Schlagwort-Archive: Red Hot Chili Peppers

Vor zwanzig Jahren…


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Gemälde: Chad Patterson

Californication„, das siebente Studiowerk der Red Hot Chili Peppers, erschien – auf den Tag genau – gestern vor zwanzig Jahren (also am 7. Juni 1999). Mir kommt’s wie eine gefühlte Ewigkeit vor, und trotzdem verbinde ich viel Inniges, massig Prägendes mit diesem Meisterwerk von Langspieler. Hier die Worte, welche mir spontan – und in einem fixen Facebook-Post – in die Tastatur flossen:

Alter, 20 Jahre… Zwanzig. ZWANZIG! Eine ganze Adoleszenz ist das her!
Damals an Tag 1 nach dem Schulbesuch im lokalen Expert-Elektrofachmarkt – sächsische Provinz zwar, aber den hatten wir zumindest! – käuflich erstanden, berauscht durch die Comeback-Vorabsingle „Scar Tissue“ – und seitdem ohne Umschweife immer wieder neu in John Frusciantes Gitarrenspiel verliebt. „Califonication“ bleibt auch zwei Dekaden nach Erscheinen ein formvollendetes, mit etlichen feinen Details versehenes – und doch recht pures, mit wenig Effekten versehenes – Meisterwerk mit Melodien für gleich etliche Trips ins  Nirwana. Von „Around The World“ bis „Road Trippin‘“ – all killer, (almost) no filler. Wie schade ist’s daher, dass Frusciante von Bord der MS Chili Pepper gegangen ist, die Gitarre, deren Saiten er wie kein anderer mit Seele zu füttern vermag, beiseite gestellt hat – und sich nun verqueren elektronischen Experimenten stellt. (Eine Schande! Ein Frevel! Als hätte Leonardo Da Vinci sich irgendwann als Stuhl-Designer für IKEA beworben!) Ohne ihn – und mit seinem früheren Adlatus John Klinghoffer an der Gitarre – mögen die Chili-Schoten um Anthony Kiedis, Flea und Chad Smith zwar noch ähnliche Musik zustande bringen – aber irgendwie ist’s nix Halbes, nix Ganzes mehr, denn ein Unikum wie Frusciante ersetzt nicht mal der talentierteste Saitenberserker (oder -schamane)…
*hach* Zwanzig Jahre, zwei Dekaden! Kaum zu glauben. Mit einer nostalgischen Träne im AUX-Eingang, und noch immer voll der Bewunderung, wieviel Zauber doch einer knappen Stunde Rockmusik innezuwohnen vermag (sowie wohl noch zig weiteren Anekdoten, die ich hierzu erzählen könnte) verbleibe ich…

 

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Red Hot Chili Peppers – „Torture Me“ (John Frusciante Version)


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Was heutzutage alles möglich ist…

Vor ein paar Tagen bin ich auf YouTube auf Versionen von Red Hot Chili Peppers-Songs gestoßen, in denen – wahlweise – nur bestimmte Tonspuren des jeweiligen Stückes zu hören sind. Also etwa nur die Instrumental-Version plus die Gesangsspuren von (Ex-)Gitarrist John Frusciante. Wer weiß, wie sehr ich auch heute noch diesen Mann vergöttere (und umso trauriger war, als der heute 47-Jährige vor einiger Zeit zuerst die Chili Peppers verließ, und danach gar gänzlich die Saiten in die Ecke stellte um sich fortan elektronisch-experimenteller Musik zu widmen), der kann sich mein Entzücken über diese Entdeckung vorstellen.

Ich habe zwar keine Ahnung, wie die Person(en), die diese Audio-Videos via YouTube ins weltweite Netz entlassen haben (in diesem Fall ist es ein gewisser „IIIIMoogIIII„, der sich wohl mit allem, was Frusciante musikalisch betrifft, beschäftigt), zu ihrem Endergebnis kommen (Tonspuren editieren? Oder entfernen? Vielleicht sind diese Musik-Geeks über Umwege an die Masterbänder der Aufnahmen gekommen?), jedoch ist gerade im Fall des Songs „Torture Me“, seines Zeichens von John Frusciantes 2006 erschienenem Abschiedsalbum mit den Chili Peppers, „Stadium Arcadium„, das Ergebnis derart großartig, dass man die editierte Version des Stückes ohne Umschweife auf eines von Frusciantes tollen Solo-Alben (meint: bis zu „The Empyrean“ von 2009, mit Abstrichen auch „Enclosure“ von 2014) packen könnte – und das mag was heißen…

 

 

Rock and Roll.

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Give It Away – die Red Hot Chili Peppers live in Wales, 2004 – als kostenloser Download


INDIO, CA - APRIL 28:  Musicians Flea (L) and John Frusciante from the band "Red Hot Chili Peppers" perform during day 2 of the Coachella Music Festival held at the Empire Polo Field on April 28, 2007 in Indio, California.  (Photo by Kevin Winter/Getty Images) *** Local Caption *** Flea;John Frusciante

INDIO, CA – APRIL 28: Musicians Flea (l.) and John Frusciante from the band Red Hot Chili Peppers perform during day 2 of the Coachella Music Festival held at the Empire Polo Field on April 28, 2007 in Indio, California. (Photo by Kevin Winter/Getty Images)

Was treiben eigentlich die Red Hot Chili Peppers gerade? Werkeln die nun gerade an Album No. 11 oder nicht? Überhaupt hat sich die kalifornische Rockband in den letzten Jahren recht rar gemacht, immerhin liegt das letzte Studiowerk „I’m With You“ schon beinahe satte vier Jahre zurück…

Am mangelnden Erfolg von „I’m With You“ und dessen Vorgänger, dem (über-)ambitionierten Doppelalbum „Stadium Arcadium“ (2006 erschienen), kann’s sicherlich nicht gelegen haben. Dann schon eher an den Nebenaktivitäten der Bandmitglieder (so heuerte Bassist Flea unter anderem kurzzeitig bei dem von Radiohead-Fronter Thom Yorke ins Leben gerufenen All-Star-Bandprojekt Atoms For Peace an, liegt aktuell jedoch mit einem gebrochenen Arm flach), oder an dem wohl gewichtigsten Einschnitt in der jüngeren Bandhistorie: Im Dezember 2009 gab Gitarrist John Frusciante, mit dem die Peppers 1991 ihren Album-Meilenstein „BloodSugarSexMagik“ auf den Markt brachten (Frusciante war damals erst süße 21 Jahre jung), der danach beinahe der Drogensucht zum Opfer fiel, dieser jedoch gerade noch einmal so von der Schippe sprang, um nach mehrjähriger Abstinenz Ende der Neunziger zur Band zurück zu kehren und mit ihnen 1999 das bis heute beste Peppers-Werk „Californication“ heraus zu bringen, seinen wohl endgültigen Abschied vom Populärmusikzirkus bekannt. Seine(n) Nachfolge(r) hatte er freilich vorher selbst heran gezogen: Josh Klinghoffer, dessen Gitarrenspiel selbst ungeübtere Ohren merklich an das von Fruscinate erinnern dürfte. Und obwohl die 14 Songs von „I’m With You“ kein gänzlich grottiges Album ausmachen, lassen sie doch das Magische, was besonders aus dem Zusammenspiel von Bassist Flea und Gitarrist Fruscinate entstand, vermissen. In Dimensionen wie diesen wird selbst ein derart um Aufmerksamkeit buhlender Frontmann wie Anthony Kiedis, dessen *hust* „Gesangsstil“ selbst nach über dreißig Jahren Bandgeschichte noch niemand ernsthaft zu imitieren wagte, zur Nebensache.

CigMJxIWer also noch immer den Chili Peppers der „Californication“- und „By The Way“-Phase nachtrauert, kann sich einerseits mit den dazugehörigen Alben, oder auch mit dem exzellenten, 2004 erschienenen Livewerk „Live in Hyde Park“ über den vermeintlichen Verlust hinweg trösten. Oder aber er/sie lädt sich den Livemitschnitt des Konzertes, das die Band im Juni 2004 – damals freilich noch mit Frusciante – in Cardiff, Wales spielte, aufs heimische Abspielgerät. Den Auftritt selbst nutzte die Band, um sich, laut Schlagzeuger Chad Smith, für die bevorstehenden drei Hyde-Park-Shows, die damals kein Geringerer als James „Sex Machine“ Brown eröffnete, „warm zu spielen“. Trotz allem – oder gerade deshalb – zeigen sich die Chili Peppers in bester Spiellaune, präsentieren so ziemlich alle Hits von „Otherside“, „Can’t Stop“, „Californication“, „By The Way“, „Star Tissue“ und natürlich die unvermeidlichen „Give It Away“ und „Under The Bridge“. Obendrauf gibt’s innerhalb der mehr als eineinhalb Stunden sogar noch ein exklusives Schmankerl: das Stück „Mini-Epic (Kill For Your Country)“, welches die Band weder davor noch danach irgendwo sonst zum Besten gab. Und das Beste kommt zum Schluss: die komplette Wales-Show bekommt man an dieser Stelle höchstoffiziell kostenlos und für lau (und selbstredend in bester Klangqualität). Zumindest für mich gilt beim Hören: die virtuose Eingespieltheit, die Kiedis, Flea, Frusciante und Smith damals, 2004, an den Tag legten, macht ordentlich Laune – und auch ein klein wenig nostalgisch…

 

rhrHjmn

 

Rock and Roll.

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Zur kurz gekommen… – Teil 10


Dave Navarro – Trust No One (2001)

Trust No One (Cover)-erschienen bei Capital/EMI-

Dave Navarro – bei diesem Namen kommen dem kundigen Alternative Rock-Degustinato natürlich zuerst einmal zwei Bands in den Sinn: Jane’s Addiction und die Red Hot Chili Peppers. Erstere hob der 1967 in Santa Monica, Kalifornien geborene Gitarrist im Jahr 1985 mit aus der musikalischen Taufe, bei Zweiterer half er für ganze drei Jahre – beziehungsweise ein Album („One Hot Minute„) – als würdiger John Frusciante-„Ersatz“ aus. Außerdem teilte Navarro mit Größen wie den Nine Inch Nails, Marilyn Manson, Billy Corgan (Smashing Pumpkins), Gene Simmons (Kiss), Michael und Janet Jackson oder Christina Aguilera Bühnen und Tonstudios, lehnte seinerzeit den durch den Ausstieg von Slash freigewordenen Leadgitarristenposten bei Guns N‘ Roses ab, ehelichte 2003 medienwirksam die Ex-Baywatch-Strandnixe Carmen Electra (beide ließen in der MTV-Serie „Til Death Do Us Part“ ein Millionenpublikum an ihrem Privatleben teilhaben), engagierte sich für PETA und die Rechte von Tieren, versuchte sich erfolgreich als Produzent von „Erwachsenenfilmen“, als Buchautor oder als „Penthouse“-Kolumnist. Ganz nebenbei sieht der beinahe Ganzkörpertätowierte auch noch blendend aus. Ein Rockstar also, wie er im Buche steht? Ein Musiker, der dies- wie jenseits der Bühne seit Jugendtagen ein Leben auf der hedonistischen Überholspur lebt, von dem jeder „Normalo“ nur träumen kann? Es scheint fast so…

Carmen Electra & Dave Navarro Hugging NakedUmso befremdlicher klingt jedoch Dave Navarros 2001 erschienenes Solo-Debüt „Trust No One„. Denn wenngleich der damals 43-Jährige rein musikalisch seinem Stamminstrument, der Gitarre, huldigt, zieht er in den Texten blank und kehrt die Narben seiner Vergangenheit sowie die Schattenseiten des Lebens als Rockstar nach Außen – weinerlicher Seelenstriptease oder überfällige Vergangenheitsbewältigung? Eher Zweiteres. Denn Navarro schleppte in der Tat dunkle familiäre Lasten mit sich herum: Seine Eltern ließen sich scheiden, als Dave gerade einmal sieben Jahre alt war, seine Mutter, ein ehemaliges Model, wurde von ihrem damaligen Freund 1983 umgebracht – Navarro wurde im Alter von 15 Jahren auf tragische Art zum Halbwaisen, hat bis heute drei gescheiterte Ehen (selbst die Liason mit Electra ging 2006 in die Brüche) vorzuweisen. Wenn man die zehn Songs auf „Trust No One“ mit diesem Wissen hört, eröffnen sich neue Wege in die Psyche des Gitarristen. Denn zwischen den mal straight forward, mal effektvoll produzierten Alternative Rock-Stücken gesteht Navarro sich Unzulänglichkeiten ein („I never really even loved you / I’m just really insecure / I never really even cared / Never tasted that pure / I don’t think I ever liked you / I just had some time / I don’t think I’d be that sorry“ – „Avoiding The Angel“), betrauert seine verstorbene Mutter („She gave herself to me / She’s gone away from me / Where is the heartbeat coming from? / Lost is the heartbeat where I come from“ – „Mourning Son“), rechnet diebisch augenzwinkernd mit ehemaligen musikalischen Wegbegleitern wie Billy Corgan oder Marilyn Manson („I met some friends of mine / I used to call them friends / One of them was not so hairy / One of them was not so scary“ – „Sunny Day“) oder der sich nach und nach einschleichenden Inhaltsleere der 00281729_lgschnelllebigen Musikgeschäfts ab („There is no love left in your eyes /There is love between your thighs / Roll over say goodnight / I’ve had enough of feeling sick / You’ve had enough of feeling sick / The sugar never helps / I hate my life I hate my life / Never want another wife / I want the life you think I have“ – „Rexall“). Am erfreulichsten hierbei ist vor allem, dass die 45 Minuten nicht zum muckertümlichen Leistungsnachweis geraten und Navarro, der einen Großteil der Instrumente zwar selbst einspielte, sich im Studio jedoch auch von Freunden wie dem Studioass Jon Brion, Schlagzeuger Matt Chamberlain oder Marilyn Mansons Bass-Sidekick Twiggy Ramirez aushelfen ließ, die Songs trotz aller hervorragend akzentuierten Gitarrensolos (man höre hier etwas nur einmal „Rexall“ oder „Mourning Son“!) höchst unterschiedlich gestaltet. So erinnert etwa „Everything“ mit seinen wirren Rhythmen unweigerlich an „Starfuckers, Inc.“ von den Nine Inch Nails, leiht sich „Not For Nothing“ mal eben ein paar Industrial-Verweise á la Marilyn Manson aus, wird mit der Coverversion von „Venus In Furs“ Velvet Underground in würdiger Art und Weise Tribut gezollt (und der Fakt, dass Lou Reed himself Navarros Version als beste des Stückes überhaupt adelte, darf einiges heißen!) und mit der Akustiknummer „Slow Motion Sickness“ das Album zum Abschluss gebracht. Alles, was „Trust No One“ lediglich zu damals größerem Erfolg fehlte, war wohl ein veritabler Hit. Denn obwohl die beiden Singles „Rexall“ und „Hungry“ für den Einen zwar durchaus berechtigtes Potential zum Alternative Rock-Ohrwurm besitzen mögen, blieben diese Stücke doch zu effektvoll für die breite Masse…

Dave Navarro

Für mich persönlich ist „Trust No One“ auch zwölf Jahre nach Erscheinen noch immer eines meiner All Time-Faves, denn Navarros musikalische Nabelschau gerät trotz dem flächendenkend druckvollen Spiel mit Gitarren- und Klangeffekten zum berührenden Statement von innerer Ausgebranntheit und Schwäche, welches auf diesem Niveau seinesgleichen sucht (und wohl nur in den Solo-Werken eines gewissen John Frusciante Gleichberechtigung findet). Das Coverartwork macht es dann noch einmal überdeutlich: „Trust No One“ ist Navarros persönlicher Offenbarungseid – ein Break, eine Auszeit, eine Zäsur. Dave Navarro tritt für 45 Minuten aus seinem Schattendasein als Leadgitarrist in der zweiten Reihe heraus und beweist dabei auch seine stimmlichen Qualitäten. Es mag nicht alles falsch sein am Mythos von „Sex, Drugs and Rock’n’Roll“, doch auch – und vor allem – in diesem Geschäft läuft man schnell Gefahr, auszubrennen und abzustützen. Die Einsamkeit von Hotelzimmern, falsche Freunde, falsche Gefühle, ausweglose Lieben, leere Leben, dem Morgen nach dem Exzess und den Schatten der Vergangenheit – davon handelt „Trust No One“. Ein kleiner, derbst riffender Klassiker aus der zweiten Reihe, in dem eine arschcoole Rocksau zwischen den Akkorden tief in die Seele blicken lässt – man höre und staune.

 

Hier gibt’s das Musikvideo-Doppel aus „Rexall“, das nach dem Laden in Los Angeles, in welchem sich seine Eltern kenn lernten, benannt ist…

 

…und „Hungry“, in welchem seine damalige Verlobte Carmen Electra mitspielt, zu sehen…

 

…sowie einen Ausschnitt aus der Tattoo-Serie „LA Ink“, in welchem sich Navarro von keiner Geringeren als Star-Tätowiererin Kat Von D „beackern“ lässt:

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: John Frusciante – „Going Inside“


Going Inside

Eine Schreibblockade. An sich ja nichts Schlimmes, immerhin kann auch der regelmäßigsten Blogger eine kleine Pause dann und wann gut tun. Aber in diesem, in meinem Fall sind die Ursachen höchst unschöner Natur…

Seit gut einem Jahr lebe und arbeite ich nun schon in Maastricht, dem beschaulich schönen 122.000-Einwohnerstädtchen im holländisch-belgisch-deutschen Dreiländereck. Exakt 700 Kilometer trennen mich seit eben jener Zeit von meiner sächsischen Heimat. Normalerweise macht mir das nichts aus – man(n) hat ja Facebook, Skype und wasweißich für technische Hilfsmittel, um den regelmäßigen Kontakt zu Familie und Freunden aufrecht zu erhalten. Doch in den letzten Tagen hätte ich wohl – gefühlt – ebenso in Australien, China oder der Antarktis festsitzen können. Die gesamte vergangene Woche pendelte ich in Gedanken ständig zwischen meiner neuen und alten Heimat hin und her, verfolgte die Berichterstattungen im Fernsehen und klickte unzählige Male auf den Refresh-Button sämtlicher Newsfeed-Angebote. Selten war eine so profane Redewendung wahrer: Kaum etwas interessierte mich mehr als die Wasserstandsmeldung der Elbe. Denn das kleine sächsische Örtchen, aus dem in stamme, liegt nur gut 6 Kilometer von eben jenem Fluss entfernt, an dem ich in meiner Jugend so viel Zeit verbracht habe und an den ich noch heute unzählige Erinnerungen knüpfe. Und so stand ich jeden Morgen mit einem mulmigen Gefühl in der Magengegend auf, das sich auch im Laufe des elendig lang erscheinenden Arbeitstages nicht legen sollte. Würde der Pegel weiter steigen? Würden die Sandsackdämme halten? Beinahe jede neue Meldung verhieß nichts Gutes. Keine Nachricht von meiner Familie im Posteingang, kein Anruf. Keine Nachrichten sind am Ende doch gute Nachrichten – richtig? Mehr als einmal habe ich daran gedacht, hier alles stehen und liegen zu lassen, ein paar Tage frei zu nehmen, mich für jeweils acht Stunden ins Auto zu setzen und in die Heimat zu fahren. Zum Sandsäcke befüllen, zum Sandsäcke schleppen. Um wasweißichauchimmer zu tun. Um zu helfen! Doch ich habe es nicht getan. Ich saß auf Arbeit. Ich habe, so gut es eben ging, versucht, in meinem Alltag zu bleiben, abzuwarten. Und am Ende saß ich Abend für Abend vor dem Lichtschein meines Macs, unfähig zu schreiben. Ein Teufelskreis aus Bedrückung und Abwarten. Musik? Nebensache – eine wahrlich schöne zwar, aber immer noch: eine Nebensache. Innerliche Zwangspause. Schreibblockade.

Und da es in der Tat viele Dinge geben mag, nur eben keine Zufälle, hat gestern ein Lied, das nie so ganz weg war, zurück zu mir gefunden: „Going Inside“ von eben jenem Mann, den mein Herz für den wohl genialsten Gitarristen hält, der jemals ein Tonstudio betreten hat: John Frusciante. Und da dies kein Zufall sein kann, versetzte mich eben jenes Stück zurück ins Jahr 2002, als schon einmal der Wasserpegel der Elbe – glücklicherweise – unweit meines Elternhauses zum Stehen kam. Auch damals verbrachte ich die schlimmsten Tage im Ausland und erkundete als frisch gebackener Abiturient für eine Woche die französische Hauptstadt. (Liest sich surreal? Fühlte sich auch so an!) Und in eben jenem Urlaub fand mit Frusciantes Soloalbum „To Record Only Water For Ten Days“ eben jenes Album den Weg in meine Plattensammlung, welches bis heute zu meinen absoluten Lieblingsalben zählt. Nicht aufgrund irgendeiner Perfektion, denn als „perfekt“ – nach klassischem Verständnis – kann man jene 42 Minuten schwerlich bezeichnen. Nein, definitiv aufgrund seiner Emotionalität. Seiner Fragilität. Der Hintergründe, welche den Künstler zu eben jenem Werk führten. Vor allem jedoch: aufgrund der vielen Erinnerungen, welche auch elf Jahre später noch vor meinem geistigen Auge vorbei ziehen… Paris im Sonnenschein, die Avenue des Champs-Élysées, welche sich links und rechts der vielen Regenschirme erstreckte, Père Lachaise und Jim Morrisons Grab, der Eifelturm, Sacré-Cœur… All diese Dinge. Jedoch auch die Abende, in denen französische Nachrichtensprecher in schnellen Worten Bilder vom Hochwasser in der sächsischen Heimat unterlegten.

(Regelmäßigen Lesern von ANEWFRIEND mag diese Geschichte wohl bekannt vorkommen. Alle anderen finden hier mehr dazu…)

Und obwohl John Frusciante mittlerweile – erneut – seinen Gitarrengurt bei den Red Hot Chili Peppers an den Nagel gehängt, den Posten an seinen ehemaligen Adjutanten Josh Klingenhoffer weitergereicht hat und Musik fabriziert, die ich kaum mehr als solche erkennen mag – und mit ihr folglich nichts anfangen kann, leider -, hörte ich gestern nach langer Zeit wieder einmal „Going Inside“ und „To Record Only Water For Ten Days“, ein Album dass mich in meinem Leben bereits mehr als einmal aus meiner Lethargie befreit hat. Danach entschloss ich mich zum Schreiben eben jener Zeilen. In der Hoffnung, dass in Sachsen die schlimmsten Fluten vorüber gezogen sein mögen. Meinen Kopf mag ich in den vergangenen Tagen Maastricht gehabt haben – mein Herz war immer in der Heimat, während den Fingern eine Schreibblockade auferlegt wurde… Die Hoffnung, sie lebt. Das Leben geht weiter, immer weiter – in jedem Fall. Auch und vor allem Mr. John Frusciante weiß das…

 

 

„You don’t throw your life away 
Going inside 
You get to know who’s watching you 
And who besides you resides 
In your body 
Where you’re slow 
Where you go doesn’t matter 
‚cause there will come a time 
When time goes out the window 
And you’ll learn to drive out of focus 
I’m you and if anything unfolds 
It’s supposed to 
You don’t throw your time away sitting still 
I’m in a chain of memories 
It’s my will 
And I had to consult some figures of my past 
And I know someone after me 
Will go right back 
I’m not telling a view 
I’ve got this night to unglue 
I moved this fight away 
By doing things there’s no reason to do“

 

Rock and Roll.

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Mein Senf: John Frusciante, ein offener Brief…


John Frusciante (by kitenek)

 

Lieber John,

ich habe lange mit mir gerungen, ob und wann und wie ich Dir diese Zeilen schreibe. Und bitte verzeih‘, wenn das eine oder andere Wort sich vielleicht im ersten Moment etwas harsch anfühlen mag. Dies alles fällt mir nicht leicht, doch es muss sein…

Doch lass mich zu Beginn etwas weiter ausholen: damals, im Spätsommer 2002 – ich hatte soeben mein Abitur mehr schlecht als recht sprichwörtlich unter Dach und Fach gebracht -, fühlt sich noch alles so frisch und neu und lebendig und unsicher und frei an. Ich befand mich in Paris, in meinem ersten Urlaub allein, in diesem Moment, da in der Heimat, im wahrsten Wortsinn, alles den Bach runter und unter zu gehen drohte. Und doch meine innere Grundstimmung war so verheißend voller Spannung, denn ich hatte mir soeben – die Gründe weiß ich schon längst nicht mehr (und sind diese denn überhaupt wichtig?) – Dein ein Jahr zuvor erschienenes Solodebüt „To Record Only Water For Ten Days“  – übrigens völlig überteuert – zugelegt, und wanderte zu dessen Klängen nun durch die französische Hauptstadt. Père Lachaise, Montmatre, Sacré-Cœur, Notre Dame, entlang der Seine, Moulin Rouge, der Eifelturm, die Champs-Elysees… – bei Sonnenschein, bei Regen, bei hellstem Tag und im Nebel. Überall war ich, warst Du, waren wir damals gemeinsam. Ein so wahrhaftiges Stück wie „The First Season“ wird mich auf ewig an diese Tage in Paris erinnern… Sollte es einen „perfekten Moment“ geben – wir hatten ihn, ich und Du.

Ich war also angefixt, wollte, ja musste mehr von Dir hören! Glücklicherweise ging es Dir wohl ähnlich, denn bereits zwei Jahre darauf, 2004, tratst Du eine wahre Veröffentlichungsorgie los: „Shadows Collide With People“, „The Will To Death“, die „DC EP“, „Inside Of Emptiness“, „Curtains“ – ein Werk schöner und wahrer und echt und berührender als das andere, ja selbst „A Sphere In The Heart Of Silence“, die Kollaborationen mit Josh Klingenhoffer, heute Dein (beinahe) würdiger Nachfolger am Red Hot Chili Peppers-Gitarrenposten, und die schebenden Jam-Orgien im Ataxia-Kollektiv waren fein! 

Doch was war denn dann bitte los?!? Gleich mehrere Jahre ließt Du mich darauf warten, dass all diesen ewig vorzüglichen Kleinoden neue Stücke folgen würden! Und das erst 2009 in die Regale gestellte „The Empyrean“ war zwar gut, doch in Gänze sind wir uns – Du weißt: das Herz lügt selten! – irgendwo auf dem Weg verloren gegangen… Aber wahre Freundschaft schaut über Makel hinweg, vergibt, verzeiht. So dachte auch ich. Bis ich Deine neusten – bitte entschuldige erneut meine Wortwahl – „Auswüchse“ hören musste. Bitte?!? Was bitte sollen mir Konstrukte wie die „Leitur-Lefr“ EP oder Dein aktuelles Album „PBX Funicular Intaglio Zone“ sagen, ja geben? Du weißt, dass ich es Dir kaum übel nehmen konnte, als Du das für Dich zu eng gewordene Bandkollektiv (hier: die Peppers) verlassen hast, denn jeder sollte das tun und dort sein, mit dem und wo er sich am wohlsten fühlt. Doch jemand wie Du, dessen Fertig- und Fähigkeiten an den Saiten nie von dieser Welt zu seien schienen, kann doch all jenen wie mir, die seit Jahren nahezu jeden Tag auf Veröffentlichungsnachrichten von neuen Songs von Dir schielen, nicht ernsthaft völlig krude, scheinbar sinnfreie Elektro- und Rap-Experimentalien anbieten?!? Bitte versteh‘ mich nicht falsch, denn ich habe auch „PBX blablabla“ eine faire Chance gegeben (und es auch im heimischen Regal stehen!), aber: komm zurück zu mir, aber bitte als der, der Du einmal warst! 

(Der eigentliche Auslöser für diese Zeilen war übrigens der Song „Wayne“, den Du heute ins weltweite Netz gepostet hast und zu welchem du folgende Zeilen schriebst: „This song was recorded for my friend Wayne Forman, the coolest, kindest friend anybody could ever have. When I used to play in arenas I would often mentally aim my playing at him. Wayne loved long guitar solos, and he was my favorite person in the audience to play for. As everyone who knew him is well aware, he was also the best chef ever. When I saw him two days ago, he was laying in front of a CD player, so when I came home I decided I’d make something for him. I recorded this solo for him to hear, but I finished it a day too late, so now it is a tribute to his memory. It is what he would have wanted me to play for him, and it is my offering to his family and friends all over the world, as well as anybody else. Wayno lives in our hearts forever, the greatest guy anybody could ever know. I’m so lucky to have been graced by his friendship. All the love in the world to him.“ Er hat mich so schmerzhaft an all das Schöne, was wir einmal geteilt haben, erinnert…)

Ich weiß: Zeiten ändern sich, Mensch ändern sich. Doch mit dem Jetzt und uns beiden komme ich nicht überein. Wir hatten schöne, aufregende, wahrlich wunderbare Zeiten gemeinsam, und vieles von dem werde ich für immer in meinem Hörerherzen tragen. Man sagt, dass man gehen soll, solange es am schönsten ist. Doch wie so oft habe wir beide den Absprung verpasst. 

Ich gehe. Für mich. Für Dich. Für uns.

In Freundschaft. In Liebe.

 

Rock and Roll.

 

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