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Fiese Vorurteile? – Wenn Deutschland „Warum ist…“ googelt


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(via kraftfuttermischwerk.de)

 

Fragt man Bekannte oder Kollegen (oder einfach sich selbst) nach anderen Bundesländern, so kommen schnell so einige spontane Vorurteile und Klischees wieder zum Vorschein: Nordrhein-Westfalen ist verschuldet, Bremen kaum weniger arm, die Baden-Württemberger knausrig, die Berliner Hauptstadt zwar beliebt, jedoch auch dreckig und die Sachsen tendenziell gern rechter Gesinnung. Und die Nachbarn außerhalb Deutschlands? Die Schweiz? Teuer. Frankreich? Irgendwie schwul. Österreich? Traditionell hochnäsig und rechts. Polen? Klaut. Die Niederlande? Mal wieder bei einer Weltmeisterschaftsendrunde nicht dabei.

Klar, kein Vorurteil kann sich ohne einen wahren Kern lange halten, von daher ist an jedem dieser Affektgedanke schon etwas dran, oder?

Und glaubt man obiger Grafik, die die häufigsten Schlüsselworte bei der Google-Suche mit „Warum ist…“ in Verbindung mit den einzelnen Bundesländern sowie deutschen Nachbarländern zeigt, so denken die meisten Googler beim Stichwort „Sachsen“ tatsächlich an Pegida und Nazis, während Bayern irgendwie „anders“ ist, Sachsen-Anhalt eben einfach das „Land der Frühaufsteher“ oder Luxemburg „so reich“. Nur Rheinland-Pfalz scheint keine Google-Suche wert…

(Wen übrigens die deutschen Google-Suchtrends von 2017 interessieren, findet hier einige Informationen.)

 

Rock and Roll.

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„Bei Hitlers brennt noch Licht“ – bedrückende Zeilen von Simon Pearce


brennt noch licht

Simon Pearce ist ein in München lebender deutscher Schauspieler, Synchronsprecher und Comedian – deutscher geht’s kaum, möchte man meinen. Und trotzdem wurde Pearce seiner Hautfarbe wegen bereits seit frühester Kindheit mit Themen wie Rassismus oder Intoleranz konfrontiert, wie er kürzlich auch in einem Interview zu seinem neuen Buch „So viel Weißbier kannst gar ned trinken: Wie ich als Schwarzer in Bayern groß geworden bin“ erzählte. Da mag sich die bayrische Landeshauptstadt noch so weltgewandt geben…

Nicht nur deshalb, sondern der aktuellen Stimmungsschieflage in Deutschland insgesamt wegen verfasste Pearce, der die ganze Sache als Comedian glücklicherweise auch mit einem lachenden Auge zu nehmen weiß, bereits Ende 2016 ein Gedicht mit dem Titel „Bei Hitlers brennt noch Licht“, welches leise, leise, jedoch auf bedrückende Art und Weise an die Lyrik Erich Kästners im Vorfeld des NS-Regimes erinnert…

 

Bei Hitlers brennt noch Licht.
Es ist nie ganz erloschen,
nur eine kurze, ruhige Zeit war’s Fenster fest verschlossen.
Nur ab und zu, ganz schüchtern fast, kaum hörbar, ein Gewisper…
Man nahm’s kaum wahr und dachte sich: „Was soll’s? Da ist noch Licht an.“
Bei Hitlers brennt noch Licht – Jetzt treten sie ans Fenster.
Jetzt sieht man sie, jetzt hört man sie …
das sind keine Gespenster.
Ganz stolz und lautstark steh’n sie da, entzünden und krakeelen.
Und ihre Drohung ist ganz klar: „WIR GEHEN WIEDER WÄHLEN!“
Bei Hitlers brennt noch Licht.
Vernunft wo bist Du? Wo?
Komm‘ raus und hilf … und schalt‘ es aus.
… sonst brennt es lichterloh.

 

 

Natürlich sind Themen wie Rassismus, Intoleranz, beschränktes Denken und Dummheit kein explizit bajuwarisches Problem. Im Gegenteil: sieht man sich die vorerst amtlichen Wahlergebnisse an, so wird die AfD in meiner alten sächsischen Heimat mit besorgniserregenden 27 Prozent stärkste Kraft.

*hust*

Ich entschuldige mich nun bereits im Voraus für mein Fehlen an Contenance, aber: Geht’s noch?!? Ich verstehe ja, dass ihr – sorry, aber das kommt von Herzen – Trottel und Vollpfosten, die ihr „der Merkel“ eins auswischen wollt, nun eure Chance gekommen saht, aber hat sich auch nur ein Drittel von euch Wutsparlämpchen einmal das total verquere Wahlprogramm der AfD durchgelesen? Mal ehrlich (und: ja, euch bleibt in diesem Fall meine Polemik nicht erspart): verstehendes Lesen – funktioniert das überhaupt bei euch? Ja? Hm… Ihr wolltet doch mit euren vier zu zwei Kreuzen geformten Strichen bestimmt nur „ein Zeichen setzen“, habe ich recht? Wenn demnächst wieder irgendwelche Flüchtlingsheime brennen oder stramme Hinterlandskameraden mit ihren blank polierten Köpfchen zum Fackelumzug ansetzen, dann war das „ja alles nicht so gewollt“, stimmt’s? Natürlich, ist schon klar – es ging ja bei dieser Wahl um Frisuren, Drei-Tage-Bärte, um stylische, Vertrauen erweckende Schwarz-weiß-Bilder und Urlaubsfotos. „Wohlfühl-Mutti“. „Protest-AfD“. Um einen „Denkzettel“

Und obwohl ich weiß, dass dies am Ende in vielen Fällen die Falschen treffen würde, und mir mein Herz bei im Grunde pauschalen Aufforderungen wie dieser blutet, so bitte ich doch all jene, die in den nächsten vier Jahren einen Trip in so schöne, eigentlich in vielfacher Hinsicht lohnenswerte Städte wie Leipzig oder Dresden planen oder geplant haben: Bitte seht davon ab. Nehmt euch meinetwegen Berlin oder Hamburg, meinetwegen auch Köln oder Stuttgart oder welche deutsche Stadt auch immer vor. Lasst Sachsen mal rechts liegen. Die Menschen da scheinen aktuell ganz andere Problemchen zu haben und mit einem Ausländeranteil von sage und schreibe knapp vier Prozent bereits überfordert zu sein. Wer sich Brett-vorm-Kopf-Maximen wie „Fremde sind gut, solange sie Fremde bleiben“ schon so zu Herzen nimmt, der verdient es leider nicht anders, als für die kommenden vier Jahre mit all den Gaulands, Petrys, von Storchs, Weidels oder Höckes in seiner eigenen braunen Gesinnungssoße zu schmoren. Soll sich doch einer wie Alexander Gauland „unser Volk“ und „unser Land“ unweit der polnisch-tschechischen Grenze zurück holen (das hat ja schließlich vor knapp 80 Jahren schon einmal so prima funktioniert) und im sächsischen Hinterland, gemeinsam mit all jenen Gestrigen, die meinen, „auf der Strecke geblieben“ zu sein, seinen Stolz auf deutsche Soldaten und aufs „deutsche Vaterland“ ausleben. Ganz ehrlich: Haltet den Boykottieren den Spiegel vor und lasst sie ihre häßliche Schaum-vorm-Mund-Fratze einmal selbst zu Gesicht bekommen. Bastelt Schilder auf denen steht: „Deutsche! Wehrt euch! Kauft nicht bei AfD-Wählern!“ – auch das war ja anno dazumal ein Ding von all jenen, von denen sich die AfD-Spitze – wohl aus guten Gründen – nicht klar distanzieren möchte.

Ich schreibe hier klar und entschieden, dass die AfD für mich lediglich einen Haufen von hasserfüllten, gestrigen, profilierungsgeilen Möchtegern-Politikern darstellt. Dass keiner von ihnen „dumm“ ist und der Großteil einen Doktortitel inne zu haben scheint, macht die ganze Sache keineswegs besser (ob sich hier Querverweise zu zweifelhaften „Persönlichkeiten“ wie Hermann Göring oder Joseph Goebbels, darf jeder gern selbst entscheiden). Auch Äußerungen seitens Herrn Gaulands am gestrigen Wahlabend, dass man in den kommenden vier Jahren die amtierende Bundeskanzlerin „jagen“ wolle, verbieten sich – da lasse sich weder Opas stattliche 78 Lenze noch die Euphorie des Wahlergebnisses als Entschuldigung gelten. In einer Demokratie, die die AfD ja im Wahlkampf mehrfach vehement auch für sich eingefordert hat, „jagt“ man keine Menschen – weder metaphorisch, noch verbal, noch politisch, noch sonstwie. Punkt.

Sollten irgendwem meine – freilich recht deutlichen – Zeilen nicht ins Gemüt passen, so würde ich mich freuen, wenn er, sie oder es diesem Blog fortan fern bleibt. Man gestehe mir die Wut zu, die manch einer dieser „Protest-Wähler“ beim Setzen seiner zwei Kreuzchen hatte – auch wenn ich, das gebe ich an dieser Stelle Frank und frei zu, nach langer und reichlicher Überlegung nicht gewählt habe. Die Wege stehen euch freilich frei: Entzieht diesem Blog euer „Like“, löscht ihn aus eurer Lesezeichenliste, „entfreundet“ mich gern auf Facebook (falls ihr mich da persönlich drin haben solltet). Oder – und das muss ein Mensch in einer Demokratie ab können – sucht das konstruktive Gespräch mit mir.

Noch einmal, in aller Deutlichkeit: Die AfD steht für mich vor allem für drei Dinge: gestrige Gedanken, verachtenswerten Populismus und Hass. Und gerade Hass – beziehungsweise negative Gefühle gegenüber alles und jedem – bringt keinen von uns voran, sondern Politiker wie Gauland, Weidel und Co. zunächst einmal nur in den Bundestag (wo sie sich in den kommenden vier Jahren – so bleibt zu hoffen – parteiintern aufreiben werden). Vor vielen Jahren wurde schon einmal „Protest“ gewählt und Hass geerntet. Und obwohl ich fest daran glaube, dass sich Geschichte wiederholt, so hoffe ich doch, dass es dieses Mal nicht so sein wird…

Peace. Over and out.

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Playfellow – „Stripped“


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Ich glaube, es ist mal wieder Zeit, eine Lanze für meine sächsischen Landleute zu brechen – um musikalischen Sinn. Genauer: für Playfellow.

Klar, mittlerweile habe nicht nur ich die 2003 gegründete Band aus dem beschaulichen Chemnitz auf dem Schirm. Chemnitz? Chemnitz?!? Ja, die 250.000-Einwohner-Stadt – nach Leipzig und Dresden die drittgrößte Sachsens – kann durchaus mehr vorzeigen als Kraftclub, den „Nischel“ und den breitesten sächsischen Dialekt, den man sich nur vorstellen kann – wer’s nicht glaubt, der darf sich gern das ein oder andere Interview mit Playfellow zu Gemüte führen…

unnamedAnyways. Mit ihren 2010 und 2015 veröffentlichten letzten Alben „Carnival Off“ und „Ephraim’s House“ haben die Chemnitzer auch außerhalb ihren provinziellen Heimat längst für aufgestellte Ohren gesorgt. Zu recht? „Ohne anmaßend klingen zu wollen, ist es eine echte Überraschung, dass diese glasklare Rockmusik mit, ja, Post-Rock-Anleihen und mit den lupenreinen englischen Texten nicht etwa aus Chicago oder Montreal, sondern aus Chemnitz kommt.“ schrieb plattentests.de etwa bereits 2010, „Träumerischer Postrock mit Ambient-Momenten plus Bock, Verzweiflung und die Kreativität einer ganzen Dekade.“ intro.de fünf Jahre später zu und über „Ephraim’s House“. Klar, die Mischung aus Indie-Rock-, Folk- und vor allem auch Noise- oder cinematoskopischen Post-Rock-Elementen hat schon etwas ganz Spezielles an sich, das zwar in seiner – bei genauerem Hinhören – strengen Art doch schon irgendwie deutsch klingt, andererseits so auch aus Hamburg, Köln, Weilheim, Münster oder München stammen könnte. Und obwohl mich selbst weder „Carnival Off“ noch „Ephraim’s House“ – aller Verweise auf geliebte Bands von Radiohead über Sigur Rós bis Kashmir zum Trotz – auf Albumlänge gänzlich überzeugen konnten, bleibt die fünfköpfige Band aus Ex-Karl-Marx-Stadt eine, die man durchaus auf dem Schirm haben sollte.

Beweisstück No. 2.546 hierfür: die Coverversion des Depeche-Mode-Evergreens „Stripped“ (jaja, den Song haben sich auch die Ur-Teutonier von Rammstein bereits zur kruppstählernen Brrrrust genommen), welche Playfellow bereits im März 2016 online stellten. Sechseinhalb Minuten internationales musikalisches Niveau – die Chemnitzer Antithese.

 

 

Rock and Roll.

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Sammeln gegen das Vergessen – die DDR-Kulturgeschichte im Keller


Foto: Foto Peter Endig / dpa

Foto: Foto Peter Endig / dpa

Natürlich gibt es grob geschätzte 1,8 Milliarden wichtigere Dinge auf der Welt, aber jedem Musikfetischisten und nostalgischen Anhänger der Kultur eines Landes, das es nun seit 25 Jahren so nicht mehr gibt (und in dem ich selbst einen guten Teil meiner – frühen – Kindheit verbracht habe), dürfte das aus Vinyl geschnitzte Hörerherz be einer Geschichte wie der von Uwe Winkler aufgehen. Gut, dass diese nun im Rahmen der MDR-Reihe „Außenseiter, Spitzenreiter“ festgehalten wurde…

Zitat dpa:

„Jesewitz (Sachsen) – Ein nur wenige Quadratmeter großer Kellerraum beherbergt das akustische Erbe der DDR. Dort sind Regale von der Decke bis zum Fußboden mit Schallplatten gefüllt.

Die mehr als 15 000 Alben, die sich hier aneinanderreihen, stammen alle aus einem Land, das es nicht mehr gibt. «Mein Ziel ist es, von jeder Schallplatte, die in der DDR für den Normalbürger erhältlich war, ein Exemplar zu haben», sagt der Sammler Uwe Winkler aus dem sächsischen Jesewitz. Seinem Traum ist er schon sehr nahe gekommen.

Es waren zwei Daten in seinem Leben, die die Sammelleidenschaft befeuerten: Einerseits das Weihnachtsfest nach seinem 13. Geburtstag, an dem er einen Plattenspieler geschenkt bekam. «Im darauffolgenden Sommer hat mir mein Opa die ersten drei Platten gekauft», erinnert sich Winkler. Das zweite Datum ist mit weit weniger schönen Erinnerungen verknüpft. 2003 wurde bei dem staatlich geprüften Feuerwerker eine schwere Erkrankung diagnostiziert.

«Da habe ich mir ein Ziel gesteckt, das mich durch die Zeit der Chemotherapie gebracht hat», sagt er. Und dieses Ziel bestand in nichts weniger als dem Wunsch, alle jemals in der früheren DDR erschienen Schallplatten zusammenzutragen. Dabei sind die Platten für ihn durchaus mehr als reine Sammlerstücke: Mit klassischer Musik untermalt er bisweilen von ihm gestaltete Feuerwerke, Aufnahmen mit Hörfassungen deutscher Klassiker kamen seiner Tochter im Unterricht am Gymnasium zugute.

Wie der Sammler berichtet, waren im VEB Deutsche Schallplatten Berlin sechs verschiedene Marken zusammengefasst. «Amiga stand Anfangs für Unterhaltungsmusik allgemein, später für Rock und Pop, während Eterna die klassische Musik repräsentierte», beginnt Winkler die Aufzählung. Auf Nova wurden die Werke zeitgenössischer Komponisten – vor allem die von Hans Eissler verfassten Stücke – veröffentlicht. Schola hieß das Label, auf dem Platten für den Schulunterricht erschienen. Litera stand für Literaturaufnahmen. Aurora schließlich war die Sparte für Arbeiterlieder.

Es sind aber nicht die sechs verschiedenen Labels, die Winkler die Sammelei erschweren. «Zu jedem Mist gibt es Listen, nur zu DDR-Schallplatten nicht», ärgert er sich. Der letzte Katalog des VEB Deutsche Schallplatten umfasst nur die Ausgaben bis 1972, die danach erschienenen Platten sind seines Wissens nirgendwo verzeichnet.

«Die größten Lücken in meiner Sammlung sind bestimmt Titel aus der Wendezeit, in der sich niemand mit DDR-Platten beschäftigt hat», ist sich Winkler sicher. Und auch bei den Singles, den kleinen Schallplatten mit zwei oder auch vier Titeln, ist eine komplette Sammlung nur schwer zu verwirklichen. «Da ist vieles weggeworfen worden.»

Selbst das Deutsche Musikarchiv, das die in Deutschland auf den Markt gekommenen Tonträger sammelt und katalogisiert, tut sich schwer damit, die in der DDR erschienenen Platten zu erfassen, weil erst 1970 mit dem Sammeln begonnen wurde. «Das Deutsche Musikarchiv hatte, trotz seines Sitzes in Berlin West, ein Abkommen mit dem VEB Deutsche Schallplatten, dass sie die Produktionen geliefert bekommen», erläutert Franziska Bohr von der Deutschen Nationalbibliothek in Leipzig. «Nach unseren Katalogrecherchen dürfte es für den VEB Deutsche Schallplatten in unserem Bestand circa 11 200 Schallplatten geben.»

Die Sammlung von Uwe Winkler versetzt sogar den letzten Amiga-Label-Chef Jörg Stempel ins Staunen. «Mir fällt niemand ein, der so außergewöhnliche Raritäten besitzt», sagt Stempel. Als Beispiel nennt er eine Platte des Blues-Musikers Stefan Diestelmann aus dem Jahr 1984. «Die wurde am Tag vor dem Verkaufsstart zurückgezogen, nachdem Diestelmann im Westen geblieben war.» Nur ganz wenige Exemplare gerieten über nicht mehr nachvollziehbare Kanäle in die Hände von Sammlern, eines steht im Kellerregal von Uwe Winkler.

Dessen Lieblingsplatte ist indes keine Produktion des VEB Deutsche Schallplatten Berlin. Es ist das Vinyl-Doppelalbum «The Ladder» der britischen Progressive Rock-Legende Yes.“

 

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: John Frusciante – „Going Inside“


Going Inside

Eine Schreibblockade. An sich ja nichts Schlimmes, immerhin kann auch der regelmäßigsten Blogger eine kleine Pause dann und wann gut tun. Aber in diesem, in meinem Fall sind die Ursachen höchst unschöner Natur…

Seit gut einem Jahr lebe und arbeite ich nun schon in Maastricht, dem beschaulich schönen 122.000-Einwohnerstädtchen im holländisch-belgisch-deutschen Dreiländereck. Exakt 700 Kilometer trennen mich seit eben jener Zeit von meiner sächsischen Heimat. Normalerweise macht mir das nichts aus – man(n) hat ja Facebook, Skype und wasweißich für technische Hilfsmittel, um den regelmäßigen Kontakt zu Familie und Freunden aufrecht zu erhalten. Doch in den letzten Tagen hätte ich wohl – gefühlt – ebenso in Australien, China oder der Antarktis festsitzen können. Die gesamte vergangene Woche pendelte ich in Gedanken ständig zwischen meiner neuen und alten Heimat hin und her, verfolgte die Berichterstattungen im Fernsehen und klickte unzählige Male auf den Refresh-Button sämtlicher Newsfeed-Angebote. Selten war eine so profane Redewendung wahrer: Kaum etwas interessierte mich mehr als die Wasserstandsmeldung der Elbe. Denn das kleine sächsische Örtchen, aus dem in stamme, liegt nur gut 6 Kilometer von eben jenem Fluss entfernt, an dem ich in meiner Jugend so viel Zeit verbracht habe und an den ich noch heute unzählige Erinnerungen knüpfe. Und so stand ich jeden Morgen mit einem mulmigen Gefühl in der Magengegend auf, das sich auch im Laufe des elendig lang erscheinenden Arbeitstages nicht legen sollte. Würde der Pegel weiter steigen? Würden die Sandsackdämme halten? Beinahe jede neue Meldung verhieß nichts Gutes. Keine Nachricht von meiner Familie im Posteingang, kein Anruf. Keine Nachrichten sind am Ende doch gute Nachrichten – richtig? Mehr als einmal habe ich daran gedacht, hier alles stehen und liegen zu lassen, ein paar Tage frei zu nehmen, mich für jeweils acht Stunden ins Auto zu setzen und in die Heimat zu fahren. Zum Sandsäcke befüllen, zum Sandsäcke schleppen. Um wasweißichauchimmer zu tun. Um zu helfen! Doch ich habe es nicht getan. Ich saß auf Arbeit. Ich habe, so gut es eben ging, versucht, in meinem Alltag zu bleiben, abzuwarten. Und am Ende saß ich Abend für Abend vor dem Lichtschein meines Macs, unfähig zu schreiben. Ein Teufelskreis aus Bedrückung und Abwarten. Musik? Nebensache – eine wahrlich schöne zwar, aber immer noch: eine Nebensache. Innerliche Zwangspause. Schreibblockade.

Und da es in der Tat viele Dinge geben mag, nur eben keine Zufälle, hat gestern ein Lied, das nie so ganz weg war, zurück zu mir gefunden: „Going Inside“ von eben jenem Mann, den mein Herz für den wohl genialsten Gitarristen hält, der jemals ein Tonstudio betreten hat: John Frusciante. Und da dies kein Zufall sein kann, versetzte mich eben jenes Stück zurück ins Jahr 2002, als schon einmal der Wasserpegel der Elbe – glücklicherweise – unweit meines Elternhauses zum Stehen kam. Auch damals verbrachte ich die schlimmsten Tage im Ausland und erkundete als frisch gebackener Abiturient für eine Woche die französische Hauptstadt. (Liest sich surreal? Fühlte sich auch so an!) Und in eben jenem Urlaub fand mit Frusciantes Soloalbum „To Record Only Water For Ten Days“ eben jenes Album den Weg in meine Plattensammlung, welches bis heute zu meinen absoluten Lieblingsalben zählt. Nicht aufgrund irgendeiner Perfektion, denn als „perfekt“ – nach klassischem Verständnis – kann man jene 42 Minuten schwerlich bezeichnen. Nein, definitiv aufgrund seiner Emotionalität. Seiner Fragilität. Der Hintergründe, welche den Künstler zu eben jenem Werk führten. Vor allem jedoch: aufgrund der vielen Erinnerungen, welche auch elf Jahre später noch vor meinem geistigen Auge vorbei ziehen… Paris im Sonnenschein, die Avenue des Champs-Élysées, welche sich links und rechts der vielen Regenschirme erstreckte, Père Lachaise und Jim Morrisons Grab, der Eifelturm, Sacré-Cœur… All diese Dinge. Jedoch auch die Abende, in denen französische Nachrichtensprecher in schnellen Worten Bilder vom Hochwasser in der sächsischen Heimat unterlegten.

(Regelmäßigen Lesern von ANEWFRIEND mag diese Geschichte wohl bekannt vorkommen. Alle anderen finden hier mehr dazu…)

Und obwohl John Frusciante mittlerweile – erneut – seinen Gitarrengurt bei den Red Hot Chili Peppers an den Nagel gehängt, den Posten an seinen ehemaligen Adjutanten Josh Klingenhoffer weitergereicht hat und Musik fabriziert, die ich kaum mehr als solche erkennen mag – und mit ihr folglich nichts anfangen kann, leider -, hörte ich gestern nach langer Zeit wieder einmal „Going Inside“ und „To Record Only Water For Ten Days“, ein Album dass mich in meinem Leben bereits mehr als einmal aus meiner Lethargie befreit hat. Danach entschloss ich mich zum Schreiben eben jener Zeilen. In der Hoffnung, dass in Sachsen die schlimmsten Fluten vorüber gezogen sein mögen. Meinen Kopf mag ich in den vergangenen Tagen Maastricht gehabt haben – mein Herz war immer in der Heimat, während den Fingern eine Schreibblockade auferlegt wurde… Die Hoffnung, sie lebt. Das Leben geht weiter, immer weiter – in jedem Fall. Auch und vor allem Mr. John Frusciante weiß das…

 

 

„You don’t throw your life away 
Going inside 
You get to know who’s watching you 
And who besides you resides 
In your body 
Where you’re slow 
Where you go doesn’t matter 
‚cause there will come a time 
When time goes out the window 
And you’ll learn to drive out of focus 
I’m you and if anything unfolds 
It’s supposed to 
You don’t throw your time away sitting still 
I’m in a chain of memories 
It’s my will 
And I had to consult some figures of my past 
And I know someone after me 
Will go right back 
I’m not telling a view 
I’ve got this night to unglue 
I moved this fight away 
By doing things there’s no reason to do“

 

Rock and Roll.

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