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Hey, Paul! – Eine lebende Legende wird 80


Hier geht es nicht um die Beatles. Doch, vielleicht – und nahezu unweigerlich – auch, ein bisschen, immer wieder. Aber in erster Linie soll er im Mittelpunkt stehen: ein Stehaufmännchen, seit über 60 Jahren. Ein scheinbar Unkaputtbarer in einer Welt, in der Erfolg und Misserfolg nicht mehr von Platten, sondern vielmehr von Klicks, Followern oder Streams abhängig sind. Ein Alleskönner, der zwar offiziell den Bass bedient, aber schon eine ganze Reihe von Alben völlig im Alleingang eingespielt hat. Natürlich ein analoger Dinosaurier, mitnichten zeitlos, sondern bewusst retro, immer mit einem sperrangelweit offenen Fenster in Richtung Vergangenheit, in der längst nicht alles, aber möglicherweise wenigstens die Musik besser war. Eine Novität? Nope, natürlich nicht. Das Phänomen ist nicht neu, wir kennen es von den Rolling Stones, Bruce Springsteen, Carlos Santana, Roger Waters, Elton John… Mal mehr, mal weniger in die Jahre gekommene Rockstars, die auch 2022 noch Massen anziehen und für Konzerte Höchstpreise aufrufen können (wer’s nicht glaubt, der darf sich gern mal zu Gemüte führen, was benannte Mick, Keef und Co. fürs Dabeisein bei ihrem diesjährigen Gastspiel in der Berliner Waldbühne verlangen). Da fragt man sich schon: Was machen sie anders als die Jungen?

Am Beispiel von Sir James Paul McCartney (dem nun sogar ein weiteres Upgrade im Adelsregister winkt), der vor 80 Jahren – am 18. Juni 1942 – in Liverpool als Sohn des Kaufmanns James McCartney und der Krankenschwester Mary Patricia McCartney zur Welt kam, lässt sich das Mysterium vielleicht entschlüsseln. Ihn gibt es gefühlt schon genauso lange wie die Chinesische Mauer, das Taj Mahal, den Mount Everest, die Queen. Den Mann heute noch auf der Bühne zu erleben, fühlt sich war in jedem Moment besonders und wie ein Privileg, jedoch irgendwie auch seltsam an, so als würde man einem Wesen aus einer anderen Zeit begegnen. Als hätte er ein unglaubliches Abenteuer überstanden – die Reise zum Mittelpunkt der Erde, 20.000 Meilen unter dem Meer, von der Erde zum Mond.

Ein Leben ohne die Songs des charmanten, oft noch immer spitzbübisch lächelnden Genies, das man mit Fug und Recht auf eine Stufe mit Mozart, Beethoven, Bach stellen kann? Undenkbar. Seit Generationen findet jeder – in Helsinki ebenso wie in Johannesburg, in Los Angeles ebenso wie in Berlin, Wladiwostok, Abu Dhabi, Peking, Dakar, Kopenhagen oder Lima, garantiert wenigstens eine „klassische“ McCartney-Komposition in seiner musikalischen DNA. „Yesterday“ zum Beispiel, „Let It Be“ oder „Lady Madonna“ etwa, die Kracher seiner 1970er-Band Wings wie „Live And Let Die“, „Jet“ und „Band On The Run“, die Achtziger-Hits „Say Say Say“, ein Duett mit dem anderen Superstar jener Zeit, Michael Jackson, oder „Ebony And Ivory“, bei dem wiederum ein gewisser Stevie Wonder mit ans Mikro trat, sowie „Hope Of Deliverance“ aus den frühen Neunzigern.

Ohne Frage – der Mann ist längst eine lebende Legende. Warum? Nun, das Publikum liebt nun mal verlässliche Konventionen, es braucht standhafte Helden, die es ein Leben lang begleiten, selbst wenn jene Heroen am Schluss manches Mal als nahezu Halbtote auf die Bühne gerollt werden (müssen). Bei „Macca“, wie ihn seine Fans nennen, hat bislang zum Glück – beinahe – nur die Stimme gelitten, nicht jedoch sein Elan, seine beneidenswerte Neugier, sein verblüffender Geschmack und sein verlässlicher Sensor für aktuelle Trends. Beste Beispiele: „Cut Me Some Slack„, ein durchaus derber Rocker als Teil der sehenswerten 2013er „Sound City„-Musikdoku, für den er sich mit Dave Grohl, Krist Novoselic und Pat Smear (also im Grunde Nirvana ohne den verstorbenen Kurt Cobain) zusammentat, oder „FourFiveSeconds“, die ohrwurmige Kollaboration mit Kanye West und Rihanna von 2015. Ein gleichsam innovativer wie spinnerter Rapper, eine erfolgreiche R’n’B-Musikerin und ein Ex-Beatle – mon Dieu, was für eine Kombination!

Und es ist schlechterdings ja ohnehin unmöglich, Paul McCartneys Einfluss auf die Musikgeschichte und heutige Popmusikszene adäquat zu erfassen. Aber um es dennoch auf einen einfachen Nenner zu bringen: Schlichtweg alles, was nach 1966 in der U-Musik geschrieben wurde, wäre ohne sein Schaffen so kaum möglich gewesen. Selbst der Heavy Metal, der Bands wie Black Sabbath, Deep Purple oder Metallica nach oben spülte, geht, wenn man so mag, auf ihn zurück. 1968 las Paul, dass ein Musikkritiker die The Who-Nummer „I Can See For Miles“ als den „lautesten, unerträglichsten und obszönsten Song aller Zeiten“ niedermachte. Das reizte ihn. Also schrieb er seinerseits „das lauteste und härteste Lied aller Zeiten“: Es trug den Titel „Helter Skelter“, erschien 1968 auf dem „Weißen Album“ der Beatles und wurde kurz darauf von einem gewissen Charles Manson, seinerseits ein großer Verehrer der „Fab Four“, für dessen morbide Weltveränderungsfantasien zweckentfremdet. Ja, Musik nimmt manchmal seltsame Wege…

Dabei galt Paul McCartney oft genug eher als Weichspüler, lange nannten sie ihn „Haferschleimbubi“ (was auch daran liegen mag, dass sich der Brite seit vier Jahrzehnten vegan ernährt), „Schnulzenheini“ oder „Kitschbeauftragter“. Die jungen Revoluzzer hielten in Beatles-Gefilden mehr zu John, die alten Spießbürger mehr zum verlässlichen Paul. Und er war schon immer Jazzfan, was sich früher in einigen Songs („When I’m Sixty-Four“) und 2012 gar in einem ganzen Album („Kisses On The Bottom“) niederschlug.

Aber nun müssen wir uns doch ein wenig mit den Beatles beschäftigen. Und mit „Maccas“ wohlmöglich größtem Coup. Es geht um „Hey Jude“, jenen Song, den Paul am 29. Juli 1968 für Julian Lennon, den Sohn seines Mitstreiters und kongenialen Songwriting-Partners John, geschrieben hatte. Der litt – wie Paul selbst – unter der neuen Liebe von John zur Aktionskünstlerin Yoko Ono (für die John Lennon Julians Mutter Cynthia verließ). Für alle Jüngeren und Nicht-Hipster: Damals, in einer Zeit lang, lang vor YouTube, Spotify und Co., gab es Singles; kleine, schwarze Vinylscheiben mit 45 Umdrehungen, für deren Erwerb man sich noch höchstselbst in den nächstgelegenen Plattenladen des Vertrauens begeben musste. Und „Hey Jude“ galt zum Zeitpunkt seiner Veröffentlichung mit seinen über sieben Minuten als bislang längste Single der Musikgeschichte und zugleich größter finanzieller Erfolg der Beatles. Der Höhepunkt eines weltumspannenden Musikwunders und zugleich der Anfang vom Ende der „Beatlemania„.

Spätestens mit „Hey Jude“ stieg McCartney zum Alleinherrscher über die erfolgreichste Band des Planeten auf. In dem Song traf Sentiment auf Monomanie, Kitsch auf Kunst, und alles mündete darin, dass neunzehn Mal, wie ein Mantra, das die Welt retten sollte, der „Na-na-na“-Unsinnsvers wiederholt wurde. Der weitaus bessere, instinktbewusstere, kommerzorientiertere Musiker hatte über sein gleichsam charismatisches wie in seiner beständig überbordenden Kreativität chaotisches Alter Ego John Lennon gesiegt. Die Band spielte den Song nie wieder, und McCartney, erbost darüber, dass John, George und Ringo das Beatles-Imperium nach dem Tod von Brian Epstein dem zwielichtigen Manager Allen Klein in den Rachen geworfen hatten, verkündete schließlich im April 1970 das Aus der „Fab Four“ – und das auf sehr spezielle Weise: am 17. April – knapp einen Monat vor „Let It Be„, dem großen Album-Schwanengesang der Band – brachte „Macca“ nicht nur sein im Alleingang aufgenommenes Solo-Album „McCartney“ heraus, bei dem er bereits Abstand von den drei anderen Beatles gewonnen und sämtliche Instrumente selbst eingespielt hatte. Den ersten hundert Exemplaren legte er auch eine selbst verfasste Presseerklärung bei. Darin enthalten: Erstens Informationen zur Entstehung der LP; zweitens erklärte er in selbiger seinen Austritt bei den Beatles. *hach* Die Anfänge als junge, wilde Barband im verruchten Hamburger Stadtteil St. Pauli, erste Hits wie „Love Me Do“ und der schnelle, rasante Aufstieg zu Weltstars, die zwar irgendwann das Konzertspielen weitestgehend an den Nagel hängten (kein Wunder bei der Masse an hysterisch schreienden und reihenweise in Ohnmacht fallenden Teenagern), dafür jedoch das künstlerische Medium des „Albums“ auf ewig veränderten – alles hinlänglich bekannte Popmusikgeschichte.

Nach der freilich von ebenso viel Mediengetöse wie vielen Fantränen begleiteten Trennung der Beatles und ohne die Inspiration durch den Austausch mit John Lennon fiel McCartney kurzzeitig in ein tiefes kreatives Loch, zog sich mitsamt seiner Familie in die schottische Einöde zurück – und besann sich ebendort, fernab des Glamours und Rockmusikzirkus‘, auf seine Wurzeln. Und siehe da – die Kreativität hielt schnell wieder Einzug. Im August 1971 gründete Paul die Band Wings. Mit an seiner Seite war seine erste Ehefrau Linda McCartney, mit der er seit 1969 – und bis zu ihrem Krebstod im Jahr 1998 – verheiratet war. Mit den Wings platzierte McCartney zahlreiche Hits wie „Jet“, „Silly Love Songs“ oder „Band On The Run„. Es war das erfolgreichste Projekt eines Ex-Beatles. Allen Post-Beatle’schen John Lennon-Evergreens wie „Imagine“, „Give Peace A Chance“ oder „Working Class Hero“ hatte Paul es – wenngleich im inoffiziellen Fernduell – schon wieder geschafft. Mit 12 Top-Ten-Singles in Großbritannien sowie 14 Top-Ten-Hits in den USA, von denen es fünf auf die Nummer 1 schafften, machte er die Band zu einer der ruhmreichsten der Siebzigerjahre. „Live And Let Die“, der Titelsong zum 1973er James Bond-Film gleichen Titels, wurde für einen Oscar nominiert. Und mit „Mull Of Kintyre“ setzte er im Jahr 1977 einen weiteren, einmal mehr sehr speziellen Meilenstein: Der Song war nicht nur in zahlreichen Ländern ein Nummer-1-Hit, sondern auch die erste Single, die sich in Großbritannien über zwei Millionen Mal verkaufte. Der schottisch-folkloristisch angehauchte Popsong überrundete sogar die Beatles-Hits in den europäischen Listen der ewigen Bestseller.

Nun wurde er also amtliche 80 Lenze jung. Aber: ist er es überhaupt noch? Eines der vielen Gerüchte, das sich hartnäckig seit Ende der Sechzigerjahre hält, behauptet, McCartney sei bei einem Verkehrsunfall tödlich verletzt und durch einen Doppelgänger ersetzt worden. Vertreter dieser passenderweise „Paul is dead“ betitelten These verweisen auf das Cover von „Abbey Road“: Paul ist darauf mit halbgeschlossenen Augen abgebildet, barfuß (in England werden Tote ohne Schuhe beerdigt) und trägt die Zigarette als Linkshänder in der rechten Hand. Andere Fans sahen beispielsweise im Cover des „Revolver“- und „St. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“-Albums weitere Hinweise auf den Tod des Beatles. Krude Verschwörungstheorien, die der totgeschriebene Musiker selbst in einem Interview wie so oft mit seinem typisch britischen Humor nahm: „Wenn ich tot wäre, wäre ich der erste, der es wissen würde“. Mit Lennon und Harrison hat sich jener McCartney-Doppelgänger – oder vielleicht doch Paul höchstselbst? – noch vor deren Tod (John Lennon fiel im Dezember 1980 einem Attentat zum Opfer, George Harrison starb im November 2001 an Lungenkrebs) versöhnt. Ringo Starr, der vor knapp zwei Jahren als erster und ältester der Beatles die Achtzig knacken durfte, bezeichnet ihn heute als einen seiner besten Freunde und „treuesten Menschen, den ich kenne“.

Im Jahr 2020 stellte der freilich längst mit zig Grammy Awards, Ehrendoktortiteln, einem Stern auf dem „Hollywood Walk of Fame“ sowie sonstigen Auszeichnungen dekorierte und 1997 von der Queen höchstpersönlich zum Ritter geschlagene Paul McCartney mit „McCartney III“ sein nunmehr 19. Soloalbum in die (heutzutage vornehmlich digitalen) Plattenläden, war unlängst der bislang älteste Headliner des altehrwürdigen Glastonbury-Festivals (und holte dort besondere Gäste auf die Bühne) und spielte mit seiner freilich exzellent eingespielten Band davor einige Konzerte auf großer „GOT BACK“-US-Tour. Dabei beschloss er seine Shows (oder zumindest das reguläre Set vor dem Zugabenblock) stets mit „Hey Jude“, einem der Lieder, welche die Beatles, sein Leben und die Musikgeschichte verändert haben. Und um dem Ganzen die Gänsehaut-Krone aufzusetzen, ließ er das Publikum statt seiner singen. Denn all die Melodien, all die Worte, die sich ein junger Mann aus der Liverpooler Arbeiterschicht vor langer, langer Zeit mit seinen Band-Buddies zusammensponn, um wenig später die Musikwelt für immer zu verändern, sind längst nicht mehr seine. Sie gehören uns allen. Auch aus diesem Grund: Thank you, Sir Macca, and a belated happy birthday. Let’s hope for quite a few more…

Wer mehr wissen mag, dem sei zudem die ebenso sehenswerte wie informative Arte-Doku „Paul McCartney – Eine Beatles-Legende“ (findet man etwa hier oder hier) empfohlen.

Rock and Roll.

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„Ein wahres Herz aus Gold“ – Andy Fletcher ist tot.


Foto: picture alliance / Pacific Press

Unter den Fans von Depeche Mode gab es einen Running Gag, und der ging so: „Was macht eigentlich Andy Fletcher?“ Gemeint war die Rolle, die das stille Mitglied der Band einnahm, wieviel er zum Sound der britischen Synthie-Pop-Pioniere beitrug, er, der bei hunderten von Songs, die in über vierzig Jahren entstanden sind, keinen einzigen Songwriting-Credit erhalten hatte. „Martin [Gore] ist der Songwriter, Alan [Wilder] ist der gute Musiker, Dave [Gahan] ist der Sänger und ich lungere herum“, hatte „Fletch“, wie ihn seine Freunde nannten, einmal halb scherzhaft, halb mit britischen Understatement seine Rolle beschrieben. Das war 1989 in der Filmdoku „101“ des Regisseurs D.A. Pennebaker, da waren Depeche Mode schon längst internationale Superstars.

Sänger Dave Gahan hatte irgendwann im Lauf der langen Karriere von Depeche Mode begonnen, seine Unsicherheit hinter der Fassade einer klischeehaft überzeichneten, harten Männlichkeit zu verbergen, inklusive L.A.-Rockstar-Tattoos sowie allerlei Alkohol- und Drogenexzessen. Martin Gore pflegte eine Zeitlang das Image des extrovertierten, genderfluiden Paradiesvogels, obwohl er im Grunde seines Herzens ein kleines, schüchternes Sensibelchen war (und wohl noch ist). Andy Fletcher war einfach er selbst, blieb auf der Bühne und bei Terminen in der Öffentlichkeit im Hintergrund, war aber für das psychologische Konstrukt Depeche Mode enorm wichtig, zwischen zwei anscheinend riesigen Egos hielt er die Band zusammen. Als Dave Gahan etwa im Jahr 2001 nach der Veröffentlichung des Albums „Exciter“ öffentlich erklärte, sich benachteiligt zu fühlen, weil er keine Songs für Depeche Mode schreiben dürfe und drohte, die Band zu verlassen, war es bezeichnenderweise Fletcher, der den Kompromiss aushandelte: In Zukunft würde Gahan zu den Alben der Band ein paar Songs beisteuern, aber Gore der Hauptsongwriter bleiben.

Andrew John Leonard „Fletch“ Fletcher wurde am 8. Juli 1961 in Nottingham, England, geboren. Ende der 1970er-Jahre gründete er zusammen mit seinem Schulfreund Vince Clarke in Basildon, Essex die kurzlebige Band No Romance, in der er den Bass spielte. Wenig später, 1980, stieß Martin L. Gore dazu, den Fletcher bereits seit Kindheitstagen kannte, das Trio nannte sich ab da Composition Of Sound – und alle drei Musiker spielten Synthesizer. Im selben Jahr stieß Dave Gahan als Sänger dazu, auf seinen Vorschlag hin benannte sich die Band in „Depeche Mode“ um – nach einem französischen Modemagazin. Anfangs wurden Depeche Mode in England als Teenie-Band belächelt, ihre Pionierleistungen für die elektronische Popmusik wurden (noch) nicht gewürdigt, innerhalb weniger Jahre aber wurden sie mit über 100 Millionen verkauften Platten zur größten Synthesizer-Pop-Band (wahlweise auch Synthie-Rock- New-Wave- oder Dark-Wave-Band) der Welt mit einer der loyalsten Fangemeinden, die „ihre Jungs“ bei Konzerten frenetisch feierte.

Vince Clarke ging, Alan Wilder kam und ging, Gahan wurde drogenabhängig und starb um ein Haar, Gore zog nach Kalifornien, alle beruhigten sich, ließen den Rockstar-Zirkus hinter sich und stießen Solo-Karrieren an, welche alle paar Jubeljahre durch ein neues Depeche Mode-Album (zuletzt „Spirit“ von 2017) oder eine Tournee unterbrochen wurden, und schienen sich – you may call it Altersmilde – immer besser zu verstehen. Obgleich die Karriere von Depeche Mode gut dokumentiert sein mag, blieb Andy Fletcher doch über all die Jahre ein kleines Rätsel, der ungleich unglamourösere Mann im Schatten.

Wohl auch deshalb galt „Fletch“ als der Gentleman unter den Depeche Mode-Mitgliedern, warmherzig, klug und ausgestattet mit (s)einem trockenen Humor. So amüsierte er sich darüber, dass Fans seinen Band-Freund Dave höflich als „Mister Gahan“ ansprachen, er (psycho-)analysierte in Off-the-record-Gesprächen seine Bandkollegen recht treffend und traf sich in Backstageräumen mit dem Flair von Umkleidekabinen mit alten Freund*innen, und anhand der Gespräche war zu erkennen, dass diese Freundschaften schon seit Jahrzehnten bestanden. Auch war Fletcher, der sich gern um die geschäftlichen Belange der Band kümmerte, oft genug derjenige, der deutliche Worte fand, während Gahan und Gore die Lage gern auch mal etwas schönredeten, wannimmer sie sich gerade mal nicht so gut verstanden. Die „Faith And Devotion“-Tournee 1993 sei für ihn „die Hölle“ gewesen, erzählte er einmal, und er wusste es nach dem Drogenentzug Gahans 1996 stets sehr zu schätzen, dass bei Depeche Mode so viel Verlässlichkeit, so etwas wie Berechenbarkeit, eingekehrt war. Trotzdem tat er gleich gar nicht so, als wäre dieses Trio ein reiner Kumpelverein: „Mit Dave rede ich eigentlich nur, wenn es um die Band geht. Das war von Anfang an so.“

Im Jahr 2002 gründete Fletcher, der hin und wieder auch als DJ in Erscheinung trat, das Label Toast Hawaii mit dem einzigen Zweck, die Musik des Synth-Pop-Duos Client zu veröffentlichen. Er hatte erkannt, dass die Musik von Katie Holmes und Sarah Blackwood den retromanischen Zeitgeist traf und vielleicht erinnerte ihn der Client-Mix aus Synth Pop, Electroclash und New Wave auch an seine eigenen musikalischen Wurzeln. Und auch hier wurde Fletchers Wesen sichtbar: So tauchte er einmal, während eines Interviews mit Client im Hotel Mariandl in München, wie aus dem Nichts auf und setzte sich an den Tisch neben den Interviewer, bei Auftritten des Duos „lungerte“ er im Publikum herum und strahlte eine Fürsorglichkeit aus wie ein Vater, der seinen Kindern beim Erwachsenwerden zusieht und von dem Gedanken daran gleichermaßen von Stolz erfüllt und von Angst getrieben wird.

Doch zurück zu seiner Stammband.

Als Dave Gahan begann, auch noch Songs zu schreiben, waren er und Martin L. Gore umso mehr der Dreh- und Angelpunkt von Depeche Mode – und doch brauchten sie Andy Fletcher. Denn es ist keineswegs entscheidend, dass dieser musikalisch vielleicht nicht so viel zum eigentlichen Songwriting beitrug – er war nicht nur ein Gründungsmitglied, sondern menschlich ein überaus essenzieller Teil der Band. Sie ist ohne ihn als ausgleichendes Element zwischen den beiden Alphatypen kaum vorstellbar, ohne seine Bescheidenheit und ironische Distanz zu all dem Wahnsinn, den das Superstardasein oft genug mit sich bringt.

„Meine Rolle in dieser Band ist es, im Hintergrund zu stehen“, erzählte er 2005. „Dave ist der Sänger, Martin ist der Songwriter. I’m the backroom boy. Mir ist klar, dass die beiden anderen den Fans wichtiger sind, sie sind die Helden. Ich bekomme nicht dieselbe Aufmerksamkeit. Das ist mein Schicksal. Da geht es mir wie Larry Mullen oder Adam Clayton, die ebenfalls immer im Schatten von Bono und The Edge stehen. Aber die Chemie der Band stimmt trotzdem nur, wenn alle Mitglieder zusammen sind.“

Und damit hat er absolut recht. Depeche Mode ohne hin? In vielerlei Hinsicht schlichtweg undenkbar.

Am 26. Mai ist Andy Fletcher im Alter von 60 Jahren gestorben. Zwei Drittel seines Lebens stellte er in den Dienst von Depeche Mode, die 2020 in die „Rock And Roll Hall Of Fame“ aufgenommen wurden. Er war – in diesem Geschäft auch eher eine Seltenheit – seit 31 Jahren mit derselben Frau zusammen und verheiratet, die beiden hatten zwei Kinder. Die Schlagzeilen überließ er, wie eben auch das Rampenlicht, lieber seinen Bandkumpanen, er landete in ebenjenen (den Schlagzeilen) zuletzt etwa im April dieses Jahres ganz unprätentiös mit der Meldung, dass er sich bei einem Fahrradunfall in Barcelona das Handgelenk gebrochen habe. „Oft kommt mir unsere Karriere wie ein Traum vor. Und ich habe Angst aufzuwachen und plötzlich einen ganz normalen Job machen zu müssen“, sagte er vor einigen Jahren. Darum muss er sich keine Sorgen mehr machen, denn jener Traum blieb bis zum Ende unantastbar. Und irgendwie muss man die kaum von der Hand zu weisende Ironie, dass sich Gevatter Tod – ganz ähnlich wie unlängst bei den Rolling Stones, wo ausgerechnet der ewig stille wie zurückhaltende Schlagzeuger Charlie Watts vor Lebemännern wie Keith Richards oder Mick Jagger die Bühne, die sich da „Leben“ nennt, verlassen musste – nun auch bei Depeche Mode den in vielerlei Hinsicht Nüchternsten der Band zuerst geholt hat, fast schon unweigerlich mit einem diabolisch-sarkastischen Grinsen betrachten. Mach’s gut, Andy Fletcher!

(Lesenswert ist auch dieser Nachruf auf „Zeit Online“)

(via Facebook)

Rock and Roll.

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Song des Tages: Alex Henry Foster – „The Power Of The Heart“


Es ist vielleicht einer der am meisten unterschätzten Songs von The Velvet Underground-Gründungsmitglied Lou Reed: „The Power Of The Heart„. Der 2013 verstorbene US-Musiker schrieb das Stück 2008 für seine Hochzeit mit Laurie Anderson. Ganz ähnlich wie etwa Peter Gabriel vor ihm, machte sich Alex Henry Forster den Song bereits Anfang Mai zu eigen und brachte ihn in eine völlig neue Form. Aufgenommen in seinem The Upper Room Studio verlieh der 32-jährige kanadische Musiker, der abseits seiner Solo-Aktivitäten, welche zuletzt „Windows In The Sky“ sowie das Live-Album „Standing Under Bright Lights“ abwarfen, der Alternative-Rock-Band Your Favorite Enemies vorsteht, dem Stück mit entrückten Streichern und sanften Pianoklängen eine imposante Kulisse. Die umfassende Umstrukturierung beschreibt Foster wie folgt: „Die Befreiung von der Angst, als das gesehen zu werden, was ich bin, ist der Grund dafür, dass ich weder den Druck verspürte, Reeds Verkörperung des Liedes zu imitieren, noch wurde ich durch die Last, seine intime Absicht nachahmen zu müssen, eingeengt.“ Diese Befreiung ist deutlich zu spüren – Foster scheint sich dem (vor allem für den zu Lebenszeiten stets als äußerst verschroben und unzugänglich bekannten Lou Reed) zärtlichen Liebeslied im Verlauf immer weiter hinzugeben und lässt den Song mit Chorgesängen anschwellen – und damit noch weiter vom Reed’schen Original abdriften. „Geräusche wurden zu Klängen, und musikalische Arrangements entwickelten sich für mich zu einer Art spiritueller Erhebung“, ergänzt Foster.

Die besungene Kraft des Herzens lässt sich genauso gut im dazugehörigen Musikvideo wiederfinden, denn schließlich muss man in Paris, der Stadt der Liebe, nicht lange nach den entsprechenden aufs Romantischste einladenden Straßen als Kulisse suchen. Doch wie in jeder Großstadt gibt es auch in der französischen Metropole die Kehrseiten – die Einsamkeit, die Isolation, das Stehen am Rande der Gesellschaft – unter den vielen tausenden Gesichtern, sodass fast automatisch die Frage nach dem passenden Gegenstück im Raum steht. Damit fügt sich Alex Henry Fosters aufrichtige und gefühlvolle Coverversion dem Bild der Stadt, ein tagträumerisches Gesamtkunstwerk entsteht…

„You and me, we always sweat and strain
You look for sun, I look for rain
We’re different people, we’re not the same
The power of the sun

I look at treetops, you look for caps
Above the water, where the waves snap back
I flew around the world to bring you back
Ah, the power of your heart

You looked at me and I looked at you
The sleeping heart was shining through
The wispy cobwebs that we’re breathing through
The power of the heart

I looked at you and then you looked at me
I thought of past, you thought of what could be
I asked you once again to marry me
Ooh, the power of the heart

Everybody says love makes the world go around
I hear a bubbling and I hear a sound
Of my heart beating and I turn around
And find you standing at the door

You know me, I like to dream a lot
Of this and that and what is not
And finally I figured out what was what
It was the power of the heart
The power of the heart

You and me, we sweat and strain
The result’s always the same
You think somehow we’re in a game
The power of the heart

I think I’m dumb, I know you’re smart
The beating of a purebred heart
I say this to you and it’s no lark
Marry me today

You know me, I like to dream a lot
Of what there is and what there’s not
But mainly I dream of you a lot
The power of your heart
The power of your heart“

Rock and Roll.

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Song des Tages: Veronica Swift – „Sing“


Bereits im zarten Alter von neun Jahren nahm die in ein musikalisches Elternhaus hineingeborene Sängerin Veronica Swift das Album „Veronica’s House Of Jazz“ auf. Es folgten im Laufe der Jahre ein paar weitere vielversprechende Platten (zuletzt 2019 „Confessions„), später trat sie zudem mit Weichspülern wie dem Jazz-Trompeter Chris Botti oder Traditionalisten wie dem Pianisten Benny Green auf. Wer hört, wie sie gemeinsam mit Wynton Marsalis ein minutenlanges Live-Scat-Solo über „Cherokee“ hinlegt, für den scheint die Sache klar: Die 1994 geborene New Yorker Sängerin gehört zu jener Kategorie von Wunderkindern, die zwar technisch virtuos, aber sonst eher unoriginell tönen. You may call it „Hintergrundberieselung“…

Nun, von diesem möglicherweise etwas vorschnell gefällten Vorurteil kann man sich spätestens mit ihrem im vergangenen Jahr erschienenen Album „This Bitter Earth“ getrost verabschieden. Sicher: Auch dort singt Swift gewohnt intonationssicher und solistisch versiert einiges an Standard- und Mainstreamware, wie etwa George Gershwins „The Man I Love“ oder ein schmissig-flottes „Youʼre The Dangerous Type”, bei dem sich eine ganze Heerschar anderer Vokalistinnen wohl die Zunge verknoten würde. 

Doch nicht nur wie sie singt, sondern vor allem was sie singt, überzeugt. Denn die 27-jährige US-Jazz- und Bebop-Musikerin zeigt bei der Stückauswahl großes Geschick und löst ein, was das von Dinah Washington entliehene Titelstück verspricht: Hier stellt sich jemand sehr erwachsen und frei von großen Illusionen den Widrigkeiten der Gegenwart, erstellt einen dreizehnteiligen Liederzyklus, der sich mit Sexismus, häuslicher Gewalt, Umweltproblemen, Rassismus, Fremdenfeindlichkeit oder den Gefahren von Fake News befasst und somit Merkmale von wegweisenden Klassikern wie Marvin Gayes „What’s Going On“, Kate Bushs „Hounds Of Love“ oder Mary J. Bliges „My Life“ aufnimmt. Und auch wenn bei den zum Großteil bereits 2019 – und somit bevor die Coronavirus-Pandemie die Welt fast völlig zum Stillstand brachte – aufgenommenen Songs gelegentlich Streicher watteweiche Teppiche auslegen und die musikalische Begleitung von einem blitzsauber swingenden Piano-Trio unter der Leitung Emmet Cohens kommt, so fehlt von dem unschuldig-nostalgischen Eskapismus der Vorgänger-Jazzgesangsgeneration um Jane Monheit und anderen doch jede Spur.

„Ich habe seit Jahren darauf gewartet, dieses Album zu machen und wollte, dass es zwei verschiedene Ansätze hat. Ich habe mit der Stellung der Frau in der heutigen Gesellschaft begonnen und wie sie sich verändert. In der zweiten Hälfte wollte ich andere Missstände in der Welt ansprechen, sei es Rassismus oder Fake News. Aber ich beziehe keine politische Position. Ich bin mir mit meinem Publikum sehr darüber im Klaren, dass ich als Künstler bestimmte Themen als Außenstehender anspreche, der hineinschaut.“ (Veronica Swift)

Ganz im Gegenteil: Mit an Zynismus grenzender Schärfe interpretiert Swift mithilfe von energischen Scat-Vocals etwa die Rodgers- und Hammerstein-Nummer „Youʼve Got To Be Carefully Taught“ aus dem Jahr 1949 und dem Musical „South Pacific“, die davon handelt, dass man Kinder früh zu Angst und Hass erziehen sollte, damit sie brav die rassistischen oder religiösen Vorurteile ihres Umfeldes übernehmen. Ganz sanft und naiv wiederum intoniert sie zu akustischer Gitarre den durch die Vokalgruppe The Crystals bekannt gewordenen Carole King-Song „He Hit Me (And It Felt Like A Kiss)“, welcher unverblümt von häuslicher Gewalt handelt. Nur von Armand Hirsch auf der akustischen Gitarre begleitet, setzt Swift mit ihrem Gesang einen Kontrast zu dem bombastisch instrumentierten Original und entlarvt den im Titel angedeuteten Sexismus mit sanften Tönen Auch toll: das gleichermaßen großartige wie unbekannte „The Sports Page“ von 1971 aus der Feder des Jazz-Pianisten und Journalisten Dave Frishberg, welches sich nun wie ein genialer Kommentar zur Donald Trump’schen Fake-News-Pest, vielsagend-hohlem Verschwörungsgeschwurbel und der US-Wahl 2020 anhört. Andere Stücke stammen aus Musicals wie „Bye Bye Birdie“ (1960), „The King And I“ (1951) oder „The Jungle Book“ (1967) – alle möglicherweise durchaus betagt im Alter, jedoch dennoch auch im 21. Jahrhundert mit deutlichem Zeitgeist-Wert. Wenn Swift nach allerlei hervorragendem Changieren zwischen Jazz, R&B, Rock und einer Prise Blues den krönenden Abschluss „Sing“ (im Original vom US-Punkrock-Cabaret-Duo The Dresden Dolls) mitsamt angejazzrockter E-Gitarre als fragilen Aufruf zur Versöhnung mit dem eigentlich Unversöhnlichen intoniert, wird klar: Die USA haben neben Cécile McLorin Salvant nun eine weitere kraftvolle Jazz-Stimme mit einem brillanten Gespür für Subtexte. Ein superbes Konzeptalbum, zu gleichen Teilen beeindruckend, brillant, virtuos, sentimental, verführerisch, voller Emotionen und schlussendlich hochgradig überzeugend. You may not call it „Hintergrundberieselung“.

Rock and Roll.

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Song des Tages: Pink Floyd – „Hey Hey Rise Up“ (feat. Andriy Khlyvnyuk)


Am Anfang ist da ein Chor, der nach Kosakenfolklore und Schwarzmeermatrosen klingt. Kurze Irritation. 16 Sekunden später merkt man allerdings, wer hier eigentlich spielt. Die ersten Schlagzeugschläge, swingend und pointiert, dabei mit leicht existenzialistischer Rückhand ausgeführt, dann die von der Seite schwer ins Bild rollende Orgel. Alles: musikhistorische Wasserzeichen. Wer „Hey Hey Rise Up“ hört, den Song, der vor einigen Tagen auf den Streaming- und Download-Plattformen auftauchte, dessen Single-Artwork eine Art „Sonnenblume mit Auge“ zeigt, während der Schriftzug der Band ist in den ukrainischen Landesfarben Blau und Gelb getaucht ist, dürfte also auch ohne gesonderten Hinweis merken, um was es sich hier handelt: um ein neues Stück von Pink Floyd, einer der größten, wegweisendsten, vor vielen Jahren stillgelegten Rockbands der Geschichte – auch wenn das noch nicht die ganze Wahrheit ist.

Denn der Sänger, dessen bebender Tenor „Hey Hey Rise Up“ hier durch seine dreieinhalb Minuten trägt, heißt Andriy Khlyvnyuk. Er stammt aus Tscherkassy, das mitten in der Ukraine am Fluss Dnepr liegt, und ist seit 2004 das Gesicht der Band BoomBox, die in ihrer Heimat durchaus als „Superstars“ bezeichnen könnte. Als die russische Armee im Februar die Invasion begann, verschob die Gruppe ihre für März und April geplanten Amerika- und Europakonzerte und rückte – wie viele andere heimische Künstler – geschlossen zur Landesverteidigung ein. Am vierten Kriegstag postete Khlyvnyuk, gewissermaßen als Gruß von der Front, auf seinem Instagram-Account ein kurzes Smartphone-Video, das ihn vor der Sophienkathedrale in Kiew zeigt. Das spontan gesungene „Oi u luzi chervona kalyna“ („Der rote Schneeball auf der Wiese“), ein ukrainisches Kampflied aus dem Ersten Weltkrieg, verbreitete sich schnell und weit im weltweiten Netz. Verschiedene Musiker spielten Musik dazu, fertigten Mash-up-Fassungen an – im Grunde der übliche zu erwartende Schneeballeffekt bei derart bewegenden Beiträgen, welche noch dazu gesellschaftspolitische Tragweite besitzen.

Pink Floyds „Hey Hey Rise Up“ betitelte Variante ist nun einerseits eine weitere Version, in der eine Band die Gesangsspur aus Andriy Khlyvnyuks Clip neu vertont und interpretiert. Zudem hat Gitarrist und Initiator David Gilmour sie als aufsehenerregendes popkulturelles Ereignis konzipiert. Pink Floyd, die großen britischen Epiker und Progressive-Rock-Experimentalisten, veröffentlichten zuletzt 1994 wirklich neue Musik (wenngleich 2014 mit „The Endless River“ noch einmal dröge Resteverwertung aus den „Division Bell“-Sessions betrieben wurde), traten 2005 ein letztes Mal in klassischer Besetzung auf. Der Tod des Keyboarders Rick Wright 2008 – zwei Jahre, nachdem das bereits 1968 ausgestiegene Gründungsmitglied Syd Barrett verstarb – sowie die andauernden Unverträglichkeiten zwischen Gilmour und dem ursprünglich zweiten Bandkopf Roger Waters, den der Rest der Gruppe anno 1985 im Streit schasste, beschlossen jedoch effektiv die Geschichte. „Es ist vorbei, die Band ist am Ende. Es wäre Betrug, noch irgendwie weiterzumachen“, sagte Gilmour 2015 in einem Interview mit dem „Guardian“.

Es ist jetzt also tatsächlich eher die legendäre Marke, die charakteristische Pink-Floyd-Idee, als die eigentliche Band, die der 76-jährige Gilmour anlässlich des Ukraine-Krieges zeichenhaft wiederbelebt hat. Als einziges weiteres (Ex-)Bandmitglied ist auf „Hey Hey Rise Up“ Schlagzeuger Nick Mason, auch bereits stolze 78 Lenze alt, vertreten. Die Freunde und langjährigen Kollaborateure Guy Pratt und Nitin Sawhney spielen die restlichen Instrumente. Dennoch haben die Musiker es geschafft, dem für sie gänzlich untypischen Stück osteuropäischer Quasi-Folklore etwas von der ebenso warmen wie unheilvoll dräuenden Atmosphäre der großen Floyd-Werke zu verleihen. Inklusive eines ausgiebigen Gitarrensolos, das Gilmour in einem aktuellen Interview (ebenfalls mit dem „Guardian“) als seinen „Rockgott-Moment“ bezeichnet – mit genug expliziter Selbstironie, um das Wahrheitskorn darin funkeln zu lassen. Als Klassiker im Pink-Floyd-Kanon wird das Stück sicherlich niemals gelten, umso mehr Reichweite erzeugt es jedoch für die Geschichte, die hinter ihm steht.

Gilmour lernte die BoomBox-Musiker vor Jahren bei einem Konzert in London kennen, hat außerdem selbst eine ukrainische Schwiegertochter. Der Brite sagte, er habe mit Andriy Khlyvnyuk, der sich in einem Krankenhaus von einer Granatsplitterverletzung erholte, gesprochen, als er den Song geschrieben habe: „Ich habe ihm am Telefon ein wenig von dem Song vorgespielt, und er gab mir seinen Segen.“ Zudem hoffen beide, in Zukunft auch persönlich zusammenarbeiten zu können. „Hey Hey Rise Up“ will Gilmour als demonstratives Statement gegen die russische Aggression verstanden sehen, alle Einnahmen aus dem Song lobt er als Spenden an die humanitäre Hilfe im kriegsgeschundenen Land aus – und erzeugt dennoch keine Sekunde lang den Eindruck, die Solidaritätsaktion könne ein dauerhafter Neustart für Pink Floyd sein.

„Wir wollen unsere Unterstützung für die Ukraine zum Ausdruck bringen und auf diese Weise zeigen, dass der Großteil der Welt es für völlig falsch hält, dass eine Supermacht in das unabhängige demokratische Land einmarschiert, das die Ukraine geworden ist.“ (David Gilmour)

Und Roger Waters? Auch der alte Grantler, das Mastermind hinter Pink Floyd’schen Werken wie „The Wall“ hat sich seinerseits mit einem Ukraine-Video zu Wort gemeldet, schon Anfang März. Darin antwortete er in einer längeren Abhandlung auf den Hilferuf eines 19-jährigen ukrainischen Fans. Er, der sich seit Jahr und Tag ohnehin gegen jegliche kriegerische Konflikte stark macht, verurteilte zwar den russischen Angriff, betonte aber auch, dass Israel in Palästina vergleichbare Verbrechen verübe und es in der Ukraine ja durchaus eine Menge neofaschistischer Kräfte gebe – womit der 78-Jährige wohlmöglich recht haben mag, jedoch auch mächtig Whataboutism betreibt. Im Grunde das exakte, nüchtern-kalte Gegenstück zu dem, was seine früheren Bandkollegen mit „Hey Hey Rise Up“ in die Welt gestellt haben. Ebenso nüchtern lässt sich daher mutmaßen, dass Gilmour, Mason und Waters in diesem Leben sicher nicht mehr zusammenkommen werden.

Rock and Roll.

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