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Song des Tages: Phoebe Bridgers – „Sidelines“


Es ist jedes Mal schön und wird immer schöner, wenn Phoebe Bridgers etwas Neues von sich hören lässt. 2020 veröffentlichte die Musikerin aus Los Angeles mit ihrem Zweitwerk „Punisher“ das potentiell beste Album des Jahres, danach gab es mal hier, mal dort musikalische Kollaborationen mit Songwriting-Buddy Conor Oberst (zuletzt in einer Neuauflage seines Songs „Haligh, Haligh, A Lie, Haligh“), dem schwedischen Musiker Luminous Kid oder Taylor Swift. Metallica, Tom Waits oder US-Comedian Bo Burnham hat sie im vergangenen Jahr auch gecovert. Und wäre das alles noch nicht des Umtriebs genug, so brachte die 27-jährige Indie-Senkrechtstarterin 2020 mit Saddest Factory Records zudem ein eigenes Label an den Start, bei welchem sie den neusten Veröffentlichungen von Freunden wie Newcomern ihrerseits etwas Release-Anschubhilfe gibt (unlängst etwa Claud und Sloppy Jane, für dieses Jahr sollte man für Namen wie MUNA oder Charlie Hickey die Lauscher offen halten).

Jetzt also ein neues Lied – und damit fast automatisch ein neuer Ausflug tief hinein in die Kopfkino-Introspektion. Phoebe Bridgers freut sich darüber, dass ihre Musik Menschen solidarisch zusammenbringt und vereint – und nutzt ihre wachsende Bekanntheit ebenso dafür, um wichtige Dinge offen anzusprechen (wie kürzlich das drohende Kippen des liberalen Abtreibungsrechts in den US of A, im Zuge dessen sie offen zugab, im vergangenen Jahr selbst eine Abtreibung gehabt zu haben). Wie alle sehr guten Songwriter*innen mag sie zwar aus ihrer höchst eigenen Perspektive schreiben, dafür jedoch Themen anreißen, die so allgemeingültig sind, dass sich viele mit ihnen, mit ihr identifizieren können. Daraus entsteht dieses schöne Gefühl von Gemeinschaft, von wohliger Nähe – selbst wenn einem an so mancher Stelle die Worte fehlen, um das zu artikulieren, was Phoebe Bridgers in ihren Songs (oder eben zwischen den Zeilen) ausdrückt. Und obwohl auch sie das musikalische Rad in wilder Innovationslust nicht zum Quadrat zimmern mag, entsteht in den meisten Fällen daraus etwas zutiefst Eigenes, wundervoll schimmerndes Besonderes. File under: Naturtalent, Sprachrohr einer Generation.

Da bildet auch der neue Song „Sidelines“ keine Ausnahme. Erschienen ist das Lied als Teil des Soundtracks zur Hulu-Serie „Conversations With Friends“, einer Adaption des gleichnamigen Debütromans der irischen Autorin Sally Rooney. Wie so oft muss man aber weder den Roman gelesen noch die Serie gesehen haben, um das Lied zu verstehen, welches Phoebe Bridgers mithilfe von Marshall Vore (der auch Teil ihrer Live-Band ist) und Ruby Rain Henley verfasst hat. „Sidelines“, das ist der gesellschaftliche Außenrand, das ist das Danebenstehen und Reinblicken auf die stets im Gleichschritt taumelnde Mehrheitswelt, auf all ihre nicht selten befremdlichen Regeln und Rituale. Das ist, um im ach so superamerikanischen Gedankenkino zu bleiben, der äußere Bereich des Football-Feldes, über welches die allseits beliebten Cheerleader und Quarterbacks durchs Flutlicht laufen. Wir, die Weirdos, wir schauen uns dieses befremdliche Spektakel von außen an. Und obwohl man selbst kaum weiter davon entfernt sein könnte, ein Teil von alledem zu sein, so kann selbst das etwas Schönes haben. Oder zumindest etwas Befreiendes.

Denn ist man nicht mittendrin, dann kann man auch furchtloser sein: „I’m not afraid of anything at all“, singt Phoebe Bridgers. „Not dying in a fire / Not being broke again“. Sie hat keine Angst vor Flugzeugabstürzen, nicht vor dem tiefen Ozean, nicht davor, zur Schule zurück zu müssen, nicht davor, älter zu werden, keine Angst davor, sich allein in einem Raum voller Menschen zu fühlen – „Not of being alone / In a room full of people…“

Steht man an der Seitenlinie, am Rand, und schaut nur hinein, dann ist man von allem distanziert: „Nothing ever shakes me / Nothing makes me cry.“ Und dann? Dann ändert sich plötzlich alles, denn dann lässt man jemanden in das eigene Leben am Rand hinein und wird hinfort und zu einer neuen Mitte gezogen: „Watching the world from the sidelines“, so der Refrain, „Had nothing to prove / Until you came into my life / Gave me something to lose“. Wie so oft in Bridgers‘ Stücken geraten auch hier die Akkorde und Melodien so schön, so inniglich, dass man weinen will, bei dieser Beschreibung, wie sich das anfühlt, das Verliebtsein.

All das muss natürlich nicht bedeuten, dass man unbedingt eine Beziehung braucht, um glücklich zu werden oder das eigene volle Potential zu entfalten (wenngleich Phoebe Bridgers aktuell durchaus weiß, wovon sie singt, schließlich ist die US-Musikerin seit Kurzem mit Schauspieler Paul Mescal verlobt). Vielmehr legen die Zeilen des Songs offen, wie wichtig es ist, gemeinsam mit anderen zu sein, zu kommunizieren und Menschen zuzuhören. Wer keine neue Liebe findet, der bekommt im Zusammensein mit der Welt da draußen wohlmöglich neuen Perspektiven, neue Erfahrungen oder neue Erkenntnisse über sich selbst. „Now I know what it feels like to wanna go outside“, wie Phoebe Bridgers gegen Ende des Stückes singt. Die Welt mag nach einer langen Zeit voller Pandemien, Beschränkungen und Lockdowns – und mit dem über uns allen schwingenden Damoklesschwert eines Dritten Weltkriegs – längst eine andere sein als noch damals, 2020, als das wundervolle „Punisher“ erschien. Dennoch knüpft Phoebe Bridgers mit der kaum weniger tollen Somnambulismus-Ballade „Sidelines“, welche wohl leider ihr einiger neuer Song in diesem Musikjahr bleiben wird, nahezu nahtlos daran an.

„I’m not afraid of anything at all
Not dying in a fire, not being broke again
I’m not afraid of living on a fault line
‚Cause nothing ever shakes me, nothing makes me cry
Not a plane going down
In the ocean, I’m drowning

Watch the world from the sidelines
Had nothing to prove
‚Till you came into my life
Gave me something to lose
Now I know what it feels like
To wanna go outside
Like the shape of my outline

I’m not afraid of going back to school
I gave it up the first time, but I’ll try again
I’m not afraid of getting older
Used to fetishize myself, now I’m talking to my house plants
Not of being alone (mmm)
In a room full of people

Watching the world from the sidelines
Had nothing to prove
‚Till you came into my life
Gave me something to lose
Now I know what it feels like
To wanna go outside
Like the shape of my outline

And I used to think
You could hear the ocean in a seashell
What a childish thing“

Rock and Roll.

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