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Song des Tages: CHVRCHES – „How Not To Drown“ (feat. Robert Smith)


Das Musikbusiness hat schon viele Talente verschlungen und nie wieder ausgespuckt. In ihrer neuen Single „How Not To Drown“ erzählen CHVRCHES von den dunklen Seiten des Geschäfts. Dafür bekommen sie Unterstützung von niemand Geringerem als The Cure-Zauselbandkopf Robert Smith. Mit dem Song kündigt das Trio aus dem schottischen Glasgow ganz nebenbei auch ihr viertes Album „Screen Violence“ an.

Wie der Titel schon andeutet, ist der neuste Song aus der Elektropop-Schmiede von Lauren Mayberry, Iain Cook und Martin Doherty ziemlich melancholisch geraten. „Tell me how / It’s better if I make no sound / I will never escape these doubts / I wasn’t dead when they found me / Watch as they pull me down“, singen Mayberry und Robert Smith gemeinsam im Refrain. Musikalisch scheint „How Not To Drown“ von den Achtziger- und Neunzigerjahren inspiriert zu sein – was sich bei einem Feature des Frontmanns von The Cure natürlich perfekt anbietet.

In ihrer letzten Single „He Said She Said“ hatten sich die Schott*innen mit den oft genug ungleichen Maßstäben der Gesellschaft beschäftigt. Jetzt folgt der etwas tiefere Blick in die psychischen Abgründe, mit dem die Band laut eigener Aussage nun größere, wichtige Botschaften in ihre Songs packen möchte. „How Not To Drown“ erzählt vom viel zu hohen Druck und dem Schmutz unter der glitzernden Oberfläche der Entertainment-Branche: „You promised the world and brought me it hanging from a string / Stuck it in my mouth, into my throat, told me to sing“. Während die Stimmen von Mayberry und Smith nach ihren Solo-Strophen im gemeinsamen Refrain ineinander verschmelzen, flehen die beiden nach einem Ausweg aus der erdrückenden Situation: „Tell me how it’s better when the sun goes down / We will never escape this town“.

CHVRCHES-Sängerin Lauren Mayberry beschreibt in „How Not To Drown“ laut eigener Aussage den einzigen Moment in ihrem Leben, in dem ihr bisher Zweifel über ihre Karriere aufkamen: „These lyrics are about a time when I just wanted to disappear, and the only time I ever thought about quitting the band. I felt like I was in over my head at the deep end and not sure how to get back.“

Parallel zur Singleveröffentlichung haben CHVRCHES außerdem den Nachfolger zum 2018 erschienenen Album „Love Is Dead“ angekündigt. Er soll den Titel „Screen Violence“ tragen und am 27. August erscheinen. „Screen Violence“ war in der engeren Auswahl, als das Trio vor zehn Jahren einen Namen suchte. Inmitten der Corona-Pandemie und den mittlerweile fast obligatorischen endlosen Videochats bekam dieser Begriff für Mayberry, Cook und Doherty nun eine ganz neue Bedeutung…

„I’m writing a book on how to stay conscious when you drown
And if the words float up to the surface, I’ll keep them down
This is the first time I know I don’t want the crown
You can take it now
You promised the world and brought me it hanging from a string
Stuck it in my mouth, into my throat, told me to sing
That was the first time I knew you can’t kill the king
And those who kiss the ring

Tell me how
It’s better when the sun goes down
We will never escape this town
I wasn’t scared when he caught me, look what it taught me
Tell me how
It’s better if I make no sound
I will never escape these doubts
I wasn’t dead when they found me, watch as they pull me down

I’m writing a chapter on what to do after they dig you up
On what to do after you grew to hate what you used to love
That was the first time I knew they were out for blood
And they would have your guts

Tell me how
It’s better when the sun goes down
We will never escape this town
I wasn’t scared when he caught me, look what it taught me
Tell me how
It’s better if I make no sound
I will never escape these doubts
I wasn’t dead when they found me, watch as they pull me down

Watch as they pull me down
Watch as they pull me down
Pulling me down

Dead when they found me, watch as they pull me down
Watch as they pull me down
Watch as they pull me down
Pulling me down
Dead when they found me, watch as they pull me down

I’m writing a book on how to stay conscious when you drown
And if the words float up to the surface, I’ll keep them down
This is the first time I know I don’t want the crown
You can take it now
You can take it now
Take it now“

Rock and Roll.

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Song des Tages: We Were Promised Jetpacks – „If It Happens“


Foto: Promo / Euan Robertson

Wenig verwunderlich: Auch die schottischen Indie Rock-Lieblinge We Were Promised Jetpacks haben die vergangenen Live-Konzert-freien Monate zum Schreiben von neuem Material genutzt und melden sich nun mit der brandneuen Single „If It Happens“ zurück.

Obwohl Freunde der Jetpacks einmal mehr bewährte, hochmelodische Indie Rock-Trademarks heraushören werden, offenbart der Song auch ein paar recht neue klangliche Facetten der Band, die in dem Fünfminüter gleichzeitig pompös und zurückhaltend tönt. Und auch der Text gibt sich vergleichsweise reflektiert, betrachtet Sänger und Gitarrist Adam Thompson darin doch das „bigger picture“, seine neue Einstellung zum Leben: Wenn es passiert, passiert’s halt! „Dieser Song drückt vieles aus, was ich mir in den letzten Jahren immer und immer wieder selbst gesagt habe. Ich wollte eine neue Einstellung zum Leben finden, positiver denken und nicht immer nur daran, was ich nicht habe. ‚If It Happens‘ sagt dir, dass du das Glück zuzulassen kannst, und andere dazu ermutigen kannst, es ebenso zu tun. Mehr ‚C’est la vie‘!“, so Thompson über die Hintergründe.

Seit ihrer letzten Veröffentlichung – das vierte Album „The More I Sleep The Less I Dream“ erschien 2018 – trennte sich die Band aus dem schottischen Edinburgh im Guten von Gitarrist Michael Palmer und ist seither als effektives Trio unterwegs, zu welchem – nebst Thompson – noch Bassist Sean Smith und Schlagzeuger Darren Lackie gehören. Anfang 2020 tourte das Dreiergespann so noch sehr erfolgreich durch die US of A, bevor die Welt bekanntlich zum Stillstand kam. Und jenen nutzten Thompson und Co., um nach neuen Nuancen in ihrem Sound zu suchen – scheinbar mit Erfolg: obwohl bereits seit mehr als 15 Jahren aktiv, sind We Were Promised Jetpacks 2021 so fokussiert wie selten zuvor.

Trotzdem mussten auch die drei Schotten der Pandemie und all ihren Lockdowns Rechnung tragen, tauschten Versionen von „If It Happens“ nicht, wie gewohnt, im Proberaum, sondern über digitale Wege aus, was wiederum auch für sie eine neue Erfahrung war, welche interessanterweise dazu führte, dass sich Thompson, Smith und Lackie enger verbunden denn je fühlten: „Durch diese Art des Songwritings waren wir ständig in Kontakt. Wir haben uns immer wieder ausgetauscht und so sehr an unserer Kommunikation arbeiten können. Diese Phase hat uns absolut klargemacht, dass wir nichts anderes auf der Welt machen wollen, als gemeinsam Musik.“

Eine Seven-Inch von „If It Happens“ mit einer noch geheimen B-Seite erscheint im Juni und kann vorbestellt werden. Ob ein neues Album oder eine EP folgt, ist zwar noch nicht bekannt, jedoch wohl keineswegs ausgeschlossen…

Rock and Roll.

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Das Album der Woche


Arab Strap – As Days Get Dark (2021)

-erschienen bei Rock Action/PIAS/Rough Trade-

Achtung, die schlecht gelaunten Männer sind zurück – älter, bärtiger und grimmiger als je zuvor: 2005 (und all die Jahre darauf, bis heute) glaubte man, Aidan Moffat und Malcolm Middleton hätten sich mit ihrem Album „The Last Romance“ ein letztes, hinreißend misanthropisches Denkmal gesetzt. Doch jetzt haben sich die beiden schottischen Musiker noch mal ins Studio geschleppt. Zusammen mit Drummer und Band-Intimus Paul Savage, der 1996 schon das Debüt von Arab Strap produziert hatte, ist ihnen – recht unerwartet, aber so ist’s ja oft – ihr zugleich vielleicht bestes, fiesestes und feinfühligstes Album gelungen. Ein verblüffendes Comeback zur richtigen Zeit, bei dem auch der Titel wie die trunkene Faust aufs müde Auge passt, denn wenn die Tage dunkler werden, gibt es schließlich mehr herunterbekommende Verstecke für Arab Straps schattige Geschäfte. Daran haben auch die 15 Jahre Abstinenz des Duos, welches sich zuzeiten ihrer Gründung 1995 nach einem Sexspielzeug für den Herrn gebannte, nichts geändert.

Und mal ehrlich: Was braucht man in diesen Tagen des Corona-bedingten Grollbürgertums und der allerorten grassierenden Lockdown-Melancholie dringender als Pop, der einen in den düstersten Winkeln der eigenen Mickrigkeit abholt? Der einem beim sauertöpfischen Aufstoßen niederster Triebe im Homeoffice-Geschlumpfe ertappt, umarmt und zum erlösenden Sicherheitsabstandstänzchen bittet: Ist schon okay, wir sind alle mies drauf, schmoren alle im eigenen, stinkenden Saft… Wie unendlich tröstlich. Aye.

Fotos: Promo / Kat Gollack

Dabei entbehrt es nicht einer gewissen Ironie, wenn ausgerechnet Sänger und Songwriter Aidan Moffat gleich im ersten, sanft schubsenden Song „The Turning Of Our Bones“ zum Salsa-Rave und zum Ausschütteln der morschen Knochen auffordert. Das Stück pumpt und klappert wie ein Voodoo-Tanz im schottischen Hochmoor, bis die unterm Morast vergrabenen Toten wenigstens eine beinharte Erektion bekommen. Hatte er nicht gerade noch, vor schlappen 17 Jahren, im ähnlich sinisteren „Don’t Ask Me To Dance„, ebensolche Animationsversuche verdammt? Na ja… fuck it, mate – man wird älter.

Aber nicht milder: „I don’t give a fuck about the past, our glory days gone by / All I care about right now is that wee mole inside your thigh“, deklamiert Moffat, mittlerweile 47 Lenze alt, sichtlich ergraut und mehrfacher Familienvater, im ungehobelten Falkirk-Dialekt, als wäre er Leonard Cohens zynischer kleiner Saufbruder aus dem Norden: sexfixiert, desillusioniert, moralisch korrumpiert, jedoch ohne die abfedernde Frömmigkeit und heilige Wucht von Cohen oder Nick Cave. Bei Moffat und Middleton, die in den späten Neunzigern so etwas wie den Soundtrack zur „Generation Trainspotting“ – keine Romantik, bloß keine Herzscheiße und als solches ein ätzendes Gegenmittel zum gockelnden Brit-Pop-Gewese jener Zeit – lieferten und nach dem zwischenzeitlichen Ende von Arab Strap jeder für sich kleine Indie-Solokarrieren starteten, taten die vom Bodensatz des Lebens gekratzten Wahrheiten schon immer eine wenig mehr weh.

Zum Beispiel in „Another Clockwork Day“, einer Akustikballade, die davon handelt, wie ein sentimentaler Tropf zu alten, pixeligen Erotik-JPGs in den geheimen Ordnern auf seiner Festplatte masturbiert, während seine Frau nebenan leise schnarcht. Es geht um den Verfall des männlichen Körpers in diesen lakonisch humorvollen Geschichten, um das Aufbäumen der Libido, Viagra, Selbstekel – critical oldness, wenn man so will. Was will man auch, irgendwo inmitten der großstädtischen Anonymität und jenseits der Vierzig, noch groß erwarten? Well, for fuck’s sake: Eine Rollo-runter-Atmosphäre aus schlechtem Sex, billigem Alkohol und deftigem Schämkater, für die das Duo seit jeher in Fan-Kreisen so geschätzt wird. Und 2021 endlich ein paar neue traurige Geschichten über kaputte Orte, gescheiterte Träume, verzweifelte Menschen liefert – und natürlich immer wieder über die beschissene Liebe und das trostlose Leben, die aus Sicht von Arab Strap ungefähr gleichermaßen ernüchternd daherkommen.

Die elf neuen Songs, welche sich um die ewig kreisenden Gitarren-Loops Middletons herum aufbauen, diesmal jedoch auch mit apokalyptischem Streicher-Schwirren und fiesem Saxofon-Drama ausgeschmückt werden, treiben den geneigten Zuhörer ein ums andere Mal durch Quälgeisterstunden. Klare Sache: Arab Strap sind, immer noch, Meister des heiteren Nihilismus und schwitzigen Unbehagens auf dem Kaschemmen-Dancefloor. Ihr Sound, irgendwo im Halbdunkel zwischen Mogwai-Post-Rock, Indietronica und Slowcore, ist auch 2021 mehr denn je einzigartig im Limbo zwischen Nervosität und Lethargie. Wie Folk gewordene Joy Division aus den Highlands, abzüglich des gefrorenen Pathos.

„Bluebird“, noch so eine elektronisch zittrige Moritat, erzählt vom gemeinen Schwarzmilan, der in Großbritannien fäkalistisch „Shite-hawk“ genannt wird, ein unsympathischer Greifvogel, der seiner Beute nachts in den Büschen auflauert. Ein waschechter Kackvogel also, aus dessen Perspektive Moffat alles schön schwarzmalt: „Ich will deine Liebe nicht, ich brauche sie“, bringt er die Notgeilheit in einer depravierten Welt auf den Punkt; Sex ja, aber bloß niemalsnie keine Zuneigung: „Give me your love, don’t love me“. Wir reden mit niemandem und allen, wir ratschen mit Geistern in Computerfenstern, philosophiert Moffat, der grummelige Crooner, dieser versierte Geschichtenerzähler mit großer Beobachtungsgabe fürs Alltäglich-abgründige und Profan-widrige, über die allgemeine Zoom-Entfremdung (sowieso schon und unter Corona-Bedingungen besonders), um – vielleicht etwas zu banal – im Existenziellen zu landen: „And who are you anyway? Who am I anyway? Does anybody care?“

In „Tears On Tour“ nimmt das Glaswegian Duo sein eigenes Image als sauertöpfische Trauerklöße aufs Korn, das wundervoll betitelte „Kebabylon“ ist eine Ode an die Schönheit im schottischen Schmutz. Nicht ganz so stark ist die zweite Hälfte des Albums: „Here Comes Comus!“ und „I Was Once A Weak Man“ sind Porträts von Unholden, die man sich auch als Single-B-Seiten vorstellen könnte, die „Fable Of The Urban Fox“ eine politische Folk-Allegorie über Fremdenfeindlichkeit (in der jedoch ausnahmsweise mehr Menschenliebe als Selbstverachtung mitschwingt). Aber dann ist da eben noch „Sleeper“, so etwas wie das schottische „Hotel California“ auf Schienen, eine albtraumhaft-hypnotische Horrorgeschichte, die mit ihrem Gefühl der Heimatlosigkeit durchaus Lust auf mehr in ähnlicher Tonart macht. 

Der Cringe-Faktor dieser Männer, die mit unbarmherzigem Blick auf das letzte Zucken ihrer schwindenden Virilität starren, ist hoch, aber auch heilsam und kathartisch. Zumindest, aber nicht nur, für Angehörige derselben Alterskohorte. Those lads are fucking back, aye! Und ringen ihren großstädtischen Odysseen zwischen Flaschen- und Körperöffnungen auch auf „As Days Get Dark“ das höchste Maß akustischer Poesie ab.

Rock and Roll.

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Song des Tages: Travis – „Nina’s Song“


Foto: Promo / Ryan Johnston

Einer der größten Fehler im Leben von Fran Healy war mit Sicherheit, seinen grauen Rauschebart wieder abzurasieren. Stand ihm irgendwie. Nein, nicht einmal das relativ maue, mittlerweile mehr als vier Jahre zurückliegende Album „Everything At Once“ seiner Stammband Travis war ein größerer Fauxpas… Aber Gesichtshaar hin oder her, im Rückblick darf festgehalten werden: Healy, der mitsamt der Familie vor drei Jahren von Berlin nach Los Angeles übersiedelte, und seine drei Kumpanen haben in 25 Jahren Bandgeschichte ganz schön viel richtig gemacht. Ehrlich und nüchtern betrachtet haben die vier Schotten damals um die Jahrtausendwende mit ihrem auch heute noch über jeglichen Zweifel erhabenen, von turmhoher Melancholie gesäumten Meisterwerk „The Man Who“ und Evergreens wie „Why Does It Always Rain On Me?“ Coldplay ermöglicht, die ja zumindest drei recht ordentliche Alben ablieferten, oder Keane mit immerhin einer soliden Platte. Aber vor allen Dingen haben Fran Healy, Andy Dunlop, Dougie Payne und Neil Primrose auch danach alle paar Jahre selbst recht zuverlässig geliefert – selten weltbewegend, jedoch immer grundsympathisch. Trotzdem war es für nicht wenige wohl eine halbwegs mittelgroße Überraschung, als die Schotten im Juni 2020 mit „A Ghost“ eine derart wuchtige Single veröffentlichten. Und man höre auf: „10 Songs„, das im Oktober erschienene neunte Album der Band, bietet einige solcher Nummern.

Obwohl ja sowohl der Vorgänger als auch der nicht eben mit Kreativpreisen dekorierte, möglichst wenig aussagekräftige Albumtitel die Messlatte der Erwartung zunächst verdammt erdbodennah ansetzen. Aber das altbekannte Prinzip „Never judge a book by its cover” gilt wohl auch hier – und schließlich kommt es auf die inneren Werte an. Also genau auf das Genannte: die zehn Songs. Die präsentieren eine Band, die tatsächlich bereits ein geschlagenes Vierteljahrhundert gemeinsame Sache macht, die sich mit dem neuen Werk auch mehr als vier Jahre Zeit gelassen hat, aber einen wissen lässt: Das Warten hat sich durchaus gelohnt! Es sind die unverkennbaren Travis, die sowohl eine rockige Seite als auch eine ruhigere Seite haben – und auch dazwischen so einiges können…

Das Spannungsfeld hört man schon in den Vorab-Singles. Das erwähnte „A Ghost“ macht als treibende Rock-Nummer auf sich aufmerksam und belebt den Sound, wie man ihn im Frühwerk à la „Good Feeling“ (1997), aber auch den Stücken der „Ode To J. Smith“ (2008) kannte: druckvoll-treibend, klare Gitarrenlinien und ein hohes Tempo – so kennt man Travis. Hört man wiederum „The Only Thing„, für welches der Glasgow-Vierer keine Geringere als Bangles-Sängerin Susanna Hoffs fürs Duett gewinnen konnte, so merkt man: auch so kennt man Travis. Eine ruhige Indie-Pop-Nummer mit ordentlich Gefühl an Bord. Noch keine Ballade, da so etwas wie Tempo vorhanden ist, jedoch verdammt nah dran. Und dabei zudem zu berührend gestaltet, um Gefahr zu laufen, komplett irrelevant zu werden.

Das ist der Spielraum, in dem sich Travis bewegen, teils vergrößert, teils dazwischen. „Waving At The Window“ beispielsweise vereint Tempo mit ruhigen Pianoläufen und wirkt durch Fran Healys unverwechselbaren Gesangstil auch sehr einfühlsam. Auf der anderen Seite lassen sind neben „A Ghost“ aber auch Stücke finden wie etwa die zweite Single „Valentine“ finden, die langsam einsteigt und dann deftig lospoltert. Mit Gitarre und Schlagzeug, welche seit dem wahnsinnigen Riff aus „Happy To Hang Around“ von „12 Memories“ (2003) nicht mehr derart aufdrehen durften, die sich im letzten Song-Drittel noch mal mehr in Ekstase spielen. Solange, bis der Song schließlich endet, wie er begonnen hat – dem Tode ins Auge blickend, aber in aller Gemütlichkeit: „If I lie here / I might die here / I may lay here for a while.“ Ganz egal, wie es sich musikalisch äußert: Man hört, dass hier eine Band agiert, die für sich nie stehen geblieben ist, die ihren Stil stets in Nuancen weiterentwickelt und sich dabei auch darauf versteht, die verschiedenen Dynamiken gut unter einen Hut zu bekommen.

Wenn „No Love Lost“ das Album beendet, erklingt eine sehr ruhige Piano-Ballade zu einem Titel, der auch inhaltlich stimmt: Wer Travis liebt und der Band über all die Jahre die Stange gehalten hat, der wird diese Liebe auch mit dem neusten Langspieler – einfallsloser Albumtitel mal außen vor, den irgendwie gehören die ja fast schon zur Travis’schen Tradition – nicht verlieren. Wenn man nun unbedingt etwas bemängeln wollen würde, könnte man mutmaßen, dass ein, zwei weitere rockigere Stücke dem Zehnerpack Songs wohl keineswegs geschadet hätten, aber allein mit kritischem Jammern auf recht hohem Niveau würde man der Band schlichtweg nicht gerecht. Fran Healy und Co. ist mit „10 Songs“ ein erwachsenes Album gelungen, wie man es von vier Endvierzigern auch erwarten darf. Keineswegs weltbewegend, noch immer grundsympathisch. „This is no rehearsal, this is the take“, heißt es gleich zu Beginn – wenn die Fünfzig schon am Horizont schimmert, wird das Leben in manchem Moment nun wirklich ein wenig ernster. Das Schöne dabei: das Träumen, die Verträumtheit will sich das Quartett auch 21 Lenze nach „The Man Who“ nicht verbieten lassen, immer garniert mit der Travis-typischen Melancholie, zu der ein gemütliches Kneipenbier genauso gut mundet wie ein warmer Kakao.

Gleichsam wunderschön ist „Nina’s Song“ in seiner Verneigung vor dem Spätwerk der Beatles gelungen. Klare Sache: mit einer singenden Katze im Musikvideo kann nunmal so gar nichts schief laufen, oder? Und mit 47 Jahren auf dem Zeitkonto haben Fran Healy und seine Lads längst verstanden, dass Aufgeben keine Alternative ist. Dann lieber mit einem Liedchen auf den Lippen ins Gefecht: „There’s nothing wrong / With a song / Sung into battle.“

Rock and Roll.

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Song des Tages: FOREIGNFOX – „Fractions“


Obwohl Foreignfox noch immer nicht der ganz große Wurf gelungen ist, so arbeitet das Alternative-Rock-Quartett doch weiter emsig daran. Von BBC Radio Scotland als „a force to be reckoned with“ und von Amazing Radio als „a band truly on the edge of greatness“ beschrieben (und auch auf ANEWFRIEND war von ihnen im vergangenen Jahr die Schreibe), schlagen die vier Musiker aus dem schottischen Dunfermline seit Bandgründung im Jahr 2013 mit ihren einfühlsamen, einnehmenden Songs stetige Begeisterungswellen im weltweiten Netz. Und da – nach einigen Tourneen und Auftritten bei namhaften Festivals – dank Corona nun erst einmal Schicht im Show-Schacht ist, veröffentlichen Foreignfox nun eben mit „Fractions“ eine neue Single.

In selbiger klingen einmal mehr andere Scottish Lads an, die seit jeher für qualitativ hochwertig-unterhaltsamen Alternative-meets-Indie-Rock stehen – We Were Promised Jetpacks oder The Twilight Sad etwa (während auf der anderen Seite des Atlantiks mit Manchester Orchestra oder Interpol weitere Referenzbands warten). Mit ihren nachdenklichen, melancholisch-introspektiven Noten ist die Single ein fünfminütiger nostalgischer Schlüssellochblick in ein Gefühlsspektrum irgendwo zwischen Bedauern, Verzweiflung und Verletzlichkeit. Der einnehmende Gesang von Frontmann Jonny Watt verschmilzt einmal mehr mühelos mit dem dynamischen Schlagzeug und den kraftvollen Gitarren, wodurch eine hypnotische, fast schon post-rockige Atmosphäre entsteht, die den Hörer zwar gefangen nehmen mag, inmitten ihres wärmenden Strudels jedoch auch seltsam beruhigend wirkt, bis die abschließende Zeile „it was all just a phase“ dem Ganzen ein offenes Ende à la „Inception“ bereitet. Klare Sache, das: mit „Fractions“ sowie dem dazugehörigen Kurzfilm-Musikvideo, für welches sich Rory Cowieson verantwortlich zeichnet, haben Foreignfox ihrer (noch recht übschaubaren) Diskografie ein neues Ausrufezeichen hinzugefügt. (Und wer mehr wissen mag, der findet hier ein aktuelles Interview mit Jonny Watt.)

“I’m never fully awake, I destroy the things I make, to make ‚em new on every day…” 

Rock and Roll.

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„2018“ – Mogwai verschenken zum heutigen „Bandcamp Friday“ ein neues Live-Album


Mogwai.Brian-Sweeney

Foto: Brian Sweeney / Promo

Zum heutigen „Bandcamp Friday„, an welchem die Online-Musikplattform seit März an jedem ersten Freitag des Monats auf seine Verkaufsgebühren verzichtet und dadurch bislang Millionen von US-Dollar direkt an die – vor allem wegen ausgefallener Tourneen –  besonders von der Corona-Pandemie betroffeneren Bands und Künstler*innen vergab, zeigen sich auch die vier Schotten-Post-Rocker von Mogwai von ihrer spendabelsten Seite und hauen mit dem recht simpel „2018“ benannten Live-Album mal eben eine zwölf Stücke starke digitale Live-Compilation als „name your price“ unters Hörervolk, welches sich nach Monaten (fast) ohne jegliche Live-Shows wohl ebenso nach schwitzigen Musik-Erlebnissen und dröhnenden Ohren sehnt wie Stuart Braithwaite, Barry Burns, Dominic Aitchison und Martin Bulloch.

Super Sache von den lauten Lads aus Glasgow – zugreifen, bitte! 🤟

 

„Next month it will have been a year since we last played a live concert. I don’t think I’ve really gotten used to life without live music, both playing it and hearing it. 

I hope that this situation doesn’t last for much longer for a lot of reasons. Everyone’s health and safety being the biggest concern obviously, but also so that gigs can finally resume. It’s a cliche but you really don’t realise how much you miss something until it isn’t there.

With that in mind, we thought it’d be a good time for us to share with you a new live album recorded on our last tour in 2018. 

We realise that many people are struggling financially during the pandemic so we have made it available on Bandcamp on a pay-what-you-can basis. 

We hope you enjoy it.“

(Stuart Braithwaite, September 2020)

 

 

Rock and Roll.

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