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Sunday Listen: Proper. – „The Great American Novel“


Foto: Promo / Milla Belanich

Schwarz und queer in einer überwiegend cis-männlichen, heterosexuellen Szene zu sein, ist – gelinde gesagt – auch im Jahr 2022 alles andere als einfach. Proper. (von denen bereits 2019 auf ANEWFRIEND die Schreibe war) machen trotz alledem das Beste aus den gegebenen Umständen und packen ihre Erfahrungen in kleine, große Songperlen zwischen Sturm, Drang und Sinnsuche. Setzte sich der Album-Vorgänger „I Spent The Winter Writing Songs About Getting Better“ vor knapp drei Jahren noch mit dem Ausbruch aus der Erwartungskulisse des eigenen Umfelds auseinander, will das Trio aus Brooklyn, New York nun gleich ein komplettes Buch vertonen. Jeder Song auf „The Great American Novel“, das seinen Titel einem im US-amerikanischen Literaturdiskurs häufig verwendeten Schlagwort entlehnt, welches das Ideal eines Romans bezeichnet, der exemplarisch das Wesen der USA abbilden soll, also den „besten amerikanischen Roman“, der je geschrieben wurde (oder geschrieben werden kann), versteht sich als Kapitel eines Twentysomething-Protagonisten, der in den 2010er Jahren aufwächst und sich mit der missbräulichen Beziehung seiner Herkunft und seiner Identität auseinandersetzt.

Sänger und Gitarrist Erik Garlington nennt seinen Hauptdarsteller einen queeren, schwarzen Holden Caulfield, der seine Zwanziger er- und durchlebt. Die Texte, welche er für den neusten Langspieler seiner Band verfasst hat, tun weh, sind in ihrem introvertierten Tagebuch-Charakter herzzerreißend ehrlich und gehören doch – oder gerade deshalb – allesamt mit Farbe an die Wände oder mit Edding auf Unterarme. „There’s nothing I’d love less than to work myself to death“, mosert Garlington in „Shuck & Jive“. Kennen wir alle? Kennen wir alle. Im Fokus stehen soll aber das Aufwachsen als nicht weißer, nicht heterosexueller junger Mensch im Bible Belt, dem evangelikalen Süden der Vereinigten Staaten, das Proper. hier zum Konzept auserkoren haben. „My parents wonder why I won’t have children“ – man will Garlington nicht nur hier in den Arm nehmen. Er und seine Mitmusiker Elijah ‚Eli‘ Watson (Schlagzeug) und Natasha Johnson (Bass) verstehen sich als Sprachrohr der Betroffenen und wollen mindestens in ihrer musikalischen Nische für Awareness und gegen Othering und Rassismus eintreten. Politischer und konkreter auf eine spezielle Problematik zugeschnitten war emorockig Tönendes in letzter Zeit selten. Und auch in Sachen Melodie und Dringlichkeit kämpfen sich Proper. mit den neuen Stücken an die Spitze ihrer Szene.

Der angedeutete Stream of Consciousness von „In The Van Somewhere Outside Of Birmingham“ schielt lethargisch kurz in Richtung Sorority Noise, zerbricht dann aber auch in einem angefressen-wütenden Finale. Die leeren Seiten des Schwulendaseins mit tausend Grindr-Sexdates, aber wenig echtem menschlichen Kontakt thematisiert „The Routine“, während es in „Red, White, & Blue“ darum geht, was es heißt, „Amerikaner zu sein“, wie kompliziert und verletzend diese Beziehung ist, und wieso man von dieser eigentlich nie so ganz loskommen kann. Im brillanten „Huerta“ wiederum setzt Garlington sich mit seiner Familienbiographie und deren multikulturellem Erbe auseinander: „I could have been a farmer in the grasslands“, auch wenn das Spanisch des US-Musikers mit mexikanischen Wurzeln ausbaufähig ist – Hauptsache, irgendetwas sein außer nur „another dull American“. Dazu serviert die Band einiges an Stop’n’Go sowie schroffe Einschläge und bratende Gitarrenwände neben Stakkato-Riffing. „McConnell“ mixt gar Sprechgesang, progressive Gesangslinien und eine Idee von Black Metal zu einer im Grunde ziemlich abgedrehten Melange. „How does it even feel to know that people would cheer if you go?“ – Proper. lassen absolut nichts anbrennen, vor allem nicht, sobald sägende Bläser und weibliche Gaststimme ein wunderschönes Stück wie „Milk & Honey“ veredeln. Hier sind Könner am Werk, die ihr tragisches, bitteres Meisterwerk vorlegen, welches in seinen besten Momenten Scharfkantiges, Furioses, fast schon Schäumendes neben Augenblicke der unvermittelten Ruhe stellt. Allein wie sich „Americana“ aufbäumt und von der zarten, fast schon folkigen Idee zum drastischen Manifest mit Nachdruck, mit Biss, mit ungeschönten Worten und der Hoffnung auf ein besseres Morgen, das sich letztlich doch zu verbergen weiß, erwächst, geht unter die Haut. Aber: Ja, selbst inmitten dieser Hölle gibt es eben immer noch einen Funken Hoffnung: „My body might actually belong to me, and not some palm oil monopoly.“

Braucht’s bei alledem noch Referenzen? Nun, mehr denn je drängen sich bei „The Great American Novel“ so einige Vergleiche zu den Besten des emotional aufgeladenen Indie’n’Alternative Rocks der Nuller-Jahre auf: gleich am Album-Anfang etwa zu den Brand New der seligen „Deja Entendu“-Tage, etwas später zu Tim Kashers wütend polternder Kapelle Cursive oder den wilden Stilritt-Eskapaden von Foxing, ansonsten auch zu Conor Oberst beziehungsweise den Desaparecidos im Stile des Vortrags, des Stilbruchs und der Konsequenz dahinter. Dabei sollte jedoch keinesfalls unter den tönenden Tisch fallen, dass Proper. ein eigenes, gekonnt von Stil zu Stil hüpfendes Biest sind, dass Garlington ein grandioser Geschichtenerzähler ist, dass die ganze Band hier verdammt eindrucksvoll abliefert. „The Great American Novel“ hört sich tatsächlich wie ein großes Buch. Gerne lässt man sich fallen, wachrütteln, weint sich in den Schlaf, will rebellieren, kämpft mit Resignation und hofft auf die große, majestätische Auflösung. Allein der Bandname wird ironisch gebrochen, liest man Proper. als „angemessen“ – den Erwartungshaltungen entsprechend – oder gar „angepasst“. Erik Garlington und seine Bandmates jedoch sezieren ihr Land mit dem Fleischermesser und setzen sich an die Speerspitze einer kulturellen Revolution, die nichts Gutes an alteingesessenem, gottesfürchtigem und kanonenschwingendem Amerikanersein findet. Nicht nur auf die Südstaaten begrenzt, stehen Proper. damit im Sinne, Worte zu ihren Waffen zu machen, tatsächlich in der Tradition der großen Schriftsteller, die sie sich zum Vorbild genommen haben. „I’m the God of silent rage, I bite my tongue and cut my breath“: William Faulkner, Truman Capote, John Steinbeck, J. D. Salinger – und jetzt auch Proper.

Rock and Roll.

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Auf dem Radar: Pillow Queens


Obwohl sich die Stadt weitaus weniger im Fokus befindet als Metropolen wie London, New York oder Berlin, darf man bei genauerem Hinschauen unumwunden feststellen: Auch in der Kulturszene von Dublin tut sich einiges. So bilden etwa Straßenkünstler*innen, Modedesigner*innen, Musiker*innen und Filmemacher*innen in der irischen Hauptstadt eine Szene, die sich offen für Queerness und Randgruppen einsetzt, sich mit jungen Menschen auseinandersetzt und sie aktiviert, um auf die anhaltende Mental-Health- und Wohnungskrise der Stadt zu reagieren und sozialen Ungerechtigkeiten den Kampf anzusagen. Wer wissen möchte, wie all das vertont klingen mag, der sollen den Pillow Queens (s)ein Ohr leihen, die just heute ihr zweites Album „Leave The Light On“ veröffentlichen.

Dabei ist „das Licht an zu lassen“ nicht gerade eine Aktion, die man mit dem 2020 erschienenen Pillow Queens-Debüt-Langspieler „In Waiting“ in Verbindung gebracht hätte. Lieber wollte man diesen im abgedunkelten Kellerclub genießen, sich zwischen schwitzenden Körpern gen Bühne kämpfen, um gemeinsam mit dem irischen All-Female-Quartett die dringlichen Texte by heart mitzugrölen. Nicht ohne Grund avancierte der Erstling der Irinnen vor zwei Jahren zum Kritikerliebling und hatte mit „Gay Girls“ eine der Queer-Hymnen des Musikjahres in petto. Und obwohl die Pillow Queens für die Nachfolger-Platte erneut mit Produzent Tommy McLaughlin gearbeitet haben, ist dieses Mal einiges anders. Und – man mag es kaum glauben – sogar noch besser.

Wobei – alles ist nicht unbedingt anders. Was geblieben ist, sind die queerfeministischen Thematiken, die sich auf recht unterschiedliche Weise in den Songs wiederfinden. So gibt „Well Kept Wife“ einen Kommentar zum gesellschaftlichen Druck auf Frauen im Haushalt ab: „Tell me the house got dirty / Tell me the warmth escaped / Tell me the dinner’s not ready / I know the bed’s not made„. „No Good Woman“ widmet sich derweil der Business-Welt: „All of these men you’ve been working for, all of them treat you so well / They wine and they dine on your back so much / That they step on your neck as well“. Doch nicht nur nach außen, sondern auch ins Innere blickt die LGBTIQ-Band, denn auf der anderen Seite beschäftigen sich einige Stücke (wie etwa „Be By Your Side“) mit der mehr oder weniger gesunden Sehnsucht nach einem Gegenüber. Anderswo, in „Hearts & Minds“, widmet sich die Band dem Imposter-Syndrom, einem psychologischen Phänomen, unter dem vor allem Frauen leiden und bei welchem Selbstzweifel so stark sind, dass man die eigenen Fähigkeiten sowie Leistungen anhaltend unterschätzt und für geringfügig erachtet – die Angst, durch seine vermeintliche Unfähigkeit und die deshalb für sich verbuchte Hochstapelei aufzufliegen, ist für Betroffene allgegenwärtig. So weit, so gewohnt? Nun, vor allem die Art der Darbietung unterscheidet sich immens von bisherigen Pillow Queens’schen Releases…

Denn obwohl sowohl die ersten, seit 2016 veröffentlichten EPs als auch das von queren Themen durchzogene Debütalbum nicht wenig Zündstoff bereithielten (gerade für eine katholische Gesellschaft wie die irische), durfte man dennoch nicht unbedingt erwarten, dass sich Pamela „Pam“ Connolly, Sarah Corcoran, Rachel Lyons und Cathy McGuiness dieses Mal mit so vielen emotionalen Sujets beschäftigen würden. Wohl auch deshalb ist der Einfluss dieser – zumindest teilweisen – thematischen Abkehr auf den Sound unverkennbar: Statt prägnanter Gitarrenriffs und strammem Indie Rock bestechen Pillow Queens nun mit einem durchaus imposanten, komplexen Sound. So tönt „Hearts & Minds“ erhaben-folkloresk, während „Delivered“ mit repitititven Gitarren einen leeren Äther konstruiert, in dem sich die Stimmen der Musikerinnen verästeln. „Historian“ besticht in den Strophen durch eine Julien-Baker-meets-Dream-Pop-Version, nur um im Refrain plötzlich ein sengendes Riff in den Pott zu werfen. Überhaupt nehmen sich die zehn neuen Songs jedoch vor allem viel Zeit, neigen zum gepflegtem Storytelling und gönnen sich dafür auch die ein oder andere Leerstelle. Das kann mal reduziert klingen wie in „The Wedding Band“, mal hingegen nach warmer, in Breitbild-Format getauchter Harmonie wie in „My Body Moves“.

Was die vier Pillow Queens mit „Leave The Light On“ jedoch fraglos geschafft haben: Ihren eigenen Indie-Rock-Sound ins richtige Licht zu rücken, damit alle noch so kleinen Spielereien noch besser als zuvor zur Geltung kommen. So tönen die neuen Stücke zugleich voluminös und intim, sind getrieben von einer gelebten Überzeugung, die nicht selten auch mehrstimmig erklingen darf. Weiterentwicklung? Gelungen!

Rock and Roll.

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Song des Tages: Chiefland – „Disappearing Act / Introspection“


Spätestens seit ihrem 2019er Debütalbum „Wildflowers“, das von der Presse als „mitreißend bis zum bittersüßen Ende“ („VISIONS„) durchaus positiv betrachtet wurde, ist die Göttinger Band Chiefland ein fester Bestandteil der deutschen Post-Hardcore-Szene. Nach einer kreativen Schaffenspause im Corona-Jahr 2020 und zwei Mitgliederwechseln präsentierte das Quartett nun (s)eine neue Single: „Disappearing Act / Introspection“ schlägt zwar überraschend ruhige Töne an, macht thematisch jedoch genau da weiter, wo das Debüt der Band vor zwei Jahren aufhörte…

Die Lyrics handeln vom Zwiespalt zwischen Selbstbild und gesellschaftlichen Erwartungen. Nicht selten sind Menschen gezwungen, sich verstellen zu müssen, um diesen Erwartungen gerecht zu werden. „My demons are here“ heißt es in einer Zeile des Songs, die direkt auf die mentalen Herausforderungen anspielt, welche damit zusammenhängen.

Und: „Disappearing Act / Introspection“ erscheint nicht im luftleeren Raum, denn Chiefland haben durch popNDS kürzlich eine Förderung erhalten. Als Stipendiaten des Förderprogramms entwickelten sie die Kampagne #identityisfluid, welche auf die Vielfalt geschlechtlicher und sexueller Identitäten aufmerksam macht. Zum einen geschieht dies über Info-Slides auf den Social-Media-Kanälen der Band, zum anderen möchten die Vier aktiv einen Beitrag für die Community leisten. Gänzlich neu ist das kaum, Chiefland haben sich in der Vergangenheit bereits häufiger zu dem Thema geäußert: „Jede unserer Shows soll einen safe space bieten, in dem sich Menschen vollkommen ungeachtet ihrer Herkunft und sexuellen Orientierung frei, respektvoll und vorurteilsfrei begegnen können“, so Sänger Corwin Sandiford. „Unsere Szene-Bubble schreibt sich Inklusivität auf die Fahne, setzt diese aber noch zu selten um.“

Im Zuge der Kampagne bietet die Band außerdem dem queeren Berliner Tätowierer Sven Eigengrau eine Plattform: Es entstand ein gemeinsames Soli-Shirt, das ab dem 2. Juli über den Onlineshop von Uncle M verfügbar sein wird und bereits vorbestellt werden kann. Nur folgerichtig, dass man mit auch dieser Aktion etwas Gutes tun möchte: Chiefland spenden pro verkauftem Shirt 5 Euro an das Queere Zentrum Göttingen. „Wir hoffen, dass wir mit dem T-Shirt, den Infos auf unseren Socials und nicht zuletzt der Single Menschen für das Thema sensibilisieren können. Es sollte zur absoluten Normalität werden, mehr als zwei Geschlechter und eine Vielfalt an geschlechtlichen Identitäten zu akzeptieren und seine Privilegien zu nutzen, um die Communities zu unterstützen“, betont Justus Elbers, seines Zeichens Schlagzeuger von Chiefland. Bis in den Sommer 2021 hinein sammelt die Band mit dem T-Shirt Spenden. Darüber hinaus sind weitere Aktionen geplant, wie zum Beispiel die Verlosung eines Tattoo-Gutscheins. Gute Sache!

Rock and Roll.

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Song des Tages: Suggested Friends – „The Apocalypse (it’s just a day away)“


Ich weiß ja nicht wie’s bei euch so ausschaut, aber bei mir selbst laufen beim Hören neuer Musik nicht selten assoziative Bilder vorm inneren Auge ab. Die Songs von Suggested Friends etwa tönen, als hätten Belle & Sebastian sich mit (den frühen) Tegan & Sara auf ein Tässchen Tee getroffen, dabei alte Mike Oldfield-Platten gehört und daraufhin – eventuell wurde dem Heißgetränk ja ein kleiner Schuss Starkalkoholisches beigemischt, dann wär’s eine waschechte Schnapsidee – beschlossen, gemeinsam Musik zu machen. Manch anderer mag auch vermuten, dass hier das kreative Kaffeepulver angesagter Künstlerrinnen von Phoebe Bridgers über Lucy Dacus bis hin zu Anna Burch in gekonnter Barista-Manier durch einen feinen Riot-Grrrl-Filter gelaufen sein mag… Geht’s zu weit? Nevermind.

Die vierköpfige Band aus London verbindet auf ihrem zweiten, bereits im Oktober 2019 erschienenen Album „Turtle Taxi“ old-schoolig schrammeligen Indie Rock mit zuckersüßem, (im besten Sinne) klebrigem Indie Pop. Obendrein kann Sängerin Faith stimmlich so einige Höhen und Tiefen abdecken und singt gern mehrstimmig-melodieselig mit den restlichen Bandmitgliedern um die Wette. Klar, das mag im Gegensatz zu den teils schroffen, krachig-punkigen Gitarren (von denen das 2017er Debüt noch einige mehr zu bieten hatte) an mancher Stelle ein wenig gewöhnungsbedürftig daher poltern. Dennoch bilden kleine, verspielte Ums-Eck-Hits wie „Pretty Soon Your Grave Will Be A Landfill“ (was für ein Titel!) oder das Titelstück „Turtle Taxi“ (ja, es laufen Schildkröten durch das schräg-sympathische DIY-Video, im Musikvideo zu „For Jokes“ gibt’s sogar Katzen!) einen interessanten Kontrast zum fast schon kitschigen „Blooms“.

Dieser Kontrast ist es unterm Strich auch, der dafür sorgt, dass „Turtle Taxi“ nicht das 23. hübsche Indie-Album aus der an hübschen Indie-Alben ohnehin nicht armen UK-Musik-Szene ist, sondern tatsächlich das Potential dazu besitzt, sich in den Gehörgängen festzusetzen. Das und das Händchen der Band, einfühlsam-persönliche Texte über (queere) Beziehungen, Kapitalismus, Politik, Traumabewältigung und die banalen Absurditäten des Tagtäglichen zu schreiben. Denn immerhin geben die vier Indie-Musiker*innen von Suggested Friends gern Auskunft über ihre queeren Identitäten, ohne allzu lang um den heißen Gender-Brei herum zu tänzeln – das deutet bereits die Beschreibung ihrer Band auf Facebook an: „small choir of mostly lesbians“. Freunde der Muncie Girls oder The Beths sollten hier in jedem Fall das ein oder andere Ohr riskieren!

Rock and Roll.

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Song des Tages: Adult Mom – „Sober“


Foto: Promo / Daniel Dorsa

Stevie Knipe meldet sich mit ihrem DIY-Soloprojekt Adult Mom zurück und wird in wenigen Tagen „Driver„, ihr erstes neues Album seit der Trennung von ihrem mittlerweile auf Eis liegendem Label Tiny Engines und den Nachfolger zum 2017er Werk „Soft Spots„, veröffentlichen. Mit der Auskopplung „Sober“, welches ebenso wie die bereits im Februar 2020 erschienene Single „Berlin“ auf dem neuen, dritten Album zu hören sein wird, kann man sich bereits jetzt einen ersten Eindruck von den neuen Songs des Indie-Pop-Projekts aus Purchase, New York machen.

Passenderweise konzentriert sich auch „Sober“ auf die Nachwirkungen einer zerbrochenen Beziehung, wobei Knipes Erzählerin sich von jemandem entfernt, den sie schlicht nicht mehr liebt. Ihr Keyboard und ein Drum-Machine-Beat geben zunächst den Ton an, während Knipe die Situation mit unerschrockener Ehrlichkeit und einer Prise schwarzem Humor einschätzt: „The only thing that I’ve done / This month is drink beer and / Masturbate, and ignore / Phone calls from you / What else am I supposed to do?“. Treibende Indie-Rock-Gitarren treten darauf den Song vorwärts, bis Knipe schließlich einen letzten Schlussstrich zieht: „Now I don’t even think of you / When I am sober“. Das Musikvideo zu „Sober“, bei dem Maddie Brewer Regie führte und das von Noah Gallagher animiert wurde, zeigt in ruhigen, lebendigen Bildern, wie jemand schmerzhafte Erinnerungen und ungesunde Trinkgewohnheiten hinter sich lässt und sich auf eine Reise der Selbstfindung begibt, die sich langsam aber sicher in etwas ziemlich Surreales verwandelt. Und passend findet auch musikalisch eine Reise statt: das Stück beginnt als reduzierter Bedroom Pop und wandelt sich dann zum angenehmen Power-Pop-Understatement.

Knipe hat „Driver“ zusammen mit Kyle Pulley (Shamir, Diet Cig, Kississippi) co-produziert, während befreundete Künstler wie Olivia Battell und Allegra Eidinger bei der Arbeit an den zehn Stücken halfen. Das Album, welches „den Soundtrack zu jener queeren Liebeskomödie liefert, von der sie seit 2015 träumte“, wie es in einer Pressemitteilung heißt, folgt auf das 2015er Debüt „Momentary Lapse Of Happily„, das gut drei Jahre zurückliegende Zweitwerk „Soft Spots“ sowie einige EPs, die Stevie Knipe zwischen 2012 und 2014 veröffentlichte. „Driver“, das auf Epitaph erscheint, wird außerdem die erste Langspieler-Veröffentlichung von Adult Mom auf einem anderen Label als Tiny Engines sein, das zusammenbrach, nachdem Stevie Knipe und eine Reihe anderer Unterzeichner*innen die Label-Macher im Jahr 2019 beschuldigten, unter anderem Zahlungen an die unter Vertrag stehenden Künstler*innen zurückzuhalten. Nun wagt Stevie „Adult Mom“ Knipe einen Neustart, und dieses Mal sitzt sie am Steuer.

Rock and Roll.

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Song des Tages: Evangeline Gentle – „Ordinary People“ (Live Session)


Foto: Promo / Samantha Moss

Wer hier beim Hören des Debütalbums von Evangeline Gentle an Nashville denkt, könnte freilich mit Leichtigkeit goldrichtig liegen – tut’s jedoch nicht, denn die junge Frau hat ihre Hausschuhe in Peterborough, Ontario, gut 1.350 Kilometer weiter nördlich vom traditionellen Country-Mekka in Tennessee, stehen…

Obendrein stammt die Familie der in Schottland geborenen Singer/Songwriterin von der anderen Seite des Atlantiks und zog nach Kanada, als Gentle elf Jahre jung war. Und irgendwas – waren’s kreative Vitamine? – muss sie recht früh in ihr Müsli bekommen haben, schließlich entdeckte sie schnell ihr Faible fürs Musikalische, gewann bereits im zarten Alter von 18 Jahren die ein oder andere Auszeichnung. Und lieferte im vergangenen September ihren selbstbetitelten Debütlangspieler, welcher der im Mai 2020 veröffentlichten Acapella-EP „You And I“ die passenden Töne hinzufügt. Was verwundert: Die zehn von Jim Bryson produzierten Stücke, an denen Gentle ganze drei Jahre feilte, klingen so gar nicht nach einem Debüt, tönen ebenso sicher wie ausgereift, sind durchdrungen von der Art lyrischer Klarheit und Songwriting-Fertigkeit, der nicht wenige Künstler*innen eine ganze lebenslange Karriere lang hinterher jagen.

Schon der Opener „Drop My Name“ wird gesteuert von Evangeline Gentles durchdringendem, vibrato-lästigem Gesang, mit einer gefühligen Lebensweisheit, die Nina Persson von den Cardigans wohl nicht unähnlich ist. Noch eine Referenz? Na gern doch: Das darauf folgende, noch emotionalere „Ordinary People“ mag manch eine(n) schnell an Größen wie Patty Griffin (in ihren besten Momenten) erinnern. Abgesehen davon, dass das Stück mit einer der mutmaßlich besten Banjo-Lines des vergangenen Musikjahres aufwartet, wirft es mit zwei bestimmten Zeilen Licht auf Gentles zwar realistische, aber dennoch positive philosophische Einstellung zum Leben: „It’s brave to be hopeful in this world / It’s brave to be kind“. Mehr sogar – ebenjene Worte leiten das ein, was das Hauptthema dieses Albums zu sein scheint: die Liebe als Zufluchtsort vor dem manches Mal harten Alltag, das zwischenmenschliche Gefühlshoch als Erlösung. Klar, das könnten nicht wenige mit einem dezenten Rosamunde-Pilcher-Trauma leicht als naiven Idealismus abtun, aber diesen Songs – und den Texten im Besonderen – wohnt einfach eine entwaffnende Einfachheit inne, die zwar das ein oder andere Detail schnell überhören lässt, andererseits aber auch jede größere Krittelei überflüssig macht. Und je weiter man in diese kissenweiche Platte eintaucht, desto vergeblicher ist der Widerstand gegen dieses recht altmodische, aber irgendwie auch zeitlose romantische Gefühlsanzug dieser 23 Jahre jungen Künstlerin, die bereits als mit ihrer offen queeren, gender-fluiden Lebenseinstellung bereits mancherorts als „neue Szene-Galionsfigur“ gefeiert wird.

Apropos: Die berauschende Unbekümmertheit einer Liebesaffäre, deren Schmetterlinge just flattern gelernt haben, wird in „Sundays“ schlicht und ergreifend wunderbar skizziert (während das feine Musikvideo bewusst queere Fußnoten setzt), tadellos arrangiert um Gentles besondere Stimme, die es sich inmitten eines sacht pumpenden E-Basses, zurückhaltenden Gitarren und eines gekonnt verzerrten Keyboard-Sounds gemütlich macht. Eine weitere tolle Zeile: „Lust is almost always never love“ – zu hören im Zeigefinger-Märchen „Even If„, das massig Retro-Soul-Gefühl ausstrahlt (man denke an Duffy mit etwas weniger Drama), bevor der Hörer in der Albummitte und beim durch einen ganz ähnlichen Vintage-Touch gekennzeichneten „So It Goes“ ankommt – und vor dem inneren Auge Carole King am Lagerfeuer ausmacht.

Das Klassisch-Balladeske erreicht seinen Höhepunkt mit „The Strongest People Have Tender Hearts„, welches wiederum Gentles flammendstes Plädoyer für spirituelles Wachstum gegenüber oberflächlichem Momentum ist: „We’re searching in change-room stalls of fast fashion stores and malls / Just to pay the wage of a billionaire, somewhere”. Die grüblerische Poppigkeit von „Long Time Love“ und der flotte Anschlag von „Neither Of Us“ verblassen da freilich etwas im Schatten dieses Stücks, bevor das bedauernde „Digging My Grave“ die Dinge wieder in die richtige Bahn lenkt. Der spärlich ausstaffierte, klagende Schlusssong „Good And Guided“ destilliert das Motiv des Strebens nach Gnade und Frieden – Johnny Cash, can you hear me? – weiter, ohne dass es groß wie eine Wiederholung der Wiederholung klingt.

Obwohl Evangeline Gentles Debütalbum ganz und gar keine großen, allzu lauten Töne spuckt (und deshalb auch – im besten Sinne – als Hintergrundmusik herhalten kann), steckt das Werk voller Leben. Und wird von einer Stimme geleitet, die wohl auch das sturste, zynischste Herz zu rühren vermag. Wenn man denn unbedingt an etwas herumkritteln mag, so eventuell daran, dass sich die zwischen Indie Folk, Alt.Country und Americana pendelnde Singer/Songwriterin stilistisch nie so ganz festlegen mag. Natürlich wäre es nur allzu einfach gewesen, diese Songs in ein handgesteiftes, kommerziell aufgemotztes Americana-Kleid zu stecken oder sie fürs Formatradio mit modernen Beats zu überziehen – der bewusste Widerstand gegen strikte Genres lässt Gentle manchmal etwas ziellos, etwas unentschlossen tönen. Das mag künstlerisch befreiend wirken, schränkt jedoch – ja, so kann man’s sehen – den Grundcharakter dieser ansonsten recht überzeugenden Songsammlung ein. Natürlich könnte man nun argumentieren, dass Evangeline Gentles einzigartige Stimme bereits genug Charakter besitzt – und am Ende hätte man wahrscheinlich recht. Unterm Strich ist das hier ein formidabler Start in eine Musikkarriere, die eventuell noch den ein oberen anderen Ton gewordenen Herzenswärmer bereit hält…

„I’ve been, I’ve been running on empty
Headline after headline draining me
Oh the ugly things ordinary people
Do for more money

It’s brave to be hopeful in this world
It’s brave to be kind

Just when I think I’ve had enough
Your love is a little bit of sweetness
Life softens at your touch
Life softens when we touch

I’ve been feeling afraid and lonely
But I don’t ever want fear to own me
I want an open heart
Capable of loving fearlessly

It’s brave to be hopeful in this world
It’s brave to be kind

Just when I think I’ve had enough
Your love is a little bit of sweetness
Life softens at your touch
Life softens when we touch

When life gets us low
Our love softens each blow and I know
You see who I am at the core
In ways few have before and even though

It’s brave to be hopeful in this world
It’s brave to be kind

Just when I think I’ve had enough
Your love is a little bit of sweetness
Life softens at your touch
Life softens when we touch“

Rock and Roll.

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