Albumkontext funktioniert die Nummer, ebenso wie „The Champ„, das zwar mit den Eighties-infizierten Pop-Hits von Muse flirten mag, jedoch neben dem kleinen Drama nicht mit Melodie und packender Bridge geizt, aber hervorragend.

So weit, so gelungen. Dennoch setzt dem Gesamtwerk ausgerechnet der Abschluss „Cop Syrup“ die Krone auf, der auf über sechs Minuten gleich mehrfach zu überraschen weiß. Hier kumuliert alles, was Biffy Clyro über die vergangenen beiden Jahrzehnte stark gemacht hat: rhythmisch perkussive Prog-Haken, Impulsivität, Energie und Streicher, die schier endlos ihre Tonhöhe verändern. Hier treffen die aggressivsten Momente der Bandgeschichte auf einen recht abrupt einsetzenden Mittelteil, der den Hörer mit einem feinen, harmonisch-verträumten Streicherpart in Sicherheit wähnt, bevor die Biffys für Momente erneut loslegen und Simon Neil mit einem abschließenden „Fuck everybody! Woo!“ allen Weltschmerz fahren lässt. Dazu werden mehrstimmig vorgetragene Melodien, ein wie ein Berserker schreiender Frontmann und Akustikgitarren serviert. Klingt etwas irre? Ist es auch, funktioniert jedoch großartig. Und auf einmal passen sogar die Outfits aus der Klapse wieder wie angegossen…

Ja, der groß angelegte Pomp, der ums Eck gedachte Pop, die mächtigen Powerchords – das alles gehört zu Schottlands fraglos sympathischster Stadionrockband. Nein, Biffy Clyro klingen nicht wie anno 2004 (und werden das wohl auch in Zukunft nicht mehr tun), wenngleich manch ein Stück – wie eben „Cop Syrup“ – durchaus Elemente des Sounds von einst, zu Zeiten von „Infinity Land“, in sich trägt. Pures Erfolgsstreben kann man den Schotten aber selbst mit böswilligster Absicht kaum unterstellen. Wer während der Shutdown-Wochen mitbekommen hat, wie hingabevoll Simon Neil beinahe jede Woche mit Gitarre vor der Kamera in seinem Haus saß und für die pandemisch Vereinsamten via Social Media einen Wunsch-Song nach dem anderen klampfte, lauschte einem Musiker – und keiner bloßen Rockstar-Hülle. An der mitunter hitzigen Diskussion, ob Biffy Clyro nach einem Vierteljahrhundert Bandhistorie nur noch Füller fürs Zwischendrin liefern oder noch immer die Erfüllung fürs Ohr sind, wird „A Celebration Of Endings“ zwar eher wenig ändern, kann jedoch so einige amtliche Argumente auf der positiven Seite verbuchen.

 

 

„I’ve been punching rainbows since ’79
It’s self preservation

Baby, I’m scorched earth
You’re hearts and minds
Fuck everybody! Woo!

I’m not dumb, and I’m not blind
You don’t have to be cruel to be kind

Scream, everybody
Scream, everybody
Scream, everybody

I’ve been saved from the darkest place
I’ve embraced the need to live

You’ve been hanging out for twenty years
It’s self preservation
I cannot ignore my burning ears
Could anybody? Woo!

I’m not dumb, and I’m not blind
Turns out you’re the lying kind

Scream, everybody
Scream, everybody
Scream, everybody
Go, go, go!

I’ve been saved from the darkest place
I’ve embraced the need to live
We’ve lived before and we’ll live again

I’ve been punching rainbows since ’79
It’s self preservation
Baby, I’m scorched earth
You’re hearts and minds
Fuck everybody! Woo!“

 

Rock and Roll.

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Sunday Listen: The Boy With The Lion Head – „A Half Remembered Dream“


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Manchmal liegt die Antwort im gleichzeitig Naheliegendsten wie Abwegigsten. Etwa im Fall von The Boy With The Lion Head. Deren Bandname entstand eher zufällig, wie Frontmann David Reid erzählt: „Zu der Zeit, als ich als Solo-Singer-/Songwriter in der Open-Mic-Szene von Edinburgh unterwegs war, spielte ich mit Namensideen auf einem Stück Papier herum. Mein Sohn war damals etwa fünf Jahre alt und kritzelte auf das Blatt ‚lion head dad‘. Da er außerdem immer sagte, ich sehe aus wie Nala aus ‚Der König der Löwen‘, wurde so der Name geboren.“

Ansonsten mag das 2014 im südschottischen Hawick gegründete Indierock-Quintett, zu dem neben David Reid noch John Findlay (Gitarre), Alistair Clarkson (Bass), Rob Wood (Keyboard) und Amy Hamilton (Schlagzeug) gehören, eher wenig mit lieblichen Disney-Melodien zu tun haben. Vielmehr hat sich die Band mit ihren Songs, die oftmals mit ruhigen, komplexen Einleitungen aufwarten und mit ihren eng ineinander verschlungenen, atmosphärischen-post-rockigen Gitarren- und Piano-Crescendi emotionale Walls of Sound erzeugen, bereits Vergleiche mit allen möglichen Indie-Schottenrock-Größen von Frightened Rabbit („Ein offensichtlicher Vergleich – wir sind in einem ähnlichen Alter, aus einer Stadt, die nur zehn Meilen von jener entfernt ist, in der sie aufgewachsen sind, und sie haben definitiv einen Einfluss auf uns“, so Reid) über The Twilight Sad und Arab Strap bis hin zu Mogwai verdient. Sie alle eint, dass es jede von ihnen zwar verstehen mag, beeindruckend gestaltete Popsongs abseits gängiger Zeitgeist-Trends zustande zu bringen, damit jedoch nie im Tagesprogramm von Formatradios stattfinden würde…

a0130949091_16Schon das 2015 erschienene Debütwerk der Band, „The Ebb And Flow“ (gibt’s wie den Großteil des Backkatalogs via Bandcamp als „name your price“), brachte The Boy With The Lion Head einiges an Aufmerksamkeit von Shows im Glasgower King Tut’s bis hin zu Radio-Airplay bei der altehrwürdigen BBC ein. Dass das Fünfergespann nach der 2017 veröffentlichten „Everything Is Temporary EP“ mehr als drei Jahre brauchte, um mit dem im Januar erschienenen zweiten Album „A Half Remembered Dream“ einen Nachfolger fertig zu stellen, hat laut Reid – neben der ein oder anderen kreativen Findungsphase im Studio – eigentlich ganz profane Gründe: „Wir machen das tatsächlich nur als Hobby, also setzen wir uns wirklich spontan Ziele. Wir versuchen, jede Gelegenheit zu nutzen, die sich uns bietet, und sind dankbar dafür. Unsere Philosophie lautet: ‚Wenn alles zusammenbricht, dann haben wir bereits einige erstaunliche Erfahrungen gemacht.‘ Und ich denke, dass die Tatsache, dass wir alle neben der Band noch Vollzeitjobs, Familienleben und andere Hobbys haben, an sich schon ziemlich unglaublich ist.“

Umso mehr hört man den 13 Songs von „A Half Remembered Dream“ nun die Arbeit, das Herzblut und die Liebe zum Detail an, die The Boy With The Lion Head in ihr neustes kreatives Baby gesteckt haben. So erinnert etwa der fast schon majestätische Opener „Implodes“ an die Songwriting-Qualitäten von Frightened Rabbit und das emotionale Wechselspiel von Mogwai, während anderswo, in der unheilvoll ruhigen Single „Blind“, in Text und Ton Referenzen zu The Twilight Sad offensichtlich werden. So ähnlich sieht es denn auch die Band: „‚Blind‘ fühlt sich eher wie eine natürliche Weiterentwicklung von ‚The Ebb And Flow‘ an als die Songs, die danach kamen. Es setzt unsere Art von melancholischem Indie-Pop fort, jedoch haben wir Loops und Drumcomputer eingesetzt, um dem Ganzen einen etwas mehr elektronischen Touch zu verleihen, bevor wir, wie oft, den Song wie ein postrockiges Instrumentalstück entwickeln, so als ob Duran Duran den Backkatalog von Explosions In The Sky gehört hätten und dann losgezogen wären, um eine Platte zu machen.“

So oder so sollte man The Boy With The Lion Head als Freund des gepflegten Indie-Schottenrocks sowie der oben genannten Bands – so man denn kein grundsätzliches Problem mit David Reids breitem schottischen Akzent hat – auf dem Schirm haben. Und sich die Songs von „A Half Remembered Dream“ und Co. bereits jetzt als Soundtrack für den kalten Jahresrest zurecht legen…

(Wer mag, der findet hier und hier noch ein paar kurze Interviews mit der Band…)

 

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Katie Malco – „Brooklyn“


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Auf dem Papier mag „Failures“ zwar das Debütalbum von Katie Malco sein, doch die in Schottland geborene, im englischen Northampton heimische Singer/Songwriterin hat schon einen weiten Weg hinter sich. Bereits vor knapp zehn Jahren erschien nach der selbstverlegten Debüt-EP „Four Goodbyes“ die von Iain Archer (Snow Patrol, Tired Pony) produzierte Single „Katie Marco & The Slow Parade„, auf der fröhlich gestimmter Folk-Pop die Traurigkeit der Protagonistin kaschierte, bevor Malco 2013 mit der allein am Klavier eingespielten EP „Tearing Ventricles“ die nahezu perfekte Form für ihre herzzerreißenden Songs gefunden zu haben schien – trotzdem ließ ausgerechnet dann ihr erster Langspieler lange auf sich warten…

0612851595200Und überzeugt glücklicherweise umso mehr. Auf „Failures“ wendet sie sich nun einem betont ungekünstelten Singer/Songwriter-Bandsound zwischen Indie-Rock-Nachdruck und introspektiver Emo-Wucht zu, der trotz ihrer britischen Herkunft spürbar im US-Heartland, im Mittleren Westen Amerikas, verortet scheint und die Songs auch auf Platte so mächtig klingen lässt wie die Versionen, die Malco selbst in jenen Momenten im Kopf herumschwirrten, in denen sie allein mit ihrer alten Telecaster-Stromgitarre auf irgendeiner kleinen Bühne stand. Die klangliche Neuorientierung ist allerdings nicht der Hauptgrund, warum es acht lange, lange Jahre dauerte, bis nun endlich ihr Album-Erstling erschien. „Ich habe eine Zeit durchgemacht, in der ich viel Selbstvertrauen verloren habe und nicht wirklich an mich als Musikerin oder Songwriterin geglaubt habe“, erklärt Malco die lange Wartezeit in einem Interview. „Obwohl ich es damals nicht als solche identifiziert oder erkannt habe, hatte ich einige Phasen der Depression, die mich davon abgehalten haben, Shows zu spielen oder in irgendeiner Weise vor Leuten stehen zu wollen. Ich mochte nicht einmal die Musik, die ich bis zu diesem Zeitpunkt gemacht hatte, und es fällt mir immer noch schwer, sie zu hören. Deshalb kann ich auch nichts davon live spielen.“

Die Selbstzweifel, die gepaart mit leicht bitterem, irgendwie typisch britisch selbstironischem Humor auch im Albumtitel widerhallen, sind nicht vollends verschwunden, trotzdem hat Katie Malco, die bereits im Vorprogramm von Künstlerinnen wie Jenny Lewis und Julien Baker sowie Bands wie We Were Promised Jetpacks spielte, inzwischen ihre Ziele deutlich klarer vor Augen. „Ich bin jetzt viel überzeugter von der Musik, die ich mache”, sagt sie. „Gleichzeitig bin ich an einem Punkt angekommen, an dem es mir wichtiger als alles andere ist, unverfälscht zu sein und mich ehrlich und aufrichtig auszudrücken. Allein das hinzubekommen bedeutet für mich, dass ich stolz auf das sein kann, was ich veröffentliche. Vor zehn Jahren war ich jung, war ziemlich verängstigt ob der Situationen, in denen ich mich befand, und war einigen der Dinge, von denen die Songs auf dem Album handeln, viel zu nahe, um sie wirklich verstehen oder artikulieren zu können.“ Genau deshalb mag Malco mit „Failures“ einigen ähnlich inspirierten Künstlern des Indie-Folk-Universums, die als „confessional songwriter“ ihre Texte direkt aus dem Tagebuch pflücken, weit voraus sein. Brillant vereint sie situatives Storytelling mit analytischer Reflexion in Songs, die von bitteren Erfahrungen und harterkämpften Triumpfen handeln und in den besten Momenten cineastische Qualitäten von Springsteen’schem – oder meinetwegen Frightened Rabbit’schem – Ausmaß haben. „Die Lieder spiegeln ehrlich und wahrhaftig die Dinge wider, die in meinem Kopf umherschwirren. Es gibt keine Schutzschicht“, verrät sie. „Ich stehe oft auf der Bühne, höre die Worte, die ich singe, und beobachte, wie sie von den Gesichtern der Zuschauer abprallen, und spüre, wie die brutale Ehrlichkeit der Texte zu mir zurückspiegelt wird. In diesen Momenten frage ich mich, warum um alles in der Welt ich das tue.“

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Und während andere Musiker sich als glückliche Menschen beschreiben, die ihre dunklen Gedanken mit dem Schreiben trauriger Lieder verarbeiten, kennt Malco – ganz ähnlich wie die mindestens genauso talentierten, jedoch um einige bekannteren Phoebe Bridgers oder Mitski – kaum je eine Trennung zwischen Kunst und Leben, zwischen Kunst und Künstlerin. „Für mich ist es ein täglicher Kampf, Frieden und Glück zu finden“, gesteht sie. „Ich bin mir sicher, dass das ziemlich dramatisch klingt, aber inzwischen bin an einem Punkt in meinem Leben, an dem ich damit umgehen kann. Es reicht mir, wenn mich Dinge zum Lachen bringen oder wenn ich selbst versuche, andere zum Lachen zu bringen, aber einem Glücksempfinden entspringt das leider nicht.“ Obwohl viele der Situationen und Erlebnisse, die Katie Malco in den Songs auf „Failures“, welche sie ab und an augenzwinkernd  als „sad lonely girl having a breakdown kinda vibe“ beschreibt, verarbeitet, Jahre zurückliegen, war es ihr ein echtes Bedürfnis, genau sie zum Thema ihrer ersten LP zu machen. „Ich hatte das Gefühl, ich schuldete es Katie Malco, ihre Geschichte zu erzählen und diese Platte zu veröffentlichen“, sagt sie. „Es ist ein sinnloses Pflichtgefühl gegenüber der Person, die ich einmal war, aber aus meiner Sicht hätte alles andere der Bedeutung der Platte Schaden zugefügt.“ Das Resultat sind zehn beeindruckend tiefgründige Coming-of-Age-Songs, die mit hochemotionalem Storytelling und ob der puren Gefühlsintensität von Malcos ausdrucksstarker Stimme nicht selten sofort unter die Haut gehen, um sich von da aus – vom in medias res-Opener „Animal“ bis hin zum krönenden Abschluss „The First Snow“ – und mit jedem Durchgang immer weiter und tiefer ins Hörerherz zu graben.

 

„‚Brooklyn‘ is about a friend of mine that moved to start a new life in New York. We’ve been friends for years and I’ve always felt protective of her. I went to New York for the first time to see her, having hardly even left the UK before, so it felt like a massive significant trip for me. It was her birthday and we had a big night to celebrate. On the last night we had a heart to heart where I tried to persuade her to come home – at this point she was hardly making enough money to live. She said she wouldn’t stay forever, to appease me, but that she was going to give it her best go. It wasn’t until later that I realised I wasn’t asking her to come home because I was worried she wasn’t going to survive – she always does – I was asking her to come home because I needed her.“

 

 

„I watched you fly on the rides at Coney Island
The wind was biting
The sky was red burnt
You looked just like birds overhead

You took polaroids of a man proposing
Everyone was applauding
Arcade machines sang on
As night turned to dawn then to light

I was weak and tired
The night before was a blur
The taxi drove too fast
The skyline rushing past our window
But oh! How we danced!
To the country band
We drank and we swayed
You told everyone it’s your birthday
Then we walked home to Brooklyn
And both of us were freezing
And I asked what you were doing with your life

I see you fading and I live across an ocean
I talked you out of staying, but I don’t know when you’ll come back
You said – don’t worry, you don’t need anybody
You’re living out your dreams in New York

The sun came up behind us and everything turned to rust
And birds sang to us as we walked
And I know you’ll be alright
You say I can’t let things lie
I know you’re right, you’re right“

 

Rock and Roll.

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