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Moment! Aufnahme.


(Foto gefunden bei Pinterest)

Ex-Beatle Paul McCartney hat sich mit einem ausführlichen Text und vielen Fotos auf seiner Webseite an seine Begegnungen mit der am 8. September im Alter von 96 Jahren verstorbenen britischen Königin Elizabeth II. erinnert. Er habe die Königin acht- oder neunmal getroffen, so McCartney – zum ersten Mal im Oktober 1965, als die Beatles ihre MBE-Orden („Member of the British Empire“) bekamen. Damals erhielten McCartney, John Lennon, George Harrison und Ringo Starr vorab so einige Anweisungen, wie sie der Queen zu begegnen haben: „Wir wurden zur Seite genommen und uns wurde erklärt, was wir zu beachten hätten. Man sagte uns, wie wir uns der Queen nähern sollten und dass wir auf keinen Fall mit ihr reden dürften, außer sie spreche mit uns. Für uns vier Jungs aus Liverpool war das: ‚Wow, hey man.'“

Es folgten im Laufe der Jahrzehnte mehrere Treffen, etwa bei Jubiläumskonzerten oder 1997, als die Queen McCartney in den Ritterstand erhob. Rund zwanzig Jahre später beförderte sie ihn noch einmal: zum Companion of Honour

Die Verleihung dieser Medaille im Jahr 2018 sei zugleich das letzte Treffen mit ihr gewesen, schildert die 80-jährige Musiklegende im Text. Damals habe er sich auch einen Spass erlaubt: „Ich schüttelte ihre Hand, beugte mich vor und sagte: ‚Wir müssen aufhören, uns so zu treffen.'“ Die Königin habe gekichert und mit der Zeremonie weitergemacht. Im Nachhinein habe er sich gefragt, ob das eventuell etwas frech gewesen sei, „immerhin war es die Queen“. Jedoch habe er das Gefühl gehabt, dass es ihr nichts ausmachte.

Hier Paul McCartneys Text, welchen man auch auf Facebook findet, im originalen Wortlaut:

On the sad occasion of Her Majesty Queen Elizabeth II’s passing, my memories came flooding back and I would like to share these with you.

I feel privileged to have been alive during the whole of Queen Elizabeth II’s reign. When I was 10 years old I entered an essay competition in Liverpool and won my division for my essay about the British Monarchy so I have been a fan for a long time. In 1953 when the Queen was crowned everyone on our street in Speke, Liverpool finally got a television set and we settled down to watch the Coronation in glorious black and white.

Looking back I am honoured and amazed to see that I met Her Majesty eight or nine times and each time she impressed me with her great sense of humour combined with great dignity. These times were:

Firstly, when The Beatles got the MBE on 26th October 1965. I remember us being taken aside and shown what the correct protocol was. We were told how to approach Her Majesty and not to talk to her unless she talks to us. For four Liverpool lads, it was, ‚Wow, hey man.

The next time we met was some years later at the Royal Albert Hall on 13th December 1982. It was at an event Linda and I attended called An Evening for Conservation. Part of the evening included some orchestral re-workings of some Beatles songs and I remember chatting with Her Majesty about them. She also re-introduced me to Prince Philip who said he remembered our previous meeting in the sixties!

Our third meeting would come in the next decade. In June 1996 The Queen graciously agreed to open the Liverpool Institute for Performing Arts on the site of my old school that George Harrison and myself attended. She also had previously given a donation which the school was very honoured to receive.

Just one year later and our next encounter was a very proud day for me. It was one of the best days ever. I felt very honoured to be offered a Knighthood and of course it would have been rude to turn it down! I remember it was in the springtime and the skies were blue. It was a wonderful day and I remember thinking I’d come a long way from a little terrace house in Liverpool!

It was a new millennium the next time we were together again and what an occasion it was! Celebrating her Golden Jubilee, we got to rock out in her garden. As Her Majesty was on stage receiving applause at the end of the show I joked, ‚Well I suppose this will be happening next year then?‘ to which she replied, ‚Not in my garden it won’t!

We were to see each other again shortly afterwards, but this time on my home turf! I was very honoured to be given a painting exhibition at the Walker Art Gallery, which John and I had visited on many occasions as students. It was my extreme privilege to be able to show Her Majesty around the gallery.

A decade on and Nancy and I attended a special event titled Celebration of the Arts at the Royal Academy of Arts in London, and it was a thrill as ever to talk with Her Majesty.

On June 4th 2012, The Queen would celebrate her Diamond Jubilee and it was so special in many ways. This was the first time I performed in front of her since her last Jubilee, and seeing all the people stretching down Pall Mall was great, as was meeting other members of the Royal Family afterwards. It was a great weekend to be British.

Our last meeting came in 2018. Because of my respect and love for the Queen and her fabulous sense of humour when I was given the Companion of Honour medal I shook her hand, leaned in and said, ‚We have got to stop meeting like this,‘ to which she giggled slightly and got on with the ceremony. I did wonder if I was a bit too cheeky after saying this, after all this was The Queen, but I have a feeling she didn’t mind.

God bless you. You will be missed.

– Paul

Rock and Roll.

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Hey, Paul! – Eine lebende Legende wird 80


Hier geht es nicht um die Beatles. Doch, vielleicht – und nahezu unweigerlich – auch, ein bisschen, immer wieder. Aber in erster Linie soll er im Mittelpunkt stehen: ein Stehaufmännchen, seit über 60 Jahren. Ein scheinbar Unkaputtbarer in einer Welt, in der Erfolg und Misserfolg nicht mehr von Platten, sondern vielmehr von Klicks, Followern oder Streams abhängig sind. Ein Alleskönner, der zwar offiziell den Bass bedient, aber schon eine ganze Reihe von Alben völlig im Alleingang eingespielt hat. Natürlich ein analoger Dinosaurier, mitnichten zeitlos, sondern bewusst retro, immer mit einem sperrangelweit offenen Fenster in Richtung Vergangenheit, in der längst nicht alles, aber möglicherweise wenigstens die Musik besser war. Eine Novität? Nope, natürlich nicht. Das Phänomen ist nicht neu, wir kennen es von den Rolling Stones, Bruce Springsteen, Carlos Santana, Roger Waters, Elton John… Mal mehr, mal weniger in die Jahre gekommene Rockstars, die auch 2022 noch Massen anziehen und für Konzerte Höchstpreise aufrufen können (wer’s nicht glaubt, der darf sich gern mal zu Gemüte führen, was benannte Mick, Keef und Co. fürs Dabeisein bei ihrem diesjährigen Gastspiel in der Berliner Waldbühne verlangen). Da fragt man sich schon: Was machen sie anders als die Jungen?

Am Beispiel von Sir James Paul McCartney (dem nun sogar ein weiteres Upgrade im Adelsregister winkt), der vor 80 Jahren – am 18. Juni 1942 – in Liverpool als Sohn des Kaufmanns James McCartney und der Krankenschwester Mary Patricia McCartney zur Welt kam, lässt sich das Mysterium vielleicht entschlüsseln. Ihn gibt es gefühlt schon genauso lange wie die Chinesische Mauer, das Taj Mahal, den Mount Everest, die Queen. Den Mann heute noch auf der Bühne zu erleben, fühlt sich war in jedem Moment besonders und wie ein Privileg, jedoch irgendwie auch seltsam an, so als würde man einem Wesen aus einer anderen Zeit begegnen. Als hätte er ein unglaubliches Abenteuer überstanden – die Reise zum Mittelpunkt der Erde, 20.000 Meilen unter dem Meer, von der Erde zum Mond.

Ein Leben ohne die Songs des charmanten, oft noch immer spitzbübisch lächelnden Genies, das man mit Fug und Recht auf eine Stufe mit Mozart, Beethoven, Bach stellen kann? Undenkbar. Seit Generationen findet jeder – in Helsinki ebenso wie in Johannesburg, in Los Angeles ebenso wie in Berlin, Wladiwostok, Abu Dhabi, Peking, Dakar, Kopenhagen oder Lima, garantiert wenigstens eine „klassische“ McCartney-Komposition in seiner musikalischen DNA. „Yesterday“ zum Beispiel, „Let It Be“ oder „Lady Madonna“ etwa, die Kracher seiner 1970er-Band Wings wie „Live And Let Die“, „Jet“ und „Band On The Run“, die Achtziger-Hits „Say Say Say“, ein Duett mit dem anderen Superstar jener Zeit, Michael Jackson, oder „Ebony And Ivory“, bei dem wiederum ein gewisser Stevie Wonder mit ans Mikro trat, sowie „Hope Of Deliverance“ aus den frühen Neunzigern.

Ohne Frage – der Mann ist längst eine lebende Legende. Warum? Nun, das Publikum liebt nun mal verlässliche Konventionen, es braucht standhafte Helden, die es ein Leben lang begleiten, selbst wenn jene Heroen am Schluss manches Mal als nahezu Halbtote auf die Bühne gerollt werden (müssen). Bei „Macca“, wie ihn seine Fans nennen, hat bislang zum Glück – beinahe – nur die Stimme gelitten, nicht jedoch sein Elan, seine beneidenswerte Neugier, sein verblüffender Geschmack und sein verlässlicher Sensor für aktuelle Trends. Beste Beispiele: „Cut Me Some Slack„, ein durchaus derber Rocker als Teil der sehenswerten 2013er „Sound City„-Musikdoku, für den er sich mit Dave Grohl, Krist Novoselic und Pat Smear (also im Grunde Nirvana ohne den verstorbenen Kurt Cobain) zusammentat, oder „FourFiveSeconds“, die ohrwurmige Kollaboration mit Kanye West und Rihanna von 2015. Ein gleichsam innovativer wie spinnerter Rapper, eine erfolgreiche R’n’B-Musikerin und ein Ex-Beatle – mon Dieu, was für eine Kombination!

Und es ist schlechterdings ja ohnehin unmöglich, Paul McCartneys Einfluss auf die Musikgeschichte und heutige Popmusikszene adäquat zu erfassen. Aber um es dennoch auf einen einfachen Nenner zu bringen: Schlichtweg alles, was nach 1966 in der U-Musik geschrieben wurde, wäre ohne sein Schaffen so kaum möglich gewesen. Selbst der Heavy Metal, der Bands wie Black Sabbath, Deep Purple oder Metallica nach oben spülte, geht, wenn man so mag, auf ihn zurück. 1968 las Paul, dass ein Musikkritiker die The Who-Nummer „I Can See For Miles“ als den „lautesten, unerträglichsten und obszönsten Song aller Zeiten“ niedermachte. Das reizte ihn. Also schrieb er seinerseits „das lauteste und härteste Lied aller Zeiten“: Es trug den Titel „Helter Skelter“, erschien 1968 auf dem „Weißen Album“ der Beatles und wurde kurz darauf von einem gewissen Charles Manson, seinerseits ein großer Verehrer der „Fab Four“, für dessen morbide Weltveränderungsfantasien zweckentfremdet. Ja, Musik nimmt manchmal seltsame Wege…

Dabei galt Paul McCartney oft genug eher als Weichspüler, lange nannten sie ihn „Haferschleimbubi“ (was auch daran liegen mag, dass sich der Brite seit vier Jahrzehnten vegan ernährt), „Schnulzenheini“ oder „Kitschbeauftragter“. Die jungen Revoluzzer hielten in Beatles-Gefilden mehr zu John, die alten Spießbürger mehr zum verlässlichen Paul. Und er war schon immer Jazzfan, was sich früher in einigen Songs („When I’m Sixty-Four“) und 2012 gar in einem ganzen Album („Kisses On The Bottom“) niederschlug.

Aber nun müssen wir uns doch ein wenig mit den Beatles beschäftigen. Und mit „Maccas“ wohlmöglich größtem Coup. Es geht um „Hey Jude“, jenen Song, den Paul am 29. Juli 1968 für Julian Lennon, den Sohn seines Mitstreiters und kongenialen Songwriting-Partners John, geschrieben hatte. Der litt – wie Paul selbst – unter der neuen Liebe von John zur Aktionskünstlerin Yoko Ono (für die John Lennon Julians Mutter Cynthia verließ). Für alle Jüngeren und Nicht-Hipster: Damals, in einer Zeit lang, lang vor YouTube, Spotify und Co., gab es Singles; kleine, schwarze Vinylscheiben mit 45 Umdrehungen, für deren Erwerb man sich noch höchstselbst in den nächstgelegenen Plattenladen des Vertrauens begeben musste. Und „Hey Jude“ galt zum Zeitpunkt seiner Veröffentlichung mit seinen über sieben Minuten als bislang längste Single der Musikgeschichte und zugleich größter finanzieller Erfolg der Beatles. Der Höhepunkt eines weltumspannenden Musikwunders und zugleich der Anfang vom Ende der „Beatlemania„.

Spätestens mit „Hey Jude“ stieg McCartney zum Alleinherrscher über die erfolgreichste Band des Planeten auf. In dem Song traf Sentiment auf Monomanie, Kitsch auf Kunst, und alles mündete darin, dass neunzehn Mal, wie ein Mantra, das die Welt retten sollte, der „Na-na-na“-Unsinnsvers wiederholt wurde. Der weitaus bessere, instinktbewusstere, kommerzorientiertere Musiker hatte über sein gleichsam charismatisches wie in seiner beständig überbordenden Kreativität chaotisches Alter Ego John Lennon gesiegt. Die Band spielte den Song nie wieder, und McCartney, erbost darüber, dass John, George und Ringo das Beatles-Imperium nach dem Tod von Brian Epstein dem zwielichtigen Manager Allen Klein in den Rachen geworfen hatten, verkündete schließlich im April 1970 das Aus der „Fab Four“ – und das auf sehr spezielle Weise: am 17. April – knapp einen Monat vor „Let It Be„, dem großen Album-Schwanengesang der Band – brachte „Macca“ nicht nur sein im Alleingang aufgenommenes Solo-Album „McCartney“ heraus, bei dem er bereits Abstand von den drei anderen Beatles gewonnen und sämtliche Instrumente selbst eingespielt hatte. Den ersten hundert Exemplaren legte er auch eine selbst verfasste Presseerklärung bei. Darin enthalten: Erstens Informationen zur Entstehung der LP; zweitens erklärte er in selbiger seinen Austritt bei den Beatles. *hach* Die Anfänge als junge, wilde Barband im verruchten Hamburger Stadtteil St. Pauli, erste Hits wie „Love Me Do“ und der schnelle, rasante Aufstieg zu Weltstars, die zwar irgendwann das Konzertspielen weitestgehend an den Nagel hängten (kein Wunder bei der Masse an hysterisch schreienden und reihenweise in Ohnmacht fallenden Teenagern), dafür jedoch das künstlerische Medium des „Albums“ auf ewig veränderten – alles hinlänglich bekannte Popmusikgeschichte.

Nach der freilich von ebenso viel Mediengetöse wie vielen Fantränen begleiteten Trennung der Beatles und ohne die Inspiration durch den Austausch mit John Lennon fiel McCartney kurzzeitig in ein tiefes kreatives Loch, zog sich mitsamt seiner Familie in die schottische Einöde zurück – und besann sich ebendort, fernab des Glamours und Rockmusikzirkus‘, auf seine Wurzeln. Und siehe da – die Kreativität hielt schnell wieder Einzug. Im August 1971 gründete Paul die Band Wings. Mit an seiner Seite war seine erste Ehefrau Linda McCartney, mit der er seit 1969 – und bis zu ihrem Krebstod im Jahr 1998 – verheiratet war. Mit den Wings platzierte McCartney zahlreiche Hits wie „Jet“, „Silly Love Songs“ oder „Band On The Run„. Es war das erfolgreichste Projekt eines Ex-Beatles. Allen Post-Beatle’schen John Lennon-Evergreens wie „Imagine“, „Give Peace A Chance“ oder „Working Class Hero“ hatte Paul es – wenngleich im inoffiziellen Fernduell – schon wieder geschafft. Mit 12 Top-Ten-Singles in Großbritannien sowie 14 Top-Ten-Hits in den USA, von denen es fünf auf die Nummer 1 schafften, machte er die Band zu einer der ruhmreichsten der Siebzigerjahre. „Live And Let Die“, der Titelsong zum 1973er James Bond-Film gleichen Titels, wurde für einen Oscar nominiert. Und mit „Mull Of Kintyre“ setzte er im Jahr 1977 einen weiteren, einmal mehr sehr speziellen Meilenstein: Der Song war nicht nur in zahlreichen Ländern ein Nummer-1-Hit, sondern auch die erste Single, die sich in Großbritannien über zwei Millionen Mal verkaufte. Der schottisch-folkloristisch angehauchte Popsong überrundete sogar die Beatles-Hits in den europäischen Listen der ewigen Bestseller.

Nun wurde er also amtliche 80 Lenze jung. Aber: ist er es überhaupt noch? Eines der vielen Gerüchte, das sich hartnäckig seit Ende der Sechzigerjahre hält, behauptet, McCartney sei bei einem Verkehrsunfall tödlich verletzt und durch einen Doppelgänger ersetzt worden. Vertreter dieser passenderweise „Paul is dead“ betitelten These verweisen auf das Cover von „Abbey Road“: Paul ist darauf mit halbgeschlossenen Augen abgebildet, barfuß (in England werden Tote ohne Schuhe beerdigt) und trägt die Zigarette als Linkshänder in der rechten Hand. Andere Fans sahen beispielsweise im Cover des „Revolver“- und „St. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“-Albums weitere Hinweise auf den Tod des Beatles. Krude Verschwörungstheorien, die der totgeschriebene Musiker selbst in einem Interview wie so oft mit seinem typisch britischen Humor nahm: „Wenn ich tot wäre, wäre ich der erste, der es wissen würde“. Mit Lennon und Harrison hat sich jener McCartney-Doppelgänger – oder vielleicht doch Paul höchstselbst? – noch vor deren Tod (John Lennon fiel im Dezember 1980 einem Attentat zum Opfer, George Harrison starb im November 2001 an Lungenkrebs) versöhnt. Ringo Starr, der vor knapp zwei Jahren als erster und ältester der Beatles die Achtzig knacken durfte, bezeichnet ihn heute als einen seiner besten Freunde und „treuesten Menschen, den ich kenne“.

Im Jahr 2020 stellte der freilich längst mit zig Grammy Awards, Ehrendoktortiteln, einem Stern auf dem „Hollywood Walk of Fame“ sowie sonstigen Auszeichnungen dekorierte und 1997 von der Queen höchstpersönlich zum Ritter geschlagene Paul McCartney mit „McCartney III“ sein nunmehr 19. Soloalbum in die (heutzutage vornehmlich digitalen) Plattenläden, war unlängst der bislang älteste Headliner des altehrwürdigen Glastonbury-Festivals (und holte dort besondere Gäste auf die Bühne) und spielte mit seiner freilich exzellent eingespielten Band davor einige Konzerte auf großer „GOT BACK“-US-Tour. Dabei beschloss er seine Shows (oder zumindest das reguläre Set vor dem Zugabenblock) stets mit „Hey Jude“, einem der Lieder, welche die Beatles, sein Leben und die Musikgeschichte verändert haben. Und um dem Ganzen die Gänsehaut-Krone aufzusetzen, ließ er das Publikum statt seiner singen. Denn all die Melodien, all die Worte, die sich ein junger Mann aus der Liverpooler Arbeiterschicht vor langer, langer Zeit mit seinen Band-Buddies zusammensponn, um wenig später die Musikwelt für immer zu verändern, sind längst nicht mehr seine. Sie gehören uns allen. Auch aus diesem Grund: Thank you, Sir Macca, and a belated happy birthday. Let’s hope for quite a few more…

Wer mehr wissen mag, dem sei zudem die ebenso sehenswerte wie informative Arte-Doku „Paul McCartney – Eine Beatles-Legende“ (findet man etwa hier oder hier) empfohlen.

Rock and Roll.

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Das Album der Woche


Eddie Vedder – Earthling (2022)

-erschienen bei Republic/Universal-

Eine besondere Qualität Eddie Vedders liegt darin, sich als einer der größten, beständigsten Rockstars seiner Generation genau diesem Label immer wieder entziehen zu können. So finden sowohl er selbst als auch seine Stammband Pearl Jam ihren festen Platz in einer Genealogie, die einen Highway von den großen Vorbildern Neil Young und Tom Petty vorbei an kleinen Clubs und Motels bis zum nächsten Stadion baut. Gewaltige Arenen füllen zu können und bei aller Kredibilität dabei dennoch nie wirklich den Anschein des Ausverkaufs zu erwecken – ein Spagat, der nicht vielen gelingt und bei Vedder vielleicht (auch) auf die jahrelange Surf-Erfahrung zurückgeht. Und auch sein unbeugsamer politischer Aktivismus scheint seit jeher eher einer unverbrüchlichen Prinzipientreue zu entstammen und wenig mit der pflichtschuldigen Scheinheiligkeit mancher Kollegen ähnlichen Kalibers zu tun zu haben. „Earthling„, sein erstes echtes Soloalbum seit zehn Jahren – den schönen Soundtrack zu „Flag Day“ von 2021 nicht mitgerechnet – trägt also in vielerlei Hinsicht einen klugen Titel für eine Songsammlung, die munter und geerdet durch die Welt hüpft, sich aber dennoch des längst erworbenen Legendenstatus‘ bewusst ist. Ein kurzer Blick auf die Kollaborateure genügt: Stevie Wonder, Elton John, Ringo Starr – Vedder scheut sich zu Recht nicht mehr, als weiser alter Mann der Popgeschichte aufzutreten.

Seine Stammband setzt auf „Earthling“ ebenfalls auf Erfahrung. Neben dem Grammy-prämierten Starproduzenten Andrew Watt (Ozzy Osbourne, Justin Bieber, Miley Cyrus), für den sich mit der Arbeit mit Vedder ein Kindheitstraum erfüllt (schließlich trennen die beiden stolze 26 Lenze Altersunterschied) und der wohl auch für das kommende Pearl Jam-Album den Platz hinter den Reglern einnehmen wird, rekrutiert Vedder mit Chad Smith und Josh Klinghoffer seine Mitstreiter aus dem Dunstkreis von Red Hot Chili Peppers: zwei der Gründe, warum „Earthling“ die Ukulele dieses Mal im Jutesack lässt und deutlich rockiger und variabler als die bisher eher zurückhaltenden, lagerfeuerromantischen Soloausflüge Vedders gerät. Aber hören wir mal, Stück für Stück, genauer hinein…

Foto: Promo / Danny Clinch

„Invincible“: „Earthling“ beginnt auf recht ungewöhnliche Weise: mit Synthesizer-Tönen, durch welche sich alsbald eine Akustische und Eddie Vedders Stimme Bahn brechen. Er verwendet hier das phonetische Alphabet – eine durchaus hintersinnige Taktik, mithilfe derer er gleich zum Anfang ein paar ausgewählte popkulturelle Wortspiele in den Song einbringt:

„Can you hear? / Are we clear? / Cleared for lift off, takeoff / For making reverberations / Are we affirmative? / No negatory / Come in, come in / Radio, what’s your story? / Are you Oscar Kilo? / Will you Wilco? / Are you ready for a bit of, a bit of echo victor?“

Die erwähnten „Wilco“ sind eine weitere Band, die das phonetische Alphabet verwendete, als sie 2001 ihr wegweisendes viertes Album „Yankee Hotel Foxtrot“ benannten. Der „Oscar Kilo“-Verweis könnte auf verschiedene Weise betrachtet werden, etwa als Anspielung auf Radioheads monumentales drittes Album „OK Computer“ – oder Vedder könnte den Hörer einfach fragen, ob es ihm gut geht, während der „Echo Victor“-Verweis einfach seine Initialen darstellt. Alles in allem eine durchaus ungewöhnliche wie unterhaltsame Art, das Album zu eröffnen, die zudem eine Lockerheit signalisiert, welche bei den meisten von Vedders Soloarbeiten bisher fehlte. Musikalisch verzichtet „Invincible“ auf Pearl Jams oft geradlinigen Rock-Ansatz zugunsten eines Sounds, der auch auf Paul Simons „Graceland“, Peter Gabriels „So“ (zwei Platten, die 1986, fünf Jahre vor dem Pearl Jam-Debüt „Ten“, erschienen) oder den Alben der späten Talking Heads-Ära nicht groß aufgefallen wäre. Die Gesangsmelodie gerät in der Strophe manchmal etwas unbeholfen, da viele Worte auf engstem Raum untergebracht sind, kommt aber im Refrain mit dem in zwei verschiedenen Oktaven gesungenen „i-i-i-i-invincible, when we love“ voll zur Geltung. Die Produktion ist vor allem von den 1980er Jahren beeinflusst, mit Gated-Reverb-Schlagzeug, hallgetränktem Gesang und Keyboards, die durchweg die Richtung vorgeben. Akustik- und E-Gitarren wechseln sich ab und sorgen für subtile Texturen, wollen dem Rest jedoch nie die Show stehlen. Bei so viel Abwechslung hätte der Mix leicht zu einem Durcheinander werden können, aber jedem Instrument und jeder Stimme wird von Produzent Andrew Watt genug Raum zum Atmen gegeben – in vielerlei Hinsicht ein erstes Ausrufezeichen.

„Power Of Right“: War die Eröffnungsnummer noch recht weit vom gewohnten Pearl Jam-Sound entfernt, so ist schon das zweite Stück mit angezogenem Tempo wieder sehr nah am musikalischen Kosmos von Vedders Stammband angesiedelt. Elemente von Andrew Watts schlankem Produktionsstil (etwa Handclaps, anhaltende Gitarrenhooks oder leichte Gesangsbearbeitung) schimmern durch die Verzerrung hindurch und erinnern einen an die (für manchen Hörer eventuell zu) gut polierten klanglichen Qualitäten des Albums. Während sich Vedders vorherige Soloalben „Into The Wild“ (2007) und „Ukulele Songs“ (2011) oftmals wie isolierte One-Man-Show-Projekte anfühlten, die sich voll und ganz auf akustische Instrumente konzentrierten, ist „Earthling“ deutlich kollaborativer, vielfältiger – und repräsentiert in dieser Hinsicht wohl eher die wahre Essenz seines Schöpfers. Musikalisch reiht sich der Song neben Pearl Jam-Stücke wie „Superblood Wolf Moon“, „Never Destination“ oder „The Fixer“ ein. Nahe der Eineinhalb-Minuten-Marke gibt es einen Breakdown, bei dem Gitarren und Keyboard in den Hintergrund treten und nur eine brummende Basslinie sowie Chad Smiths beharrlicher Beat übrig bleiben, während Vedder „Knocking, knocking the door with his centrifugal force / Couldn’t take the first step / Rocking back and forth“ singt. Für eine Band, die im Grunde ad hoc im Studio zusammengestellt wurde, ist das Niveau der zu hörenden Musikalität durchaus beeindruckend – andererseits bekommt Vedder natürlich hier Unterstützung von gut eingespielten Vollprofis. Ab der Drei-Minuten-Marke bis zum Ende des Songs lässt Josh Klinghoffer ein Gitarrensolo vom Stapel, in welches Vedder „Heed the power, equal power / Share the power, feel the power / Fight the power, be the power / Feed the power, be the power of light“ singt. Die Punk-Rock-Stimmung der Strophe bildet einen angenehmen Kontrast zum traditionelleren Pop-Rock-Refrain, und das Gitarrenriff trägt dazu bei, dass sich der Song sicherlich in mehr als nur ein paar Köpfen festsetzen wird.

„Long Way“: Die erste Singleauskopplung von „Earthling“ ist deutlich hörbar eine Hommage an einen von Vedders größten wie langjährigsten Einflüssen, den 2017 verstorbenen Tom Petty, und wird passend dazu von dem langjährigen Heartbreakers-Mitglied Benmont Tench an der Hammond-B3-Orgel sowie Vedders Tochter Harper als Backgroundsängerin begleitet. „Long Way“ besitzt dabei durchaus luftig-leichte Qualitäten, die an einige der besten Stücke von Pettys „Full Moon Fever“ oder Bruce Springsteens „Tunnel Of Love“ denken lassen. Nach etwas mehr als zwei Minuten setzt Watt zu einem inspirierten Gitarrensolo an, das sauber beginnt und sich zu einem Höhepunkt des Songs entwickelt, sobald er ein Overdrive-Pedal einsetzt. Nach selbigem Solo bietet das Stück einen feinen Breakdown mitsamt Klavier, Bass und Gesang auf, der reichlich Platz für einen dramatischen Aufbau bis zum Refrain bietet, bei etwa dreieinhalb Minuten gibt es zudem eine Bridge mit geschmackvollen Drum-Fills und einer aufsteigenden Orgellinie. Überhaupt: Tenchs Orgel und die Rhythmusgruppe um Smith am Schlagzeug sowie Watt am Bass bilden ein starkes musikalisches Fundament, auf dem Vedder den Song aufbauen kann. Dem Frontmann wird von seinen Mitmusikern viel Spielraum gelassen, und glücklicherweise wird die eingängige, durchaus radiotaugliche Melodie nicht durch das Gewicht von tausend Worten erdrückt. Stattdessen funktioniert die Formel, es einfach zu halten, hier nahezu perfekt, vor allem während des Refrains, in dem Vedder Zeilen wie „She took the long way / On the freeway…“ singt. Keep it simple – hat schon beim großen, seligen Tom Petty oftmals recht gut funktioniert.

„Brother The Cloud“: Das vierte Stück ist mit seinem emotionalen Text und dem Bass von Chris Chaney von Jane’s Addiction, der unlängst mit Vedder und dem Rest seiner neu gegründeten Begleitband auf Tour war, eines der klaren Highlights auf „Earthling“. Der Song befasst sich eingehend mit dem Thema Verlust und Trauer, etwas, das Vedder nur zu gut kennt: Pearl Jam entstanden einst aus den Ruinen von Mother Love Bone, deren Frontmann Andy Wood 1990 an einer Überdosis Heroin starb. Zudem markiert das Jahr 2000 einen der zugleich tragischsten wie wichtigsten Punkte in der Geschichte von Pearl Jam, als sich beim Roskilde-Festival ein Unglück ereignete, bei welchem neun Fans während dem Auftritt der Band auf tragische Weise ums Leben kamen. Pearl Jam widmeten ihnen und der Trauer nachhingehend den Song „Love Boat Captain„, in welchem Vedder wortgewaltig feststellte dass sie “lost nine friends we’ll never know”. Zudem mussten sich die Musikwelt als Ganzes und Eddie Vedder persönlich bereits – und in nicht wenigen Fällen zu früh – von vielen Größen innerhalb wie außerhalb der Musikszene von Seattle verabschieden. Kurt Cobain. Layne Staley. Scott Weiland. Und natürlich: Chris Cornell. Bedeutete Cobains Tod im Jahr 1994 vor allem einen der ersten Sargnägel ins Erdmöbel der Grunge-Rock-Welle, so war der Tod des ehemaligen Soundgarden- und Audioslave-Frontmanns im Jahr 2017 ein besonders schwerer Schlag für Vedder, der bei seiner Ankunft in Seattle in den frühen Neunzigern von Cornell höchstselbst unterstützt und in die hiesige Musikszene eingeführt wurde und mit ihm ein Duett auf beim Temple Of The Dog-Evergreen „Hunger Strike“ singen durfte – ein Song, ohne den es Pearl Jam wohl nie gegeben hätte. Wie viele andere Songschreiber auch überlässt Vedder seine Texte oft der Interpretation des Hörers, dennoch ist es nur schwerlich vorstellbar, dass er Cornell nicht im Kopf hatte, als er Zeilen wie diese schrieb:

„There’s no previous reference / For this level of pain / I can’t feign indifference / Can’t look away / The years, they go by / The hurt, I still hide / If I look okay, it’s just the outside / There’s no previous reference/ For this level of pain / Oh, I can hear him sing…“

Zudem verlor Vedder auch seinen Halbbruder Chris vor einigen Jahren bei einem Kletterunfall. Wie so oft bei Songs aus der Feder von Vedder (sic!), welche Musik gewordene Nachrufe darstellen (und davon gibt es mittlerweile nicht eben wenige), kann man auch hier die recht unmittelbare emotionale Bandbreite aus Liebe, Schmerz und Wut in seiner Stimme hören. Musikalisch beginnt „Brother The Cloud“ mit einem sauberen Gitarrenriff und einer ruhigen Strophe, welche in einen großen Refrain ausbricht, der The Whos Pete Townshend stolz machen würde. Die Bridge führt eine kraftvolle Stakkato-Gitarrenlinie ins Feld, während der Bass die Gesangslinie nachahmt, was den Wechsel vom folgenden Instrumentallauf durch das Riff der Strophe und dann zurück in den Refrain noch intensiver macht. Während des Outros bleibt die Band auf dem Gaspedal. Chaney und Smith gehen voran, während Watt und Klinghoffer ihre Riffs über den knurrenden Bässen austauschen. Im besten Sinne Pearl Jam’eske Gänsehaut.

„Fallout Today“: Bei „Fallout Today“ übernimmt zunächst eine Akustikgitarre das Kommando des Mid-Tempo-Songs, was das Getöse des Vorgängers etwas reduziert und Vedders Gesang ’n‘ Text hervorhebt, ohne jedoch das Bandgefühl oder den mitgenommenen Schwung zu opfern. Kenner des musikalischen Schaffens des 57-jährigen wissen ja ohnehin längst: Leicht balladeskes Pathos liegt Vedder, schließlich ist auch der Pearl Jam’sche Katalog voll von Songs wie „Daughter“, „Elderly Woman Behind The Counter In A Small Town“, „Around The Bend“, Low Light“ oder „Just Breathe“ (um nur mal ein paar zu nennen), und seine Fähigkeit, seine Emotionen durch Text und Melodie effektiv zu kommunizieren, wird typischerweise erhöht, wenn die Lautstärke der Band hinter ihm um ein paar Dezibel sinkt. Zudem weist „Fallout Today“ noch eine weitere Ähnlichkeit mit „Daughter“ und „Elderly Woman…“ auf, denn wie die beiden Pearl Jam’schen Live-und-Fan-Favoriten auch handelt dieser Song von einer weiblichen Figur, wie etwa jene Zeilen der ersten Strophe beweisen: „Oh, multiplied the questions in her mind / Oh, trying to subtract the great divide / Feeling drowned in her perceptions / Reaching out in all directions / No escape“. Musikalisch wird die Akustische alsbald von Klavier, Orgel, Bass und Schlagzeug sowie einem lebhaften E-Gitarren-Solo flankiert. Watt und Klinghoffer unterstützen den Gesang in den entscheidenden Momenten, einschließlich des Refrains, in dem ihre höheren Lagen und Harmonien die perfekte Ergänzung zu Vedders Bariton darstellen.

„For the fallout today was just a test of strength / Oh, don’t leave it alone, dare carry it on your own / Don’t make light of the weight, you’ll fortify thе chains / And don’t beg for forgiveness / Wе all need to share and shake the pain…“

„The Dark“: Klar, bislang wurden Beschreibungen wie „fröhlich“ oder „überschwänglich“ recht selten mit den Songs von Pearl Jam (oder eben Vedders Solowerk) in Verbindung gebracht, aber zu schreiben, dass „The Dark“ etwas anderes wäre als knapp vier Minuten unverfälschte musikalische Glückseligkeit, wäre tatsächlich eine glatte Lüge. May we call it Altersmilde. Der Song ist zu gleichen Teilen New Wave, Power Pop, Synth Pop und Classic Rock und zeigt Vedder in seiner melodischsten Form, feine Hooklines inklusive. Mag das Stück auch noch so ungewohnt tönen, so stellt es gerade bei einem Typen wie Eddie Vedder, dessen bisheriges musikalisches Oeuvre normalerweise eher ein Plus an heiligem Ernst aufweist, eine willkommene Abwechslung dar, wenn einer wie er einen Abstecher nach Fun Town unternimmt. So beginnt der Song mit einem tanzbaren Schlagzeugbeat von Smith, dem Watts Bass kurz darauf folgt, während Klinghoffers ansteckende Synthie-Linie und die Gitarren nur ein paar Sekunden später in den Mix einsteigen. Und auch der Text des Songs passt mit Zeilen wie „Let me lift you out of the dark“ zur aufmunternden Stimmung der Musik. Neuerungen hin oder her – auch hier setzt sich eine andere Tradition fort, schließlich bewiesen viele der besten Songs von Pearl Jam (man denke etwa an „Release“) und Vedder (zum Beispiel „Rise“) eine aufbauende, geradezu heilende Qualität.

„The Haves“: Die zweite nahezu waschechte Ballade von „Earthing“ kommt mitsamt einer Melodie daher, die seltsamerweise – zumindest im ersten Moment – wie eine verlangsamte Version des 1993er Crash Test Dummies-Hits „Mmm Mmm Mmm Mmm“ klingt. Glücklicherweise setzt kurz nach dem Intro Vedders Stimme ein, um weitere Ähnlichkeiten zwischen den beiden Songs schnell, schnell zu zerstreuen. „When you wake up / It might just be / The first of many blows that you’ll receive…“ – in „The Haves“ veranschaulicht Vedder, dass bedingungslose Liebe für andere und emotionale Werte wichtiger sind als aller materieller Reichtum. Er konzentriert sich darauf, dass diejenigen, die viel haben, oft dazu neigen, nur noch mehr zu wollen und nie wirklich zufrieden mit dem Staus Quo sind, während diejenigen, die zwar nur wenig besitzen, dafür jedoch Liebe im Herzen tragen und ihr Glück eher im immateriellen Miteinander finden, während jene Liebe sie selbst scheinbar unüberwindbare Hindernisse überwinden lässt. Mag sich hippie’esk lesen, aber auch ein anderer Großer sang schließlich einst: „You may say I’m a dreamer / But I’m not the only one“. Die Instrumentierung zu diesem Musik gewordenen Marie Kondō-Vortrag beginnt – einfach genug – mit Akustikgitarre und Klavier, im Laufe des Songs füllen Bass, Schlagzeug, Cello und Geige das musikalische Kontor auf und lassen ein ums andere Mal an Beatle’eskes denken. Zudem erinnert auch die Akkordfolge in der Strophe an jene Beatles, sodass man beinahe meinen könnte, dass „The Haves“ nur drei Türen neben dem McCartney-Klassiker „Here, There, And Everywhere“ (von „Revolver“) residiert.

„Good And Evil“: Danach ist’s erst einmal genug mit der Heimeligkeit, das Tempo nimmt mit „Good And Evil“ dankenswerterweise wieder zu. Ein fast fernöstlich tönendes Intro führt kurz auf die falsche Fährte, muss jedoch schnell einem Punk-Rock-Angriff mit verzerrten Gitarren und düsterem Text weichen:

„Oh, when you look in the mirror / Oh, tell me, what do you see? / An older woman showering in victims‘ blood? Or have yourself you deceived? / Do your rich accommodations / Numb you to what you believe Oh, for the love of a gun / You’re like a bullet aimed to deceive…“

Der härtere Vibe von „Good And Evil“ fällt in die Kategorie derjenigen Songs, die all jene ansprechen dürften, die eine Verbindung zwischen „Earthling“ und Pearl Jams aggressiverem, härterem Material suchen – etwas, das Vedders bisherigem Solomaterial bisher merklich abging. Der Text erzählt die Geschichte einer reichen Frau, die Waffen liebt und auf einer Safari mit ihrer „armseligen Entschuldigung von einem Mann“ einen Elefanten erschießt – kaum verwunderlich, dass Vedder den beiden „Tod“ und „Hölle“ auf den Leib wünscht…

„Rose Of Jericho“: „Rose Of Jericho“ ist ein weiterer Punk-Rock-Kracher, der damit beginnt, dass Chad Smith „one, two!“ einzählend samt Schlagwerk los stampft, bevor sich ihm der Rest der Band anschließt. Die Gitarren schmettern in der Strophe ein selig-kantiges Powerchord-Riff, während zwischen den ersten beiden Strophen eine kurze, aber wirkungsvolle Leadlinie auftaucht. Klinghoffer fügt ein paar geschmackvolle Keyboard-Töne hinzu, um den Sound des Refrains aufzupeppen, in welchem Vedder singt:

„The winds, they blow / Spread the seeds, the rose of Jericho / Forests fall / By hands of man like dominoes / Touch and go / Two outta three, Rochambeau / The rock you throw / Can’t beat the rose of Jericho / Can’t beat the rose of Jericho / Can’t drown the rose of Jericho / Can’t beat the rose of Jericho / Can’t kill the rose of Jericho / The lesson here is Econo, yeah…“

Kurz vor der Zwei-Minuten-Marke gibt es einen Breakdown, bei dem nur das Schlagzeug und Vedders Gesang übrig bleiben, bevor Watt und Klinghoffer für den Outro-Jam wieder einsteigen. „Rose Of Jericho“ gießt etwas mehr Öl in das Feuer, das „Good And Evil“ entfacht hat – wäre das hier nicht Vedders neustes Soloalbum, sondern die aktuelle Pearl Jam-Platte, der Song wäre ein formidabler Opener gewesen. So findet er eben auf Platz neun von „Earthling“ seinen Platz – auch gut.

„Try“: Apropos Live-im-Studio-Take-Einzähler – „Try“ verbindet ein Riff im Stile von Social Distortion und ein euphorisches „one, two, three, four!”  mit dem bemerkenswerten Mundharmonika-Spiel des einzigartig-großen Stevie Wonder. Vedder nutzt das Stück als Gelegenheit, um erneut seine verspielte, unbeschwerte Seite zu zeigen. Als langjähriger Motown-Fan, der oft Bands wie die Jackson 5 als frühen Einfluss anführt (etwas, was man bislang eher selten heraushörte), lässt sich Vedder diese seltene Gelegenheit nicht entgehen, sowohl zu schunkeln als auch zu rocken. Der vielleicht verblüffendste Aspekt von „Try“ ist, dass selbst viele Hörer*innen feststellen werden, dass tatsächlich kaum jemand sonst die Mundharmonika so spielt (oder jemals gespielt hat) wie Stevie Wonder. Sein tonaler Anschlag ist sofort erkennbar und die Freude, die aus dem Instrument strömt, ist ebenso unbestreitbar wie unaufhaltsam. Sein Mundharmonikaspiel verleiht dem Song definitiv eine ganz neue Dimension und bringt ihn an Orte, an die er ohne seine Anwesenheit wohl kaum gelangt wäre. Eine kurze, luftige Nummer, die aber dennoch ausreichend Raum für ein Solo von Wonder und Smiths frenetisches Schlagzeugspiel bietet (zudem ist Vedders andere Tochter Olivia hier im Backgroundgesang zu hören).

„Picture“: Nach dem Dreifach-Punk-Rock-Hoch aus „Good And Evil“, „Rose Of Jericho“ und „Try“ holt sich „Earthling“ mit Elton John einen weiteren prominenten Gast ins Studio. Im Gegensatz zu den drei vorangegangenen Songs lässt „Picture“ jedoch eher an Johns recht unverkennbaren Pop-Rock-Stil denken als an den markdurchdringenden Haudrauf-Sound von Kapellen wie The Clash. Seltsamerweise passt das Duett zwischen Vedder und John jedoch dennoch in den größeren Kontext von „Earthling“ und seinen mal mehr, mal weniger einfühlsamen, wohlmöglich Pandemie-bedingten „Wir stecken da gemeinsam drin“-Lektionen. Einige altgediente Pearl Jam-Fans, die noch immer verzweifelt auf der Suche nach dem juvenilen, all pissed, all angered Eddie (etwa anno 1993) sein sollten, werden bei diesem Song (vermutlich bei einigen anderen dieses Albums ebenso) mehr als eine Augenbraue hochziehen. Dann jedoch haben sie vergessen, dass sowohl Pearl Jam als auch Vedder ihre Karrieren aufrechterhalten und am Leben erhalten haben, indem sie die Dinge auf ihre eigene Art und Weise gemacht haben – einschließlich der Tatsache, dass sie sich weder vom derzeitig vorherrschenden Massengeschmack noch von Trends oder Fans die Richtung ihrer Musik diktieren ließen und nie dem hinterherliefen, was eben trendy ist, um mehr Alben zu verkaufen. Mit diesem Gedanken im Hinterkopf erscheint es beinahe egal, ob „Picture“ ins eigene Gusto passt oder nicht, denn es lässt sich nicht leugnen, dass alle, die an der Entstehung des Songs beteiligt waren, eine Menge Spaß dabei hatten. Ein recht typisch in Elton Johns Honky-Tonk-Stil musizierendes Saloon-Klavier, eine Orgel, akustische Gitarren und die Rhythmusgruppe füllen den größten Teil des instrumentalen Raums (der auch Platz famos-ekstatisches Pianosolo lässt), während elektrische Gitarren an bestimmten Stellen kommen und gehen. Im Refrain singen John und Vedder universale Banalitäten wie „Picture of love, we were a picture of love / The measure of our years so deep and wide / Picture of hope, we were a picture of hope / Standing close together side-by-side, yeah“ (wohlmöglich war also Johns Textlieferant Bernie Taupin gerade im Urlaub), während die Band hilft, jenes Bild von Liebe und Hoffnung in Echtzeit zu malen. Alles in allem kein Meilenstein, macht hört jedoch den Spaß, den alle bei der Nummer hatten, deutlich heraus.

„Mrs. Mills“: Das vorletzte Stück von „Earthling“, „Mrs. Mills“, ist dem Klavier im Keller der altehrwürdigen Abbey Road Studios gewidmet, das nicht nur von Paul McCartney für den Beatles-Hit „Lady Madonna“, sondern auch danach, im Laufe der Jahre, von zahllosen anderen namhaften Musikern benutzt wurde (darunter übrigens von den beiden vorherigen Album-Gästen Elton John und Stevie Wonder). Überhaupt wird Eddie Vedder den von ihm verehrten Beatles wohl selten näher kommen als hier, besitzt der Song doch tatsächlich die Qualität der „Sgt. Pepper’s“-Ära. Das mag nicht nur an der Melodie liegen, sondern auch am Orchester, das Vedder und seine Bandkollegen begleitet – und am Schlagzeugspiel eines gewissen Ringo Starr, der schließlich bestens wissen sollte, wie man „wie die Beatles klingt“. Abgesehen von der Geschichte eines berühmten Abbey Road-Klaviers erzählt der Text auch die Geschichte von einer scheinbar fiktiven, recht promiskuitiven weiblichen Figur:

„Mrs. Mills waits in the dark for the red light to go on / And the curtains will be drawn so none could see / All the townsfolk, they don’t know what the men do down below / In the shadows of a disco neon glow…“

Die Orchestrierung und Ringos Schlagzeugspiel auf „Mrs. Mills“ fügen der ohnehin bereits durchaus vielseitigen, beeindruckenden Klanglandschaft von „Earthling“ ein weiteres einzigartiges musikalisches Element hinzu, während Vedder sein gesangliches und lyrisches Können zur Schau stellen darf. Ein ungewöhnlicher Song – und gerade deshalb ein umso erfreulicheres Highlight.

„On My Way“: Der Abschluss von „Earthling“ ist eine faszinierende Klangcollage, bei der sich auch für Eddie Vedder persönlich ein Kreis schleißt, schließlich stammt die aufgenommene Stimme, die da den Satz „I’ll be on my way…“ in einem Sinatra-ähnlichen Stil singt, von Vedders verstorbenem leiblichen Vater Edward Louis Serverson Jr. (richtig, der „real daddy“ aus „Alive„), während alsbald die Stimme des Sohns mit Fetzen aus den Refrains von „Long Way“, „The Haves“ und „Invincible“ einsetzt. Die Musik des Stücks ist eindringlich und etwas experimentell, stört aber nie das außergewöhnliche, halb dies-, halb jenseitige Familienduett. Und auch ein weiterer Kreis schließt sich mit diesem letzten Song, den Vedder als kurze Hommage an seinen Vater, den er zeitlebens stets als entfremdet wahrnahm, anlegt, nun, schließlich diente das angespannte, quasi nie wirklich vorhandene Verhältnis der beiden, damals, vor gut drei Jahrzehnten, auch als Inspiration für „Release“, das seinerzeit auch Pearl Jams wegweisendes Debütalbum „Ten“ beendete.

Eddie Vedders drittes Soloalbum ist eine Chronik der menschlichen Erfahrung und versucht, die Kluft der Unterschiede zu überbrücken, welche viele Menschen zwischen sich und anderen wahrnehmen. Keineswegs verwunderlich, schließlich wurden die Songs während der Corona-Pandemie und der großen sozialen und politischen Umwälzungen der letzten Jahre geschrieben und aufgenommen und sind in ihren besten Momenten eine aufrüttelnde Erfahrung, die genau zur richtigen Zeit kommt.

Ebenso erfreulich ist, dass Produzent Andrew Watt, über dessen Produktionsstil sich – so viel Ehrlichkeit sei erlaubt – sicherlich streiten lässt, hörbar neuen Enthusiasmus in Vedder geweckt. „Earthling“ ist auf lange Strecken kompromisslos, laut und optimistisch. Trotz des ein oder anderen kleineren Fehlgriffs stecken die Dynamik und Spielfreude von Edward Louis Severson III und seinen diversen All-Stars letztlich immer wieder an. Mit seiner astreinen Begleitband im Rücken hämmert Vedder uns allen noch mal in die Köpfe, was wir immer schon wissen sollten: Der Last Man Standing der alten Garde des Grunge-meets-Alternative-Rocks zeigt der nahenden 60 zum Trotz herzlich wenig Altersschwäche. Eine Statue muss man dieser lebenden Legende hingegen noch nicht bauen – sie würde wohl ohnehin davonlaufen.

Wer mehr über die Hintergründe zu „Earthling“ erfahren mag, dem sei das gut halbstündige Interview empfohlen, zu dem Eddie Vedder kürzlich von einer anderen lebenden Legende eingeladen wurde: Bruce Springsteen.

Rock and Roll.

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Moment! Aufnahme.


Erst rechts, dann links, dann nochmal kurz nach rechts schauen…. Straße frei? Los geht’s! (Den heimlichen Star des legendären Beatles-Covers kann man hier übrigens noch immer im 24/7-Live Stream beobachten…)

Rock and Roll.

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Flimmerstunde – Teil 37


What Drives Us“ (2021)

Das Timing von Foo Fighters-Frontmann Dave Grohl könnte einerseits kaum eigenartiger, andererseits jedoch kaum besser sein. Seine neuste Dokumentation „What Drives Us“ ist eine Liebeserklärung an das Tourleben und dadurch ein Statement für die Livemusik. Denn mal ehrlich: Einen besseren Zeitpunkt als eine weltweite Pandemie, die nahezu jeglichen Vis-à-vis-Konzertbetrieb unterbindet, könnte es für diesen Film nicht geben.

Wie schon bei seinen vorangegangenen Musik-Dokumentationen wie „Sound City“ oder „Sonic Highways“ sind auch hier von der ersten Sekunde an die Liebe und das Herzblut spürbar, welche Grohl für das Thema mitbringt. Auf effektive Weise stellt der kreative Tausendsassa Szenen seiner frühen Band Scream jenem Moment gegenüber, in dem er den ersten Touring-Van der Foo Fighters zurück erhält und sich damit erneut auf eine Reise begibt. Nur dass es bei dieser Reise gerade nicht darum geht, Konzerte zu spielen…

Stattdessen macht er sich damit auf, faszinierende Tour-Stories zu sammeln. Die Liste der Gäste ist mehr als beeindruckend. Beatles-Trommler Ringo Starr, Metallicas Lars Ulrich, Aerosmith-Frontmann Steven Tyler, Slash und Duff McKagan von Guns N‘ Roses, U2-Gitarrist The Edge, AC/DC-Stimme Brian Johnson, Red Hot Chili Peppers-Bassist Flea, Ian Mackaye von Fugazi, Slayer-Schlagzeuger Dave Lombardo oder L7-Bassistin Jennifer Finch sind nur einige der illustren Namen, die diesem Film mit ihren Geschichten zwischen Rock’n’Roll und Punk Rock füllen.

Allesamt erinnern sie sich auf sympathische, oft herzerwärmende Art an ihre musikalischen Anfänge, ihre frühen Einflüsse und natürlich ihre ersten Tourerfahrungen – auch wenn Lars Ulrich scherzt, dass er zum eigentlichen Van-Touring-Thema des Films nicht viel beitragen könne: „I realized, I actually never toured in a van. So… can I go now?“ Grohl verbindet die Interviews mit zahlreichen Archivaufnahmen aus den frühen Tagen von Bands wie den Foo Fighters oder No Doubt, bei welchen man sich oft genug fragt, wo er die wohl aufgetrieben hat. Sehr unterhaltsam gerät zudem die Animation der Hardcore-Legenden von Black Flag und. D.O.A., welche das Van-Touring in den US of A mit einer Menge DIY-Spirit quasi einst aus den Angeln gehoben haben.

Doch Grohl wäre nicht Grohl, wenn er bei all den großen Namen die junge Garde ignorieren würde. In einer kurzen Sequenz erzählt er davon, wie frühe Foo Fighters-Interviews vor allem daraus bestanden, Fragen zur Vergangenheit der Mitglieder zu beantworten (beziehungsweise nach seiner Vergangenheit als Nirvana-Drummer) – und zeigt derweil, wie man’s besser macht. Obwohl das Schwelgen in den eigenen Historien logischerweise einen guten Teil der 90 Minuten einnimmt, gerät „What Drives Us“ nämlich mitnichten zur reinen Nostalgieveranstaltung, die nur dazu dient, von vermeintlich besseren, längst vergangenen Zeiten zu schwärmen.

Mit Radkey holt Grohl – neben Starcrawler, die er in seinem alten Tour-Van durch Los Angeles chauffiert – auch eine vergleichsweise neue, unbekannte Band vor die Kamera, die erst in den 2010ern zusammenfand. Die drei Jungspunde aus St. Joseph, Missouri zeigen, dass sich die Punk-Rock-Geschichte – digitaler Über-Nacht-Ruhm hin oder her – in manchen Fällen glücklicherweise eben doch wiederholt. Während etablierte Namen in der Vergangenheit schwelgen, leben Radkey, die seit Jahren von ihrem Vater/Manager/Mercher durch die Vereinigten Staaten gefahren werden, genau den Van-Lifestyle, der für alte Recken wie AC/DC-Sänger Brian Johnson längst nur noch eine Erinnerung ist. Auffallend ist, dass sich am Grundlegenden kaum etwas geändert hat. So lässt sich die Kunst des Van-Packens der Bad Brains perfekt mit dem heutigen tetris’esken Verstauen von Instrumenten in einem viel zu kleinen Gefährt vergleichen – wenn auch mit etwas mehr technischen Standards.

„Es kommt ein Moment im Leben eines jeden Musikers, in dem sein Engagement auf die Probe gestellt wird. Wenn ihr Wunsch, Musik für andere zu spielen, zu einem fast irrationalen Akt blinden Glaubens wird. Es ist kein Job, es ist eine Berufung. Der erste Schritt, um sich und der Welt zu beweisen, dass man in diesen Club gehört, ist, in den Van zu steigen. Du lädst deine Instrumente, dein Talent und deinen Mut ein, und bringst deine Musik in die Welt. Es spielt keine Rolle, ob du die Beatles oder Billie Eilish bist, oder irgendein bekannter oder unbekannter Künstler dazwischen. Du musst in den Van steigen, um herauszufinden, ob du das Zeug dazu hast. Das ist der Rock ’n‘ Roll-Ritus des Übergangs…“ (Dave Grohl über das Touren und Musikmachen)

Während der Interviews kommt Grohls Stimme immer wieder aus dem Off, um Nachfragen zu stellen. Manchmal schwenkt die Kamera sogar auf sein Gesicht, während der 52-Jährige zwischen dem Drehequipment sitzt. Das mag vielleicht nicht dem güldenen Handbuch für Dokumentationsinszenierung entsprechen, gibt „What Drives Us“ aber genau das nahbare Gefühl von Authentizität und Verbindung, von welchem Grohl und all die anderen Musiker*innen vor der Kamera sprechen. Es gibt keine Trennung zwischen dem Interviewer und den befragten Personen. Grohl ist als Musiker schließlich selbst Teil dessen, von dem er in seinem Film erzählt. Und: Alle Beteiligten sind sich weitestgehend einig, dass die Erfahrung, ständig und rund um die Uhr mit seinen Bandkollegen auf engstem Raum zusammengelebt zu haben, die einzelnen Mitglieder näher zusammengebracht hat. „Es ist nicht glamourös darüber zu reden. Aber es braucht wirklich eine gewisse Unreife und Unschuld, um in einem Van unterwegs zu sein. Aber auch eine gewisse Reife, um vieles tolerieren zu können, das große Ganze zu sehen, Geduld zu haben, seinen Mitmenschen gegenüber freundlich zu sein, die vielleicht Probleme haben“, wie es L7-Bassistin Jennifer Finch ausdrückt.

Damit sich nicht alles lediglich um das selige Schwelgen in den „good old days“ und um den heilen Tourwelt-Protz dreht (etwa dann, wenn No Doubt-Bassist Tony Kanal berichtet, dass sich die Touren von No Doubt von Mal zu Mal vergrößert haben und sich schlußendlich jedes Bandmitglieder seinen eigenen Luxusliner leisten konnte), schlägt Grohl zwischendurch auch den ein oder anderen ernsteren Ton an. So spricht etwa der ehemalige Dead Kennedys-Schlagzeuger D.H. Peligro über den schwelenden Rassismus, welcher ihm als einzigem schwarzem Bandmitglied bei frühen Shows der kalifornischen Punk-Ikonen immer wieder entgegenschlug, oder von seiner Drogenabhängigkeit während seines kurzen Intermezzos bei den Red Hot Chili Peppers.

Mit dieser Sprunghaftigkeit zwischen Leichte und Tiefe erzeugt „What Drives Us“ ganz ähnliche Gefühle wie die besten Konzerte – ganz gleich, ob diese nun im Station oder im kleinen Indie-Club stattfinden. Obwohl das Publikum stets auf gewisse Weise eine andere Position einnimmt als die Bands, die da auf der Bühne stehen, sorgen grandiose, erinnerungswürdige Shows dafür, dass sich eben doch alle im Saal miteinander verbunden fühlen. Selbst wenn der Austragungsort ein Stadion mit 50.000 Zuschauenden ist.

Dieses Stadiongefühl beschwört Grohl (der ja im Laufe seiner Karriere so einige Erfahrungen mit ebenjenen „Stadiongefühlen“ sammeln durfte) ebenfalls in der Eingangssequenz von „What Drives Us“ herauf: einen Zusammenschnitt diverser Tour- und Konzertaufnahmen unterlegt er mit AC/DCs „For Those About To Rock (We Salute You)“. Wer schon einmal selbst die brachialen, ikonischen Kanonenschläge erlebt hat, die den Song in der Live-Situation flankieren, der weiß, warum gerade diese die Konzertfaszination perfekt symbolisieren. Passenderweise beschließt denn der Foto Fighters-Evergreen „Everlong“, welches live ebenso zu fesseln und euphorisieren weiß, die Dokumentation. So saugt einen „What Drives Us“, dieser kleine Liebesbrief an das Leben auf Tour und für die Musik, förmlich ein – und unterhält mit einer Fülle aus Kurzweil, Anekdoten und teilweise recht persönlichen Geschichten aus dem Musiker-Leben bis zum Schluss.

Rock and Roll.

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Ein weltbekannter Zebrastreifen im März 2020…


Wenn schon frische Luft schnappen, dann doch bitte mit ausreichend Sicherheitsabstand:

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Vielmehr dürfte es beim (sowie um den) bekanntesten Zebrastreifen der Welt, der auch auf ANEWFRIEND bereits an der ein oder anderen Stelle zu sehen war, aktuell jedoch so aussehen (im Zweifel kann man’s auch mit Live-Bildern checken):

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(beide Bilder: gefunden bei Facebook)

 

In diesem Sinne: Mal wieder „Abbey Road“ hören – und das in jedermanns Sinne am besten zuhause!

#StayTheFuckHome

 

 

Rock and Roll.

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