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Mein Senf: Harry, Dianas postume Zeitbombe


Lady Di und Charles mit Harry (links) und William im Jahr 1995 (Foto: afp)

Am Tag, als Diana Frances Spencer starb, waren ihre Söhne William und Harry 15 und 12 Jahre alt. Mit ihrem Sterben am 31. August 1997 in einem Tunnel in Paris, an der Seite ihres letzten Liebhabers Dodi al-Fayed, geschah etwas Unbegreifliches: eine Geschichte, die so tragisch war, dass man sie kaum einem Romanautor abnehmen würde, wurde Wirklichkeit. Aufstieg und Leiden der Prinzessin Diana hatten die Welt über fast zwei Jahrzehnte träumen und trauern, staunen und schäumen lassen. Im Nachhinein mag man das grausame Ende als fast zwangläufige Volte des Schicksals sehen. Damals aber löste sie eine Schockwelle auf, die den Globus erzittern und süffisant schluchzen ließ wie zuvor vielleicht nur das Attentat auf John F. Kennedy.

Die damals ohnehin fast absurde Heiligenansehung der ehemaligen Kindergärtnerin, die es kurzzeitig bis zur zukünftigen Königsgattin geschafft hatte (und postum als „Königin der Herzen“ noch berühmter wurde als ohnehin schon), überdeckte dabei wie glitzernder Mehltau die wahre Geschichte einer dysfunktionalen, aber in ihrem Scheitern im Grunde auch nicht sonderlich außergewöhnlichen Familie. Gut, es war ein Kostümdrama (welches unlängst für die „Netflix“-Serie „The Crown“ in Skandaleskem badend ausgeweidet wurde), es gab als besondere Ereigniskarten die strengen und vielleicht bizarren Regeln der Monarchie. Im Grunde genommen aber war es so: Eine Ehe scheitert. Zurück bleiben der Gatte und die Gattin, die einander die Schuld geben – und eben zwei kleine Söhne.

Eine Alltäglichkeit? Natürlich, schließlich müssen Millionen Familien landein, landaus mit solchen Situationen leben und kommen damit zurecht – mal mehr, mal weniger gut. Selten scheitert das Leben danach so brachial wie im Falle Windsor gegen Spencer. Die Erschütterungen sind bis heute spürbar, also auch nach mehr als 25 Jahren noch. Der Rache – und der Geldgierfeldzug, den Dianas jüngerer Sohn, Harry, gerade mit dem lautest denkbaren Kampfgebrüll gegen seine abseits bekannte royale Rest-Familie führt, wäre ohne das Schicksal der Prinzessin für ein Jahrzehnt und ihre seltsam und doch so erfolgreich kaschierte Egomanie nicht denkbar. Um es auf den Punkt zu bringen: wäre Diana eine gute Mutter gewesen, würde ihr Sohn heute vielleicht nicht der Ego-Berserker sein, der er eben ist.

Aber sie war es nicht, im Gegenteil. Denn anstatt sich in angemessenem Maße um ihre Kinder zu kümmern, beschäftigte sie sich vielmehr mit einer anderen, ihr wohlmöglich viel wichtigeren Person: mit sich selbst. Steile Thesen? Gibt’s anderswo.

Doch zurück zu jenem verhängnisvollen Augusttag im Jahr 1997: Den Morgen ihres Todestages hatte die damals 36-Jährige noch vor Sardinien begonnen, mit Croissants und Konfitüre auf einer Luxusyacht. Von dort aus trat Diana die verhängnisvolle Reise nach Paris an, wo sich die ehemalige Prinzessin mit ihrem neuem Liebhaber Dodi al-Fayed weiteren Zerstreuungen hingeben wollte. Denn Paris und auch Sardinien waren nur kurze Etappen eines heiteren Sommers, den Diana – fernab ihrer britischen Heimat und ihrer Kinder – verbrachte. Sicher: in deren Schulferien hatte man -wohlmöglich aus Pflichtschuld, wohlmöglich aus tatsächlicher Mutterliebe – gemeinsame Tage verlebt, aber anschließend begann Diana eine vielwöchige Reise durch Europa. Sie flog nach Mailand zur Trauerfeier für den ermordeten Modeschöpfer Gianni Versace, dann weiter zum Mittelmeer, wo sie auf der Yacht des Harrod´s-Erben al-Fayed eincheckte und in See stach. Zwischendurch lag ein Besuch in Bosnien-Herzegowina für eine Kampagne gegen Landminen.

Letzteres ist ehrenvoll, keine Frage, wie viele Charity-Projekte, die die ehemalige Princess of Wales anführte. Immer dabei, natürlich, denn wer Aufmerksamkeit braucht, benötigt die Presse: Paparazzi, Kamerateams, Journalisten. Das symbiotische Verhältnis zwischen Spencer und den Medien hatte sich seit ihrem Eintritt ins britische Königshaus in den frühen Achtzigern stetig entwickelt und war für beide Seiten äußerst lukrativ. Vor allem in den Jahren des Scheiterns ihrer Ehe mit Charles hatte Diana gelernt, wie man mit der Öffentlichkeit umgeht. In dem 1992 erschienenen Buch „Diana – ihre wahre Geschichte“ ließ sie sich von Andrew Morton als betrogene Unschuld vom Lande portraitieren, die, vom Gatten verhöhnt und vom Palast schikaniert, Jahre der Qual hinter sich hatte. Doppelmoral, ick hör‘ dir trapsen, denn ihre eigenen inner- und später außerehelichen Beziehungen zu unter anderen einem Reitlehrer und einem Herz-Chirurgen wurden ihr von der Öffentlichkeit verziehen. Und als ihr Image etwas ins Wanken geriet, gab sie Martin Bashir im Jahr 1995 ein legendäres Tränen-Interview. Das hörte sich dann – sie spricht über Charles – so an: „Ja, ich habe ihn vergöttert. Ja, ich war verliebt in ihn. Aber ich bin schrecklich im Stich gelassen worden.“ Dazu ihr Signature-Blick, ganz scheu und unschuldig, Kulleraugen nach oben, hollywoodreifes großes Kindchenschema-Kino.

Tatsächlich war Diana die Hohepriesterin der Meinungsbildung und der zufällig bestellten Fotos – man erinnere sich etwa an die sinnierende Bikini-Di im Bugspriet der Dodi-Yacht. Klatsch funktioniert durch immense Aufmerksamkeit, funktioniert dadurch, dass Menschen ihre eigenen Gefühle mit denen derer abgleichen, die es (vermeintlich) zu etwas gebracht haben – beispielsweise vom Kindergarten nach Kensington. Dieses Foto von Irgendwo in Jetsetistan sagt: Ja, sie bewegt sich zwar seit jeher in anderen Sphären und ist jetzt zwar mit einem etwas extrovertierten Multimillionär zusammen, aber, seht her – sie ist eine nachdenkliche Frau in den Dreißigern, die sich nichts vorschreiben lässt! Diana ließ sich von den besten Fotografen der Welt ablichten, in allen Rollen, die ihr gerade hilfreich erschienen: mal in der großen Robe der Society-Lady, mal mit kugelsicherer Weste. Diana, die Poserin. Ready as fuck for Instagram before it was even invented. Von Menschen wie ihr, sagte sie einmal, würden nur Bilder übrig bleiben. Damit könnte sie durchaus recht haben. Naja, und eine nun ihr gewidmete Schnulze von Elton John, die dieser ursprünglich 1973 in Gedenken an Marilyn Monroe (noch so eine gleichsam tragische wie polarisierende Persönlichkeit) geschrieben hatte…

Obwohl die Bilder höchst selten die ihnen zugedachte Wirkung verfehlten, war Diana Spencer – man kann’s kaum oft genug erwähnen – immer sehr mit sich selbst beschäftigt. Sie, die vorher haargenau und detailliert gewusst hatte, welche besonderen Anforderungen die Ehe mit Charles Philip Arthur George, nun König Charles III., an sie stellen würde, begann bald, sich über ihr Schicksal zu beklagen. Das Königshaus wusste damals nicht damit umzugehen – und weiß es heute angesichts des Flächenbombardements von Harry und seiner Ehefrau Meghan, einer ehemaligen amerikanischen Serien-Nebendarstellerin, kaum besser.

Außerhalb der Palastmauern wurde Dianas dauerndes Wehklagen allenthalben mit nach zerstreuendem Klatsch gierendem Genuss und offen kundgetanem Verständnis aufgenommen: War nicht genau dies der dunkle Punkt der in die Jahre gekommenen, angestaubten Monarchie, der Beweis dafür, dass, sich eine Königin zu halten, ihre Familie und Hofstaat zu unterhalten, absolut unmodern war? Brauchte es nicht ebensolche Frauen wie Diana? Brauchte es überhaupt noch eine Monarchie?

Rückblickend darf man durchaus feststellen, dass Diana ihre Mission Disruption des britischen Königshauses Jahrzehnte bevor der Begriff zum Allerweltswort wurde, begonnen und erfolgreich durchgeführt hat. Ihre Söhne, einer von ihnen (William) als zukünftiger König bestimmt, waren ihr dabei Instrument, jedenfalls nach der Scheidung. Vor allem Harry, ihr im Charakter ähnlicher, übernahm früh ihre Missgunst gegenüber dem Hof und dessen engem Reglement. Fotos zeigen Diana mit ihren Söhnen als fröhliches Trio, Botschaft: nur bei der Mama geht es den jungen Prinzen wirklich gut. In Wahrheit verbrachte Diana mehr Zeit mit sich selbst, als es ihre Kinder wohl gebraucht – und in jedem Fall verdient – hätten. Sie machte William und Harry zu Spielbällen zwischen sich und dem Hof, obwohl sie sie davor hätte bewahren müssen.

Als nach der Scheidung im August 1996 die offiziellen Gala-Auftritte beendet waren, schuf sich Diana eine Welt, in der sie selbst der Mittelpunkt war – und alle folgten ihr. Die Charity-Prinzessin der Herzen war geboren und wurde zur beste Auflagen und Einschaltquoten versprechenden weltweiten Mega-Marke. Vom Palast großzügig versorgt und ausgestattet, ging es dabei weniger um Geld als um die mächtigste Währung der Welt: Aufmerksamkeit. Heute wären es Klicks bei Instagram und Co, damals waren es Cover auf Klatschillustrierten und Modemagazinen. Die vor allem in England gleichsam omnipräsenten wie einflussreichen Yellow-Press-Tabloids musste man in Kauf nehmen.

Ihre Söhne waren im Internat, so ist das mit Königssöhnen (ihr Vater etwa verbrachte einen Großteil seiner Schulzeit auf einem Internat in Schottland). Aber es ist hart für Kinder aus gescheiterten Ehen. Erst recht, wenn beide Eltern voll berufstätig sind, beide in zeitraubenden Jobs. Der Vater als künftiger Thronfolger gut eingespannt im Königshaus-Business, die Mutter auf der nie endenden Ego-Tour. Diana jettete um die Welt, mal in wohltätiger, mal in Lust-und-Laune-Fotomission. Liebhaber kamen und gingen, sieben von ihnen listet etwa das Expertenmagazin für gehobenen Klatsch, der „Stern“, auf. Jeder ermöglichte der gewesenen Prinzessin einen Lebensstil, der den unermesslichen Reichtum der Windsors nicht konterkarierte, sondern spiegelte. Nein, Diana mag wohlmöglich ein Herz für die Armen, die Benachteiligten besessen haben, war jedoch keineswegs bescheiden. Sie war eine junge Frau, die Genuss hatte am süßen Leben des Jetsets.

Wo blieben da William und Harry? Wo blieben die Söhne? In Eton, dem Internat, beim Vater, bei der Großmutter und natürlich – wenn Ferien waren – auch bei Diana. Doch wie oft mögen sie ihre Mutter vermisst haben, in den alltäglichen Nächten? Sicher, man konnte telefonieren. Aber ersetzt das die Umarmung? Selbst der tröstende Satz „Wenn es ganz schlimm wird, komme ich dich holen“ konnte kaum fallen, wenn Diana gefühlt am anderen Ende der Welt, vielleicht mit ihrer „großen Liebe“ Hasnat Khan, weilte. Liebe ist Nähe. Vor allem die zwischen Mutter und Kind.

Nein, natürlich ist die Rabenmutter Diana nicht für alles verantwortlich, was vor allem Harry in späteren Jahren trieb und jetzt munter und PR-trächtig und einträglich in seiner Jammerographie „Reserve“ berichtet: Das Kiffen, das Koksen, die Entjungferung hinter dem Pub, die Nazi-Uniform als selten dämlicher Kostümpartyspaß, der Kampfeinsatz als britischer Soldat in Afghanistan, der immerfort schwelende, latente Rassismus hinter Palastmauern, die Prügelei mit seinem blaublütigen Bruder. Das meiste geschah, als die ehemalige Prinzessin, als ihre Mutter schon tot war. Doch die erzieherischen Grundlagen zur Wesensbildung werden früh gebildet. Sicher, Charles möchte man nicht zum Vater, Camilla kaum zur Stiefmutter gehabt haben. Aber wäre nicht gerade deshalb Dianas Aufgabe gewesen, da sie den beiden ja in Abneigung verbunden war und deren Gefühlskälte sie immer beklagt hatte, sich um ihre Söhne zu kümmern?

Harrys Buch, das in dieser Woche erschien, heißt „Reserve“ – und der Titel belegt schon all den Kummer des ehemaligen Prinzen darüber, eben – sowohl optisch als auch gefühlsmäßig – nicht in der ersten Reihe zu stehen, sondern hinter seinem Bruder, William. In dem Buch beschreibt es Harry, der auch bei seinem Vater den Spitznamen „Spare“ (also „Reserve“) trug, so: „Der ‚Heir‘ und der ‚Spare‘, der Erbe und die Reserve – es lag keine Wertung darin, aber auch nichts Missverständliches. Ich war der Schattenmann, die Stütze, der Plan B. Ich wurde geboren für den Fall, dass William etwas zustieß. Wurde hierher beordert, um ihm Ablenkung und Zerstreuung zu verschaffen und, wenn nötig, ein Ersatzteil. All das wurde mir schon zu Beginn meines Lebensweges glasklar zu verstehen gegeben und auch später regelmäßig aufgefrischt.“ So wie sich seine Mutter nicht mit ihrer Rolle am Hofe abfinden konnte, kann es auch ihr jüngster Sohn nicht. Eine Zeitlang sah es aus, als ob Harry klüger sei als die Mutter, auch, um seine eigenen Kinder zu schützen. Doch seine (mehr oder minder) stille Flucht aus dem Königshaus – mit der sich alle abgefunden hatten – war nur die Ouvertüre zu einem multimedialen Schlag gegen seine Familie und damit die Institution, die ihm bis dahin ein vergleichsweise sorgenfreies Leben ermöglichte. Erst war da, im Jahr 2021, ein tränenreiches Interview bei „Oprah“, dann unlängst die unter großem Tamtam angekündigte „Netflix“-Serie, eine Art verfilmte „Bunte“ mit Harry und vor allem seiner ach so bemitleidenswerten Gattin aus den US of A. Dann leakte – ob nun durch einen Fehler oder eben skandalträchtiges Kalkül – das Buch ein paar Tage im Voraus, dann kam ein weiteres Interview. Seit „God Save The Queen” von den Sex Pistols und Andrew Mortons Skandal-Biografie über Lady Di dürfte keine Veröffentlichung mehr royal müffelnde Schockwellen durch das altehrwürdige United Kingdom gejagt haben als die just erschienenen „Enthüllungen“ von Prinz Harry. Und nun? Ist der Schaden nicht mehr abzuwenden – für alle.

Frappierend ähnlich erscheinen hierbei die Parallelen im Umgang mit der Wirklichkeit von Mutter und Sohn. Beide betonten immer wieder, wie fatal für sie der Verlust von Privatsphäre in den Strukturen des Königshauses war. Nur um dann, diesem güldenen Käfig endlich entkommen, mit einer Macht in die Öffentlichkeit zu streben, wie man es sonst nur von Kandidaten bei Unterschichtenunterhaltungsformaten wie „Ich bin ein Star, holt mich hier raus!“ kennt, und sich lauthals über das eigene Schicksal auszumären. Komm‘ her, geh‘ weg. We love to entertain you. Diana war auch hier für Harry, der sie verehrte, ein schlechtes Beispiel. Oder, etwas robuster geschrieben: Die Zeitbombe, die Diana – ohne Rücksicht auf das Seelenheil ihres Sohns – den verhassten Royals zum Abschied in den Palast gelegt hat. Shot’s fired.

Rock and Roll.

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Song des Tages: Lorde – „Perfect Places“


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Vergesst all die Madonnas, Beyoncés, Katy Perrys, Rihannas, Lady Gagas, ja sogar all die Taylor Swifts – Ella Marija Lani Yelich-O’Connor ist im Jahr 2017 die nahezu perfekte, da gerade nicht perfekte Queen of Pop. Wohlmöglich sogar, ohne das wirklich zu wollen.

41X43hd--cLEin Geheimtipp ist die heute 20-jährige Neuseeländerin, besser bekannt als Lorde, freilich längst nicht mehr. Spätestens seit sie 2013 mit ihrer Debüt-Single „Royals“ quasi aus dem neuseeländischen Nichts die gesamte Popwelt auf links drehte und sich über Nacht vom Außenseiter zum Spitzenreiter mauserte: „And we’ll never be royals / It don’t run in our blood / That kind of lux just ain’t for us / We crave a different kind of buzz“. DIY-Pop aus einem Land, dass sonst eher für Hobbits und Schafzucht und betörende Backpacker-Romantik bekannt ist. Und obwohl die Songs des Debütalbums „Pure Heroine“ an vielen Stellen an den elektronischen Minimalismus von The xx, an die entrückt-laszive Alterslosigkeit von Lana Del Rey, an die unterschwellig sinistre Feier des Lebens einer Lykke Li erinnerten, war das, was da ein gerade mal 16-jähriges Pop-Kücken auf die vorderen Charts-Plätze rund um den Globus katapultierte, vor allem eines: anders. Less-is-more-Pop mit Herz und Hirn, mit coolen Beats und intelligent gesetzten Sounds, die kein Gramm zu viel hatten und so weit weg wie nur irgendwie möglich waren von all der Übersteigerung, von all der schmonziert-sexualisierten Übertreibung der Konkurrenz. Und da die Popkultur nicht nur gern ihre größten Stimmen zum Frühstück verspeist, bevor sie ihre vermeintlichen neuen  „Wunderkinder“ pünktlich zur Lunch Time feiert, liebte die Welt diese Lorde.

Doch auch die Kehrseite dieser plötzlichen Erfolgswelle ist keine neue: Wie geht Ella Marija Lani Yelich-O’Connor mit der Erwartungshaltung, die all die neuen Fans – sowohl unter der „normalen“ Hörerschaft als auch vom Feuilleton – an das berühmte „schwierige zweite Album“ hatten, um? Einfach den Stiefel durchziehen, und zehn, elf neue Songs der gleichen Machart noch einmal abliefern? Bereits im jungen Alter einen kompletten Richtungswechsel wagen?

Nun: beides. Oder keines von beiden?

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Natürlich tragen die elf neuen Stücke von „Melodrama„, dem im Juni erschienenen zweiten Album, die die mittlerweile 20-Jährige mal in Abgeschiedenheit ihrer neuseeländischen Heimat, mal im wuseligen New York City und gemeinsam mit Produzent Jack Antonoff (Bleachers, Fun.) schrieb, zunächst einmal vor allem ihre Handschrift. Doch war „Pure Heroine“ das schwärmerische Teenie-Dasein in einer vom Internet und Social Media geprägten Welt, so ist „Melodrama“ die Adoleszenz, das Erwachsenwerden. War „Pure Heroine“ die juvenile Chilling Zone in der Nachmittagssonne und die frisch verknallte Vorfreude auf die nächste Party, so ist „Melodrama“ die Nacht und der Morgen danach, der vernebelte Kater, der bittere Nachgeschmack der ersten Liebe: „I do my makeup in somebody else’s car / We order different drinks at the same bars / I know about what you did and I wanna scream the truth / She thinks you love the beach, you’re such a damn liar“ („Green Light“). Vor allem jedoch – und das ist neu – funktioniert „Melodrama“ als Gesamtkunstwerk, das zu keinem Zeitpunkt den Eindruck eines Kompromisses erwecken mag und bei dem subtile, durch moderne Trap-Rap-Beats und altbackenes Schulterpolster-Schlagzeug rhythmusgetriebene Knochengerüste der Marke The xx neben orchestralen Tränenziehern (mit dem ein oder anderen Powerballaden-Moment), Hochdruckhymnen aus der Windmaschinen-Ära und Handclap-Momenten für die nächste (verregnete) Festivalsaison funktionieren. Natürlich wollen diese Songs keine Welten bewegen, aber besser, zeitgeistiger als Lorde, die ebenso burschikos wie feminin erscheint, die gleichsam angepasst wie rebellisch daher kommt, die in Interviews schüchtern gackert, jedoch auch große Festival-Bühnen wie beim diesjährigen Glastonbury mit ihrer ganz eigenen Art in ihren Bann ziehen kann, wird es wohl 2017 nicht mehr. Eine Queen of Pop wider Willen, die ihrer Rolle mehr als gerecht wird.

 

Lorde_Melodrama_album_cover_2017_03_02Einer der besten Songs auf „Melodrama“ ist das ganz ans Ende gestellte „Perfect Places“, das mit Zeilen wie

„Every night, I live and die
Meet somebody, take ‚em home
Let’s kiss and then take off our clothes
It’s just another graceless night, ‚cause

All of the things we’re taking
‚Cause we are young and we’re ashamed
Send us to perfect places
All of our heroes fading
Now I can’t stand to be alone
Let’s go to perfect places“

die letzten Momente der ewig erscheinenden Jugend feiert, während die neuseeländische Sängerin im Musikvideo an ihren mutmaßlich „perfekten Orten“ zu sehen ist: Das ist mal ein vietnamesisches Reisfeld, ein karibischer Sommerstrand, ein Wald oder eine luxuriöse Hotel-Lounge mit Champagner.

 

Dass Lorde mit ihren neuen Songs auch im reduzierten Gewand zu bestehen weiß, zeigte die Sängerin kürzlich während einer in den berühmten New Yorker Electric Lady Studios mitgeschnittenen Live Session, bei der sie sechs Songs von „Melodrama“ mal zu Piano-Begleitung, mal mit Unterstützung eines Frauenchors, zum Besten gab – ein Stück, die Doppel-Nummer „Hard Feelings / Loveless“, gar auf dem Studiodach:

 

Rock and Roll.

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Die Woche in Bild und Ton…


Damit ihr nicht vollkommen den Überblick über alle hörens- und sehenswerten Neuerscheinungen der letzten Woche(n) verliert, hat ANEWFRIEND hier wieder einige der Video- und Songneuerscheinungen der letzten Tage für euch aufgelesen…

 

Johnny Cash – She Used To Love Me A Lot

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Johnny Cash – da haben die meisten sicherlich das gebrechliche Bild jenes Mannes in Erinnerung, der sich im Musikvideo zur großartigen Nine Inch Mails-Coverversion von „Hurt“ über die Tasten des vor ihm stehenden Pianos schaut und auf (s)ein langes Leben zurückblickt… Nicht umsonst gelten Cashs letzte Jahre, für die er sich mit Erfolgsproduzent Rick Rubin zusammentat, um mit der Aufnahmereihe der „American Recordings“ sein eigenes, in all den Jahren leicht country’esk angestaubtes Image aufzupolieren, als seine wohl besten und produktivsten.

Doch der „Man in Black“ war auch vor (und nach) seiner Zeit der Alternative Credibility äußerst umtriebig und veröffentlichte in seiner Karriere zwischen 1954 und 2003 nahezu 100 Alben auf diversen Labels. Dass bei dieser Masse freilich so einiges unters Mischpult rutscht, dürfte nicht verwundern. Dass nun, elf Jahre nach Cashs Tod im Alter von 71 Jahren, nach und nach all die „verschollenen Aufnahmen“ plötzlich (?) das Licht der Plattenläden entdecken, gehört wohl dazu. „Out Among The Stars„, das in Deutschland am 21. März, erscheint, enthält nun Songs, die Johnny Cash zwischen 1981 und 1984 (also in den Jahren seiner Popularitätsflaute) mit dem Country-Produzenten Billy Sherrill aufgenommen hatte. Weil sich sein damaliges Label Columbia Records jedoch weigerte, das Album zu veröffentlichen, verschwanden die Songs und tauchten erst kürzlich wieder auf, als sich Cashs Sohn John Carter Cash deren annahm und ein wenig auf Zeitgeist „polierte“.

Im Musikvideo zur Auskopplung „She Used To Love Me A Lot“ stellt der verantwortliche Film- und Musikvideoregisseur John Hillcoat in eleganten, schwarzweiß und matt farbig gehaltenen Bildern der romantischen Vorstellung des amerikanischen Traumes die Entfremdung und soziale Zwiespältigkeit der Realität entgegen: Ur-amerikanische Landschaftsaufnahmen reihen sich an Bilder von Naturzerstörung, Symbolen des Kapitalismus – auf zwei kämpfende Bisons in der Steppe folgt beispielsweise der Stier der New Yorker Wall Street – und vom Leben gezeichneten und geprüften Menschen mit traurigen Augen. „Der Text des Liedes klang für mich, als hätte er ihn an das heutige Amerika gerichtet“, erklärt Hillcoat seine Interpretation des Cash-Songs. „An die Nation, die ihn liebte, und gegen deren Spaltung er immer gekämpft hat. Diese Spaltung hat sich seit seinem Tod nur noch extrem verstärkt, deshalb wollten Amerika in diesem krassen Licht zeigen, als Hommage an den Grund, aus dem Cash immer schwarz getragen hat: weil es beschämenderweise immer mehr Entrechtete und Ausgeschlossene gibt.“

Gleichzeitig ist das Musikvideo laut Hillcoat auch ein Kommentar zu Cashs persönlichem Leben – nicht umsonst sind immer wieder Bilder des Musikers im Hintergrund auf Wänden zu sehen. „Wir wollten auch den Kampf und die Reise dieses großen Mannes zeigen, von der Liebe seines Lebens hin zu den verbrannten Ruinen seines berühmten Hauses am See, persönliche Fotos, die Höhle, wo er versuchte, sich das Leben zu nehmen und dann sein Leben umkrempelte, den Ort wo er zuletzt aufnahm und das letzte Foto von ihm vor seinem Tod.“ Letzteres bildet denn auch eindrucksvollen Schluss des Videos…

 

 

 

Editors – Sugar

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Im krassen Gegensatz zu den weiten Landschaften des Cash-Clips stehen die Bilder des neuen Musikvideos zu „Sugar“, der aktuellen Singleauskopplung aus dem im vergangenen Juni veröffentlichten vierten Editors-Studioalbum „The Weight Of Your Love„. Darin finden sich Sänger Tom Smith & Co. inmitten grauen Betons und kühler Neonbeleuchtung wieder. Und während geradezu aggressive Basslinien und Textzeilen wie „You swallow me whole / With just a mumbled hello / And it breaks my heart to love you / It breaks my heart to love you“ mal wieder ordentlich Melancholie ins Hörerherz pumpen, verlieren Schwerkraftgesetze ihre Gültigkeit und kommen die Wände immer näher…

 

 

 

Yesterday Shop – Trees & Games

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Ähnliches Setting inmitten verlassener Industriebauten und den nagenden Zähnen der Zeit, identisches Gespür für schwebende Indie-Schwermütigkeit: Das aus dem schwäbischen Reutlingen stammende und sich mittlerweile auf Hamburg und Berlin verteilende Quintett Yesterday Shop gewährt mit „Trees & Games“ einen ersten Vorgeschmack aufs kommende Album „Parodos“, welches ab dem 9. Mai in den Plattenläden stehen wird. Ob das ähnlich gut wird wie der Ende 2012 erschienene selbstbetitelte Erstling? ANEWFRIEND bleibt am Ball!

 

 

 

Warpaint – Love Is To Die (live at Conan O’Brien)

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Indie? Melancholisch? Schwebend? Faszinierend? All diese Attribute treffen freilich auch auf den All-Female-Vierer von Warpaint und deren aktuelles Album zu. Dass die Band aus Los Angeles bei allem Touren rund um die Welt und all den Vorband-Aufritten für The National, Nick Cave & The Bad Seeds oder die Queens Of The Stone Age das heimische (TV-)Publikum nicht vergessen hat, bewiesen Emily Kokal, Theresa Wayman, Jenny Lee Lindberg und Stella Mozgawa kürzlich bei Late Night-Talker Conan O’Brien, bei dem sie eine tolle Live-Version der aktuellen Single „Love Is To Die“ zum Besten gaben…

 

 

 

Joan As Police Woman – Holy City

Joanie

Für den hartnäckigsten Ohrwurm in den ANEWFRIEND’schen Gehörgängen sorgte in der vergangenen Woche übrigens Joan „Joan As Police Woman“ Wasser mit „Holy City“, der aktuellen Single aus dem neuen Album „The Classic„. Dabei sei betont, dass sich der dazugehörige Rest von Platte Nummer fünf der 43jährigen Wahl-New Yorkerin ebenso lohnt, immerhin lässt sich laut.de in seiner knappen Review zu dem euphorischen Urteil hinreißen, das in den zehn neuen – und absolut zeitgemäß mit Elementen aus Soul, Blues, Swing und Sixties-Doo-Wop spielenden – Stücken „das echte Leben tobt“…

 

 

 

Die Coverversion(en) der Woche…

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…stammt von der jungen Musikerin Kawehi, die im Rahmen ihrer Kickstarter-Kampagne für das Musikprojekt Robot Heart Cover-Wünsche annahm. Einer dieser Unterstützer-Vorschläge war Nirvanas „Heart-Shaped Box“, das die Künstlerin mit Beatboxing intoniert und nach und nach – mittels Loop-Maschine – Gesangs- und Keyboard-Schleifen einfügt, bis am Ende eine komplett eigene Variante des Kurt Cobain-Angstkleinodes entsteht.

Auch gut ist Sarah Stones A Capella-Handclap-, Tischklopf- und Becherknall-Variante von „Royals“ (das Original von Neuseelands 17-jährigem Shooting Star Lorde dürfte wohl hinlänglich bekannt sein), während Meytal Cohens Drum-Cover des Tool-Evergreens „Forty Six & 2“ beweist, wie *hust* ansehnlich und leichtfüßig weibliches Schlagzeugspiel inmitten schöner Sonnenlandschaften daher kommen kann. Das Auge hört ja bekanntlich auf YouTube mit, oder?

 

 

Rock and Roll.

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