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Song des Tages: Travis – „Nina’s Song“


Foto: Promo / Ryan Johnston

Einer der größten Fehler im Leben von Fran Healy war mit Sicherheit, seinen grauen Rauschebart wieder abzurasieren. Stand ihm irgendwie. Nein, nicht einmal das relativ maue, mittlerweile mehr als vier Jahre zurückliegende Album „Everything At Once“ seiner Stammband Travis war ein größerer Fauxpas… Aber Gesichtshaar hin oder her, im Rückblick darf festgehalten werden: Healy, der mitsamt der Familie vor drei Jahren von Berlin nach Los Angeles übersiedelte, und seine drei Kumpanen haben in 25 Jahren Bandgeschichte ganz schön viel richtig gemacht. Ehrlich und nüchtern betrachtet haben die vier Schotten damals um die Jahrtausendwende mit ihrem auch heute noch über jeglichen Zweifel erhabenen, von turmhoher Melancholie gesäumten Meisterwerk „The Man Who“ und Evergreens wie „Why Does It Always Rain On Me?“ Coldplay ermöglicht, die ja zumindest drei recht ordentliche Alben ablieferten, oder Keane mit immerhin einer soliden Platte. Aber vor allen Dingen haben Fran Healy, Andy Dunlop, Dougie Payne und Neil Primrose auch danach alle paar Jahre selbst recht zuverlässig geliefert – selten weltbewegend, jedoch immer grundsympathisch. Trotzdem war es für nicht wenige wohl eine halbwegs mittelgroße Überraschung, als die Schotten im Juni 2020 mit „A Ghost“ eine derart wuchtige Single veröffentlichten. Und man höre auf: „10 Songs„, das im Oktober erschienene neunte Album der Band, bietet einige solcher Nummern.

Obwohl ja sowohl der Vorgänger als auch der nicht eben mit Kreativpreisen dekorierte, möglichst wenig aussagekräftige Albumtitel die Messlatte der Erwartung zunächst verdammt erdbodennah ansetzen. Aber das altbekannte Prinzip „Never judge a book by its cover” gilt wohl auch hier – und schließlich kommt es auf die inneren Werte an. Also genau auf das Genannte: die zehn Songs. Die präsentieren eine Band, die tatsächlich bereits ein geschlagenes Vierteljahrhundert gemeinsame Sache macht, die sich mit dem neuen Werk auch mehr als vier Jahre Zeit gelassen hat, aber einen wissen lässt: Das Warten hat sich durchaus gelohnt! Es sind die unverkennbaren Travis, die sowohl eine rockige Seite als auch eine ruhigere Seite haben – und auch dazwischen so einiges können…

Das Spannungsfeld hört man schon in den Vorab-Singles. Das erwähnte „A Ghost“ macht als treibende Rock-Nummer auf sich aufmerksam und belebt den Sound, wie man ihn im Frühwerk à la „Good Feeling“ (1997), aber auch den Stücken der „Ode To J. Smith“ (2008) kannte: druckvoll-treibend, klare Gitarrenlinien und ein hohes Tempo – so kennt man Travis. Hört man wiederum „The Only Thing„, für welches der Glasgow-Vierer keine Geringere als Bangles-Sängerin Susanna Hoffs fürs Duett gewinnen konnte, so merkt man: auch so kennt man Travis. Eine ruhige Indie-Pop-Nummer mit ordentlich Gefühl an Bord. Noch keine Ballade, da so etwas wie Tempo vorhanden ist, jedoch verdammt nah dran. Und dabei zudem zu berührend gestaltet, um Gefahr zu laufen, komplett irrelevant zu werden.

Das ist der Spielraum, in dem sich Travis bewegen, teils vergrößert, teils dazwischen. „Waving At The Window“ beispielsweise vereint Tempo mit ruhigen Pianoläufen und wirkt durch Fran Healys unverwechselbaren Gesangstil auch sehr einfühlsam. Auf der anderen Seite lassen sind neben „A Ghost“ aber auch Stücke finden wie etwa die zweite Single „Valentine“ finden, die langsam einsteigt und dann deftig lospoltert. Mit Gitarre und Schlagzeug, welche seit dem wahnsinnigen Riff aus „Happy To Hang Around“ von „12 Memories“ (2003) nicht mehr derart aufdrehen durften, die sich im letzten Song-Drittel noch mal mehr in Ekstase spielen. Solange, bis der Song schließlich endet, wie er begonnen hat – dem Tode ins Auge blickend, aber in aller Gemütlichkeit: „If I lie here / I might die here / I may lay here for a while.“ Ganz egal, wie es sich musikalisch äußert: Man hört, dass hier eine Band agiert, die für sich nie stehen geblieben ist, die ihren Stil stets in Nuancen weiterentwickelt und sich dabei auch darauf versteht, die verschiedenen Dynamiken gut unter einen Hut zu bekommen.

Wenn „No Love Lost“ das Album beendet, erklingt eine sehr ruhige Piano-Ballade zu einem Titel, der auch inhaltlich stimmt: Wer Travis liebt und der Band über all die Jahre die Stange gehalten hat, der wird diese Liebe auch mit dem neusten Langspieler – einfallsloser Albumtitel mal außen vor, den irgendwie gehören die ja fast schon zur Travis’schen Tradition – nicht verlieren. Wenn man nun unbedingt etwas bemängeln wollen würde, könnte man mutmaßen, dass ein, zwei weitere rockigere Stücke dem Zehnerpack Songs wohl keineswegs geschadet hätten, aber allein mit kritischem Jammern auf recht hohem Niveau würde man der Band schlichtweg nicht gerecht. Fran Healy und Co. ist mit „10 Songs“ ein erwachsenes Album gelungen, wie man es von vier Endvierzigern auch erwarten darf. Keineswegs weltbewegend, noch immer grundsympathisch. „This is no rehearsal, this is the take“, heißt es gleich zu Beginn – wenn die Fünfzig schon am Horizont schimmert, wird das Leben in manchem Moment nun wirklich ein wenig ernster. Das Schöne dabei: das Träumen, die Verträumtheit will sich das Quartett auch 21 Lenze nach „The Man Who“ nicht verbieten lassen, immer garniert mit der Travis-typischen Melancholie, zu der ein gemütliches Kneipenbier genauso gut mundet wie ein warmer Kakao.

Gleichsam wunderschön ist „Nina’s Song“ in seiner Verneigung vor dem Spätwerk der Beatles gelungen. Klare Sache: mit einer singenden Katze im Musikvideo kann nunmal so gar nichts schief laufen, oder? Und mit 47 Jahren auf dem Zeitkonto haben Fran Healy und seine Lads längst verstanden, dass Aufgeben keine Alternative ist. Dann lieber mit einem Liedchen auf den Lippen ins Gefecht: „There’s nothing wrong / With a song / Sung into battle.“

Rock and Roll.

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Song des Tages: FOREIGNFOX – „Fractions“


Obwohl Foreignfox noch immer nicht der ganz große Wurf gelungen ist, so arbeitet das Alternative-Rock-Quartett doch weiter emsig daran. Von BBC Radio Scotland als „a force to be reckoned with“ und von Amazing Radio als „a band truly on the edge of greatness“ beschrieben (und auch auf ANEWFRIEND war von ihnen im vergangenen Jahr die Schreibe), schlagen die vier Musiker aus dem schottischen Dunfermline seit Bandgründung im Jahr 2013 mit ihren einfühlsamen, einnehmenden Songs stetige Begeisterungswellen im weltweiten Netz. Und da – nach einigen Tourneen und Auftritten bei namhaften Festivals – dank Corona nun erst einmal Schicht im Show-Schacht ist, veröffentlichen Foreignfox nun eben mit „Fractions“ eine neue Single.

In selbiger klingen einmal mehr andere Scottish Lads an, die seit jeher für qualitativ hochwertig-unterhaltsamen Alternative-meets-Indie-Rock stehen – We Were Promised Jetpacks oder The Twilight Sad etwa (während auf der anderen Seite des Atlantiks mit Manchester Orchestra oder Interpol weitere Referenzbands warten). Mit ihren nachdenklichen, melancholisch-introspektiven Noten ist die Single ein fünfminütiger nostalgischer Schlüssellochblick in ein Gefühlsspektrum irgendwo zwischen Bedauern, Verzweiflung und Verletzlichkeit. Der einnehmende Gesang von Frontmann Jonny Watt verschmilzt einmal mehr mühelos mit dem dynamischen Schlagzeug und den kraftvollen Gitarren, wodurch eine hypnotische, fast schon post-rockige Atmosphäre entsteht, die den Hörer zwar gefangen nehmen mag, inmitten ihres wärmenden Strudels jedoch auch seltsam beruhigend wirkt, bis die abschließende Zeile „it was all just a phase“ dem Ganzen ein offenes Ende à la „Inception“ bereitet. Klare Sache, das: mit „Fractions“ sowie dem dazugehörigen Kurzfilm-Musikvideo, für welches sich Rory Cowieson verantwortlich zeichnet, haben Foreignfox ihrer (noch recht übschaubaren) Diskografie ein neues Ausrufezeichen hinzugefügt. (Und wer mehr wissen mag, der findet hier ein aktuelles Interview mit Jonny Watt.)

“I’m never fully awake, I destroy the things I make, to make ‚em new on every day…” 

Rock and Roll.

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„2018“ – Mogwai verschenken zum heutigen „Bandcamp Friday“ ein neues Live-Album


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Foto: Brian Sweeney / Promo

Zum heutigen „Bandcamp Friday„, an welchem die Online-Musikplattform seit März an jedem ersten Freitag des Monats auf seine Verkaufsgebühren verzichtet und dadurch bislang Millionen von US-Dollar direkt an die – vor allem wegen ausgefallener Tourneen –  besonders von der Corona-Pandemie betroffeneren Bands und Künstler*innen vergab, zeigen sich auch die vier Schotten-Post-Rocker von Mogwai von ihrer spendabelsten Seite und hauen mit dem recht simpel „2018“ benannten Live-Album mal eben eine zwölf Stücke starke digitale Live-Compilation als „name your price“ unters Hörervolk, welches sich nach Monaten (fast) ohne jegliche Live-Shows wohl ebenso nach schwitzigen Musik-Erlebnissen und dröhnenden Ohren sehnt wie Stuart Braithwaite, Barry Burns, Dominic Aitchison und Martin Bulloch.

Super Sache von den lauten Lads aus Glasgow – zugreifen, bitte! 🤟

 

„Next month it will have been a year since we last played a live concert. I don’t think I’ve really gotten used to life without live music, both playing it and hearing it. 

I hope that this situation doesn’t last for much longer for a lot of reasons. Everyone’s health and safety being the biggest concern obviously, but also so that gigs can finally resume. It’s a cliche but you really don’t realise how much you miss something until it isn’t there.

With that in mind, we thought it’d be a good time for us to share with you a new live album recorded on our last tour in 2018. 

We realise that many people are struggling financially during the pandemic so we have made it available on Bandcamp on a pay-what-you-can basis. 

We hope you enjoy it.“

(Stuart Braithwaite, September 2020)

 

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Biffy Clyro – „Cop Syrup“


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Klar, es wäre wohl nur allzu leicht, Biffy Clyro nach dem überaus mediokren, vor vier Jahren erschienenen „Ellipsis“ abzuschreiben und das schottische Alternative-Rock-Trio namentlich dem Kommerz preiszugeben. Aber: Mit „A Celebration Of Endings“ darf selbst ein Großteil der voreiligen Kritiker getrost wieder umdenken und die bereits feinsäuberlich formulierten spitzen Worte gen Papierkorb befördern…

0190295273361Was wohl bereits beim allerersten Durchlauf des neuen, mittlerweile neunten Albums, dessen Veröffentlichung aufgrund von Corona und Co. von Mai auf August verschoben wurde, auffällt, ist die Tatsache, dass sich die Band mittlerweile etwas vom Korsett ihrer Drei-Album-Zyklen gelöst hat. Da wäre zunächst das Frühwerk um „Blackened Sky„, „The Vertigo Of Bliss“ und „Infinity Land„: Die aus dem beschaulichen Kilmarnock stammenden Schotten bespielten damals, kurz nach der Jahrtausendwende, noch deutlich kleinere Bühnen und die Outfits, welche vor allem zu Zeiten von „Infinity Land“ glatt aus der psychiatrischen Klinik hätten stammen können, waren noch so präsent wie die nackten, stylisch tätowierten Oberkörper, die später – vor allem bei Frontmann Simon Neil – dominierten. Obendrein gerieten die Singles ihrer Platten zu magisch-bombastischen, nicht selten math-rockigen Aushängeschildern einer infektiösen Alternative-Rock-Band, die zu dritt lauter und knackiger klang als ihre meist doppelt so umfangreiche Konkurrenz. Das änderte sich so langsam aber sicher mit dem weitaus weiter, weitaus opulenter gedachten Dreierwurf aus „Puzzle„, „Only Revolutions“ und „Opposites“ (letzteres sogar als Doppel-Album), dessen Hymnen wie „Folding Stars„, „Mountains“ oder „Black Chandelier“ den drei Biffy-Buddies eine immer größere Fanschar bescherten. Der hinterrücks zupackende Wahnsinn wich poppigeren, nicht selten zahmeren – und manchmal auch durchschaubareren – Strukturen, die den headbangenden Rocksong ebenso beherrschten wie die Feuerzeug-meets-Handyleuchten-Balladen. Die Singles zielten vor allem auf Allgemeinverträglichkeit ab, während die Experimente in die Zwischentöne und B-Seiten verschwanden. Vor vier Jahren sollte das doch sehr ziellose jüngste Werk „Ellipsis“ (lässt man einmal den im vergangenen Jahr erschienenen Quasi-Soundtrack „Balance, Not Symmetry“ außen vor) den Auftakt eines neuen Zyklus (noch) größerer Pop-Entwürfe darstellen. Doch diesen Weg beschreitet „A Celebration Of Endings“ nun entgegen der ursprünglichen Pläne – zum Glück! – nicht weiter.

Und: Wer aufmerksam auf Simon Neils Texte achtet, der wird schnell bemerken, woran das liegen mag. Recht offensichtlich, dass abseits der Bühne so einiges im Argen lag im Leben des sympathischen Trios, so wütend sind die Lyrics an mancher Stelle geraten. Die Enden, die hier zelebriert werden, gehören ganz klar zu langjährigen, wichtigen Beziehungen. So schwebt der Brexit noch über dem Gemüt der Schotten, die wissen: Angst ist ein verdammt schlechter Ratgeber. So traf die drei Biffys der Tod von Frightened Rabbit-Frontmann Scott Hutchison vor zwei Jahren ebenso hart wie den Rest der schottischen Musikszene, und schlägt sich nun ebenso auf die Grundstimmung des neuen Langspielers nieder. Oder man höre die opulente Akustik-Ballade „Opaque„, in der Simon Neil und die Johnston-Zwillinge Ben und James mit ihrem ehemaligen Manager abrechnen: „Take the fucking money and run!“. Auch „End Of“ basiert auf einer langjährigen Freundschaft, die wohl keineswegs im Guten endete – nur diesmal nicht balladesk vertont, sondern als recht old-schooliger Biffy Clyro-Song, der mit einem völlig unvermittelten Piano-Break und einer abschließenden Ansammlung randalierender Riffs daher kommt. Obendrein darf James Johnston mit seinem Bass zu Beginn im Mittelpunkt stehen, bevor die Nummer richtig Fahrt aufnimmt. Wie so oft bei „Mon the Biff“ besitzt all das einen ordentlichen Drive, dazu punktet das Stück mit einem Refrain, der sich sehr schnell im Ohr festsetzt.

„Dieses Album hat den Blick nach vorn gerichtet, sowohl aus persönlicher als auch gesellschaftlicher Perspektive. Der Titel handelt davon, die Schönheit an Veränderungen zu sehen anstatt das Traurige. Veränderung bedeutet Wachstum und Entwicklung. Du kannst alles bewahren, was du zuvor geliebt hast, aber lass‘ uns einiges von dem negativen Scheiß loswerden. Es geht um den Versuch, die Kontrolle zurückzuerlangen.“ (Simon Neil)

Bereits diese zwei Songs zeigen das breite Spektrum, das Biffy Clyro auf „A Celebration Of Endings“ auffahren, wobei die extremen Pole dieses Mal vor allem auf der zarteren Seite abgedeckt sind, denn insgesamt ist das neue, von Rich Costey produzierte Werk nämlich nicht nur sehr abwechslungsreich, sondern vor allem – vor allem unter Betrachtung der letzten Albums sowie der Tatsache, dass die Band sich vor zwei Jahren auch ihr eigenes „MTV Unplugged“ gönnte – erstaunlich hart ausgefallen. Natürlich gibt es mit „Space“ noch eine – bei allem Kitsch – gelungene, von enormen Streicher-Arrangements unterlegte Ballade, die zudem einen zu sehr Herzen gehenden Text hat, und mit dem EDM-geschwängerten „Instant History“ ein Breitwand-Pop-Epos, das als erste Single einige zurecht verwunderte Fans bereits vor dem Kopf gestoßen haben dürfte. Im Albumkontext funktioniert die Nummer, ebenso wie „The Champ„, das zwar mit den Eighties-infizierten Pop-Hits von Muse flirten mag, jedoch neben dem kleinen Drama nicht mit Melodie und packender Bridge geizt, aber hervorragend.

So weit, so gelungen. Dennoch setzt dem Gesamtwerk ausgerechnet der Abschluss „Cop Syrup“ die Krone auf, der auf über sechs Minuten gleich mehrfach zu überraschen weiß. Hier kumuliert alles, was Biffy Clyro über die vergangenen beiden Jahrzehnte stark gemacht hat: rhythmisch perkussive Prog-Haken, Impulsivität, Energie und Streicher, die schier endlos ihre Tonhöhe verändern. Hier treffen die aggressivsten Momente der Bandgeschichte auf einen recht abrupt einsetzenden Mittelteil, der den Hörer mit einem feinen, harmonisch-verträumten Streicherpart in Sicherheit wähnt, bevor die Biffys für Momente erneut loslegen und Simon Neil mit einem abschließenden „Fuck everybody! Woo!“ allen Weltschmerz fahren lässt. Dazu werden mehrstimmig vorgetragene Melodien, ein wie ein Berserker schreiender Frontmann und Akustikgitarren serviert. Klingt etwas irre? Ist es auch, funktioniert jedoch großartig. Und auf einmal passen sogar die Outfits aus der Klapse wieder wie angegossen…

Ja, der groß angelegte Pomp, der ums Eck gedachte Pop, die mächtigen Powerchords – das alles gehört zu Schottlands fraglos sympathischster Stadionrockband. Nein, Biffy Clyro klingen nicht wie anno 2004 (und werden das wohl auch in Zukunft nicht mehr tun), wenngleich manch ein Stück – wie eben „Cop Syrup“ – durchaus Elemente des Sounds von einst, zu Zeiten von „Infinity Land“, in sich trägt. Pures Erfolgsstreben kann man den Schotten aber selbst mit böswilligster Absicht kaum unterstellen. Wer während der Shutdown-Wochen mitbekommen hat, wie hingabevoll Simon Neil beinahe jede Woche mit Gitarre vor der Kamera in seinem Haus saß und für die pandemisch Vereinsamten via Social Media einen Wunsch-Song nach dem anderen klampfte, lauschte einem Musiker – und keiner bloßen Rockstar-Hülle. An der mitunter hitzigen Diskussion, ob Biffy Clyro nach einem Vierteljahrhundert Bandhistorie nur noch Füller fürs Zwischendrin liefern oder noch immer die Erfüllung fürs Ohr sind, wird „A Celebration Of Endings“ zwar eher wenig ändern, kann jedoch so einige amtliche Argumente auf der positiven Seite verbuchen.

 

 

„I’ve been punching rainbows since ’79
It’s self preservation

Baby, I’m scorched earth
You’re hearts and minds
Fuck everybody! Woo!

I’m not dumb, and I’m not blind
You don’t have to be cruel to be kind

Scream, everybody
Scream, everybody
Scream, everybody

I’ve been saved from the darkest place
I’ve embraced the need to live

You’ve been hanging out for twenty years
It’s self preservation
I cannot ignore my burning ears
Could anybody? Woo!

I’m not dumb, and I’m not blind
Turns out you’re the lying kind

Scream, everybody
Scream, everybody
Scream, everybody
Go, go, go!

I’ve been saved from the darkest place
I’ve embraced the need to live
We’ve lived before and we’ll live again

I’ve been punching rainbows since ’79
It’s self preservation
Baby, I’m scorched earth
You’re hearts and minds
Fuck everybody! Woo!“

 

Rock and Roll.

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Sunday Listen: The Boy With The Lion Head – „A Half Remembered Dream“


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Manchmal liegt die Antwort im gleichzeitig Naheliegendsten wie Abwegigsten. Etwa im Fall von The Boy With The Lion Head. Deren Bandname entstand eher zufällig, wie Frontmann David Reid erzählt: „Zu der Zeit, als ich als Solo-Singer-/Songwriter in der Open-Mic-Szene von Edinburgh unterwegs war, spielte ich mit Namensideen auf einem Stück Papier herum. Mein Sohn war damals etwa fünf Jahre alt und kritzelte auf das Blatt ‚lion head dad‘. Da er außerdem immer sagte, ich sehe aus wie Nala aus ‚Der König der Löwen‘, wurde so der Name geboren.“

Ansonsten mag das 2014 im südschottischen Hawick gegründete Indierock-Quintett, zu dem neben David Reid noch John Findlay (Gitarre), Alistair Clarkson (Bass), Rob Wood (Keyboard) und Amy Hamilton (Schlagzeug) gehören, eher wenig mit lieblichen Disney-Melodien zu tun haben. Vielmehr hat sich die Band mit ihren Songs, die oftmals mit ruhigen, komplexen Einleitungen aufwarten und mit ihren eng ineinander verschlungenen, atmosphärischen-post-rockigen Gitarren- und Piano-Crescendi emotionale Walls of Sound erzeugen, bereits Vergleiche mit allen möglichen Indie-Schottenrock-Größen von Frightened Rabbit („Ein offensichtlicher Vergleich – wir sind in einem ähnlichen Alter, aus einer Stadt, die nur zehn Meilen von jener entfernt ist, in der sie aufgewachsen sind, und sie haben definitiv einen Einfluss auf uns“, so Reid) über The Twilight Sad und Arab Strap bis hin zu Mogwai verdient. Sie alle eint, dass es jede von ihnen zwar verstehen mag, beeindruckend gestaltete Popsongs abseits gängiger Zeitgeist-Trends zustande zu bringen, damit jedoch nie im Tagesprogramm von Formatradios stattfinden würde…

a0130949091_16Schon das 2015 erschienene Debütwerk der Band, „The Ebb And Flow“ (gibt’s wie den Großteil des Backkatalogs via Bandcamp als „name your price“), brachte The Boy With The Lion Head einiges an Aufmerksamkeit von Shows im Glasgower King Tut’s bis hin zu Radio-Airplay bei der altehrwürdigen BBC ein. Dass das Fünfergespann nach der 2017 veröffentlichten „Everything Is Temporary EP“ mehr als drei Jahre brauchte, um mit dem im Januar erschienenen zweiten Album „A Half Remembered Dream“ einen Nachfolger fertig zu stellen, hat laut Reid – neben der ein oder anderen kreativen Findungsphase im Studio – eigentlich ganz profane Gründe: „Wir machen das tatsächlich nur als Hobby, also setzen wir uns wirklich spontan Ziele. Wir versuchen, jede Gelegenheit zu nutzen, die sich uns bietet, und sind dankbar dafür. Unsere Philosophie lautet: ‚Wenn alles zusammenbricht, dann haben wir bereits einige erstaunliche Erfahrungen gemacht.‘ Und ich denke, dass die Tatsache, dass wir alle neben der Band noch Vollzeitjobs, Familienleben und andere Hobbys haben, an sich schon ziemlich unglaublich ist.“

Umso mehr hört man den 13 Songs von „A Half Remembered Dream“ nun die Arbeit, das Herzblut und die Liebe zum Detail an, die The Boy With The Lion Head in ihr neustes kreatives Baby gesteckt haben. So erinnert etwa der fast schon majestätische Opener „Implodes“ an die Songwriting-Qualitäten von Frightened Rabbit und das emotionale Wechselspiel von Mogwai, während anderswo, in der unheilvoll ruhigen Single „Blind“, in Text und Ton Referenzen zu The Twilight Sad offensichtlich werden. So ähnlich sieht es denn auch die Band: „‚Blind‘ fühlt sich eher wie eine natürliche Weiterentwicklung von ‚The Ebb And Flow‘ an als die Songs, die danach kamen. Es setzt unsere Art von melancholischem Indie-Pop fort, jedoch haben wir Loops und Drumcomputer eingesetzt, um dem Ganzen einen etwas mehr elektronischen Touch zu verleihen, bevor wir, wie oft, den Song wie ein postrockiges Instrumentalstück entwickeln, so als ob Duran Duran den Backkatalog von Explosions In The Sky gehört hätten und dann losgezogen wären, um eine Platte zu machen.“

So oder so sollte man The Boy With The Lion Head als Freund des gepflegten Indie-Schottenrocks sowie der oben genannten Bands – so man denn kein grundsätzliches Problem mit David Reids breitem schottischen Akzent hat – auf dem Schirm haben. Und sich die Songs von „A Half Remembered Dream“ und Co. bereits jetzt als Soundtrack für den kalten Jahresrest zurecht legen…

(Wer mag, der findet hier und hier noch ein paar kurze Interviews mit der Band…)

 

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: The Birthday Suit – „A Bigger World“ (feat. Scott Hutchinson)


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Wer seine musikalischen Antennen verstärkt auf schottischen Indie Rock richtet, der kam (und kommt) seit Mitte der Neunziger kaum an Idlewild vorbei (wohl auch daher war die Band aus Edinburgh vor einiger Zeit mal hier präsent). Isso. Wenige allerdings wissen, dass etwa deren Frontmann Roddy Woomble in den letzten knapp 15 Jahren so einige Solo-Werke veröffentlicht hat (unlängst etwa die formidable „Everyday Sun EP„). Und noch weniger haben scheinbar bislang davon Wind bekommen, dass auch Idlewild-Gitarrist Rod Jones abseits von der Hauptband einen verdammt gut anliegenden Zweitanzug parat hat – wortspielpassenderweise hört dieser auf den Namen The Birthday Suit.

81mB+EoL9NL._SS500_Und obwohl deren jüngstes, drittes Album „A Hollow Hole Of Riches“ bereits sechs Jahre zurückliegen mag (Jones scheint sich aktuell vielmehr auf Idlewild zu konzentrieren, deren aktuelles Werk „Interview Music“ im vergangenen Jahr erschien), so würde den elf Songs voller ebenso aufregender wie vielfältiger, nicht weit weg von Idlewild geparkter Melodien und den Herz-auf-der-Zunge-und-Leidenschaft-im-Handgelenk-Texten eine deutlich größere Hörerschaft durchaus gut zu Gesicht stehen.

Bestes Beispiel: Die Single „A Bigger World“, ein mitreißender Dreieinhalb-Minuten-Rocker, der sich von Jones‘ emphatischem Gesang, eingängigen Riffs und jubilierenden Streichern tragen lässt, während das Lyrische einen ersten Einblick in die Grundthematik des restlichen Albums gibt: Isolation, denn jeder von uns existiert in (s)einer eigenen kleinen Welt. Das heißt jedoch keineswegs, dass die Texte von „A Hollow Hole Of Riches“ allzu düster sind – tatsächlich sind sie weit davon entfernt. Der Nachfolger zum 2012 veröffentlichten Werk „A Conversation Well Rehearsed“ ist in Gänze eine Feier der Vielfalt und der sich ständig verändernden Natur der Perspektive. Und wer nun an die ewig großen schottischen Lads von Frightened Rabbit denken muss, liegt gar nicht so falsch, denn immerhin ging Rod Jones, Jacqueline Irvine, David Jack, Steve Morrison, Seán McLaughlin und Catrin Pryce-Jones bei „A Bigger World“ niemand Geringeres als deren 2018 (zu) früh verstorbener Frontmann Scott Hutchison mit einem fulminant gespielten Gitarrensolo zur Hand…

 

 

Rock and Roll.

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