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„A Monument To Commemorate Our Time: A Tribute to Lifted by Bright Eyes“ – Ein Sampler zum 20. Geburtstag des Bright Eyes-Durchbruchalbums


Herrschaftszeiten, wo ist all die Zeit geblieben, Teil 5.839: Dieser Tage feiert „Lifted or The Story Is in the Soil, Keep Your Ear to the Ground„, seines Zeichens die vierte Langspielplatte von Conor Obersts Haupt- und Herzensband Bright Eyes, bereits sein 20. Veröffentlichungsjubiläum.

Seitdem ist logischerweise so einiges passiert: In der Band-Heimat US of A war ein gewisser George W. Bush anno dazumal gerade einmal etwas länger als ein Jahr im Amt des US-Präsidenten, zudem war die Nation noch mitten dabei, die weltverändernden Ereignisse des 11. September 2001 zu verarbeiten (leider ohne dabei ihr eigenes Selbstverständnis als vermeintliches „home of the brave and land of the free“, geschweige denn die immanente Waffen- und Kriegsvernarrtheit angemessen zu hinterfragen). Zwei aus recht unterschiedlichen Gründen bemerkenswerte US-Staatsoberhäupter namens Barack Obama und Donald Trump später mögen sich in den US of A zwar so einige Dinge gewendet haben, jedoch keineswegs zum Besseren – ganz im Gegenteil: das Land mit seien 331 Millionen Einwohnern scheint in vielerlei Hinsicht tiefer gespalten denn je; ganz egal, ob man sich auf die Grenzen zwischen Arm und Reich, Bleichgesichtern, Migranten und People of Color, Demokraten- und Republikaner-Wählerschaft oder Abtreibungsgegner und -befürwortern bezieht. Ein Land, das nach eigenem Selbstverständnis das lebenswerteste, demokratischste und schlichtweg obertollbeste der Welt sein mag, hat sich ohne jeglichen Zweifel innerhalb eines Vierteljahrhunderts hinein in die steinzeitliche Geistesgegenwartsecke meilenweit entfernt vom einstigen „American Dream“ manövriert. Und hierzulande? Sieht es nach immerhin 16 Jahren Bundeskanzlerinnenschaft von Angela Merkel mitsamt rautenschem „Wir schaffen das!“-Allesaussitzen kaum besser aus – minus bescheuerter Waffengeilheit, logischerweise. Dutzende klimatische Brandherde, etliche Naturkatastrophen, eine weltweite Pandemie und immer mehr unzufriedenem Rumoren innerhalb nahezu aller Bevölkerungsschichten (das sich etwa in spinnertem Verschwörungsschwurbelertum Bahn bricht) später ist die Welt – gefühlt, gefühlt – dem Rand einer unsicheren Zukunft näher als dem friedefreudeeierkuchenen Happy-go-lucky. Und dass ausgerechnet Merkels Amtsvorgänger Gerhard Schröder unbeirrt zu Intimkumpel und Russland-Präsident Wladimir Putin hält, der Anfang des Jahres einen Angriffskrieg vor der Haustür der EU und Nato vom Zarenzaun gebrochen hat, ist nur ein klitzekleines Beispiel von vielen, die aufzeigen, was hier in wemauchimmers Namen so verdammt falsch läuft…

Aber zurück zur Musik.

Seit „Lifted…“ haben Bright Eyes mittlerweile sechs weitere Alben veröffentlicht, zuletzt 2020 das tolle „Down in the Weeds, Where the World Once Was„. Conor Oberst, damals zarte 22 Lenze jung, hat, wie die Band auch, in der Zwischenzeit der von ihm mitbegründeten Labelheimat Saddle Creek den kreativen Rücken gekehrt, nebenbei eine durchaus beachtliche Solo-Karriere hingelegt und mit 42 Jahren den Titel des „spokesman for a generation“ ebenso final ad acta gelegt wie die optische Erscheinung des grüblerischen Holden-Caulfield-Lookalikes – Bürden, an denen er zwischenzeitlich ein ums andere Mal beinahe zu zerbrechen drohte, denen er jedoch andererseits auch so einige auch heute noch über nahezu jeden kritischen Zweifel erhabene Meisterwerke wie den 2005 zeitgleich veröffentlichten Album-Doppelschlag „I’m Wide Awake, It’s Morning“ und „Digital Ash in a Digital Urn“ abrang.

Eine Sache, auf die man sich bei neuen Releases aus dem Hause Bright Eyes, zu deren Kern neben Oberst noch immer Mike Mogis und Nate Walcott zählen, stets verlassen konnte, ist, dass man in die Werke Stück für Stück eintauchen konnte, Zug um Zug in aller Seelenruhe in deren Zentrum schwimmen konnte, darin versinken durfte – und bei jedem Durchgang noch stets Neues, Faszinierendes entdecken konnte – sowohl in der Musik als auch in den Texten. Hier die große, sinnstiftende Weltumarmung, da die nihilistische Abscheufratze der Einsiedelei – drunter ließen es Oberst, Mogis, Walcott und ihre vielen Mitmusiker selten geschehen. Das galt damals für die vielen tollen Stücke von „Lifted…“, für „Lover I Don’t Have to Love“, „Method Acting“, „Bowl of Oranges“, „Waste of Paint“ oder „Let’s Not Shit Ourselves (To Love and to Be Loved)“, die freilich nur als zu erlebendes Ganzes einen wirklichen Sinn ergaben, das gilt ebenso noch heute, zwanzig Jahre später.

Man selbst mag merklich älter geworden sein, sich Dutzende Male ver- und entliebt, graue Haare und mehr Lebensfalten bekommen, eventuell sogar eine Familie gegründet haben. Legt man jedoch ein Kleinod wie „Lifted…“ mit seinen zig alles andere als perfekten – und ebendarum so sympathischen – Ecken und Kanten ein (oder eben auf), so sind all die Erinnerungen, welche damals, 2002, vorm inneren Cinemascope-Auge an einem vorbei schwirrten, wieder da. Freilich mögen Conor Oberst und seine Musiker*innen-Gang noch ähnlich gelungene Werke im Oeuvre-Köcher haben, nur war eben dieses das, in welches sich nicht wenige (wie etwa ich) zuerst verlieben durften. Und an die erste Liebe erinnert man sich mit etwas Sentimentalität im Knopfloch auch in unbeständigen Zeiten wie diesen nur allzu gern.

Passend zum Zwei-Dekaden-Jubiläum hat das US-Indie-Label Take This To Heart Records einige durchaus namenhafte Künstler*innen und Bands wie Kali Masi, Sarah and the Safe Word, Snarls oder Future Teens versammelt, um „Lifted…“ in Gänze covern zu lassen. Noch lobenswerter ist, dass es das Ergebnis via Bandcamp als „Name your price“-Download gibt und alle Einnahmen karitativen Zwecken zugute kommen. Reinhören, Zugreifen und nach Möglichkeit einen kleinen Spenden-Betrag da lassen lohnt sich also in jedem Fall!

„Released twenty years ago this month, ‚Lifted or The Story Is in the Soil, Keep Your Ear to the Ground‘ suspends the Bright Eyes project at a fascinating pivot point. Midway between the lauded ‚Fevers and Mirrors‘ and the one-two punch of ‚I’m Wide Awake It’s Morning‘ and ‚Digital Ash in a Digital Urn‘ three years later, ‚Lifted‘ accentuates Conor Oberst’s fascination with expansive arrangements. Twinklings of chamber pop, dusted-up country, and the band’s propulsive and influential indie-folk roots abound. (Bright Eyes’ gaze upon mainstream popularity would begin its laser focus on this cycle, earning the group its first Billboard 200 placement and late-night TV cred.)

Take This to Heart Records presents ‚A Monument to Commemorate Our Time‘, a full-album toast to Bright Eyes’ breakthrough. Each featured artist offers their spin of each towering moment and simmering comedown that aligns with their main output and elevates the source material. Where else can you find glitterbomb electropop reworks side-by-side with tributes worthy of the original’s anguish and wanderlust? Fans of the 2002 LP, come for a celebration. Newcomers: here’s a reason to dive in. 

A Monument to Commemorate Our Time‘ is benefitting the National Multiple Sclerosis Society, with all proceeds being donated in perpetuity.“

Rock and Roll.

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Das Album der Woche


Tim Kasher – Middling Age (2022)

-erschienen bei 15 Passenger/Thirty Something Records-

„Don’t wanna live in the now / Don’t wanna know what I know.“ So hieß es, des Hier und Jetzt ziemlich überdrüssig, anno 2008 auf Cursives „Mama, I’m Swollen“ – Tim Kasher halt, der alte Berufsskeptiker. Ein sorgsam erarbeiteter Status, der auch aus seinen Soloplatten „The Game Of Monogamy“ (2010), „Adult Film“ (2013) oder zuletzt „No Resolution“ (2017) sprach: Liebe, Treue, das potenziell prekäre Künstlerdasein und die Vielzahl von Albträumen, die einem der Alltag nach dem Aufwachen bereitet – es bleibt schwierig. Auch auf Kashers viertem Album „Middling Age„, einer durchaus existenzialistischen Abhandlung über beinharte Themen wie Sterblichkeit und Verlust, die ungewollt in einer Zeit erscheint, in der die Welt mit ganz ähnlichen Problemen kämpft. Wobei dem inzwischen 47-jährigen Musiker aus Omaha, Nebraska, der sonst Bands wie den bereits genannten Cursive oder The Good Life vorsteht, die Erkenntnis dämmert: Heute ist zwar irgendwie doof, aber früher war auch scheiße. Midlife Crisis deluxe quasi, wie es der Titel bereits andeutet, aber immerhin stellt das Cover ein geruhsames Lebensabendidyll unter südlicher Sonne in Aussicht. Oder doch eher in der „Klinik unter Palmen„? Möglich, aber auch egal – erstmal müssen wir uns ja mit der lästigen Realität herumschlagen…

Und die sieht 2022 nicht viel rosiger aus als zu Zeiten von „The Game Of Monogamy“, wenn Kasher in „I Don’t Think About You“ zu reduzierten Klängen mit folkiger Note und Zweitstimme von Cursive-Kollegin Megan Siebe die Mängelliste jahrelangen Zusammenlebens überschlägt: ungelenke Zweisamkeit im Bad, während sie unter der Dusche steht und er auf dem Klodeckel sitzt, lächerlich großes Doppelbett auf Wunsch einer einzelnen Dame, im Streit zerdepperte Hochzeitsgeschenke als brüchiges Unterpfand einer allmählich Risse zeigenden Ehe. Es ist dem Mann mit kredibler „Saddle Creek„-Vergangenheit hoch anzurechnen, dass er – ganz ähnlich wie anno 2004 auf dem großartigen The Good Life-Meisterwerk „Album Of The Year“ – eine so trübe Bestandsaufnahme in ein flockig-trostreiches Stück Americana-Folk einwickelt und mit dem deprimierenden Lebenslauf aus „You Don’t Gotta Beat Yourself Up About It“ genauso verfährt: „We complete education / Then snag a vocation / And then maybe a retirement party / Life’s work and then you die.“ Arbeit tadelt, Songs wie diese keineswegs.

Dennoch: Hätte Kasher das ursprünglich geplante Akustik-Album konsequent in die Tat umgesetzt, wäre aus „Middling Age“ auf Dauer wohlmöglich eine arg spröde, vielleicht sogar fade 40-Minuten-Angelegenheit geworden – und den Dämonen von Kindheit und Jugend, die er hier zuweilen exorziert, nicht gerade angemessen. Wir erinnern uns: Früher war auch scheiße. Zum Beispiel wegen des Serienmörders John Joubert, der in den Achtzigern drei Zeitungsjungen umbrachte und dem damals infantilen Tim solche Angst einjagte, dass er im Traum eine nach dem Killer benannte Band gründete. Entsprechend erinnert „The John Jouberts“ an dessen Opfer und knatscht und rumort ansatzweise im Stil psychotischer Meisterwerke wie Cursives „The Ugly Organ“ oder The Paper Chases „Now You Are One Of Us“ – freilich, ohne vollends deren jeweilige Klasse zu erreichen. Einige tolle Momente hat Kasher, der in diesem Interview mi „SPIN“ mehr zu „Middling Age“ und auf seine bisherige Indie-Karriere zurückblickt, bei seinem neusten Alleingang natürlich trotzdem noch auf der Pfanne.

Etwa das von einem Cello, mystischer Atmosphäre und beklemmenden Singer/Songwriter-Soundscapes ausgestattete „Whisper Your Death Wish“, eine herrlich bedrückende, im Abgang sogar jazzige Episode, das vorwitzige, pointierte „100 Ways To Paint A Bowl Of Limes“ oder den nervösen, an Bläser-Plärren und sägendem Cello geschärften Uptempo-Shuffle „On My Knees“, welcher dem Begriff Gottesfurcht ganz neue Seiten abringt: „Not scared of hell / Went to Catholic school / I found Jesus / To be a terrifying presence in my life.“ Und wenn Kasher, der auf „Middling Age“ einmal mehr seine Fähigkeit, komplexe Themen mit Einfühlungsvermögen, Menschlichkeit sowie Witz zu erforschen (und sich dabei nie übermäßig bierernst nimmt), unter Beweis stellt, schon zu Lebzeiten so lichterloh brennt wie hier oder in der hektischen Selbstoptimierungsparodie „Life Coach“, scheint er nur allzu gut gerüstet für die Kehrwoche im Fegefeuer. Oder eben für die Zukunft als liebenswerter Zombie im wunderbar ausladenden Abschluss „Forever Of The Living Dead“. Against Me!-Frontfrau Laura Jane Grace leidet als zweite Stimme mit, Jeff Rosenstock pflastert den Weg zur Hölle mit einem schmierigen Saxofonen, im Intro und Outro des Albums bringt sich Tim Kashers neunjährige Nichte Natalie Tetro schon mal als Songwriterin der nächsten Generation in Stellung. Für uns mittelalte Säcke bleibt nur der Nachtfrost auf dem Friedhof. Rosige Aussichten, oder? Na denn: ein Prosit auf alles Endzeitliche!

Rock and Roll.

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Song des Tages: Azure Ray – „Bad Dream“


Es war damals, kurz nach der Jahrtausendwende, als zwei junge Ladies von Athens, Georgia aus – und über das fantastische Indie-Label Saddle Creek, dessen Releases man zu jener Zeit quasi per Blindkauf vertrauen konnte – die auf Dream-Pop geeichte Indie-Folk-Welt verzauberten. Drei wunderschöne Alben und ein paar EPs lang musizierten einem Orenda Fink und Maria Taylor als Azure Ray in ihrem turmhoch tönenden Wolkenkuckucksheim die melancholischst gestimmten Geigen um die Gehörgänge, bevor die beiden eine (erste) Bandpause einlegten , um sich fortan etwas mehr ihren Solo-Karrieren zu widmen, 2010 mit dem vierten Album „Drawing Down The Moon“ zurückzumelden und hernach eine erneute, zweite Pause einzulegen. Bis jetzt. (Nunja, fast: 2018 erschien mit der EP „Waves“ ein kleines Lebenszeichen des Duos…)

Nun melden sich Azure Ray einmal mehr zurück – und lassen nach dem Titelstück mit „Bad Dream“ einen zweiten neuen Song vom am 11. Juni auf Maria Taylors eigenem Indie-Label Flower Moon Records erscheinenden Comeback-Album „Remedy“ hören, dessen zehn Stücke die beiden Mittvierzigerinnen (Kinners, wie die Zeit vergeht!) im vergangenen Jahr gemeinsam mit Produzent Brandon Walters (Lord Huron, Joshua Radin) an verschiedenen Locations in Südkalifornien aufgenommen haben. Und siehe da – auch gut zwanzig Jahre nach ihren Saddle Creek’schen Achtungserfolgen strahlen Fink und Taylor im Zweiergespann noch immer diesen geradezu unverkennbar magischen Charme aus, in den man sich am liebsten Tage, Wochen und Monate betten möchte… *hach*

„‚Bad Dream‘ ist unser Sommer-Jam. Es ist eher ein Song zum Ausatmen, ein Song, zu dem man die Autofenster herunter lässt. Alle Stücke auf ‚Remedy‘ wurden während der Pandemie geschrieben, also tragen sie alle Elemente der Anstrengungen, mit denen wir im vergangenen Jahr konfrontiert wurden, in sich. Viele von uns haben Trauer, Wut, Isolation und Angst erlebt, und in diesen Zeiten, in denen man an den gewohnten Orten keinen Trost finden kann, muss man ihn eben im Inneren suchen. Letztendlich bist du selbst deine eigene Kraftquelle, deine eigene Quelle der Hoffnung. Du bist ein Heilmittel – und meist das einzig Richtige. ‚Bad Dream‘ wiederum kombiniert die Ängste der letzten Zeit, aber verfolgt sie bis in unsere Vergangenheit und hinterfragt, wie unser unterbewusster Geisteszustand unsere Entscheidungen diktiert.“

Rock and Roll.

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Song des Tages: The Mynabirds – „Glory Box“


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Für die ganz große Bühne mag es für Laura Burhenn bislang zwar nicht gereicht haben, im Indie-Bereich ist die Dame jedoch keineswegs ein unbeschriebenes Blatt. So ist die in Los Angeles lebende Singer/Songwriterin, Musikerin und Aktivistin seit etwa zehn Jahren das kreative Mastermind hinter The Mynabirds, einer Band, die mit „What We Lose In The Fire We Gain In The Flood„, „Generals„, „Lovers Know“ und zuletzt „Be Here Now“ zwischen 2010 und 2017 vier von Kritikern gefeierte und stilistisch recht unterschiedliche Alben beim seit eh und je über jeglichen qualitativen Zweifel erhabenen US-Indie-Label Saddle Creek veröffentlicht hat. Davor bildete Burhenn gemeinsam mit John Davis (Q and Not U) das recht kurzlebige Indiepop-Duo Georgie James, veröffentlichte zwei selbstproduzierte Soloalben über das von ihr gegründete Label Laboratory Records und sammelte als Tournee-Mitglied bei den von Kritikern gelobten und kommerziell erfolgreichen Indie-Acts The Postal Service und Bright Eyes so einiges an Bühnenerfahrung. War’s das mit der Umtriebigkeit? Keineswegs, denn Laura Burhenn half vor einigen Jahren außerdem, „Omaha Girls Rock“ zu gründen, eine gemeinnützige Organisation, die es jungen Mädchen ermöglicht, ihre kreative Stimme zu finden. Und sie hielt 2013 einen TED-Vortrag, in dem sie sich ihrem Fotoprojekt „New Revolutionists“ widmete, welches wiederum der Frage nachging, was es bedeutet, in der heutigen Zeit eine revolutionäre Frau zu sein. Nein, Stillstand mag nicht Laura Burhenns Ding sein…

artworks-000593855958-tuvy72-t500x500Interessanterweise könnte man hier Parallelen zu einer anderen Großen im Indie-Kosmos ziehen: Beth Gibbons. Musikconnaisseure wissen freilich: bei ihr handelt es sich um die Stimme der legendären britischen TripHop-Band Portishead, deren Debütalbum „Dummy“ 2019 ein frisches Vierteljahrhundert feiern durfte, und auch für Burhenn sehr einflussreich war, wie sie selbst zugibt: „‚Dummy‘ war meine Lieblingsplatte zum Rummachen in der Highschool und gehört zu meinen ständigen Top Ten“, so Laura Burhenn in einer Pressemitteilung. Als kleinen, ehrfurchtsvollen Knicks vor „Dummy“ veröffentlichte die Mynabirds-Frontfrau daher im vergangenen Jahr eine von Patrick Damphier produzierte Coverversion des Portishead-Evergreens „Glory Box„, die den bedächtig knisternden, geradezu schwülen und von trotzigem Feminismus geprägten Charakter des Originals zwar beibehält, aber gleichzeitig eine subtile, fast schon oldschoolige Country-Atmosphäre vermittelt. „Unglaublich, wie Beth Gibbons diese feministische Hymne in meinem Teenager-Hirn verankert hat – dieser Song hat bei mir vieles neu justiert“, meint Burhenn. Ohne Zweifel: durch #MeToo und immer dann, wenn die Rechte der Frauen beschnitten werden, bekommen der Song und seine Refrain-Zeile „I just want to be a woman“ – 25 Lenze auf dem musikalischen Buckel hin oder her – mehr Gewicht denn je…

Übrigens wurde der Cover-Song über „Our Secret Handshake“ veröffentlicht, ein von Frauen geführtes, frauenorientiertes Kollektiv für kreative Strategien, das Laura Burhenn – Sie ahnen es bereits – im Jahr 2018 mitbegründete. Und: ein Teil der Einnahmen aus der Single kam/kommt dem „Omaha Girls Rock“ zugute. Thumbs up!

 

 

„I’m so tired of playing
Playin‘ with this bow and arrow
I gonna give my heart away
Leave it to the other girls to play
For I’ve been a temptress too long

Just give me a reason to love you
Give me a reason to be a woman
I just wanna be a woman

From this time unchained
We’re all lookin‘ at a different picture
Through this new frame of mind
A thousand flowers could bloom
Move over and give us some room, yeah

Give me a reason to love you
Give me a reason to be a woman
I just wanna be a woman

So don’t you stop, being a man
Just take a little look
From our side when you can
Show a little tenderness
No matter if you cry

Give me a reason to love you
Give me a reason to be a woman
I just wanna be a woman
Cause it’s all I wanna be is all a woman, yeah

For this is the beginning of forever and ever
It’s time to move over
So tired of playing

So tired of playing
Playin‘ with this bow and arrow
I gonna give my heart away
Leave it to the other girls, to play
For I’ve been a temptress too long

Just give me a reason to love you
Give me a reason to be“

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Frances Quinlan – „Rare Thing“


CREDIT- Julia Khorosilov

Foto: Promo / Julia Khorosilov

Frances Quinlan, ihres Zeichens bisher vor allem als ebenjenes wütende Frontfrauen-Feuer, das im Zentrum der Philadelphia-Indierock-Lieblinge Hop Along lodert, in Erscheinung getreten, geht’s gut, das darf man so wohl vermuten, wenn man die Songs der ersten Platte hört, die sie solo und unter eigenem Namen aufgenommen hat. „Likewise„, für welches die vielseitig Kreative auch das Coverartwork besorgte, ist über weite Strecken sehr sonnig und wandelt damit auf dem Pfad, den bereits das vierte, 2018 erschienene Hop-Along-Werk „Bark Your Head Off, Dog“ so halbwegs eingeschlagen hatte (das Album fand seinerzeit bereits auf ANEWFRIEND Erwähnung). Einerseits vermisst man dabei die verzweifelt-aggressiven Ausbrüche Quinlans, die sie durch ihr massives Organ immer zu ganz besonderen Musikmomenten machte, andererseits will man ihr es auch gönnen, dieses Hochgefühl fernab jeglicher Teenage Angst-Gefühligkeit. Denn es ist schon arg schön, wie Quinlan in der Erstauskopplung „Rare Thing“ ihrer kleinen Nichte im Traum erklärt: „There is love that doesn’t have to do with taking something from somebody“. Der Sound wabert dabei in weltbester Eighties-Manier mit Synthies und elektronischem Beatschlag um den Gesang. Da kann man dann zum Beispiel an die Schotten von CHVRCHES denken, insbesondere im Refrain, wo gesampelte Saiten Quinlans Verse umschwingen. Die zweite Strophe gibt sich darauf organischer, und auch das passt super, vor allem das Schlagzeug spielt recht angenehm auf.

0648401029826Ansonsten ist das musikalische Setting auf „Likewise“ näher an dem, was man so wenn Quinlans Freischwimmversuch von ihrer Hauptband erwarten konnte. Zwar scheinen die Songs im Vergleich zu Hop Along weniger voll aufgezogen, dennoch fährt die 33-jährige Indie-Musikerin einen angenehmen indie-pop-rockigen Bandsound auf, an dem auch Hauptbandkollege Joe Reinhart mitgearbeitet hat. Das Debütalbum beginnt mit „Piltdown Man“ und undeutlichem Kinderstimmengewirr, bevor Quinlan mit einer verzerrten Orgel einsteigt und den anfangs leicht zerfetzten Sound immer mehr zu einer Melodie formt, die schließlich so großartig ist, dass man direkt – jawoll! – Bock auf dieses Album bekommt. Anderswo ist es, wie in der dritten Single, dem frühlingshaften „Your Reply„, ein Piano, das den Song prägt (und den Song, wenn man so mag, zu Quinlans „Joni-Mitchell-Moment“ macht), im verträumten „Detroit Lake“ hingegen sind Glockenspiele und Streicher mit von der musikalischen Partie, die auch im romantischen „Lean“ eine Hauptrolle spielen. In „A Secret“ untermalt bis kurz vor Schluss nur eine gezupfte Gitarre oder Autoharp die Zeilen Quinlans. An dieser Stelle zeigt sich die Stimmgewalt der Philly-Künstlerin auch einmal ganz wunderbar, wenn ihr sie ihr Gemüt ganz dem gesungenen Text unterordnet und schneller wird, dann wieder langsamer, lauter und leiser.

Noch mehr gilt das für „Went to LA“, dessen Melodie an den späten Elliott Smith erinnert, das aber zwischendurch all das von sich wirft und sich in der gesanglichen Ausmalung immer weiter ins Bodenlose steigert. „Heaven is a second chance“ kreischt Quinlan frohen Mutes zum Ende des Songs, wenn sie in Los Angeles endlich wieder ihren Glauben wiederfindet. Das einzige etwas düsterere Stück ist die zweite Auskopplung „Now That I’m Back„, in welcher Quinlan durch den Vocoder keift, während drumherum ein ordentlicher Wind aus Synthies pfeift wie der Kater-Kopfschmerz aus der ersten Strophe. Nach knapp zwei Minuten bricht der Sound, die Drummachine drückt nach vorn, mit der Gefühlslage werden auch die Synths weicher, Ballons steigen auf. Ähnlich präsentiert sich zunächst auch der Closer „Carry The Zero“ (übrigens eine Coverversion, deren Original von den US-Indierockern Built to Spill stammt), zumindest bis eine heftig verzerrte E-Gitarre die luftige Atmosphäre zerschneidet und in der Folge ein funkiger Basslauf den Sound dominiert. In dream-poppiger Atmosphäre und mit „Ba-ba-ba, ba-ba-ba“-Chören bringt Quinlan „Likewise“ würdig zu Ende.

Obwohl die Finessen wohl zwischen den Zeilen und Tönen versteckt scheinen, ist der markanten Frontstimme von Hop Along in Gänze ein feines, einnehmend-kurzweiliges Solodebüt voll mit kleinen, emotionalen Geschichten gelungen… Wurde schon erwähnt, dass es ihr gut geht?

 

 

„My love in the dream, you were already speaking
I was too shocked to make any one of my tired speeches
Listen, that’s a rare thing for me
Sunlight touches on the plants that I’ve been torturing
Yet when I come over I love that quick delay before your face lights in recognition

I know there is love that doesn’t have to do with taking something from somebody
Was so much for me not real?
I only managed to stay small by making giants out of strangers
Through the chaos I can see
All afternoon you inhale every bouquet you meet

Come to think of it
The dream was a nightmare with no one who knew me just then
You were there
Two-foot tall little bear
You took my hand and introduced me to everybody
I watched as you were named on that mid-February morning

I know there is love that doesn’t have to do with taking something from somebody
Was so much for me not real?
I only managed to stay small by making giants out of strangers
Through the chaos I can see
All afternoon you inhale every bouquet you meet
I have to stop myself and admit I am happy

There is love that doesn’t have to do with taking something from somebody
Was so much for me not real?
I only managed to stay small by making giants out of strangers
Through the window you look out at me
I have to stop myself and admit you make me happy“

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Cursive – „Black Hole Town“


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Tim Kasher und seine Derzeit-Hauptband Cursive scheinen gerade einen Lauf in die (qualitativ) richtige Richtung zu haben: Nachdem erst im vergangenen Oktober Album Nummer acht, „Vitriola“, erschien (welches in der 2018er Endabrechnung nicht ohne Grund ANEWFRIENDs „Album des Jahres“ wurde), darf man guten Gewissens den Eindruck bekommen, dass die fünf US-Post-Hardcore-Indierocker noch die ein oder andere wütende Idee mehr im Rock-Köcher haben, schließlich legten Cursive erst vor wenigen Tagen mit dem neuen Song „Barricades“ nach, in welchem sich Frontmann Tim Kasher einmal mehr ebenso gesellschaftskritisch wie politisch gibt: Zum aufreibenden Sound seiner Band singt er aus der Perspektive verschiedener Figuren, die jeweils deutlich machen, wie sich Menschen heutzutage mehr und mehr voneinander abgrenzen.

Und nun? Gibt’s mit „Black Hole Town“ gleich noch ein ähnlich feines neues Stück, in dem Kasher vom mausgrauen Rattenrad Alltag berichtet. Dass sich beide Songs auch auf „Vitriola“ gut gemacht hätten? Spricht für den Cursive’schen Lauf. Ob bald schon ein neues Album ansteht? Bleibt zu wünschen, bleibt abzuwarten…

 

 

Edith: Und kaum schreibe ich obige Zeilen, haben Cursive mit „Marigolds“ schon wieder einen Song aus dem rege genutzten Aufnahmestudio entlassen… Fleißig, fleißig dieser Tage, Tim Kasher und seine Jungs…

 

Rock and Roll.

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