Schlagwort-Archive: Robert Allen Zimmerman

Moment! Aufnahme.


 

Robert Allen „Bob Dylan“ Zimmerman und Cassius „Muhammad Ali“ Clay, Arm in Arm backstage im New Yorker Madison Square Garden im Zuge von Dylans 1975er „Rolling Thunder Revue Tour“. Im ersten Moment mag man an einen dieser Publicity-trächtigen Schnappschüsse von zwei Größen des Showgeschäfts denken (die gab es ja schließlich auch von Ali und den Beatles). Dass die Folk-Größe und die Box-Legende jedoch weitaus mehr verband als ein, zwei nette Meet-and-Greet-Geplänkel, wissen nur die, die ein wenig genauer hinschauen und -hören. Denn so freundlich wie 2016, als Dylan den verstorbenen Muhammad Ali mit den warmen Nachruf-Worten „Wenn das Maß von Größe darin besteht, das Herz eines jeden Menschen auf dem Antlitz der Erde zu erfreuen, dann war er wirklich der Größte. In jeder Hinsicht war er der tapferste, freundlichste und hervorragendste aller Menschen.“ bedachte, war die Beziehung der beiden Legenden keineswegs immer…

Warum? Nun denn, schauen wir mal genauer hin…

Bob Dylan ist Boxer. Wie kurz nach der Jahrtausendwende zu erfahren war, betrieb die lebende Folk-Legende schon seit Jahren in Los Angeles, auf der Rückseite des The 18th Street Coffee House in Santa Monica, ein nichtöffentliches Boxgym, in dem sich nicht nur er selbst, sondern auch Schauspieler wie Will Smith fit halten. Dort traf sich auch Kult-Regisseur Quentin „Kill Bill“ Tarantino mit Dylan zum – natürlich freundlichen – Kampf. „Wir machten ein bisschen Sparring“, berichtete Verlierer Tarantino hinterher, „und als ich mal unaufmerksam war, kam er durch. Ich glaube, es war ein rechter Jab. Für einen Moment ließ ich meine Deckung unten, und er schlug ein. Es war ein guter Punch.“

Bob Dylan ist also Boxer – und das bereits seit Jugendzeiten, als der junge Robert Allen Zimmerman im Zuge des Sportunterrichts recht unfreiwillig den Ring besteigen musste. Diese Faszination hat ihn, ganz ähnlich wie etwa Ex-Red House Painters-Grantler Mark Kozelek, seitdem nie so ganz losgelassen. Zu zeigen ist nun, dass ohne den Bezug zum Boxen Dylans Werk – zumindest zu Teilen – nicht zu verstehen ist. Drei Songs aus seiner Feder beziehen sich unmittelbar auf das Profiboxen, nämlich „I Shall Be Free No. 10„, „Who Killed Davey Moore?“ und „Hurricane„. Außerdem coverte Dylan anno 1970 auf seinem Album „Self Portrait“ noch „The Boxer“ von Simon & Garfunkel.

„I Shall Be Free No. 10“, Dylans erste musikalische Annäherung an das Profiboxen, findet sich auf dem Album „Another Side Of Bob Dylan“ aus dem Jahr 1964. Der junge Künstler Dylan fordert die Welt heraus, lies: den Weltmeister. Und der war nicht irgendein dahergekommener Haudrauf, sondern seit ebenjenem Jahr 1964 ein gewisser Muhammad Ali, der damals noch Cassius Clay hieß. „I was shadow-boxing earlier in the day / I figured I was ready for Cassius Clay“, knattert Dylan also im Song. Die zwischen Harmonikapusten vorgetragenen Drohungen gegen den Boxer werden immer lächerlicher: „I said ‚Fee, fie, fo, fum, / Cassius Clay, here I come / 26, 27, 28, 29, Im gonna make your face look just like mine / Five, four, three, two, one, Cassius Clay – you’d better run.“ Natürlich mag man aus dem Song durchaus Dylans Anspruch heraushören, einmal Champion of the World zu werden. Die Dylan-Biografen jedoch halten „I Shall Be Free No.10“ mehrheitlich für „schrulligen Nonsens“ (Robert Shelton) oder verschweigen ihn einfach, wie sogar Paul Williams und Anthony Scaduto.

Das ist bei „Who Killed Davey Moore?“ anders. Erstmals wurde das Stück über die Tragödie des Federgewichtsboxers bereits 18 Tage nach dessen Tod am 25. März 1963 bei einem Konzert in New York gespielt, offiziell auf Platte ist es aber erst auf den „The Bootleg Series, Vols. 1-3“ aus dem Jahr 1991 zu hören. Dylan listet alle auf, die anno dazumal ein Interesse am Tod des Boxers hatten: der Ringrichter, die Wetter, der Manager, die Sportjournalisten – heraus kommt ein großartiges Sittengemälde der Boxindustrie und damit der gesamten Gesellschaft, vergleichbar mit Dylan-Evergreens wie „Masters Of War„, „Maggie’s Farm“ oder der jüngsten 17-Minuten-Großtat „Murder Most Foul„.

In der Dylan-Rezeption freilich wird erstaunlicherweise nicht danach gefragt, warum sich Dylan ausgerechnet den Boxsport vornahm: „Wegen zu politischer Aussagen“, gibt etwa Journalist Max Dax Gerüchte wieder, wollte die Plattenfirma CBS den Song nicht auf Dylans zweitem Album „The Freewheelin‘ Bob Dylan“ haben. Für den gar „am deutlichsten mit dem Sozialismus sympathisierenden“ Song Dylans hält ihn Heinrich Detering in seiner Dylan-Biografie.

Es ist der Boxhistoriker Jeffrey T. Sammons, der einen Zusammenhang zwischen dem aufsteigenden Cassius „Muhammad Ali“ Clay und dem 1963 im Alter von 29 Jahren an Kampfverletzungen verstorbenen Davey Moore herstellt: Als Moore starb, „waren es die Streiche und die boxerischen Fertigkeiten von Cassius Clay, die sowohl das Interesse der Gesellschaft als auch mein eigenes von dieser Tragödie ablenkten.“ Auch Boxfan Dylan veröffentlichte schließlich zunächst nur sein mäßig lustiges Stück über Clay/Ali, nicht aber seine deutlich gewichtigere Anklage gegen das Profiboxen.

Im Jahr 1970 präsentierte sich Dylan seiner Fan-Gemeinde zum dritten Mal als einer, dem Boxen etwas bedeutet. Ausgerechnet auf „Self Portrait“ spielte er „The Boxer“ von Paul Simon nach. In dem Song heißt es, dass man den Boxer bedrängt, „til he cried out in his anger and his shame / ‚I am leaving, I am leaving.‘ / But the fighter still remains.“ Bei Fans und Kritikern kam die Sammlung aus Cover-Versionen bekannter Songs sowie Instrumentaltiteln, Eigenkompositionen und Liveaufnahmen damals weniger gut an, speziell seine Interpretation von „The Boxer“ gehöre „zu den kuriosesten Einspielungen seines kompletten Plattenwerks“, ja, es sei eigentlich ein „Gag“, meint etwa Olaf Benzinger in seiner Dylan-Biografie.

Das bislang letzte und berühmteste – und zweifelsohne gelungenste – Boxer-Lied Dylans erschien schließlich 1975 (und ein Jahr später auf dem Album „Desire„): „Hurricane“, der Song über den 2014 verstorbenen Mittelgewichtler Rubin Carter, welcher zu Unrecht beinahe zwei Jahrzehnte wegen Mordes im Gefängnis saß (und dessen Geschichte im Jahr 1999 durch den furiosen Film gleichen Titels mit Denzel Washington in der Hauptrolle auch in die Kino-Annalen einging). Carter, der Chancen auf einen WM-Kampf hatte, wurde 1966 festgenommen. Mit manipulierten Zeugen wurde ihm ein rassistischer Prozess gemacht – erst 1985 erfolgte, vor allem wegen einer internationalen Unterstützungskampagne, der Freispruch. „One time he could-a been / The champion of the world“, heißt es in Dylans „Hurricane“. Schon das erinnert an den jungen Dylan. Doch er legt dem Boxer auch noch seine eigene Berufsauffassung in den Mund: „It’s my work, he’d say, and I do it for pay!“

Beim Gros der Dylanologen wird das jedoch selten heraus gelesen. „Endlich wieder politisches Engagement!“, heißt es aus deren Lager stattdessen. „Der alte Dylan!“, „Der Protestsänger!“ etc. pp. Dass Dylan, dieses schlitzohrige Chamäleon, selbst keineswegs als Politiker oder Prophet wahrgenommen werden will, sagt(e) er nicht nur in Interviews, sondern auch in genau diesem Song: „And when it’s over I’d just as soon go on my way…“

Doch natürlich ist „Hurricane“ (auch) ein Protestsong, aber es ist sehr bewusst der Protest für einen Boxer. Und zwar nicht für einen Profiboxer in der (manches Mal auch überhöhten) Art eines Muhammad Ali, der sich im Grunde bis zu seinem Tod im Jahr 2016 selbst als politisches Symbol inszenierte und der seine Kunst als Instrument der Emanzipation der Schwarzen verstand. Sondern es ist ein Protestsong für einen Boxer, der schlicht seinen Job tat, sich Vereinnahmungsversuchen verweigerte und wider Willen – durch seine Verhaftung – zum politischen Symbol wurde. Ein durchaus großer Unterschied zu Ali.

CkJM6OPWgAArB6a

Bei der „Rolling Thunder Revue“ 1975 kreuzten sich Alis und Dylans Wege schließlich: Sie respektierten sich, aber sie mochten sich nicht (wer genauer hinschaut, meint dies auch auf den Bildern von Fotograf Ken Regan zu erkennen). Der kaum an mangelndem Selbstbewusstsein leidende Ali inszenierte sich gar auf Dylans Kosten. „Also, als ich gebeten wurde, heute Abend herzukommen, wusste ich nicht, wer eigentlich dieser Bob Dylan ist“, kokettierte Ali in New York. „Seid ihr Mädels heute Abend wirklich alle wegen Bob Dylan da?“ Ali ging auf die Bühne und telefonierte dort mit Rubin „Hurricane“ Carter im Staatsgefängnis New Jersey. „Ali machte krumme Sachen“, erinnert sich der Schauspieler und Schriftsteller Sam Shepherd. Ohne Absprache holte Ali beispielsweise einen weißen Politiker auf die Bühne, stellte ihn als „nächsten Präsidenten der Vereinigten Staaten“ vor und musste letztlich unter Buhrufen die Bühne verlassen. Dylan hingegen mochte solche Egotrips nicht, aber der boxerische Respekt, den der Musiker vor dem Sportler hatte, war zu groß. „Er hat bewiesen, dass man auch im Angesicht von Elend für seine Überzeugungen aufstehen und stehen bleiben kann“, sagt Dylan in der Ali-Biografie des amerikanischen Boxjournalisten Thomas Hauser. Ein höfliches Lob, von Respekt getragen, aber damals ohne Liebe.

Die gehörte anderen. In seiner 2004 erschienenen Autobiografie „Chronicles I“ erinnert sich Dylan an einen Boxkampf zwischen Jerry Quarry und Jimmy Ellis. Quarry, ein weißer Schwergewichtler, wurde Ende der Sechziger als „White Hope“ aufgebaut, als derjenige, der dem „weißen Amerika“ mit dem Gürtel des Schwergewichtsweltmeisters endlich wieder ein Symbol seiner Überlegenheit verleihen sollte. „Für mich gab es manche Parallele zwischen unserer Situation und unserer Reaktion darauf“, heißt es in „Chronicles I“. „Ich identifizierte mich sowohl mit Ellis als auch mit Quarry.“ Seine Begründung: „Genau wie Quarry wollte ich mich nicht damit abfinden, dass ich ein Emblem, ein Symbol oder ein Wortführer sein sollte.“ So wimmelt er politische Ambitionen am Beispiel des weißen Boxers ab. Am Beispiel des schwarzen Boxers schreibt er: „Wie Ellis hatte ich eine Familie zu ernähren.“

Ellis boxerische Karriere ist aus Dylans Sicht bemerkenswert: Im Jahr 1964 verlor er, damals noch Mittelgewichtler, nach Punkten und sehr umstritten gegen Rubin „Hurricane“ Carter. Als der Weltverband WBA 1967 Ali wegen seiner Wehrdienstverweigerung den WM-Titel aberkannte, gehörten Jimmy Ellis und Jerry Quarry, wie etwa auch der Deutsche Karl Mildenberger, zu den Anwärtern auf den vakanten Titel. Ellis setzte sich durch. Im April 1968 kam es zum WM-Kampf zwischen Ellis und Quarry – der Kampf, den Dylan meint. Ellis gewann den Titel. Gleichwohl dürfte Ellis zu den unbekannteren Schwergewichtsweltmeistern der Boxgeschichte zählen. Er verlor 1970 seinen Titel an Joe Frazier, 1971 verlor er einen Kampf gegen Ali, und 1975 beendete er seine Karriere. Geboren wurde Ellis 1941 (wie auch Dylan, Ali wurde im Januar 1942 geboren) in Louisville, Kentucky (wie Ali, mit dem er auch als Amateur zusammen trainierte).

Der Lebensentwurf des Hobbyboxers gleicht dem eines Profiboxers, es ist beinahe Dylans Wunschbiografie. Schon am Anfang seiner Karriere (und auch am Anfang von „Chronicles I“) steht die Episode, wie Jack Dempsey, Schwergewichtsweltmeister von 1919 bis 1926, dem schmächtigen, gerade aus der Provinz von Minnesota ins New Yorker Künstlerviertel Greenwich Village gekommenen Sänger einen guten Rat gab: „Du siehst zu leicht aus für ein Schwergewicht, du musst ein paar Pfund zulegen. Und dich ein bisschen besser anziehen, bisschen mehr aus dir machen – auch wenn du im Ring nicht viele Klamotten brauchst. Und du darfst keine Angst haben, dass du den anderen zu hart erwischst.“

Den Rat scheint sich Bob Dylan zu Herzen genommen zu haben, und bis heute eine Faszination fürs Boxen zu hegen. Wer’s nicht glaubt, der frage etwa die philippinische Box-Legende Manny Pacquiao, der 2014 während eines Workouts in Los Angeles Besuch vom mittlerweile 79-jährigen Folk-Nobelpreisträger erhielt. Oder eben Quentin Tarantino, der bereits vor einigen Jahren Bekanntschaft mit Bob Dylans Punch machen durfte…

 

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Mein Senf: Der große Dylan – jetzt auch höchstoffiziell


cupigljw8aajxwn-jpg-large

Gut, nun, da fest steht, dass Bob Dylan tatsächlich endlich den Literatur-Nobelpreis erhält, scheint die Entscheidung zwar noch immer erstaunlich – immerhin ist Dylan ja der erste Singer/Songwriter slash Populärmusiker, dem diese Ehre zuteil wird, zum anderen fragt man sich nun: Wann bekommt dann endlich Bono (s)einen Friedensnobelpreis?

Was heute jedes Kind weiß (oder zumindest wissen sollte): Der 75-jährige Bob Dylan, der als Robert Allen Zimmerman geboren wurde, begann seine Karriere in den 50er Jahren. Seine Texte gelten für die Folk- und Rockmusik als wegweisend.

Dabei wurde Bob Dylan rund zwanzig Jahre lang mit schöner Regelmäßigkeit für den Nobelpreis vorgeschlagen, doch stets ging der Dauerbrenner unter den Kandidaten leer aus (eben neben U2-Fronter Bono, der für sein soziales Engagement den Friedensnobelpreis viel mehr verdient hätte als etwa Barack Obama oder Al Gore). Zu gewagt erschien es offenkundig der sechsköpfigen Jury, einem Musiker – und sei es auch der berühmteste Songschreiber überhaupt – die höchste, seit 1901 vergebene Literaturauszeichnung der Welt zuzuerkennen. Nun jedoch hat sie sich getraut.

Von einigen Skeptikern abgesehen, dürften die meisten – gut fünfzig Jahre nach Dylans Karrierestart als kleiner Kaffeehaus-Folker im New Yorker Greenwich Village – anerkennen, dass der Autor von nichts weniger als klassischer Folk-, Blues- und Rock-Lyrik wie „Masters Of War“, „Like A Rolling Stone“, „The Times They Are A-Changin'“,  „Mr. Tamburine Man“, „Just Like A Woman“ oder „Blowin‘ In The Wind“ ein würdiger Preisträger ist. Den kaum weniger renommierten Pulitzer-Preis für „lyrische Kompositionen von außerordentlicher poetischer Kraft“ hatte er ja bereits 2008 erhalten.

http-com-ft-imagepublish-prod-us-s3-amazonaws-com-ae1eed78-9135-11e6-a72e-b428cb934b78

Seinen Ruf als Revolutionär der Folk- und Rockmusik erwirbt sich Dylan schon Anfang der 60er Jahre, als er die Zeichen einer unruhigen Zeit richtig deutet. Seinen Start als Singer/Songwriter beschreibt er später in der literarisch anspruchsvollen Autobiografie „Chronicles: Vol. 1“ (2004) so: „Amerika wandelte sich. Ich ahnte eine schicksalhafte Wendung voraus und schwamm einfach mit dem Strom der Veränderung.“

Danach mutiert er zum Rockmusiker mit elektrischer Gitarre (man erinnere sich an die berühmten „Judas!“-Rufe), komponiert und textet Mitte, Ende der 60er Jahre Album- und Songklassiker in Serie. Gerade in dieser Zeit entstandene Stücke sind mit all ihren Metaphern, Symbolen und Anspielungen von beispielloser Qualität, während Werke wie „The Freewheelin‘ Bob Dylan“, „Highway 61 Revisited“ oder „Blonde On Blonde“ bis heute Spitzenplätze in nicht wenigen Ranglisten der „besten Alben aller Zeiten“ belegen.

Nach den wechselvollen, künstlerisch oft unbefriedigenden 70er und 80er Jahren kommt Dylans Rehabilitierung 1997 mit dem ersten großen Alterswerk „Time Out Of Mind“ – einer Platte voller düsterer, anspruchsvoller Texte, die wohl zu seinen besten zählen. Seitdem hat er einen Lauf, setzt alle paar Jahre Ausrufezeichen wie „Modern Times“ (2006) oder das erneut von literarischen, geschichtlichen und biblischen Anspielungen wimmelnde „Tempest“ (2012). Rund 100 Millionen Tonträger soll Dylan inzwischen verkauft haben (was beachtlich sein mag, jedoch vergleichsweise nicht gegen die Beatles ankommt).

Freilich zieht die ebenso logische wie im Grunde doch mutige Entscheidung der Nobelpreis-Jury für Dylan als Preisträger weitere Fragen mit sich: Hat das Popkulturelle jetzt endgültig Einzug ins Ehrwürdige gehalten, immerhin findet sich der „Mann aus Duluth“ nun in einer Riege zwischen William Butler Yeats, George Bernard Shaw, Thomas Mann, Hermann Hesse, Ernest Hemingway, Albert Camus, Pablo Neruda und Günter Grass wieder? Wann wäre denn dann einmal eine ebenfalls recht einflussreiche Musikgröße wie Leonard Cohen an der Reihe? Waren der vertonte und der niedergeschriebene Text in der Antike nicht ohnehin eins? Und: Wann zur Hölle darf Bono endlich den verdammten Friedensnobelpreis in Oslo entgegennehmen (und sei es nur, damit endlich Ruhe ist)?

Und natürlich ruft eine nicht eben mild kontroverse Entscheidung pro Dylan auch Spötter, auch Kritiker auf den Plan. So meint etwa Denis Scheck, ARD-Moderator („Druckfrisch“) und einer der bekanntesten deutschen Literaturkritiker: „Gelegentlich erlaubt sich die Akademie ein ‚Späßken‘. Die Auszeichnung von Bob Dylan ist genauso ein Witz wie es die von Dario Fo war. Am besten, man lacht mit.“ Noch deutlichere Wort fand der schottische Schriftsteller Irvine Welsh für die Entscheidung der Jury: „Ich bin ein Dylan-Fan, aber dies ist ein schlecht durchdachter Nostalgie-Preis, herausgerissen aus den ranzigen Prostatas seniler, sabbernder Hippies“, schimpfte der „Trainspotting“-Autor. In eine ganz ähnliche Kerbe schlägt auch Sigrid Löffler: „Ich habe den Eindruck, dass die schwedische Akademie sich seit einiger Zeit interessant machen will, und zwar durch besonders ausgefallene und extravagante Namen, die sie da kürt.“ Dem MDR sagte das frühere Mitglied des „Literarischen Quartetts“: „Selbstverständlich sind Liedtexte, gerade die von Bob Dylan, natürlich wunderbar. Nur: Diese Texte sind keine eigenständige Lyrik, denn sie funktionieren nur, wenn sie gesungen sind.“ Wolfgang Niedecken, Frontmann der Kölner Mundart-Rocker BAP und bekanntlich der deutsche Dylan-Ultra, dürfte das freilich anders sehen: „Noh all dänne Johre…..endlich: Bob Dylan bekommt den Literaturnobelpreis. Ich freue mich riesig!“ Und auch Bruce Springsteen, seines Zeichens ja die andere Galionsfigur der US-amerikanischen Musikgeschichte, würdig Dylan via Facebook ausgiebig, während der deutsche „Rolling Stone“-Redakteur Maik Brüggemeyer – mit seinem 2015 erschienenen fantasievoll zusammen geschulterten Roman „Catfish: Ein Bob Dylan Roman“ ebenfalls ja kein Unbekannter, wenn es um Dylan-Fachkundige geht – Dylan selbstredend ebenso für einen würdigen Preisträger hält.

U.S. President Obama awards a 2012 Presidential Medal of Freedom to musician Dylan during ceremony in the East Room of the White House in Washington

Foto: REUTERS/Kevin Lamarque

Am Ende hatte und hat wohl jeder seine ganz eigene Meinung zum Schaffen von Bob Dylan, zu seinem Wirken über all die Jahrzehnte hinweg, und folglich auch zu seiner Ehrung mit dem Nobelpreis. Der Künstler selbst wird sich – so bleibt zu vermuten – wohl geehrte ob diese Lorbeeren von höchster Stelle fühlen, doch irgendwo wird es ihm herzlich schnuppe sein. Denn Robert Allen Zimmerman hat es in seiner Karriere noch nie darauf angelegt, allen zu gefallen, hat schlussendlich nur nach seinen höchst eigenen Regel gespielt (und die Puppen danach tanzen lassen). Denn die Person, welche in einer Art Maskerade, die selbst einem Shakespeare zur Ehre gereichen würde, schon längst hinter dem Pseudonym des Bob Dylan angekommen ist, hat selbst am meisten zur eigenen Maskierung und Mystifizierung beigetragen (wer’s ansatzweise verstehen möchte, dem sei  der nicht eben schlechte – und freilich von Dylan höchstselbst abgenickte – Film „I’m Not There“ (2006) empfohlen, in welchem Schauspieler(innen) wie Christian Bale, Richard Gere, Heath Ledger oder Cate Blanchett in die Rolle des Singer/Songwriter-Chameleons schlüpfen). Dylan polarisiert, das hat die heutige Vergabe des Literatur-Nobelpreises an ihn noch einmal gezeigt. Und das ist wohl das größte Kompliment, das man ihm machen kann.

 

 

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , ,
%d Bloggern gefällt das: