Schlagwort-Archive: Rooms Of The House

Der Jahresrückblick 2014 – Teil 3


Ein zwar nicht durch und durch hochkarätiges, jedoch ebenso wenig an tollen Veröffentlichungen armes Musikjahr 2014 neigt sich unausweichlich seinem Ende zu. Zeit also, ANEWFRIENDs “Alben des Jahres” zu küren und damit, nach der Rückschau aufs Film- und Serienjahr, auch die Königsdisziplin ad acta zu legen! Dem regelmäßigen Leser dieses Blogs werden sich wohl wenige Überraschungen offenbaren, schließlich wurde ein guter Teil der Alben meiner persönlichen Top 15 im Laufe des Jahres bereits besprochen. Bleibt nur zu hoffen, dass auch 2015 ein ähnlich gutes Niveau an neuen Platten und Neuentdeckungen bieten wird… Ich freue mich drauf.

 

 

LaDispute_ROTH1.  La Dispute – The Rooms Of The House

Wildlife„, La Disputes zweites, 2011 erschienenes Album, brauchte wahrlich keine Wiederholung, immerhin lieferte die Post Hardcore-Band aus Grand Rapids, Michigan bereits damals ihr Meisterwerk ab, in welchem sie die instrumental-brachialen Tour-de-Force-Rhythmen der Band mit der stellenweise brillanten und noch viel öfter erschütternden Alltagsbeobachtungslyrik von Sänger und Frontmann Jordan Dreyer zu einem wahnhaft faszinierenden einstündigen Albummonolithen verband. Der Nachfolger „Rooms Of The House“ gibt sich da – sowohl musikalisch als auch textlich – weitaus differenzierter, stellenweise gar zurückgenommener und introspektiver. Dreyers Musik gewordene Geschichten scheinen wie zufällig zu Boden gefallene alte Familienfotografien, die nach langer Zeit wieder in die Hand genommen werden, und dann die ein oder andere biografische Wunde aufreißen. Und doch ist alles auf „Rooms Of The House“ an seinem Platz. La Disputes drittes Album ist zwar anders als noch „Wildlife“, jedoch kaum weniger faszinierend.

mehr…

 

 

Pianos1-640x6402.  Pianos Become The Teeth – Keep You

Zumindest ich hatte die Band noch vor kürzerer Zeit zwar auf dem Zettel (beziehungsweise kannte ich deren Namen), jedoch so gar nicht in meiner rotierenden Playlist. Eine stilistische Beinahe-Einhundertachtzig-Grad-Wende und deren Ergebnis „Keep You“ haben das endgültig geändert. Kaum ein Album ging mir in den vergangenen Monaten mehr zu Herzen, bei keinem anderen finde ich weniger Worte, zu erklären, woran das nun tatsächlich liegt. Muss man ja aber auch nicht. Die Musik übernimmt für 44 Minuten all das, was nicht auszusprechen ist, bevor der krönende Albumabschluss „Say Nothing“ Note für Note davon getragen wird… Indierock, der von schweren Herzen erzählt, selbige damit nicht selten erst erweicht – und dann mit flinken Stichen flickt.

mehr…

 

 

noah-gundersen-ledges3.  Noah Gundersen – Ledges

Kein Album der Sparte „Singer/Songwriter“ lief öfter bei mir in diesem Jahr, in keines bin ich lieber und tiefer eingetaucht. Dem Debütalbum des 24-jährigen Noah Gundersen aus Seattle, Washington wohnt als Ganzes etwas Spirituelles, Heilsames und Reinigendes inne, dem der Hörer sich nur schwerlich entziehen kann. Große Vergleiche dürfen bereits jetzt angestellt werden, für die Zukunft sollte man den Herren und seine mitmusizierenden Geschwister auf dem Zettel haben. (M)Ein Geheimtipp? Noch.

mehr…

 

 

1196f14f-MW_Konfetti_Final4.  Marcus Wiebusch – Konfetti

„Der Tag wird kommen“ ist für Kettcar-Frontmann Marcus Wiebusch wohl Segen und Fluch zugleich. Zum einen ist das monumentale Stück, in welchem Wiebusch Homophobie im Profifussball offen und ganz Frank und frei thematisiert, samt dem dazugehörigen, via Crowdfunding finanzierten Kurzfilm, eine der besten, richtigsten und wichtigsten Sachen, die der deutscher Musik und Kulturgesellschaft in diesem Jahr passieren konnten. Andererseits überschattet der Song jedoch völlig zu unrecht seine zehn Kollegen auf Wiebuschs Solodebüt „Konfetti“, denn vor allem „Nur einmal rächen“, „Haters Gonna Hate“ oder der Abschluss „Schwarzes Konfetti“, bei welchen der gebürtige Heidelberger und Wahlhamburger Musiker mit Sozialisierung im DIY-Punk – stilistisch wie textlich – viele neue Wege geht und dabei so einiges richtig macht. Besser war 2014 wohl kaum ein deutschsprachiger Musiker, wichtiger und relevanter definitiv nicht.

mehr…

 

 

strand of oaks - heal5.  Strand Of Oaks – Heal

Timothy Showalter ist schon ein komischer Kauz. Freilich, das ist der 32-jährige Träger von amtlichem Vollbartes und Headbangermähne nicht eben erst seit „Heal“, dem vierten Album seines Band gewordenen Projektes Strand Of Oaks. Doch ausgerechnet auf Showalters rein textlich bisher persönlichstem und bitterstem Werk stellen sich all der schmerzhaften Lyrik ausgerechnet poppig anmutende Melodien und nicht wenige Fuzz- und Bratz-Gitarren (für ein, zwei Solos konnte er gar Dinosaur Jr.-Legende J. Mascis gewinnen) in den Weg, die dieses Album zu einer wahren Freude mit allerhand Repeat-Garantien machen. Man ist fast versucht, hier von „Hörspaß“ zu sprechen, wären die zehn Songs nicht eine derart tiefe Schlüssellochschau in die Wunden einer auf Kipp stehenden Beziehung.

mehr…

 

 

against-me-transgener-dsphoria-blues6.  Against Me! – Transgender Dysphoria Blues

Ein Album, dessen Ursprünge wohl – der Biografie von Against Me!-Frontfrau Laura Jane Grace wegen – lange in der Vergangenheit fußen, das – aller Eingängigkeit, allen Hooklines zum Trotz – einen durch- und überaus ernsten Themenanspruch besitzt, und wohl vor allem deshalb so aufrichtig zu Herzen gehen geraten ist. All das ist das so eigenartig wie passend betitelte „Transgender Dysphoria Blues“, da erste seit dem Outing von Ex-Frontmann Tom Gabel als Transgender-Frau, durch welches sie – also Laura Jane Grace, wie sich Gabel jetzt nennt – leider auch einen guten Teil der eigenen Band zum Abgang bewegte. Doch trotz so einiger dunkler Anklänge ist das sechste Studioalbum der Punkrock-Band aus Gainesville, Florida durch und durch kämpferisch, denn weder Gabel, die nach Erscheinen des Albums im Januar in der Webserie „True Trans“ Gleichgesinnte (im Sinne einer Geschlechtsidentitätsstörung) traf und mit ihnen über ihr neues und altes Leben sprach, noch seine Songs geben sich in einer trist-dunklen Ecke zufrieden, sondern kämpfen sich zurück ins Leben.

mehr…

 

 

we-were-promised-jetpacks-unravelling-album-cover-300-3007.  We Were Promised Jetpacks – Unravelling

Unter all den fantastischen schottischen Gitarrenrockbands waren die fünf Bleichgesichter von We Were Promised Jetpacks bislang auf die Abteilung „Indiediscohit“ abonniert, immerhin boten die beiden Vorgängeralben „These Four Walls“ (2009) und „In The Pit Of The Stomach“ (2011) so einige davon – man nehme nur  „It’s Thunder And It’s Lightning“, „Quiet Little Voices“ oder „Roll Up Your Sleeves“, zu denen sich wohl so einige Indiekids die Röhrenjeans und Chucks schweißnass getanzt haben dürften.  Nur die aus Edinburgh stammende Band selbst hat scheinbar die Lust an Mitgröhlrefrains und allzu repetitiv-zackigen Gitarrenakkorden verloren, denn auf Albumlänge ist – zumindest im Fall von „Unravelling“ – Schluss damit. Eventuell liegt es ja auch an Band-Neuzugang Stuart McGachan, der gleich sein Keyboard mitbringt und den neuen Songs ein vertrackteres, tieferes und ernsthafteres Outfit verpasst. Natürlich verzichten die Schotten weder auf prägnante Melodien (wie im Opener „Safety In Numbers“ oder „Peace Sign“) noch auf den signifikant-sympathischen Schotten-Slang von Sänger Adam Thompson, allerdings sind es 2014 die ungewöhnlichen Stücke, die besonders überzeugen, wie das Abschlussdoppel aus dem instrumentalen Sechseinhalbminüter „Peace Of Mind“ und dem getrommelt ausfadenden „Riccochet“. Dann nämlich steht die Band bereits mit einem Bein wahlweise im Post Punk oder Post Rock – und ist am Ende doch ganz bei sich selbst.

 

 

damon-albarn-everyday-robots8.  Damon Albarn – Everyday Robots

Kaum zu glauben, dass Damon Albarn, der in seinen 46 Lebensjahren schon so einige relevante Fußabdrücke im popmusikalischen Universum hinterlassen hat (vom Britpop von Blur über den megalomanischen Bastardpop der Gorillaz bis hin zu „Superband“-Geheimtipps wie The Good, The Bad & The Queen oder Ausflügen in die Opernwelt und Weltmusik Peter Gabriel’scher Couleur), erst 2014 sein offizielles Solodebüt „Everyday Robots“ vorlegte. Umso besser, dass Albarn das lange Warten nun auch mit Qualität belohnt. Wer die Karriere des Londoner Weltbürgers aufmerksam verfolgt hat, dem dürfte eh klar gewesen sein, dass Albarn kaum etwas mehr zu wurmen scheint als Wiederholungen. Folglich haben die zwölf neuen Stücke kaum etwas bis gar nichts mit seinen früheren Bands und Projekten gemein. Stattdessen jubelt Damon Albarn dem Hörer 2014 allerhand kleine verträumt-melancholische Kleinode unter, in welchen, wie in „Lonely Press Play“, Klaviernoten einsame Schleifen zieht, während Elektrobeats verschlafen pluckern. Anderswo hoppelt zu Kindergitarrenakkorden und Gospelchor in „Mr. Tembo“ ein kleiner Elefant durchs Steppengras, während sich der Musiker kurz darauf – in „Hollow Ponds“ – zurück zu den Plätzen seiner Kindheit begibt. All das gipfelt im hymnischen, gemeinsam mit Brian Eno und Chören entstandenen „Heavy Seas Of Love“. In „Everyday Robots“ lässt Damon Albarn tief in seine eigene Seele blicken – und die reicht ebenso ins nachdenkliche Gestern wie weit ins futuristisch-befremdliche Morgen.

 

 

damien rice MFFF9.  Damien Rice – My Favourite Faded Fantasy

Fast hatte man ihn vergessen, und längst noch weniger Hoffnungen auf eine Rückkehr von Damien Rice gehegt. Nach zwei ganz und gar bezaubernden Alben („O“ und „9“), die auch heute noch jeden in ihren Bann ziehen, der die Stücke zum ersten oder tausendsten Mal hört, nach der privaten wie künstlerischen Trennung von seiner kongenialen (Duett)Partnerin Lisa Hannigan verschwand Rice acht lange Jahre lang ganz und sonders von der Bildfläche. Die Ankündigung seines dritten Albums im September diesen Jahres muss sich daraufhin angefühlt haben, als würden die USA von heute auf morgen ihre Armee abschaffen und fortan einen Staat nach kommunistischen Maximen führen. Doch am Ende der acht Songs von „My Favourite Faded Fantasy“ ist doch wieder vieles beim Alten. Der irische Singer/Songwriter weidet in den gemeinsam mit Produzentenass Rick Rubin (!) in Studios zwischen Los Angeles und Island (!!) entstandenen Songs in der eigenen Seelenpein, dass auch diesmal nicht wenige männliche wie weibliche Herzen schwer werden, während ihm die Akustische, das Piano und ganze Heerscharen von Streichern aufopferungsvoll zu Hilfe eilen. Vermeintliche „Hits“, wie es sie früher noch mit „Volcano“, „The Blower’s Daughter“, „Cannonball“ oder „9 Crimes“ gab, sucht man indessen auf „My Favourite Faded Fantasy“ vergebens – dafür sind die neuen Stücke, von denen nur einer unterhalb der Fünf-Minuten-Marke liegt, zu elegisch, zu introvertiert. Unverhofft schön ist Damien Rices Rückkehr jedoch allemal.

 

 

SKM21021410. Sun Kil Moon – Benji

Viele Dinge mögen außer Frage stehen. Dass der öffentlich ausgetragene Musikerstreit zwischen Mark Kozelek und The War On Drugs-Frontmann Adam Granduciel (über die Hintergründe weiß Google freilich Antworten zu liefern) einerseits verdammt albern war, andererseits aber auch den – wenigstens für kurze Zeit – amüsanten Kozelek-Songkommentar „War On Drugs: Suck My Cock“ hervor brachte. Dass Mark Kozelek – ob nun mit Jimmy LaValle oder den Kollegen von Desertshore im vergangenen Jahr, unter dem eigenen Namen und solo oder mit seiner aktuellen Hauptband Sun Kill Moon – einer der bewegendsten, produktivsten und brillantesten musikalischen Geschichtenerzähler unserer Zeit ist. Denn genau das macht der grantige US-Amerikaner nun mal: er erzählt, während die jeweilige Instrumentierung stets nur Mittel zum Zweck bleibt. Das Bewegende daran ist, dass all diese Geschichten seinem Leben und Erlebten entspringen, und somit auch 2014 eine erstaunliche thematische Bandbreite aufweisen, die vom tragischen Tod einer Cousine zweiten Grades (der Opener „Carissa“) über Attentate in den eben nicht so glorreichen US of A („Pray For Newtown“) bis hin zu Episoden aus Kozeleks Sexualleben („Dogs“) und die Freundschaft zu Death Cab For Cutie-Frontmann Ben Gibbard (der Abschluss „Ben’s My Friend“) reichen. Klar mögen viele Dinge außer Frage stehen: Dass Mark Kozelek wohl privat ein vom Leben zynisch geformtes Arschloch ist. Dass seine Songs eine immer schönere karge Klarheit ausstrahlen, derer man sich so schnell nicht entziehen kann. Dass man das Arschloch für Stücke wie die auf „Benji“ auch gern weiterhin in Kauf nimmt.

 

 

…und auf den weiteren Plätzen:

Foxing – The Albatross

The Afghan Whigs – Do To The Beast

Foo Fighters – Sonic Highways

Ryan Adams – Ryan Adams

Warpaint – Warpaint

 

 

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Das Album der Woche


Pianos Become The Teeth – Keep You (2014)

Keep You (Cover)-erschienen bei Epitaph-

Wenn eine Band drei Alben innerhalb kürzerer Zeit veröffentlicht, dann sind thematische Gemeinsamkeit (slash persönliche Überschneidungen) nur allzu gut möglich. So auch im Hause Pianos Become The Teeth. Drehten sich die Vorgänger zum aktuellen Album „Keep You“ – „Old Pride“ von 2009 und „The Lack Long After“ von 2011 – noch um das Zurechtkommen mit der Nachricht der Multiple-Sklerose-Erkrankung des Vaters von Sänger Kyle Durfey (auf „Old Pride“) beziehungsweise die unmittelbare Verarbeitung des Todes des Familienoberhauptes (auf „The Lack Long After“), wird „Keep You“ zum fragmentarischen Tagebuch der Schritte Durfeys zurück ins Leben. Und doch könnte man meinen, dass hier eine komplett andere Band in die Saiten und Felle haut…

PBTT-KEEP-YOU-PROMO-1_Credit-Micah-E.Wood

Noch vor kurzer Zeit zählten Pianos Become The Teeth zu eben jenen Bands, die, von Fans wie Musikpresse simplifiziert unter dem „The Wave“-Banner zusammenfasst, unter welches auch die befreundeten La Dispute, Touché Amoré, Defeater oder Make Do And Mend zählten, es, ihrem jugendlichen Alter zum Trotz (oder genau deshalb), vortrefflich verstanden, persönliche wie gesellschaftliche Schieflagen in lauthals heraus geschrieene Lyrik, begleitet von nicht weniger brachialer Musik, umzumünzen. Die einen steckten all das in die „Screamo“-Schublade, die anderen kritzelten verschmitzt lächelnd „Post Hardcore“ übers Plattencover. Nun jedoch macht die Band aus dem US-amerikanischen Nordosten (Baltimore, Maryland) allen Sortierwütigen einen Strich durch die Rechnung. Derb geschredderte Akkorde? Gibt’s von Pianos Become The Teeth im Jahr 2014 höchstens noch auf Konzerten zu hören, wenn das ein oder andere „ältere“ Stück gespielt wird. Aggressiv ins Mikro geschrieene Lyrik aus Durfeys Kehle? Auch die – und das dürfte wohl für Kenner der Band die größte Überraschung darstellen – gehört auf „Keep You“ wohl endgültig (definitiv jedoch vorerst) der Vergangenheit an. Denn anstatt weiterhin seine Stimmbänder zu malträtieren, singt der Frontmann nun. Und der Hörer fragt sich, wieso zur Hölle er damit nicht schon früher begonnen hat.

Nun hat ein derart umfangreich vollzogener Richtungswechsel durchaus auch seine Tücken, denn das Ganze könnte durch den Abzug der Härte auch gut und gern zum lahmarschigen Trauerkloszug mutieren. Das Gute: das tut es zu keiner der knapp 44 Albumminuten. Stattdessen baut die fünfköpfige Band gemeinsam mit dem zur Zeit für Kapellen dieser Art scheinbar unverzichtbaren Produzenten Will Yip (u.a. auch La Dispute, Title Fight) zehn sorgsam arrangierte Songs auf, deren Schönheit sich zwar nicht immer sofort mit dem ersten Hördurchgang erschließt, dafür jedoch mit jedem weiteren tiefer und tiefer ins Hörerherz gräbt. Klar gibt es auch auf „Keep You“ noch allerhand Dynamik (etwa bei „Lesions“), doch die Band lässt ihren Stücken nun die Zeit und Ruhe, um sich zu entfalten, schichtet Gitarrenspur nicht mehr über- sondern nebeneinander, während das rhythmisch versiert aufspielende Schlagzeug von David Haik die Songs voran trägt und etwas übergelegter Hall sein Quäntchen zur Gesamtatmosphäre beiträgt. Und auch wenn dem Hörer bei all den Zeilen aus der Feder von Kyle Durfey, wie „I’m still always slowly waiting for what follows / For what I’ve learned about being so defined by someone dying“ (aus dem Albumopener „Ripple Water Shine“) das eigene Herz so schwer zu werden droht, wie anno dazumal zu Hochzeiten von Emocore-Bands wie Thursday, so merkt man doch, dass der Sänger ehrlich bemüht ist, die Trauer abzuschütteln: „I’m tied by the way of church keys, missed weddings /I’m tied by the way everyone talks about everything / I’m breathing easy / I’m breathing sharp / I’m all sand and heat / I’m keeping you / I leave nothing behind but traces for myself to find“ (aus „Traces“). Alles auf „Keep You“ ist vergänglich, ist längst vergangen, lange bevor die Strahlen der Nachmittagssonne sich wie zarte Hoffnungsschimmer aufs heimische Fensterbrett gelegt haben. Alles auf „Keep You“ ist Trauer aus den Büchern – und die Gewissheit, nicht allein damit zu sein. Jede Note erzählt vom Gefühl, geliebt zu werden oder geliebt worden zu sein. Und am Ende aller zehn Episoden steht auf „Keep You“ mit „Say Nothing“ noch einmal ein Monolith von Song, bei dessen Zeilen sich Durfeys Stimme noch ein letztes Mal fast überschlägt, bevor das Stück Saiten- für Saitenschwung zur Ruhe kommt: „A lack of noise isn’t a lack of life / And that’s the way I think it’s always been / Because, ‚I say it all, when I say nothing at all,‘ / So let’s say nothing some more / And let the words burn their way across the floor / Because if these walls could talk / I still couldn’t get over a God damned soul / And I can’t hold smoke / So let’s say nothing some more / Because the sand stays with me / Because the sand keeps you“. Der Sand, der zurückbleibt, den raubt uns die Zeit. „Keep You“ erzählt mit Herz und Seele davon, was von einem Leben bleibt…

PBTT 1

Enttäuscht von „Keep You“ dürften wohl nur diejenigen sein, die von Album Nummer drei ein nahtloses Anknüpfen an dessen Vorgänger erwartet haben – also einen weiteren Rundumschlag aus Schnelligkeit, Lautstärke und (emotionaler) Härte. Allen anderen bieten Pianos Become The Teeth mit ihrem neusten Werk eine derart schöne Ansammlung von Trauerweidenstücken, dass man beinahe geneigt ist, „Keep You“ auf eine Ebene mit Meisterwerken wie The Cures 25 Jahre jungen Geniestreich „Disintegration“ zu stellen, während Pianos Become The Teeth im Jahr 2014 rein musikalisch Atmosphärekönige wie die instrumental knietief im Postrock musizierenden Texanern von Explosions In the Sky wahnsinnig nahe zu stehen scheinen. Dass das Abziehen brachial harter Strukturen nicht automatisch zu Lasten der Dringlichkeit und überzeugend-einnehmenden Atmosphäre gehen muss, haben ja unlängst schon die „The Wave“-Kollegen von La Dispute eindrucksvoll bewiesen, als sie mit „Rooms Of The House“ mehrfach einen Gang zurück stellten. Ganz klar: Für die, die dem neusten Album der Band um Frontmann Kyle Durfey eine ehrliche Chance geben, wird es in diesen kalt-grauen keine schönere Decke geben, unter der man all seine Herbstgefühle warm schlummern lassen kann. VISIONS-Redakteur Matthias Möde schrieb über in seiner Review über „Keep You“: „Die besten Platten sind zwar nicht die, die wirklich traurig machen, aber die, die unter die Haut gehen, deren Essenz man sich aber nicht mit wenigen Wörtern tätowieren lassen kann.“ Das darf man getrost so stehen lassen. Und den Rest ganz dem Herzen überlassen…

10644581_10152778829442381_6857443162176024599_n

 

 

Wie auch die Vorgänger kann man sich „Keep You“ in Gänze auf der Bandcamp-Seite von Pianos Become The Teeth anhören…

 

…sich zum Song „Repine“ gleich zwei Musikvideos zu Gemüte führen…

 

…sowie hier der Making Of-Kurzfilme zum Album anschauen:

 

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Das Album der Woche


La Dispute – Rooms Of The House (2014)

la-dispute-rooms-of-the-house-erscheint bei Better Living/Big Scary Monsters/Alive-

Kinders, was war das für ein Bohei damals, im Herbst 2011. Die nicht eben für markige Schnellschussaktionen unbekannte VISIONS rief im Titel „Die Zukunft des Harcore“ aus und legte dem Ganzen dann gleich noch – wie als Beleg – das komplette (!), in Deutschland bis dato unveröffentlichte zweite Album einer noch recht jungen Band aus Grand Rapids/Michigan bei. Irre? Nur im ersten Moment (verbuchen wir’s unter „im Eifer für die Musik“). Vorschnell? Nope, keineswegs. Denn „Wildlife„, eben jenes Album der fünf bleichen Schlakse von La Dispute, war zwar im Gros ähnlich laut, drängend und stürmisch wie die Platten der Bands, mit denen sie, der Einfachheit der Kategorisierung halber, oft in einen Topf mit der markigen Aufschrift „The Wave“ geworfen wurden (Touché Amoré, Defeater, Pianos Become The Teeth oder Make Do And Mend, um nur ein paar zu nennen), aber irgendetwas… nein: vieles war – zumindest in meinen Ohren – so anders als bei den Alben der „Genre-Konkurrenz“. Und auch, wenn „Wildlife“ (bei mir) einige Zeit mehr benötigte, um vollends im Hörerherzen zu zünden, so schaffte es La Disputes zweites Werk doch wie wenige vor ihm (und keine danach – bislang), sich ebenso im Herzen wie in den Gehörgängen und Hirnwindungen festzusetzen. Warum nur? Immerhin boten die 14 Songs innerhalb der knappen Stunde Spielzeit doch – oberflächlich betrachtet – vor allem: Krach, Melodiehatz, gebrabbelte Erzählungen und Geschrei. Und da ich im Grunde nicht dem Hörertypus angehöre, der sich in seiner raren Freizeit freiwillig anschreien lässt, mussten schon gute – richtige gute! – Gründe für meine rückhaltslose Verliebtheit in „Wildlife“ her. Die waren freilich da und konnten beim Namen genannt werden: Frontmann Jordan Dreyer. Der milchbubihafte Anfangszwanziger machte bei La Dispute den gewissen Unterschied aus, erwies sich in den Stücken von „Wildlife“ als aufmerksamer Beobachter seiner direkten Umwelt, sammelte größtenteils schmerzhaft wahre Geschichten aus dem Leben auf (der Krebstod eines kleinen Jungen, der Amoklauf eines schizophrenen Kindes, die Shoot’n’Ride-Verfolgungsjagd eines Jugendlichen) und verpackte diese atemlosen Stories in Songs zwischen zwei und sieben Minuten, bei welchen er von seiner Post-Hardcore-Kapelle mal leise, mal im wilden Überschlag begleitet wurde. Das Gesamtergebnis ließ vor zwei, drei Jahren wohl jeden, der sich vollends darauf einließ, mit ähnlich weit gen Boden geklappter Kinnlade zurück und so schnell auch nicht mehr los. Schreibt es der zutiefst menschlichen Lust am Schlüsselloch-Voyeurismus zu, dem Geifern nach großen Emotionen oder der Faszination an packenden Erzählungen. Lyrisch ebenso feinsinnige, auf scheinbar überflüssige Details bedachte und dabei gleichsam fesselnd erzählende Musiker wie Jordan Dreyer muss man im aktuellen Musikgeschäft zweifellos lange suchen – mir fallen so ad hoc höchstens die großen Erzähler John K. Samson (The Weakerthans) oder Mark Kozelek ein. Und in lauteren Gefilden sitzt Dreyer, der für solch ein Niveau auch noch so verdammt junge US-Amerikaner, seit „Wildlife“ eh auf einem einsamen Thron…

La Dispute

Wie also soll man als Band an ein Album (noch dazu erst das zweite!) mit einem Intensitätslevel wie auf „Wildlife“ anknüpfen? Klar, man könnte es wie weiland Jeff Magnum machen, der unter dem Deckmantel seiner Band Neutral Milk Hotel in den Neunzigern mit „In The Aeroplane Over The Sea“ der bewegenden Biografie des jüdischen Mädchens Anne Frank ein überlebensgroßes (musikalisches) Denkmal setzte, um sich darauf vollends aus dem Musikgeschäft zurück zu ziehen (erst 2013 sollte die Band für ein paar Konzerte wieder zusammen finden). Oder es die US-Landsmännern von Brand New gleichtun, die 2006 mit „The Devil And God Are Raging Inside Me“ einen – in klanglicher wie lyrischer Hinsicht – ebenso brachialen wie fesselnden Intensitätsbrocken hinrotzten, und sich drei Jahre darauf mit ihren bislang letzten Album „Daisy“ dann vollends quer gegen alle großen Erwartungen zu stellen. Sicher, all das wäre möglich… Doch La Dispute gehen keinen dieser Wege. Und das Beste: Nicht einmal Stagnation liegt der Band. Wo zur Hölle also will Album Nummer drei dann hin?

La Dispute #1

Einen eventuell befürchteten krassen klanglichen Tapetenwechsel drei Jahre nach „Wildlife“ sucht man schon im Eröffnungsstück „HUDSONVILLE MI 1956“ vergebens: „There are bridges over rivers / There are moments of collapse / There are drivers with their feet on the glass / You can kick but you can’t get out / There is history in the rooms of the house“ – was Erzählfrontmann Jordan Dreyer (als „Gesang“ ließe sich sein mal zu sinistrer Ruhe, mal zu leicht hysterischem Überschwang tendierender Sprech-und-Geschreifluss auch anno 2014 nur schwerlich betiteln) da so in medias res einführt und mit scheinbar nebensächlichen Beobachtungen wie „After dinner / Do the dishes / Mother hums / The coffeemaker hisses on the stove / The steam a crescendo / The radio emergency bulletins and / Everywhere wind“ fortführt, soll die Grundlage für die folgenden 42 Minuten von „Rooms Of The House“ bilden, die bei genauerer Betrachtung eben doch Unterschiede zum Vorgänger offenbaren. Denn anders als noch in „Wildlife“, dessen Geschichten Dreyer so wirklich – mehr oder minder – im Dunstkreis seiner im Nordosten der USA gelegenen 200.000-Einwohner-Heimat Grand Rapids aufschnappte, beweist der Mittzwanziger beim dritten Album seiner Band mehr Mut zur Abstraktion und wagt in den elf neuen Stücken einen fiktiven Streifzug durch die emotionalen Zimmer einer in den Seilen hängenden Beziehung, um darauf nach deren tief sitzendem Dachschaden im gemeinsamen Oberstübchen zu suchen – denn der liegt auch hier in den kleinen, längst verschüttet geglaubten Dramen. Und so kann man in den miteinander konkurrierenden Schilderungen von scheinbar Abseitigem und Alltäglichem – die Gedanken kurz vorm Einbrechen ins Eis in „First Reactions After Falling Through The Ice“, die Szenerien von Autounfällen in „SCENES FROM HIGHWAYS 1981-2009“ oder „35“, die Einsamkeit nach einem Schneesturm in „Extraordinary Dinner Party“, die Beziehungskrisen in „For Mayor in Splitsville“, das familiäre Todschweigen über eine Todgeburt in „THE CHILD WE LOST 1963“ – auch gut und gern tiefere Ebenen vermuten, die Dreyer unter einer Menge allgemeingültigen Gefühlen versteckt. Und: La Dispute, die sich für den Schreibprozess zum neuen Album gemeinsam mit Produzent Will Yip (u.a. Polar Bear Club, Title Fight) in eine Holzhütte mitten ins Nirgendwo der Wälder von Michigan verzogen, gehen dabei auch noch ausgesprochen clever zu Werke, setzen der hinterrücks durchgezogenen Streifzug-Attacke ihres Frontmanns eine Instrumentierung entgegen, die zwar im Grunde schon noch an jene refrain- und strukturfreien Haudrauf-Momente von „Wildlife“ erinnert (etwa im ersten Vorab-Song „Stay Happy There“), oft genug jedoch die Maxime „Weniger ist manchmal mehr!“ walten lässt. So fahren an vielen Stellen nur noch ein, zwei spröde Gitarrenspuren unter Dreyers Worte, halten Drum Computer, direkt pumpende Basslines und beinahe luftiges Alternative-Rock-Gitarrenpicking, das an den experimentellen Elan der Red Hot Chili Peppers zu deren besten Zeiten gemahnt, Einzug ins Klangbild von La Dispute (in den Lufthol-Momenten von „Woman (in mirror)“ und „Woman (reading)“ – letzteres übrigens benannt nach einem Gerhard Richter-Gemälde). Vielleicht liegt hier auch der größte Trumpf der Band verborgen: in der Erkenntnis, dass man „Wildlife“ weder eine Krone on top setzten kann noch muss. Stattdessen schlagen La Dispute auf „Rooms Of The House“ tausend neue Wege ein und fesseln dabei mit nicht minder wenigen emotionalen und musikalischen Fassetten, die 2014 zwar weiter gefächert und eventuell imaginativer um die Ecke biegen, das Quintett, welches zu Teilen mittlerweile auf komplett anderen Kontinenten beheimatet ist (Frontmann Jordan Dreyer wohnt noch immer in Grand Rapids, während es Gitarrist Brad Vander Lugt der Liebe wegen nach Australien verschlagen hat), jedoch vor der drohenden Genre-Sackgasse bewahren. Freilich bietet „Rooms Of The House“ nicht die großen, mächtigen Drama-Explosionen wie „King Park“ oder „Edward Benz, 27 Times“, die noch 2011 beinahe alle anderen Song-Kumpane auf „Wildlife“ in den Schatten zu stellen drohten. Nein, für Wiederholungen sind La Dispute zu gewieft, zu talentiert! Stattdessen setzt die Band den Fokus beim dritten Album auf die grauen Wolken, die ab und an den Blick auf vielsagende Alltäglichkeiten freigeben. Und wenn Jordan Dreyer in der abschließenden Stillleben-Beschreibung „Objects in Space“ all seine Habseligkeiten und Andenken auf dem Fussboden ausbreitet, dann hat man längst aufs Neue sein Herz an diesen jungen Nostalgiker mit der spitzen Feder verloren…

“You have all these ordinary things in your life that develop their own history in the memories you share with another person, and once you lose that person all of those things continue to remain. The album started out being about a fictional couple and then over time it developed into more of a sweeping narrative about common space and history and about the history of objects. What happens to them after things dissolve, how they end up being reappropriated into something else.” (Jordan Dreyer)

la-dispute-rooms-of-the-house

 

 

„Rooms Of The House“ steht HIER noch immer in voller Länge im Stream bereits, die Texte findet ihr sowohl auf dem YouTube-Kanal der Band als „Lyrik Videos“ als auch auf La Disputes Homepage. Und wer den grandiosen, drei Jahre zurückliegenden Vorgänger „Wildlife“ bislang noch nicht gehört hat, der kann – und sollte! – dies via Bandcamp nachholen.

Wer neben der akustischen auch noch eine optische Komponente benötigt, der kann anhand des Musikvideos zum neuen Song „For Mayor in Splitsville“…

 

…und dieser gut 40-minütigen Live Session, welche La Dispute im März 2012 für das Online-Musikportal Audiotree in Chicago einspielten, seinen Vorlieben nachgehen:

 

Auch soll keinesfalls verschwiegen werden, dass die Band in den kommenden Wochen für einige Konzerte nach „good ol‘ Europe“ kommt. Hier die Termine für Deutschland:
27.04.14… München – Strom
28.04.14… Leipzig – Conne Island
29.04.14… Dresden – Beatpol
30.04.14… Köln – Palladium
01.05.14… Hamburg – Markthalle
03.05.14… Bochum – Matrix
04.05.14… Stuttgart – LKA Longhorn
05.05.14… Schweinfurt – Stattbahnhof *NEU
06.05.14… Wiesbaden – Schlachthof
07.05.14… Trier – Exhaus
08.05.14… Hannover – Musikzentrum
09.05.14… Berlin – Magnet

 

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Bereit zum Umzug – La Dispute streamen „Rooms Of The House“


La-Dispute

Ohne mir jetzt selbst ins Wort fallen zu wollen (oder dem, was hier in den kommenden Tagen per Review ins ein oder andere Einzelteil zerlegt werden soll, vorzugreifen): Das aus Grand Rapids, Michigan stammende Post-Hardcore-Fünfergespann La Dispute bietet sein drittes Album „Rooms Of The House“ wenige Tage vor der Veröffentlichung HIER in kompletter 42-minütiger Länge im Vorab-Stream an (wer den epischen Texten von Sänger Jordan Dreyer folgen mag, findet diese übrigens bereits auf der Homepage der Band oder als Lyric-Videos auf dem YouTube-Kanal von La Dispute)!

Erster Eindruck: Die von den VISIONS-Leute beschriebene „Sperrigkeit“ ist – wenn überhaupt – lediglich minimal vorhanden. Und alle, die sich bereits in den beiden Vorgängern, dem sechs Jahre zurückliegenden, dröhnenden Debüt „Somewhere At the Bottom of the River Between Vega and Altair“ und – vor allem – im 2011 veröffentlichten Screamo-Storytelling-Kleinod „Wildlife“ häuslich einrichten konnten, dürfte auch der Umzug ins neue Band-Domizil alles andere als schwer fallen, bietet doch „Rooms Of The House“ das Beste der beiden Geschwister – nur eben mit einem neuem, nicht weniger faszinierendem Anstrich. Ausführliches folgt in den kommenden Tagen…

la-dispute-rooms-of-the-house

 

 

 

 

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , ,

Räume für Herzschmerz – Neues La Dispute-Video zu „For Mayor In Splitsville“


la dispute (feb-2014)

Freilich: In einem anderen Leben wäre Jordan Dreyer wohl Schriftsteller geworden. In diesem ist er jedoch Frontmann des aus Grand Rapids, Michigan stammenden Post-Hardcore-Quintetts La Dispute, welche als ein der musikalischen Speerspitzen der „Wave“, also jenen Bands aus Angry White Young Man, die in besonders emphatischem Schrei-Sprech (man darf’s auch gern mit dem englischen „Screamo“ benennen) und zu nicht selten derber GitarrenBassSchlagzeug-Begleitung ebenso persönliche wie gesellschaftliche und weltliche Schieflagen schonungslos offen leg(t)en und damit – sowohl in den USA als auch in Good Ol‘ Europe – auf immer größer werdenden Bühnen auf offene Ohren und Arme stießen. Und obwohl auch La Disputes Brüder im Geiste – es seien an dieser Stelle Bands wie Pianos Become The Teeth, Touché Amoré, Defeater oder Make Do And Mend genannt – mit ihren letzten Veröffentlichungen in Fankreisen, aber auch in den freilich stets etwas kritischer aufgelegten Gehörgängen der Musikjournalie punkten konnten, so war es doch „Wildlife„, der zweite, 2011 erschiene La Dispute-Langspieler, welcher besonders überraschte. Und das zurecht! Denn wer bei den 14 Stücken aufmerksam hinhörte, dem offenbarten sich ausgeklügelte Klangfassetten, welche eben nicht nur „eins, zwei, drei“ zum Sprung in den Moshpit anregten, sondern feinsinnig das untermalten, was ihr lyrisch versierter Frontmann so zu sagen hatte. Und zu sagen hatte Jordan Dreyer so einiges, mehr sogar: Ob nun in den ausschweifenden Albumhighlights „King Park“ oder „Edward Benz, 27 Times“ oder in anderen, gefühlt persönlicheren Stücken – als „Songs“ konnte man die Bestandteile von „Wildlife“ kaum mehr und nur im weitesten Sinne bezeichnen, viel eher waren dies vertonte, wortgewaltige Kurzgeschichten, in welchen sich Dreyer als spürnasiger Beobachter seiner Umwelt und emotionaler Adoleszent erwies, der sich in keinem Moment zu schade dafür schien, den musikalischen Scheinwerfer auf inakzeptable Missstände zu richten. Wer genau zuhörte, der musste wohl zwangsläufig mehr als ein Mal schwer schlucken. Und suchte danach nicht selten die „Repeat“-Taste…

la-dispute-rooms-of-the-houseGut möglich also, dass La Dispute mit ihrem in wenigen Wochen erscheinenden dritten Album „Rooms Of The House“ an dieses künstlerische Niveau anknüpfen werden. Denn obwohl die VISIONS bislang von einem „gewöhnungsbedürftigen“ Werk mit „sparsamer Produktion“ schreibt (für letztes zeichnete sich übrigens Produzent Will Yip verantwortlich, in dessen Vita sich artverwandte Formationen wie Title Fight, Polar Bear Club oder Circa Survive, aber auch Bands wie Keane oder streitbare Künstlerinnen wie Lauryn Hill befinden), ist auch der Nachfolger zu „Wildlife“ ein Konzeptwerk geworden, in welchem Jordan Dreyer, nach seinen Blicken in die Schattenecken der Gesellschaft, mit gespitztem Stift nun über Weh und Wehen einer Beziehung schreibt. Und obwohl sich La Disputes Songlängen im Jahr 2014 deutlicher öfter als noch in der Vergangenheit am Riemen reißen (so durchbricht keines der elf neuen Stücke mehr die Fünf-Minuten-Marke), weiß man doch bereits vor Erscheinen: Die Band auch auf „Rooms Of The House“ alles andere als Post-Hardcore-Null-Acht-Fünfzehn-Hausmannskost servieren…

Nach „Stay Happy There“ haben La Dispute nun mit „For Mayor In Splitsville“ einen zweiten neuen Song von „Rooms Of The House“ veröffentlicht. Wo musikalisch Anklänge an den bereits 14 Jahre zurückliegenden Cursive-Meilenstein „Cursive’s Domestica“ ins Bild treten, fokussiert sich das dazugehörige Musikvideo auf ein Paar kurz nach der Trennung, während Dreyer mal beschwörend ruhig, mal mit der gewohnten Schreihals-Emphase zum qualitativ hochwertigen lyrischen Rundumschlag ausholt.  Man darf also zu recht gespannt auf den Rest von „Rooms Of the House“ sein…

 

 

———————————————————————————————————————

It’s funny what things come back
The first things you see

How he sort of smiled like it’s only a joke but he was lying
There was something else inside of his eyes
All those secrets people tell to little children
Are warnings that they give them
Like, “Look, I’m unhappy. Please don’t make the same mistake as me.”

Why are those old worn out jokes on married life told at toasts at receptions still?
How does it never occur how often couples get burned and end uncertain in Splitsville?

Funny what you think of in the wreckage, lying there in the dirt and the dust and the glass
How you’re suddenly somewhere, in the desert, in the nighttime, and it’s getting close to Christmas
And then her and that movie voice she uses when she reads,
“Welcome to the Land of Enchantment” from a highway sign
And it’s late so you take the next exit

When that trip ended we came back the rent was due I was jobless
I guess in retrospect I should’ve sensed decay
Then that day, how you said, “I just don’t know” and I promised
We’d rearrange things to fix the mess I’d made here

But I guess in the end we just moved furniture around…

But I guess in the end it sort of feels like every day it’s harder to stay happy where you are
There are all these ways to look through the fence into your neighbor’s yard
Why even risk it? It’s safer to stay distant
When it’s so hard now to just be content
Because there’s always something else

Now I’m proposing my own toast, composing my own joke for those married men
Maybe I’m miserable, I’d rather run for mayor in Splitsville than suffer your jokes again…

———————————————————————————————————————

 

Wer die Gelegenheit dazu hat, der kann – und sollte! – La Dispute während einer der kommenden Torneestopps besuchen:

27.04. München – Strom
28.04. Leipzig – Conne Island
29.04. Dresden – Beatpol
30.04. Köln – Palladium
01.05. Hamburg – Markthalle
02.05. Meerhout – Groezrock
03.05. Bochum – Matrix
04.05. Stuttgart – LKA Longhorn
05.05. Schweinfurt – Alter Stattbahnhof
06.05. Wiesbaden – Schlachthof
07.05. Trier – Exhaus
08.05. Hannover – Musikzentrum
09.05. Berlin – Postbahnhof
11.05. Wien – Flex
12.05. Genf – Usine

 

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , ,

Die Woche in Bild und Ton…


Damit ihr nicht vollkommen den Überblick über alle hörens- und sehenswerten Neuerscheinungen der letzten Woche(n) verliert, hat ANEWFRIEND hier wieder einige der Video- und Songneuerscheinungen der letzten Tage für euch aufgelesen…

 

Bruce Springsteen – Gov. Christie Traffic Jam (mit Jimmy Fallon)

Bruce-Springsteen-Jimmy-Fallon-608x384

Irgendwas war anders beim kürzlichen Auftritt Springsteens bei „Late Night with Jimmy Fallon„. Lag es am dezent an die Achtziger-Phase des US-Musikers erinnernden Outfit aus Stirnband, Sonnenbrille und Jeanshemd? Oder etwa an der Stimmlage, die irgendwie nicht ganz so rauchig-knödelig ins Mikro schallte wie sonst? Schnell wird klar: hier versucht sich der Gastgeber selbst als Bruce-Imitator! Noch besser wird’s, als nach knapp einer Minute der „Boss“ selbst ins Scheinwerferlicht tritt und beide als Springsteen-Doppel den Evergreen „Born To Run“ textlich zum nicht eben ironiefreien Spottgesang auf den konservativen US-Politiker Chris Christie ummünzen, der in New Jersey unlängst für ein Verkehrschaos sorgte und so durch den „Chris Christie Bridge Skandal“ nicht eben für Eigenwerbung sorgte…

 

 

Dass zumindest Jimmy Fallon noch weitere Imitationen drauf hat, beweist er unter anderem als Neil Young. Und auch bei dieser Gesangseinlage hat es sich der „Boss“ nicht nehmen lassen, ihn zu begleiten:

 

 

Elbow – Fly Boy Blue / Lunette

Elbow

Die Vorfreude auf das im März erscheinende sechste Studioalbum „The Take Off And Landing Of Everything“ der fünf Mancunians von Elbow dürfte der erste Songvorbote „Fly Boy Blue / Lunette“ nicht eben drücken. Mehr noch: Der Sechseinhalbminüter lässt mit seiner Jam-Atmosphäre, die ab und an jäh von wild aufspielenden Bläsersätzen durchbrochen wird, auf eines der Highlights des Musikjahres hoffen. Und wer weiß, vielleicht gelingt es Frontmann Guy Garvey und seinen Jungs sogar, an Albumgroßtaten vor dem letzten, etwa drei Jahre zurückliegenden Werk „Build A Rocket Boys!“ anzuknüpfen…

Allen, denen die Vorfreude ähnlich hartnäckig wie mir im Nacken sitzt, können diese derweil mit dem feinen, unlängst erschienenen audiovisuellen Livealbum „Live at Jodrell Bank“ stillen und sich neben dem neuen Song schon einmal die Tracklist zu „The Take Off…“ zu Gemüte führen:

the take off

 

 

 

La Dispute – Stay Happy There

La Dispute 2014

Nur wenige Tage nach Elbow stellen die Jungs von La Dispute mit „Rooms Of The House“ ihr drittes Album in die Plattenregale. Und auch wenn mit „Stay Happy There“ der erste brachiale Eindruck eher auf eine Rückkehr zum sechs Jahre zurückliegenden Debüt „Somewhere At the Bottom of the River Between Vega and Altair“ hinweist, so darf man doch schon gespannt sein, ob Sprachrohr Jordan Dreyer auf dem neuen Album eine ähnliche wortgewandte Intensitätskerze abfackeln kann wie auf dem 2011 erschienenen Post Hardcore-Meilenstein „Wildlife„… Zu wünschen wäre aus der Band aus Grand Rapids, Michigan in jedem Falle!

 

 

 

We Were Promised Jetpacks – Peace Sign (live)

wwpj

Etwas weniger brachial, dafür mit feinstem Schotten-Akzent und ordentlich Rhythmus zwischen Becken und Backen geht das aus Edinburgh stammende Vierergespann von Were Were Promised Jetpacks zu Werke. Dass die Band, deren letztes Album „In The Pit Of The Stomach“ nun auch schon wieder knapp drei Jahre auf dem musikalischen Buckel hat, auch live und auf den Konzertbühnen der Welt eine sicher rockende Bank ist, dürfte dem ein oder anderen bekannt sein. Alle anderen bekommen in gut einem Monat den konservierten Beweis, wenn die Band ihr erstes Livealbum „E Rey: Live in Philadelphia“ auf die geschätzte Hörerschar loslässt. Hier kann man sich anhand des neuen Songs „Peace Sign“ schon einmal einen ersten Eindrück verschaffen:

 

 

 

ClickClickDecker – Der Tag an dem ich nicht verrückt wurde

click

Kevin Hamann covert Hannes Wittmer. Gut, was sich zunächst liest wie die Überschrift zu einem dieser Allerwelts-Youtube-Videos, in denen jemand vor einer schief sitzenden Laptopkamera hockt, um zur Akustischen seine Version eines Chartshits ins semioptimale Mikrofon zu singen, ist in diesem Falle doch deutlich interessanter, denn die beiden oben genannten Herren treten seit Jahren vor allem als ClickClickDecker (Hamann) und Spaceman Spiff (Wittmer) in Erscheinung und bereichern unter diesen Pseudonymen die bundesdeutsche Singer/Songwriterlandschaft. Und da jüngst die Veröffentlichungstermine ihrer neuen Alben – Spaceman Spiffs drittes Album „Endlich Nichts“ erschien vor knapp einer Woche, ClickCkickDeckers neustes Werk „Ich glaub dir gar nichts und irgendwie doch alles“ am gestrigen Freitag – passenderweise so eng beieinander lagen, nahm Kevin „ClickClickDecker“ Hamann dies als Anlass, seine elektronisch angereicherte Variante des neuen Spaceman Spiff-Stückes „Der Tag an dem ich nicht verrückt wurde“ zum Besten zu geben.

„Heute ist der Tag / An dem ich / Verrückterweise wieder nicht verrückt wurde / Heute ist der Tag / An dem ich / Bedrückterweise hilflos durch die Straßen irrte / Und all die Menschenhände / Sie tragen Gegenstände / Durch all die Häuserwände / Irgendwo hin / Aber keiner trägt den Sinn…“

 

 

 

Coeur de Pirate – Trauma

coeur de pirate

Coeur de Pirate, zu deutsch „Piratenherz“, ist der Künstlername, unter welchem die 24-jährige Frankokanadierin Béatrice Martin seit 2008, als ihr selbstbetiteltes Albumdebüt veröffentlicht wurde, in immer größerem Rahmen für Aufsehen sorgt. Dass ihr Erfolg in deutsch- und englischsprachigen Ländern bislang überschaubar ausgefallen ist, dürfte nicht eben verwundern, immerhin findet ihr Indiefolkpop bei aller Lieblichkeit und Melodieseligkeit bislang ausschließlich mit französischen Texten statt. In heimatlichen Kanada konnte die Musikerin jedoch bereits eine Jun Awards-Niminierung als „bestes französischsprachiges Album“ einheimsen, während  ihr erstes Album – wie auch in Frankreich – bis in den vorderen zehn Plätzen der Albumcharts kletterte.

Mit dem nun erscheinenden dritten Werk „Trauma“ betritt Martin textliches Neuland. Denn zum ersten Mal singt sie die darauf zu findenden zwölf Stücke komplett in Englisch. Und: Die Songs stammen nicht von ihr, sondern sind Coverversionen mal mehr (Amy Winehouse, Bill Withers, Rolling Stones, The National, Bon Iver), mal weniger (Patrick Watson) bekannter Musikkollegen, deren Gesamtheit den Soundtrack zur TV-Serie „Trauma“ bildet…

 

Wer mag, der kann sich auf Coeur de Pirates Bandcamp-Seite auch ihre bislang erschienenen weiteren Alben in Gänze anhören…

 

 

Und zum Schluss noch einen Schnappschuss, den Dave Groll und seine Foo Fighters in dieser Woche auf Facebook posteten. Schenkt man dem Schwarz-weiß-Foto, welches ganz oldschool aufgereihte und mit „Foo Fighters LP8“ beschriftete Masterrollen von Magnetbändern zeigt, Glauben, so dürfte das neue – und, natürlich, achte – Album der Foo Fighters nicht mehr all zu lang auf sich warten lassen…

Foo Fighters LP8

 

 

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,
%d Bloggern gefällt das: