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Song des Tages: Die Höchste Eisenbahn – „Gierig“


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Fakt ist: „Wer bringt mich jetzt zu den anderen“ ist eines der speziellsten, gleichzeitig aber auch eingängigsten und daher besten deutschsprachigen Indiepopalben des Jahres 2016.

Fakt ist auch: Die Höchste Eisenbahn ist ein musikalischer Zusammenschluss, welcher – zumindest in Deutschland – seinesgleichen sucht. Klar, solche Charaktere wie  Francesco WilkingMoritz Krämer, Felix Weigt und Max Schröder, die, zusammengenommen, schon so ziemlich alles von „Tatort“-Hintergrundbeschallung (Wilking, nachdem sich seine Band Tele aufgelöst hatte) über feinen, verspulten Singer/Songrwriter-Pop (Krämer), die andere Hälfte von Olli Schulz & Der Hund Marie (Schröder) bis hin zum Bandbetrag für die stets an den Nervenenden sägende Lena Meyer-Landrut (Weigt) gemacht haben, findet man so schnell nicht wieder ein einem Verbund.

Ja logisch ist das alles Fakt – und höchst subjektiv.

487595_z1Ganz und gar nicht subjektiv lässt sich feststellen, dass das, was 2012 einst als lose Idee für ein spontanes gemeinsames Konzert in Dresden zwischen Francesco Wilking und Moritz Krämer begann, vier Jahre später zur festen Band zusammengewachsen ist. Und dementsprechend klingt nun auch Album Nummer zwei: deutlich mehr „nach Band“, nach gemeinsamem Ideensammeln und Haareraufen im Proberaum, deutlich mehr aus einem Guss als noch das drei Jahre zurückliegende Debüt „Schau in den Lauf Hase„, welches damals vor allem Stücke enthielt, die hörbar entweder aus der Feder Wilkings oder Krämers stammten.

Im Jahr 2016 singen die beide Frontmänner des Vierergespanns auf den neuen Stücken von „Wer bringt mich jetzt zu den anderen“ deutlich öfter im Duett, greifen die Ideen und Einwürfe des anderen viel öfter auf, lassen so kaum mehr erkennen, wessen Hirnmasse der jeweilige Song den nun entsprungen ist. Klar sind die Texte noch immer ebenso liebevoll abwegig wie alltäglich wie – im Grunde – kitschig schön. Da singen sie mal von schrulligen Typen wie „Timmy“, der reich ist und irgendwie einsam, dafür jedoch eine riesige Villa auf den britischen Jungferninseln besitzt, mitsamt dem Klavier von John Lennon und einem Speisesaal, durch den Aras fliegen. Oder, wie in „Lisbeth“, von der einstigen Jugendliebe. Dazu spielen nun vermehrt krumme Orgeln, Flöten, ein paar Synthies größer als zuvor auf. Gut also, dass Wilking und Krämer mit Felix Weigt und Max Schröder zwei der begabtesten Multiinstrumentalisten der Republik (zumindest was Indiepop betrifft) zur Seite stehen und den beiden somit den Rücken fürs kreative Wortspiel freihalten.

Besonders schön: „Gierig“, welches chinesisch (?) anmutende Streicher im Gepäck hat und wieder so ein Mädchen, das wohl alles und nichts will, und wieder so einen verschrobenen Typen namens „Louis“, der außen ganz cool und lässig wirken mag, tief drin jedoch ein verunsicherter Softie ist, der immer die falschen Blumen kauft und es nicht übers Herz bringt, dem Mädchen sein Herz auszuschütten. Kitschig, oder? Und wäre das noch nicht genug, baut Halb-Italiener Wilking noch ein, zwei Zeilen über seine italienische Mama ein: „Meine Mutter war neu hier / Vierzig Jahre lang / Satellitenfernsehen / Dass sie überall hin bringen kann“ – 15 Worte, die wohl mehr über die irgendwann in den Sechzigern und Siebzigern nach Deutschland gekommenen Immigranten sagen als zehn Alben von Bushido und Co. Kitsch meets Pop meets Melancholie meets mediterraner Esprit meets Berliner Schnauze – ein riesiger bunter Culture Clash des Indiepop, gespielt von der „wohl kleinsten Supergroup der Welt“ (plattentests.de).

 

Hier gibt’s „Gierig“ samt Musikvideo…

 

…sowie in der auf die Akustische reduzierten „detektor.fm“-Session:

 

„Ist das deine Antwort?
Klar bin ich enttäuscht
Ich hab immer gehofft
Dass was nach uns kommt

Geh wenn du geh’n musst
Woanders ist nicht hier
Du verlässt mich nicht
Ich verletz‘ mich mit dir

Louis ist der Typ mit dem Auto
Louis ist der Typ, der dich abholt
Louis hatte immer schon Freunde
Louis gehört dir seit er 9 ist
Louis soll dir sagen: ‚Ich lieb dich‘
Louis sagt dir immer nur:
‚Sei nicht so gierig, sei nicht immer so gierig‘

Meine Mutter war neu hier
Vierzig Jahre lang
Satellitenfernsehen
Dass sie überall hin bringen kann
Du kannst nicht schlafen
Die Straße rauscht wie ein Meer
Die letzte Telefonzelle
Bis ein Betrunkener heim fährt

Louis ist der Typ mit dem Auto
Louis ist der Typ, der dich abholt
Louis hatte immer schon Freunde
Louis gehört dir, seit er 9 ist
Louis soll dir sagen: ‚Ich lieb dich‘
Louis sagt dir immer nur:
‚Sei nicht so gierig, sei nicht immer so gierig‘

Wir schlagen Haken
Rechts und Links
Die einen werden bezahlt
Und die ander’n wollen gewinnen

Louis ist im Laden und kauft Blumen
Louis kauft immer die falschen
Die kann er behalten

Sei nicht so gierig, sei nicht immer so gierig
Sei nicht so gierig, sei nicht immer so gierig
Sei nicht so schwierig, sei nicht immer so schwierig

Sei nicht so traurig
Bist nirgendwo allein
Jemand, der an dich denkt
Und du wirst zu Hause sein…“

 

Rock and Roll.

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Die Höchste Eisenbahn, Desiree Klaeukens & André Baldes im Musikbunker, Aachen, 11. Februar 2014: Ganz alltägliche Charmegranaten…


Die Höchste Eisenbahn

Die Tücken des Tourneealltags… Da kommt Francesco Wilking, die eine singende Frontmannhälfte der Höchsten Eisenbahn, einmal zu spät zum Soundcheck des Tourstopps im Aachener Musikbunker, und dann das! Weder ist ihm klar, wo zum Teufel sich denn der richtige Eingang befindet (ich kenne das Problem, ging es mir doch vor einigen Monaten als Besucher kaum anders), noch trifft er jemanden an, der ihn herein lässt. Auch die bereits wohl emsig probenden Bandkollegen Moritz Krämer, Felix Weigt und Max Schröder kann er telefonisch nicht erreichen (Handyempfang vs. Bunkerkatakomben – keine gute Paarung!). Nur durch Gevatter Zufall gewährt im ein Hausmeister Eintritt. Und der weiß darauf nicht einmal, wo im Gelände denn für gewöhnlich die Konzerte stattfinden (!). Um eines vorweg zu nehmen: Am Ende hat Wilking seine Band dann doch noch gefunden…

Wohlmöglich mag das der Grund für die leichte Verspätung gewesen sein? Und auch die Reihenfolge der drei angekündigten Bands scheint irgendwie durcheinander geraten zu sein. So betritt nicht der als „Lokalmatador“ agierende Aachener Musiker André Baldes als Erster die Konzertbühne, sondern Desiree Klaeukens. Am Ende ist dieser Tausch jedoch keine so schlechte Wahl, denn müsste man die Songs der Wahl-Berliner und gebürtigen Duisburger Liedermacherin mit wenigen Worten beschreiben, so würden mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit folgende Begriffe besonders oft fallen: zart, anschmiegsam, herzwarm und unaufdringlich. Und in der Tat benötigt die Endzwanzigerin einige der etwa dreißig Auftrittsminuten, um mit dem anwesenden Konzertpublikum – bis zum Ende des Abends ist der Raum gut gefüllt – warm zu werden. Bei den ersten Stücken ihres kürzlich erschienenen Debütalbums „Wenn die Nacht den Tag verdeckt“ blickt Klaeukens meist ein wenig verschüchtert zu Boden, sucht Orientierung beim mitgereisten Gitarristen (normalerweise hat sie deren zwei dabei, nur heute eben nicht, da der andere „arbeiten musste – mit Musik verdient man ja heutzutage kein Geld mehr“, wie sie nur halb scherzhaft zugibt) und taut er langsam auf. Dann jedoch erzählt sie kleine Anekdoten über die Songpräferenzen des älteren Teils ihres Konzertpublikums (die mögen das Stück „Züge“ wohl, weil es so „schön schunkelig“ sei), von der kürzlichen Heimat-Stippvisite bei ihren Eltern in Duisburg oder den unverschämten Wucherpreisen ihres Albums beim Onlinehandelsriesen mit dem „A“. So oder so – am Ende hat Desiree Klaeukens, zu deren Fans, den formidablen Reviews des „Spiegel“ oder „Musikexpress“ nach zu urteilen, nicht nur die bundesdeutsche Musikpresse, sondern auch bekannte Musikerkollegen wie Niels Frevert, Tom Liwa oder Gisbert zu Knyphausen zählen, die anwesenden Studenten und Pärchen, aber auch die grau melierten Besucherteile scheinbar von sich überzeugt. Selbstbewussteren Auftritten der gelernten KfZ-Mechanikerin (!) sollte also nicht im Wege stehen – schon gar nicht die Qualität ihrer Songs, in denen sie mit einer Menge sprödem Charme von den kleinen und großen Dingen im Leben, vom zähen Ringen mit der Liebe und von unausweichlichen Abschieden erzählt. Auch André Baldes macht nicht all zu viele Worte um seine Musik. Muss er auch nicht. Gemeinsam mit seinem Bassisten und Schlagzeuger lässt er, der sich auf seiner Homepage nicht eben unzutreffend als eine „Mischung aus Dave Matthews, Damien Rice und Clueso“ inklusive „einer markanten Stimme und intelligenten deutschsprachigen Texten“ beschreibt, die Stücke seines vor wenigen Monaten veröffentlichten Albumdebüts „Vorhang und Statisten“ für sich sprechen. Zwar fehlt da und dort noch der vielbeschriebene „zündende Funke“ zum Erfolg, insgesamt jedoch können sich Baldes und seine Musik durchaus hören lassen.

Gegen 22.30 Uhr ist es dann aber Zeit für die Hauptband des Abends, Die Höchste Eisenbahn. Wie Desiree Klaeukens und André Baldes veröffentlichte auch das Berliner Quartett vor wenigen Wochen sein Debütwerk „Schau in den Lauf Hase„. Dabei sind Francesco Wilking (als Frontmann der Indiepopper Tele und solo), Moritz Krämer (solo), Felix Weigt (als umtriebiger Multiinstrumentalmusiker für Kid Kopphausen oder Lena Meyer-Landrut) und Max Schröder (unter anderem bei Tomte, als „Olli Schulz & Der Hund Marie“, nur als „Der Hund Marie“ oder unter eigenem Namen und dem Zusatz „& Das Love“ musizierend) freilich alles andere als grünschnäblige Newcomerkücken. Gut, klar – das ließe sich bereits an ihrem Äußeren vermuten, das mal munter verschlurft im Norwegerpulli und RUN DMC-Shirt (Wilking), mal mit norddeutsch adretten Cardigan-Flair (Weigt), mal mit holzbehauenem Fünfeinhalb-Wochen-Bart (Schröder) oder als unscheinbare grau verhuschte-verspulte Pulli-Maus (Krämer) daher kommt. Doch schon nach dem Setlist-Einstieg mit dem Krämer-Song „Aliens“ wird klar: Die Vier muss man einfach mögen! Dabei zieht die Band gar keine große Show ab. Im Gegenteil: Die Höchste Eisenbahn wirkt auch auf der Bühne so herzlich normal und unaffektiert, dass man fast meint, man wäre Gast bei einer ihre Proberaum-Sessions. Dabei ziehen die vier Musiker ihre, neben dem kiloweise vorhandenen Charme, wohl größte Trumpfkarte, ihre Professionalität, aus dem Ärmel, würzen mit dieser jedes gespielte Stück nach, bis es um ein Vielfaches besser und homogener als auf Konserve klingt (und dabei war das, was man da hören konnte, schon nicht von schlechten Eltern!), wechseln munter zwischen den Instrumenten hin und her (bis auf Schröder, der fest hinterm Drumkit klemmt) und garnieren die Pausen zwischen den Songs mit amüsanten Unterhaltungen, bei denen jedoch jeder seinen festen Platz zu haben scheint: Weigt als Animateur aus dem Hintergrund, Wilking als Band-Regisseur, Krämer als stiller Kommentator und Schröder als lauschende Stimme aus dem Off. Auch das Publikum wird mit Refrain-Gesängen bei „Was machst du dann“ eingebunden, darf zum großen „Raus aufs Land“ träumend die Lippen bewegen, das tierische Ratespiel aus „Isi“ weiterspinnen, bei „Allen gefallen“ erleben, wie die Band die Synthesizerflächen der Albumvariante durch deutschpoppende Postrock-Wände á la Casper (of „XOXO“-Fame!) ersetzt oder den regulären Abschluss „Die Uhren am Hauptbahnhof“ – samt der auf Italienisch gesungenen Passagen von Francesco Wilking! – noch minutenlang nachklingen lässt. Nach 90 Minuten und „Der Himmel ist blau“ (von der 2012 erschienenen „Unzufrieden EP„) als letztem Zugabenstück ist Schluss. Bis dahin hatte die Höchste Eisenbahn freilich fast alle bislang gemeinsam geschrieben Lieder zum Besten gegeben – ist doch Ehrensache!

(An dieser Stelle sollte nicht unerwähnt bleiben, dass der an diesem Abend anwesende und zuständige Tontechniker selbst für die nicht eben schlechte Akustik des Musikbunkers einen ganz ausgezeichneten Job gemacht hat, was nur noch mehr zu einem rundum gelungenen Konzertabend betrug… Danke.)

Tour 2014

 

 

Konzertimpressionen? Bekommt ihr hier:

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Hier kann man sich die Musikvideos zum „Eisenbahn“-Song „Was Machst du dann“…

 

…und das zu Desiree Klaeukens‘ Lied „Warm in meinem Herz“ (welches bei Gefallen aktuell sogar hier zum kostenlosen Download bereit steht) anschauen:

 

Rock and Roll.

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Das Album der Woche


Die Höchste Eisenbahn – Schau in den Lauf Hase (2013)

Schau in den Lauf Hase (Cover)-erschienen bei Tapete/Indigo-

Immer diese Doppeldeutigkeiten! „Die Höchste Eisenbahn„? Sollte damit tatsächlich die „Lhasa-Bahn“ gemeint sein, der seit 2006 von Peking aus über einen 5000 Meter hohen Pass bis ins tibetanische Lhasa fährt? Wohl kaum. Obwohl auch das gerade bei dieser Truppe bunt musizierender Songwriterhunde kaum verwunderlich wäre…

Vielmehr haben hier Moritz Krämer, Tele-Kopf Francesco Wilking, Schlagzeuger und Heike Makatsch-Freund Max Schröder (u.a. Tomte, Olli Schulz & Der Hund Marie) sowie der multiinstrumentale Keyboarder Felix Weigt (u.a. Kid Kopphausen, Lena Meyer-Landrut) bereits den ersten doppelten Boden eingebaut. Denn natürlich war es für alle Wartenden sprichwörtlich „höchste Eisenbahn“, dass das Berliner Quartett mit dem ersten gemeinsamen Langspieler um die Ecke kam, immerhin bespielen die Jungs bereits seit Jahren – nebst Gästen wie Gisbert zu Knyphausen oder Judith „Wir sind Helden“ Holofernes – gemeinschaftlich Konzertbühnen, immerhin erschien der erste Albumvorbote – in Form der vielversprechenden „Unzufrieden EP„, bei der die beiden genannten Gäste dann auch kurze Gastauftritte hatten – bereits vor knapp einem Jahr. Und das ist erst der Anfang, denn bereits im Albumtitel „Schau in den Lauf Hase“ ist die nächste doppelte Spitze versteckt…

Die Höchste Eisenbahn #1

Dabei sagt das Cover bereits so viel: Die dreizehn neuen Stücke der Höchsten Eisenbahn sind ebenso hässlich wie faszinierend, ebenso gestrig wie modern, ebenso schlau ausstaffiert wie konventionell und dröge wie dieser abgrundtief bunt nach hipsterhafter Nostalgieschiene schreiende Pullover. Die Songs von Krämer und Wilking, die hier ihrem Talent als hervorragende deutsche Liedermacher (wird übrigens langsam Zeit, dass diese Bezeichnung ihre Reinhard Mey’sche Bräsigkeit verliert!) freien Lauf lassen, erzählen große Geschichten von kleinen Dingen, von alltäglichen Sachen, die hier zu neuem Glanz kommen. Fast scheint es, als seien die beiden tagelang mit Klampfe, Zettel und Stift (richtig: der „moderne Liedermacher“ hat gefälligst einen trocknen Reim auf Tablet- und Notebooktrends zu geben!) bewaffnet durch die Straßen der bundesdeutschen Hauptstadt gezogen, nur um mal an dieser Kreuzung, mal an jener Straßenecke oder im Café vor selbiger Halt zu machen, den Leute an der S-Bahn-Haltestelle zuzusehen oder dem Pärchen am Nachbartisch zuzuhören. Heraus kommt ein Abbild des ach so hippen, auch so allerlei Trends hinterher laufenden Großstadtmenschen – nur damit der, hasengleich, am Ende des Dauerlaufs in das Ende eines gesellschaftlichen Gewehrlaufs blicken darf…

“ ‚Allo, das ist die ‚öchste Eisenbahn“ – nach einer befremdlichen Ansage mit feinstem französischem Akzent (Frankophilie galore!) geht’s auch schon flux mit „Egal wohin“ los, in dem sich Francesco Wilking über „Traumreisen, Geldversprechen, schneeweiße Smartphonelächeln“, über „Prada, Visa, L’Oreal“, über „Morgan Stanley, Crédit Suisse“, über „Google, Apple, IBM“, über „Adidas, Danone, Siemens“, über… – ach, belassen wir’s dabei – echauffiert, während sich Moritz Krämer (noch) im Hintergrund hält. Klar, der Großstadtmensch ist die urbane Beute der gefräßigen Werbeindustrie, die ihn lenkt und schlussendlich fremdbestimmt, die ihm vorgaukelt, dass alles – Käufliche! -, Internet sei Dank, immerzu und in jedem Falle zu haben ist – „Niemand weiß so gut wie ich was gut für dich ist“. Gleich darauf gibt’s mit dem zurückgelehnten Mundharmonika-Regenbogenpopper „Body & Soul“ das Kontrastprogramm: Frühlingsgefühle statt Kommerzhatz, mediale Dauerberieselung statt ernsthaftem Diskurs, Einheit von Körper und Geist als egomaner Gegensatz zur Gemeinschaft („Ich will meinen Namen hören aus jeder Stadt und jedem Dorf“). In den folgenden Stücken erzählt das Gespann Geschichten, in denen „Isi“ im nächtelangen Alkoholrausch hoffnungslos dem Traumbild ihres Großstadtprinzen hinterher läuft – und der sich stets als grausam öde quakender, penetranter Frosch herausstellt. Oder vom befreienden Verlieben Hals über Kopf („Pullover“). Oder – in den beiden Ruhepolen „Alle gehen“ und „Blaue Augen“ – von Rastlosigkeit und dem Gefühl des Ankommens und Loslassens. Daneben kommt mit „Raus aufs Land“ auch ein Stück, welches sich schon seit Jahren im Liverepertoire von Krämer befindet, zu später verdienter Ehre und berichtet vom verzweifelten Versuch, eine längst am Alltag zerbrochene große Liebe durch die Flucht aufs Land noch einmal zu kitten – während der vermeintlich nette Nachbar von nebenan schon mit den triebhaften Hufen scharrt („Ich liebe Autofahren / Und du liebst inzwischen Kai /…/ Zu zweit mit heißem Kaffee auf der eigenen Terrasse / Keiner hat uns gewarnt, dass ich dich hier so schnell hasse / Dieses Haus ist nichts als Pappe / Ein Gerüst ist ein Gerüst ist ein Gerüst ist ein Gerüst… / Ist es das, was du nur wolltest, was immer stank? / In unserer Zwei-Zimmer-Wohnung / Meintest du das mit ‚raus aufs Land‘?“). Und natürlich sind die wahren „Aliens“ im gleichnamigen Song (ebenfalls ein längst bekannter Livefavorit von Krämer) nicht die befremdlichen Besucher, sondern diese sich gleichsam am Leben abrackernden und von A nach B hastenden Geschöpfe namens Menschen. Und freilich springt einen im exquisiten, vergroovt vom gesellschaftlichen Rattenrennen erzählenden Titelstück „Schau in den Lauf Hase“ der Wortwitz ebenso an wie die musikalischen Querverweise zu Grönemeyers „Mambo“ oder – meinetwegen – auch Paul Simons „Graceland“. Die Single „Was machst du dann“ irritiert zuerst mit fröhlich trällerndem „Schubidu“-Mädchenchor, stellt sich alsbald jedoch als große, von Wilking und Krämer im Duett durchgezogene „Scheißegal“-Hymne mit dem „Halt dich and einer Liebe fest“-Gestus eines Rio Reiser dar („Wenn eins und zwei nicht mehr drei ergibt / Wenn deine Liebe dich verlässt / Und du in die Freiheit fliehst / Was machst du dann?“). Nachdem Krämers „Allen gefallen“, mit seinen treibenden Synthieflächen der geheime Stehtänzer des Albums, aus Liebe alle gestrigen Wunschvorstellungen gen Norden fahren lässt („Ich sag‘ die Dinge, die du sagst, und / Ich mag die Dinge, die du magst, und / Ich hab‘ lachen gelernt / Seitdem lache ich gern“), versucht Wilking im Abschlussstück „Die Uhren am Hauptbahnhof“ schlussendlich, die Zeit stillstehen zu lassen – und das sogar auf Italienisch…

Die Höchste Eisenbahn #2

Zugegeben, man muss auf „Schau in den Lauf Hase“ schon so einiges in Kauf nehmen, denn die vier seltsam positiv verpeilten Musikerbestandteile der Höchsten Eisenbahn lassen ihrem Hang zum Experiment auf dem Albumdebüt freien Lauf. Natürlich dürfen Saxophone neben DX7-Keyboards, Casio-Flöten und Discobeats mit ins Studio, um sich nicht selten gleichberechtigt neben das übliche Instrumentarium (AkustikgitarreSchlagzeugBass) zu stellen. Und so klingen nicht wenige der knapp 60 Minuten nach den selig grauslichen Achtzigern, nach „La Boum“ und endlosen Großstadtsommern. Dass all das nicht zur hipsterexklusiven Revueshow oder – schlimmer noch – veritabel lahmarschen Nostalgieveranstaltung gerät, sondern – im Gegenteil! – frisch, beschwingt und lässig daherkommt, könnte kaum beruhigender sein. Denn Wilking, Krämer, Schröder und Weigt streuen ihre musikalischen guilty pleasures mit Bedacht ins Feld, das die beiden Erstgenannten mit höchster lyrischer Nonchalance beackern. Dabei präsentiert sich Francesco Wilking als deutsche Indiepop-Antwort auf Dylan (okay, mit Abstrichen…) und Moritz Krämer… ist eben Moritz Krämer, der verschlurfte Melanchozyniker, den man einfach liebhaben muss (man höre bei dieser Gelegenheit dessen zwei Jahre junges Solodebüt „Wir können nix dafür„, aber auch Wilkings Alleingangserstling „Die Zukunft liegt im Schlaf„). Gemeinsam schafft Die Höchste Eisenbahn eine höchst zeitgeistiges Portrait des ach so modernen Großstadtbewohners, oversexed und underfucked, rast-, ruhe- und ratlos, immer in Bewegung auf nach Nirgendwo, gemeinsam im Rattenrennen mit der Sichtweite von Legehennen. Dabei will doch jeder, ob nun in urbaner Enge oder auf ländlicher Weide, nur das eine: Liebe, Zuspruch und Geborgenheit… Nur gut, dass sich „Schau in den Lauf Hase“ mit allerlei väterlichen Tröstern und spitzbübischen Augenzwinkereien aus der Affäre zieht – und sich so als erstes großes popmusikalisches Berlin-Album seit Wir sind Heldens „Bring mich nach Hause“ herausputzt. Die Böden sind doppelt gesichert, es gilt, sich ein Ticket zu sichern! Und Lhasa ist weit…

„So wie ein Satz, der alles muss und nichts kann. Den hab‘ ich noch nicht gesagt, ich glaub‘, der ist jetzt mal dran.“ („Alle gehen“)

Tibet-Bahn

 

Wer die Gelegenheit hat, der sollte sich Die Höchste Eisenbahn im Zuge ihrer „Schau in den Lauf Hase-Tour 2014“ auf einer dieser Konzertbühnen gönnen…

DIE HÖCHSTE EISENBAHN
„Schau In Den Lauf Hase-Tour 2014“
(Support: Desiree Klaeukens)
08.01.14 Hamburg, Knust
09.01.14 Darmstadt, Centralstation
10.01.14 Köln, Studio 672
11.01.14 Stuttgart, Pop Freaks (Merlin)
05.02.14 Dresden, Groovestation
06.02.14 Wien, B72
07.02.14 München, Kranhalle
08.02.14 Erfurt, Museumkeller
09.02.14 Essen, Zeche Carl
11.02.14 Aachen, Musikbunker
12.02.14 Leipzig, NaTo
13.02.14 Hannover, Lux
14.02.14 Bremen, Tower
15.02.14 Osnabrück, Glanz&Gloria
16.02.14 Berlin, Lido

…und sich vorher mit diesem Interview von Eisenbahn-Viertel Francesco Wilking (geführt von jetzt.de, einem Webportal der „Süddeutschen Zeitung“), den Videos zur Single „Was machst du dann“…

 

…sowie von „Jan ist unzufrieden“ (zu finden auf der „Unzufrieden EP“)…

 

…und mit Hörproben der EP auf die Band einzustimmen:

 

 

P.S.: Ein Gruß geht mit diesem Album ins ferne Neuseeland an meinen Bruder, der ebenso die Soloalben von Moritz Krämer und Francesco Wilking mag. Ich bin mir sicher: Auch „Schau in den Lauf Hase“ wird dir gefallen…

 

 

Rock and Roll.

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