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Song des Tages: Ryan Adams – „Karma Police“


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Der seit Jahr und Tag nimmermüde Ryan Adams tingelte kürzlich durch Radiostationen, Hotelzimmer, Redaktionen und mutmaßlich gar Spielzeugabteilungen, um sein im Februar erschienenes neues, sechzehntes Album „Prisoner“ zu bewerben, auf welchem er seine Trennung von Ex-Pop-Sternchen Mandy Moore verhandelt und in 43 Minuten Herzschmerz-Heartlandrock presst. Mein erstes Fazit: solides Handwerk des 42-jährigen US-Musikers, das seine Wurzeln aus dem Classic Rock zieht. Jedoch reichen die zwölf neuen Songs mit ihrer teilweise doch recht cleanen und überfrachteten Produktion (für die konnte Adams Regelschieber-Koryphäe Don Was gewinnen) kaum an all die Großtaten der Nuller-Jahre – von „Heartbreaker“ über „Gold“ und „Love Is Hell“ bis hin zu „29“ – heran. Trotzdem werden Rocker aus Adams‘ Feder (wie etwa der unmißverständliche Album-Opener „Do You Still Love Me?„) immer gern genommen.

Dass sich Ryan Adams auch ausgezeichnet aufs Reininterpretieren von Fremdkompositionen versteht, weiß man nicht erst seit dem vor zwei Jahren erschienenen „1989„, das – jawollja! – seine mit Akribie neu zusammen gewürfelte Komplett-Variante des Taylor-Swift(!)-Millionensellers von 2014 darstellte. Wir erinnern uns: Anno 2003 lieferte Adams auf dem ersten Teil der beiden „Love Is Hell“-EPs (s)eine fast schon gespenstische Version des Oasis-Gassenhauers „Wonderwall“ ab, welche im Nachgang sogar den lobenden Segen von Oasis‘ Chef-Grantler Noel Gallagher erhielt.

ryan-adamsUnd eben kürzlich hat er’s wieder getan: Ende Januar war Ryan Adams in London bei „BBC Radio 2“ zu Besuch und gab dort ein paar Akustiknummern zum Besten. Darunter nicht nur den neuen Song „Doomsday“, sondern auch eine Coverversion von Radioheads „OK Computer“-Klassiker „Karma Police„. Die Auswahl, die er erst am Morgen des Promotages getroffen habe, begründete Adams wie folgt: „Ich habe keine Ahnung, ob ich dem Song etwas Neues und Interessantes hinzufüge, doch ich dachte, es passt sehr gut. Wegen dieser ziemlich schrecklichen Person, die gerade in den Vereinigten Staaten zum Präsidenten gewählt wurde. Ich weiß nicht genau weshalb, aber heute Morgen hatte ich diesen Song im Kopf.“

In „Karma Police“ geht es im weitesten Sinne um Obrigkeitshörigkeit, Irrsinn, Populismus und Kapitalismus – 1997 erschienen, doch diese Themen verlieren wohl nie an Aktualität. Adams könnte bei Textzeilen wie diesen also sehr wohl geahnt haben, warum ihm dieser Song einfiel, als er an Donald Trump und Co. dachte:

„Karma police
Arrest this man
He talks in maths
He buzzes like a fridge
He’s like a detuned radio

Karma police
Arrest this girl
Her Hitler hairdo
Is making me feel ill
And we have crashed her party…“

 

Hört hier die von „BBC Radio 2“ mitgeschnittenen Akustik-Varianten von „Doomsday“ und „Karma Police“ im Stream:

 

Damit übrigens nicht genug, denn Adams hat sich auf seiner Radio-Promotour auch zwei weitere Künstler zur Neuinterpretation vorgenommen, die ihn wahrscheinlich bereits seit Ewigkeiten verfolgen: Bei den „Spectrum Sessions“, welche in Norwegen aufgezeichnet wurden, covert er den Evergreen „Run To You“ von Kanada-Rockurgestein Bryan Adams (sic!), mit dem ihn nicht nur 90 Prozent des Namens verbindet (deshalb wurde der Adams-Ryan in der Vergangenheit mehr als einmal mit dem Adams-Bryan verwechselt, was ersteren nicht selten auf die Palme brachte), sondern – glauben Sie’s oder nicht – auch derselbe Geburtstag am 5. November (Bryan kam 1959 in Kingston, Ontario zur Welt, Ryan 1974 im US-amerikanischen Jacksonville, North Carolina). Kurios? Sicher. Zufall? Achwo!

 

Außerdem unterzog Adams beim britischen „6 Music“ ausgerechnet „Streets Of Philadelphia„, Bruce Springsteens 1994 mit einem Oscar ausgezeichneten Titelsong zum AIDS-Drama „Philadelphia“, einer Cover-Behandlung. Und macht auch das mit gewohnter Brillanz.

 

Rock and Roll.

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Sunday Listen: Shallou – „Motion Picture Soundtrack“


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Radioheads „Kid A“ und „Amnesiac„, jenes 2000 beziehungsweise 2001 erschienenes Album-Doppel, wird bei mir wohl auf Ewigkeit einen Platz in den Untiefen meines Hörerherzes einnehmen. Und das nicht nur der fraglos grandiosen Songs und Gesamtwirkung wegen (darüber könnten wir uns wohl Stunden um Stunden unterhalten), sondern vielmehr aufgrund all der recht persönlichen Erinnerungen, welche mit diesen Jahren (gekauft habe ich mir beide Alben gleichzeitig um 2001 herum) verknüpft sind…

Von daher find‘ ich’s auch recht tricky, wenn sich ein Künstler oder eine Band dazu einschließt, gerade einen Song dieser Alben zu covern. Und andererseits auch verdammt spannend, denn – ganz unabhängig davon, was euch jemand anderes glauben lassen mag – Radiohead-Stücke eignen sich in den meisten Fällen ganz hervorragend zur Neuinterpretation (für Interessierte könnte ich das aktuell anhand einer 83-teiligen Sammlung an Radiohead-Coverversionen, welche sich, immer größer werdend, auf meinem iPod beziehungsweise meiner iTunes-Playlist befindet, unter Beweis stellen). Isso.

In die Reihe der gelungenen Radiohead-Reinterpretationen reiht sich auch der aus Chicago stammende Produzent J Boston aka Shallou ein, welcher sich ausgerechnet den „Kid A“-Schwanengesang „Motion Picture Soundtrack“ ausgesucht hat und aus dem todtraurig gen Sonnenuntergang torkelnden Stück eine fast schon chilled out und relaxed reflektierte Nummer zaubert. Hat’s nicht gebraucht, stört aber auch nicht groß.

 

“’Motion Picture Soundtrack‘ is one of my all time favorite songs by my all time favorite band; its always what I thought the afterlife could sound like. I tried to add some cinematic and ambient textures to make it my own, and it’s one of the few times I’ve sung full vocals on a track so it’s definitely close to my heart.”

Shallou (via thissongissick)

 

 

Rock and Roll.

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Der Jahresrückblick – Teil 1


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Dem regelmäßigen Besucher von ANEWFRIEND mag eventuell nicht entgangen sein, dass es in den letzten zwölf Monaten – gerade im Vergleich zu den Vorjahren – recht wenige „Alben der Woche“ gab. Doch keine Angst, natürlich – und auch das dürfte wohl aufgefallen sein – habe ich nicht plötzlich aufgehört, (neue) Musik wie ein nach Tönen verrückter Schwamm in mich aufzusaugen. Nein, 2016 ließ mir einfach, bei all den Nebenschauplätzen im Privaten und Beruflichen, zu wenig Raum und Energie, um mich hier in längeren Artikeln mit all den tollen, (für mich) neuen Alben und Künstlern zu beschäftigen. Stattdessen wurde so manches Werk – ob nun verdient oder nicht – im Zuge des ein oder anderen „Song des Tages“ *hust* „abgefrühstückt“.

Auch werden im diesjährigen Jahresrückblick Besprechungen zu meinen persönlichen „Filmen des Jahres“ und „Serien des Jahres“ fehlen. Und obwohl ich auch da das ein oder andere in Erinnerung bleibende Beispiel erwähnen könnte (etwa „Money Monster„, „Eye In The Sky„, „The Lobster“ oder „Miss Peregrine’s Home For Peculiar Children“ bei den Filmen sowie die Dauerkandidaten „The Walking Dead“ oder „Shameless“ bei den Serien, da jedoch auch die tolle britische Sci-Fi-Miniserie „Black Mirror„), fehlt mir in diesen letzten Tagen von 2016 einfach die Energie, um hier länger darauf einzugehen… Ich hoffe, ihr versteht das.

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Zeichnung: Oli Hilbring / Facebook

Doch zurück zur Königsdisziplin, den „Alben des Jahres“ von und auf ANEWFRIEND! Oder: zum Musikjahr insgesamt. War grässlich, oder? Klar, auch in den vergangen zwölf Monaten erschienen so einige tolle Alben von neuen wie bewährten Künstlern, aber was hat sich diese kleine Schlampe namens „2016“ für eine Mühe gegeben, nicht wenige unserer Lieblingskünstler nur ja nicht mit ins neue Jahr (aka. 2017) zu lassen? David Bowie, Prince, Leonard Cohen – alle drei Jahrhundertgenies und Musiker von Weltformat, die zwar nicht zu jedem Zeitpunkt ihrer Karriere unfehlbar waren (welcher Künstler ist das schon?), aber irgendwie immer da waren, immer verlässlich Neues und absolut Eigenständiges ablieferten. Außerdem für immer verstummt: Keith Emerson, Greg Lake, Alan Vega, Sharon Jones, Merle Haggard, Glenn Frey, Manfred Krug, Walter Scheel, Hans-Dietrich Genscher, Guido Westerwelle, Fidel Castro, Bud Spencer, Götz George, Muhammad Ali, Roger Cicero, Peter Lustig, Roger Willemsen, Miriam Pielhau, Achim Mentzel, Alan Rickman, Anton Yelchin, und jetzt auch noch George Michael – um nur einige Wenige zu erwähnen. Ohne sie wird diese Welt keine andere sein („The show must go on“, um es mit Freddie Mercury zu sagen), jedoch eine weitaus weniger bunte. Ein Scheißjahr, was die Verluste für Kultur und Zeitgeschehen betrifft…

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(gefunden bei Facebook)

Hoffen wir also, dass sich 2017 milder zeigt als die vergangenen zwölf Monate. Denn wie unausstehlich wäre eine Welt, in der wir nur zwischen Helene Fischer, Frei.Wild und den sowieso unkaputtbaren Rolling Stones wählen könnten? Eben. Bleibt alles anders…

 

  

conor-oberst-ruminations1.  Conor Oberst – Ruminations

Wie ich bereits vor einigen Wochen schrieb: „‚Ruminations‘ ist ein großes, ernsthaftes Werk, an dem man sich kaum satt hören möchte. […] So gut, so nah, so ergreifend war Conor Oberst schon lange, lange Zeit nicht. Vielleicht sogar: noch nie.“ Dem habe ich auch heute kaum etwas hinzuzufügen, außer der erneuten Bitte, diesem grandiosen Singer/Songwriter-Werk euer Ohr zu leihen. Mit dieser Rückkehr zu alter Größe habe ich bei Conor Oberst – ganz ehrlich zugegeben – nicht gerechnet (jedoch immer gehofft). Umso schöner, dass dieser Mann – immerhin einer meiner Allzeit-Lieblingskünstler – es trotzdem geschafft hat, mich nach Jahren noch einmal komplett aus den musikalischen Socken zu hauen.

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will-varley2.  Will Varley – Postcards From Ursa Minor

Und auch auf dem Silber-Platz hohe Singer/Songwriter-Kunst – nur diesmal nicht aus dem US-amerikanischen Omaha, Nebraska, sondern aus good ol‘ England. Und obwohl „Postcards From Ursa Minor“ bereits im Oktober 2015 erschien, hat mich Will Varleys drittes Album wie kaum ein anderes durchs komplette Jahr 2016 getragen, denn auch zwischen Januar und Dezember brachte kein anderer Akustikgitarrenbarde einen derartigen – geglückten – Spagat zwischen intim angelegter Nachtmelancholie („The Man Who Fell To Earth“) und absolut hintersinniger Witznummer („Talking Cat Blues“) zustande, dessen Spektrum mal eben so ziemlich jedes menschliche Gefühl in Nylonsaiten gießt. Unterhaltsam, großartig, bewegend, lustig, traurig, niederschmetternd, hoffnungsvoll – durch jede Regung wird der Hörer in den 50 Minuten von „Postcards…“ gezogen. Und kaum jemals war all das schöner anzuhören. Da konnte der Nachfolger ja nur gegen anstinken (und tat das auch, wie weiter unten zu lesen ist)…

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julien-baker3.  Julien Baker – Sprained Ankle

Ebenfalls eigentlich im Oktober 2015 erschienen, ist das Debüt der 21-jährigen Musikerin aus Memphis, Tennessee meine persönliche Entdeckung des Jahres, dessen lediglich neun Songs tief ins von Melancholie getränkte Fleisch schneiden. PJ Harvey meets Elliott Smith, gepaart mit jugendlicher Naivität. Bewegend, ehrlich.

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daughter-not-to-disappear4.  Daughter – Not To Disappear

Ach, Elena Tonra muss eigentlich nur die Lippen bewegen, und schon hat sie mich. Dass die zehn neuen Stücke des zweiten Daughter-Albums auch das klangliche Spektrum der dreiköpfigen Band aus London um Songs mit dezent elektronischer Grundlage oder Klangkathedralen von Sigur Rós’scher Größe erweitern, ist dabei natürlich nicht von Nachteil. Aber, hey: Melancholie nimmt eben keine Gefangenen.

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summering5.  Summering – Summering

Dass diese kanadische Band noch immer (scheinbar) keine Sau kennt, ist – gelinde gesagt – eine riesige Sauerei. Ich verspreche: Wer die älteren Alben von Wintersleep mag und mochte, wird auch mit dem selbstbetitelten Debüt von Summering (ebenfalls im Oktober 2015 erschienen, ebenfalls erst 2016 bei mir angekommen) glücklich süchtig. Noch dazu gibt’s das Ganze als „Name your price“ via Bandcamp zum Download. Ausreden gibt’s also keine!

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frightened-rabbit-painting-of-a-panic-attack6.  Frightened Rabbit – Painting Of A Panic Attack

Dass Scott Hutchison und seine Lads von Frightened Rabbit nach drei Jahren ein neues Album veröffentlichen und dieses es dann nicht ANEWFRIENDs Top 3 des Musikjahres schafft (immerhin war der Vorgänger „Pedestrian Verse“ anno 2013 mit Abstand und Ansage mein „Album des Jahres„), dürfte eigentlich schon als Schlappe für die fünf Schotten gelten. Aber keine Angst, trotz der Tatsache, dass sich auf „Painting Of A Panic Attack“ weniger Songs befinden, die das Hörerherz sofort einkassieren und nicht mehr hergeben (oder war’s umgekehrt?), ist auch das mittlerweile fünfte Studioalbum des stets eigenwilligen schottischen Quintetts kein schlechtes.

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the-hotelier7.  The Hotelier – Goodness

Zig Mal gehört, und noch immer kann ich „Goodness“, das dritte Album von The Hotelier nicht so ganz einordnen. Ist das noch Indierock oder schon Naturstudie? Ist das noch Emo oder längst zu erwachsen dafür? Sind das noch eigenständige Songs oder ein 45-minütiges Konzeptalbum? Steht die Band aus dem US-amerikanische Worcester, Massachusetts nun die großen Band New oder doch eher den seligen Sunny Day Real Estate näher? Fragen, Fragen, Fragen – aber sind die spannendsten Alben nicht immer jene, die man eben nicht auf Anhieb versteht? Was „Dealer“ von Foxing im vergangenen Jahr war, ist dieses Album 2016 für mich gewesen: ein faszinierendes Kuriosum mit Repeat-Garantie. Und die acht Naturnudisten vom Cover machen meine Verwirrung nur noch runder…

 

tigeryouth8.  Tigeryouth – Tigeryouth

Tilman Benning ist ein korrekter Typ, der vor allem 2016 mit seiner Akustischen und (s)einer dezent zerschossenen Tom-Waits-Reibeisenstimme im Gepäck kreuz und quer durch die Bundesrepublik (und manchmal sogar darüber hinaus) gereist ist, um den Punks, Pennern und Penunzeneigentümern in all den kleinen Clubs und AJZs die Songs seines neusten, selbstbetitelten Albums näher zu bringen, welche Tigeryouth-Benning als torkelnden Troubadour mit Hang zum Geschehen am Tresen und dem Herzen nah an Leben und Scheitern präsentieren – opulenter manchmal gar, als noch auf dem 2014 erschienenen Debüt „Leere Gläser“.

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tiger-lou9.  Tiger Lou – The Wound Dresser

Tiger Lou sind zurück, acht lange Jahre nach dem letzten Album „A Partial Print“. Und obwohl „The Wound Dresser“ manchmal zu viel von allem will (und freilich auch all die kreative Energie der langen Auszeit kanalisieren muss) und am Ende zu selten wirklich große Songs dabei herausspringen (die vorab veröffentlichten Stücke „Homecoming #2“ und „California Hauling“ einmal ausgenommen), haben Frontmann Rasmus Kellerman und seine nicht mehr ganz so blutjungen Kumpels freilich immer ’nen festen Fleck für sich reserviert, der „The Wound Dresser“ in diesem Jahr eine Ecke in den Jahren-Top-Ten sichert…


 
touche-amore-stage-four10. Touché Amoré – Stage Four

Ein großes, ein lautes, ein wütendes Album ist Jeremy Bolm, seines Zeichens Stimme und somit Frontschreihals von Touché Amoré, da gelungen. Ein musikalischer Abschiedsbrief an seine Ende 2014 an Krebs verstorbene Mutter. Die Band steht damit – sowohl, was das Musikalische als auch, was das Lyrische betrifft – in einer Reihe mit persönlichen Herzwärmern wie La Dispute oder Pianos Become The Teeth, deren letzte Alben in den vergangenen Jahren lauthals in mein Hörerherz gepoltert sind. Und obwohl mir das auf Dauer eine Spur zu – ich geb’s offen zu – heavy ist, hat das im September erschienene vierte Album der Post-Hardcore-Band aus Los Angeles, „Stage Four“, auch mich bewegt und innerlich aufgewühlt. Ja klar, Touché Amoré lassen dem Indierock etwas mehr Raum als noch auf den Vorgängern, richten manch ein Stück geradezu spartanisch ein (was den Texten nur noch mehr Gewicht verleiht), haben mit dem abschließenden „Skyscraper“ gar ein Gänsehaut-Duett mit Julien Baker (ja richtig, der jungen Dame vom Bronzeplatz) an Bord. Vergleiche mit The National verbieten sich trotzdem. Alle in allem: Wer Screamo-Schreihälsen und laut polternden Gitarren nicht komplett abgeneigt ist, den können diese elf Songs gar nicht kalt lassen. Isso.

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…und auf den weiteren Plätzen:

Savages – Adore Life

Kevin Devine – Instigator

Die Höchste Eisenbahn – Wer bringt mich jetzt zu den Anderen

 

  

Geheimtipp 2016:

drawing-circlesDrawing Circles – Sinister Shores

Alternativer, melancholischer Ambient könnte man das Ganze nennen, was das Trio aus Bonn das auf dem Erstling „Sinister Shores“ (deutsch, in etwa: unheilvolle Ufer) da fabriziert. Dabei flüstert und schreit Sänger Vincent, er singt und presst sich seine Gefühle von der leidwunden Seele, mal still und in sich gekehrt, dann wieder mit sich fast überschlagender Stimme und rauchig-laut anklagend. Mit Worten unterlegte Postrock-Schlummermusik aus deutschen Gefilden und auf (fast) internationalem Niveau? Ist genommen.


 
Enttäuschungen 2016:

wintersleep-the-great-detachment-500x500Wintersleep – The Great Detachment

Drei verdammt großartige Alben haben Wintersleep bis zum 2007 erschienenen „Welcome To The Night Sky“ hinbekommen. Mittlerweile jedoch – und auch diese Serie hält nun schon drei Werke an – lassen mich die Alben der Band aus dem kanadischen  Halifax, Nova Scotia von Mal zu Mal mehr kalt. Daran ändert leider auch das neue „The Great Detachment“ nichts. Hoffen wir, dass Paul Murphy und Co. den Hebel irgendwann wieder in die andere Richtung umlegen können…

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wvlplargeWill Varley – Kingsdown Sundown

„These are the most honest songs I’ve ever written and they represent new ground for me creatively. They may not be radio friendly, or even ‚friendly‘ at all, but I’ve been wanting to make a record like this for a long time.“ Stimmt, die elf Stücke von „Kingsdown Sundown“ sind – gerade mit den Vorgängern verglichen – ein recht radikaler Schritt des britischen Singer/Songwriters hin zu mehr Trostlosigkeit und zur düsteren Seite der Melancholie – Radiofreundlichkeit hört sich logischerweise anders an. Radikal nicht der Musik selbst wegen, denn auch die Vorgänger kamen oft als Wanderbarden-Nummern ganz auf der Akustischen aus. Vielmehr sind die Themen, die Varley anstimmt, die einer Zeit, die wenig Licht ins Dunkel lässt. Auf den vorangegangenen Werken – gerade dem großen „Postcards From Ursa Minor“ (siehe Platz 2 ) – wurde den dunklen Thematiken noch zumeist eine Prise Ironie entgegengestellt. Da diese hier fast gänzlich fehlt, legt sich einem „Kingsdown Sundown“ schnell aufs Gemüt. Repeat? Gern, aber wohl dosiert…

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radiohead-coverRadiohead – A Moon Shaped Pool

Die unfehlbaren Radiohead. Die Meister, wenn es darum geht, den dunklen Zeiten von Technologiewahn und Kapitalismus den entsprechenden Soundtrack zu liefern. Klar, ich liebe die Alben von „OK Computer“ über „Kid A“, „Amnesiac“ bis zu „In Rainbows“ aus so vielen Gründen (die wichtigsten, logischerweise: die Songs sind einfach großartig, die Werke wirken als Ganzes intensiv nach). Das größte Plus von Thom Yorke und Co. ist freilich, dass ihrem Konzept noch niemand so ganz auf die Schliche gekommen ist und sie durch so einige kluge Schachzüge der Vergangenheit mittlerweile absolute kreative Narrenfreiheit besitzen – und diese nutzen sie auch auf „A Moon Shaped Pool“, Studioalbum Nummer neun seit 1993, genüsslich aus. Das Ergebnis ist stiller, intimer als noch das vor fünf Jahren erschienene „The King Of Limbs“, das vor technoiden Experimenten ganz wirr war. Die elf zumeist neuen Stücke (einzig das abschließende „True Love Waits“ kennen Fans bereits längst als Live-Version) baden oft knietief in den Orchesterarrangements von Jonny Greenwood, hat doch der sonst als Gitarrist tätige Tausendsassa durch so einige Soundtrack-Arbeiten längst sein Faible für raumfüllende Musik entdeckt. Hinten hinaus hockt natürlich dann Chefgreiner Thom Yorke und verbreitet seine finsteren Gedanken zur Welt als solche und verarbeitet obendrein noch die „total einvernehmliche“ Trennung von Lebenspartnerin Rachel Owen, mit der er 23 Jahre liiert war und zwei gemeinsame Kinder hat (zum verdammten 2016 passt dann wieder, dass Owen vor wenigen Tagen im Alter von 48 Jahren starb). Ist alles nicht wirklich schlecht anzuhören, lässt mich jedoch ebenso kalt wie die Stimmung, welche Radiohead wohl stets im Sinn haben… Schade.

 
Rock and Roll.

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Song des Tages: Josin – „Midnight Sun“


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Da ist da dieses eine Stück, „Midnight Sun“, das einen zur Einschätzung bewegt, dass mehr nach Radiohead eigentlich nur Radiohead selbst klingen. Da sind die Bewegungen der Musikerin selbst, die einen an den stets leicht hektisch gepolten Gestus von Thom Yorke denken lassen. Und da ist da die Enigmatik dieser jungen Frau, über die man nichts Genaues weiß (und sich auch das sonst so allwissende World Wide Web beinahe in Schweigen hüllt): „Born as the daughter of two opera singers JOSIN grows up constantly surrounded by music“, weiß ihre Agentur zu berichten. Wow. Ansonsten? Fürs kommende „Iceland Airwaves“- Festival im hochnördlichen Reykjavík gebucht, ebenso als Support für einige der Europa-Shows von RY X wenig später im November diesen Jahres. Offizielle Veröffentlichungen bisher? Fehlanzeige. Klar gibt’s bereits das ein oder andere Lebenszeichen bei YouTube, die erste 2-Track-Single wird allerdings erst Mitte November erscheinen und eben auch das tolle, fast sechs Minuten lang von einem nervös scharrenden Piano getragene „Midnight Sun“ enthalten.

Radiohead-Verweise und Enigmatik hin oder her – Josin darf man im Auge (und Ohr) behalten.

 

 

Alternativ gibt’s den Song via Soundcloud zu hören:

 

Rock and Roll.

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OK Devil? – Thom Yorke ist der Antichrist


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Eine Gruppe von fundamentalen Christen, welche wohl irgendwo zwischen plumper Realsatire und vollends reif fürs Irrenhaus einzuordnen ist, hat es über Twitter endlich gewagt, die Wahrheit auszusprechen. Die „Generation Of God“ stellt fest: Thom Yorke vereint in sich alle Versuchungen des Satans. Thom Yorke, der Sänger von Radiohead, ist der leibhaftige Antichrist.

Und eigentlich haben auch wir es doch schon immer gewusst: Die kultartige Fangemeinde, die jeden neuen Soundfetzen frenetisch bejubelt, sterile und von Computern generierte Rythmen auf seinen Soloalben, denen sämtliche menschliche Wärme zu fehlen scheint, und dieses eine Mal, als Yorke auf einem russischen Werbeplakat auftauchte, auf dem er für ein Erkältungsmedikament (Drogen, anyone?) warb – all diese Puzzlestücke hat die „Generation Of God“, welche sich freilich auch dem Kampf gegen die „Sünde Homosexualität“ verschrieben hat,  zusammengesetzt und nun die schröööckliche Wahrheit enthüllt. Danke dafür, Jesus-Armee!

Zusammengefasst haben Gottes selbst erkorene Social-Media-Sprachrohre die Beweisführung in einem Bild auf Twitter: Thom Yorke umgeben von seinen Verfehlungen und satanistischen Zügen. Zu nennen wären unter anderem Pornographie, Atheismus, Drogen, Hexerei und – klar doch – Atheismus – böse, böse. Irre? Natürlich. Ernstzunehmend? Kaum. Und man ist fast geneigt, das Bild stolz als Motivationsposter aufzuhängen… Hail, Thom Yorke!

 

 

Rock and Roll.

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Sunday Listen: Radiohead live beim Bonnaroo Festival 2006


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Das Konzert selbst wurde hier auf ANEWFRIEND vor ein paar Jahren – Ende Dezember 2012 – bereits vorgestellt, dürfte dem langjährigen Leser dieses bescheidenen Blogs also bekannt vorkommen.

Ich selbst habe die Radiohead-Show vom Bonnaroo ’06 erst vor wenigen Tagen wieder für mich entdeckt, als ich nach qualitativ hochwertigen Soundboard-Shows der fünfköpfigen, 1985 im englischen Oxford gegründeten Alternative-Rockband gesucht habe. Obwohl: Rockband? So richtig einordnen kann man ja Thom Yorke und Co. spätestens seit dem 2000 beziehungsweise ein Jahr darauf erschienenen Albumdoppel aus „Kid A“ und „Amnesiac“ nicht mehr. Mal rocklastig, des öfteren elektronisch, fast immer höchst experimentell – auch, was die Veröffentlichungstaktiken betrifft: So erschien etwa das siebente Studiowerk „In Rainbows“ 2007 für einen frei wählbaren Betrag zuerst digital auf der Homepage der Band. Und auch das bislang letzte akustische Lebenszeichen von Radiohead, der geschasste Titelsong zum neusten James-Bond-Film „Spectre“, stellte der Fünfer Ende letzten Jahres kostenlos zum Download ins Netz. Da wird freilich schon überall (mehr oder minder ersthaft) darüber spekuliert, wie und wann denn das neuste Album von Thom Yorkes Mannen erscheinen wird…

Bis dahin kann man sich die Wartezeit vorzüglich mit dem mehr als zweistündigen Konzertmitschnitt vom Bonnaroo-Festival 2006 , den es anderswo sogar immer noch legal zum freien Download gibt, vertreiben, enthält dieser doch 28 Stücke in bester Audioqualität (und das sage selbst ich, der ich schon viele Konzerte der Band gehört habe!) sowie einige bekannte Songs von Radiohead – etwa „Videotape“ oder „Climbing Up The Walls“ – in grandiosen Livevarianten. Und selbst der nicht eben unkritische Radiohead-Frontmann meinte rückblickend, einen seiner besten Aufritte seit vielen, vielen Jahren“ abgeliefert zu haben. Recht hat er.

 

 

Rock and Roll.

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