Schlagwort-Archive: Roots Rock

Song des Tages: Chip Taylor & The New Ukrainians – „F**k All The Perfect People“


chip-800x445

Chip Taylor. Nie gehört? Keine Sorge, ging mir genauso.

Vielleicht klingeln ein paar Glöckchen mehr, wenn man weiß, dass der Mann eigentlich James Wesley Voight heißt und damit der jüngere Bruder von Hollywood-Eminenz Jon Voight und der Onkel von Angelina Jolie ist. Da schau her! Und damit nicht genug, denn außerdem gehen sogar einige *hust* recht bekannte Songs auf sein Songwriter-Konto: etwa „Wild Thing„, das er in den Sechzigern innerhalb weniger Minuten komponierte und daraufhin der britischen Garage-Rock-Band The Troggs überließ, die das Stück wiederum 1966 zum immergrünen Millionenseller machten. Oder „Angel Of The Morning„, geschrieben für Merrilee & the Turnabouts, und später, 1981, sehr erfolgreich von US-Country-Popsängerin Juice Newton gecovert. Oder „Try (Just A Little Bit Harder)„, das anno 1969 eine gewisse Janis Joplin aufnahm. Oder…

Nach all diesen Quasi-Ghostwriter-Erfolgen für andere Künstler versuchte Chip Taylor, der eigentlich professioneller Golfspieler werden wollte, in den Siebzigern selbst sein Glück im Musikgeschäft, hängte Ende des Jahrzehnts diesen Traum (vorübergehend) wieder an den tönenden Nagel, und schlug wiederum einen neuen Karriereweg als professioneller Glücksspieler – beim Black Jack und bei Pferderennen – ein.

Long story short: Besonders viel Fortune schien er damit nicht gehabt zu haben, denn 1996 nahm Chip erneut die Gitarre zur Hand, und interpretierte auf seinem Comeback-Album „Hit Man“ einige seiner alten Songs – unter anderem „Wild Thing“, „Angel Of The Morning“ oder „Son Of A Rotten Gambler“, einst geschrieben für seinen Sohn Kristian und 1974 durch eine Version der Hollies erfolgreich geworden – neu. Seitdem blieb der mittlerweile 79-jährige Chip Taylor seiner alten Liebe, der Musik, treu, veröffentlicht beinahe im Jahrestakt neue Alben und tourt ebenso emsig durch die Weltgeschichte (und tritt gar ab und an mit dem älteren Bruder und den Enkelkindern auf).

getImage

81CgzmrGKML._SY355_Ich selbst bin durch den Song „Fuck All The Perfect People“ auf Chip Taylor gestoßen, welcher unlängst Teil des Soundtracks der Netflix-Serie „Sex Education“ war (ebenso übrigens wie eine feine Coverversion des Regina Spektor-Stückes „On The Radio“). Ebenjenes „Fuck All The Perfect People“ stammt von Chip Taylors 2012 veröffentlichten Album gleichen Titels, welches er gemeinsam mit deiner skandinavischen Tour-Band The New Ukrainians aufnahm. Darauf zu hören: 16 Songs, die mal spontan durchgeklampft, mal nach rauem Country, mal nach erdigem Roots Rock klingen. Songs über das Unterwegssein und das Leben im Schatten (von dem Chip Taylor ja schon allein seiner Verwandtschaft und seiner Songwriting-Credits wegen das ein oder andere Lied singen kann). Oft wirkt das Storytelling-Ergebnis düster, aber nie verzweifelt, manchmal mit bluesigem Unterton, dann wieder honkytonk-mäßig. Und wenn der ein oder andere Song dann noch mit einem so tollen, so sympathischen Musikvideo wie zu „Fuck All The Perfect People“, welches Menschen im alltäglich-urbanen Gewusel von New York City zeigt, daher kommen, dann gerät das eigene Leben für knapp fünf Minuten zur Nebensächlichkeit… Eine Entdeckung, der Mann – und lieber spät als nie!

 

 

„To be or not to be
To free or not to free
To crawl or not to crawl
Fuck all those perfect people!

To sleep or not to sleep
To creep or not to creep
And some can’t remember, what others recall
Fuck all those perfect people!

Sleepy eyes, waltzing through
No I’m not talking about you!

To stand or not to stand
To plan or not to plan
To store or not to store
Fuck all those perfect people!

To drink or not to drink
To think or not to think
Some choose to dismember, you’re rising your thoughts
And fuck all those perfect people!

Sleepy eyes, waltzing through
No, I… I’m talking about you!

To sing or not to sing
To swing or not to swing
(Hell) He fills up the silence like a choke on the wall
Fuck all those perfect people!

To pray or not to pray
To sway or not to sway
Jesus died for something – or nothing at all
Fuck all those perfect people!

Sleepy eyes, waltzing through
No, I… I’m talking about you!“

 

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Monday Listen: A Girl Named Mo – „Live at Bats (Platonic\Romantic)“


eight_col_a_girl_named_mo

Jedes Land hat wohl mindestens diese eine Band, von der jede neue Single, jedes neue Album von den Einheimischen mit Spannung und Vorfreude (und nicht selten der ein oder anderen Diskussion im Nachhinein) aufgenommen wird und nahezu jede Show ausverkauft ist. Das Fandom erstreckt sich denn auch über Generationen, da die Großeltern mit ihren Kindern und Enkeln zu den Auftritten kommen. In Deutschland wären wohl Rammstein – Kontroversen hin oder her – diese Band (oder bringen sich mit ihren Erfolgen zumindest für diesen Titel in Stellung). In Kanada etwa The Tragically Hip. In Australien würden sich The Jezabels oder Cold Chisel diese Krone(n) aufsetzen. Und im vergleichsweise beschaulichen Neuseeland gehört, wie man liest, der Titel Fly My Pretties.

Ein Teil des Erfolgs des 2004 im neuseeländischen Wellington gegründeten Kollektivs besteht wohl darin, dass es sich wirklich um eine recht lose, beständig wechselnden Gemeinschaft von etwa 50 Künstlern handelt. Jeder und jede von ihnen bringt seinen eigenen, einzigartigen Ansatz in das Projekt ein, aber erst zusammen setzen sie eine Idee in fertige Songs irgendwo im Spannungsfeld zwischen Folk Rock, Roots Rock oder R’n’B um.

Ein Teil von Fly My Pretties ist Moana Ete. Die vielseitige Künstlerin, welche ebenfalls aus Wellington stammt, ist als Absolventin der renommierten Toi Whakaari Drama School nicht nur Schauspielerin, Autorin und Regisseurin, sondern wandelt unter dem Alias A Girl Named Mo auch (quasi) solo auf musikalischen Pfaden.

„Beim Schauspielen kann man sich immer hinter einer Figur verstecken, während Singen bedeutet, aufzustehen und zu sagen: ‚Das ist alles an mir. Das ist, wer ich bin. Es ist sehr persönlich“, sagt sie. „Ich werde nur dann wirklich nervös, wenn ich auf die Bühne gehe, um zu singen… all das macht mich viel verletzlicher.“

agnm_all-formats_NOtext_1400x600-940-940-400-400-crop-1

Wohl auch deshalb hat sich Moana Ete, die ihre Liebe zur Musik recht früh im Kirchenchor fand, während Künstler wie Boyz II Men, Mary J Blige, TLC oder Missy Elliot ihren Geschmack prägten, denn doch musikalische Kompagnons gesucht: Slade Butler und Marcus Gurtner unterstreichen bei A Girl Named Mo als taktgebende Rhythmusgruppe und mit allerhand gefühlvoller Elektronica die erstaunlichen Gesangstalente ihrer Frontfrau. Zusammen kombiniert das Trio Elemente der Electronica mit dem ausgeprägten R’n’B-Trimbre von Moanas Stimme. Die ersten Ergebnisse des kreativen Trios sind etwa die Neo-Soul-Debütsingle „Who They Say You Are“ sowie das bei sechs ausverkauften Vorstellungen im Wellingtoner Bats Theatre aufgenommene Album „Live at Bats (Platonic\Romantic)“.

A Girl Named Mo sehen darin ein sich stetig weiterentwickelndes Werk, das nicht nur die ihre gemeinsame Idee von elektronischem R’n’B präsentiert, sondern auch die Live-Skizzen, die ihr irgendwann in der (nahen) Zukunft erscheinendes Debütalbum ausmachen werden.

In zwölf Song-Teilen untersucht „Platonic\Romantic“ zwischenmenschliche Beziehungen durch musikalisches Geschichtenerzählen. Unter der Führung von Moana Ete haben sich A Girl Named Mo seit 2016 einen Namen in der Musikszene von Wellington gemacht, und diese Momentaufnahme ist Zeugnis eines Projektes, das vor neuen, kreativen Ansätzen nur so überbordet. Elektronische Beats, Vocal-Samples und hämmernde Bässe verbinden sich mit dem zweifellos großen Talent von Ete zu einer ebenso abwechslungsreichen wie klugen Sammlung von Songs.

0008964618_100

Moana Ete hat Folgendes über „Live at Bats (Platonic\Romantic)“ zu sagen:

„Es ist ein elektronisches Live-Album, das ein wenig einem Oxymoron gleichkommt. Ich erinnerte mich daran, dass ich mir während der Aufnahmen Erykah Badus Live-Album anhörte. Ich liebe ihre Beziehung zum Publikum über alle Maßen. Sie geht ganz entspannt mit ihm um, und auch ich höre ich ihr zu und hänge an jedem ihrer Worte. Ich liebe dieses Album, und auch ich wollte ebenso entspannt mit meinem Publikum umgehen, so wie sie es tat.

In Liebesliedern geht es fast immer um romantische Liebe. Es geht um Herzschmerz, Betrug und ums Heiraten, und es ist nur dann echte Liebe, wenn es ums Körperliche, ums große Ganze geht. Und darum geht’s mir einfach nicht immer. Einige der erfüllendsten und wichtigsten Liebesgeschichten sind für mich solche, die nichts davon enthalten, sondern einfach nur reine, platonische Liebe. Ich schätze, die wirkliche Idee ist, was wäre, wenn das Platonische und Romantische einfach eine Einheit wären.“

 

 

Via Bandcamp gibt’s „Live at Bats (Platonic\Romantic)“ im Stream (oder eben als wahlweise kostenlosen Download)…

 

…und hier bewegte Bilder zum Song „Platonic“:

 

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Song des Tages: The Dead South – „In Hell I’ll Be In Good Company“


the dead south - in hell i'll be in good company

„I see my red head, messed bed, tear shed, queen bee, my squeeze
The stage it smells, tells, hell’s bells, miss-spells, knocks me on my knees.
It didn’t hurt, flirt, blood squirt, stuffed shirt, hang me on a tree
After I count down, three rounds, in hell I’ll be in good company…“

– Gute Moritaten müssen wohl nicht zwangsläufig von den üblichen Verdächtigen Berthold Brecht, Nick Cave oder – meinetwegen – Murder By Death stammen, sondern auch aus Regina in der kanadischen Provinz Saskatchewan…

Daher zumindest kommt das Folk-meets-Bluegrass-meets-Roots-Rock-Quartett The Dead South, und verbreitet von da aus seit 2012 ihre ohrwurmigen Hillbilly-Songs, die Nathaniel Hilts, Scott Pringle, Danny Kenyon und Colton ‚Crawdaddy‘ Crawford in der Vergangenheit bereits den scherzhaften Vergleich der „bösen Zwillinge von Mumford and Sons“ eingebracht haben.

71xvzcdoztl._sy355_Und nicht nur ebenjene Mumford and Sons haben mit Alben wie „Sigh No More“ oder „Babel“ (über den neueren Rest hüllen wir hiermit beruhigt den qualitativen Mantel des Schweigens) bewiesen, dass Folk ist kein Thema mehr für einige wenige Insider, sondern längst mehrheitsfähig (und im Zweifel durchaus stadiontauglich) ist. Und so, wie The Dead South ihre Variante des Bluegrass-Folks interpretieren, fliegen den Kanadiern (bandinterne Quote langhaariger Bartträger: immerhin 75 Prozent) zumindest in Nordamerika, wo die Roots-Bewegung seit jeher mehr Menschen als diesseits des Atlantiks in ihren Bann zieht, so einige Hörerherzen zu. Bestes Beispiel dürfte der allein auf YouTube bereits stolze 97 Millionen Mal geklickte Song „In Hell I’ll Be In Good Company“ vom 2014 erschienen Debütalbum „Good Company“ sein. Zu Gitarren, Banjo, Kick Drum, Mandoline und einem Cello, das stilecht als Upright-Bass gespielt wird, erklingt mehrstimmiger Gesang und – ja klar! – sehr viel Hillbilly-Leidenschaft, während The Dead South ihren Bluegrass-Smasher in passender Hillbilly-Szenerie zum Besten geben… Yiiiihah ’n‘ Howdy, y’all!

 

 

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Song des Tages: Scott Ruth – „Are You There“


scott ruth - jack rose

Foto: Jack Rose / Facebook

Wenn Plattentests.de-Chef Armin Linder über das im vergangenen Jahr veröffentlichte Debüt „The Weight Of It All“ mal so mir nichts, dir nichts Sätze wie „Mehr nach Damien Rice klingt nur Damien Rice.“ via Twitter ins digitale Netzrund orakelt, dann setzt sich in der Hirnrinde des erwartungsfrohen Singer/Songwriter-Aficionados natürlich schnell eine gewisse Messlatte fest. Und da diese – immerhin hat Linder gerade – nebst Glen Hansard – einen der größten und besten irischen Herzschmerz-Barden ever (ever ever ever) ins Vergleiche-Feld geführt – nicht gerade niedrig gesetzt ist, werden die Hoffnungen schnell enttäuscht…

 

 

Klar, eine gewisse stimmliche Nähe zwischen Scott Ruth und Damien Rice lässt sich kaum leugnen. Doch wo die Songs des einen (Rice) Bilder voll irischer Herbstmelancholie vors innere Augenrund rufen, klingen in den Stücken des anderen (Ruth) zwar immer noch nachdenkliche Untertöne an, jedoch werden diese viel eher in die staubige Einsamkeit des US-amerikanischen Westens geführt als auf grün-satte Weidewiesen. Ein um einiges näher liegender Vergleich, Herr Linder, fürs nächste Mal: Noah Gundersen.

Denn die Parallelen zwischen Ruth und Gundersen ergeben gleich aus so einigen Gründen Sinn: zum einen nahm Noah Gundersen den aus Southern California stammenden Newcomer als Support Act unlängst mit auf Tour, zum anderen lud er ihn anschließend in sein eigenes Studio im heimatlichen Seattle ein, um an neuen Songs zu arbeiten.

scott-ruth

Heraus gekommen ist unter anderem das Stück „Are You There„. Und spätestens mit diesem dürfte sich der Vergleich zu Damien Rice endgültig erledigt haben, klingen doch die neusten drei Minuten aus der Feder Ruths vielmehr nach herzerwärmendem Roots Rock, wie er amerikanischer kaum sein könnte: das antreibende Piano ruft den allmächtigen Bruce Springsteen und seine E Street Band ins Gedächtnis, die ausladenden Gitarren lassen an den kürzlich verstorbenen Tom Petty denken, der dezente Pop-Faktor und die Americana-Anleihen wiederum an Ryan Adams, während der nächste Highway vor Augen liegt und endlos scheint. Und wenn man Scott Ruth Glauben schenken mag, dann waren die Springsteen-Petty-Verweise auch genauso beabsichtigt:

“The song is about that feeling you get when someone who was once a huge part of your life, suddenly isn’t there anymore and all the things that go through your head. Wondering what they’re doing, if they’re feeling what you’re feeling. That kind of thing. I’ve been on a huge Tom Petty and Springsteen kick lately, so I think that had some impact on the song. Not exactly saying that’s where I’m going with all the new material, but you’ll be able to hear those influences sprinkled in here and there. I’m very excited to get the rest of these songs out.”

 

 

 

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,
%d Bloggern gefällt das: