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Sunday Listen: The Boy With The Lion Head – „A Half Remembered Dream“


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Manchmal liegt die Antwort im gleichzeitig Naheliegendsten wie Abwegigsten. Etwa im Fall von The Boy With The Lion Head. Deren Bandname entstand eher zufällig, wie Frontmann David Reid erzählt: „Zu der Zeit, als ich als Solo-Singer-/Songwriter in der Open-Mic-Szene von Edinburgh unterwegs war, spielte ich mit Namensideen auf einem Stück Papier herum. Mein Sohn war damals etwa fünf Jahre alt und kritzelte auf das Blatt ‚lion head dad‘. Da er außerdem immer sagte, ich sehe aus wie Nala aus ‚Der König der Löwen‘, wurde so der Name geboren.“

Ansonsten mag das 2014 im südschottischen Hawick gegründete Indierock-Quintett, zu dem neben David Reid noch John Findlay (Gitarre), Alistair Clarkson (Bass), Rob Wood (Keyboard) und Amy Hamilton (Schlagzeug) gehören, eher wenig mit lieblichen Disney-Melodien zu tun haben. Vielmehr hat sich die Band mit ihren Songs, die oftmals mit ruhigen, komplexen Einleitungen aufwarten und mit ihren eng ineinander verschlungenen, atmosphärischen-post-rockigen Gitarren- und Piano-Crescendi emotionale Walls of Sound erzeugen, bereits Vergleiche mit allen möglichen Indie-Schottenrock-Größen von Frightened Rabbit („Ein offensichtlicher Vergleich – wir sind in einem ähnlichen Alter, aus einer Stadt, die nur zehn Meilen von jener entfernt ist, in der sie aufgewachsen sind, und sie haben definitiv einen Einfluss auf uns“, so Reid) über The Twilight Sad und Arab Strap bis hin zu Mogwai verdient. Sie alle eint, dass es jede von ihnen zwar verstehen mag, beeindruckend gestaltete Popsongs abseits gängiger Zeitgeist-Trends zustande zu bringen, damit jedoch nie im Tagesprogramm von Formatradios stattfinden würde…

a0130949091_16Schon das 2015 erschienene Debütwerk der Band, „The Ebb And Flow“ (gibt’s wie den Großteil des Backkatalogs via Bandcamp als „name your price“), brachte The Boy With The Lion Head einiges an Aufmerksamkeit von Shows im Glasgower King Tut’s bis hin zu Radio-Airplay bei der altehrwürdigen BBC ein. Dass das Fünfergespann nach der 2017 veröffentlichten „Everything Is Temporary EP“ mehr als drei Jahre brauchte, um mit dem im Januar erschienenen zweiten Album „A Half Remembered Dream“ einen Nachfolger fertig zu stellen, hat laut Reid – neben der ein oder anderen kreativen Findungsphase im Studio – eigentlich ganz profane Gründe: „Wir machen das tatsächlich nur als Hobby, also setzen wir uns wirklich spontan Ziele. Wir versuchen, jede Gelegenheit zu nutzen, die sich uns bietet, und sind dankbar dafür. Unsere Philosophie lautet: ‚Wenn alles zusammenbricht, dann haben wir bereits einige erstaunliche Erfahrungen gemacht.‘ Und ich denke, dass die Tatsache, dass wir alle neben der Band noch Vollzeitjobs, Familienleben und andere Hobbys haben, an sich schon ziemlich unglaublich ist.“

Umso mehr hört man den 13 Songs von „A Half Remembered Dream“ nun die Arbeit, das Herzblut und die Liebe zum Detail an, die The Boy With The Lion Head in ihr neustes kreatives Baby gesteckt haben. So erinnert etwa der fast schon majestätische Opener „Implodes“ an die Songwriting-Qualitäten von Frightened Rabbit und das emotionale Wechselspiel von Mogwai, während anderswo, in der unheilvoll ruhigen Single „Blind“, in Text und Ton Referenzen zu The Twilight Sad offensichtlich werden. So ähnlich sieht es denn auch die Band: „‚Blind‘ fühlt sich eher wie eine natürliche Weiterentwicklung von ‚The Ebb And Flow‘ an als die Songs, die danach kamen. Es setzt unsere Art von melancholischem Indie-Pop fort, jedoch haben wir Loops und Drumcomputer eingesetzt, um dem Ganzen einen etwas mehr elektronischen Touch zu verleihen, bevor wir, wie oft, den Song wie ein postrockiges Instrumentalstück entwickeln, so als ob Duran Duran den Backkatalog von Explosions In The Sky gehört hätten und dann losgezogen wären, um eine Platte zu machen.“

So oder so sollte man The Boy With The Lion Head als Freund des gepflegten Indie-Schottenrocks sowie der oben genannten Bands – so man denn kein grundsätzliches Problem mit David Reids breitem schottischen Akzent hat – auf dem Schirm haben. Und sich die Songs von „A Half Remembered Dream“ und Co. bereits jetzt als Soundtrack für den kalten Jahresrest zurecht legen…

(Wer mag, der findet hier und hier noch ein paar kurze Interviews mit der Band…)

 

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: The Birthday Suit – „A Bigger World“ (feat. Scott Hutchinson)


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Wer seine musikalischen Antennen verstärkt auf schottischen Indie Rock richtet, der kam (und kommt) seit Mitte der Neunziger kaum an Idlewild vorbei (wohl auch daher war die Band aus Edinburgh vor einiger Zeit mal hier präsent). Isso. Wenige allerdings wissen, dass etwa deren Frontmann Roddy Woomble in den letzten knapp 15 Jahren so einige Solo-Werke veröffentlicht hat (unlängst etwa die formidable „Everyday Sun EP„). Und noch weniger haben scheinbar bislang davon Wind bekommen, dass auch Idlewild-Gitarrist Rod Jones abseits von der Hauptband einen verdammt gut anliegenden Zweitanzug parat hat – wortspielpassenderweise hört dieser auf den Namen The Birthday Suit.

81mB+EoL9NL._SS500_Und obwohl deren jüngstes, drittes Album „A Hollow Hole Of Riches“ bereits sechs Jahre zurückliegen mag (Jones scheint sich aktuell vielmehr auf Idlewild zu konzentrieren, deren aktuelles Werk „Interview Music“ im vergangenen Jahr erschien), so würde den elf Songs voller ebenso aufregender wie vielfältiger, nicht weit weg von Idlewild geparkter Melodien und den Herz-auf-der-Zunge-und-Leidenschaft-im-Handgelenk-Texten eine deutlich größere Hörerschaft durchaus gut zu Gesicht stehen.

Bestes Beispiel: Die Single „A Bigger World“, ein mitreißender Dreieinhalb-Minuten-Rocker, der sich von Jones‘ emphatischem Gesang, eingängigen Riffs und jubilierenden Streichern tragen lässt, während das Lyrische einen ersten Einblick in die Grundthematik des restlichen Albums gibt: Isolation, denn jeder von uns existiert in (s)einer eigenen kleinen Welt. Das heißt jedoch keineswegs, dass die Texte von „A Hollow Hole Of Riches“ allzu düster sind – tatsächlich sind sie weit davon entfernt. Der Nachfolger zum 2012 veröffentlichten Werk „A Conversation Well Rehearsed“ ist in Gänze eine Feier der Vielfalt und der sich ständig verändernden Natur der Perspektive. Und wer nun an die ewig großen schottischen Lads von Frightened Rabbit denken muss, liegt gar nicht so falsch, denn immerhin ging Rod Jones, Jacqueline Irvine, David Jack, Steve Morrison, Seán McLaughlin und Catrin Pryce-Jones bei „A Bigger World“ niemand Geringeres als deren 2018 (zu) früh verstorbener Frontmann Scott Hutchison mit einem fulminant gespielten Gitarrensolo zur Hand…

 

 

Rock and Roll.

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Ein Comic zum 10. Geburtstag von Frightened Rabbits „The Winter Of Mixed Drinks“…


 

Zwar habe ich das zehnte – und damit erste runde – Veröffentlichungsjubiläum des dritten Frightened Rabbit-Studioalbums „The Winter Of Mixed Drinks“ um ein paar Tage verpasst (schließlich war das bereits am 1. März, und ist im Grunde auch wenig verwunderlich, schließlich rangiert das Werk trotz so einiger Favoriten wie „Swim Until You Can’t See Land“, „Living In Colour“ oder „Nothing Like You“ nicht unbedingt unter meinen Top-3), glücklicherweise haben jedoch andere Termine wie ebenjenen deutlich besser auf ihrem Schirm als ich. Etwa „Marge Makes Comics„, eine tolle, mehr oder minder regelmäßig auf „arts at michigan“ erscheinende Comic-Strip-Reihe, die dem vor knapp zwei Jahren (zu früh!) verstorbenen Scott Hutchison und seinen Indierock-Schotten und benanntem Album mit einer wunderbar illustrierten Comic-Geschichte die Ehre erweist… Me likes!

 

Rock and Roll.

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Gemeinsam shoegazen – The Twilight Sad verschenken einen Konzertmitschnitt


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Dass sich die schottischen Showgaze-Post-Rocker von The Twilight Sad ab und an recht freigiebig zeigen, dürfte bekannt sein. Und für all jene, die die Glaswegians um Düsterstimmen-Frontmann James Graham noch nicht in Spendierhosen erlebt haben, hat die Band einen weiteren Nachweis in petto: In Zeiten von COVID-19-bedingten Ausgangssperren und dem einmal mehr verlängerten Verbot von Großveranstaltungen, dem nahezu weltweit nicht nur alle für die kommenden Monate geplanten Konzerte, sondern dieser Tage auch der komplette Festival-Sommer zum Opfer fiel, verschenken The Twilight Sad via Bandcamp und „name your price“ mit „IT WON​/​T BE LIKE THIS ALL THE TIME LIVE“ einen 18 Songs starken, gut eineinhalbstündigen Konzertmitschnitt, welcher so einige Highlights durch alle fünf Alben (zuletzt erschien im vergangenen Jahr „It Won/t Be Like This All the Time„) und die nun auch schon wieder 17-jährige Bandhistorie:

„On what was originally to be the date of the first of two nights at Glasgow’s Barrowland Ballroom, The Twilight Sad release ‚It Won/t Be Like This All the Time Live‘: a momentous collection of live recordings captured across the band’s 2019 tours, one of the busiest years to date for a group well used to the live circuit.“

 

Via Facebook geben James Graham, Andy MacFarlane und Co. der großzügigen Überraschungsveröffentlichung folgende Zeilen mit auf den Weg:

„We have been talking about recording a live album for a long time. We think this is the best we’ve been playing as a live band and wanted to document that. With 5 albums of material we felt now was the time.

Over the past few months we were figuring out how to release the album and then covid-19/lockdown/gig cancellations happened. We decided that we would release the album digitally on a pay-what you want basis. The reason behind this is that we know that financially it is a worrying time for a lot of people and for ourselves included. We wanted to make sure we could give everyone who likes our band one of our gigs live in their living room as we can’t be out in the world playing gigs right now. We wanted to make sure that anyone who wants the album can afford it as well.

Tomorrow night we were supposed to be playing our 2nd night at the famous Glasgow Barrowland Ballroom. We invite everyone to take part in our twitter listening party for the live album hosted by Tim Burgess #timstwitterlisteningparty at 10PM BST. Lets pretend we’re all at the gig together. All 5 of us will be taking part and sharing memories from past gigs, sharing thoughts on playing live and many other things.

I hope everyone is doing ok. I hope this helps.

The title of our last album “It Won/t Be Like This All The Time” has been living with me for the past 3/4 years and right now that sentiment feels stronger than ever. We’ll get through this together.

Sending our love to you and all the health services around the world.

James, Andy, Johnny, Brendan & Seb

The Twilight Sad“

 

Den nicht näher datierten Konzertmitschnitt gibt’s hier als Stream und Download:

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Stanley Odd – „It’s All Gone To Fuck“


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Der Wahlerfolg von Boris Johnsons konservativen Tories bei den britischen Parlamentswahlen vor zwei Tagen mag kein allzu prächtiges Ergebnis für internationale Demokratie (und ganz sicher keines für die Verbesserung sozialen Verhältnisse im Vereinigten Königreich) sein. Oder wie „Spiegel“-Redakteur Jörg Schindler sehr treffend in (s)einem Kommentar schrieb: „Die eigentlichen Verlierer sind Anstand, Aufrichtigkeit und Integrität.“ Vermutlich hatte ein Großteil der Briten einfach genug vom nun schon jahrelangen Brexit-Chaos dies- wie jenseits des Ärmelkanals, und hat nun den populistischen Blondschopf, ehemaligen Bürgermeister von London sowie Außenminister im britischen Kabinett, der im Juli die reichlich glücklose Theresa May im Amt des Premierministers beerbte, mit einer fast schon beängstigend großen Machtfülle ausgestattet. Wieso sollten die politischen Aussichten auch anderswo rosiger aussehen als bei uns mit den rechtskonservativen Spaltungshasspredigern der AfD oder in den US of A, wo ein dummdreister Reality-Show-Geschäftsmann seit nunmehr fast drei Jahren vom Weißen Haus aus die Geschicke seines Landes bestimmt… Dark times ahead? Hellyeah!

Gut denkbar also, dass die Schotten die britische Parlamentswahl als erneuten Anreiz sehen werden, ein weiteres Referendum hin zur Unabhängigkeit von London und vom United Kingdom anzustreben – das letzte im Jahr 2014 fiel ja bereits recht knapp aus.

Damals, vor vier Jahren, gab es einige schottische Bands und Künstler, die sich im Zuge ebenjener Bevölkerungsabstimmung politisch stark machten (etwa bei Konzertreihen wie „A Night for Scotland“). Neben international erfolgreichen Indierock-Bands wie Franz Ferdinand oder Frightened Rabbit, den Glasgower Postrock-Paten Mogwai, der Folk-Ikone Eddi Reader oder der Schauspielerin und Comedian Elaine C Smith zählten dazu auch Stanley Odd.

418459115095-500Für das seit nunmehr zehn Jahren bestehende, vielköpfige Alternative-HipHop-Kollektiv mit Mitgliedern aus Schottland, Norwegen oder Deutschland zählen politisches Engagement und eine klare Meinungskante ebenso zu den einenden Grundpfeilern wie ihr musikalisches Konstrukt aus Live-Instrumenten, Beats, Gesang und den Rhymes von Frontmann Solareye (aka. Dave Hook) im breitesten Edinburghian Scot-Akzent. Wer also mit alledem kein (Verständnis)Problem habe sollte, dem sei etwa die tolle Gänsehautnummer „Son I Voted Yes„, anno 2014 auf dem bisher letzten, fünften Longplayer „A Thing Brand New“ erschienen, welches sich thematisch Schottlands jüngstem Unabhängigkeitsreferendum widmet, ans HipHop-affine Hörerherz gelegt. Oder eben, aus gegebenem aktuellen Anlass, das 2016, eine Woche, nachdem die Bevölkerung des UK für den Brexit stimmte, veröffentlichte „It’s All Gone To Fuck“. *micdrop*

 

“It is amazing to see the country at its most politicised and engaged in generations. The number of people inspired by the debate and the possibilities for positive change that an independent Scotland offers is something that should be celebrated. This referendum is a chance to look at new models and ask questions of how our political system operates; to address issues of poverty and social inequality; and to recognise the importance of public services like the Post Office and the NHS.“

(Dave „Solareye“ Hook zum schottischen 2014er Unabhängigkeitsreferendum)

 

 

Rock and Roll.

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Sunday Listen: wrest – „Coward Of Us All“


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Bands wie Frightened Rabbit, Bright Eyes, The National oder die frühen (!) Coldplay – das sind nicht nur die gemeinsamen Nenner im Musikgeschmack von Stewart Douglas (Gesang, Gitarre), Stephen Whipp (Gitarre), Craig Robertson (Bass) und Jonny Tait (Schlagzeug), sondern auch einige der wohl naheliegendsten Referenzen, die einem beim Hören von „Coward Of Us All„, dem im Mai erschienenen Debütalbum von wrest, in den Sinn kommen könnten.

Denn obwohl sich keiner der zehn Songs mit Pauken und Trompeten aufdrängen mag (was ja etwa bei Coldplays aktuellstem Stadion-Pop-Abklatsch ihrer selbst anders aussehen würde), überzeugen wrest im Gros mit Indie Rock, der atmosphärisch und treibend („Out Of Sight„, „Human„, „Breathe Out„), mal verträumt-balladesk („White Flowers„) ausfällt. Und selbst, wenn es sich wie die x-te Wiederholung eines Klischees lesen mag (und ich dieses Mal nicht einmal den unüberhörbaren, feinst-tollen schottischen Akzent von Frontmann Stewart Douglas  erwähne), so klingt „Coward Of Us All“ in seinen schönsten Momenten doch wie die Landschaft, die die vierköpfige Newcomer-Band aus Edinburgh da in ihrer schottischen Heimat umgibt…

 

„The biggest highlight is hearing from people who enjoy our music. It’s great to think someone somewhere cares enough about it to say so, or to come and see us live.“

(Stewart Douglas)

 

Via Bandcamp kann man das Debütalbum von wrest in Gänze hören:

 

 

Rock and Roll.

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