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Mein persönlicher Tom Waits – Mark Lanegan ist tot.


Ach, Mark. Ach, Madrid…

Als vor knapp zwei Jahren seine Autobiografie „Sing Backwards And Weep“ (dt. „Alles Dunkel dieser Welt„) erschien, wurden jene Unkraut-vergeht-nicht-Memoiren ein Bestseller und seitdem in mehrere Sprachen übersetzt. Wenig verwunderlich, sind es doch die gnadenlos (selbst)reflektiven Erinnerungen eines Ausnahmesängers: Mark William Lanegan, geboren am 25. November 1964 in Ellensburg im US-Bundesstaat Washington, hinein in eine kaputte Familie, der im Punk Rock einen Ausweg erkannte und sich oft genug Hals über Kopf darin verlor…

Dieser Weg führte ihn ab Mitte der 1980er innerhalb weniger Jahre auf große Bühnen rund um der Welt – im Grunge-Boom bekam der Intimfreund von Kurt Cobain mit seiner Band Screaming Trees – noch so eine leidlich kaputte Familie – ein kleines Stück vom Kuchen ab. Doch je größer der Erfolg wurde, desto mehr driftete vor allem Lanegan, wie leider so viele andere der Szene, in seine Drogensucht ab.

Wiewohl beständig am Arbeiten und Veröffentlichen war der Sänger mit den damals langen, roten Haaren schwer süchtig, dazu kriminell, gewaltbereit und obdachlos – bis ihm schließlich ausgerechnet die Witwe Cobains, Courtney Love, das Leben rettete und ihn in eine noble Entzugsklinik nach Los Angeles verpflanzte. Das war Ende der 1990er. Lanegan clean und geläutert, alles gut?

Nun… nicht wirklich. Was nach einem Happy End aussah, sollte keines – oder zumindest kein Formvollendetes, schon gar nicht Hollywood-reifes – werden. Zwar erlebte Lanegan in den Jahren danach eine zweite, durchaus kredible Weltkarriere, wurde in Szene-Kreisen ein großer, geschätzter Name, war jedoch dennoch beständig auf der Flucht vor seinen vielfältigen Dämonen. Er schien diese halbwegs im Griff zu haben, wenngleich auch immer wieder von Rückfällen die Rede war.

Ende letzten Jahres erschien ein zweiter Band an Memoiren, „Devil in a Coma„, der seine Covid-Erkrankung aus 2020 beschreibt – ein Martyrium. Wochenlang lag er im künstlichen Koma, war zeitweise taub und bewegungsunfähig, schien sich nach langen Monaten aber gefangen und Gevatter Tod ein weiteres Mal ein Schnippchen geschlagen zu haben. Doch nun ist Mark Lanegan in Killarney im Südwesten Irlands, wo er und seine Frau Shelley die letzten beiden Jahre verbracht hatten, gestorben.

Lanegans Spuren in dem, was man unscharf mit „Alternative Music“ bezeichnen kann, sind enorm. Mit den bereits erwähnten Screaming Trees gehörte er in den 1980ern zum Katalog des einflussreichen SST-Labels. Obwohl die Band nie in die Regionen von „Big Grunge Rock Playern“ wie Nirvana, Pearl Jam oder Soundgarden vordringen konnte, verzeichnete sie 1992 mit „Nearly Lost You“ einen MTV-Hit aufgrund des Soundtracks zu Cameron Crowes Film „Singles“ – und veröffentlichte 1995, als Lanegans Buddy Kurt Cobain bereits das Zeitliche gesegnet und der Grunge-Trend längst an die tumbe breite Masse ausverkauft worden war, das phänomenale Album „Dust„, bevor sich die Screaming Trees im Jahr 2000 auflösten. Ende, aus, Staub.

Ihr Frontmann hatte da längst eine veritable Solo-Karriere vorzuweisen. Bereits mit „The Winding Sheet„, das erste, 1990 erschienene Solo-Werk und eines mehreren, das der Mann mit den tätowierten Händen für das auch heute noch wichtige Seattler Indie-Label Sub Pop einspielte, etablierte er sich nicht nur als versierter Rocksänger, sondern auch als eigenständiger Songwriter und düsterer Balladenkaiser.

Berüchtigt mag er seines Temperaments schon früh gewesen sein, berühmt und begehrt wurde er wegen seiner Stimme, einem gefährlich dräuendem Kellerbariton, der vor allem nach der Jahrtausendwende ebenso viele wie vielfältige Kollaborationen veredelte. Lanegan sang mit den Queens Of The Stone Age, machte etwa mit „Rated R“ und „Songs For The Deaf“ zwei der besten Werke der Desert Rocker noch besonderer, bildete mit der schottischen Musikerin Isobel Campbell etwas mehr als drei Alben lang ein in „Die Schöne und das Biest“-Gestus getauchtes faszinierendes Duett-Paar im Stile von Lee Hazelwood und Nancy Sinantra (bevor man sich, wie zu lesen war, im Streit trennte), schenkte zunächst den Werken der Twilight Singers, dem großartigen Nebenprojekt von Afghan Whigs-Kopf Greg Dulli, ein paar von seinem unnachahmlichem Bariton veredelte Töne, bevor er mit Dulli, mit dem ihn eine langjährige Freundschaft verband, als The Gutter Twins (der Bandname war nicht ohne Grund an die „Glimmer Twins“, wie sich die beiden Rolling Stones Mick Jagger und Keith Richards im Songschreiber-Verbund nannten, angelehnt) im Jahr 2008 ein weiteres gelungenes Album (und eine EP) veröffentlichte. Zudem stand im Vorprogramm von Johnny Cash auf der Bühne, als der mit seinen „American Recordings“ eine späte Renaissance erlebte, mit Waylon Jennings oder dem Wu-Tang-Clan, lieferte Gesangbeiträge für die Soulsavers, PJ Harvey, Moby, Cult Of Luna, Kris Kristofferson oder Mad Season – jenem All-Star-Jam-Rock-Verbund, der 1995 mit „Above“ lediglich ein einziges Album zustande brachte, dürfte in seiner düsteren Tragik beispielhaft für so einige viel zu früh verstorbene Ikonen der Seattler Musikszene stehen: Zuerst starb Bassist John Baker Sounders 1999 an einer Überdosis Heroin, im Jahr 2002 folgte ihm Layne Staley, der vor allem als Sänger von Alice In Chains zu Ruhm gelangte, nach – auf den Tag genau acht Jahre nach dem Tod eines gewissen Kurt Cobain. Als Mad Season 2015 ein einmaliges, von einem Sinfonieorchester flankiertes Reunion-Konzert in der Benaroya Hall in Seattle gaben, wählte man – neben Lanegan, der zwei Jahrzehnte zuvor auch auf einigen Albumsongs Beiträge lieferte – Chris Cornell als „Ersatz“ für Layne Staley aus. Und auch jener Chris Cornell, sonst als Stimme von Soundgarden, Temple Of The Dog oder Audioslave bekannt, starb zu früh – am 18. Mai 2017.

So vielfältig Mark Lanegans Wirken und Beiträge für befreundete Bands und Musiker*innen auch waren, nicht jede Zusammenarbeit war letztendlich von Erfolg gekrönt. So nahm er etwa für das letzte Album von Gun Club Gesangsspuren auf, bevor deren Kopf Jeffrey Lee Pierce kurz darauf, 1996, starb. Für Lanegan stellte das schon etwas Besonderes dar, schließlich waren die Los Angeles-Post-Punker jene Band, die ihm in den 1980ern mit dem Album „Fire Of Love“ ein musikalisches Erweckungserlebnis beschert hatte. Der späteren Heldenehrerbietung stand jedoch wohl seine Sucht im Weg – Lanegans Stimme soll so „zerschossen“ geklungen haben, dass die Aufnahme letztlich nicht verwendet wurde.

Auch abseits des Hörbaren, auf Platte Konservierten wirkte der Mann mit dem stets etwas raumbeinigen, sinistren Äußeren: So brachte er einem wie Kurt Cobain den rohen, echten Blues nahe, was wiederum darin resultierte, dass der Nirvana-Frontmann für die Setlist von deren legendärem „MTV Unplugged“-Auftritt Stücke abseitigere Stücke wie den Ledbelly-Klassiker „Where Did You Sleep Last Night“ auswählte, anstatt dem nach Hits, Hits, Hits gierendem Publikum Offensichtliches wie „Smells Like Teen Spirit“ im Akustik-Gewand zu präsentieren. Zudem wohnte Lanegan Anfang der Neunziger mit seinem Freund Dylan Carlson von den Drone-Göttern Earth zusammen. Und ebenjener Carson besorgte Cobain die Schrotflinte, mithilfe derer er sich am 5. April 1994 ins Jenseits des sagenumwobenen „Club 27“ schoss…

Und auch bei seinem eigenen Schaffen war zwar sehr viel Kreativität im Spiel, während nicht jede musikalische Idee vollumfänglich gelang. Neben großartigen Alben wie jenen in den Neunzigern, dem 2004er Werk „Bubblegum“ (mit der Mark Lanegan Band), Coverversionen-Sammlungen wie „I’ll Take Care Of You“ (1999) und „Imitations“ (2013) oder dem jüngst im Zuge seiner Memoiren entstandenen „Straight Songs Of Sorrow“ (2020), wagte sich der Mann mit der stets an Größen wie Tom Waits oder Nick Cave gemahnenden Grabesstimme in den Zehnerjahren ein ums andere Mal in elektronische Gefilde vor – mit teils etwas halbgaren Ergebnissen. Dennoch blieb immer interessiert an neuer Musik und neuen Einflüssen.

Im Gespräch erwies sich Lanegan sich als zurückhaltend und höflich, wiewohl seine explosive Art in seinen Memoiren nicht zu seinem Vorteil, dafür reichlich dokumentiert ist. Er war darin verdammt gnadenlos mit sich selbst, nannte sich mehr als einmal „das größtes Arschloch“ auf Erden und belegte diese Behauptung auf vielen langen Seiten. Wohl auch deshalb ist „Sing Backwards And Weep“ eine der härtesten und ehrlichsten Musikerbiografien, die es gibt.

Gleichzeitig konnte er feinsinnig und fachkundig über Gospel reden, kannte sich im Deep Soul ebenso aus wie im Blues und Zeitgenössischen. Sein Humor war wie sein Spitzename „Dark Mark“: mattschwarz. All das fand Eingang in seine Kunst, die dem umtriebigen Workoholic eine globale Fangemeinde bescherte. Diese trauert nun um eine der besten Stimmen, eine der verwegenen Figuren des Fachs. Mark Lanegan wurde 57 Jahre alt, eine genaue Todesursache ist zurzeit nicht bekannt.

Ich selbst lebte zwischen 2008 und 2009 für einige Monate in Madrid. Wenige Stunden vor meiner Abreise besuchte ich am 2. Februar 2009 mit einem Freund das gemeinsame Konzert von Mark Lanegan und Greg Dulli im Teatro Häagen-Dazs Calderón, einem recht gediegenen Konzertsaal im Zentrum der spanischen Hauptstadt. Am Merch-Stand nahm sich jeder von uns ein von beiden „Gutter Twins“-Künstlern unterzeichnetes Konzertposter mit. Was uns damals als recht preisintensiv erschien, hängt nun als mir unschätzbar wertvolles Erinnerungsstück an der Wand meines mit Musik gut gefüllten Zimmers.

Ach, Mark – du warst immer mein „persönlicher Tom Waits“, deine Stimme, die da von den Schattenseiten, vom Somnambulen , vorm Rinnstein erzählte, hat mich nun bereits über Jahre, Jahrzehnte stetig und treu begleitet, ging mir nicht selten verdammt nah und noch weniger selten durch Mark und Bein. Aber so – genau so, verdammt! – soll’s ja auch sein… Mach’s gut, Mark.

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Das Album der Woche


Queens Of The Stone Age – …Like Clockwork (2013)

QOTSA - _Like Clockwork (Cover)-erschienen bei Matador/Beggars/Indigo-

Eines steht fest: Josh Homme ist ein schlaues Kerlchen. Da streut diese 40-jährige, seit jeher arschcoole Rocksau, die bereits vor der Gründung ihrer jetzigen Hauptband, den Queens Of The Stone Age (kurz: QOTSA), auf eine legendenumwobene Quasi-Karriere mit den dröhnenden Wüstenrockern von Kyuss zurückblicken konnte, und obendrein noch das ehemals Blut und Galle spuckende Punkrock-Pin-Up Brody Dalle geehelicht, – scheinbar – gezähmt und mit ihr zwei Kinder gezeugt hat (Tochter Camille Harley Joan kam 2006 zur Welt, Sohn Orrin Ryder 2011), von Zeit zu Zeit spärliche Detail zum ersten QOTSA-Album seit sechs Jahren unter die medial vernetzte Fanschar. Und allein schon die Nachricht, dass kein Geringerer als Dave Grohl, eben jener Typ, der – neben Homme – den Beinamen „Mr. Rock“ im aktuellen Alternative Rock-Zirkus am ehsten verdient hätte und beim noch immer legendär guten Queens-Konsensalbum „Songs For The Deaf“ bereits vor elf Jahren schon einmal als Gastdrummer mit von der Partie war, nun – erneut erstklassig aushilfsmäßig – mit an Bord sei und die Trommelstöcke des kürzlich ausgestiegenen Joey Castillo in die Hand nehmen würde, löste wahre Begeisterungsstürme aus. Und dabei war Grohl nur die erste Personalie in einer langen, langen Liste… Dass Workaholic und Band-Intimus Mark Lanegan wieder seine Grabesstimme erklingen lassen würde? Obligatorisch, natürlich. Dass ausgerechnet Nick Oliveri, jener 2005 im Streit gefeuerte Bass-Weirdo, wieder ins bandeigene Wüstenstudio unweit von Joshua Tree gelassen wurde? Überraschend. Dass Nine Inch Nails-Vorsteher Trent Reznor den ein oder anderen Gastauftritt haben würde? Folgerichtig, immerhin treffen er und Homme sich bereits seit Jahren zu gemeinsamen Jam Sessions. Dass UNKLE-Mastermind James Lavelle fürs neue Album an den Reglern drehen würde? Nicht weniger folgerichtig, denn ähnlich wie bei Reznor verbindet auch ihn und Homme eine langjährige kreative Freundschaft. Dass Arctic Monkeys-Sänger Alex Turner eingeladen wurde? Nun, immerhin produzierte Josh Homme das 2009 erschiene dritte Monkeys-Album „Humbug“. Brody Dalle, Alain Johannes (Eleven)? Klar, Familie und Freunde. Verwunderter durfte man da schon zur Kenntnis genommen haben, dass auch der queere Jake Shears (Scissor Sisters) und – jawoll! – Sir Elton John mit von der Partie sein würden – letzterer soll sich sogar mit den Worten „Was deiner Band fehlt, ist eine echte Queen.“ selbst per sonntäglichem Spontananruf eingeladen haben… Was sollte also die Summe dieser namenhaften Einzelkönner, zu denen die festen Bandgrößen Troy Van Leeuwen (ehemals A Perfect Circle – Gitarre), Dean Fertita (The Dead Weather – Keyboard, Gitarre), Michael Schuman (Wires On Fire – Bass), und irgendwann gegen Ende des Aufnahmeprozesses auch der neue Band-Schlagzeuger Jon Theodore (ehemals The Mars Volta) als großes Ganzes ergeben? Ein in Rock gegossenes All-Star-Album, das selbst das bisherige Opus MagnumSongs For The Deaf“ in den Schatten stellen sollte? Eine zwar stargespickte, jedoch unausgegorene Masse an Namen und Potential, die alles, was bisher den staubig riffenden Charme der Queens ausmachte, platt zu walzen drohte? Homme, dem seine Gigantomanien endgültig Brian Wilson-like zu Kopf gestiegen schienen? In jeder Hinsicht: weit gefehlt! Denn „…Like Clockwork“ scheint als Ganzes anders als alles, was man wohl von Josh Homme und seinen Queens Of The Stone Age erwartet hätte…

QOTSA #1

Dabei geht schon nach wenigen Sekunden etwas hörbar zu Bruch. Ist es der Stein, der dem Frontmann im Studio – nach sechs Jahren des Neuveröffentlichungsschweigens (der höchst unausgegorene Vorgänger „Era Vulgaris“ erschien 2007) – vom Herzen fiel? Wer weiß. „Don’t look / Just keep your eyes peeled“ – bereits „Keep Your Eyes Peeled“ entpuppt sich als albtraumhaft stoisch dröhnender Opener, der erst gegen Ende ein wenig aufbricht – als Hommes eigene kleine Schmerzensagonie. „I Sat By The Ocean“ ist darauf einer dieser typischen riffrockenden QOTSA-„Fuck Off“-Ohrwürmer (siehe auch: „The Lost Art Of Keeping A Secret“ vom 2000 erschienen zweiten Album „Rated R„), den Homme mit nicht eben untypischen Textzeilen kontrastiert: „I sat by the ocean / And drank a potion, baby, to erase you / Face down in the boulevard / Yet I couldn’t face you“ – der böse Teufel Alkohol, der die zerbrochene Liebe hinfort spülen soll, und schlussendlich doch nur zum bösen, schwerschädeligen Erwachen im Rinnstein führt. Josh Homme jedoch frohlockt auch – und gerade! – in Schattensituationen wie diesen, und fügt dem Ganzen noch eine derbe Portion Glam Rock á la David Bowie hinzu. Weitaus weniger typisch ist da schon „The Vampyre Of Time And Memory“. „I want God to come and take me home / ‚Cause I’m all alone in this crowd / Who are you to me? Who am I supposed to be? / Not exactly sure anymore“ – zu Synthesizerschleifen und Pianotastenanschlägen schält sich der Frontmann nur langsam aus der sonnengegerbten Trägheit, die diesen Song umgibt, und lässt seine Gitarre lediglich sporadisch effektvoll zum Solo aufheulen. Nur gut, dass das Doppel aus „If I Had A Tail“ und „My God Is In The Sun“ dann wieder Melodien bietet, mit denen die Queens bereits auf „Songs For The Deaf“ völlig zu recht zu begeistern wussten, wobei Ersterer mit dadaistischem Text und brachial eingängigem Stampfbeats eiskalt lächelnd mit dem American Dream abrechnet und Zweiterer als kompromissloser Brecher mit durchgetretenem Gaspedal durch den Wüstensand rast: „Godless heathens always waltz on the sky“. „Kalopsia“ lässt den Motor des rostigen, mit Einschusslöchern übersäten Queens-Tourbusses darauf ein wenig stottern, nur um am gefühlten Klippenrand ein letztes Mal alles zu geben und das Stück in einen manisch zwischen innerer Gelassenheit und perversen Schrei-und-Gewalt-Fantasien wankenden Saufkumpan zu verwandeln. Als wahre Überraschung des sechsten QOTSA-Albums darf jedoch „Fairweather Friends“ gelten, das alles aufbietet, um als epische Wüstenrock-Pophymne gar zu den selten erreichten Queen oder Beatles aufzuschließen: treibende, verschachtelte Schlagzeugbeats, Gitarren, die zum einen den Ton klar vorgeben und sich im Hintergrund auch noch selbst duellieren, Josh Homme, der hier stimmlich wohl eine seiner bisherigen Glanzleistungen abliefert – inklusive Backgroundchören und abseitigen Begleitstimmen -, und keinem Geringeren als Sir Elton John, der sich für die Band nicht zu schade war, im Hintergrund (!) die astrein antreibende Pianobegleitung einzuspielen. „Smooth Sailing“ kann direkt im Anschluss an ein solches Überstück natürlich nur verlieren, überzeugt dennoch als überdrehter Kopfstimmen-Wah-Wah-Boogie straight out of hell: „If reason is priceless / There’s no reason to pay for it“. „I Appear Missing“, welches die Queens als ersten Vorgeschmack aufs Album bereits vorab präsentierten, setzt danach sprichwörtlich noch einmal alles auf eine Karte, taucht in seinen sechs Minuten in psychedelische Sphären ein, steigert sich in immer neue dramatische Höhen, riffrockt mit Stakkatorhythmen, hallenden Soli, weiter hallenden Gesangsharmonien mitten in der Wüste das letzte aus sich heraus: „Deeper I sleep / Further down / A rabbit hole never to be found / It’s only falling in love / Because you hit the ground“. Und wer dachte, dass Homme dieser Epik nichts mehr entgegenzusetzen habe, sieht sich mit dem Rausschmeißertitelsong, der dezent an die „Abbey Road“-Spätphase der Beatles erinnern mag, eines besseren belehrt: Ein sanftes Piano und die noch sanftere Singstimme des Frontmanns leiten das wehmütige „…Like Clockwork“ ein, ehe eine ganze Armada verschiedenster Gitarren und Streicher das Album zu unheilvoll vielsagenden Textzeilen gen staubigem Sonnenuntergang geleiten: „Not everything that goes around comes back around you know / One thing that is clear / It’s all down hill from here“ – Alles nur Jammern auf hohem Niveau, oder gar der Schwanengesang der Queens Of The Stone Age? Man mag es nicht hoffen. Und wenn doch: großartiger hätte er kaum ausfallen können…

QOTSA #2

Was also ist „…Like Clockwork„? Nun, zunächst ist es zum einen das QOTSA-Album mit dem – im Vorfeld – höchsten Staraufgebot, dessen größte Überraschung wohl zum anderen ist, dass sich Album Nummer sechs wohl ausschließlich und vor allem nach einer Person anhört: Josh Homme selbst. Denn der charismatische Gitarrenvirtuose hat sich in den 16 Jahren, denen er den Queens nun schon als Frontmann vorsteht, zum wahren Bandleader gemausert, entlässt Bandmitglieder nach eigenem Messen und Ermessen, stellt neue ein, bittet Freunde und Kollegen zu gemeinsamen Jam Sessions ins Studio (die bekannten „Desert Sessions“ sind wohl nur eines der Ergebnisse dieser kreativ fruchtbaren Zusammenkünfte) – und hat dabei stets die Zügel fest in der Hand und die Zukunft seiner Band im Blick. Ihn also spürt man in jeder Sekunde der insgesamt 44 Minuten Spieldauer. Ob nun gerade Grohl, Castillo oder Theodore – ja ohnehin und zweifelsohne alles Könner ihres Fachs – hinterm Drum Kit sitzt? Worin nun die jeweiligen Verdienste von Mark Lanegan, Nick Oliveri, Trent Reznor, James Lavelle, Alex Turner, Brody Dalle, Alain Johannes, Jake Shears oder Sir Elton John liegen? All diese Gastbeiträge lassen sich wohl nur als marginale Feinschliff-Nuancen und/oder nach tausendfachem Hören ausmachen (ein weiteres Indiz für die beabsichtigte Teaser-Wirkung der Vorabnennung all dieser Namen dürfte wohl in dem Fakt zu sehen sein, dass dem Album kein Booklet beiliegt, und auch keiner der Namen in der offiziellen Erscheinung genannt wird). Alles in allem zeigt „…Like Clockwork“ einen im Bandverbund gewachsenen Josh Homme, der mit dem aktuellen Album das wohl beste und persönlichste seit dem 2005 veröffentlichten „Lullabies to Paralyze„, und das als Gesamtwerk überzeugendste seit „Songs For The Deaf“, jenem elf Jahre zurückliegenden großen Wurf, abliefert. Auch anno 2013 klingen die Queens Of The Stone Age noch frisch, energetisch, höllisch hookline-groovend, spannend und – bei aller Eingespieltheit: relevant. Josh Homme, dieses schlaue, glückliche Kerlchen, darf sich derweil süffisant grinsend zurücklehnen – in dem Wissen, mit „…Like Clockwork“ eines der potentiellen Top Drei-Alben seiner Karriere aufgenommen zu haben. Understatement in Rock? Mission accomplished.

Josh Homme 2013

 

 

Hier gibt’s die visualisierte 15-minütige Albumvorschau, die zu wunderbaren Animationen akustische Einblicke in die Songs „I Appear Missing“, „Kalopsia“, „Keep Your Eyes Peeled“, „If I Had A Tail“ und „My God Is In The Sun“ liefert…

 

…und das komplette zweistündige (!) Konzert, das die Queens Of The Stone Age zur Einstimmung auf „…Like Clockwork“ am 23. Mai diesen Jahres im The Wiltern in Los Angeles gegeben haben:

 

Dass sich Josh Homme allerdings auch ganz gut selbst – und den im Rockgeschäft (zu) oft vorherrschenden „heiligen Ernst“ – ein wenig auf die Schippe zu nehmen versteht, bewies er unlängst in dieser Fake-Studiodokumentation mit dem feinen Titel „Secrets Of The Sound“:

 

Rock and Roll.

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